Nach seiner vielfach preisgekrönten Einspielung sämtlicher Klavier- sonaten von Ludwig van Beethoven bei ECM hat sich András Schiff nun erneut bedeutenden Werken des Komponisten zugewandt: Er spielt die Diabelli-Variationen – gleich zweimal, ergänzt um seine letzten Klaviersonate op. 111 bzw. um die späten Bagatellen op. 126, auf zwei grundverschiedenen Instrumenten. „Der Bechstein-Flügel von 1921 repräsentiert eine längst vergessene Welt. Wilhelm Backhaus hat ihn oft gespielt und mit ihm Aufnahmen gemacht“, erläutert der Pianist seine Entscheidung. „Und es sei daran erinnert, dass Bechstein Arthur Schnabels bevorzugte Marke gewesen ist. Schnabels Klavierton – gerade bei Beethoven und Schubert – war immer mein Vorbild. Der Bechstein-Flügel hilft mir, diesem Ideal näherzu- kommen.“ Und mit dem Hammerflügel des Wiener Klavierbauers Franz Brodmann „sind wir direkt an der Quelle“, begeistert sich Schiff. „Wien im Jahr 1820: Das sind Ort und Zeit der Komposition. Dieses Instrument hier ist ein Original, keine moderne Kopie, und es ist in perfektem Zustand. An ihm klingt die Musik frischer, kühner und unendlich viel zarter.“
Bei diesem Hammerklavier unterscheiden sich die Register klanglich deutlich. Und die tiefere Stimmung – auf 430 statt 442 oder mehr Hertz – „klingt für die Ohren viel angenehmer und obertonreicher“, schwärmt der Pianist. „Die Dynamik wirkt differenzierter: Während die Lautstärke wesentlich zurückgenommen wird, gelingen die leisen und leisesten Passagen mit Hilfe der Verschiebung und des Moderators magisch und geheimnisvoll.“ Das Instrument gibt durch das Verklingen des Tones dem Pianisten eine Orientierung bei der Wahl der die Tempi. Schiff zeigt zudem mit seiner sorgsam an der Handschrift ausgerichteten Interpretation exemplarisch, welch enorme Bedeutung Beethovens Anweisungen zum Pedalgebrauch haben. „Sie zu ignorieren, ist Ausdruck höchster Arroganz, eine Verfälschung der Musik“, kritisiert der Pianist. Und wenn man sie beachtet, dann ergibt sich klanglich tatsächlich ein Unterschied.
Es sind ohnehin faszinierende Klangwelten, die Schiff hier vorstellt. Der historische Hammerflügel beeindruckt mit seinem unendlichen Farben- reichtum. Der Bechstein hingegen klingt sehr ausgeglichen, warm und sanft. Schiff stellt sich jeweils auf die Eigenheiten des Instrumentes ein; so unterscheiden sich die beiden Aufnahmen mitunter doch erstaunlich. Ich würde freilich keiner von beiden den Vorzug geben wollen, beide Varianten möchte man gleichermaßen immer wieder hören. Ob das Fans des Einheits-Steinways auch so empfinden werden, das darf bezweifelt werden. Aber einen Hörversuch sollte man in jedem Falle starten – es lohnt sich!
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Montag, 23. Februar 2015
Sonntag, 22. September 2013
Beethoven: Bagatelles; Osborne (Hyperion)
Kleine Klavierstücke – „Bagatellen oder Kleinigkeiten“, wie er sie nannte – komponierte Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) sein Leben lang. Er sammelte sie in einer Mappe, und publizierte sie, wie es ihm günstig erschien. So schickte er 1823 einige dieser Stücke an seinen ehemaligen Schüler Ferdinand Ries, der in London lebte, verbunden mit der klaren Weisung: „verschachern sie selbe so gut sie können“.
Bei allem Pragmatismus -in diesen kurzen Stücken steckt dennoch der ganze Beethoven. „Ein flüchtiger Blick zeigt uns elf Musikstücke von geringem Umfang; aber in ihren magischen Kreis ist Unendliches gebannt!“, schwärmte seinerzeit der Rezensent der Berliner Allgemeinen musikalischen Zeitung über die Bagatellen op. 119. „Es sind wenig musikalische Worte, aber es ist viel damit gesagt, und dieß wird jeder Eingeweihte willig glauben; denn ist Beethoven nicht überhaupt ein musikalischer Aeschylus an energischer Kürze? Uns dünken diese elf Bagatellen wahre Lebens- bildchen zu sein.“ Steven Osborne hat diese Werke sehr hörenswert für Hyperion eingespielt. Seine Interpretation ist klar strukturiert; man kann hier vieles hören, was normalerweise als Mittelstimme im Irgendwo verschwimmt. Kurz: Wer Für Elise frei von Kitsch hören möchte, der sollte zu dieser CD greifen.
Bei allem Pragmatismus -in diesen kurzen Stücken steckt dennoch der ganze Beethoven. „Ein flüchtiger Blick zeigt uns elf Musikstücke von geringem Umfang; aber in ihren magischen Kreis ist Unendliches gebannt!“, schwärmte seinerzeit der Rezensent der Berliner Allgemeinen musikalischen Zeitung über die Bagatellen op. 119. „Es sind wenig musikalische Worte, aber es ist viel damit gesagt, und dieß wird jeder Eingeweihte willig glauben; denn ist Beethoven nicht überhaupt ein musikalischer Aeschylus an energischer Kürze? Uns dünken diese elf Bagatellen wahre Lebens- bildchen zu sein.“ Steven Osborne hat diese Werke sehr hörenswert für Hyperion eingespielt. Seine Interpretation ist klar strukturiert; man kann hier vieles hören, was normalerweise als Mittelstimme im Irgendwo verschwimmt. Kurz: Wer Für Elise frei von Kitsch hören möchte, der sollte zu dieser CD greifen.
Montag, 15. August 2011
Beethoven: Complete Works for Solo Piano - Volume 10; Brautigam (BIS)
Große Geister erkennt man daran, wie sie mit Kleinigkeiten umgehen. Ludwig van Beethoven beispiels- weise hat eine ganz enorme Schar sogenannter Bagatellen kompo- niert - kleine Stücke, die oftmals als eine Art klingendes Souvenir für Freunde und Bekannte bestimmt waren. Mitunter erscheinen sie aber auch wie musikalische Rätsel, die ein technisches Problem aufzeigten, und es anschließend lösten. Gerade solche Miniaturen sprühen oft von Geist und Witz. Doch auch etliche jener Sätze, die der Komponist ursprünglich als Bestandteile von Sonaten geschrieben und dann verworfen hat, werden dieser Werkgruppe zugerechnet. Sie alle finden sich auf dieser CD wieder, denn Ronald Brautigam hat hier im Rahmen seiner Gesamteinspielung von Beethovens Klavierwerk sämtliche Bagatellen zusammengefasst.
Der niederländische Pianist spielt die zumeist kurzen Stücke mit der- selben Sorgfalt, die er auch Beethovens Klaviersonaten angedeihen lässt. Das bekommt den Miniaturen ausgezeichnet, denn es gibt ihnen das Gewicht zurück, das sie als Werke eines Titanen haben. Wer bei- spielsweise Für Elise einmal völlig unverkitscht hören möchte - auf dieser CD wird das Stück ernstgenommen, und so klingt es dann auch etwas anders als gewohnt.
Dieser Effekt wird noch unterstützt durch die beiden Instrumente, die Brautigam einsetzt. Dabei handelt es sich um zwei Nachbauten histo- rischer Hammerflügel, die in der Werkstatt von Paul McNulty ent- standen sind. Das eine Fortepiano ist die Kopie eines Instrumentes von Anton Walter & Sohn, um 1805. Der k. k. Kammerorgelbauer und Instrumentenmacher gehörte zu den berühmten Klavierbauern zur Zeit der Wiener Klassik. Mozart schätzte seine Instrumente sehr, und auch Beethoven hat sie gespielt. Das andere entstand nach dem Fortepiano Graf opus 318, gebaut wahrscheinlich 1819, das sich auf einem Schloss in der Nähe von Pilsen befindet. Conrad Graf, k. k. Hofpiano und Claviermacher, hat nachweislich 1825 eines seiner Instrumente an Beethoven geliefert.
Mit ihrem Klang, der von dem des modernen Konzertflügels so gänz- lich verschieden ist, erleichtern sie den Versuch, die Bagatellen neu zu hören - nicht als kleine Stückchen für die Klavierstunde der Toch- ter aus besserem Hause, sondern als kurze Blicke in die Werkstatt eines bedeutenden Komponisten. Das macht diese CD ungemein spannend.
Der niederländische Pianist spielt die zumeist kurzen Stücke mit der- selben Sorgfalt, die er auch Beethovens Klaviersonaten angedeihen lässt. Das bekommt den Miniaturen ausgezeichnet, denn es gibt ihnen das Gewicht zurück, das sie als Werke eines Titanen haben. Wer bei- spielsweise Für Elise einmal völlig unverkitscht hören möchte - auf dieser CD wird das Stück ernstgenommen, und so klingt es dann auch etwas anders als gewohnt.
Dieser Effekt wird noch unterstützt durch die beiden Instrumente, die Brautigam einsetzt. Dabei handelt es sich um zwei Nachbauten histo- rischer Hammerflügel, die in der Werkstatt von Paul McNulty ent- standen sind. Das eine Fortepiano ist die Kopie eines Instrumentes von Anton Walter & Sohn, um 1805. Der k. k. Kammerorgelbauer und Instrumentenmacher gehörte zu den berühmten Klavierbauern zur Zeit der Wiener Klassik. Mozart schätzte seine Instrumente sehr, und auch Beethoven hat sie gespielt. Das andere entstand nach dem Fortepiano Graf opus 318, gebaut wahrscheinlich 1819, das sich auf einem Schloss in der Nähe von Pilsen befindet. Conrad Graf, k. k. Hofpiano und Claviermacher, hat nachweislich 1825 eines seiner Instrumente an Beethoven geliefert.
Mit ihrem Klang, der von dem des modernen Konzertflügels so gänz- lich verschieden ist, erleichtern sie den Versuch, die Bagatellen neu zu hören - nicht als kleine Stückchen für die Klavierstunde der Toch- ter aus besserem Hause, sondern als kurze Blicke in die Werkstatt eines bedeutenden Komponisten. Das macht diese CD ungemein spannend.
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