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Sonntag, 4. Juli 2021

Beethoven Unknown (Berlin Classics)


 Es ist immer wieder faszinierend, was geschehen kann, wenn große Künstler auf Entdeckungen aus sind, und sich abseits vom Standardrepertoire mit wenig bekannten Werken auseinandersetzen. So hat sich Matthias Kirschnereit zum Beethoven-Jubiläum nicht etwa die Hammerklaviersonate, sondern die Miniaturen des Komponisten auf das Notenpult gestellt. 

Das erweist sich als ein durchaus lohnendes Unterfangen, wie diese Aufnahme zeigt, die ich die Ehre habe, im 3.000 Notat in diesem Blog vorzustellen: „Es geht mir bei diesem Album darum, Werke von Beethoven, die vielfach nicht im allgemeinen Fokus stehen, in (hoffentlich!) neuem Glanze erscheinen zu lassen. Darunter auch Stücke, die nicht unbedingt zum Ziel haben, die Welt zu verändern“, schreibt der Pianist. „Ich bin kein Archäologe, der auf Dachböden stöbert oder in Bibliotheken und Archiven noch nicht Veröffentlichtes sucht und findet. Alles ist längst verlegt; das habe ich durch meine intensive Zusammenarbeit mit dem Henle-Verlag und der Wiener Urtext Edition bestätigt gefunden. Dann habe ich mich an die Zusammenstellung gemacht – und kam aus dem Staunen nicht heraus.“ 

Denn auch kleine Stücke können Meisterwerke sein. Kirschnereit interpretiert sie mit Sorgfalt, und er zeigt so, wieviel Poesie in ihnen steckt. Die Anmerkungen machen deutlich, dass in diesen kurzen Stücken auch sehr viel privater Beethoven aufzufinden ist. Hochspannend! Ich finde, dies ist eine der schönsten Einspielungen zum Beethovenjahr. 


Montag, 28. Juni 2021

Avi Avital - Art of the Mandolin (Deutsche Grammophon)


 Manchmal sind die Wege des Lebens seltsam verschlungen, aber gerade dann führen sie oftmals zum Ziel. Eine solche Geschichte berichtet Avi Avital im Beiheft seines aktuellen Albums. Sie hat mich sehr beeindruckt, weil sie zeigt, welch faszinierende Wirkungen der Zufall haben kann. 

Ein solcher Zufall nämlich war es, dass der Geiger Simcha Nathanson nach seiner Übersiedelung aus der Sowjetunion in seiner neuen Heimat Beer Sheva im Keller der Musikschule einige Mandolinen fand. Als Geigenlehrer wurde er dort nicht gebraucht. Aber dem begnadeten Pädagogen gelang es, ein exzellentes Jugend-Mandolinenorchester aufzubauen. Dort musizierte in jungen Jahren auch Avi Avital,. Und weil die Mandoline wie eine Violine gestimmt ist, gab es auch keine Probleme, geeignete Literatur zu finden: Nathanson legte seinen Schülern einfach Geigenmusik aufs Pult. 

Da die Mandoline zwar populär ist, aber in der Klassikwelt eher nicht so verbreitet, hat Avital im Konzert jahrelang vor allem Arrangements gespielt. Für diese CD aber hat der Mandolinenvirtuose nun erstmals ein Programm zusammengestellt, das ausschließlich aus Originalkompositionen besteht. Es reicht von Antonia Vivaldis höchst reizvollem Konzert für zwei Mandolinen, Streicher und Basso continuo RV 532 über die Sonata a tre für Mandoline, Gitarre und Cembalo von Paul Ben-Haim (1897 bis 1984) bis zu einem Prelude for Solo Mandolin von Giovanni Sollima (*1962). 

Zu hören sind zudem das Adagio ma non troppo in Es-Dur für Mandoline und Harfe von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827), Death is a Friend of Ours von David Bruce (*1970), die Sonate für Mandoline und Basso sontinuo K 89 von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757) und Carillon, Récitatif, Masque für Mandoline, Gitarre und Harfe von Hans Werner Henze (1926 bis 2012). 

„I have created this album to paint a portait of the mandolin as I have never done before“, berichtet Avi Avital im Beiheft. „To tell a story – an unfinished story – of an instrument at once familiar and unknown.“ Im Zusammenspiel mit dem Venice Baroque Orchestra sowie Alon Sariel, Mandoline, Anneleen Lenaerts, Harfe, Sean Shibe, Gitarre, Yizhar Karshon, Cembalo, Patrick Sepec, Violoncello und Ophira Zakai, Theorbe, zeigt der Musiker, dass die Mandoline kein Kuriosum ist, sondern ein interessantes Instrument, das mit seinem charakteristischen Klang eine ganz besondere Farbe einbringt. Das Album vermag zu überzeugen, bravi! 


Samstag, 15. Mai 2021

Piano Lessons - Christoph Eschenbach (Deutsche Grammophon)


 Einen großen Musiker erkennt man oft daran, dass er auch scheinbar simple Stücke mit derselben Sorgfalt spielt wie die Virtuosenliteratur. Ein Beispiel dafür bietet diese faszinierende Box, in der auf 16 CD so ziemlich alles zu hören ist, was ein Klavierschüler üblicherweise im Unterricht übt. 

Die Box enthält zahlreiche Klassiker der Klavierpädagogik, von Ferdinand Beyers Vorschule im Klavierspiel über Johann Sebastian Bachs Inventionen, Wolfgang Amadeus Mozarts Sonata facile bis hin zu Ludwig van Beethovens berühmter Mondscheinsonate oder den Liedern ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy. 

Burgmüller, Czerny, Clementi, Diabelli – Christoph Eschenbach zeigt mit seinen Interpretationen, dass selbst Etüden und Sonatinen sehr viel Spaß machen können. Der Pianist, heute Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters, hat diese Kollektion Mitte der 1970er Jahre eingespielt. Sie war bisher aber nur als Japan-Import erhältlich. 

Umso mehr freut man sich darüber, dass diese liebevollen Interpretationen nun für jedermann verfügbar sind. Die Sammlung bietet Musikfreunden fast 17 Stunden Hörvergnügen, und allen Klavierschülern vielfältige Anregungen – denn sämtliche Noten sind über die bekannte Noten-App Tomplay Sheet Music zugänglich, und als Bonus liegt der Box ein Zugangscode bei. Super! 


Dienstag, 5. Januar 2021

Beethoven: Missa Solemnis (Orfeo)

 


Eine „geistliche Sinfonie“ nannte der Dirigent Paul Bekker seinerzeit Ludwig van Beethovens Missa Solemnis. Der Komponist begann mit der Arbeit daran spontan im Jahre 1819 nach der Ernennung des Erzherzogs Rudolph, jüngster Bruder von Kaiser Franz I. von Österreich, zum Bischof von Olmütz. Eigentlich wollte Beethoven dieses Werk seinem prominenten Schüler zur Amtseinführung am 19. März 1820 zueignen – doch letztendlich erwies sich die Komposition als eine Herausforderung; die Uraufführung der Missa Solemnis erfolgte erst 1824 bei einem Benefizkonzert der Philharmonischen Gesellschaft St. Petersburg. 

Zu hören ist Beethovens Missa Solemnis heutzutage selten. Das liegt möglicherweise mit daran, dass er die Solisten nicht mit Arien, sondern im Quartett, quasi als zweiten Chor, und oft im Dialog mit dem „großen“ Chor, auftreten lässt – was ganz sicher einigen Probenaufwand mit sich bringt. Zum anderen dürfte Beethovens ganz persönliches Ringen mit dem Glauben, das sich in dieser Musik ausdrückt, derzeit vielen Menschen vollkommen egal sein. 

Was sich nicht beim ersten Anhören erschließt, das erzeugt bei der Generation Wisch-und-weg wahrscheinlich nur noch ein Schulterzucken. Schade darum, wie diese großartige Einspielung mit dem Wiener Singverein und dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien mit Michael Gielen am Pult beweist. 


Donnerstag, 31. Dezember 2020

Beethoven: Complete Symphonies (Naxos)


 Kurz vor dem Jahresende möchte ich unbedingt noch auf eine faszinierende Aufnahme sämtlicher Sinfonien von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) hinweisen, mit dem das Label Naxos den Jubilar aufs Würdigste geehrt hat. Eingespielt wurde sie von Ádám Fischer mit dem Dänischen Kammerorchester. 

Der Dirigent baut damit auf zwei anderen Großprojekten auf: In den Jahren 1987 bis 2001 erarbeitete er mit der Österreichisch-Ungarischen Haydn-Philharmonie alle 104 Sinfonien von Joseph Haydn, und ab 2006 wandte er sich dann mit dem Dänischen Kammerorchester den Sinfonien Wolfgang Amadeus Mozarts zu. 

Das Dänische Kammerorchester freilich hieß damals noch Nationales Kammerorchester Dänemarks, und war ein Ensemble des dänischen Rundfunks. Allerdings setzte sich 2014 die Kulturministerin des Landes über eine Empfehlung des Parlaments hinweg und ordnete die Auflösung des damals bereits seit 75 Jahre bestehenden Orchesters an. Dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne konnte dies jedoch verhindert werden: Seit 2015 ist der Klangkörper unabhängig, und trägt den Namen Dänisches Kammerorchester. 

Aus der Perspektive dieser beiden Aufnahmeprojekte heraus hat Ádám Fischer einen ganz besonderen Zugang zu Beethovens Sinfonien gefunden: Er ordnet diese Kompositionen in den musikhistorischen Kontext ein, und interpretiert sie aus diesem heraus. Erkennbar wird dabei, dass Beethoven mit den Konventionen seiner Zeit bestens vertraut war – und sich mit Wucht darüber hinwegsetzte, wo immer er sich dadurch eingeengt fühlte. 

Fischer arbeitet mit den Musikern des Dänischen Kammerorchesters Strukturen und Details gleichermaßen plastisch heraus. Es ist phänomenal, aber diese Musiker lassen uns mit ihrem virtuosen Spiel und ihrer präzisen Artikulation Beethovens Sinfonien vollkommen neu entdecken. Es ist, als hörte man diese Werke zu ersten Mal. 

So erweist sich beispielsweise Beethovens Achte, im Konzert eher selten zu hören, urplötzlich als Sinfonie von Format, hochinteressant. Und die Pastorale, derart lebendig vorgetragen, zeigt auf einmal, dass sie keineswegs nur ein Landidyll abbildet. Fischer macht auch die Naturgewalten hörbar – die Sturm-Szene beispielsweise lässt er bedrohlich brausen und toben; seine Interpretation fegt außerdem so manches Vorurteil hinweg. Der Heros wird wieder zum Komponisten; statt einer Gipsbüste, die nur noch zur Deko taugt, zeigt uns Fischer hier einen Menschen mit vielerlei Leidenschaften. 

Seine Beethoven-Einspielungen bieten statt Klangbrei und Pathos jede Menge Akzente und feinste Nuancen. Man hört Stimmverläufe, die bislang noch nie aufgefallen sind. Und auch die gewählten Tempi tragen zur Sogwirkung dieser Aufnahmen zweifelsohne mit bei. 

Fischer hat sich mit den umstrittenen Vorgaben des Komponisten intensiv auseinandergesetzt. „Zu meiner Studentenzeit glaubte man noch allgemein, dass Beethovens Metronom fehlerhaft sei, mit der Begründung, dass die Tempi zu schnell und unspielbar seien“, meint der Dirigent. „Ich glaube, dass weder ein unvorsichtiger Ansatz, der Beethovens Metronomangaben ignoriert, noch ein unerbittliches Festhalten an ihnen der Musik gerecht werden kann.“ 

Die Musiker des Dänischen Kammerorchesters haben keine Schwierigkeiten damit, Fischers Tempovorgaben zu folgen. Der Dirigent kann somit eine brillante, mitreißende Interpretation verwirklichen, die gerade durch die kammermusikalische Präzision eine beeindruckende Dynamik entfaltet. Chapeau! 

Dienstag, 6. Oktober 2020

Reflecting Beethoven - Herbert Schuch (Avi-Music)

 

„Zu viel Beethoven gibt es nicht!“, meint Herbert Schuch. Zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 legt der Pianist deshalb allen Musikfreunden ein Album auf den Gabentisch, das drei Klaviersonaten des Komponisten in den Mittelpunkt stellt. Schuch hat dafür die Pathétique op. 13 sowie die Sonaten op 31 Nr. 1 und 2 – letztere bekannt unter „Der Sturm“ – ausgewählt. Diese kombiniert er mit Miniaturen, die mit Beethovens Musik korrespondieren. 

So erklingen nach der Klaviersonate op. 13 – für Schuch „ganz große italienische Oper mit schwerer Einleitung, großem Drama, Streitgespräch zweier Personen beim Seitenthema, dem Mittelsatz als Belcanto-Arie und dem Finale als Abschiedsszene“ – die Pathétique Variations von Mike Garson, dem langjährigen Keyboarder David Bowies. Sie erscheinen wie eine improvisierte Reflektion des großen Vorbildes aus heutiger Perspektive – oder vielleicht sollte man besser sagen „Perspektiven“? Denn der Stilpluralismus unserer zeitgenössischen Musik erzeugt viele Facetten, die höchst unterschiedliche Klangbilder auslösen. 

Coup de dés en échos von Henri Pousseur hat Schuch Beethovens Klaviersonate Nr. 16 vorangestellt. Damit setzt er einen Kontrast, denn dieses Stück ist ein modernes, von Pousseur John Cage gewidmet. Die Sturm-Sonate wiederum beantwortet Schuch mit Leander Ruprechts Sonata d-Moll (2nd Version); er macht darin aus Musik wieder Geräusch. Das ist in diesem Fall sogar witzig.


Sonntag, 28. Juni 2020

Beethoven: Complete Symphonies; Blomstedt (Berlin Classics)

„Die DDR-Politik war mir nicht sympathisch. Aber das Orchester hat eine große Ausdauer gehabt“, berichtet Herbert Blomstedt. Es waren die Musiker, die den schwedischen Dirigenten schließlich überzeugten, Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle zu werden: Nach etlichen Jahren als „Gastchef“ war er dann in den Jahren 1975 bis 1985 an der Elbe musikalisch fest engagiert. 
Die Dresdner Jahre Herbert Blomstedts waren mit einer ganzen Reihe aufsehenerregender Einspielungen verbunden. So sorgten sowohl die Gesamteinspielung der Sinfonien von Franz Schubert als auch eine Einspielung der Urfassung des Fidelio, veröffentlicht 1977, auch im Westen für Furore. Große Resonanz gab es zudem für Aufnahmen sämtlicher Sinfonien Ludwig van Beethovens (1770 bis 1827), die Blomstedt mit der Staatskapelle in den Jahren 1975 bis 1980 einspielte. Aufgezeichnet wurden sie in der Dresdner Lukaskirche, die mit ihrer exzellenten Akustik zum transparenten Klangbild beitrug. 
Die Aufnahmen vermitteln Spannung und Stimmungen; Blomstedts Beethoven hält perfekt die Balance: Seine Werkauffassung neigt weder zu romantisierender Gefühligkeit noch zum penibel-knochentrockenen Beharren auf einer „historisch korrekten“ Lesart. So berühren diese Aufnahmen noch immer, und es ist schön, dass Berlin Classics sie zum Beethoven-Jubiläumsjahr in einer Fünf-CD-Box, remastert und liebevoll neu verpackt, wieder zugänglich macht. 

Sonntag, 22. März 2020

Beethoven: Christus am Ölberge (Naxos)

Das Beethoven-Jahr bringt so manche Überraschung. Die dritte Sinfonie, bekannt auch als Eroica, oder aber das dritte Klavierkonzert gehören zum Kanon der populären klassischen Werke. Das groß besetzte Oratorium Christus am Ölberge schrieb Ludwig van Beethoven ungefähr zur gleichen Zeit, doch es ist eine ausgesprochene Rarität – ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals eine Aufführung auch nur angekündigt gesehen zu haben. 
Das Werk führt uns direkt in jene schicksalhafte Nacht, in der Jesus die Häscher erwartete. Im Gebet bringt der Gottessohn seine Angst zum Ausdruck, und er ringt ein Rezitativ und eine Arie lang mit seinem Schicksal. Nicht minder dramatisch tritt anschließend der Seraph in Erscheinung, gefolgt von einer Schar Engel, der an Gottes Wort erinnert. Es folgt die Szene der Festnahme Jesu, mit derben Kriegern, Jüngern in Panik, einem sehr zornigen Petrus, schrecklichen Reimen („Wir haben ihn gesehen / nach diesem Berge gehen, / entfliehen kann er nicht, / ja, seiner wartet das Gericht.“) und einer Musik, die man durchaus auch in einer heroischen Oper erwarten würde. 
Bei Naxos ist Beethovens einziges Oratorium nun in einer exquisiten Aufnahme verfügbar. Eingespielt hat sie das Philharmonische Orchester aus dem finnischen Turku unter Leitung seines Chefdirigenten Leif Segerstam mit dem fabelhaften Chorus Cathedralis Aboensis, der ebenfalls in Turku ansässig ist. Solisten sind Hanna-Leena Haapamäki, Sopran/Seraph, Jussi Myllys, Tenor/Jesus und Niklas Spångberg, Bass/Peter. Komplettiert wird die CD durch den Elegischen Gesang op. 118. 

Freitag, 31. Januar 2020

The Young Beethoven (MDG)

 „Je ne peux pas me resoudre de travailler pour la flute, cet instrument étant trop borné et imparfait”, so schrieb Ludwig van Beethoven 1806 an den Edinburgher Verleger George Thomson, der ihn um leichte Stücke für das Instrument gebeten hatte. Dennoch brachte er in den Jahren 1818/19 einige Volksliedvariationen zu Papier, denn Kunst geht nach Brot – und Geld gab es dafür. In Beethovens Werk spielt die Flöte ansonsten kaum eine Rolle. Selbst in seiner Orchestermusik tritt sie kaum einmal wirklich solistisch in Erscheinung; typischerweise musiziert sie zusammen mit anderen Holzbläsern, oder aber sie wird zur Oktavierung der 1. Violine eingesetzt. 
Das hatte seinen Grund darin, dass die Traversflöte, seit Quantz‘ Tagen unverändert geblieben, für die modernen Orchester und Konzertsäle jener Zeit, die immer größer wurden, zu leise war und darüber hinaus klanglich unausgewogen. Erst nach der Weiterentwicklung des Instrumentes durch Theobald Böhm (1794 bis 1881), der diese Mängel beseitigte, wurde die Querflöte auch wieder ein attraktives Konzertinstrument. 
Doch zu Lebzeiten Ludwig van Beethovens (1770 bis 1827) wurde es in erster Linie von Liebhabern gespielt – auch einige seiner Freunde schätzten die Flöte. Und so komponierte Beethoven, vor seinem Abschied aus Bonn 1792, für den Notar Johann Martin Degenhart ein ebenso heiteres wie virtuoses Flötenduo. 
Helen Dabringhaus spielt dieses Werk gemeinsam mit ihrem einstigen Lehrer Vukan Milin, Soloflötist des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover. Und auch sonst fand sich in Beethovens Schaffen doch noch einiges an Flötenmusik, was durchaus Qualität hat, wie man beim Anhören dieser CD feststellen wird. Neben zwei Sonaten, die für eine Aufführung mit der Flöte von unbekannter Hand mehr oder minder stark bearbeitet wurden, erklingt insbesondere eine Serenade in D-Dur für Flöte, Viola und Violine, 1802 in Wien erschienen und im Jahr darauf in einer Bearbeitung für Flöte und Klavier noch einmal publiziert. Dieses gelungene Arrangement hat Beethoven zwar nicht selbst erstellt, aber doch „durchgesehen und stellenweise ganz verbessert“, wie er dann an den Verleger schrieb. So fand es dann als op. 42 auch Aufnahme ins Werkverzeichnis. 
Die Zugabe erklingt kurioserweise im Programm an zweiter Stelle; eher als ein Echo aus romantischer Zeit erscheint der einzelne langsame Satz aus Beethovens erstem Klavierkonzert in C-Dur op. 15, den Theobald Boehm einst effektvoll für Flöte und Klavier arrangiert hat.
Dabei musiziert Helen Dabringhaus im Duo FlautoPiano mit Fil Liotis. Die junge Flötistin spielt faszinierend; ihr Flötenton ist wunderbar rund, sehr präsent und wandlungsfähig. jede Phrasierung ist klug gewählt, und jede noch so feine Nuance mit Bedacht platziert. Auch ihr Klavierbegleiter ist exzellent – insgesamt erscheint diese CD, mit Blick auf den jungen Beethoven, als ein ebenso gelungener wie überraschender Auftakt zum Beethovenjahr 2020. Bravi! 

Sonntag, 22. Dezember 2019

Beethoven - Méhul (Rubicon)

Seit 2010 ist Christoph König Chefdirigent der Solistes Européens Luxembourg. Mit dem Orchester, das übrigens in diesem Jahr sein 30jähriges Bestehen feierte, hat er eine Reihe höchst interessanter Programme gestaltet. Zwei davon dokumentieren diese CD bei dem Label Rubicon. 
So erkundet König mit dem ersten Live-Mitschnitt, welchen Einfluss Musik aus der Zeit der Französischen Revolution auf das Schaffen Ludwig van Beethovens (1770 bis 1827) hatte (und wie wiederum Beethoven die französischen Komponisten jener Tage beeinflusste). Dafür kombiniert König die Sinfonie Nr. 1 in g-Moll von Étienne-Nicolas Méhul (1763 bis 1817) mit Beethovens Eroica. Diese 3. Sinfonie hatte der Komponist ursprünglich Napoleon gewidmet; er strich die Widmung allerdings, nachdem sich Bonaparte zum Kaiser gekrönt hatte. 
Eine weitere Aufnahme verknüpft Franz Schuberts letzte vollendete Sinfonie Nr. 8 in C-Dur, bekannt als „Die Große“ , mit Rendering, einem Werk, in dem Luciano Berio (1925 bis 2003) Entwürfe und Skizzen zu einer Sinfonie in D-Dur verarbeitete, die Schubert kurz vor seinem Tode niedergeschrieben hatte. 
Berio hat sie „restauriert“, wie heutzutage ein Fresko restauriert wird – behutsam, ehrfurchtsvoll, und gegebenenfalls mit Lücken, mit musikalischem „Zement“, der auch deutlich als solcher erkennbar ist. Die Skizzen sind faszinierend, weil sie zeigen, wie Schubert sich neue Klangwelten erschloss. Der Komponist studierte den Kontrapunkt, und er notierte polyphone Klänge – doch seine Musik wirkt ganz erstaunlich modern; manches klingt, als hätte es Gustav Mahler geschrieben. 
Man staunt, und man freut sich über all diese Entdeckungen. Es scheint fast, als leuchte König mit seinen Konzerten immer wieder ganz bewusst auch in die Abstellkammern der Musikgeschichte hinein. Es sind derer viele. Und man darf gespannt darauf sein, was die Solistes Européens Luxembourg dort in Zukunft noch aufspüren werden. 

Sonntag, 17. November 2019

Lieder an die Entfernte (Spektral)

„In die romantische Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, Freude und Traurigkeit, Sehnsucht und Liebe entführen“ soll diese CD, so Georg Poplutz und Hilko Dumno. Der Sänger hat dafür gemeinsam mit seinem langjährigen Klavierpartner ein Programm zusammengestellt, in dem zwei berühmte Liederzyklen von Ludwig van Beethoven und Robert Schumann – An die ferne Geliebte und Dichterliebe – mit eher weniger bekannten Liedern Franz Schuberts korrespondieren. Poplutz, im Lied- und Oratorienfach mittlerweile etabliert, beeindruckt einmal mehr durch seinen ausdrucksstarken Gesang. Auch Pianist Hilko Dumno musiziert ausgesprochen feinfühlig und nuancenreich. Ausgesprochen hörenswert! 

Mittwoch, 15. Mai 2019

Reiselust (Genuin)

Louis Spohr (1784 bis 1859) steht im Mittelpunkt dieser CD, die das Eldering Ensemble bei Genuin veröffentlicht hat. Der Violinvirtuose war seinerzeit viel unterwegs und hat dabei eine Menge erlebt. Aus Tagebüchern und Briefen können wir darüber etliches erfahren. So war er 1811 in Beethovens Wohnung bei einer Probe des sogenannten Geistertrios op. 70,1 zugegen. 
Felix Mendelssohn Bartholdy widmete Spohr 1845 sein c-Moll-Klaviertrio op. 66, mit den Choralthemen im vierten Satz; es scheint dem Geiger gefallen zu haben. Seine Frau jedenfalls lobt das Werk sehr, sie notierte zudem in ihrem Tagebuch, dass Spohr es 1846 gemeinsam mit dem Komponisten und dem Cellisten Johann Grabau in Leipzig gespielt hat. 
Die beiden leidenschaftlichen Trios, zwei der ganz großen Werke des Repertoires, komplettiert die heitere Reisesonate. In diesem Duetto für Pianoforte und Violine op. 96 schildert Spohr mit musikalischen Mitteln Eindrücke einer Reise nach Dresden und in die Sächsische Schweiz, die der Geiger 1836 gemeinsam mit seiner Frau Marianne und seiner Tochter Therese unternommen hat. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Man hört Hufschlag und Postillonsignale, und dann das Orgelspiel und die Gesänge in der katholischen Hofkirche. Auch das nahe Böhmen schickt einen musikalischen Gruß. Die Überschrift des ersten Satzes, Reiselust, steht als Motto auch über der CD. 
Simon Monger, Violine, und Sandra Urba, Piano, haben die Reisesonate hier erstmals nach der neuen Urtextausgabe eingespielt. Die jungen Solisten musizieren sehr engagiert; auch der Klaviertrio-Klang, mit Jeanette Gier am Violoncello, ist schlank, agil und lebendig. Das Eldering Ensemble ist ohne Zweifel eine exzellente Formation, die Freunde der Kammermusik im Blick behalten sollten – es lohnt sich! 

Sonntag, 3. Februar 2019

Herbert Kegel (Capriccio)

Den Dirigenten Herbert Kegel (1920 bis 1990) ehrt eine Sammelbox des Labels Capriccio. Er war ein Schüler von Karl Böhm, und wurde 1949 Chorleiter und Kapellmeister beim Sender Leipzig. 1953 wurde Kegel dann Chefdirigent des Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchesters. 
Mit „seinem“ Orchester widmete er sich vor allem der zeitgenössischen Musik. Er bereitete sich akribisch vor, und verlangte auch von den Musikern und Sängern Präzision. Seine Proben – sie konnten durchaus zehn Stunden und mehr dauern – sind eine Legende; für die Musizierenden waren sie sicherlich vor allem eine Tortur. Doch seine Aufnahmen zeigen, warum die Künstler diese Strapazen auf sich nahmen: „Oft hat man den Eindruck – selbst bei Stücken, die man schon viele Male gehört hat und daher zu kennen glaubt – als hätte man jahrelang durch eine Milchglasscheibe geblickt und Kegels Interpretation habe den Schmierfilm vom Glas entfernt, sodass man nun ganz neue Details wahrnimmt, die man so noch nie zuvor gehört hatte“, beschreibt Rainer Aschemeier in seinem Geleitwort diesen Effekt. Die Orff-Einspielungen Kegels beispielsweise sind Ereignisse, ebenso seine Interpretationen der Mahler-Sinfonien. 
1977 wurde Kegel Chefdirigent der Dresdner Philharmonie. Das war ein großer Fehler, denn seine Ausflüge in die Moderne waren bei dem konservativen Dresdner Publikum nicht willkommen. Im Elbtal wollte man die Klassiker hören – und so erklingt auch auf diesen acht CD in erster Linie Beethoven. Neben den neun Sinfonien erklingen das Tripelkonzert – mit Peter Rösel, Klavier, Christian Funke, Violine und Jürnjakob Timm, Violoncello – und die Chorfantasie. Dazu gibt es eine CD mit allerlei kurzen Stücken, von Gluck über Glinka bis hin zu Sibelius. Komplettiert wird die Box durch Kegels legendäre Aufnahme des Brahms-Requiems aus dem Jahre 1985. Hier dirigiert er noch einmal „seine“ Leipziger Klangkörper. 
Im gleichen Jahr wurde Kegel in den Ruhestand verabschiedet. Es war zunächst ein Unruhestand, mit zahlreichen Projekten. Doch während man ihn in Japan verehrte und schätzte, verlor Kegel in der Heimat immer mehr an Bedeutung. Zur Wendezeit war der Dirigent dann nur noch ein Rentner – und tief depressiv. Im November 1990 wählte er den Freitod, was damals wenig interessierte. Seine Aufnahmen aber werden nun schrittweise wieder zugänglich. Auch diese CD-Box zeigt, wie wertvoll Herbert Kegels Arbeit war. 

Montag, 7. Januar 2019

Fritz Wunderlich - Lieder (SWR Music)

Der SWR hat in seine Archive gegriffen, und in dieser 3-CD-Box zahlreiche Aufnahmen zusammen- gestellt, die Fritz Wunderlich als Liedersänger zeigen. So enthält die Kollektion jene legendäre Live-Aufnahme von Robert Schumanns Dichterliebe, aufgezeichnet auf den Schwetzinger Festspielen 1965, die das enorme Gestaltungsvermögen des Tenors in beeindruckender Weise dokumentiert. Dazu hat freilich auch sein Klavierbegleiter Hubert Giesen mit beigetragen, der eine Klasse für sich ist – und der mit Wunderlich intensiv zu arbeiten pflegte. So kamen jene feinen Nuancen zustande, die bis heute begeistern. 
Mit Hubert Giesen hat Fritz Wunderlich auch eine großartige Interpretation von Franz Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin eingespielt, und dazu einige weitere Lieder von Schubert und Ludwig van Beethoven. Außerdem finden sich in dieser Kollektion Lieder von Johannes Brahms, Hugo Wolf und Richard Strauss; am Klavier begleiten dabei Josef Müller-Mayen und Rolf Reinhardt den Sänger. Insgesamt bietet diese Edition einen Überblick über Wunderlichs Liedgesang, von den Anfängen bis kurz vor seinem viel zu frühen, tragischen Tod. Faszinierend! 

Freitag, 19. Oktober 2018

Beethoven Rarities (Klanglogo)

Diese CD überrascht mit Beethoven-Raritäten. Und das ist durchaus ernst gemeint – oder haben Sie schon einmal die Musik zu einem Ritter- ballett gehört, die der angehende Komponist im Winter 1790/91, noch in Bonn, zum Karneval für seinen Mäzen, den Grafen Waldstein, geschrieben hat? Im November 1792 reiste der junge Ludwig van Beethoven dann nach Wien, um seine Ausbildung dort fortzusetzen. 
Im Gepäck hatte er auch erste Skizzen zu einem Violinkonzert; die Arbeit daran hat er dann allerdings nicht weiter verfolgt. Erst 1806 komponierte er für den Konzertmeister Franz Clement ein Violinkonzert in D-Dur op. 61; auf Bitten des Musik- verlegers Muzio Clementi arbeitete er es später außerdem zu einem Klavierkonzert um. Claire Huangci, die den Solopart übernommen hat, musiziert brillant, wo das Klavier hervortritt, und ordnet sich ebenso mühelos in das Orchester ein, was dieses Konzert leider des Öfteren verlangt. Man findet es beinahe schade, weil die Pianistin so exquisit spielt. 
Doch auch das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder unter Leitung von Howard Griffiths kann sich durchaus hören lassen. Dieses Konzert mit seinem pfiffigen Konzept ist so gar nicht „Jottwedeh“; ein Programm wie dieses würde auch in eine Kulturmetropole durchaus gut passen. Zumal als drittes Stück die Schlacht-Sinfonie Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria erklingt, uraufgeführt im Jahre 1813 wenige Wochen nach der Völkerschlacht von Leipzig. Ganz großes Kino! 

Montag, 8. Oktober 2018

Benjamin Schmid (Oehms Classics)

Benjamin Schmid feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag – und Oehms Classics würdigte den Musiker mit einer 20-CD-Edition. Sie erweist sich als faszinierendes Porträt eines Geigers, der seine Virtuosität stets in den Dienst des Ausdrucks stellt. Selbst wenn er Virtuosenliteratur spielt, wird daraus niemals eine Zirkusnummer; Schmid beherrscht die Technik derart souverän, dass er sie nicht zur Schau stellen muss. 
Seine musikalischen Interessen sind weit gespannt. So finden sich in dieser Box Aufnahmen etlicher bedeutender Violinkonzerte, von Felix Mendelssohn Bartholdy bis zu Karol Szymanowski, von Johannes Brahms bis zu Karl Goldmark und von Antonio Vivaldi bis Erich Korngold. Auch das Violinkonzert von Peter Tschaikowski und die Romanze op. 11 von Antonín Dvořák sind zu hören. 
Die drei Violinsonaten op. 30 von Ludwig van Beethoven hat Benjamin Schmid gemeinsam mit Alfredo Perl eingespielt, und ausgewählte Sonaten für Klavier und Violine von Wolfgang Amadeus Mozart zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Ariane Haering. 
Zwei bislang unveröffentlichte Aufnahmen verweisen auf die Favoriten des Jubilars: My Favourite Paganini und Bach: Reflected. Große Bedeutung für den Violinisten haben insbesondere die Werke Johann Sebastian Bachs, die in der Box umfassend vertreten sind, wobei Schmid die Sonaten und Partiten für Violine solo durch die 6 Sonaten für Solovioline op. 27 von Eugène Ysaÿe kontrastiert. Außerdem schätzt Schmid die Musik von Niccolò Paganini, die er gern in den legendären Arrangements von Fritz Kreisler vorträgt. 
Kreislers Virtuosenstücke nimmt der Geiger auch als Anlass und Ausgangspunkt zu einem inspiriert beswingten Ausflug in Richtung Jazz. Auch Bach: Reflected zeigt, dass sich der Geiger in der Welt der Improvisation durchaus zu Hause fühlt. Und Hommage à Grappelli führt direkt in die Tradition der großen Vorbilder Stephane Grapelli und Django Reinhardt. Benjamin Schmid erweist sich auch im Reich der eher jazzigen Klänge als ein Souverän. Wir gratulieren! 

Freitag, 11. Mai 2018

Antonio Piricone - Fortepiano De Meglio 1826 (Ayros)

Eine ganz besonders gelungene Klaviermusik-CD hat Antonio Piricone bei Ayros Raritas veröffentlicht. Der italienische Pianist hat dafür ein Programm zusammengestellt, das eigentlich ziemlich unspektakulär wäre – wenn er es auf dem derzeit gebräuchlichen Standardinstrument eingespielt hätte. 
Er wählte dafür aber keinen Steinway D, sondern einen Hammerflügel nach Wiener Vorbild, den Carlo de Meglio im Jahre 1826 in Neapel angefertigt hat. Dieses Instrument wiederum hat Ugo Casiglia 2002 in Palermo sorgsam restauriert und exzellent spielbar gemacht. 
Und der Hammerflügel-Klang ist tatsächlich unbeschreiblich schön. Der de Meglio kann mit der Lautstärke moderner Konzertflügel nicht mithalten. Aber dafür bietet er in Piano unendlich viele Nuancen. Das gilt auch für den Klang des Fortepianos, der mit seinem verblüffenden Farbenreichtum eine sehr viel stärkere Differenziertheit ermöglicht. 
Piricone nutzt diese Stärken des historischen Instrumentes großartig. Die Einspielung lädt dazu ein, Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven völlig neu zu entdecken. Aber auch die Werke von Muzio Clementi (1752 bis 1832) und Giacomo Gotifredo Ferrari (1763 bis 1842) bieten so manche Überraschung. Hinreißend! Unbedingt anhören. 

Freitag, 15. September 2017

Aris Quartett - Beethoven (Genuin)

Als Anna Katharina Wildermuth, Noémi Zipperling (beide Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) sich im Jahre 2009 auf Initiative von Kammer- musikprofesssor Hubert Buchberger zum Quartett zusammenfanden, waren die vier Musiker noch Schüler. Dennoch studierten sie bereits als Jungstudenten an der Frankfurter Musikhochschule. 
Das Experiment gelang; heute ist das Aris Quartett ein überaus erfolg- reiches Ensemble, weltweit gefragt und mit vielerlei Musikpreisen ausgezeichnet. So gelang es den jungen Musikern, beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD 2016 in München gleich fünf (!) Preise zu gewinnen. 
Wie ausdrucksstark das Aris Quartett musiziert, das belegt auch diese CD mit den Beethoven-Streichquartetten Nr. 9 und Nr. 14. es sind zwei höchst unterschiedliche Werke, die hier ziemlich stürmisch interpretiert werden. Überwältigend! 

Sonntag, 3. September 2017

Mozart - Beethoven - Brahms: Violinsonaten (Eloquence)

Diese frühe Aufnahme mit Sir Georg Solti präsentiert ihn nicht als Dirigenten, sondern als Pianisten – gemeinsam mit dem Geiger Georg Kulenkampff. 
Im Februar 1947 spielten die beiden Musiker die G-Dur-Sonate op. 78 von Johannes Brahms ein, im Juni 1947 folgte Ludwig van Beethovens Kreutzer-Sonate. Im Juli 1948 folgten dann die Sonate für Klavier und Violine KV 454 von Wolfgang Amadeus Mozart, und die beiden Brahms-Violinsonaten op. 100 und 108. 
Leider endete die Zusammenarbeit damit, denn Kulenkampff starb noch im selben Jahr, mit gerade einmal 50 Jahren. Die alten Aufnahmen, sorgfältig remastert, sind nun bei Eloquence auf einer Doppel-CD wieder erschienen. Sie anzuhören, das lohnt sich durchaus. Denn zum einen kann man dabei einen hervorragenden Geiger erleben. 
Zum anderen begeistert Solti als ausgesprochen versierter Klavierpartner. Er begleitet diskret, aber nie defensiv. Der Pianist ist stets präsent, doch er musiziert auch in solistischen Passagen oder bei quasi orchestralem Klaviersatz elegant, in nobler Zurückhaltung. Sehr beeindruckend! 

Montag, 31. Juli 2017

Fuga Magna - Armida Quartett (Avi-Music)

Eine Reise durch die Geschichte der Fuge tritt das Armida Quartett auf dieser CD an. „Fugales, kontrapunk- tisches Denken und Komponieren ist die Königsdisziplin der europäischen Musik, seit diese um 1200 aus dem Schatten der nur mündlichen Überlieferung in die Schriftlichkeit der Mensural-Notation heraustrat“, erklärt Reinhard Goebel in seinem Begleittext zu dieser Einspielung, der beinahe so faszinierend ist wie die Aufnahme selbst. „Die Technik besteht im Wesentlichen darin, durch Imitation der Intervalle und Rhythmen einer zuerst eintretenden Stimme – Dux genannt – seitens des ihm nachfolgenden Comes eine sinnfällige Verknüpfung herzustellen.“ 
Das Armida Quartett startet diese Einspielung mit den beiden frühesten gedruckten deutschen Werken für Instrumental-Ensemble aus dem Jahr 1602 – zwei Fugen von Valentin Haussmann (um 1560 bis 1614). Nächste Station ist eine Sonate a quattro aus der Feder von Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) – die der Komponist ausdrücklich senza Cembalo auf- geführt wissen wollte, weshalb sie mitunter als eines der ersten Streich- quartette angesehen wird. 
Natürlich ist auch der letzte, unvollendet gebliebene Zyklus von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) vertreten – Die Kunst der Fuge, „das Summum Opus einer 500-jährigen Tradition, wie auch seiner eigenen Lebensleistung“, so Goebel. Noch die Generation nach Bach schätzte Fugen; zu hören ist dies am Beispiel einer Quartett-Sonate des Bach-Schülers Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756) – hier komplettiert Cembalist Raphael Alpermann die Besetzung. Goebel nennt dieses Werk „ein Musterbeispiel der ungebrochenen Lebenskraft der spätbarocken Fugen-Kunst kurz vor ihrer Entzauberung: ein Feuerwerk des Geistes und der Finger, ein Akademie-Stück, das Kenner nach dem Hören analytisch sezierten und diskutierten, um den sinnlichen Genuß durch geistige Erkenntnis zu überhöhen.“ 
Mit Adagio und Fuge c-Moll KV 546 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) naht auch schon das Finale. Denn schon wenige Jahre später hat die Fuge ihre Magie eingebüßt: „Aber den Sinn des fugirten Finale wagt Ref. nicht zu deuten: für ihn war es unverständlich, wie Chinesisch“, das schreibt der Rezensent der Allgemeinen musikalischen Zeitung im Jahre 1826 über die Große Fuge op. 133, ursprünglich das Finale des Streich- quartettes B-Dur op. 130 von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827). Wie der Autor sie in Grund und Boden verreißt, das ist durchaus unterhaltsam zu lesen – doch uns beweist es, dass er mit dem wuchtigem Opus so gar nichts mehr anzufangen wusste. Selbst Musikkritiker Eduard Hanslick sah in der Großen Fuge Beethovens „ein merkwürdiges Document seiner gewaltigen, aber bereits seltsam kranken Phantasie“. 
Der Rezensent der Allgemeinen musikalischen Zeitung vermutet: „Vielleicht wäre so manches nicht hingeschrieben worden, könnte der Meister seine eigenen Schöpfungen auch hören. Doch wollen wir damit nicht voreilig absprechen: vielleicht kommt noch die Zeit, wo das, was uns beym ersten Blicke trüb und verworren erschien, klar und in wohlgefälligen Formen erkannt wird.“ Das Armida Quartett jedenfalls, gegründet 2006 in Berlin, mittlerweile mit diversen hochkarätigen Musikpreisen ausgezeichnet, weiß mit den „ungeheuren Schwierigkeiten“ bestens umzugehen, und die „babylonische Verwirrung“ in eine Ordnung zu bringen. 
Dieses Album überzeugt vom ersten bis zum letzten Ton sowohl durch das erlesene Konzept als auch durch das phantastische Zusammenspiel der beteiligten Musiker. Martin Funda und Johanna Staemmler, Violine, Teresa Schwamm, Viola, und Peter-Philipp Staemmler, Violoncello, musizieren wirklich hinreißend. Diese CD ist ein ganz großer Wurf, ohne Zweifel, und hat jede Aufmerksamkeit verdient. Unbedingt anhören!