„Der ernste, schweigsame Brahms, der echte Jünger Schumanns, norddeutsch, protestantisch und unweltlich wie dieser, schreibt Walzer?“, verwunderte sich einst Musikkritiker Eduard Hanslick. Jonathan Plowright hat für die dritte Folge seiner Brahms-Gesamtein- spielung die 16 Walzer op. 39 ausgewählt – höchst vergnügliche, und dabei facettenreiche Werke, die mit den Erwartungen des Zuhörers wie auch des Musizierenden spielen. Soviel Humor hätte man Johannes Brahms gar nicht zugetraut, zumal dieser die Walzer ganz offenkundig zum Verkauf an das geneigte Publikum geschrieben hat: Die erste Fassung entstand für Klavier zu vier Händen, und dann folgten noch einmal zwei Varianten für Klavier solo nach, wobei der Komponist eine davon ganz bewusst vereinfacht hat.
Temperament zeigt Brahms aber auch bei den Variationen über ein unga- risches Lied op. 21 Nr.2. Durch seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem Geiger Eduard Reményi lernte er Zigeunermelodien kennen und schätzen – Plowright zeigt, wie raffiniert und virtuos Brahms diese Klänge in seine Werke integriert hat. Wer eher den norddeutsch-nüchternen Brahms schätzt, für den enthält diese CD die Capricci und Intermezzi op. 76 sowie die Sechs Klavierstücke op. 118 – herb bis dramatisch, doch auch innig, kühn und erstaunlich modern. Plowright demonstriert dabei große Klavierkunst; auf die Fortsetzung dieser Gesamtaufnahme darf man schon jetzt sehr gespannt sein.
Posts mit dem Label BIS Records werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label BIS Records werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 3. April 2017
Dienstag, 29. November 2016
Mozart: Great Mass in C Minor (Bis)
Was macht ein Ensemble, nachdem es Bachs monumentales Kantaten- werk eingespielt hat? Masaaki Suzuki hat sich mit dem Bach Collegium Japan bereits im vergangenen Jahr dem Schaffen Wolfgang Amadeus Mozart zugewandt: Als erstes Werk hatte er das Requiem KV 626 ausgewählt; komplettiert wurde diese CD durch die Vesperae solennes de Confessore KV 339.
Nun folgt die Messe c-Moll KV 427, das einzige Werk für die Kirchen- musik, das Mozart während seiner Jahre als freischaffender Musiker in Wien komponiert hat – abgesehen vom Requiem, das aber ein Auftrags- werk war. Diese Messe wäre in der Tat stilistisch und vom Umfang her eine „Große“ Messe geworden – wenn Mozart sie jemals fertiggestellt hätte; begonnen hat er sie möglicherweise, damit seine ihm soeben angetraute Frau Constanze sich 1783 bei einem Besuch in Salzburg als Sängerin präsentieren kann.
Als gesichert kann jedenfalls gelten, dass sie dort am 26. Oktober 1783 aufgeführt worden ist, und zwar als Kyrie-Gloria-Messe, denn die dafür notwendigen Teile sind vollendet, und einige Stimmen sind zudem in Salzburg erhalten. Vom verbleibenden Rest sind nur Fragmente überliefert, die aber nachvollziehbar aufzeigen, wie Mozart den jeweiligen Abschnitt gestalten wollte. Die vorliegende Einspielung nutzt eine Bearbeitung von Franz Beyer. Er hat 1989 die ausstehenden Stimmen ergänzt; die fehlenden Teile des Credos sowie das ebenfalls fehlende Agnus Dei allerdings wurden nicht „rekonstruiert“ – was eine ehrliche Lösung ist, wie ich finde.
Das Bach Collegium Japan musiziert unter Masaaki Suzuki hingebungs- voll, und auch das Solistenquartett ist mit Carolyn Sampson, Olivia Vermeulen, Makoto Sakurada und Christian Immler solide besetzt. Sehr gute Mozart-Aufnahmen allerdings gibt es einige; diese Einspielung reiht sich da ein, aber sie setzt keine Maßstäbe. Das gilt auch für den zweiten Teil der Super Audio CD mit der ebenso berühmten wie virtuosen Motette Exsultate, jubilate KV 165. Entstanden ist sie einst für eine Kastraten- stimme; Carolyn Sampson nutzt diese Gelegenheit, um noch einmal ihren Sopran erstrahlen zu lassen – zumal anschließend als Zugabe noch einmal die eröffnende Arie in einer späteren Version mit leicht verändertem Text und mit Flöten statt der Oboen erklingt.
Nun folgt die Messe c-Moll KV 427, das einzige Werk für die Kirchen- musik, das Mozart während seiner Jahre als freischaffender Musiker in Wien komponiert hat – abgesehen vom Requiem, das aber ein Auftrags- werk war. Diese Messe wäre in der Tat stilistisch und vom Umfang her eine „Große“ Messe geworden – wenn Mozart sie jemals fertiggestellt hätte; begonnen hat er sie möglicherweise, damit seine ihm soeben angetraute Frau Constanze sich 1783 bei einem Besuch in Salzburg als Sängerin präsentieren kann.
Als gesichert kann jedenfalls gelten, dass sie dort am 26. Oktober 1783 aufgeführt worden ist, und zwar als Kyrie-Gloria-Messe, denn die dafür notwendigen Teile sind vollendet, und einige Stimmen sind zudem in Salzburg erhalten. Vom verbleibenden Rest sind nur Fragmente überliefert, die aber nachvollziehbar aufzeigen, wie Mozart den jeweiligen Abschnitt gestalten wollte. Die vorliegende Einspielung nutzt eine Bearbeitung von Franz Beyer. Er hat 1989 die ausstehenden Stimmen ergänzt; die fehlenden Teile des Credos sowie das ebenfalls fehlende Agnus Dei allerdings wurden nicht „rekonstruiert“ – was eine ehrliche Lösung ist, wie ich finde.
Das Bach Collegium Japan musiziert unter Masaaki Suzuki hingebungs- voll, und auch das Solistenquartett ist mit Carolyn Sampson, Olivia Vermeulen, Makoto Sakurada und Christian Immler solide besetzt. Sehr gute Mozart-Aufnahmen allerdings gibt es einige; diese Einspielung reiht sich da ein, aber sie setzt keine Maßstäbe. Das gilt auch für den zweiten Teil der Super Audio CD mit der ebenso berühmten wie virtuosen Motette Exsultate, jubilate KV 165. Entstanden ist sie einst für eine Kastraten- stimme; Carolyn Sampson nutzt diese Gelegenheit, um noch einmal ihren Sopran erstrahlen zu lassen – zumal anschließend als Zugabe noch einmal die eröffnende Arie in einer späteren Version mit leicht verändertem Text und mit Flöten statt der Oboen erklingt.
Freitag, 21. Oktober 2016
Roman: The 12 Flute Sonatas - Nos 6 - 12 (BIS)
Johan Helmich Roman (1694 bis 1758) gilt als Vater der schwedischen Musik. Er kam in Stockholm als Sohn eines Hofmusikers zur Welt, und wurde schon als Knabe ebenfalls Mitglied der Hofkapelle. 1715 durfte er auf Weisung seines Dienstherrn, König Karl XII., zu einem Studien- aufenthalt ins Ausland reisen. Roman ging nach London, wo er zahlreiche bedeutende Musiker seiner Zeit kennenlernte – unter anderem Händel, Gemiani, Bononcini, Ariosti und Pepusch.
1721 kehrte er in die Heimat zurück, wo er dann 1727 Hofkapellmeister wurde. Nach dem Tod seiner Frau 1734 ging Roman noch einmal auf Reisen – über London und Frankreich nach Italien, wo er wohl auch zur Kur weilte, und dann über Wien, München, Augsburg, Dresden und Berlin zurück nach Stockholm. Weil Roman überall unterwegs Musikalien einkaufte, konnten Musikwissenschaftler seinen Reiseweg minutiös rekonstruieren. 1737 trat er wieder seinen Dienst an – hoch geehrt, 1739 wurde der Musiker sogar in die Königliche Wissen- schaftsakademie gewählt.
Nach dem Tod seiner zweiten Frau 1744 zog sich Roman aufs Land zurück. Nur noch zweimal leistete er Beiträge zum Musikleben – zur Geburt des Kronprinzen Gustav, und zum Ableben von König Fredrik I. sowie der Krönung von Adolf Fredrik und Lovisa Ulrika. Komponiert hat Johan Helmich Roman eine große Anzahl an Werken. Im Druck erschienen ist zu Lebzeiten des Musikers nur eines davon: Seine Zwölf Sonaten für Travers- flöte, die er Königin Ulrika Eleonora 1727, im Jahre seiner Ernennung zum Hofkapellmeister, als Geburtstagsgeschenk überreichte.
Dan Laurin hat sie nun mit dem Ensemble Paradiso Musicale eingespielt – auf der Blockflöte. Das passt sehr gut zu den Sonaten Romans, die sich weniger durch halsbrecherische Virtuosität als vielmehr durch Raffinesse und überraschende Wendungen auszeichnen. Seine Musik zeigt, bei aller Eigenständigkeit, zudem deutlich Romans Vorbilder; bei manchen Wendungen meint man, Händels Hallesche Sonaten hätten Pate gestanden. Temperamentvoll präsentiert Dan Laurin diese qualitätvollen Kompositionen, im Zusammenspiel mit Anna Paradiso, Cembalo, Mats Olofsson, Violoncello, und Jonas Nordberg, Barockgitarre und Theorbe.
1721 kehrte er in die Heimat zurück, wo er dann 1727 Hofkapellmeister wurde. Nach dem Tod seiner Frau 1734 ging Roman noch einmal auf Reisen – über London und Frankreich nach Italien, wo er wohl auch zur Kur weilte, und dann über Wien, München, Augsburg, Dresden und Berlin zurück nach Stockholm. Weil Roman überall unterwegs Musikalien einkaufte, konnten Musikwissenschaftler seinen Reiseweg minutiös rekonstruieren. 1737 trat er wieder seinen Dienst an – hoch geehrt, 1739 wurde der Musiker sogar in die Königliche Wissen- schaftsakademie gewählt.
Nach dem Tod seiner zweiten Frau 1744 zog sich Roman aufs Land zurück. Nur noch zweimal leistete er Beiträge zum Musikleben – zur Geburt des Kronprinzen Gustav, und zum Ableben von König Fredrik I. sowie der Krönung von Adolf Fredrik und Lovisa Ulrika. Komponiert hat Johan Helmich Roman eine große Anzahl an Werken. Im Druck erschienen ist zu Lebzeiten des Musikers nur eines davon: Seine Zwölf Sonaten für Travers- flöte, die er Königin Ulrika Eleonora 1727, im Jahre seiner Ernennung zum Hofkapellmeister, als Geburtstagsgeschenk überreichte.
Dan Laurin hat sie nun mit dem Ensemble Paradiso Musicale eingespielt – auf der Blockflöte. Das passt sehr gut zu den Sonaten Romans, die sich weniger durch halsbrecherische Virtuosität als vielmehr durch Raffinesse und überraschende Wendungen auszeichnen. Seine Musik zeigt, bei aller Eigenständigkeit, zudem deutlich Romans Vorbilder; bei manchen Wendungen meint man, Händels Hallesche Sonaten hätten Pate gestanden. Temperamentvoll präsentiert Dan Laurin diese qualitätvollen Kompositionen, im Zusammenspiel mit Anna Paradiso, Cembalo, Mats Olofsson, Violoncello, und Jonas Nordberg, Barockgitarre und Theorbe.
Samstag, 8. Oktober 2016
Cello Rising (BIS)
Zu einer Reise in die Geschichte des Violoncellos lädt Mime Yamahiro Brinkmann ein. Das Programm ihrer ersten Solo-SACD folgt dem Aufstieg des Cellos von den Anfängen bis zu Boccherini. Dabei beweist sie nicht nur Überblick über ein nicht alltäg- liches Repertoire, sondern auch eine Menge Humor: Im Beiheft gibt die Musikerin eine launige Kurzzusam- menfassung der Musikgeschichte, speziell unter Berücksichtigung des Cellos und der Cellisten.
Es erklingt Musik von Domenico Galli, Giovanni Battista degli Antoni, Domenico Gabrielli, Georg Philipp Telemann, Joseph Bodin de Boismortier und Luigi Boccherini. Ob nun Telemanns Getreuer Music-Meister wirklich in einer Liga mit Boccherinis extrem virtuosen Sonaten spielt, darüber wird man nach dem Anhören dieser CD nicht mehr nachdenken.
Mime Yamahiro Brinkmann musiziert exzellent, und stellt eher die techni- schen Fortschritte in den Vordergrund, die das Instrument einst innerhalb von relativ kurzer Zeit geprägt haben. Die Cellistin, die Mitglied einiger führender Alte-Musik-Ensembles ist, wird dabei von Björn Gäfvert, Cemba- lo, und Karl Nyhlin, Barockgitarre, vortrefflich unterstützt.
Es erklingt Musik von Domenico Galli, Giovanni Battista degli Antoni, Domenico Gabrielli, Georg Philipp Telemann, Joseph Bodin de Boismortier und Luigi Boccherini. Ob nun Telemanns Getreuer Music-Meister wirklich in einer Liga mit Boccherinis extrem virtuosen Sonaten spielt, darüber wird man nach dem Anhören dieser CD nicht mehr nachdenken.
Mime Yamahiro Brinkmann musiziert exzellent, und stellt eher die techni- schen Fortschritte in den Vordergrund, die das Instrument einst innerhalb von relativ kurzer Zeit geprägt haben. Die Cellistin, die Mitglied einiger führender Alte-Musik-Ensembles ist, wird dabei von Björn Gäfvert, Cemba- lo, und Karl Nyhlin, Barockgitarre, vortrefflich unterstützt.
Samstag, 3. September 2016
Mendelssohn: Lieder ohne Worte books 5-8 (BIS)
Noch einmal Lieder ohne Worte. Felix Mendelssohn Bartholdy erschuf dieses Genre, indem er seiner Schwester Fanny einst „sechs Lieder ohne Worte“ zum Geburtstag schenkte. Die Romantiker waren überzeugt, dass Musik mehr sagt als Worte: „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“, formulierte es E.T.A. Hoffmann. Und so kompo- nierte Frédéric Chopin Klavierstücke, die er Ballade nannte – und Franz Liszt Orchesterwerke, die als Symphonische Dichtungen Musik- geschichte schrieben.
Mendelssohns Lieder ohne Worte begeistern das Publikum – damals wie heute. Zu Lebzeiten veröffentlichte der Komponist sechs Hefte mit je sechs Werken; zwei weitere erschienen nach seinem Tode, und gedruckt wurden zusätzlich diverse Einzelstücke. Sie sind bei Profi-Pianisten ebenso beliebt wie bei Amateuren, und erklingen im Konzert ebenso wie beim häuslichen Musizieren.
Auf dieser CD spielt der niederländische Pianist Ronald Brautigam die Lieder ohne Worte der Hefte fünf bis acht, dazu fünf Einzelstücke und die Sechs Kinderstücke op. 72. Komplettiert wird die CD durch zwei Werke aus dem Notenalbum für Eduard Benecke, den Sohn des Onkels von Mendels- sohns Frau Cécile, dessen Gast der Musiker bei seinem Englandaufenthalt 1842 gewesen war.
Zu hören ist erneut die Kopie eines Pleyel-Flügels von 1830 aus der Werk- statt von Paul McNulty. Das Original befindet sich im Musée de la musique in Paris. Die Aufnahme vermittelt einen Eindruck davon, wie die Lieder ohne Worte zu Lebzeiten des Komponisten geklungen haben könnten.
Mendelssohns Lieder ohne Worte begeistern das Publikum – damals wie heute. Zu Lebzeiten veröffentlichte der Komponist sechs Hefte mit je sechs Werken; zwei weitere erschienen nach seinem Tode, und gedruckt wurden zusätzlich diverse Einzelstücke. Sie sind bei Profi-Pianisten ebenso beliebt wie bei Amateuren, und erklingen im Konzert ebenso wie beim häuslichen Musizieren.
Auf dieser CD spielt der niederländische Pianist Ronald Brautigam die Lieder ohne Worte der Hefte fünf bis acht, dazu fünf Einzelstücke und die Sechs Kinderstücke op. 72. Komplettiert wird die CD durch zwei Werke aus dem Notenalbum für Eduard Benecke, den Sohn des Onkels von Mendels- sohns Frau Cécile, dessen Gast der Musiker bei seinem Englandaufenthalt 1842 gewesen war.
Zu hören ist erneut die Kopie eines Pleyel-Flügels von 1830 aus der Werk- statt von Paul McNulty. Das Original befindet sich im Musée de la musique in Paris. Die Aufnahme vermittelt einen Eindruck davon, wie die Lieder ohne Worte zu Lebzeiten des Komponisten geklungen haben könnten.
Samstag, 9. Juli 2016
Trauerode (BIS)
Masaaki Suzuki rundet seine Bach-Kantaten-Edition mit dem Bach-Collegium Japan ab, indem er nunmehr auch die Kantaten des Thomaskantors einspielt, die nicht für den regulären Gottesdienst ent- standen sind. Es sind dies Auftrags- werke, wie Huldigungskantaten oder aber Musiken für Geburtstage, Hoch- zeiten und Begräbnisse.
Drei Beispiele für letzteres sind auf der vorliegenden CD anzuhören. Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl BWV 198, die sogenannte Trauer-Ode, wurde 1727 bei der Gedenkfeier für die verstorbene Ehefrau Augusts des Starken, Christiane Eberhardine, in der Leipziger Paulinerkirche aufgeführt. Sie war beim sächsischen Volk sehr angesehen, weil sie protestantisch geblieben war, derweil ihr Gatte zum Katholizismus konvertierte, um König von Polen werden zu können. Organisiert wurde die repräsentative Trauerfeier in der Universitätskirche der Messestadt von einem adligen Studenten, der bei Johann Sebastian Bach die Musik für diesen durchaus politischen Festakt orderte. Den Text dazu ließ er sich von Johann Christoph Gottsched schreiben. Er folgt den Konventionen von Herrscherlob und Totenklage; Bach hat ihn gekonnt vertont (und die Musik später mehrfach wiederverwendet; bekannt ist ihre Nutzung in der Trauermusik für seinen früheren Dienstherrn Fürst Leopold von Anhalt-Köthen sowie in der Markuspassion).
Die Alt-Arie Schlage doch, gewünschte Stunde BWV 53 stammt wahr- scheinlich ebenfalls aus einer Trauermusik. Die Forschung hat allerdings herausgefunden, dass dieses Werk nicht von Bach, sondern von Melchior Hoffmann (?1679 bis 1715) stammt, der ab 1705 Musikdirektor der Leipziger Neuen Kirche war.
Tilge, Höchster, meine Sünden BWV 1083 gibt der Musikwissenschaft eine Reihe von Rätseln auf. Für wen Bach diese Duett-Kantate geschaffen hat, ist ebenso unbekannt wie der Grund dafür, dass er sich auf diese Weise mit dem Stabat mater von Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736) ausein- andergesetzt hat. Eine Verwendung im Gottesdienst dürfte auszuschließen sein, auch wenn der ursprüngliche Text der Sequenz durch eine Neudich- tung nach Psalm 51 von einem unbekannten, aber versierten Autor ersetzt wurde. Bach hat Pergolesis Musik nicht einfach angepasst, er hat sie obendrein nach seinem stilistischen Empfinden modifiziert. Das Ergebnis klingt erstaunlich altmodisch – das Original wirkt vergleichsweise moder- ner. Wirklich verblüffend.
Drei Beispiele für letzteres sind auf der vorliegenden CD anzuhören. Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl BWV 198, die sogenannte Trauer-Ode, wurde 1727 bei der Gedenkfeier für die verstorbene Ehefrau Augusts des Starken, Christiane Eberhardine, in der Leipziger Paulinerkirche aufgeführt. Sie war beim sächsischen Volk sehr angesehen, weil sie protestantisch geblieben war, derweil ihr Gatte zum Katholizismus konvertierte, um König von Polen werden zu können. Organisiert wurde die repräsentative Trauerfeier in der Universitätskirche der Messestadt von einem adligen Studenten, der bei Johann Sebastian Bach die Musik für diesen durchaus politischen Festakt orderte. Den Text dazu ließ er sich von Johann Christoph Gottsched schreiben. Er folgt den Konventionen von Herrscherlob und Totenklage; Bach hat ihn gekonnt vertont (und die Musik später mehrfach wiederverwendet; bekannt ist ihre Nutzung in der Trauermusik für seinen früheren Dienstherrn Fürst Leopold von Anhalt-Köthen sowie in der Markuspassion).
Die Alt-Arie Schlage doch, gewünschte Stunde BWV 53 stammt wahr- scheinlich ebenfalls aus einer Trauermusik. Die Forschung hat allerdings herausgefunden, dass dieses Werk nicht von Bach, sondern von Melchior Hoffmann (?1679 bis 1715) stammt, der ab 1705 Musikdirektor der Leipziger Neuen Kirche war.
Tilge, Höchster, meine Sünden BWV 1083 gibt der Musikwissenschaft eine Reihe von Rätseln auf. Für wen Bach diese Duett-Kantate geschaffen hat, ist ebenso unbekannt wie der Grund dafür, dass er sich auf diese Weise mit dem Stabat mater von Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736) ausein- andergesetzt hat. Eine Verwendung im Gottesdienst dürfte auszuschließen sein, auch wenn der ursprüngliche Text der Sequenz durch eine Neudich- tung nach Psalm 51 von einem unbekannten, aber versierten Autor ersetzt wurde. Bach hat Pergolesis Musik nicht einfach angepasst, er hat sie obendrein nach seinem stilistischen Empfinden modifiziert. Das Ergebnis klingt erstaunlich altmodisch – das Original wirkt vergleichsweise moder- ner. Wirklich verblüffend.
Mittwoch, 10. Februar 2016
A Bassoon in Stockholm... (BIS)
Diese CD ist einem außergewöhn- lichen Instrument gewidmet: Donna Agrell ist die glückliche Besitzerin eines Fagotts aus der Werkstatt des Dresdner Holzblasinstrumenten- bauers Grenser & Wiesner. Das Unternehmen wurde 1744 von Carl August Grenser gegründet, und genoss schon bald einen ausgezeich- neten Ruf. Im späten 18. Jahrhundert übernahm Carl Augusts Neffe Heinrich die Werkstatt; er lieferte die begehrten Instrumente an Musiker in ganz Europa. Nach seinem Tode 1831 führte sein Geselle Samuel Wiesner die Geschäfte weiter. Er hat auch das Fagott angefertigt, das im Mittelpunkt dieser Einspielung steht.
Donna Agrell hat es in den 80er Jahren erworben und seitdem in über 1.500 Konzerten eingesetzt, oft mit dem Orchestra of the Eighteenth Cen- tury, dem sie seit seiner Gründung angehört. Das Fagott wurde zwischen 1817 und 1825 in Dresden gebaut; es war, so die Musikerin, „in ausgezeich- netem Zustand und auf einer Tonhöhe von etwa a=430 Hz spielbar.“
Zu dem Fagott gehörte noch der originale Koffer, und der Adressaufkleber darauf, teilweise noch lesbar, bezeugte, das es seinerzeit nach Stockholm geliefert wurde. Außerdem befanden sich in dem Koffer zwei Flügel und drei S-Bögen von unterschiedlicher Länge, die das Spiel in unterschiedlichen Stimmungen ermöglichen. In einer Schachtel lagen zudem sechs intakte Rohrblätter bei - „ein unglaublich seltener und wertvoller Fund“, erläutert die Donna Agrell. Die empfindlichen Teile, die in diesem Glücksfall erhalten geblieben sind, wurden von Instrumentenbauern aufmerksam studiert und teilweise nachgebaut.
Instrumente von Grenser & Wiesner wurden von bekannten Musikern gespielt. Einer von ihnen, der deutsche Fagottvirtuose Frans Carl Preumayr (1782 bis 1853), ging zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit seinen Brüdern Conrad und Carl nach Schweden. Dort wirkte er als Mitglied der Hofka- pelle und als Musikdirektor in der Militärmusik. Mehrfach ging er auf Konzertreisen, und dabei musizierte er auf seinem Grenser-Instrument, wie er in seinem Reisejournal berichtet.
Das Publikum war beeindruckt: „Preumayr is the best performer on the bassoon that we ever heard, taking tone, taste and execution into consideration; he makes nothing of a rapid flight from the lowest B flat in the bass to E flat, fourth space in the treble, three octaves and a half! (..) He displayed great skill and command of his instrument“, schwärmt ein Kritiker, der den Musiker 1830 in London gehört hat. Kein Wunder, dass Musikerkollegen für den Ausnahme-Fagottisten auch eigens Werke komponierten.
Diese CD stellt drei davon vor: Ein Septett und ein Quartett des Geigers Franz Adolf Berwald sowie das Quintett für Fagott und Streicher seines Lehrers, des Geigers und Sängers Jean Baptiste Édouard Du Puy. Für die Aufnahme hat Donna Agrell Musikerfreunde eingeladen, die ebenfalls im Orchestra of the Eighteenth Century mitwirken – Marc Destrubé und Franc Polman, Violine, Yoshiko Morita, Viola, Albert Brüggen, Violoncello, Robert Franenberg, Kontrabass und Teunis van der Zwart, Horn – sowie Lorenzo Coppola, Soloklarinettist des Freiburger Barockorchesters und Pianist Ronald Brautigam, ein Spezialist, der seit Jahren klassisches Repertoire auf historischen Klavieren spielt. Musiziert wird brillant, und der sonore, wunderbar runde, durch alle Register ausgeglichene Klang des Fagottes kommt bestens zur Geltung. Bravi!
Donna Agrell hat es in den 80er Jahren erworben und seitdem in über 1.500 Konzerten eingesetzt, oft mit dem Orchestra of the Eighteenth Cen- tury, dem sie seit seiner Gründung angehört. Das Fagott wurde zwischen 1817 und 1825 in Dresden gebaut; es war, so die Musikerin, „in ausgezeich- netem Zustand und auf einer Tonhöhe von etwa a=430 Hz spielbar.“
Zu dem Fagott gehörte noch der originale Koffer, und der Adressaufkleber darauf, teilweise noch lesbar, bezeugte, das es seinerzeit nach Stockholm geliefert wurde. Außerdem befanden sich in dem Koffer zwei Flügel und drei S-Bögen von unterschiedlicher Länge, die das Spiel in unterschiedlichen Stimmungen ermöglichen. In einer Schachtel lagen zudem sechs intakte Rohrblätter bei - „ein unglaublich seltener und wertvoller Fund“, erläutert die Donna Agrell. Die empfindlichen Teile, die in diesem Glücksfall erhalten geblieben sind, wurden von Instrumentenbauern aufmerksam studiert und teilweise nachgebaut.
Instrumente von Grenser & Wiesner wurden von bekannten Musikern gespielt. Einer von ihnen, der deutsche Fagottvirtuose Frans Carl Preumayr (1782 bis 1853), ging zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit seinen Brüdern Conrad und Carl nach Schweden. Dort wirkte er als Mitglied der Hofka- pelle und als Musikdirektor in der Militärmusik. Mehrfach ging er auf Konzertreisen, und dabei musizierte er auf seinem Grenser-Instrument, wie er in seinem Reisejournal berichtet.
Das Publikum war beeindruckt: „Preumayr is the best performer on the bassoon that we ever heard, taking tone, taste and execution into consideration; he makes nothing of a rapid flight from the lowest B flat in the bass to E flat, fourth space in the treble, three octaves and a half! (..) He displayed great skill and command of his instrument“, schwärmt ein Kritiker, der den Musiker 1830 in London gehört hat. Kein Wunder, dass Musikerkollegen für den Ausnahme-Fagottisten auch eigens Werke komponierten.
Diese CD stellt drei davon vor: Ein Septett und ein Quartett des Geigers Franz Adolf Berwald sowie das Quintett für Fagott und Streicher seines Lehrers, des Geigers und Sängers Jean Baptiste Édouard Du Puy. Für die Aufnahme hat Donna Agrell Musikerfreunde eingeladen, die ebenfalls im Orchestra of the Eighteenth Century mitwirken – Marc Destrubé und Franc Polman, Violine, Yoshiko Morita, Viola, Albert Brüggen, Violoncello, Robert Franenberg, Kontrabass und Teunis van der Zwart, Horn – sowie Lorenzo Coppola, Soloklarinettist des Freiburger Barockorchesters und Pianist Ronald Brautigam, ein Spezialist, der seit Jahren klassisches Repertoire auf historischen Klavieren spielt. Musiziert wird brillant, und der sonore, wunderbar runde, durch alle Register ausgeglichene Klang des Fagottes kommt bestens zur Geltung. Bravi!
Donnerstag, 21. Januar 2016
Mozart: Piano Concertos; Brautigam (BIS)
In der Serie „Aus dem Wald in die Konzerthalle – baue Dein eigenes Fortepiano“ ist mittlerweile Schritt neun erreicht: Das Titelbild dieser CD zeigt, wie die Beine befestigt werden. Deutlich ernsthafter angelegt ist die Einspielung, die erneut drei Konzerte Wolfgang Amadeus Mozarts so vorstellt, wie sie einstmals geklungen haben könnten. Ronald Brautigam spielt sie auf einem Hammerflügel, den Paul McNulty 2013 als Nachbau eines Exemplares angefertigt hat, das in der Werkstatt Anton Walter und Sohn um 1802 entstanden ist. Gabriel Anton Walter (1752 bis 1826) stammte aus Neuhausen auf den Fildern, südöstlich von Stuttgart. Er ließ sich 1778 als Klavierbauer in Wien nieder und war damit sehr erfolgreich. Mozart hat seine Instrumente sehr geschätzt; auch Haydn und Beethoven spielten sie.
Das helle, transparente Klangbild unterscheidet sich krass von dem, was man üblicherweise im Ohr hat – doch ehrlicherweise bleibt festzustellen, dass es Mozarts Musik sehr zustatten kommt, wenn man die romantischen Puderzuckerschichten weglässt und einmal wirklich nach den Noten fragt. Brautigam macht dies, unterstützt und begleitet von der Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens, recht konsequent und bringt so ganz erstaunliche Details zutage.
Auf dieser CD stellt Brautigam drei Konzerte vor, die 1776 bzw. 1782/83 entstanden sind. Das C-Dur-Konzert KV 415 und das F-Dur-Konzert KV 413 gehören zu den drei Subskriptionskonzerten, die Mozart um die Jahreswende 1782/83 angekündigt hat. An seinen Vater schrieb er, die „Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer, und zu leicht – sind sehr Brillant – angenehm in die ohren – Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – daß die nichtkenner damit zufrieden seyn müssen, ohne zu wissen, warum.“
Das Konzert KV 415 ist imposant, feierlich und groß besetzt. Zur Urauf- führung am 23. März 1783 war Kaiser Joseph II. höchstselbst anwesend – Mozart wollte beeindrucken, und ergänzte eigens für die Majestät das Orchester um Trompeten und Pauken.
Im Kontrast dazu ist das Konzert in F-Dur ausgesprochen kammermusi- kalisch angelegt; Mozart selbst warb dafür, man könne es auch à quattro spielen. Insbesondere das Larghetto gehört zu den ganz großen Würfen des Komponisten – das ist Musik, wie sie kein anderer jemals schreiben konnte.
Die Super Audio-CD endet mit dem Konzert in C-Dur KV 246, geschrieben für Gräfin Antonia Lützow, eine der Schülerinnen von Leopold Mozart. Es ist ein Stück für den Unterricht, mit relativ geringen technischen Anfor- derungen und umfangreichen Reprisen. Überliefert sind drei Kadenz- varianten für die beiden ersten Sätze, was ebenfalls als eine Hilfe für Lernende gedacht gewesen sein könnte. In Salzburg scheint das Werk rege gespielt worden zu sein; auch Mozarts Schwester Nannerl trug es vor und übte es mit ihren Schülerinnen. Mozart hat das Konzert offenbar aber auch gern und oft selbst gespielt.
Das helle, transparente Klangbild unterscheidet sich krass von dem, was man üblicherweise im Ohr hat – doch ehrlicherweise bleibt festzustellen, dass es Mozarts Musik sehr zustatten kommt, wenn man die romantischen Puderzuckerschichten weglässt und einmal wirklich nach den Noten fragt. Brautigam macht dies, unterstützt und begleitet von der Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens, recht konsequent und bringt so ganz erstaunliche Details zutage.
Auf dieser CD stellt Brautigam drei Konzerte vor, die 1776 bzw. 1782/83 entstanden sind. Das C-Dur-Konzert KV 415 und das F-Dur-Konzert KV 413 gehören zu den drei Subskriptionskonzerten, die Mozart um die Jahreswende 1782/83 angekündigt hat. An seinen Vater schrieb er, die „Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer, und zu leicht – sind sehr Brillant – angenehm in die ohren – Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – daß die nichtkenner damit zufrieden seyn müssen, ohne zu wissen, warum.“
Das Konzert KV 415 ist imposant, feierlich und groß besetzt. Zur Urauf- führung am 23. März 1783 war Kaiser Joseph II. höchstselbst anwesend – Mozart wollte beeindrucken, und ergänzte eigens für die Majestät das Orchester um Trompeten und Pauken.
Im Kontrast dazu ist das Konzert in F-Dur ausgesprochen kammermusi- kalisch angelegt; Mozart selbst warb dafür, man könne es auch à quattro spielen. Insbesondere das Larghetto gehört zu den ganz großen Würfen des Komponisten – das ist Musik, wie sie kein anderer jemals schreiben konnte.
Die Super Audio-CD endet mit dem Konzert in C-Dur KV 246, geschrieben für Gräfin Antonia Lützow, eine der Schülerinnen von Leopold Mozart. Es ist ein Stück für den Unterricht, mit relativ geringen technischen Anfor- derungen und umfangreichen Reprisen. Überliefert sind drei Kadenz- varianten für die beiden ersten Sätze, was ebenfalls als eine Hilfe für Lernende gedacht gewesen sein könnte. In Salzburg scheint das Werk rege gespielt worden zu sein; auch Mozarts Schwester Nannerl trug es vor und übte es mit ihren Schülerinnen. Mozart hat das Konzert offenbar aber auch gern und oft selbst gespielt.
Donnerstag, 31. Dezember 2015
Masaaki Suzuki plays Bach Organ Works (BIS)
Seine musikalische Karriere begann Masaaki Suzuki im Alter von zwölf Jahren als Organist im Gottesdienst in seiner Heimatstadt Kobe. Später studierte er Orgel in Tokio sowie Cembalo und Orgel an der Sweelinck Akademie in Amsterdam. 1990 gründete Suzuki das Bach Collegium Japan, mit dem er eine beeindrucken- de Gesamtaufnahme der Kantaten von Johann Sebastian Bach einge- spielt hat. Er musiziert mit renom- mierten Ensembles aus dem Bereich der historischen Aufführungspraxis; mittlerweile dirigiert er aber auch moderne Orchester, und sein Repertoire reicht von Sweelinck bis hin zu Mahler und Britten.
Die Tasteninstrumente aber scheinen Masaaki Suzuki noch immer wichtig zu sein. So hat er im vergangenen Jahr gemeinsam mit seinem Sohn Masato Suzuki und mit Musikern des Bach Collegium Japan eine CD mit Cembalo-Doppelkonzerten veröffentlicht, die Johann Sebastian Bach wahrscheinlich für Aufführungen mit dem Collegium Musicum im Zimmermannischen Kaffeehaus geschrieben hat. Die Quellen, in denen diese Werke überliefert sind, haben höchst unterschiedliche Qualität; einige davon geben aber interesssante Einblicke in die Arbeitsweise des Thomaskantors. Davon fühlte sich Masato Suzuki ermuntert, die Konzerte BWV 1060, 1061 und 1062 seinerseits noch durch eine eigene Bearbeitung der Orchestersuite BWV 1066 zu ergänzen.
In diesem Jahr ist eine weitere CD erschienen, auf der Masaaki Suzuki bekannte Orgelwerke von Johann Sebastian Bach eingespielt hat. Dafür hat der japanische Musiker die Orgel der Martinikerk im niederländischen Groningen ausgewählt. Sie stammt in ihrer Ursubstanz aus dem 15. Jahr- hundert; berühmt wurde sie aber durch die Erweiterungen durch Arp Schnitger (1648 bis 1719), der das Instrument 1692 um zwei mächtige Pedaltürme ergänzte, sowie durch seinen Sohn Franz Caspar Schnitger (1693 bis 1729) und, nach seinem Tod, durch desse Werkmeister Albertus Antonius Hinsz (1704 bis 1785). Franz Caspar Schnitger baute ein neues Rückpositiv und eine neue Spielanlage; Hinsz vollendete Schnitgers Arbeit und wechselte später noch einige Register aus.
Später wurde das Instrument mehrfach verändert und dabei teilweise kräftig dem Zeitgeschmack angepasst. Im Zuge einer Kirchensanierung wurde die Orgel dann in den 70er Jahren ausgebaut und 1976/77 sowie 1983/84 durch den Orgelbauer Jürgen Ahrend ebenso respektvoll wie umfassend restauriert. Dabei wurde der Zustand im Jahre 1740 weitgehend wieder hergestellt.
Es ist ein Instrument, das heute ohne Zweifel wieder zu den weltweit klangschönsten Orgeln gehört. Aus unerfindlichen Gründen nutzt Suzuki die Möglichkeiten zu einer klanglichen Differenzierung, die die Schnitger-Hinsz-Orgel mit ihren 52 Registern bietet, aber eher wenig. Er setzt eher auf Tempo als auf klare Strukturen, was mir persönlich das Vergnügen an dieser Aufnahme verleidet. Flinke Finger allein machen Bachs Fugen nicht zum Erlebnis. Schade!
Die Tasteninstrumente aber scheinen Masaaki Suzuki noch immer wichtig zu sein. So hat er im vergangenen Jahr gemeinsam mit seinem Sohn Masato Suzuki und mit Musikern des Bach Collegium Japan eine CD mit Cembalo-Doppelkonzerten veröffentlicht, die Johann Sebastian Bach wahrscheinlich für Aufführungen mit dem Collegium Musicum im Zimmermannischen Kaffeehaus geschrieben hat. Die Quellen, in denen diese Werke überliefert sind, haben höchst unterschiedliche Qualität; einige davon geben aber interesssante Einblicke in die Arbeitsweise des Thomaskantors. Davon fühlte sich Masato Suzuki ermuntert, die Konzerte BWV 1060, 1061 und 1062 seinerseits noch durch eine eigene Bearbeitung der Orchestersuite BWV 1066 zu ergänzen.
In diesem Jahr ist eine weitere CD erschienen, auf der Masaaki Suzuki bekannte Orgelwerke von Johann Sebastian Bach eingespielt hat. Dafür hat der japanische Musiker die Orgel der Martinikerk im niederländischen Groningen ausgewählt. Sie stammt in ihrer Ursubstanz aus dem 15. Jahr- hundert; berühmt wurde sie aber durch die Erweiterungen durch Arp Schnitger (1648 bis 1719), der das Instrument 1692 um zwei mächtige Pedaltürme ergänzte, sowie durch seinen Sohn Franz Caspar Schnitger (1693 bis 1729) und, nach seinem Tod, durch desse Werkmeister Albertus Antonius Hinsz (1704 bis 1785). Franz Caspar Schnitger baute ein neues Rückpositiv und eine neue Spielanlage; Hinsz vollendete Schnitgers Arbeit und wechselte später noch einige Register aus.
Später wurde das Instrument mehrfach verändert und dabei teilweise kräftig dem Zeitgeschmack angepasst. Im Zuge einer Kirchensanierung wurde die Orgel dann in den 70er Jahren ausgebaut und 1976/77 sowie 1983/84 durch den Orgelbauer Jürgen Ahrend ebenso respektvoll wie umfassend restauriert. Dabei wurde der Zustand im Jahre 1740 weitgehend wieder hergestellt.
Es ist ein Instrument, das heute ohne Zweifel wieder zu den weltweit klangschönsten Orgeln gehört. Aus unerfindlichen Gründen nutzt Suzuki die Möglichkeiten zu einer klanglichen Differenzierung, die die Schnitger-Hinsz-Orgel mit ihren 52 Registern bietet, aber eher wenig. Er setzt eher auf Tempo als auf klare Strukturen, was mir persönlich das Vergnügen an dieser Aufnahme verleidet. Flinke Finger allein machen Bachs Fugen nicht zum Erlebnis. Schade!
Samstag, 7. November 2015
Bach: Birthday Cantatas (BIS)
„Das Bachische Collegium Musicum wird Morgen als dem 5. Sept. a.c.
im Zimmermannischen Garten vor dem Grimmischen Thore den hohen Geburts-Tag des Durchl. Chur-Prinzen von Sachsen mit einer solennen Musick von Nachmittag 4. bis 6. Uhr unterthänigst celebrieren“, kündigte 1733 die Leipziger Zeitun- gen an. Im Februar war August der Starke gestorben, und von seinem Nachfolger Friedrich August II. erhoffte Johann Sebastian Bach die Ernennung zum Hofkomponisten. Die Huldigungskantaten zum Geburtstag des – elfjährigen – Kurprinzen sowie der Gattin des Herrschers, Maria Josepha, waren daher Bestandteil einer Werbekampagne in eigener Sache – und Bach hatte damit letztendlich auch Erfolg; 1736 erhielt er den Titel.
Masaaki Suzuki, der bereits mit der Gesamteinspielung der geistlichen Kantaten Bachs international für Furore sorgte, wendet sich nun mit dem Bach Collegium Japan offenbar den weltlichen Kantaten zu. Diese CD enthält Lasst uns sorgen, lasst uns wachen BWV 213 und Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten! BWV 214, die beiden oben benannten Kantaten. Dem Musikfreund werden sie sehr bekannt vorkommen, denn die allermeisten Stücke daraus hat Bach recycelt – im Weihnachtsora- torium.
Wer diese beiden Kantaten mit Verstand anhört, der wird erstaunt sein über die meisterhafte Parodie. Denn im Original wird der antike Halbgott Herkules – noch minderjährig, also Alt, durch die Wollust, Sopran, in Versuchung geführt, entscheidet sich aber für die Tugend, Tenor. Und weil man für ein Sängerquartett auch einen Bass benötigt, wird diesem die Figur des Merkur zugewiesen.
Noch kurioser sind übrigens die Rollen besetzt in der Kantate für die Kurfürstin – es treten auf Bellona, die Göttin des Krieges, Sopran, Pallas Athene, Alt, die Göttin der Künste und der Wissenschaften, die Friedens- göttin Irene, Tenor, und die Göttin Fama, zuständig für den Ruhm, Bass. Aber die Musik ist grandios, und die Einspielung ist auch nicht zu verachten. Allerdings erscheint die Innigkeit, die man bei Suzukis Aufnahmen der geistlichen Kantaten so bewundert, bei den weltlichen Werken nicht ganz passend. Für das politische Dramma per musica hätte man sich mehr Schwung, mehr Jubel und mehr Theatralik gewünscht, insbesondere auch bei den Chören.
im Zimmermannischen Garten vor dem Grimmischen Thore den hohen Geburts-Tag des Durchl. Chur-Prinzen von Sachsen mit einer solennen Musick von Nachmittag 4. bis 6. Uhr unterthänigst celebrieren“, kündigte 1733 die Leipziger Zeitun- gen an. Im Februar war August der Starke gestorben, und von seinem Nachfolger Friedrich August II. erhoffte Johann Sebastian Bach die Ernennung zum Hofkomponisten. Die Huldigungskantaten zum Geburtstag des – elfjährigen – Kurprinzen sowie der Gattin des Herrschers, Maria Josepha, waren daher Bestandteil einer Werbekampagne in eigener Sache – und Bach hatte damit letztendlich auch Erfolg; 1736 erhielt er den Titel.
Masaaki Suzuki, der bereits mit der Gesamteinspielung der geistlichen Kantaten Bachs international für Furore sorgte, wendet sich nun mit dem Bach Collegium Japan offenbar den weltlichen Kantaten zu. Diese CD enthält Lasst uns sorgen, lasst uns wachen BWV 213 und Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten! BWV 214, die beiden oben benannten Kantaten. Dem Musikfreund werden sie sehr bekannt vorkommen, denn die allermeisten Stücke daraus hat Bach recycelt – im Weihnachtsora- torium.
Wer diese beiden Kantaten mit Verstand anhört, der wird erstaunt sein über die meisterhafte Parodie. Denn im Original wird der antike Halbgott Herkules – noch minderjährig, also Alt, durch die Wollust, Sopran, in Versuchung geführt, entscheidet sich aber für die Tugend, Tenor. Und weil man für ein Sängerquartett auch einen Bass benötigt, wird diesem die Figur des Merkur zugewiesen.
Noch kurioser sind übrigens die Rollen besetzt in der Kantate für die Kurfürstin – es treten auf Bellona, die Göttin des Krieges, Sopran, Pallas Athene, Alt, die Göttin der Künste und der Wissenschaften, die Friedens- göttin Irene, Tenor, und die Göttin Fama, zuständig für den Ruhm, Bass. Aber die Musik ist grandios, und die Einspielung ist auch nicht zu verachten. Allerdings erscheint die Innigkeit, die man bei Suzukis Aufnahmen der geistlichen Kantaten so bewundert, bei den weltlichen Werken nicht ganz passend. Für das politische Dramma per musica hätte man sich mehr Schwung, mehr Jubel und mehr Theatralik gewünscht, insbesondere auch bei den Chören.
Dienstag, 25. August 2015
Beethoven - Schubert - Chopin. Menahem Pressler (BIS)
Menahem Pressler ist unter Musik- freunden eine Legende. Geboren wurde er 1923 als Max Pressler in Magdeburg; nach der Reichskristall- nacht 1938 gelang ihm gemeinsam mit seinen Eltern die Flucht aus Deutschland. 1940 ging er in die USA; 1946 gewann er den Debussy-Klavierwettbewerb in San Francisco. Das wurde der Auftakt für ein musikalisches Lebenwerk, wie es beeindruckender kaum sein könnte. Denn 1955 gründete Pressler das legendäre Beaux Arts Trio, dessen Pianist er bis zur Auflösung des Ensembles im Jahre 2008 war. Seit 60 Jahren unterrichtet er mit Hingabe junge Musiker. Er lehrt weltweit in Meisterklassen, und wirkt als Juror bei internationalen Klavierwettbewerben. Er gibt zudem noch immer Konzerte; so gastierte er 2014 erstmals bei den Berliner Philharmonikern.
Im Jahre 2012 hat er zwei große Sonaten – die Klaviersonate op 110 von Ludwig van Beethoven und die Klaviersonate in B-Dur D 960 von Franz Schubert – für BIS eingespielt. Letztere war Schuberts letztes Instrumen- talwerk überhaupt. Diese beiden Werke komplettiert Pressler mit dem Nocturne cis-Moll von Frédéric Chopin, Musik von einer subtilen Melancholie, die der Pianist allerdings nicht betont in den Mittelpunkt rückt. Sein Klavierspiel erscheint überhaupt wie aus einer anderen Welt: Pressler beeindruckt durch Gelassenheit. Nicht Artistik, sondern Ausdruck und Tiefe sind ihm wichtig; und so entstehen besondere, ja, magische Momente – faszinierend, bewegend, hinreißend.
Im Jahre 2012 hat er zwei große Sonaten – die Klaviersonate op 110 von Ludwig van Beethoven und die Klaviersonate in B-Dur D 960 von Franz Schubert – für BIS eingespielt. Letztere war Schuberts letztes Instrumen- talwerk überhaupt. Diese beiden Werke komplettiert Pressler mit dem Nocturne cis-Moll von Frédéric Chopin, Musik von einer subtilen Melancholie, die der Pianist allerdings nicht betont in den Mittelpunkt rückt. Sein Klavierspiel erscheint überhaupt wie aus einer anderen Welt: Pressler beeindruckt durch Gelassenheit. Nicht Artistik, sondern Ausdruck und Tiefe sind ihm wichtig; und so entstehen besondere, ja, magische Momente – faszinierend, bewegend, hinreißend.
Dienstag, 14. Juli 2015
Mozart: Piano Concertos (BIS)
Auf der Suche nach dem perfekten Klang hat Ronald Brautigam schon so manche Entdeckung vorzuweisen. So hat der niederländische Pianist bei BIS Records bereits Klavierwerke von Haydn, Mendelssohn und Beethoven auf dem Hammerklavier eingespielt. Mit dieser Super Audio CD setzt er nun seinen ebenfalls hochgelobten Mozart-Zyklus fort. Ausgewählt hat er für diese Aufnahme das Klavier- konzert Nr. 18 KV 456, komponiert 1784 für die blinde Pianistin Maria Theresia von Paradis, und das Klavierkonzert Nr. 22 KV 482 aus dem Jahre 1785. Beide Werke zeichnen sich durch die gekonnte Verwen- dung der einzelnen Orchesterstimmen, insbesondere der Bläser, aus.
Der Komponist setzte sie immer ein wenig anders ein, als erwartet, und erreichte damit auch überraschende Klangfärbungen. So schrieb Mozarts Vater über das Konzert KV 456 im Jahre 1785 begeistert an Mozarts Schwester, Wolfgang habe „ein herrliches Concert“ gespielt: „Ich (..) hatte das vergnügen alle Abwechslungen der Instrumente so vortrefflich zu hören, dass mir vor Vergnügen die thränen in den augen standen.“
KV 482 ist eines von nur drei Konzerten, in denen Mozart Klarinetten einsetzte – damals ein gänzlich neues Instrument, dessen „Effect“ der Musiker schon früh zu schätzen wusste. Dieses Konzert ist ohnehin erstaunlich umfangreich besetzt, mit Pauken und Trompeten, und mit Hörnern, die einen für die damalige Zeit ungewöhnlich selbständigen Part bekamen. Gemeinsam mit der Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens erkundet Brautigam die Klangeffekte, die sich daraus ergeben. Der Pianist musiziert auf dem Nachbau eines Fortepianos aus der Werkstatt des berühmten Wiener Klavierbauers Anton Walter (1752 bis 1826). Angefertigt wurde dieses Instrument, das sich klanglich schon sehr von einem modernen Konzertflügel unterscheidet, 1992 von Paul McNulty. Die Einspielung ist insgesamt sehr farbenreich, und erfreut mit vielen kleinen Details, die normalerweise in den Klangfluten der modernen Instrumente untergehen. Unbedingt anhören!
Der Komponist setzte sie immer ein wenig anders ein, als erwartet, und erreichte damit auch überraschende Klangfärbungen. So schrieb Mozarts Vater über das Konzert KV 456 im Jahre 1785 begeistert an Mozarts Schwester, Wolfgang habe „ein herrliches Concert“ gespielt: „Ich (..) hatte das vergnügen alle Abwechslungen der Instrumente so vortrefflich zu hören, dass mir vor Vergnügen die thränen in den augen standen.“
KV 482 ist eines von nur drei Konzerten, in denen Mozart Klarinetten einsetzte – damals ein gänzlich neues Instrument, dessen „Effect“ der Musiker schon früh zu schätzen wusste. Dieses Konzert ist ohnehin erstaunlich umfangreich besetzt, mit Pauken und Trompeten, und mit Hörnern, die einen für die damalige Zeit ungewöhnlich selbständigen Part bekamen. Gemeinsam mit der Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens erkundet Brautigam die Klangeffekte, die sich daraus ergeben. Der Pianist musiziert auf dem Nachbau eines Fortepianos aus der Werkstatt des berühmten Wiener Klavierbauers Anton Walter (1752 bis 1826). Angefertigt wurde dieses Instrument, das sich klanglich schon sehr von einem modernen Konzertflügel unterscheidet, 1992 von Paul McNulty. Die Einspielung ist insgesamt sehr farbenreich, und erfreut mit vielen kleinen Details, die normalerweise in den Klangfluten der modernen Instrumente untergehen. Unbedingt anhören!
Samstag, 14. Februar 2015
Martin Fröst - Mozart (BIS Records)
Schon einmal hatte Martin Fröst das Klarinettenkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart eingespielt. Die Aufnahme, 2002 erschienen, gehört bis heute bei BIS zu den Bestsellern – und der Katalog dieses Labels ist wahrlich geprägt durch exzellente Musiker und herausragende Interpretationen. Was also veranlasst Fröst dazu, ein solches Werk noch einmal anzugehen? Nun – zum einen gibt es ganz sicher nichts, was man nicht letztendlich gern noch besser machen möchte. Und aus der Erfah- rung sowie aus dem gemeinsamen Musizieren heraus ergeben sich auch neue Ideen. Die Deutsche Kammer- philharmonie Bremen jedenfalls, die Fröst gleich selbst dirigierte, agiert sehr sensibel und feinsinnig.
Bei der Auswahl der Noten entschied sich Fröst zudem für eine Variante, die dem (verlorenen) Original, das Mozart einst für Anton Stadler komponierte, möglicherweise am nächsten kommt. Genutzt wurde nicht die übliche Version, die dem Tonumfang der A-Klarinette angepasst ist. Fröst spielt statt dessen die moderne Rekonstruktion einer Bassettklari- nette. Für dieses tiefere Instrument aus der Klarinettenfamilie ist das Werk einst entstanden, und es ergibt sich natürlich ein anderes Klangbild, wenn nicht ganze Passagen hochoktaviert gespielt werden müssen. Fröst musiziert mit wundervollem, samtweichem Ton und perfekter sanglicher Phrasierung.
Da das Klarinettenkonzert, Mozarts letztes Instrumentalkonzert, leider ein Solitär ist, hat Fröst die CD durch das Kegelstatt-Trio und das selten zu hörende Allegro für Klarinette und Streichquartett komplettiert. Dafür hat sich der Klarinettist die Mitwirkung namhafter Musikerkollegen gesichert. Sie waren ganz sicher auch beim kritischen Blick auf die Partitur inspi- rierende Partner. Das Trio für Klarinette, Viola und Piano KV 498 gestaltet Fröst gemeinsam mit Antoine Tamestit, Viola, und Leif Ove Andsnes am Klavier als intime Miniatur, wie einen Blick in einen Wiener Salon mit seiner gepflegten Konversation.
Das Allegro für Klarinette und Streichquartett B-Dur ist eigentlich ein Fragment; Robert Levin hat das Werk in den 60er Jahren kunstvoll ergänzt, so dass es gespielt werden kann. Fröst musiziert hier mit einem wirklich hochkarätig besetzten Streichquartett zusammen: Zu hören sind Janine Jansen und Boris Brovtsyn, Violine, Maxim Rysanov, Viola und Torleif Thedéen, Violoncello. Faszinierend!
Bei der Auswahl der Noten entschied sich Fröst zudem für eine Variante, die dem (verlorenen) Original, das Mozart einst für Anton Stadler komponierte, möglicherweise am nächsten kommt. Genutzt wurde nicht die übliche Version, die dem Tonumfang der A-Klarinette angepasst ist. Fröst spielt statt dessen die moderne Rekonstruktion einer Bassettklari- nette. Für dieses tiefere Instrument aus der Klarinettenfamilie ist das Werk einst entstanden, und es ergibt sich natürlich ein anderes Klangbild, wenn nicht ganze Passagen hochoktaviert gespielt werden müssen. Fröst musiziert mit wundervollem, samtweichem Ton und perfekter sanglicher Phrasierung.
Da das Klarinettenkonzert, Mozarts letztes Instrumentalkonzert, leider ein Solitär ist, hat Fröst die CD durch das Kegelstatt-Trio und das selten zu hörende Allegro für Klarinette und Streichquartett komplettiert. Dafür hat sich der Klarinettist die Mitwirkung namhafter Musikerkollegen gesichert. Sie waren ganz sicher auch beim kritischen Blick auf die Partitur inspi- rierende Partner. Das Trio für Klarinette, Viola und Piano KV 498 gestaltet Fröst gemeinsam mit Antoine Tamestit, Viola, und Leif Ove Andsnes am Klavier als intime Miniatur, wie einen Blick in einen Wiener Salon mit seiner gepflegten Konversation.
Das Allegro für Klarinette und Streichquartett B-Dur ist eigentlich ein Fragment; Robert Levin hat das Werk in den 60er Jahren kunstvoll ergänzt, so dass es gespielt werden kann. Fröst musiziert hier mit einem wirklich hochkarätig besetzten Streichquartett zusammen: Zu hören sind Janine Jansen und Boris Brovtsyn, Violine, Maxim Rysanov, Viola und Torleif Thedéen, Violoncello. Faszinierend!
Freitag, 7. März 2014
Beethoven: Piano Concerto No. 5 / Choral Fantasia; Brautigam (BIS)
Was für eine tolle CD! Zwar werden moderne Instrumente eingesetzt, aber Ronald Brautigam hat aus einer Vielzahl von Aufnahmen mit Nachbauten historischer Forte- pianos offenbar Klangvorstellun- gen mitgenommen, die sein Spiel am Steinway D deutlich beein- flussen. Darauf lässt sich auch das Norrköping Symphony Orchestra unter Andrew Parrott ein. Im Ergebnis entstand eine Interpreta- tion, die klar konturiert, ja geradezu kammermusikalisch wirkt, schlank und transparent.
Sehr gelungen erscheint auch die Chorfantasie mit ihren vielen Solopassagen. Beethoven hat, so scheint es, in seinen Variationen nahezu jede Instrumentengruppe einmal solistisch hervortreten lassen. Den Schlusschor nicht mit Menschenmassen, sondern mit einem Kammerchor zu besetzen, das erscheint im Kontext dieser Aufnahme nur zu schlüssig. Musiziert wird hervorragend. Natürlich könnte man beide Werke mitpfeifen, so oft hat man sie schon gehört. Aber was die Sänger und Musiker um Brautigam daraus machen, das klingt so frisch und unverbraucht, dass man atemlos lauscht. Bravi!
Sehr gelungen erscheint auch die Chorfantasie mit ihren vielen Solopassagen. Beethoven hat, so scheint es, in seinen Variationen nahezu jede Instrumentengruppe einmal solistisch hervortreten lassen. Den Schlusschor nicht mit Menschenmassen, sondern mit einem Kammerchor zu besetzen, das erscheint im Kontext dieser Aufnahme nur zu schlüssig. Musiziert wird hervorragend. Natürlich könnte man beide Werke mitpfeifen, so oft hat man sie schon gehört. Aber was die Sänger und Musiker um Brautigam daraus machen, das klingt so frisch und unverbraucht, dass man atemlos lauscht. Bravi!
Samstag, 14. September 2013
Carl Philipp Emanuel Bach: The Complete Keyboard Concertos; Spányi (BIS)
Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) war im April 1768 nach
Hamburg umgezogen. Dort nahm er die durch den Tod seines Paten Georg
Philipp Telemann (1681 bis 1767) vakant gewordene Stelle als
städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum an. Ähnlich wie
einst sein Vater in Leipzig, so suchte sich Bach für den Unterricht
an dem renommierten Gymnasium schon bald einen Vertreter, an den er
den größten Teil dieser Lehrver- pflichtung delegierte.
Trotz seiner umfangreichen Amtspflichten gelang es dem Musiker offenbar, sich genug Freiraum zu verschaffen, um Besucher und Bewunderer zu empfangen sowie am gesellschaftlichen Leben der Hansestadt teilzunehmen. Auch komponierte Bach weiterhin fleißig, vor allem Instrumentalmusik, insbesondere für besaitete Tasten- instrumente.
So veröffentlichte er bald nach seiner Ankunft in Hamburg eine Reihe von Werken, darunter sechs Cembalokonzerte, die Bach ausdrücklich als „leicht“ anpries; auch sollten sie notfalls auch ohne Instrumente aufzuführen sein. Im Klavierpart enthalten sind zudem Vorschläge für Kadenzen und Verzierungen. Miklós Spányi präsentiert diese über- raschend innovativen Werke auf CD 18 und 19 seiner Gesamteinspie- lung aller „Clavier“-Konzerte des Komponisten. Sie erscheint, wie auch die Gesamtaufnahme aller Werke, die Carl Philipp Emanuel Bach für Tasteninstrumente solo geschaffen hat, bei dem Label BIS Records.
Und erneut hat der ungarische Organist und Cembalist die Instru- mente für diese Aufnahmen mit großer Sorgfalt ausgewählt. Für die Sei Concerti greift er dazu auf zeitgenössische Rezensionen zurück, die betonen, dass Bach diese Stücke „für den Flügel komponierte, was in diesem Zusammenhang das Cembalo meint“, so Spányi. Hamburg sei damals ein bedeutendes Zentrum des deutschen Cembalo-Baus gewesen. Doch zugleich sei der britische Einfluss in Norddeutschland stark gewesen; Instrumente aus England waren weithin sehr begehrt.
Spieltechnisch boten sie zudem einige Möglichkeiten, die hervorra- gend zu Bachs Anforderungen passen, erläutert der Cembalist. So verfügten sie oftmals über ein sogenanntes Maschinenregister, eine Vorrichtung, die über ein Pedal schnelle Registerwechsel ermög- lichte. Und der sogenannte Schweller gestattete ganz erstaunliche dynamische Nuancen. Das Problem: Ein solches Instrument in spielfähigem Zustand war nirgends aufzutreiben.
Schließlich kam Spányi auf die Idee, den Nachbau eines Cembalos von Joannes Daniel Dulcken zu verwenden, ergänzt um einen Schweller. Die Instrumente des Antwerpeners waren den englischen zumindest ähnlich, meint der Musiker. Bei den beiden letzten Solokonzerten Bachs, entstanden 1778, entschied er sich zudem einmal für ein Hammerklavier - einen Broadwood-Flügel, der sich im Musikinstru- mentenmuseum des Ungarischen Institutes für Musikwissenschaft in Budapest befindet und der von János Macsai so gut restauriert worden ist, dass er wieder gespielt werden kann.
Zum herrlichen Klang dieser Instrumente kommt noch die exzellente Begleitung durch das ungarische Barockorchester Concerto Armo- nico. Dieses Ensemble, mit dem Spányi seit vielen Jahren gemeinsam musiziert, steht ihm auch hier sachkundig und spielfreudig zur Seite. So sind Aufnahmen entstanden, die Maßstäbe setzen – und die man auch mit Freude anhört. Spányis Begeisterung für das Werk Carl Philipp Emanuel Bachs jedenfalls kann man nachvollziehen.
Trotz seiner umfangreichen Amtspflichten gelang es dem Musiker offenbar, sich genug Freiraum zu verschaffen, um Besucher und Bewunderer zu empfangen sowie am gesellschaftlichen Leben der Hansestadt teilzunehmen. Auch komponierte Bach weiterhin fleißig, vor allem Instrumentalmusik, insbesondere für besaitete Tasten- instrumente.
So veröffentlichte er bald nach seiner Ankunft in Hamburg eine Reihe von Werken, darunter sechs Cembalokonzerte, die Bach ausdrücklich als „leicht“ anpries; auch sollten sie notfalls auch ohne Instrumente aufzuführen sein. Im Klavierpart enthalten sind zudem Vorschläge für Kadenzen und Verzierungen. Miklós Spányi präsentiert diese über- raschend innovativen Werke auf CD 18 und 19 seiner Gesamteinspie- lung aller „Clavier“-Konzerte des Komponisten. Sie erscheint, wie auch die Gesamtaufnahme aller Werke, die Carl Philipp Emanuel Bach für Tasteninstrumente solo geschaffen hat, bei dem Label BIS Records.
Und erneut hat der ungarische Organist und Cembalist die Instru- mente für diese Aufnahmen mit großer Sorgfalt ausgewählt. Für die Sei Concerti greift er dazu auf zeitgenössische Rezensionen zurück, die betonen, dass Bach diese Stücke „für den Flügel komponierte, was in diesem Zusammenhang das Cembalo meint“, so Spányi. Hamburg sei damals ein bedeutendes Zentrum des deutschen Cembalo-Baus gewesen. Doch zugleich sei der britische Einfluss in Norddeutschland stark gewesen; Instrumente aus England waren weithin sehr begehrt.
Spieltechnisch boten sie zudem einige Möglichkeiten, die hervorra- gend zu Bachs Anforderungen passen, erläutert der Cembalist. So verfügten sie oftmals über ein sogenanntes Maschinenregister, eine Vorrichtung, die über ein Pedal schnelle Registerwechsel ermög- lichte. Und der sogenannte Schweller gestattete ganz erstaunliche dynamische Nuancen. Das Problem: Ein solches Instrument in spielfähigem Zustand war nirgends aufzutreiben.
Schließlich kam Spányi auf die Idee, den Nachbau eines Cembalos von Joannes Daniel Dulcken zu verwenden, ergänzt um einen Schweller. Die Instrumente des Antwerpeners waren den englischen zumindest ähnlich, meint der Musiker. Bei den beiden letzten Solokonzerten Bachs, entstanden 1778, entschied er sich zudem einmal für ein Hammerklavier - einen Broadwood-Flügel, der sich im Musikinstru- mentenmuseum des Ungarischen Institutes für Musikwissenschaft in Budapest befindet und der von János Macsai so gut restauriert worden ist, dass er wieder gespielt werden kann.
Zum herrlichen Klang dieser Instrumente kommt noch die exzellente Begleitung durch das ungarische Barockorchester Concerto Armo- nico. Dieses Ensemble, mit dem Spányi seit vielen Jahren gemeinsam musiziert, steht ihm auch hier sachkundig und spielfreudig zur Seite. So sind Aufnahmen entstanden, die Maßstäbe setzen – und die man auch mit Freude anhört. Spányis Begeisterung für das Werk Carl Philipp Emanuel Bachs jedenfalls kann man nachvollziehen.
Montag, 26. August 2013
Carl Philipp Emanuel Bach: The Solo Keyboard Music; Spányi (BIS)
Mit großem Eifer widmet sich der ungarische Organist und Cembalist Miklós Spányi der Gesamtein- spielung aller Werke, die Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) für Tasteninstrumente solo geschaffen hat. Sie erscheint bei BIS Records, und umfasst mittler- weile 26 CD.
Die CD 24 und 25 enthalten Sona- ten, die Bach 1743/44 geschrieben oder aber grundlegend überarbei- tet hat. Es sind prächtige Werke von großem Format, stilistisch sehr abwechslungsreich, handwerklich virtuos. Spányi spielt sie auf einem Clavichord aus der Werkstatt des belgischen Klavierbauers Joris Potvlieghe nach einem Vorbild sächsischer Tradition. Dieses Instrument ist sehr groß, sehr laut und bietet eine erstaunlich umfangreiche Palette an Klangfarben.
Eine besondere Überraschung hält CD 26 bereit. Darauf erklingen die ersten drei der sogenannten Fortsetzung-Sonaten Wq 51. Zu Bachs Zeiten war es üblich, dass die Musiker in den Reprisen stilistisch passende virtuose Verzierungen improvisierten. Für Schüler und Liebhaber hat Carl Philipp Emanuel Bach gelegentlich Versionen zu Papier gebracht, in denen er diese Verzierungen ausgeschrieben hat. Zwei Beispiele dafür hat Spányi hier den entsprechenden Sonaten nachgestellt.
Von der Sonate Nr. 1 C-Dur wiederum existieren drei verschiedene Varianten. „Nachdem die Sonate in ihrer ursprünglichen Form veröffentlicht worden war, komponierte Bach zwei weitere Versionen“, erläutert Spányi. „Diese sind nicht nur verziert, sondern durchweg neu komponiert, was zu zwei völlig neuen, eigenständi- gen Sonaten mit denselben Basslinien und Harmoniefortschreitun- gen führt – eine bemerkenswerte und einzigartige Leistung.“ Der Cembalist hat für diese CD zusätzlich die erste veränderte Version eingespielt; die zweite soll auf der nächsten CD folgen.
Spányi musiziert hier auf einem Clavichord, das Joris Potvlieghe nach einem Original von Gottfried Joseph Horn, Dresden 1785, angefertigt hat. Das Vorbild für dieses Instrument, das ebenso expressives wie differenziertes Spiel gestattet, befindet sich heute in der Sammlung des Musikinstrumentenmuseums Leipzig.
Die CD 24 und 25 enthalten Sona- ten, die Bach 1743/44 geschrieben oder aber grundlegend überarbei- tet hat. Es sind prächtige Werke von großem Format, stilistisch sehr abwechslungsreich, handwerklich virtuos. Spányi spielt sie auf einem Clavichord aus der Werkstatt des belgischen Klavierbauers Joris Potvlieghe nach einem Vorbild sächsischer Tradition. Dieses Instrument ist sehr groß, sehr laut und bietet eine erstaunlich umfangreiche Palette an Klangfarben.
Eine besondere Überraschung hält CD 26 bereit. Darauf erklingen die ersten drei der sogenannten Fortsetzung-Sonaten Wq 51. Zu Bachs Zeiten war es üblich, dass die Musiker in den Reprisen stilistisch passende virtuose Verzierungen improvisierten. Für Schüler und Liebhaber hat Carl Philipp Emanuel Bach gelegentlich Versionen zu Papier gebracht, in denen er diese Verzierungen ausgeschrieben hat. Zwei Beispiele dafür hat Spányi hier den entsprechenden Sonaten nachgestellt.
Von der Sonate Nr. 1 C-Dur wiederum existieren drei verschiedene Varianten. „Nachdem die Sonate in ihrer ursprünglichen Form veröffentlicht worden war, komponierte Bach zwei weitere Versionen“, erläutert Spányi. „Diese sind nicht nur verziert, sondern durchweg neu komponiert, was zu zwei völlig neuen, eigenständi- gen Sonaten mit denselben Basslinien und Harmoniefortschreitun- gen führt – eine bemerkenswerte und einzigartige Leistung.“ Der Cembalist hat für diese CD zusätzlich die erste veränderte Version eingespielt; die zweite soll auf der nächsten CD folgen.
Spányi musiziert hier auf einem Clavichord, das Joris Potvlieghe nach einem Original von Gottfried Joseph Horn, Dresden 1785, angefertigt hat. Das Vorbild für dieses Instrument, das ebenso expressives wie differenziertes Spiel gestattet, befindet sich heute in der Sammlung des Musikinstrumentenmuseums Leipzig.
Sonntag, 21. Juli 2013
Mozart: Oboe Concerto / Quartet / Sonata (BIS)
Wolfgang Amadeus Mozart schuf sein Oboenkonzert KV 314 vermutlich für einen Musiker der Salzburger Hofkapelle. Berühmt geworden ist damit aber ein anderer Solist: Friedrich Ramm (1744 bis 1811) war Solo-Oboist in dem berühmten Orchester des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz. Mit ihm freundete sich Mozart während seines Mannheimer Aufenthaltes 1777 an, und das Konzert wurde sehr schnell, berichtete Mozart, „des Hrn. Ramm sein Cheval de bataille“.
Das Oboenquartett KV 370 schrieb der Komponist dann gezielt für diesen Musiker; es bietet dem Oboisten einerseits schöne Melodien, andererseits aber auch jede Menge virtuose Passagen, die seinerzeit nur von einem ausgesprochenen Könner vorgetragen werden konnten. Denn die Oboe, die damals gespielt wurde, unterscheidet sich von den heute gebräuchlichen Instrument ähnlich stark wie die Traversflöte der Bach-Zeit von der heute üblichen Böhm-Flöte.
Alexej Ogrintchouk, Solo-Oboist des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, hat für BIS obendrein noch eine Oboentranskription von Mozarts Violinsonate KV 378 eingespielt. Bei diesem letzten Stück auf der CD musiziert er gemeinsam mit dem Pianisten Leonid Ogrintchouk; das Quartett spielt er zusammen mit Boris Brovtsyn, Maxim Rysanov und Kristina Blaumane, und das Oboenkonzert mit dem Litauischen Kammerorchester. Er spielt allerdings eine moderne Oboe; die CD ist gelungen, sie wird aber, anders als Ogrintchouks Bach-Einspielung, vermutlich keinen Referenzstatus erlangen.
Das Oboenquartett KV 370 schrieb der Komponist dann gezielt für diesen Musiker; es bietet dem Oboisten einerseits schöne Melodien, andererseits aber auch jede Menge virtuose Passagen, die seinerzeit nur von einem ausgesprochenen Könner vorgetragen werden konnten. Denn die Oboe, die damals gespielt wurde, unterscheidet sich von den heute gebräuchlichen Instrument ähnlich stark wie die Traversflöte der Bach-Zeit von der heute üblichen Böhm-Flöte.
Alexej Ogrintchouk, Solo-Oboist des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, hat für BIS obendrein noch eine Oboentranskription von Mozarts Violinsonate KV 378 eingespielt. Bei diesem letzten Stück auf der CD musiziert er gemeinsam mit dem Pianisten Leonid Ogrintchouk; das Quartett spielt er zusammen mit Boris Brovtsyn, Maxim Rysanov und Kristina Blaumane, und das Oboenkonzert mit dem Litauischen Kammerorchester. Er spielt allerdings eine moderne Oboe; die CD ist gelungen, sie wird aber, anders als Ogrintchouks Bach-Einspielung, vermutlich keinen Referenzstatus erlangen.
Montag, 10. Juni 2013
Bach: Cantatas; Suzuki (BIS)
Mit großem Engagement treiben alle Beteiligten die Bach-Kantaten- edition des Bach Collegiums Japan unter Masaaki Suzuki bei BIS Records voran. Mittlerweile liegt Super Audio-CD Nummer 53 vor; dazu kommt CD Nummer drei mit weltlichen Kantaten. Sie enthält auch das fragmentarisch über- lieferte Quodlibet BWV 524, vom dem hier vermutet wird, es sei zu einer Hochzeit entstanden.
Suzuki musiziert stets mit einem ausgesuchten kleinen Ensemble. Den Solisten stehen einige wenige Ripienisten zur Seite. Auch Orche- ster und Continuo sind schlank besetzt. Diese Einspielung ist in ihrer exzellenten Qualität derzeit unübertroffen. Man freut sich über die Brillanz, die Intensität und die Ausdrucksstärke, mit der diese Auf- nahmen immer wieder beeindrucken. Bravi!
Suzuki musiziert stets mit einem ausgesuchten kleinen Ensemble. Den Solisten stehen einige wenige Ripienisten zur Seite. Auch Orche- ster und Continuo sind schlank besetzt. Diese Einspielung ist in ihrer exzellenten Qualität derzeit unübertroffen. Man freut sich über die Brillanz, die Intensität und die Ausdrucksstärke, mit der diese Auf- nahmen immer wieder beeindrucken. Bravi!
Mittwoch, 9. Januar 2013
Montéclair: Cantatas à voix seule (BIS)
Über den Lebensweg von Michel Pignolet de Montéclair (1667 bis 1737) wurde in diesem Blog bereits ausführlich geschrieben. Seine Kammerkantaten führen in die Welt der Nymphen und Schäfer, in die Antike, wie sie im Rokoko gesehen wurde - als Kulisse für höfische Grazie, Leichtigkeit und Amüsement. Nicht die Tragödie, sondern das Idyll war gefragt. Es ist doch erstaunlich, wie die bekannten Geschichten aus Vergils Aeneis auch das hergeben, wenn man sie etwas bearbeitet. Im Mittelpunkt dieser Werke steht die Stimme des Sängers, eingebettet in ein kleines Ensemble, das dennoch erstaunliche Klangeffekte erzielen kann.
Insbesondere die Violinen werden hier sehr vielseitig eingesetzt - sie imitieren ebenso die Jagdhörner Dianas wie Friedenstrompeten, Dudelsäcke oder die Pfeife Pans. Mit einer erstaunlichen Palette an Klangfarben glänzen Musiker des Ensembles London Baroque: Ingrid Seifert und Richard Gwilt, Violine, Charles Medlam und William Hunt, Viola da gamba, und Steven Devine am Cembalo.
Es ist dies allerdings die erste CD, auf der mich Emma Kirkby, eigent- lich eine großartige Sopranistin, nicht vollends überzeugt. Ihre Stimme lässt Leichtigkeit und Eleganz vermissen, sie klingt ange- strengt und hat diese ätherische Aura verloren, die ich bislang an ihr so bewundert habe. Schade.
Insbesondere die Violinen werden hier sehr vielseitig eingesetzt - sie imitieren ebenso die Jagdhörner Dianas wie Friedenstrompeten, Dudelsäcke oder die Pfeife Pans. Mit einer erstaunlichen Palette an Klangfarben glänzen Musiker des Ensembles London Baroque: Ingrid Seifert und Richard Gwilt, Violine, Charles Medlam und William Hunt, Viola da gamba, und Steven Devine am Cembalo.
Es ist dies allerdings die erste CD, auf der mich Emma Kirkby, eigent- lich eine großartige Sopranistin, nicht vollends überzeugt. Ihre Stimme lässt Leichtigkeit und Eleganz vermissen, sie klingt ange- strengt und hat diese ätherische Aura verloren, die ich bislang an ihr so bewundert habe. Schade.
Freitag, 23. November 2012
Mendelssohn: Lieder ohne Worte; Brautigam (BIS)
Wer sich dafür interessiert, wie die Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847) zu Lebzeiten des Kompo- nisten gespielt worden sind, der sollte sich diese Aufnahme mit Ronald Brautigam anhören.
Der niederländische Pianist wurde für sein Spiel auf modernen Instru- menten mit vielen Preisen ausge- zeichnet. Doch mit gleicher Lei- denschaft widmet sich Brautigam dem Musizieren auf dem Forte- piano. So hat er mittlerweile bei dem Label BIS sämtliche Klavierwerke Mozarts, Klavierkonzerte und Sonaten Beethovens sowie die Klavierkonzerte von Mendelssohn eingespielt.
Nun hat er sich die Lieder ohne Worte vorgenommen - Musikstücke, die beispielhaft vorführen, wie die Romantiker Grenzen zwischen den Künsten aufgelöst haben. Denn üblicherweise haben Lieder einen Text. Doch der Komponist sah für das Wort Probleme, die er in der Musik überwunden fand: "Die Leute beklagen sich gewöhnlich, Musik sei so vieldeutig; es sei so zweifelhaft, was sie sich dabei zu denken hätten, und die Worte verstünde doch ein Jeder", schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy im Jahre 1842. "Mir geht es aber gerade umgekehrt. Und nicht blos mit ganzen Reden, auch mit einzelnen Worten, auch die scheinen mir so vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die Einem die Seele erfüllt mit tausend bessern Dingen, als Worten. Das was mir eine Musik ausspricht die ich liebe, sind mir nicht zu unbestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu bestimmte."
Sechs Hefte mit je sechs Liedern ohne Worte hat Mendelssohn zu Lebzeiten herausgegeben. Auf dieser CD finden sich die ersten vier davon, sowie fünf weitere Stücke, die der Komponist nicht veröffent- licht hat. Brautigam spielt sie auf einem Hammerflügel, der nach einem Instrument aus dem Jahre 1830 aus der Werkstatt Ignaz Pleyels von dem renommierten Klavierbauer Paul McNulty ange- fertigt worden ist. Das Original befindet sich im Musée de la musique in Paris.
Dieses Fortepiano hat einen erstaunlich warmen, wandlungsfähigen Ton - doch es erzwingt offenbar auch eine Spielweise, die hektischer wirkt, als man das von den modernen Instrumenten gewohnt ist. Brautigam produziert damit eher Klangflächen als durchhörbare Strukturen. Das muss man mögen - und in diesem Falle überzeugt es mich nicht.
Der niederländische Pianist wurde für sein Spiel auf modernen Instru- menten mit vielen Preisen ausge- zeichnet. Doch mit gleicher Lei- denschaft widmet sich Brautigam dem Musizieren auf dem Forte- piano. So hat er mittlerweile bei dem Label BIS sämtliche Klavierwerke Mozarts, Klavierkonzerte und Sonaten Beethovens sowie die Klavierkonzerte von Mendelssohn eingespielt.
Nun hat er sich die Lieder ohne Worte vorgenommen - Musikstücke, die beispielhaft vorführen, wie die Romantiker Grenzen zwischen den Künsten aufgelöst haben. Denn üblicherweise haben Lieder einen Text. Doch der Komponist sah für das Wort Probleme, die er in der Musik überwunden fand: "Die Leute beklagen sich gewöhnlich, Musik sei so vieldeutig; es sei so zweifelhaft, was sie sich dabei zu denken hätten, und die Worte verstünde doch ein Jeder", schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy im Jahre 1842. "Mir geht es aber gerade umgekehrt. Und nicht blos mit ganzen Reden, auch mit einzelnen Worten, auch die scheinen mir so vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die Einem die Seele erfüllt mit tausend bessern Dingen, als Worten. Das was mir eine Musik ausspricht die ich liebe, sind mir nicht zu unbestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu bestimmte."
Sechs Hefte mit je sechs Liedern ohne Worte hat Mendelssohn zu Lebzeiten herausgegeben. Auf dieser CD finden sich die ersten vier davon, sowie fünf weitere Stücke, die der Komponist nicht veröffent- licht hat. Brautigam spielt sie auf einem Hammerflügel, der nach einem Instrument aus dem Jahre 1830 aus der Werkstatt Ignaz Pleyels von dem renommierten Klavierbauer Paul McNulty ange- fertigt worden ist. Das Original befindet sich im Musée de la musique in Paris.
Dieses Fortepiano hat einen erstaunlich warmen, wandlungsfähigen Ton - doch es erzwingt offenbar auch eine Spielweise, die hektischer wirkt, als man das von den modernen Instrumenten gewohnt ist. Brautigam produziert damit eher Klangflächen als durchhörbare Strukturen. Das muss man mögen - und in diesem Falle überzeugt es mich nicht.
Abonnieren
Posts (Atom)



















