Posts mit dem Label Cummings werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Cummings werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 13. Juni 2018

Bach Tripl3s (Raumklang)

Vor langer, langer Zeit, da galt die Musik als eine Wissenschaft. Sie gehörte, ergänzend zum Trivium – Grammatik, Dialektik und Rhetorik – zum Lehrstoff im Studium an der sogenannten Artistenfakultät. Dort wurde nicht etwa Zirkuskunst unterrichtet, sondern die septem artes liberales, die sieben freien Künste – was die Grundlage schuf für ein weiterführendes Studium an einer der drei „höheren“ Fakultäten, in den Bereichen Theologie, Jurisprudenz oder Medizin. 
Das sprachlich orientierte Trivium endete mit dem Abschluss als Bakkalaureus; darauf folgte das mathema- tisch ausgerichtete Quadrivium, das zum Magister führte. Dies war zugleich die Voraussetzung für den Einstieg in den Beruf des Lehrers. Zum Quadrivium gehörten – gelehrt wurde übrigens europaweit ausschließlich in lateinischer Sprache – Arithmetik, Geometrie, was auch Geographie und Naturgeschichte mit einschloss, also die Vorläufer unserer heutigen Natur- wissenschaften, sowie Musik und Astronomie/Astrologie. 
Musik galt also als mathematische Kunst; und so wird es nicht verblüffen, dass Komponisten bis zur Barockzeit ganz selbstverständlich nicht nur in Regeln, sondern auch in Zahlen dachten. Das Verständnis dafür freilich ging in späteren Jahrhunderten verloren; Musikforscher bemühen sich heute darum, dieses Wissen wieder zu erschließen. 
Johann Sebastian Bach gehörte zu den letzten jener Komponisten, die in ihren Werken auf eine Zahlensymbolik setzten, die für uns heute oftmals im Verborgenen liegt. Einiges ist aber auch offensichtlich: Für Bach verwies beispielsweise die Zahl 3 ganz sicher auf die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und heiligem Geist. Eine beliebte barocke Form war die Triosonate; Bach komponierte aber gern auch für drei Solostimmen und Basso continuo. 
Beispiele dafür hat das Barockensemble Harmony of Nations auf dieser CD zusammengetragen. So ist das Konzert für Cembalo, zwei Blockflöten, zwei Violinen, Viola und Basso continuo BWV 1057 eine interessante Bearbei- tung des vierten Brandenburgischen Konzertes BWV 1049, bei der Bach den ursprünglichen Violinpart, im Mittelsatz auch alle drei Solostimmen, dem Cembalo zugewiesen hat. 
Die Concerti für drei Cembali BWV 1063 und 1064 hingegen erklingen auf dieser CD in der Version für drei Violinen. Bei dem dritten Brandenburgi- schen Konzert, das ebenfalls auf dem Programm steht, wird die Idee dreier Soloinstrumente auf die Spitze getrieben, denn jede der drei Streicher- gruppen – Violinen, Violen und Violoncelli – wird in drei eigenständigen Stimmen eingesetzt. 
Die Geiger teilen sich übrigens in die Soli. Harmony of the Nations musiziert schwungvoll, aber zugleich fein ziseliert und ausgewogen, mit durchweg exzellenter Technik und Gespür für musikalische Strukturen. Mein ganz persönliches Lieblingsstück auf dieser CD ist die Ouvertüre BWV 1069, in der Frühfassung ohne Pauken und Trompeten, die ganz am Anfang zu hören ist. So betont französisch wird diese Orchestersuite selten gespielt. Sehr geschmackvoll und erlesen! 

Mittwoch, 6. Januar 2016

Händel: Agrippina (Accent)

Agrippina, 1709 in Venedig urauf- geführt, war das letzte Werk, das Georg Friedrich Händel in Italien vollendet und aufgeführt hatte. Die Oper war ein Triumph; es gab etwa 30 Vorstellungen am Teatro Grimani di San Giovanni Grisostomo. Eigentlich war Händel nach Venedig gereist, um eine Oper von Antonio Lotti anzuhören. Doch dann ließ er sich wohl dazu überreden, das Libretto von Agrippina zu vertonen. Es stammt von Kardinal Vincenzo Grimani, Vizekönig von Neapel und Besitzer des Theaters, und hat beachtliche Qualitäten: Eine straffe Handlung, starke Charaktere, große Gefühle, jede Menge Intrigen, eine große Portion Komik und permanente Ironie – die Grundlage für eine großartige Musik. Und obgleich Händel dafür überwiegend schon Vorhandenes wiederverwendet haben soll, erweist sich der Komponist einmal mehr als brillant darin, menschliche Eigenschaften und Gefühle hörbar zu machen. 
Händel hat diese Oper in späteren Jahren nie wieder aufgeführt; er hat lediglich einige der Arien in Rinaldo und Il pastor fido, zwei frühen Londoner Opern, noch einmal genutzt. Agrippina ist auch auf der Opern- bühne heute eine Rarität. Eigentlich ist das schade, wie ein Mitschnitt beweist, der bei den Göttinger Händelfestspielen 2015 aufgezeichnet worden ist. Es handelt sich dabei um die Weltersteinspielung nach der neuen kritischen Hallischen Händel-Ausgabe. 
Zu hören sind Ulrike Schneider als ehrgeizige Agrippina, die unbedingt ihren Sohn Nerone zum Kaiser machen will, Ida Falk Winland als Poppea, João Fernandes als Claudio, und die Countertenöre Christopher Ainslie und Jake Arditti als Ottone und Nerone. Es musiziert das Festspiel- orchester Göttingen unter Laurence Cummings. Die sehr ansprechend gestaltetet Box mit drei CD ist bei Accent erhältlich. 

Dienstag, 16. Juni 2015

Händel: Joshua (Accent)

Die vier sogenannten Siegesoratorien galten einst 1746/47 dem Sieg der Hannoveraner Dynastie über die Armee des katholischen Thronprä- tendenten Charles Edward Stuart. Er war 1745 auf den Hebriden gelandet, und sammelte dann in Schottland Truppen um sich. Zunächst zogen die Aufständischen erfolgreich nach Süden. Doch die schottischen Stämme hatten nicht wirklich ein Interesse daran, England zu erobern, und Unterstützung aus Frankreich blieb aus. Deshalb scheiterte der Zweite Jakobitenaufstand; mit einer abenteuerlichen Flucht konnte sich Bonnie Prince Charlie in Sicherheit bringen, während seine Anhänger drakonisch bestraft wurden. 
Georg Friedrich Händel feierte in seinen Oratorien den gottesfürchtigen Heerführer und sein tatkräftiges Volk – den Londonern, die angesichts der heranziehenden Aufständischen bereits von Panik ergriffen waren, dürfte dies gefallen haben. Jedenfalls waren alle vier Werke Publikumserfolge. Heute stehen sie allerdings nicht mehr oft auf dem Programm. Während Judas Maccabaeus heute gelegentlich aufgeführt wird, ist beispielsweise Joshua nur selten zu hören. Dieses Oratorium schildert die Einnahme des gelobten Landes durch das Volk Israel. Die Göttinger Händelfestspiele haben sich daran gewagt – und das hat sich durchaus gelohnt, wie der Live-Mitschnitt vom 29. Mai 2014 aus der Stadthalle beweist. 
Im Mittelpunkt des Werkes steht das Volk, präsent in überwältigenden Chorszenen, so beim Einsturz der Mauern von Jericho, beim Feiern des Pessachfestes oder im finalen Jubel und Lobpreis. Das ist eine Aufgabe, der sich die Profis vom NDR Chor mit Präzision und Temperament stellen – sie haben, nach dem Orchester, den umfangreichsten Part, und sie gestalten ihn hinreißend. Die perfekten barocken Instrumentalklänge dazu ergänzt das Festspiel-Orchester Göttingen unter Leitung von Laurence Cummings. Die Musiker sind Spezialisten aus dem Bereich der historischen Aufführungspraxis, und auch sie begeistern mit jener Kombination aus Sachkenntnis und Leidenschaft, die man schon beim NDR Chor gar nicht genug loben kann. 
Dem Heerführer Joshua, sehr hörenswert gesungen von dem tenore di grazia Kenneth Tarver, überbringt ein Engel Gottes Weisungen. Auch diese Partie ist mit einem Tenor besetzt. Sie ist klein, aber alles andere als trivial und wird von Joachim Duske übernommen. Leider erfährt man über diesen Solisten im ansonsten umfangreichen Beiheft nichts. Alle anderen Mitwirkenden werden mit Biographien vorgestellt. Man fühlt sich in die Oper versetzt, wenn dann der junge Kämpfer Othniel und seine Freundin Achsah (Renata Pokupic und Anna Dennis, Mezzosopran und Sopran) miteinander turteln. Othniel hofft, nach der Schlacht bei ihrem Vater Caleb (gesungen von Bariton Tobias Berndt) um ihre Hand anhalten zu können. Wie Händel Kampf und Liebe als Kontraste nebeneinander stellt, wie er Affekte zu Musik und Musik zu Gefühl werden lässt, das ist immer wieder faszinierend. Unbedingt anhören!