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Samstag, 20. Januar 2018

Abel: Symphonies op. 7 (cpo)

Eine Sinfonie von Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787) wurde lange für ein Werk von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) gehalten. Der Achtjährige hatte sie 1764 bei seinem Aufenthalt in London eigenhändig kopiert, um sich zu üben und daran zu lernen. Insbesondere der Mittelsatz dieser Sinfonie scheint das Wunderkind tief beeindruckt zu haben. 
Michael Schneider spürt mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt solch musikalischen Verwandt- schaften nach. Die Auseinander- setzung mit dem Schaffen Abels führt in ein interessantes Kapitel der Musikgeschichte: Ursprünglich waren Sinfonien Vorspiele, Ouvertüren, die die Aufmerksamkeit des Publikums erwecken und auf ein nachfol- gendes, gewichtiges Werk lenken sollten. Zum Ende des 18. Jahrhunderts aber wurde die Sinfonie zu einem selbständigen und höchst bedeutenden Genre; bereits in der Wiener Klassik erlebte sie  in der erneuerten Form eine erste Blütezeit. 
Die vorliegende Aufnahme mit den sechs Sinfonien op. VII führt uns zu den Anfängen dieser Entwicklung: „Was Abels Sinfonien so unver- wechselbar macht unter denen seiner Zeitgenossen, sind also nicht deren Kopfsätze in (später so genannter) Sonatenform, auch nicht seine Finalsätze, die ausnahmslos und meist in Rondoform geradezu volkstümliche Tänze wie schnelle Kontretänze oder Menuette darstellen: es sind vielmehr seine langsamen Mittelsätze, die – zumeist als Andante bezeichnet und häufig in ,sempre piano'-Dynamik – eine neue und durchaus eigene Musiksprache sprechen“, schreibt Michael Schneider im Beiheft zu dieser CD. „Und von diesen sind es auch nicht in erster Linie jene galanten oder empfindsamen Beispiele wie die aus den Sinfonien G-Dur oder C-Dur , sondern die geradezu ,hymnischen' liedartigen Sätze für Streicher alleine wie die aus den in Sinfonien B-Dur und F-Dur.“ 
Die Musiker von La Stagione Frankfurt verstehen ihr Metier, und sie präsentieren Abels Sinfonien hinreißend. Dabei betont Schneider besonders die Tatsache, dass diese Werke kontinentale und englische Traditionen verbinden. Falls sich aber nun jemand für Musikgeschichte nicht interessiert – man kann diese Einspielung auch einfach so genießen. Es lohnt sich! 

Dienstag, 28. November 2017

Cavalli: Requiem, Grandi: Motets (Raumklang)

Als Francesco Cavalli (1602 bis 1676) einst spürte, dass sein Lebensende naht, ordnete er seine Angelegen- heiten. Er ging dabei so weit, dass er in seinem Testament präzise Anwei- sungen für seine Beisetzungsfeier- lichkeiten gab, und sein eigenes Requiem komponierte. 
Cavalli war ein Musiker von europäi- schem Rang. Als Mitte des 17. Jahr- hunderts die Oper in Venedig in hoher Blüte stand, gehörte Cavalli zu den erfolgreichsten Opernkomponi- sten – 30 Werke dieser noch jungen Gattung sind von ihm überliefert. Doch auch der Kirchenmusik widmete sich Cavalli mit großer Ernsthaftig- keit. Mit 14 Jahren war er als Sänger in den Chor des Markusdomes aufgenommen worden und begann dort unter Kapellmeister Claudio Monteverdi und dem maestro del canto Alessandro Grandi seine musikalische Laufbahn. In späteren Jahren wirkte er dort auch als Organist und ab 1668 als maestro di capella
Für sein achtstimmiges Requiem wünschte er sich eine große Besetzung. Neben dem kompletten Sängerensemble sollten auch zwei Violinen, vier Violen, zwei Zinken, zwei Theorben, Posaunen, Dulzian, Violone und drei Orgeln mitwirken. So üppig besetzt ist diese Einspielung mit dem Ensemble Polyharmonique nicht. Alexander Schneider, der Leiter dieses Solistenverbundes, hat sich für acht Sänger und Basso continuo entschieden; zu hören sind hier Juliane Laake, Bassgambe, Maximilian Ehrhardt, Arpa doppia, und Klaus Eichhorn, Orgelpositiv. 
Diese Minimalbesetzung unterstützt allerdings die Aussage des Werkes in staunenswerter Weise. Denn anders als seine Opern schrieb Cavalli diese Totenmesse weniger für ein Publikum als vielmehr für die Ewigkeit. Sie ist ein Juwel musikalischen Gestaltungsvermögens und zeugt sowohl von der Gelehrsamkeit des Komponisten als auch von seiner Innovationskraft – die Cavalli freilich aus der Tradition schöpft, auf die er sich auch immer wieder bezieht. 
Dennoch fühlt man sich immer wieder an Mozarts Requiem erinnert, auch wenn Cavallis Werk so gar nicht dramatisch ist. Hier wird nicht mit dem Tode gerungen, und vor der Hölle gezittert, hier erscheint der Tod eher als das letzte Hindernis vor der ewigen Seligkeit. Und so ist denn diese Musik von geradezu überirdischer Schönheit, und voller Trost. Den Gesangs- solisten und Musikern gelingt es wunderbar, diese Botschaft zu vermitteln. Ergänzt wird die Totenmesse durch Motetten von Alessandro Grandi. 

Mittwoch, 1. November 2017

In Erlkönigs Reich (Hänssler Classic)

David Jerusalem, Jahrgang 1985, hat nun bei Hänssler Classic, in Koproduktion mit Deutschlandradio, sein Debütalbum veröffentlicht. Auch wenn er mittlerweile in zahlreichen Opernpartien zu erleben war, hat der junge Sänger dafür ein Liedprogramm zusammengestellt, mit Balladen von Carl Loewe (1796 bis 1869) und Franz Schubert (1797 bis 1828). 
Neben bekannten Werken von Loewe, wie Odins Meeresritt, Archibald Douglas, Tom der Reimer oder Die Uhr, sind zahlreiche Lieder Schuberts zu hören, die zumeist eher zu den unbekannteren gehören – Der Zwerg beispielsweise, Auf der Donau, Gruppe aus dem Tartarus, Der Pilgrim oder Wie Ulfru fischt. Der Vergleich ist spannend – und das nicht nur, weil beide Komponisten Goethes Erlkönig vertont haben. 
Auch musikalisch bietet diese Kombination so manche Überraschung. Denn der Zuhörer wird bald feststellen, dass die Lieder klanglich mitunter verblüffend ähnlich sind; der Klavierpart ist bei beiden Komponisten anspruchsvoll und reicht über eine simple Begleitung weit hinaus. David Jerusalem konnte dafür den erfahrenen Pianisten Eric Schneider gewinnen, der dem Bassbariton mit seinem ausdrucksstarken Klavierspiel ein exzellenter Partner ist. Auch wenn noch nicht alles perfekt ist, in manchen Passagen ist mir beispielsweise das Klavier zu laut, beeindrucken beide Musizierpartner durch ihr enormes Gestaltungsvermögen. Loewes Ballade Die Uhr beispielsweise habe ich noch nie besser gehört. Chapeau! 

Donnerstag, 12. Januar 2017

Schubert (Raumklang)

„Denn es ziemt, des Tags Vollendung mit Genießern zu genießen“, möchte man Amarcord zustimmen, beim Anhören dieser CD. Das Leipziger Vokalensemble hat aus der großen Anzahl mehrstimmiger Gesänge, die Franz Schubert im Laufe seines Lebens erschaffen hat, für diese Einspielung eine kleine, aber feine Auswahl zusammengestellt. 
Schon als Sängerknabe, im Kompo- sitionsunterricht bei Antonio Salieri, schrieb Schubert seine ersten Chor- sätze; es sind sogar solche frühen Arbeiten überliefert, die der Lehrer korrigiert hat. Auch seine Mitstudenten und in späteren Jahren dann der Freundeskreis schätzten seine Werke, ebenso wie die geselligen Runden, die sich zum gemeinsamen Singen neuer Kompositionen versammelten. 
Auch die Verleger schätzten Schuberts Männerquartette; sie waren offenbar sehr gefragt und verkauften sich gut. Hört man die Aufnahme, ahnt man, warum: Vom Weckruf für eine eingeschlummerte Freundin über die Beschwörung der Natur als Spiegel der eigenen Stimmungen bis hin zum empfindsamen Lobpreis der Liebe und zum pathetischen Trinklied findet sich in dieser musikalischen Schatztruhe so ziemlich alles. 
Amarcord lädt ein zu einer Reise in die phantasievolle Welt des 19. Jahr- hunderts. Begleitet wird das Quintett bei manchen Liedern von dem Pianisten Eric Schneider, der sich als ein hervorragender Klavierpartner präsentiert. Die ehemaligen Thomaner lassen sich einmal mehr perfekt aufeinander abgestimmt hören; besonders erfreulich finde ich, dass auch die Textverständlichkeit durchweg exzellent ist. 

Mittwoch, 6. Januar 2016

Händel: Agrippina (Accent)

Agrippina, 1709 in Venedig urauf- geführt, war das letzte Werk, das Georg Friedrich Händel in Italien vollendet und aufgeführt hatte. Die Oper war ein Triumph; es gab etwa 30 Vorstellungen am Teatro Grimani di San Giovanni Grisostomo. Eigentlich war Händel nach Venedig gereist, um eine Oper von Antonio Lotti anzuhören. Doch dann ließ er sich wohl dazu überreden, das Libretto von Agrippina zu vertonen. Es stammt von Kardinal Vincenzo Grimani, Vizekönig von Neapel und Besitzer des Theaters, und hat beachtliche Qualitäten: Eine straffe Handlung, starke Charaktere, große Gefühle, jede Menge Intrigen, eine große Portion Komik und permanente Ironie – die Grundlage für eine großartige Musik. Und obgleich Händel dafür überwiegend schon Vorhandenes wiederverwendet haben soll, erweist sich der Komponist einmal mehr als brillant darin, menschliche Eigenschaften und Gefühle hörbar zu machen. 
Händel hat diese Oper in späteren Jahren nie wieder aufgeführt; er hat lediglich einige der Arien in Rinaldo und Il pastor fido, zwei frühen Londoner Opern, noch einmal genutzt. Agrippina ist auch auf der Opern- bühne heute eine Rarität. Eigentlich ist das schade, wie ein Mitschnitt beweist, der bei den Göttinger Händelfestspielen 2015 aufgezeichnet worden ist. Es handelt sich dabei um die Weltersteinspielung nach der neuen kritischen Hallischen Händel-Ausgabe. 
Zu hören sind Ulrike Schneider als ehrgeizige Agrippina, die unbedingt ihren Sohn Nerone zum Kaiser machen will, Ida Falk Winland als Poppea, João Fernandes als Claudio, und die Countertenöre Christopher Ainslie und Jake Arditti als Ottone und Nerone. Es musiziert das Festspiel- orchester Göttingen unter Laurence Cummings. Die sehr ansprechend gestaltetet Box mit drei CD ist bei Accent erhältlich. 

Montag, 9. November 2015

Michael: Musicalische Seelenlust (Raumklang)

Tobias Michael (1592 bis 1657) war den Sohn des Dresdner Hofkapell- meisters Rogier Michael. Seine musikalische Laufbahn begann er 1601 als Sängerknabe in der Hofkapelle; 1609 schickte ihn der Kurfürst zur weiteren Ausbildung an die Landesschule in Pforta. Anschließend studierte Michael ab 1613 erst in Wittenberg, und dann in Jena. 1619 erhielt er die Stelle des Kapellmeisters an einer soeben neu errichteten Kirche in Sondershausen. 1621 fielen allerdings das Schloss und fast die gesamte Stadt einem verheerenden Brand zum Opfer; danach setzten seine Dienstherren, die Grafen zu Schwarzburg, die den Musiker ungern ziehen lassen wollten, Michael als Kanzleibeamten ein. 
Nach dem Tode von Johann Hermann Schein wurde Tobias Michael 1631 zum neuen Thomaskantor gewählt. So konnte er aus dem bedrängten Sondershausen nach Leipzig umziehen, wo er trotz Krieg und Seuchen dafür sorgte, dass das Kantorat an Bedeutung gewann – und dass die Thomaner wieder erstklassig sangen. So widmete Heinrich Schütz, der neue Hofkapellmeister in Dresden, der Stadt Leipzig und ihrem „berühmbten Chor“ seine Geistliche Chormusik von 1648. Der erzielte Qualitätszuwachs ist umso erstaunlicher, wenn man in der Leichpredigt liest, dass Tobias Michael in seinen 30 letzten Lebensjahren immer wieder von schweren Gichtanfällen geplagt wurde, und zum Schluss das Krankenlager gar nicht mehr verlassen konnte. 
Das bedeutendste Werk Michaels ist die Musicalische Seelenlust, 1634/35 und 1637 in zwei Teilen im Druck veröffentlicht. Der erste Teil enthält 30 geistliche Madrigale – biblische Texte in Vertonungen für fünf Stimmen, gesetzt nach dem seinerzeit innovativen italienischen Vorbild. Insofern erinnert dieser Teil an Scheins berühmtes Israelsbrünnlein. Im zweiten Teil fasste Michael 50 geistliche Konzerte für sehr unterschiedliche Besetzungen zusammen. Auf dieser CD erklingen Werke aus beiden Teilen, vorgetragen vom Ensemble Polyharmonique.

Montag, 3. März 2014

Schütz: Kleine geistliche Konzerte I (Carus)

„Anempfohlen sei, man möge sich beim Hören in Ruhe auf einige wenige der ‚Kleinen geistlichen Konzerte‘ beschränken, vielleicht vier oder fünf – dazwischen sei genügend Raum für nachklingen- de Stille“, empfiehlt Ludger Rémy in einem Geleitwort zu dieser CD. „Denn jedes Concert ist mehr als nur reine Musik: Es ist Verkündi- gung.“ 
Es ist dies die erste CD der neuen Schütz-Gesamteinspielung bei Carus, an der Hans-Christoph Rademann nicht mitgewirkt hat. Das hat der Aufnahme nicht gut getan. Festzustellen ist: Dem Ensemble hier fehlt es klar an Führung. Denn die Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz beziehen ihre Ausdrucksstärke gerade aus der untrennbaren Verknüpfung von Text und Musik, sie sind Exegese mit musikalischen Mitteln. 
Dazu allerdings muss der Hörer zu allererst den Text verstehen. Das fällt nicht leicht, wenn die Instrumente die Sänger übertönen. Zu hö- ren sind hier zudem Verzierungen, die das Wort nicht unterstreichen, sondern verwischen. An solchen kleinen Details stellt man fest, dass es dieser Interpretation an Sorgfalt und Tiefgründigkeit mangelt. Empfehlen kann ich die CD daher leider nicht; mittlerweile sind eine ganze Reihe ausdrucksstärkerer Aufnahmen auf dem Markt, und wer es nostalgisch möchte, dem sei beispielsweise die „originale“ Besetzung mit Knabenstimmen aus dem Dresdner Kreuzchor ans Herz gelegt. Sie singen mit jener Eindringlichkeit, die man bei den Profis hier vermisst. Von einer „Luxusbesetzung“, so wirbt das Label, darf man wohl mehr erwarten als saubere Töne. 

Samstag, 11. Januar 2014

Walter Braunfels - Große Messe (Decca)

Walter Braunfels (1882 bis 1954) gehört zu einer verlorenen Gene- ration deutscher Komponisten. Sie waren zur Zeit der Weimarer Repu- blik sehr erfolgreich – Braunfels beispielsweise gehörte seinerzeit neben Franz Schreker und Richard Strauss zu den meistgespielten deutschen Opernkomponisten. Doch im sogenannten „Dritten Reich“ verschwanden die Werke jener Musiker von den Spielplänen und aus den Konzertsälen, weil sie zu Entarteter Kunst erklärt wurden, oder weil der Stammbaum des Urhebers nicht arisch genug war. 
Braunfels war „Halbjude“, was ausreichte, um den Gründungsrektor der Kölner Musikhochschule 1933 all seiner Ämter zu entheben. Seine Kompositionen durften nicht mehr aufgeführt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Braunfels, wie viele andere verfemte Musiker aus jener Zeit, nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. Und so gerieten seine Werke in Vergessenheit. Erst in den 90er Jahren wurden einige davon hier und da wieder aufgeführt. 
Auch der renommierte Dirigent Manfred Honeck setzte sich in seiner Zeit als Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart für das Erbe von Walter Braunfels ein. So erklang am 18. April 2010 im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart erstmals wieder dessen Große Messe op. 37. Es handelt sich dabei um ein umfangreiches, groß besetztes Werk, das das Ringen des Komponisten mit dem Glauben spiegelt. 
Braunfels entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie aus Frankfurt/Main. Sein Vater war allerdings zum protestantischen Glauben konvertiert. Es wird berichtet, dass dem Sohn Religion zunächst wenig bedeutete – bis er sich unter dem Eindruck seines Fronteinsatzes im Ersten Weltkrieg zum Katholizismus bekannte. 1922 wurde er für sein Te Deum gefeiert. Fünf Jahre später wurde die Große Messe unter Hermann Abendroth im Kölner Gürzenich uraufgeführt. Im Mittelpunkt dieser Messkomposition steht das Credo. Es ist mit Abstand der längste Abschnitt des Werkes. Hier erklingen auch zum ersten Male die Knabenstimmen, die Braunfels mit der Person Jesu verbindet. 
Die Große Messe ist ein farbenreiches, mitunter auch wuchtiges Werk; wer Mahler und Bruckner schätzt, der wird hier viel Vertrautes entdecken. Ein Mitschnitt dieses Konzertes ist nun bei Decca erschienen. Zu hören sind das Solistenquartett Simone Schneider, Gerhild Romberger, Matthias Klink und Attila Jun, Staatsorchester und Staatsopernchor sowie der Knabenchor Collegium iuvenum Stuttgart. 

Freitag, 3. Januar 2014

Telemann: Wind Concertos Vol. 8 (cpo)

Wer Ohren hat, zu hören, der wird spätestens durch diese CD davon überzeugt, dass Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) keineswegs der Langweiler und Vielschreiber war, zu dem ihn Musikwissenschaftler später erklärt haben. Auf insgesamt acht CD hat Michael Schneider mit seinen Ensembles La Stagione Frankfurt und Camerata Köln zahlreiche Bläserkonzerte des Komponisten eingespielt. 
Ob man wirklich von einer „Gesamteinspielung“ sprechen kann, darüber äußert Telemann-Experte Professor Wolfgang Hirschmann im Beiheft begründete Zweifel. Abwechslung aber bietet die Aufnahme reichlich, das wird schon beim Blick auf die Besetzungen der einzelnen Werke deutlich; so sind Konzerte für Block- sowie Traversflöten und Fagott ebenso dabei wie Konzerte für Hörner, für Oboe, für Trompete und zwei Oboen, für Oboe'amore, ja, sogar für zwei Chalumeaux, zumeist gemeinsam mit Streichern und Basso continuo. 
Zwar erklärte Telemann 1718 in seiner Autobiographie, dass seine Konzerte „mehrentheils nach Franckreich riechen“. Doch woher auch immer der Komponist seine Anregungen bezogen hat – immer stellt man fest: Es ist am Ende Telemann, was in den Noten steht. Er schöpfte aus einem schier unerschöpflichen Vorrat von Formen, Klangideen und Melodien, und er verwandelte das musikalische Material durch seinen unverkennbaren Personalstil. 
Wer diese CD hört, der wird über die Schaffenskraft des Komponisten staunen, und sich über die exzellente Qualität der Einspielung freuen. Die Musiker um Schneider spielen großartig. Noch schöner wäre es, wenn nun bald eine Gesamtaufnahme der Telemann-Konzerte folgen würde, in denen Bläser und Streicher in gemischten Besetzungen konzertieren. Ich bin mir sicher, dass dies weitere Entdeckungen ermöglichen würde. 

Freitag, 20. September 2013

The Virtuoso Recorder II (cpo)

Vor zwei Jahren hat Michael Schneider bei cpo bereits eine Sammlung mit virtuosen Block- flötenkonzerten des deutschen Barock vorgestellt. Nun wendet er sich Konzerten aus Italien zu – genauer gesagt aus Neapel, wo das Instrument in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts offenbar brillant gespielt wurde.
Schneider ist in Archiven und Sammlungen auf die Suche gegangen, und er konnte dort tatsächliche einige Werke aufspüren, die wirkliche Raritäten sind – beispielsweise Konzerte von Nicola Fiorenza (um 1700 bis 1764) und Francesco Mancini (1679 bis 1739), eine sehr hübsche Sonate von Giovanni Antonio Piani (1678 bis 1757), ein Concerto von Leonardo Vinci (um 1690 bis 1730), eine Cantata für Altblockflöte von Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) und ein Concertino des  Geigenvirtuosen Giuseppe Tartini (1692 bis 1770). Einige dieser Stücke erklingen auf dieser CD in Welterst- einspielung.
Und natürlich ließ es sich Schneider nicht nehmen, auch das F-Dur-Konzert von Giuseppe Sammartini (1693 bis 1750) vorzutragen – ein richtiges, „großes“ Konzert für die Sopranblockflöte; hier kann man hören, was man mit diesem Instrument wirklich anfangen kann, wenn man es kann. Die CD enthält zudem noch ein schönes Concerto für „Flauto piccolo, 2 Violini e Violoncello“, dessen Manuskript sich in der Rostocker Universitätsbibliothek befindet, und einem „Sig. Hendl“ zugeschrieben wird. Die Händel-Forscher legen da allerdings ihr Veto ein. Wer dieses gelungene Werk tatsächlich geschrieben hat, das wird sich wohl nicht mehr sicher feststellen lassen. Schneider jedenfalls verortet es in Neapel, und musiziert gemeinsam mit der Cappella Academica Frankfurt/Main mit Leidenschaft und mit Esprit. Wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, dass Michael Schneider zu den derzeit besten Blockflötenvirtuosen der Welt gehört – hier ist er!

Mittwoch, 15. Mai 2013

Wie mit vollen Chören (Rondeau)

Wie am preußischen Hof musiziert wurde, das ist bekannt. Doch welche Musik haben die Bürger gehört, beispielsweise in den Kirchen der Doppelstadt Berlin-Cölln? Das wollte der Verein "Musik aus Berlins historischer Mitte" er- kunden, und hat in Archiven nach Werken jener Musiker gesucht, die im 16. und 17. Jahrhundert an den drei Stadtpfarrkirchen St. Nikolai, St. Marien und St. Petri gewirkt haben. 
Was dort gefunden wurde, das ist in dem Buch "Wie mit vollen Chören - 500 Jahre Kirchenmusik in Berlins historischer Mitte" nachzulesen, herausgegeben von Ingeborg Allihn und Wilhelm Poeschel. Und wie die Musik geklungen hat, das zeigen nun das Marienvokalconsort und das Marienensemble auf dieser CD. 
Die Sänger und Musiker gehören zum Umfeld der Marienkantorei Berlin. So besteht das Marienensemble aus Berufsmusikern, die projektbezogen mit den Chören der Marienkantorei zusammen- arbeiten. Das Marienvokalconsort ist ein Doppelquartett von versierten Sängern, gegründet 2011 von Marienkantorin Marie-Louise Schneider. Für die CD-Aufnahme wurde es allerdings kräftig aufgestockt und durch eine umfangreiche Solistenriege ergänzt. 
Das macht auch Sinn, denn die meisten dieser Werke verlangen sehr geübte Stimmen und eine gewisse klangliche Wucht. Der erste in der Riege der Kantoren, die hier vorgestellt werden, ist Leonhard Camerer. Er stammte aus Bayern, und wurde in Berlin-Cölln 1582/83 als Cantor superior an St. Nikolai angestellt. Er starb 1584. Seine Werke stehen in Sammlungen neben denen von Hans Leo Hassler oder Orlando di Lasso. Hört man seine Motette Decantabat populus Israel, dann ist das durchaus zu verstehen. 
Johann Crüger (1598 bis 1662) ist in der Kirchenmusik eine Berühmt- heit; er war der erste, der Gedichte Paul Gerhardts vertont hat. Er wurde 1622 Kantor an St. Nikolai und zugleich Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster. In diesen Ämtern folgte ihm 1662 Johann Georg Ebeling (1637 bis 1676). Er stammte aus Lüneburg, und war ein Schüler von Matthias Weckmann. Im Kirchenstreit - Kurfürst Johann Sigismund war 1615 zum Calvinismus konvertiert, Bürgerschaft und Geistlichkeit wollten Lutheraner bleiben - unterstützte er Paul Ger- hardt, der Diakon an der Nikolaikirche war und 1666 vom Kurfürsten entlassen wurde. Als Gerhardt 1668 nach Lübben ging, zog Ebeling als Lehrer nach Stettin. 
Magnus Peter Henningsen (1655 bis 1702) wurde 1688 Kantor an der Marienkirche. Und Philipp Westphal, gestorben 1702, wirkte an 1667 als Kantor an St. Petri sowie als Lehrer am Cöllnischen Gymnasium, wo er auch die Kurrende leitete. Die Werke all dieser Kantoren, die für diese CD ausgewählt wurden, sind durchweg beeindruckend, die Interpretationen sind es auch. Der Hörer wird sich dem Urteil des Musikforschers Curt Sachs (1881 bis 1959) anschließen, der 1908 schrieb: "Es muss eine musikalisch hohe Zeit damals in Berlin gewesen sein, als an der ersten Pfarrkirche drei Männer vom Range Crügers, Gerhardts und Hintzes  zusammenwirkten. Nie wieder in glücklicheren Zeiten hat die Sonne der Berliner Musikkultur so hell gestrahlt, wie an dem Morgen, da sie aus der Nacht des Dreißig- jährigen Krieges aufging." Bedenkt man, welche großartigen Musiker auch in späteren Jahrhunderten in Berlin wirkten, dann wird erst deutlich, wie hoch Sachs das Schaffen dieser "Gründerväter" der Berliner Chorkultur schätzte. 

The Virtuoso Recorder (cpo)

"Was haben die Komponisten des deutschen Spätbarock Johann Friedrich Fasch, Christoph Graup- ner, Johann Christian Schickhardt, Johann Christian Schultze und Johann Adolf Scheibe gemein- sam?", fragt Michael Schneider im Beiheft zu dieser CD - und gibt auch gleich selbst die Antwort: "Sie haben allesamt mindestens ein Concerto für Altblockflöte hinter- lassen!" 
Das ist keineswegs selbstverständ- lich, denn zu ihren Lebzeiten war die Blockflöte bereits gründlich aus der Mode, verdrängt von der Traversflöte, so dass sie über 200 Jahre lang gänzlich aus dem Konzertleben verschwand. Doch warum und für wen diese Werke damals komponiert wurden, das lässt sich nur in Ausnahmefällen heute noch herausfinden. 
Ein solcher Ausnahmefall ist das Concerto von Johann Friedrich Fasch, das erst kürzlich wiederentdeckt worden ist und hier in Welt- ersteinspielung erklingt. Es stammt aus der Sammlung des Grafen Aloys Thomas Raimund Harrach, die sich heute zum Teil in der Public Library New York befindet. Harrach war nicht nur Gesandter des Kaisers Karl VI. in Dresden und zeitweise auch Vizekönig von Neapel, er scheint auch eine Vorliebe für die "altmodische" Blockflöte gepflegt zu haben. Denn er ließ beispielsweise in Neapel Werke für dieses Instrument von den größten Komponisten schreiben, die die Region seinerzeit zu bieten hatte, wie Johann Adolf Hasse, Leonardo Leo oder Nicola Fiorenza. Es wird vermutet, dass er Fasch persönlich begegnet ist, und das Konzert bei dem Komponisten in Auftrag gegeben hat. 
Sollte er dieses Werk selbst gespielt haben, dann muss er das Instrument brillant beherrscht haben. Denn das Fasch-Konzert ist eine Herausforderung selbst für Blockflötenvirtuosen. Michael Schneider zeigt, dass die Altblockflöte ein ernstzunehmendes Kon- zertinstrument ist, mit enormen und erstaunlichen Ausdrucksmög- lichkeiten. Er gehört ohne Zweifel zu den derzeit weltweit führenden Blockflötisten. Den Solopart der barocken Konzerte, zu denen auch noch eines von Mattheus Nikolaus Stulick gehört, meistert er locker, beweglich und lebendig. Er lässt die Flöte singen, wo sie singen soll - und jagt durch die virtuosen Passagen, dass dem Zuhörer schier die Luft wegbleibt. 
Begleitet wird der Virtuose von seinem Ensemble Cappella Academi- ca Frankfurt. Die Musiker überzeugen mit ihrem sensiblen, inspirier- ten kammermusikalischen Spiel und einem transparenten Klangbild - ein perfekter Rahmen, der die Blockflöte umso besser in Szene setzt. Bravi!

Freitag, 18. Mai 2012

Telemann: Wind Concertos Vol. 7 (cpo)

Das Ensemble La Stagione hat unter Michael Schneider für cpo sämtliche Bläserkonzerte von Georg Philipp Telemann einge- spielt. Dies ist nun die vorletzte CD der Reihe, und sie macht erneut deutlich, wie effektvoll, farben- reich und handwerklich versiert Telemann komponierte. 
Er nutzte sowohl französische Stil- elemente als auch den "italiäni- schen Rock", und kombinierte beides gern mit Ideen, die er in jungen Jahren der polnischen Tanzmusik abgelauscht hatte, die Telemann offenbar ebenfalls sehr schätzte. 
Ein ganz besonderes Bonbon ist ohne Zweifel das Concerto in D-Dur für Corno da caccia, Streicher und Basso continuo. Jörg Schulteß wagt sich an die außerordentlich anspruchsvolle Solopartie, und er bewältigt dieses Virtuosenstückchen souverän. Hervorragend ge- spielt sind aber auch all die anderen Bläserkonzerte; die Musiker des Ensembles La Stagione zeigen zudem, dass man Telemann durchaus schätzen muss - denn seine Musik hat viele Facetten, und ist immer für eine Überraschung gut.

Mittwoch, 25. April 2012

Scarlatti: La Colpa, il Pentimento, la Grazia (Capriccio)

Die Passions- und Osterzeit des Jahres 1708 brachte in Rom gleich zwei herausragende musikalische Ereignisse: In der Karwoche, am Mittwoch, erklang im Palazzo des Kardinals und Vizekanzlers des Heiligen Stuhls Pietro Ottoboni ein Passionsoratorium des italieni- schen Altmeisters Alessandro Scarlatti. Und am Ostersonntag folgte darauf im Palazzo des Prinzen Ruspoli die Resurrezione des 23jährigen Georg Friedrich Händel. 
Während dieses Werk durch die Händel-Forschung schon vor einiger Zeit wieder erschlossen worden ist, fand Scarlattis Oratorium lange keine Beachtung. Das hat Michael Schneider zum Anlass genommen, La Colpa, il Pentimento, la Grazia 1991 mit dem Orchester und Vokal- ensemble La Stagione erstmals wieder aufzuführen. 
Das abendfüllende Oratorio per la Passione di Nostro Signore Gesù Cristo erweist sich als theologisch hoch anspruchsvoller Diskurs zwischen den allegorischen Figuren Schuld, Reue und Gnade. Das Libretto dafür schrieb Ottoboni höchstpersönlich. Eingebettet darin erklingen die Klagegesänge des Jeremias - in italienischer Sprache, was eigentlich damals nicht üblich war. Scarlatti nutzt die Psalmodie, um ihr einen kunstvollen Orchestersatz beizufügen, der die Lamenta- tiones musikalisch ausdeutet. "Scarlattis Werk ist von einer außer- gewöhnlichen Ernsthaftigkeit und einzigartigen Ausdruckstiefe", resümiert Schneider in dem sehr informativen Beiheft. Dies lasse es "auch über die Passionszeit hinaus zu einem bedeutenden Zeugnis der Auseinandersetzung mit den Problemen menschlicher Existenz werden." 
Schneider entschied zudem, Scarlattis Oratorio durch die Lamenta- tione per il Mercordi Santo sowie Crocifissione e Morte di Nostro Signore Giesù Cristo, eine Cantate für Altstimme und Orchester, beides von Alessandro Stradella, zu ergänzen. Die Solopartien singen Mechthild Bach und Petra Geitner, Sopran, sowie Kai Wessel, Alt. 

Sonntag, 22. Januar 2012

Schütz: Musikalische Exequien (Carus)

Trauermusiken von Heinrich Schütz hat Hans-Christoph Rade- macher für CD 3 der Schütz-Ge- samteinspielung mit dem Dresdner Kammerchor zusammengestellt. Dabei wird das exzellente Dresdner Ensemble zusätzlich durch junge Solisten unterstützt, die dennoch durchweg sehr viel Erfahrung im Bereich der "Alten" Musik mit- bringen: Dorothee Mields, Anja Zügner, Alexander Schneider, Jan Kobow, Tobias Mäthger, Harry van der Kamp und Matthias Lutze singen Soli mit Strahlkraft, fügen sich aber ebenso selbstverständlich ins Ensemble ein. Der Dresdner Kammerchor musiziert erneut auf höchstem Niveau; an Violone und Orgel lassen sich Matthias Müller und Ludger Rémy hören. So gelingt Rademann eine Hochglanz-Auf- nahme, die in ihrer Perfektion schon fast wieder ein bisschen langwei- lig ist. Spannend ist allerdings das Repertoire - man staunt, doch diese CD enthält vier Weltersteinspielungen. Ganz offensichtlich gibt es in Schütz' Werk noch immer einige Perlen zu entdecken, die bei aller Schütz-Renaissance bislang nicht die verdiente Aufmerksamkeit be- kommen haben. 

Sonntag, 4. Dezember 2011

Geistliche Musik der Bach Familie (Capriccio)

Für diese 5-CD-Box hat das Label Capriccio das hauseigene Archiv durchsucht - und darin viel Hörenswertes gefunden. Da wären dann also drei CD mit Aufnahmen, die von der Rheinischen Kantorei und dem Orchester Das Kleine Konzert unter Hermann Max mit diversen Solisten eingespielt worden sind. Hier finden sich Raritäten wie die Osterkantate Gott hat den Herrn auferwecket Wq 244, Heilig Wq 217 für Solo-Alt, zwei vierstimmige Chöre und zwei Orchester sowie die Kantate Anbetung dem Erbarmer Wq 243 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788). 
Von Johann Ernst Bach (1722 bis 1777) stammt die Motette Meine Seele erhebt den Herrn sowie Das Vertrauen der Christen auf Gott, Eine Ode auf den 77. Psalm für Tenor, Chor und Orchester. Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795) ist vertreten mit Wachet auf, rufet uns die Stimme, einer Motette für vierstimmigen Chor und Basso continuo. Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784) schuf Erzittert und fallet, eine Kantate zum Ostersonntag, und Johann Ludwig Bach (1677 bis 1731) Gedenke meiner, mein Gott, eine Motette zu 8 Stimmen und Basso continuo, sowie eine Trauermusik. Der Dresdner Kammerchor sowie das Ensemble La Stagione Frankfurt unter Michael Schneider steuern ein Tantum ergo T 209/7 für vier Solostimmen, Chor und Orchester von Johann Christian Bach (1735 bis 1782) bei. 
Motetten und einige Choralsätze sowie die Chorsätze zum Magnificat von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) singt der Rostocker Motettenchor, begleitet von den Instrumentalsolisten der Capella Fidicina Leipzig; diese Aufnahme dirigierte Hartwig Eschenburg. Die Capella Fidicina Leipzig unter ihrem Leiter Hans Grüss sowie eine Vielzahl von Solisten sind auch zu hören auf einer CD mit Kantaten aus dem Alt-Bachischen Archiv - Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ und Ach wie sehnlich wart' ich der Zeit von Johann Michael Bach (1648 bis 1694), Siehe, wie fein und lieblich ist von Georg Christoph Bach (1642 bis 1697) und Meine Freundin, du bist schön, eine Hochzeitskantate von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703). Zwar sind die einzelnen Interpretationen von unterschiedlicher Qualität, doch eine solche Sammlung ist rar und reizvoll - und die Box sei daher hier empfohlen. 

Samstag, 3. Dezember 2011

Pergolesi: Stabat Mater (Naxos)

"Dein Brief fand mich just mitten in der Arbeit das Stabat Mater in teutsche reime mit beybehaltung des Rhythmus zu übersetzen; eine RuderknechtsArbeit, wenn's ein Mensch thun müßte", schrieb Christoph Martin Wieland 1779 an Johann Heinrich Merck. Wenige Tage später starb seine achtjährige Tochter Regina Dorothea - ein Verlust, der den Dichter, der am Weimarer Hof als Prinzenerzieher wirkte, schwer getroffen hat. Die Beschäftigung mit der Musik Giovanni Battista Pergolesis (1710 bis 1736), und das Ringen um die adäquate Übertragung des Textes in die deutsche Sprache mögen Wieland getröstet haben. 
Es mag verblüffen, doch die vorliegende CD bringt diese Textversion als Welt-Ersteinspielung - und dazu noch ein weiteres Werk nach einem Text Wielands, Der Frühling Wq 237 / H 723 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) sowie Entro le viscere, eine italieni- sche Kantate, die Carl Heinrich Graun (1701 bis 1759) für den preußi- schen Kronprinzen Friedrich komponiert hat. Auch dies sind Welt-Ersteinspielungen - erstaunlich angesichts der hohen musikalischen Qualität beider Werke; die Aufnahmen sind allerdings bereits 2008 entstanden. Es ist bei Naxos nicht die Regel - aber diese CD enthält ein geradezu üppiges Beiheft, und die Texte stammen überwiegend von hochdekorierten akademischen Fachkräften. 
Musiziert wird vorbildlich. Es singen Elisabeth Scholl, Sopran - deren Opernattitüde mir in der Graun-Kantate jedoch weit besser gefällt als in der Stabat Mater, - Marcus Ullmann mit einem schönen Tenor sowie Alexander Schneider, der mit einem schlanken, gut geführten Altus beeindruckt.  Das Barockorchester L'arpa festante steuert unter Alexander Eberle einen rhetorisch stark akzentuierten, spannungs- vollen Orchesterpart bei. 

Montag, 11. Juli 2011

Telemann: Ich hoffete aufs Licht (cpo)

"Meine Harfe ist eine Klage wor- den, und meine Pfeiffe ein Weinen" - dieses Bibelwort, das Bestandteil des umfangreichen Textes  ist, be- schreibt die Gedanken der Ham- burger bei der Nachricht vom Ableben von Kaiser Karl VII. Der Wittelsbacher, dessen Wirken mit dem zeitgenössischen Bonmot "et Caesar et nihil" ziemlich gut cha- rakterisiert ist, war am 20. Januar 1745 in München an der Gicht ge- storben. 
Im Lande tobte der Österreichi- sche Erbfolgekrieg, mit dem gleich mehrere deutsche Fürsten Maria Theresia das Erbe des Hauses Habsburg streitig machen wollten, nachdem ihr Vater, Kaiser Karl VI., ohne einen männlichen Nach- kommen verstorben war. Zwar waren die Hamburger bislang von Kämpfen verschont geblieben. Doch fürchtete die Hansestadt, die als Freie Reichsstadt unmittelbar dem Kaiser unterstand, das Machtstre- ben des dänischen Königshauses, das die reichen Kaufleute nur zu gern zu Untertanen gehabt hätte. 
So kam die Trauer um den Kaiser in Hamburg, das Instabilität fürch- tete, durchaus von Herzen. Die Hansestadt setzte eine vierwöchige Landestrauer an, und beauftragte Georg Philipp Telemann, den städti- schen Director Musices, eine Trauermusik zu komponieren. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn dieses Werk sollte in allen fünf Hauptkirchen der Stadt gleichzeitig aufgeführt werden. Der Hambur- ger Chorus musicus aber verfügte maximal über acht Sänger und
18 Instrumentalisten, verrät das sehr informative Beiheft zu dieser CD. Aus diesem Grunde wurden für den Trauergottesdienst zahlreiche Musiker aus der Umgebung herangeholt. Telemanns Unterlagen zei- gen, dass in jeder Kirche vier Sänger und ein 14- bis16köpfiges Orche- ster musizierten - die gedämpften Trompeten, Pauken und Streicher nebst Continuo wirken in dieser schmalen Besetzung erst recht wie der Nachhall einstiger kaiserlicher Pracht. 

Auch Telemanns Werk selbst ist erstaunlich schlicht und geradlinig. Selbst die Arien verzichten weitgehend auf Koloraturen; die Sing- stimme folgt dem Sprachmetrum. Diese herbe Musik klagt erstaunlich wenig und tröstet nicht, und kurz vor Schluss spricht der Text aus, was die Gemeinde viel mehr beschäftigt als das Hinscheiden des wenig glücklichen Kaisers: "Verbinde, Höchster, nun einmahl / des Teut- schen Reichs bisher entzweyte Hüter / zur holden Eintracht der Gemüther, / und zu beglückter Kayserwahl." 
Mit einer Besetzung, wie sie Telemann bei einer Aufführung unter normalen Umständen zur Verfügung gestanden hätte, hat Michael Schneider mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt Ich hoffete aufs Licht im vergangenen Jahr zu den Telemann-Festtagen in Magdeburg vorgestellt. Wie die "Orchester"musiker, sind auch die acht Sänger ausgewiesene Experten in Sachen Alte Musik. Zu hören sind Gabriele Hierdeis und Annegret Kleindopf, Sopran, Dmitri Jegorow und Ulrike Andersen, Alt, Georg Poplutz und Benjamin Kirchner, Tenor sowie Nils Cooper und Stephan Schreckenberger, Bass. Die CD präsentiert den Mitschnitt des Konzertes vom 20. März 2010 - und man hört sie gern. Denn hier wird ebenso fundiert wie solide musiziert. Die Solisten teilen sich in Arien und Chöre; alles klingt ausgewogen, gut durchdacht und sorgsam abgestimmt. Bravi!  

Dienstag, 31. Mai 2011

Il primo uomo - Arias for Nicolini; Egorov (Deutsche Harmonia Mundi)

"He acted to Perfection, and did not sing much inferior. His Variations in the Airs were excellent", schwärmte der Komponist John Galliard über einen Sänger, der zu Lebzeiten europaweit einer der ganz großen Stars war: Nicolo "Nicolini" Grimaldi (1673 bis 1732) war primo uomo assoluto - ein Kastrat, dessen Stimme in  Umfang und Klang so einzigartig war, dass große Komponisten wie Händel und Scarlatti bedeutende Partien eigens für ihn schrieben. 
Mit zwölf Jahren debütierte Nicolini in Neapel. Seine ersten Erfolge hatte er als Sopranist in Opern von Francesco Provenzale und Alessandro Scarlatti. 1699 debütierte er in Rom, 1700 in Venedig, und während auf den Bühnen Europas sein Stern empor stieg, wurde seine Stimme immer tiefer. 1708 kam Nicolini nach England, wo das Publikum zuvor offenbar noch keine Kastraten erlebt hatte. So wurde er nicht nur gefeiert, sondern auch bespöttelt - doch die Euphorie überwog spätestens, nachdem Nicolini 1711 bei der Uraufführung von Händels Oper Rinaldo die gleichnamige Titelpartie übernommen hatte. Dem Sänger gelang es innerhalb von drei Jahren, das verwöhn- te und eher skeptische britische Publikum für die italienische Oper zu begeistern.  
Diese CD stellt vier wichtige Opernpartien Nicolinis vor, die er von den Anfängen seiner Karriere bis 1715 gesungen hat: Rinaldo und Amadigi von Händel sowie Tigrane und die Partie des Icilio aus La Caduta de' Decemviri von Scarlatti, mit der seine Gesangskarriere begann. Auf der Bühne stand er bis an sein Lebensende; 1732, mit
58 Jahren, hatte er die Hauptrolle in Salustia übernommen, der ersten Oper von Giovanni Battista Pergolesi, doch während der Pro- ben erkrankte der Sänger und starb. 

Seine Zeitgenossen lobten sein Auftreten ebenso wie seinen Gesang. So nannte der Dichter Joseph Addison Nicolini "the greatest perfor- mer in dramatic Music that is now living or that perhaps ever appeared on a stage." Das sind hohe Ansprüche für das Debüt des jungen russischen Countertenors Dmitri Jegorow, der auf der vor- liegenden CD gemeinsam mit dem Orchester La Stagione Frankfurt unter Michael Schneider musiziert. Der Sänger stammt aus St. Pe- tersburg und hat an der Chorschule der Staatlichen St. Petersburger Glinka-Kapelle eine Ausbildung zum Organisten, Chorleiter und Kirchenmusiker absolviert. Diese solide musikalische Basis hat er dann noch durch ein Gesangsstudium in Mainz bei Professorin Claudia Eder ergänzt. 
Jegorow hat eine angenehme, warm timbrierte Stimme, die er sehr gezielt führen und einfärben kann. Sein Stimmumfang ist enorm, die Geläufigkeit vielleicht hier und da noch ausbaufähig. Aber die Intensität, mit der er beispielsweise das legendäre Cara sposa gestaltet, beeindruckt. So hofft man, dass dem jungen Sänger eine Karriere beschieden sein möge, die jener Nicolinis ähnelt - möge er klug mit seinen Ressourcen umgehen; sie sind ohne Zweifel beacht- lich. 

Samstag, 30. Oktober 2010

Urwiener Raritäten (Ziehrer-Edition)

Carl Michael Ziehrer (1843 bis 1922), eigentlich gelernter Hut- macher, zeigte schon früh auch musikalisches Talent. Der Musik- verleger Carl Haslinger investierte in die Ausbildung des jungen Mannes, weil er in ihm einen Nach- folger des Walzerkönigs Johann Strauss Sohn sah. In der Tat wurde sein Protegé dann 1907, nach Strauss' Bruder Eduard, der vierte und letzte k. k. Hofballmusik- direktor.
Ziehrer hat mehr als 600 Tänze und 23 Operetten komponiert. Er war der letzte Repräsentant des klassischen Zeitalters des Wiener Walzers; als er 1922 verarmt starb, ging eine Epoche zu Ende. Zur Pflege seines Werkes haben Wiener Enthusiasten 2003 das Original C.M. Ziehrer Orchester gegründet. Es spielt, unterstützt durch die Zeitung Die Presse, nun die Werke des Urwiener Komponisten ein - die vorliegende CD ist die Nummer 14 dieser Reihe. Sie enthält Märsche, Polkas und Walzer - und dazu einige Nummern aus seinen Operetten. Da findet sich das unverwüstliche Ja, beim Militär ist das Leben schwer aus der Operette Der Fremden- führer neben Stücken aus Ball bei Hof oder Fesche Geister; es singen Nina Berten, Sopran, und Jörg Schneider, Tenor.
Das alles hat sehr viel Wiener Flair; aber wer diese Stücke hört, der weiß auch bald, warum Strauss als Walzerkönig gilt. Man höre einen Mitschnitt vom Neujahrskonzert zum Vergleich. Dennoch ist es na- türlich zu begrüßen, dass sich die Wiener auch für das Erbe Ziehrers engagieren.