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Montag, 26. Juli 2021

Handel: Messiah (Accentus)


 Noch immer gehört Händels Messias zu den Hits des Repertoires. Das Oratorium erfreut sich beim Publikum und bei Musikern weltweit nach wie vor einer ungebrochenen Popularität; auch Einspielungen gibt es davon massenhaft. Dennoch hat Hans-Christoph Rademann mit Chor und Orchester der Gaechinger Cantorey der langen Reihe von Schallplatten und CD eine eigene Interpretation hinzugefügt. Anders als heute gebräuchlich, entschied sich der Dirigent für die Version des vielfach umgearbeiteten Werkes, die einst 1742 bei der Uraufführung in Dublin erklungen ist. 

Die großen Chöre Georg Friedrich Händels lässt er von einer kleinen Besetzung singen – gerade einmal fünf Sängerinnen und Sänger gehören jeder Stimmgruppe der Gaechinger Cantorey an; nur beim Bass, dem Fundament des Chorklanges, sind es sieben. Statt Wucht haben die Chöre bei Rademann ganz klare Strukturen. Jede Verzierung ist sauber ausgeführt, und auch die rasantesten Koloraturen fließen synchron, dass man nur staunen kann. Die Tempi sind zumeist flott, und auch die Rhythmen sind klar herausgearbeitet, was mitunter beinahe tänzerisch wirkt. 

Für die Arien konnte Rademann ein ebenso exzellentes Solistenquartett aufbieten. Es singen Dorothee Mields, Benno Schachtner, Benedikt Kristjánsson und Tobias Berndt. Auch hier ist nichts dem Zufall überlassen; Rademanns Interpretation steht dem Belcanto allerdings wahrscheinlich näher, als das Puristen der „Alten“ Musik gefallen wird. Mich überzeugt seine Lesart. So erscheinen die Arien oftmals von großer Innigkeit, was mich sehr berührt hat. Diese Aufnahme ist insgesamt ausgesprochen hörenswert, meine unbedingte Empfehlung! 


Samstag, 10. Juli 2021

Bach: Eternity / Praise (Deutsche Harmonia Mundi)

 


Nach den Lutherkantaten, denen sich Christoph Spering mit seinen Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester zum Reformationsjahr 2017 zugewandt hatte, sind mittlerweile bei der Deutschen Harmonia Mundi die beiden nächsten Doppel-CD mit Kompositionen Johann Sebastian Bachs aus dem Choralkantaten-Jahrgang 1724/25 erschienen. 

Eternity enthält O Ewigkeit, du Donnerwort BWV 20, Wer nur den lieben Gott lässt walten BWV 93, Ach Gott, wie manches Herzeleid BWV 3, Meine Seele erhebt den Herrn BWV 10, Du Friedefürst, Herr Jesu Christ BWV 116 und Meinen Jesum lass ich nicht BWV124. Das neuere Album mit dem Titel Praise fasst auf ebenfalls zwei CD die Kantaten Lobe den Herren, den mächtigen König BWV 137, Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 140, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig BWV 26, Jesu, nun sei gepreiset BWV 41, Mache dich, mein Geist bereit BWV 115, und Christus, der ist mein Leben BWV 95 zusammen. 

Bach-Einspielungen gibt es viele. Diese hier kann mit exzellenten Solisten begeistern. Zu hören sind Dorothee Mields, Sopran, Olivia Vermeulen, Alt, Georg Poplutz und Benedikt Kristjánsson, Tenor, sowie Daniel Ochoa und Tobias Berndt, Bass. Textausdeutung ist allerdings nicht die Stärke dieser Aufnahme; Spering verzichtet darauf, die rhetorischen Qualitäten der Musik herauszuarbeiten. Ich hatte mir mehr erhofft; schade! 


Montag, 28. Dezember 2020

Bach Cantatas (Accentus)


 Seine erste CD als Leiter des Leipziger Thomanerchores widmete Gotthold Schwarz Kantaten von Johann Sebastian Bach. Der Sänger und Kirchenmusiker, der mit den Thomanern schon seit vielen Jahren als Stimmbildner und vertretungsweise auch als Chorleiter arbeitete, wurde 2016 zum 17. Thomaskantor nach Bach berufen. 

In der Beschäftigung mit Bachs Kantaten, die nach wie vor für das Repertoire des berühmten Leipziger Knabenchores von zentraler Bedeutung sind, sieht Schwarz „eine lebenslange und wunderschöne Aufgabe und Herausforderung“. Für diese CD hat er drei Kompositionen ausgewählt, die sich mit dem besonderen Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen auseinandersetzen: Allein zu dir, Herr Jesu Christ BWV 33, Wer Dank opfert, der preiset mich BWV 17, und Was Gott tut, das ist wohlgetan BWV 99. Die Thomaner sowie Solisten musizieren dabei gemeinsam mit dem Sächsischen Barockorchester.


Montag, 30. April 2018

Schütz: Kleine geistliche Konzerte II (Carus)

Diese Doppel-CD ist zugleich ein Abschied. Denn die Aufnahme der Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz ist eine der letzten Produktionen, an denen der Cembalist, Organist und Dirigent Ludger Rémy mitgewirkt hat. Er starb im Juni 2017 nach schwerer Krankheit. 
In einem persönlichen Geleitwort würdigt Hans-Christoph Rademann den langjährigen Weggefährten. Und auch die Rezensentin verneigt sich tief vor einem Musiker, der viele Jahre erfolgreich in Mitteldeutsch- land gewirkt und die „Alte“-Musik-Szene überregional entscheidend mit geprägt hat. 
Dennoch ist leider festzustellen, dass die Aufnahme in ihrer Qualität, wie schon der erste Teil, an das Niveau nicht heranreicht, das andere Produktionen vorgeben. Es fehlt an Präzision, an Ausdruckswillen, an Energie. So ist Carus mit diesem Teil der Schütz-Gesamteinspielung erstmals keine Referenz gelungen. Schade! 

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Bach: Luther-Kantaten (Deutsche Harmonia Mundi)

Das Luther-Jahr hat soeben begon- nen – und schon sind die ersten CD auf dem Markt, die den Reformator und sein Erbe feiern. Ein sehr gelungenes Projekt präsentiert nun das Label Deutsche Harmonia Mundi: Christoph Spering hat das Reformationsjubiläum zum Anlass genommen, die dreizehn „Luther-Kantaten“ von Johann Sebastian Bach neu einzuspielen. 
Das ist wahrlich eine würdige Form des Gedenkens: „Ich wünsche gewiß von Herzen, daß Jedermann die göttliche und vortreffliche Gabe, die Musik, sich einloben und angepriesen sein ließe. Wiewohl ich werde von der Menge und Größe ihrer guten Eigenschaften gleichsam überschüttet, daß ich weder Anfang, noch Ende, noch ein Maß meiner Rede finden kann; und bei der großen Menge des Lobes muß ich doch ein nüchterner und armseliger Lobredner derselben sein“, verkündete einst der Reforma- tor. Martin Luther, der im Jahre 1517 seine berühmten Thesen in Wittenberg an die Kirchentüre genagelt haben soll, mit den bekannten Folgen, hat nicht nur die Bibel übersetzt, viele theologische Streitschriften verfasst und unzählige Briefe in alle Himmelsrichtungen geschickt. 
Luther wollte eine singende Kirche – und er hat daher Lieder für das Kirchenvolk geschrieben. Mitunter hat er einfach bekannten Melodien einen neuen Text gedichtet, der den Glauben, wie Luther ihn verstanden haben wollte, auf den Punkt bringt. Manchmal hat er aber auch ein komplettes Lied geschrieben; wie das bekannte Vom Himmel hoch da komm ich her. So sind mehr als 30 deutsche Kirchenlieder entstanden, die in Gesangbüchern abgedruckt und verbreitet wurden; etliche davon werden noch heute im Gottesdienst gesungen. Dazu trugen auch die Kirchenmusi- ker um „Urkantor“ Johann Walter sowie der nachfolgenden Generationen bei. Die Kantoren der evangelischen Kirche schätzten Luthers Lieder hoch und hielten sie über die Jahrhunderte in Chor- und Orgelsätzen, Bearbei- tungen und in Neuvertonungen präsent. 
In dieser Tradition stand auch die Familie Bach. Mit Luthers Chorälen, wie Nun komm, der Heiden Heiland, Ein feste Burg ist unser Gott oder Mit Fried und Freud ich fahr dahin ist Johann Sebastian Bach in Thüringen aufgewachsen. Sie gehörten ebenso selbstverständlich zu den Grundlagen seines musikalischen Schaffens wie etwa die Regeln des Kontrapunktes. 
Spering hat aus den mehr als 200 überlieferten Bach-Kantaten jene herausgesucht, die sich durch einen besonders engen Bezug zu Luthers Kirchenliedern auszeichnen. Einige davon hat Bach bereits in Mühlhausen und in Weimar komponiert; die meisten aber entstammen dem sogenann- ten Choralkantaten-Jahrgang, den Bach 1724/25 in seinem zweiten Leipziger Amtsjahr geschaffen hat. Mit einer Besetzung aus überwiegend jungen Vokalsolisten sowie seinen beiden Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester hat Spering Bachs Kantaten erkundet. 
Dafür hat er die Quellen sorgsam studiert, und dann für jedes einzelne Werk eine individuelle Interpretation erarbeitet. Im Beiheft wird kurz und nachvollziehbar erläutert, aus welchen Gründen Spering jeweils seine Entscheidungen getroffen hat. Oberster Grundsatz war, den Verstand zu gebrauchen – und Dogmen zu meiden. So besetzt Spering in den beiden früheren Kantaten Christ lag in Todes Banden (BWV 4; 1707) und Nun komm, der Heiden Heiland (BWV 61; 1714) sämtliche Stimmen solistisch. Ansonsten orientiert sich die Besetzung in Chor und Orchester bei den Leipziger Kantaten an den Vorschlägen, die Bach in seiner Denkschrift „Kurtzer, iedoch höchstnöthiger Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music“ von 1730 äußerte. Darin wünschte er sich für die Figuralmusik neben den Concertisten noch acht Ripienisten, also zusätzliche Sänger, die in den Chören die Solisten unterstützen. 
Die Choräle sieht Christoph Spering als wesentliche Stücke, die die Gemeinde in die Kantaten mit einbeziehen. Das Publikum soll über den Text nachdenken – und deshalb wählt der Dirigent bewusst gemächliche Tempi, und lang ausgehaltene Fermaten als Ruhepunkte. Auch bei den Secco-Rezitativen setzt Spering ganz eigene Akzente; sie werden in einigen Kantaten nicht mit kurz angestoßenem und verklingendem Basston begleitet, sondern mit einem bleibenden, solide im Raum stehenden Generalbass-Fundament untersetzt – und zwar mit einem satten 16-Fuß-Fundament. Das klingt zunächst etwas altmodisch, aber es hat seine Reize, und ist durchaus eine Überlegung wert. 
Auch die Orgel rückt Christoph Spering wesentlich stärker in den Mittel- punkt, als man das üblicherweise gewohnt ist: „Johann Sebastian Bach war nicht nur von seiner Ausbildung, sondern auch von seinem Selbst- verständnis her in erster Linie Organist“, begründet der Dirigent seine Entscheidung im Beiheft. Dazu passt eine kleine Truhenorgel, wie sie in der historischen Aufführungspraxis derzeit üblich ist, in der Tat schlecht. Und so darf bei dieser Einspielung die Orgel deutlich hervortreten. Sie bleibt trotzdem Continuo – aber ein markantes, interessantes. Das verwendete Instrument, über das man leider nichts erfährt, entspreche in seinen Dimensionen ungefähr dem Brustwerk des Leipziger Exemplars zu Bachs Zeiten, so Spering. Die Orgel wird mitunter durch ein Cembalo ergänzt; allerdings geschieht dies ebenfalls nicht durchgängig, sondern wohlüberlegt in ausgewählten Kantaten, was den Klang sehr reizvoll auffächert. 
Die Vier-CD-Box hält also musikalisch so manche Überraschung bereit. Ein würdiger Auftakt zum Luther-Jahr – und ein spannender Beitrag zur Weiterentwicklung einer historischen Aufführungspraxis, die leider derzeit gelegentlich aus dem Blick verliert, dass Regeln kein Selbstzweck sind. Wenn aber ein Konzept zur reinen Lehre erstarrt, dann kann Provokation nur voranbringen. 

Freitag, 18. September 2015

Bach: Messe in h-Moll (Carus)

Gibt es eine „wahre“ h-Moll-Messe? Hans-Christoph Rademann, neuer Leiter der Internationalen Bach- akademie Stuttgart, hat sich gemeinsam mit dem Bachforscher Uwe Wolf auf die Suche nach dem „unverfälschten“ Werk begeben. Entstanden ist die „große catho- lische Messe“, wie sie Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel nannte, über einen langen Zeitraum. Bach begann seine Arbeit an diesem Werk, um nach dem Tode Augusts des Starken 1733 seinen neuen Landesherrn, den sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen, damit zu beeindrucken, auf dass ihn derselbige im Gegenzug mit einem Hoftitel ehre. Ein Stimmensatz von Kyrie und Gloria befindet sich daher in der Musikaliensammlung des kursächsischen Hofes, heute im Bestand der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden. 
In seinen letzten Lebensjahren schließlich hat der Komponist das Opus noch einmal überarbeitet und durch Hinzufügung von Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei von einer Kyrie-Gloria-Messe zu einer Missa tota erweitert. Dazu hat er Teile aus anderen Werken übernommen und bearbeitet; einige Abschnitte hat er auch gänzlich neu geschrieben. Als Bach starb, hatte er die h-Moll-Messe fertiggestellt. Die autographe Partitur befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin. 
Das Manuskript besaß einst Carl Philipp Emanuel Bach; er setzte sich aktiv für die Verbreitung des Werkes ein, aber er hat auch sehr viel hineinge- schrieben, wo ihm Stellen unleserlich, unverständlich oder undeutlich erschienen. Musikwissenschaftlern ist es in mühevoller Arbeit gelungen, diese Eingriffe zu identifizieren und weitgehend den ursprünglichen Notentext zu edieren. Dabei war es sehr hilfreich, dass es eine große Anzahl von Abschriften gibt – der Bach-Schüler Johann Philipp Kirn- berger beispielsweise besaß eine, Prinzessin Anna Amalia von Preußen ebenfalls, und Baron Gottfried van Swieten, österreichischer Gesandter am preußischen Hof, erwarb in Berlin eine Kopie, die später in Wien Haydn, Mozart und auch Beethoven aufmerksam studierten. 
Bach selbst hat dieses Werk in seinen meisten Teilen wohl niemals auf- geführt. Erst die Romantiker holten die h-Moll-Messe aus der Schublade. Im 19. Jahrhundert wurzelt die Aufführungstradition dieses Werkes – und danach klingen auch die meisten Einspielungen noch heute; man höre nur die alte Aufnahme mit der Gächinger Kantorei unter ihrem Begründer Helmuth Rilling. Sein Nachfolger Rademann hat nun vieles geändert. So hat er den Chor erheblich verkleinert und auf einen schlanken, transparenten Klang eingeschworen. War man von den Gächingern bisher eher Breitwand-Bach in großer Besetzung gewohnt, so wird man nun erfreut feststellen, dass Leichtigkeit und Eleganz die neue Einspielung prägen. Dazu tragen auch die Musiker des Freiburger Barockorchesters bei, die ihren Part mit Präzision und Spielfreude gestalten. 
Die Aufnahme basiert auf der aktuellen Notenedition aus dem Carus-Verlag; sie beruht nicht allein auf dem Berliner Partiturautographen, sondern bewertet in jenen Teilen, die Bach einst für den Kurfürsten geschaffen hat, den Dresdner Stimmensatz als den von Bach am weitesten ausgearbeiteten Notentext und somit als Hauptquelle. Das bringt einige reizvolle Veränderungen mit sich, beispielsweise im Domine Deus und im Quoniam
Die erste CD ermöglicht es, die h-Moll-Messe als Kyrie-Gloria-Messe in der Fassung von 1733 anzuhören. Auf der zweiten CD erklingt dann nicht nur jener umfangreiche Rest, um den der alte Bach sein Werk später ergänzt hat. Zu hören sind auch jene Alternativfassungen aus der Partitur, die sie sich stark von der frühen Version unterscheiden, sowie eine ursprüngliche Variante von Sanctus und Pleni sunt coeli aus dem Jahre 1724. Damit hat diese Aufnahme in jedem Falle einen hohen musikhistorischen Wert. Auch wenn man darüber, welches nun die „wahre“ h-Moll-Messe ist, auch weiterhin auf so manchem Kolloquium wird diskutieren können. 

Dienstag, 16. Juni 2015

Händel: Joshua (Accent)

Die vier sogenannten Siegesoratorien galten einst 1746/47 dem Sieg der Hannoveraner Dynastie über die Armee des katholischen Thronprä- tendenten Charles Edward Stuart. Er war 1745 auf den Hebriden gelandet, und sammelte dann in Schottland Truppen um sich. Zunächst zogen die Aufständischen erfolgreich nach Süden. Doch die schottischen Stämme hatten nicht wirklich ein Interesse daran, England zu erobern, und Unterstützung aus Frankreich blieb aus. Deshalb scheiterte der Zweite Jakobitenaufstand; mit einer abenteuerlichen Flucht konnte sich Bonnie Prince Charlie in Sicherheit bringen, während seine Anhänger drakonisch bestraft wurden. 
Georg Friedrich Händel feierte in seinen Oratorien den gottesfürchtigen Heerführer und sein tatkräftiges Volk – den Londonern, die angesichts der heranziehenden Aufständischen bereits von Panik ergriffen waren, dürfte dies gefallen haben. Jedenfalls waren alle vier Werke Publikumserfolge. Heute stehen sie allerdings nicht mehr oft auf dem Programm. Während Judas Maccabaeus heute gelegentlich aufgeführt wird, ist beispielsweise Joshua nur selten zu hören. Dieses Oratorium schildert die Einnahme des gelobten Landes durch das Volk Israel. Die Göttinger Händelfestspiele haben sich daran gewagt – und das hat sich durchaus gelohnt, wie der Live-Mitschnitt vom 29. Mai 2014 aus der Stadthalle beweist. 
Im Mittelpunkt des Werkes steht das Volk, präsent in überwältigenden Chorszenen, so beim Einsturz der Mauern von Jericho, beim Feiern des Pessachfestes oder im finalen Jubel und Lobpreis. Das ist eine Aufgabe, der sich die Profis vom NDR Chor mit Präzision und Temperament stellen – sie haben, nach dem Orchester, den umfangreichsten Part, und sie gestalten ihn hinreißend. Die perfekten barocken Instrumentalklänge dazu ergänzt das Festspiel-Orchester Göttingen unter Leitung von Laurence Cummings. Die Musiker sind Spezialisten aus dem Bereich der historischen Aufführungspraxis, und auch sie begeistern mit jener Kombination aus Sachkenntnis und Leidenschaft, die man schon beim NDR Chor gar nicht genug loben kann. 
Dem Heerführer Joshua, sehr hörenswert gesungen von dem tenore di grazia Kenneth Tarver, überbringt ein Engel Gottes Weisungen. Auch diese Partie ist mit einem Tenor besetzt. Sie ist klein, aber alles andere als trivial und wird von Joachim Duske übernommen. Leider erfährt man über diesen Solisten im ansonsten umfangreichen Beiheft nichts. Alle anderen Mitwirkenden werden mit Biographien vorgestellt. Man fühlt sich in die Oper versetzt, wenn dann der junge Kämpfer Othniel und seine Freundin Achsah (Renata Pokupic und Anna Dennis, Mezzosopran und Sopran) miteinander turteln. Othniel hofft, nach der Schlacht bei ihrem Vater Caleb (gesungen von Bariton Tobias Berndt) um ihre Hand anhalten zu können. Wie Händel Kampf und Liebe als Kontraste nebeneinander stellt, wie er Affekte zu Musik und Musik zu Gefühl werden lässt, das ist immer wieder faszinierend. Unbedingt anhören! 

Samstag, 14. März 2015

Carl Philipp Emanuel Bach: Die Israeliten in der Wüste (Carus)

Das Oratorium Die Israeliten in der Wüste erklang erstmals 1769 zur Einweihung der neu errichteten Lazarett-Kirche vor den Toren der Stadt Hamburg. Seit anderthalb Jahren wirkte Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) damals als Nachfolger seines Paten Georg Philipp Telemann als Kantor am Johanneum und Musikdirektor der fünf Hauptkirchen in der Hansestadt. Anders als sein Vater seinerzeit in Leipzig, betrieb der junge Bach keinen Aufwand, um die gut 120 kirchenmusikalischen Anlässe jährlich möglichst rasch mit eigenen Werken zu bestreiten. So gibt es von Bach filius keine Kantatenjahrgänge. Desto mehr Beachtung fand seinerzeit dieses Oratorium, das schildert, wie die Israeliten bei ihrem Zug durch die Wüste nach Wasser seufzen. Sie fangen an, zu zweifeln, zu murren und sich gar zurück nach Ägypten zu sehnen – all dies natürlich in schönstem Operngesang. Das Volk klagt und mault in wohlgeordneten, harmoni- schen Chören – ebenso wohlsortiert wird es dann jubeln, nachdem Moses dafür gesorgt hat, dass Wasser aus dem Felsen fließt. Die Zeitgenossen waren davon sehr angetan: „Ein Meisterstück des Herrn Capellm. Bachs, denn es herrscht ein solcher fliessender, angenehmer und natürlicher Gesang darinnen, wie in Kayser (Keiser) und Graun nur jemals gehabt haben“, lobte beispielsweise Johann Friedrich Reichardt, königlich-preus- sischer Hofkapellmeister. Bei Carus ist anlässlich des 300. Geburtstages von Carl Philipp Emanuel Bach, nach der hauseigenen Notenedition, auch eine Einspielung des Werkes erschienen. Damit ehren Frieder Bernius und der Kammerchor Stuttgart gemeinsam mit dem Barockorchester Stuttgart den Jubilar. Erwähnenswert ist hier zudem noch Bassist Tobias Berndt, ein wirklich charismatischer Moses. 

Mittwoch, 8. Februar 2012

Telemann: Germanicus (cpo)

Musikhistorisch gesehen, ist diese Aufnahme eine Sensation. Denn bislang galten die "etlichen und zwantzig Opern", die Georg Philipp Telemann in seinen Jugendjahren für das Leipziger Opernhaus kom- poniert haben will, als verloren. In jüngster Vergangenheit jedoch ha- ben sich von einigen der 74 Opern, die in der Messestadt an der Pleiße im Zeitraum von der Gründung bis zur Pleite der Oper 1720 aufge- führt worden sind, Fragmente angefunden. Im Falle des Germanicus spürte Michael Maul, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bach-Archiv, in der Frankfurter Universitätsbibliothek 40 Arien auf, die bislang als Werke von Gottfried Grünewald galten - und er konnte nachweisen, dass es sich um jene Version der Telemann-Oper handeln muss, die 1710 zur Michaelismesse erklungen ist. Er fand zudem heraus, dass das Libretto, das vollständig erhalten ist, von der Pfarrersfrau Christine Dorothea Lachs, einer Tochter des Gründers der Leipziger Oper Nikolaus Adam Strungk, stammt, die auch noch weitere Texte für Telemann geschaffen hat. Weil aber die Rezitative, anders als die Arien, nicht zu rekonstruieren waren, ergab sich für die vorliegende Einspielung ein Problem.
Experte Maul hat die Leerstellen mit Sprechertexten gefüllt, die die Handlung zusammenfassen. So wird die Oper wieder aufführbar, quasi als Singspiel. Gotthold Schwarz hat sie mit dem Sächsischen Barock- orchester sowie Olivia Stahn und Elisabeth Scholl, Sopran, Thomaner Friedrich Praetorius, Knabensopran, Matthias Rexroth, Altus, Albrecht Sack, Tenor, und Henryk Böhm und Tobias Berndt, Bass, zu den Telemann-Festspielen 2010 in Magdeburg erstmals wieder zum Klingen gebracht. Im Nachgang ist dann zudem die vorliegende 3-CD-Box entstanden. 
Selbst bei diesem Frühwerk, das Telemann als Student geschaffen hat, ist schon erkennbar, wie versiert der Komponist die Klangrede einsetzt, um Personen und Situationen plastisch zu schildern. An einzelnen Teilen wird zudem deutlich, wie sich innerhalb weniger Jahre - die Urfassung entstand 1704, da war Telemann noch Student, die überarbeitete Version hingegen schrieb er 1710 bereits als Kapellmeister in Eisenach - sein musikalisches Ausdrucksvermögen gesteigert hat. Für den Musikhistoriker mag das eine Offenbarung bedeuten. Beim Opernfreund aber dürfte diese Aufnahme in erster Linie Ratlosigkeit hinterlassen. Denn um sie wirklich genießen zu können, reicht die Substanz nicht aus. Und auch die Zwischentexte tragen nach Kräften dazu bei, dass sich Langeweile ausbreitet. Schade.