Das Orchesterwerk von Max Reger (1873 bis 1916) ist umfangreich und vielfältig. Schon beim Auspacken dieser 12-CD-Box, die jetzt die Deutsche Grammophon quasi als verspätete Gabe zum hundertsten Todestag des Komponisten, nach- gereicht hat, gerät man ins Staunen. Denn der Komponist ignorierte sowohl Gattungsgrenzen als auch stilistische Moden.
Hört man seine Musik an, so wird man feststellen: Alles ist möglich – vom knappen Scherzino, launig „compostiert“ für Horn und ein Dilettantenorchester, bis hin zur großformatigen Vertonung des 100. Psalms op. 106, mit dem sich Reger 1908/09 für die Verleihung des Ehrendoktors durch die Universität Jena bedankte, und vom außer- ordentlich komplexen Violinkonzert op. 101 bis zur fein ziselierten Ballett-Suite op. 130, und vom Requiem nach einem Text von Friedrich Hebbel bis zu zahlreichen Orchesterliedern. Reger war ein wirklich bedeutender Meister, der sein Handwerk rundum beherrschte, der sich auf die Kunst der Instrumentierung verstand, das Spiel mit Klangfarben und Klangeffekten liebte, dabei sehr eigenwillig war – und mitunter auch ausgesprochen witzig.
Umso erfreulicher ist es, dass die Deutsche Grammophon mit dieser Edition einen Schatz gehoben hat, der lange Zeit nicht zugänglich war. Denn die Grundsubstanz entstammt der legendären Reger-Edition des Labels Koch-Schwann, dessen Katalog sich mittlerweile im Besitz von Universal Music befindet. Und somit sind nun die grandiosen Reger-Aufnahmen, die die Bamberger Symphoniker in den 90er Jahren unter Leitung von Horst Stein eingespielt haben, endlich wieder zugänglich.
Erweitert wurde diese Edition durch einige Werke, die mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Gerd Albrecht und Uroš Lajovic in den 80er Jahren aufgezeichnet worden sind. Neu hinzugekommen sind zudem Aufnahmen des Hebbel-Requiems op. 144B, des Requiem-Fragmentes, und die Erstveröffentlichung des Gesangs der Verklärten op. 71 auf CD überhaupt. Zu hören sind hier neben einem hochkarätigen Solisten- quartett der NDR Chor und das NDR Sinfonieorchester unter Leitung von Roland Bader.
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Samstag, 23. Juni 2018
Freitag, 4. Dezember 2015
Es ist ein Ros entsprungen (Es-Dur)
Es ist ein Ros entsprungen – dieses Lied begegnet uns auf der Weih- nachtslieder-CD, die der NDR Chor unter Leitung von Philipp Ahmann aufgenommen hat, gleich mehrfach. Es erklingt in Chorsätzen von Michael Praetorius (1571 bis 11621), Hugo Distler (1908 bis 1942) und Alban Berg (1885 bis 1935). Damit ist auch gleich das Programm umrissen: Die CD enthält Liedsätze und Kompo- sitionen von der Reformationszeit bis ins 20. Jahrhundert. Ein Gutteil da- von stammt von Michael Praetorius; vertreten sind zudem neben Distler und Berg noch Heinrich Kaminski (1886 bis 1946), Johannes Brahms (1833 bis 1897) und Peter Cornelius (1824 bis 1874), wobei dessen Weihnachtslieder in spannungsvollen Chor-Bearbeitungen von Clytus Gottwald erklingen. Der NDR Chor singt brillant und mit erfreulicher Textverständlichkeit, seine Mitglieder sind jeder Herausforderung gewachsen. Wer eine eher besinnliche, vorsichtig moderne CD sucht, der sollte sich diese einmal anhören – es lohnt sich!
Dienstag, 16. Juni 2015
Händel: Joshua (Accent)
Die vier sogenannten Siegesoratorien galten einst 1746/47 dem Sieg der Hannoveraner Dynastie über die Armee des katholischen Thronprä- tendenten Charles Edward Stuart. Er war 1745 auf den Hebriden gelandet, und sammelte dann in Schottland Truppen um sich. Zunächst zogen die Aufständischen erfolgreich nach Süden. Doch die schottischen Stämme hatten nicht wirklich ein Interesse daran, England zu erobern, und Unterstützung aus Frankreich blieb aus. Deshalb scheiterte der Zweite Jakobitenaufstand; mit einer abenteuerlichen Flucht konnte sich Bonnie Prince Charlie in Sicherheit bringen, während seine Anhänger drakonisch bestraft wurden.
Georg Friedrich Händel feierte in seinen Oratorien den gottesfürchtigen Heerführer und sein tatkräftiges Volk – den Londonern, die angesichts der heranziehenden Aufständischen bereits von Panik ergriffen waren, dürfte dies gefallen haben. Jedenfalls waren alle vier Werke Publikumserfolge. Heute stehen sie allerdings nicht mehr oft auf dem Programm. Während Judas Maccabaeus heute gelegentlich aufgeführt wird, ist beispielsweise Joshua nur selten zu hören. Dieses Oratorium schildert die Einnahme des gelobten Landes durch das Volk Israel. Die Göttinger Händelfestspiele haben sich daran gewagt – und das hat sich durchaus gelohnt, wie der Live-Mitschnitt vom 29. Mai 2014 aus der Stadthalle beweist.
Im Mittelpunkt des Werkes steht das Volk, präsent in überwältigenden Chorszenen, so beim Einsturz der Mauern von Jericho, beim Feiern des Pessachfestes oder im finalen Jubel und Lobpreis. Das ist eine Aufgabe, der sich die Profis vom NDR Chor mit Präzision und Temperament stellen – sie haben, nach dem Orchester, den umfangreichsten Part, und sie gestalten ihn hinreißend. Die perfekten barocken Instrumentalklänge dazu ergänzt das Festspiel-Orchester Göttingen unter Leitung von Laurence Cummings. Die Musiker sind Spezialisten aus dem Bereich der historischen Aufführungspraxis, und auch sie begeistern mit jener Kombination aus Sachkenntnis und Leidenschaft, die man schon beim NDR Chor gar nicht genug loben kann.
Dem Heerführer Joshua, sehr hörenswert gesungen von dem tenore di grazia Kenneth Tarver, überbringt ein Engel Gottes Weisungen. Auch diese Partie ist mit einem Tenor besetzt. Sie ist klein, aber alles andere als trivial und wird von Joachim Duske übernommen. Leider erfährt man über diesen Solisten im ansonsten umfangreichen Beiheft nichts. Alle anderen Mitwirkenden werden mit Biographien vorgestellt. Man fühlt sich in die Oper versetzt, wenn dann der junge Kämpfer Othniel und seine Freundin Achsah (Renata Pokupic und Anna Dennis, Mezzosopran und Sopran) miteinander turteln. Othniel hofft, nach der Schlacht bei ihrem Vater Caleb (gesungen von Bariton Tobias Berndt) um ihre Hand anhalten zu können. Wie Händel Kampf und Liebe als Kontraste nebeneinander stellt, wie er Affekte zu Musik und Musik zu Gefühl werden lässt, das ist immer wieder faszinierend. Unbedingt anhören!
Georg Friedrich Händel feierte in seinen Oratorien den gottesfürchtigen Heerführer und sein tatkräftiges Volk – den Londonern, die angesichts der heranziehenden Aufständischen bereits von Panik ergriffen waren, dürfte dies gefallen haben. Jedenfalls waren alle vier Werke Publikumserfolge. Heute stehen sie allerdings nicht mehr oft auf dem Programm. Während Judas Maccabaeus heute gelegentlich aufgeführt wird, ist beispielsweise Joshua nur selten zu hören. Dieses Oratorium schildert die Einnahme des gelobten Landes durch das Volk Israel. Die Göttinger Händelfestspiele haben sich daran gewagt – und das hat sich durchaus gelohnt, wie der Live-Mitschnitt vom 29. Mai 2014 aus der Stadthalle beweist.
Im Mittelpunkt des Werkes steht das Volk, präsent in überwältigenden Chorszenen, so beim Einsturz der Mauern von Jericho, beim Feiern des Pessachfestes oder im finalen Jubel und Lobpreis. Das ist eine Aufgabe, der sich die Profis vom NDR Chor mit Präzision und Temperament stellen – sie haben, nach dem Orchester, den umfangreichsten Part, und sie gestalten ihn hinreißend. Die perfekten barocken Instrumentalklänge dazu ergänzt das Festspiel-Orchester Göttingen unter Leitung von Laurence Cummings. Die Musiker sind Spezialisten aus dem Bereich der historischen Aufführungspraxis, und auch sie begeistern mit jener Kombination aus Sachkenntnis und Leidenschaft, die man schon beim NDR Chor gar nicht genug loben kann.
Dem Heerführer Joshua, sehr hörenswert gesungen von dem tenore di grazia Kenneth Tarver, überbringt ein Engel Gottes Weisungen. Auch diese Partie ist mit einem Tenor besetzt. Sie ist klein, aber alles andere als trivial und wird von Joachim Duske übernommen. Leider erfährt man über diesen Solisten im ansonsten umfangreichen Beiheft nichts. Alle anderen Mitwirkenden werden mit Biographien vorgestellt. Man fühlt sich in die Oper versetzt, wenn dann der junge Kämpfer Othniel und seine Freundin Achsah (Renata Pokupic und Anna Dennis, Mezzosopran und Sopran) miteinander turteln. Othniel hofft, nach der Schlacht bei ihrem Vater Caleb (gesungen von Bariton Tobias Berndt) um ihre Hand anhalten zu können. Wie Händel Kampf und Liebe als Kontraste nebeneinander stellt, wie er Affekte zu Musik und Musik zu Gefühl werden lässt, das ist immer wieder faszinierend. Unbedingt anhören!
Samstag, 18. Oktober 2014
Hertel: Jauchzet dem Herrn alle Welt (cpo)
Erneut hat cpo Werke von Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) veröffentlicht. Nach dem Weih- nachtsoratorium und der Passions- kantate Der sterbende Heiland ist dies bereits die dritte CD mit Musik des Schweriner Hofkapellmeisters. Hertel stammte aus Eisenach. Sein Vater, Johann Christian Hertel, Konzertmeister der dortigen Hofka- pelle, legte größten Wert auf seine exzellente Ausbildung. Deshalb erhielt der Knabe nicht nur Unterricht bei seinem Vater sowie Lektionen auf dem Cembalo bei dem Bach-Schüler Johann Heinrich Heil; er besuchte auch das Gymnasium und lernte dort eifrig Latein, Griechisch und den damals üblichen Schulstoff von der Mathematik bis hin zur Geschichte. Als Hertel 14 Jahre alt war, starb der Herzog, und die Kapelle wurde aufgelöst. Hertel senior ging als Konzert- meister nach Neustrelitz; der Sohn blieb in Zerbst bei Carl Höckh und erlernte dort das Geigenspiel. Hertels nächster Lehrer wurde Franz Benda, ein berühmter Geiger und ein ebenso guter Sänger. Mit ihm spielte Hertel wohl auch in der Hofkapelle Friedrichs II. von Preußen.
Was er in Zerbst und in Berlin gelernt hatte, konnte Hertel bald brauchen, denn er durfte seinen Vater vertreten, als dieser erkrankte. So wurde der junge Musiker Leiter der Neustrelitzer Hofkapelle; als sein Dienstherr starb, wechselte er dann 1754 nach Schwerin. Dort hatte er ein anregendes Umfeld und anspruchsvolle Aufgaben. So komponierte er eine Vielzahl von Kantaten. Sie beruhen oftmals auf Chorälen, wie es Herzog Friedrich zur Unterweisung seiner Untertanen im pietistischen Geiste wünschte. Die vorliegende CD enthält eine Auswahl von Kantaten und Motetten, die für den Gottesdienst am Hofe von Mecklenburg-Schwerin entstanden sind. Neben der Sinfonia aus der Kantate auf das Geburtstagsfest des Herzogs, die mit Trompeten und Pauken glänzt, ist zudem die fünfteilige Friedens- musik zu hören, mit der in der Schweriner Schlosskirche das Ende des Siebenjährigen Krieges gefeiert wurde. Die ausdrucksstarke Musik, die mitunter ziemlich modern klingt, wird vorgetragen von Katrin Hübner, Sopran, Andreas Weller, Tenor, dem NDR-Chor und dem Mecklenbur- gischen Barockorchester „Herzogliche Hofkapelle“ unter Johannes Moesus.
Was er in Zerbst und in Berlin gelernt hatte, konnte Hertel bald brauchen, denn er durfte seinen Vater vertreten, als dieser erkrankte. So wurde der junge Musiker Leiter der Neustrelitzer Hofkapelle; als sein Dienstherr starb, wechselte er dann 1754 nach Schwerin. Dort hatte er ein anregendes Umfeld und anspruchsvolle Aufgaben. So komponierte er eine Vielzahl von Kantaten. Sie beruhen oftmals auf Chorälen, wie es Herzog Friedrich zur Unterweisung seiner Untertanen im pietistischen Geiste wünschte. Die vorliegende CD enthält eine Auswahl von Kantaten und Motetten, die für den Gottesdienst am Hofe von Mecklenburg-Schwerin entstanden sind. Neben der Sinfonia aus der Kantate auf das Geburtstagsfest des Herzogs, die mit Trompeten und Pauken glänzt, ist zudem die fünfteilige Friedens- musik zu hören, mit der in der Schweriner Schlosskirche das Ende des Siebenjährigen Krieges gefeiert wurde. Die ausdrucksstarke Musik, die mitunter ziemlich modern klingt, wird vorgetragen von Katrin Hübner, Sopran, Andreas Weller, Tenor, dem NDR-Chor und dem Mecklenbur- gischen Barockorchester „Herzogliche Hofkapelle“ unter Johannes Moesus.
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