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Sonntag, 19. Dezember 2021

Herrnhuter Weihnacht (Berlin Classics)

 

Mit dem Ensemble Vocal Concert Dresden wendet Peter Kopp sich einmal mehr einem interessanten und bislang wenig beachteten Kapitel der Musikgeschichte zu: Die Herrnhuter Brüdergemeine feiert im nächsten Jahr nicht nur 300jähriges Bestehen, sie wird auch wird UNESCO-Weltkulturerbe. 

Ab 1722 siedelten sich Böhmische Brüder, Anhänger einer vorreformatorischen Bewegung in Böhmen und Mähren, nachdem sie in der Heimat verfolgt worden waren, in der Oberlausitz auf einem Gut des Grafen Zinzendorf an. Dort gründeten sie eine Kolonie in der Obhut des Herrn Jesus – Herrnhut. 

Damit legten sie den Grundstein für ein noch heute lebendiges Zentrum des Glaubens, mit höchst internationaler Ausstrahlung. Der Brüdergemeinde gehören heute weit über eine Million Menschen an. In Tansania leben derzeit die meisten Mitglieder der „Moravian Church“. Herrnhuter Missionare wirken weltweit, von Dänemark bis Südafrika, von Nepal bis Albanien und von Grönland und Alaska bis in die Karibik. 

Mit den Gläubigen zogen ihre Lieder in die Welt. Denn die Brüdergemeine war von Anfang an eine singende Gemeinde. Und so bauten die „Moravians“ musikalische Brücken zwischen Europa und der Neuen Welt. Faszinierend ist dabei die Tatsache, dass bereits im 18. Jahrhundert Kompositionen, die in fernen Gebieten entstanden, wieder nach Deutschland gelangten und dort in das Repertoire aufgenommen wurden. Eine Ahnung davon vermittelt diese CD mit weihnachtlichen Klängen. 

Den Aufnahmen sind intensive Recherchen in Archiven der Herrnhuter Brüdergemeine in der Oberlausitz, aber auch in Übersee vorangegangen. Bei fast allen Werken handelt es sich um Weltersteinspielungen. Einige Stücke wurden eigens für das Programm rekonstruiert. Somit gibt die CD einen einmaligen Einblick in die Herrnhuter Musik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Und das ist ebenso spannend wie erstaunlich. 

Denn Zinzendorf betrachtete das Singen als eine Gabe des Heiligen Geistes, und viele Lieddichter und Komponisten leisteten Beiträge zu dieser „Liederpredigt“. Im Gottesdienst der Herrnhuter wurde so recht von Herzen musiziert; insbesondere die Blechbläser beeindruckten und wurden Vorbild auch für „normale“ evangelische Gemeinden – Posaunenchöre sind noch heute in ganz Deutschland beliebt und weit verbreitet. 

In ihren „Singstunden“ entwickelten die Herrnhuter zudem einen kreativen Umgang mit überlieferten Gesängen: Oft wurden nicht Strophen einzelner Lieder fortlaufend gesungen, sondern thematisch zusammengehörige Verse; aneinandergefügt wurden dabei manchmal sogar einzelne Zeilen verschiedener Lieder. Doch nicht nur die versammelte Gemeinde musizierte; regelmäßig trafen sich auch ein Sängerchor oder aber das Collegium musicum. Sie haben natürlich auch erfolgreiche Werke von bekannten Komponisten aufgeführt, wie Homilius, Händel oder Haydn. 

Was also in der Brüdergemeine erklang, das konnte sich wahrlich hören lassen: „Die Herrnhuter haben Musices von allen Instrumenten unter sich, die theils für Virtuosen passieren können, und wird man in mancher Fürstlichen Capelle keine so solide Music antreffen“, schrieb ein Zeitgenosse. 

Diese musikalische Welt also bringt Peter Kopp, mittlerweile Rektor der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle (Saale), in diesem Jahr in die heimatlichen Stuben. Im Mittelpunkt des Programmes steht eine Christ-Nachts-Music für das Jahr 1765 von Christian Gregor (1723 bis 1801). Er war Organist, Prediger und Administrator; als solcher besuchte er auch Glaubensbrüder in Nordamerika. Schließlich wurde er zum Bischof ernannt. Die Musik in der Herrnhuter Brüdergemeine prägte er auch als Herausgeber eines Gesangbuches. Seine Christ-Nachts-Music zeigt sehr schön exemplarisch, wie damals in Herrnhut solche Musiken zusammengestellt worden sind – und wer beim Anhören bekannte Melodien entdeckt, der irrt sich keineswegs. 

Auch die anderen Beispiele, die Kopp ausgewählt hat, sind durchweg hörenswert. Er präsentiert mit dem Vocal Concert Dresden, dem Dresdner Instrumental-Concert und einer ganzen Reihe musikalischer Gäste festliche weihnachtliche Musik, Pauken und Trompeten inklusive, vollkommen abseits des vertrauten Repertoires. Was für eine Entdeckung! 


Montag, 28. Oktober 2019

Freimaurermusik (Berlin Classics)

Die Aura des Geheimnisvollen begleitet die Freimaurerei von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Bekannt ist, dass viele Logen die Musik schätzten und förderten. Weit weniger bekannt ist die Tatsache, dass offenbar von den Freimaurern selbst auch gesungen wurde. Der Musik, die Logenbrüder dafür schufen, widmet sich das Ensemble Vocal Concert Dresden unter Leitung von Peter Kopp auf der vorliegenden CD. Die Herren des renommierten Kammerchores werden dabei vom Dresdner Instrumental-Concert auf zeitgenössischen Instrumenten stilecht begleitet; so erklingt beispielsweise ein Hammerklavier anstelle eines modernen Flügels. Das sorgt für ein faszinierendes Flair, und auch die Sänger schaffen es, so schlicht zu singen, dass man vermeint, tatsächlich Freimaurer zu hören. Die meisten der eingespielten Werke sind zudem außerhalb der Zeremonien, für die sie seinerzeit entstanden sind, noch nie erklungen. 

Sonntag, 28. November 2010

Christmas at San Marco (Berlin Classics)

Der Dom San Marco war bis zur Auflösung der Republik Venedig 1797 die Kirche des Dogen, und insbesondere das Weihnachtsfest wurde dort glanzvoll zelebriert. Diese CD zeigt einen Ausschnitt aus den Feierlichkeiten, wie sie für das Jahr 1767 denkbar sind. Vermutet wird, dass damals das Kyrie in F von Ferdinando Bertoni, Messa per San Marco und Adeste fideles von Baldassare Galuppi, eine Sinfonia in G von Gaetano Latilla und das Te Deum in C von Galuppi erklangen. Der seit 1762 amtie- rende maestro di cappella allerdings hielt sich seinerzeit in Russland auf, wo er von 1765 bis 1768 als Hofkapellmeister und -komponist wirkte. 
Eigentlich hatte er wenig Lust, an den Hof Katharinas II. zu gehen, doch venezianische Diplomaten konnten ihn schließlich zu der Reise überreden. Dass die Zarin Galuppi eingeladen hat, das wird nicht überraschen - prägte und repräsentierte der Musiker doch die Musik der Serenissima wie vor ihm nur Johann Adolf Hasse. Galuppi war als Opernkomponist ebenso berühmt wie für seine Kirchenmusik, und zu Lebzeiten weit bekannter als selbst Antonio Vivaldi. 
Die Messkomposition für das Weihnachtsfest 1767 schickte der Musiker aus Moskau nach Venedig. Es war üblich, dass der maestro di cappella Gloria und Credo vertonte, und der erste Organist das Kyrie. Sanctus und Agnus Dei wurden durch ein Motetto und ein Instrumen- talstück ersetzt. Komplettiert wurde die Mitternachtsmesse durch das Te Deum laudamus. Die Position des ersten Organisten diente tradi- tionell zur Vorbereitung auf den Kapellmeisterposten; tatsächlich erhielt Ferdinando Bertoni die Stelle nach dem Tode Galuppis. Vizekapellmeister Gaetano Latilla leitete die cappella ducale während der Russlandreise Galuppis. Er war für eine umfassende Reform dieses Klangkörpers verantwortlich, die ihm die Leistungsfähigkeit sicherte, war aber auch selbst ein exzellenter Komponist, wie die Sinfonia in G zeigt. 
Zu hören sind das Vocal Concert Dresden und das Dresdner Instrumental-Concert unter Peter Kopp. Der Chor singt vorzüglich; allerdings kann das Solistenquintett ihm nicht das Wasser reichen, was die Freude etwas dämpft. Aber für derartige spätbarocke Musik wünscht man sich farbenreiche, typische Stimmen, wie einen strahlenden, beweglichen Sopran, einen dunkel timbrierten Alt. Die Stimmen von Gemma Bertagnolli, Sopran 1, Valentina Varriale, Sopran 2 und Mary-Ellen Nesi, Alt, sowie Julien Behr, Tenor und Clemens Heidrich, Bass, harmonieren zwar gut miteinander. Aber insbesondere die Damen haben eher klassische Opernstimmen, was zu dieser Art Musik meiner Ansicht nach nicht so gut passt.