Nur fünf Tage benötigte Daniil Trifonov, um für die Deutsche Grammophon alle Konzertetüden von Franz Liszt (1811 bis 1886) einzuspielen. Das ist eine ganz erstaunliche Leistung, denn diese Stücke gelten mit als das Schwierigste, was jemals für einen Konzertflügel geschrieben wurde.
In den Grandes Études de Paganini beispielsweise huldigte Liszt dem Geiger, den er sehr verehrte, indem er Themen aus einigen der berühmtesten Violinstücke des Meisters verwendete, um daraus mindestens ebenso virtuose Klaviermusik zu gestalten.
Die Drei Konzertetüden von 1849 „are Liszt's tribute to his beloved Italy, to the language of opera, an a case for piano as a singing instrument“, zitiert das Beiheft Trifonov. „Always an innovator, in these etudes, Liszt creates drama in and through harmony – leading the way to Wagner, and later to impressionism.“ Die zwei Konzertetüden von 1863, Waldes- rauschen und Gnomenreigen, sieht der Pianist als musikalische Gemälde: „They are not verbal but depictive works, atmospheric, like paintings by Caspar David Friedrich.“
An den Anfang aber stellte Trifonov die Études d'exécution transcendante, eine Sammlung von zwölf Konzertetüden, die nicht nur über ihre Tonarten miteinander verbunden sind. „The cycle reflects the journey of a hero (let us call him ,Liszt'). Each etude represents a particular stage in the hero's spiritual evolution, progressing from explosions of youthful energy (No. 1), growing increasingly complex through ,Eroica' (No. 7) and wild, as in ,Mazeppa' (No. 4), reaching a turbulent climax in the ,Wilde Jagd' (No. 8)“, so der Pianist. „That is the cycle's turning point. From the realization of the futility of the chase, the narrative arc moves from a state of nostal- gic longing in ,Ricordanza' (No. 9) to the meditative denouement of ,Chasse-neige' (No. 12).“ Einige seien eher atmosphärisch, andere eher programmatisch – aber keines dieser Musikstücke sei tatsächlich eine Etüde.
Extrem allerdings sind sie schon; auch heute noch sind diese Werke so- wohl emotional als auch technisch eine Herausforderung und ein Prüfstein für jeden Pianisten. Mancher Musiker betont ihre Brillanz; Trifonov stellt eher die meditativen, reflektierenden Aspekte in den Vordergrund. „Man muss Liszt ernst nehmen, um ihn gut zu spielen“, forderte einst Alfred Brendel – und der gerade einmal 25jährige Trifonov spielt ihn geradezu beunruhigend reflektiert. Virtuosität ist hier eher ein Nebeneffekt; dem Pianisten geht es um Ausdruck und Tiefe, nicht um Blendwerk und Geklin- gel. Damit kommt er Franz Liszt, der immer auch ein Suchender und ein Zweifler war, erstaunlich nah. Diese Aufnahme ist ohne Zweifel grandios – man darf allerdings gespannt sein, wie Trifonov solche Musik in 30 Jahren spielen wird.
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Dienstag, 15. November 2016
Donnerstag, 21. Juli 2016
Chaminade: Piano Works (MDG)
Der Pianist Johann Blanchard, der mit dieser CD sein Solo-Debüt bei Dabringshaus und Grimm gibt, hat eine enge persönliche Beziehung zu Cécile Chaminade: Sein Vater, ebenfalls Konzertpianist, studierte bei dem Cortot-Schüler Wilfrid Maggiar, der sich in seinen letzten Lebens- jahren fast ausschließlich mit den Werken der Komponistin beschäf- tigte. Von diesem erbte er schließlich auch eine große Menge an Noten.
Bei einem Besuch in Frankreich wiederum fragte Blanchard danach – und konnte einen musikalischen Schatz heben: „Es stellte sich heraus, dass die Noten bei einer Cousine in der Garage aufbewahrt wurden“, berichtet der Pianist. „Als ich nun die in mehr als zwanzig Kartons verpackten Noten durchstöberte, fand ich sehr viele unbekannte Werke und handschriftliche Noten verschiedenster Komponisten aus jener Zeit. Darunter verlegte und handschriftliche Noten, aber auch unveröffentlichte Werke von Cécile Chaminade.“
Cécile Louise Stéphanie Chaminade (1857 bis 1944) lernte das Klavierspiel zunächst bei ihrer Mutter, die selbst eine exzellente Pianistin war. Bereits als Achtjährige spielte sie Georges Bizet, der sein Landhaus neben dem der Familie hatte, eigene Werke vor. Er riet daraufhin zu einer musikalischen Ausbildung, und so erhielt die junge Dame Privatunterricht; ihr Debüt gab Chaminade 1877 im Salle Pleyel mit einem Klaviertrio von Charles-Marie Widor. Die junge Musikerin war sehr erfolgreich: Sie reiste zu Konzerten durch nahezu ganz Europa und nach Amerika. Ob in der Türkei oder in Kanada – überall wurde Cécile Chaminade gefeiert. In England wurde sie von Königin Victoria empfangen; in den USA entstanden sogar Chamina- de-Societies, und in Frankreich wurde sie 1913 als erste Komponistin in die Légion d'Honneur aufgenommen. Im Ersten Weltkrieg leitete sie allerdings ein Krankenhaus; sie zog sich mehr und mehr aus dem Musikleben und der Öffentlichkeit zurück. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Monte Carlo, wo sie 1944 starb. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits weitgehend vergessen; lange galt Cécile Chaminade als Thema maximal für Aktivistinnen der Frauenbewegung.
Verdient freilich hat sie das nicht, wie diese CD beweist. Natürlich ist unter den mehr als 400 Werken der Komponistin auch Salonmusik. Doch ihre Stücke sind kraftvoll, leidenschaftlich, zupackend, dabei aber stets elegant und von beeindruckendem Melodienreichtum. Johann Blanchard hat für diese CD die einzige Klaviersonate von Cécile Chaminade sowie einige ihrer Konzertetüden eingespielt. Als Weltersteinspielung erklingt zudem Souvenir d'enfance.
Bei einem Besuch in Frankreich wiederum fragte Blanchard danach – und konnte einen musikalischen Schatz heben: „Es stellte sich heraus, dass die Noten bei einer Cousine in der Garage aufbewahrt wurden“, berichtet der Pianist. „Als ich nun die in mehr als zwanzig Kartons verpackten Noten durchstöberte, fand ich sehr viele unbekannte Werke und handschriftliche Noten verschiedenster Komponisten aus jener Zeit. Darunter verlegte und handschriftliche Noten, aber auch unveröffentlichte Werke von Cécile Chaminade.“
Cécile Louise Stéphanie Chaminade (1857 bis 1944) lernte das Klavierspiel zunächst bei ihrer Mutter, die selbst eine exzellente Pianistin war. Bereits als Achtjährige spielte sie Georges Bizet, der sein Landhaus neben dem der Familie hatte, eigene Werke vor. Er riet daraufhin zu einer musikalischen Ausbildung, und so erhielt die junge Dame Privatunterricht; ihr Debüt gab Chaminade 1877 im Salle Pleyel mit einem Klaviertrio von Charles-Marie Widor. Die junge Musikerin war sehr erfolgreich: Sie reiste zu Konzerten durch nahezu ganz Europa und nach Amerika. Ob in der Türkei oder in Kanada – überall wurde Cécile Chaminade gefeiert. In England wurde sie von Königin Victoria empfangen; in den USA entstanden sogar Chamina- de-Societies, und in Frankreich wurde sie 1913 als erste Komponistin in die Légion d'Honneur aufgenommen. Im Ersten Weltkrieg leitete sie allerdings ein Krankenhaus; sie zog sich mehr und mehr aus dem Musikleben und der Öffentlichkeit zurück. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Monte Carlo, wo sie 1944 starb. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits weitgehend vergessen; lange galt Cécile Chaminade als Thema maximal für Aktivistinnen der Frauenbewegung.
Verdient freilich hat sie das nicht, wie diese CD beweist. Natürlich ist unter den mehr als 400 Werken der Komponistin auch Salonmusik. Doch ihre Stücke sind kraftvoll, leidenschaftlich, zupackend, dabei aber stets elegant und von beeindruckendem Melodienreichtum. Johann Blanchard hat für diese CD die einzige Klaviersonate von Cécile Chaminade sowie einige ihrer Konzertetüden eingespielt. Als Weltersteinspielung erklingt zudem Souvenir d'enfance.
Sonntag, 23. September 2012
Kapustin: Eight Concert Etudes, 24 Preludes in Jazz Style (Naxos)
Nikolai Girschewitsch Kapustin, Jahrgang 1937, gehört zu jenen russischen Komponisten, die eine ganz eigene, unverwechselbare Handschrift aufweisen. In seinen Werken kombiniert er klassische Formen mit Jazzklängen.
Zwar hat er in den 50er und 60er Jahren als Jazzpianist musiziert. Doch das fand Kapustin wenig reizvoll: "Ich war nie ein Jazz- musiker", sagt der Komponist. "Ich habe nie versucht, ein wahrer Jazzpianist zu sein, aber ich musste es sein, um des Komponierens willen. Ich interessiere mich nicht für Improvisation – und was wäre ein Jazzmusiker ohne Improvisation? Alle Improvisation meinerseits ist natürlich niedergeschrieben und sie ist dadurch viel besser geworden; es ließ sie reifen."
Die georgische Pianistin Catherine Gordeladze, die mittlerweile in Deutschland lebt, stellt auf dieser CD zwei wichtige Klavierzyklen von Kapustin vor. Die Acht Konzertetüden op. 40 aus dem Jahre 1984 erinnern an Werke von Liszt und Chopin. Sie klingen harmonisch, enorm kraftvoll und energiegeladen; man ist geneigt zu sagen, damit führt Kapustin das Genre ins 21. Jahrhundert. Aber wahrscheinlich ist den wirklichen Experten, die sich für zeitgenössische Musik mehr erwärmen können als die Autorin dieses Blogs, diese Musik zu popu- lär.
Das gilt erst recht für die 24 Präludien im Jazz-Stil op. 53 aus dem Jahre 1988. Sie nehmen eine Tradition auf, die wohl bei Chopin be- gann, der wiederum seine 24 Préludes op. 28 in der Auseinander- setzung mit Bachs Wohltemperirtem Clavier schuf. Anders als Bach, der chromatisch die Tonleiter "abarbeitete", folgte Chopin jedoch dem Quintenzirkel, und ließ auf jedes Stück in Dur eines in der parallelen Moll-Tonart folgen. Etliche Komponisten ließen sich davon inspi- rieren, so beispielsweise Alexander Skrjabin, Sergej Rachmaninoff und Dmitri Schostakowitsch. Kapustin aber findet einen ganz eigenen musikalischen Zugang, und das Resultat ist sehr beeindruckend.
Ganz erstaunlich ist auch das Spiel der jungen Pianistin. Gordeladze überzeugt durch eine stupende Technik ebenso wie durch ihre zupackende, mitreißende Interpretation. Sie spielt Kapustin hörbar mit Vergnügen, und lässt diese komplexen Stücke swingen. In jeder Hinsicht eine Entdeckung!
Zwar hat er in den 50er und 60er Jahren als Jazzpianist musiziert. Doch das fand Kapustin wenig reizvoll: "Ich war nie ein Jazz- musiker", sagt der Komponist. "Ich habe nie versucht, ein wahrer Jazzpianist zu sein, aber ich musste es sein, um des Komponierens willen. Ich interessiere mich nicht für Improvisation – und was wäre ein Jazzmusiker ohne Improvisation? Alle Improvisation meinerseits ist natürlich niedergeschrieben und sie ist dadurch viel besser geworden; es ließ sie reifen."
Die georgische Pianistin Catherine Gordeladze, die mittlerweile in Deutschland lebt, stellt auf dieser CD zwei wichtige Klavierzyklen von Kapustin vor. Die Acht Konzertetüden op. 40 aus dem Jahre 1984 erinnern an Werke von Liszt und Chopin. Sie klingen harmonisch, enorm kraftvoll und energiegeladen; man ist geneigt zu sagen, damit führt Kapustin das Genre ins 21. Jahrhundert. Aber wahrscheinlich ist den wirklichen Experten, die sich für zeitgenössische Musik mehr erwärmen können als die Autorin dieses Blogs, diese Musik zu popu- lär.
Das gilt erst recht für die 24 Präludien im Jazz-Stil op. 53 aus dem Jahre 1988. Sie nehmen eine Tradition auf, die wohl bei Chopin be- gann, der wiederum seine 24 Préludes op. 28 in der Auseinander- setzung mit Bachs Wohltemperirtem Clavier schuf. Anders als Bach, der chromatisch die Tonleiter "abarbeitete", folgte Chopin jedoch dem Quintenzirkel, und ließ auf jedes Stück in Dur eines in der parallelen Moll-Tonart folgen. Etliche Komponisten ließen sich davon inspi- rieren, so beispielsweise Alexander Skrjabin, Sergej Rachmaninoff und Dmitri Schostakowitsch. Kapustin aber findet einen ganz eigenen musikalischen Zugang, und das Resultat ist sehr beeindruckend.
Ganz erstaunlich ist auch das Spiel der jungen Pianistin. Gordeladze überzeugt durch eine stupende Technik ebenso wie durch ihre zupackende, mitreißende Interpretation. Sie spielt Kapustin hörbar mit Vergnügen, und lässt diese komplexen Stücke swingen. In jeder Hinsicht eine Entdeckung!
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