"Kammermusik ist die vollkom- menste Form des Musizierens", meint Paul Badura-Skoda. "Wenn wir die Musizierarten der klassi- schen Instrumentalmusik mit den menschlichen Gesellschaftsformen vergleichen, dann nimmt die Kammermusik die Stellung der Demokratie ein, während ich das Wirken des Solisten mit Anarchie - jeder kann tun, was ihm beliebt - vergleichen möchte und die Kom- bination ,Dirigent mit Orchester' mit der Diktatur: ,Wehe dem, der sich nicht unterordnet!'" Badura-Skoda ist, bei aller Virtuosität, ganz offensichtlich ein leidenschaftlicher Demokrat. Und in dieser CD-Box finden sich einige seiner schönsten Kammermusik-Aufnahmen.
Er spielte Mozart gemeinsam mit David Oistrach, Schubert mit Anto- nio Janigro und Jean Fournier, Brahms und Dvorák mit Wolfgang Schneiderhan und Boris Pergamenschikow, Brahms und Strauss mit dem Küchl Quartett. Als Zugabe gibt es eine CD, auf der Otto Schulhof, einer der Lehrer des großen Pianisten, das Dumky-Trio spielt und erklärt - 1954.
Auch sonst stellt man bedauernd fest, dass die Musiker, mit denen Badura-Skoda hier derart einträchtig zu hören ist, zumeist schon in die himmlische Kantorei abberufen wurden. Das Faszinierende an diesen Mitschnitten ist, dass hier Menschen zusammen musizieren, die weniger miteinander wetteifern als vielmehr aufeinander hören, Ideen aufgreifen und Melodien fortsetzen - sehr kultiviert, und sehr beeindruckend. Diese Aufnahmen sind überaus harmonisch, da ist niemand, der sich in den Vordergrund drängt. Auch das Klavier bleibt stets gleichberechtigter Partner; niemals übertönt Badura-Skoda die Streicher. Es ist ein unglaublicher Genuss, ihnen zuzuhören. Bravi!
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Mittwoch, 25. April 2012
Mittwoch, 10. März 2010
Carl Seemann plays Bach / Stravinsky (Deutsche Grammophon)
Carl Seemann, Jahrgang 1910, studierte Kirchenmusik in Leipzig; er war ein Schüler von Karl Straube und Günther Ramin. Nach dem Examen arbeitete er zunächst als Organist, bevor er seine Karriere als Konzertpianist startete. Seemann war berühmt für die Sachlichkeit seiner Inter- pretationen. Im Zentrum seines Klavierspiels stand stets die musikalische Syntax. Sein Bach klingt wie gemeißelt, was freilich den kleinen Stücken aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach jeglichen Charme nimmt. Und auch die Sechs kleinen Präludien BWV 933-938 stehen im Raum, wie aus Beton gegossen. Die Chromatische Fantasie und Fuge hingegen verortet der Pianist kühn im romantischen Stürmen und Drängen. Da dominiert, ganz entgegen Seemanns sonstigem Brauch, das Pedal, und es tauchen sogar Oktavgriffe auf, die so bei Bach nicht stehen. Man staunt: Das ist ganz 19. Jahrhundert; es klingt fast, als würde Liszt Bach spielen - das würde heute wohl keiner mehr so wagen.
Eine weitere CD zeigt, wie sich Seemann der Moderne näherte. Sie enthält das Konzert für Klavier und Bläser sowie die Serenade in A und das Duo concertant von Igor Stravinsky, sowie eine bislang unveröffentlichte Aufnahme der Sonate für Violine und Klavier in g-Moll von Claude Debussy - die letztgenannten beiden Stücke spielt Seemann mit seinem langjährigen Kammermusik-Partner Wolfgang Schneiderhan. Auch dies sind interessante musikhistorische Dokumente, Aufnahmen für Sammler, Kenner und Liebhaber.
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