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Sonntag, 3. Oktober 2021

Grand Tour (Genuin)


 Auf der sogenannten Kavalierstour reisten einstmals Sprösslinge aus gutem Hause quer durch Europa. Die angehenden Regenten lernten dabei fremde Sprachen und fremde Sitten kennen; sie erlebten allerlei Abenteuer und erhielten weltmännischen Schliff. 

Doch nicht nur den Adel, auch Musiker zog es in die Ferne: Von großen Meistern lernen, Vorbilder aus anderen Musikkulturen aufmerksam studieren, und daraus Inspiration und Anregung für das eigene Schaffen erfahren – insbesondere Italien war seinerzeit ein wichtiges Reiseziel, und Frankreich hatte ebenfalls viel zu bieten. 

Das Cicerone Ensemble nimmt uns mit auf eine musikalische Reise auf den Spuren von Komponisten, die ein selbst durch Europa gereist sind. Die drei jungen Musiker erweisen sich als ebenso kenntnisreiche wie leidenschaftliche Reiseführer. Thomas Wormitt, Traversflöte, Adrian Cygan, Violoncello, und Andreas Gilger, Cembalo, kombinieren musikwissenschaftliche Erkenntnisse und technische Exzellenz mit überraschenden Repertoire-Entdeckungen. Auf dieser CD präsentieren sie ein abwechslungsreiches Programm, das auch beim Zuhörer die Reiselust weckt. Mehr davon! 

Montag, 12. Juli 2021

Rinck: Chamber Music (MDG)


 Es muss nicht immer Beethoven sein: Auch Johann Christian Heinrich Rinck (1770 bis 1846) gehörte im vergangenen Jahr zu den Jubilaren. Dieser Name freilich wird heute kaum noch jemandem etwas sagen. Chorsängern wird vielleicht das Lied Abend wird es wieder einfallen, das Rinck nach einem Text Hoffmann von Fallerslebens geschrieben hat. Organisten kennen möglicherweise seine sechsbändige Praktische Orgelschule op. 55, die weltweit verbreitet und sehr populär war. 

Das Trio Parnassus hat sich nun Rincks Kammermusik zugewandt, und die erste CD, die bei Dabringhaus und Grimm veröffentlicht worden ist, macht deutlich, dass der Komponist aus gutem Grunde zu Lebzeiten hochgeschätzt war. Johann Christian Heinrich Rinck stammte aus dem thüringischen Elgersburg bei Ilmenau, und wurde 1786 in Erfurt Schüler von Johann Christian Kittel. 1790 trat er seine erste Anstellung an als Stadtorganist in Gießen; 1803 wurde er dort Universitätsmusikdirektor. 1805 wechselte er nach Darmstadt, wo er zunächst als Stadtorganist, Kantor und Musiklehrer am Gymnasium wirkte. 

Schon bald wurde er zudem Mitglied der Hofkapelle, 1813 Hoforganist und 1817 Kammermusikus des Großherzogs Ludwig I. von Hessen-Darmstadt. Rinck galt als einer der bedeutenden Orgelvirtuosen seiner Zeit, und auch als Orgelsachverständiger und Komponist gehörte er zu den herausragenden Persönlichkeiten der Kirchenmusikgeschichte des 19. Jahrhunderts. 

Als Enkelschüler von Johann Sebastian Bach verstand er sich selbstverständlich auf die Traditionen der barocken Polyphonie, und er verschmolz sie mit der Eleganz der Klassik und der Individualität der Frühromantik. Damit schuf er einen beeindruckenden persönlichen Stil – auch wenn er seine Werke bescheiden als Kompositionen „für meine Schüler“ ansah. 

Das Trio Parnassus präsentiert nun Rincks Kammermusik. Die Stücke, die sehr unterschiedlich sind, werden von Julia Galić, Violine, Michael Groß, Violoncello und Johann Blanchard, Piano, elegant und stilsicher vorgestellt. Es sind nicht durchweg Triosonaten. So gibt es auf Volume 1 eine Sonate très facile für Violine und Piano. Volume 2 enthält auch ein Trio für Flöte, Violoncello und Klavier, was die Musiker gemeinsam mit der fabelhaften Helen Dabringhaus an der Flöte klangschön vortragen. 

Die Aufnahmen, wie stets bei MDG auch von erstklassiger technischer Qualität, machen sehr neugierig auf jenes Repertoire, das von Musikhistorikern lange als „minderwertig“ aussortiert worden ist. Es ist immer wieder erfreulich, welche Trouvaillen zum Vorschein kommen, wenn engagierte Musiker sich nicht von Vorurteilen blenden lassen, sondern aufmerksam in die alten Noten schauen. Mehr davon, und: Bravi! 


Donnerstag, 19. Dezember 2019

Telemann's Garden (Pentatone)

Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) war nicht nur als Musiker produktiv. Mit großer Leidenschaft pflegte er auch seinen Garten: „Ich bin unersättlich, wenn es um Hyazinthen und Tulpen geht, gierig nach Ranunkuli und besonders nach Anemonen“, so schrieb der Komponist an einen Freund. 
Das Elephant House Quartet ließ sich davon inspirieren und lädt mit seinem Debütalbum bei Pentatone zu einem Spaziergang durch das Werk von Telemann ein. Diese musikalische Blütenlese ergab eine farbenfrohe, abwechslungsreiche Kollektion kammermusikalischer Pretiosen – mitunter duftig, dann wieder tänzerisch grazil, und immer elegant und ausgewogen. 
Der Zuhörer hat daran ebenso Vergnügen wie die Mitglieder des Ensembles – Bolette Roed, Blockflöte, Aureliusz Goliński, Violine, Reiko Ichise, Viola da gamba und Allan Rasmussen, Cembalo: „Moreover, each flower ebbs and flows between solo and quartet performances, hence creating a perpetual story“, erklären die Musiker in ihrem Geleitwort zu dieser CD. „Out of the silence, the evocative sound of harpsichord awakens the senses, and through some of Telemann's most dramatic masterpieces, one's passion unfolds. As flowers wither, the last note fades away into silence.“ Vom ersten bis zum letzten Ton berückend. 

Sonntag, 11. November 2018

Forgotten chamber works with oboe from the Court of Prussia (Deutsche Harmonia Mundi)

Bei der Suche in Archiven hat das Ensemble Notturna unter Leitung von Oboist Christopher Palameta einen kleinen Schatz gehoben: Auf dieser CD präsentieren die Musiker in Weltersteinspielungen Kammer- musik aus der Zeit Friedrichs des Großen, bei der nicht in erster Linie die Flöte, sondern die Oboe Solo- instrument ist. 
Richtet man den Blick einmal nicht auf den König und auf seinen Flötenlehrer Quantz, so wird man feststellen, dass auch andere Virtuosen am preußischen Hof brilliert haben. Die Oboe wurde in Preußen durchaus geschätzt. So waren an der Hofoper vier Oboisten engagiert. Und der Oboist Johann Christian Fischer, weiland eine Berühmtheit, gastierte 1763 in Berlin. Wie Charles Burney berichtet, wurde diesem „die Ehre zuteil (..), einen Monat lang seine Majestät (..) jeden Tag vier Stunden allein zu akkompagnieren.“ 
Was damals gespielt wurde, ist heute nicht mehr zu erfahren. Aber Musik der drei Komponisten, die auf dieser CD vertreten sind, könnte vielleicht dabei gewesen sein. So schrieb Johann Gottlieb Graun (1703 bis 1771), ab 1741 Konzertmeister der königlichen Hofkapelle, ein Quintetto à Cembalo Concertato, Flauto Traverso, Violino, Viola da Braccio e Violoncello in a-Moll, das jede Menge Überraschungen bereithält. Und den Violinpart kann, so steht es auf der Stimme vermerkt, auch die Oboe übernehmen. 
Christian Gottfried Krause (1717 bis 1770) war eigentlich Rechtsanwalt; dass er aber die Musik sowohl mit Leidenschaft als auch mit Sachverstand betrieb, zeigt seine Triosonate für Oboe, Violine und Basso continuo, die Notturna ebenfalls auf dieser CD vorstellt. 
Gleich mit drei Sonaten vertreten ist zudem Johann Gottlieb Janitsch (1708 bis 1763). Er hatte wie Krause in Frankfurt/Oder Jura studiert, sich dann aber für den Musikerberuf entschieden: 1736 wurde er Contravioli- nist der Hofkapelle Friedrichs des Großen. In seiner Wohnung versam- melte sich die sogenannte Freitagsakademie, bei der Hofmusiker gemeinsam mit Liebhabern aus dem Berliner Bürgertum musizierten. 
Für diese Veranstaltungen entstanden die beiden Trios und die Quartett- sonate für Traversflöte, Oboe, Viola und Bass, die auf dieser CD erklingen. Das Ensemble Notturna begeistert mit diesem Programm, und macht sehr neugierig auf weitere Entdeckungen – die Archive geben bestimmt noch mehr her! 

Montag, 23. April 2018

Emotions (MDG)

Emotions, Gefühle, nannten Alexandra Troussova und Kirill Troussov ihre jüngste CD. Die Geschwister, die sich dem Klavier und der Geige verschrieben haben, offenbaren mit dieser Entscheidung erneut eine Vorliebe für intelligent gestaltete Konzeptalben. Denn schon ihr Debüt bei Dabringhaus und Grimm, mit dem Titel Memories, überraschte mit höchst sachkundiger Musikauswahl – und mit exzellenter musikalischer Qualität. 
Das gilt ohne Einschränkungen auch für Emotions. Auf dieser CD haben die beiden Musiker um die Violinsonate von César Franck und die Sonate für Violine und Klavier in G-Dur von Maurice Ravel noch drei kleinere Werke gruppiert, die aber keineswegs unbedeutend sind. Schon die beiden Stücke zu Beginn, Mélancolie und Andantino quietoso op. 6, machen deut- lich, dass der Organist Franck in seiner Kammermusik nicht nur techni- sche Brillanz, sondern in erster Linie auch die Gabe fordert, wunderbare Melodien ansprechend in Szene zu setzen. 
Die beiden Musiker bescheren dem Zuhörer so manchen Gänsehaut-Moment. Selbst bei größter dramatischer Intensität gelingt es den Troussovs, transparent und klar strukturiert zu spielen. Die Geschwister musizieren schon seit ihrer Kindheit gemeinsam. Sie haben dabei einen Grad an Vertrautheit erreicht, der ihnen unglaubliche agogische Freiheiten ermöglicht – für die Interpretation romantischer Musik ist das ein großes Plus. 
Man höre nur den zweiten Satz von Ravels Sonate, mit dem Titel Blues. Er klingt tatsächlich wie improvisiert. Und die populäre Tzigane wird bei diesem Duo von rasantem Virtuosenfutter zu allerbester, ausdrucks- starker Kammermusik. Vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt diese Einspielung mit unerhörtem Farbenreichtum. Da kann man nur staunen – und die hervorragende Aufnahme macht auch das Timbre von Troussovs Brodsky-Stradivari, auf der seinerzeit Tschaikowskis Violinkonzert erstmals gespielt worden ist, und den Klang des legendären Steinway-Konzertflügels „Manfred Bürki“ erlebbar. Rundum erstklassig, unbedingt zu empfehlen! 

Donnerstag, 4. Januar 2018

Telemann at Café Zimmermann (Winter & Winter)

Ein Nachtrag zum Telemann-Jubil- äumsjahr 2017: Das Schweizer Ensemble Die Freitagsakademie hat eine sehr schöne CD im Gedenken an Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) veröffentlicht. Die Einspielung, erschienen bei dem Label Winter & Winter, soll an das Café Zimmer- mann in Leipzig erinnern. Denn an der Pleiße hat Telemann mit seinem aus Studenten bestehenden Colle- gium Musicum seine überaus erfolg- reiche Musikerlaufbahn begonnen. 
Nach drei Jahren freilich war die Studienzeit Telemanns vorbei: 1704 erhielt der junge Musiker, der eigentlich Jurist werden sollte, seine erste Anstellung als Hofkapellmeister des Grafen von Promnitz, in Sorau in der Niederlausitz. Die Freitagsakademie präsentiert ein etwas oboenlastiges, aber ansonsten außerordentlich hörenswertes Programm aus zwei Ouverture-Suiten, einer Sonate, einer Triosonate und einem bezaubern- den Konzert für Oboe d'amore. Die Musiker zeigen einmal mehr, dass Telemann heute noch immer der am stärksten unterschätzte Komponist der Barockzeit ist. 

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Royal Christmas - Joy to the world (K&K)

„Authentic Classical Concerts zu veröffentlichen, heisst für uns, herausragende Aufführungen und Konzerte für die Nachwelt festzuhalten und zu vermitteln“, erläutern Andreas Otto Grimminger und Josef-Stefan Kindler im Beiheft zu dieser CD die Absichten ihres Labels K&K: „Denn Künstler, Publikum Werk und Raum treten in einen intimen Dialog, der in Form und Ausdruck – in seiner Atmosphäre – einmalig und unwiderbringlich ist. Diese Symbiose, die Spannung der Aufführung dem Hörer in all ihren Facetten möglichst intensiv erlebbar zu machen, indem wir die Konzerte direkt in Stereo-Digital HD aufzeichnen, sehen wir als Ziel, als Philosophie unseres Hauses.“ 
„Royal Christmas – Joy to the World“ lautet das Motto eines solchen Konzertes, das am 14. Dezember 2014 in der Schlosskirche Bad Homburg stattgefunden hat. In diesem wunderbaren Raum haben vier Musiker des Ensembles Nel Dolce weihnachtliche Musik vorgestellt, wie sie in London zur Zeit des Hochbarock vor der königlichen Familie hätte erklingen können. 
Ausgewählt wurden dafür fast durchweg Stücke von Musikern, die entweder in England lebten, oder aber aus anderen Ländern Europas nach London gingen, um dort zumindest zeitweise zu wirken. Zu hören sind unter anderem Werke von Henry Purcell, Georg Friedrich Händel und seinem Rivalen Nicola Antonio Porpora, John Dowland und, natürlich, Arcangelo Corelli. Heinrich Ignaz Franz Biber von Bibern allerdings war nie in London – was aber seine Sonate Die Geburt Christi aus den Mysteriensonaten nicht weniger hörenswert macht. 
Stephanie Buyken, Blockflöten und Gesang, Olga Piskorz, Violine, Harm Meiners, Violoncello und Flora Fabri musizieren inspiriert und perfekt aufeinander abgestimmt. Die Mitglieder des 2003 gegründeten Barockensembles Nel Dolce haben gemeinsam Kammermusik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln studiert, und danach diverse Meisterkurse bei Spezialisten für „Alte“ Musik absolviert. Sie haben sich insbesondere der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts verschrieben. 

Sonntag, 3. Dezember 2017

Koechlin: Oeuvres orchestrales (SWR Music)

Die Musik von Charles Koechlin (1867 bis 1950) ist hierzulande wenig bekannt. Zum hundertfünfzigsten Geburtstag des Komponisten – der am 27. November 1867 in Paris das Licht der Welt erblickte, aber seine Wurzeln im Elsass hatte – sind nun bei SWR Music in zwei Boxen jeweils sieben CD alle Koechlin-Produktio- nen des Senders erschienen. 
Als Zugabe gibt es jeweils ein umfangreiches Beiheft. Es enthält einen detailreichen Aufsatz von Otfrid Nies, der einen Überblick über Leben und Schaffen des Komponisten bietet. Nies setzt sich seit viele Jahren dafür ein, diesem Zeitgenossen von Debussy und Ravel mehr Beachtung zu verschaffen. Er hat dazu 1984 in Kassel das „Archiv Charles Koechlin“ gegründet, das mittlerweile über eine beeindruckende Kollektion an Dokumenten verfügt. 

Mit Sorgfalt zusammengestellt: höchst informatives Beiheft 

Otfried Nies und Robert Orledge, ebenfalls ein ausgewiesener Koechlin-Experte, haben dann ausführliche Anmerkungen zu den einzelnen Werken hinzugefügt. Diese werden gelegentlich durch Kommentare der beteiligten Musiker ergänzt. Außerdem sind die Texte sämtlicher Vokalwerke zu finden, und Kurzbiographien der Mitwirkenden – und all das auf Deutsch, Französisch und Englisch. Und als Zugabe gibt es obendrein noch Photographien von Koechlin. Soviel Sorgfalt ist selten; desto mehr ist der SWR zu loben, der diesen Aufwand treibt, um den Jubilar zu ehren und dem Musikfreund den Zugang zu seinem eigenwilligen Werk zu erleichtern. 
Charles Koechlin, obgleich mit Musik aufgewachsen, wollte eigentlich Ingenieur werden. Doch dann erkrankte er schwer an Tuberkulose, und musste seine Lebenspläne ändern. Er wandte sich der Musik zu, und studierte am Conservatoire, zunächst bei Jules Massenet, und dann bei Gabriel Fauré. Aber auch die Musik von Claude Debussy schätzte Koechlin sehr: „Il suffit parfois d'une seule mesure chez un génial confrère, pour nous ouvrir la porte sur des jardins enchantés, où nous pourrons très bien cueillir d'autres fleurs que les siennes“, so beschrieb er in seinen Memoiren die Inspiration, die er durch dessen Stück Mandoline erfuhr. 
Das Werk von Charles Koechlin ist umfangreich, und umfasst nahezu alle Gattungen mit Ausnahme von Opern, Oratorien und anderer geistlicher Chormusik. Ein besonderes Faible hatte der Komponist für das Orchestrieren; diese Gabe nutzten auch seine Kollegen gern, so dass er beispielsweise Faurés Musik zu Pelléas et Mélisande oder Debussys Ballettmusik Khamma orchestrierte. Seine Erfahrungen in diesem Bereich gab er in dem vierbändigen Traité de l'orchestration weiter. 
Schon im Jahre 2001 startete der SWR das Koechlin-Projekt; dabei arbeiteten der Stuttgarter Rundfunksender mit seinem Radio-Sinfonie- orchester, Dirigent Heinz Holliger und Otfrid Nies mit dem Archiv Charles Koechlin eng zusammen. Die beiden CD-Boxen zeigen, wie viele Facetten Koechlins Werk hat. Da wäre zunächst die Kammermusik, auf vier CD zusammengefasst – wobei der Komponist die Bläser offenbar sehr schätzte, insbesondere Klarinette und Flöten. Doch auch für Streichinstru- mente hat er etliche Werke geschrieben. 

Koechlins magische Musik - oder: Fronarbeit im Zaubergarten  

Entstanden sind die Aufnahmen im Laufe vieler Jahre. Auch die Liste der Mitwirkenden ist lang; sie reicht von Dirk Altmann, Klarinette, über Peter Bruns, Violoncello, bis hin zu Peter Thalheimer, Flöte. Die meisten Interpreten sind Mitglieder des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart und haben sich über viele Jahre mit dem Werk Koechlins beschäftigt. 
Die Klavierwerke, auf drei CD, hat Michael Korstick eingespielt. Der Pianist wurde durch eine CD auf die Musik Koechlins aufmerksam: „Gleich mit den ersten Akkorden öffnete sich ein fremdartiger Zaubergarten voller süchtig machender Farben und Düfte“, berichtet er. Korstick fragte beim Archiv nach – und bekam von Otfried Nies ein Notenpaket. „Allerdings sind die feinsinnigen und farbigen, eine große innere Ruhe ausstrahlenden Klavierschöpfungen Koechlins für den Pianisten eine harte Nuss“, stellt Korstick fest. „Der stark orchestral konzipierte Satz kümmert sich nicht im geringsten um das mit zwei Händen Machbare, wirkt mit seinen extrem aufgefächerten Akkorden über weite Strecken wie das Particell eines Orchesterwerks, welches vom Pianisten erst in einem ,Griffplan' eingerichtet werden muss und zudem noch ganz eigene, hoch differenzierte Pedaltechniken erforderlich macht.“ 
Die Veröffentlichung mit den Orchesterwerken Koechlins enthält zahlreiche Weltersteinspielungen. Sie bietet einen breiten Überblick über Koechlins Schaffen, von den frühen Orchesterliedern über orchestrierte Werke anderer Komponisten bis hin zu seinen klanggewaltigen und üppig besetzten Spätwerken. 
Koechlins Musikstücke beziehen sich oftmals auf Außermusikalisches, wie Literatur oder Filme. Am ehesten bekannt sind wohl seine Musikstücke zum Dschungelbuch von Rudyard Kipling, wie Chanson de nuit dans la jungle, Le Chant de Kala Nag oder Les Bandar-Log. Auf sieben CD erklingen die von 2000 bis 2012 aufgenommenen und veröffentlichten Produktionen des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart unter Heinz Holliger sowie La Méditation de Purun Bhagat, ebenfalls ein Dschungelbuch-Stück. 

Montag, 2. Oktober 2017

Kapustin: Complete Music for Cello and Piano (Brilliant Classics)

In wenigen Wochen feiert Nikolai Girschewitsch Kapustin seinen 80. Geburtstag. Der Pianist und Komponist, der aus der Ukraine stammt und seit dem Studium in Moskau lebt, hat einen ganz eigenen musikalischen Stil: In seinen Werken, die technisch oftmals höchst anspruchsvoll sind, kombiniert er eine moderat moderne Klangsprache mit Elementen des Jazz. Das wirkt mitunter improvisiert, aber tatsäch- lich ist jeder Takt auskomponiert. 
Wie aber soll man das spielen? Das auf Sardinien beheimatete, deutsch-italienische Duo Perfetto hat sich an Kapustins Kammermusik für Klavier und Cello gewagt. Clorinda Perfetto, Klavier, und Robert Witt, Violoncello, haben die Cellosonaten Nr. 1  und 2 erkundet, sowie die drei kurzen, aber ebenfalls sehr virtuosen Stücke Elegy op. 96, Nearly Waltz op. 98 und Burlesque op. 97. 
Die beiden Musiker nähern sich Kapustins Werken sehr diszipliniert und präzise. Das ist ein wenig schade; diese Musik könnte mehr Witz und auch Temperament durchaus vertragen. Mir ist diese Einspielung zu brav. 

Sonntag, 6. August 2017

Telemann: Ein feste Burg ist unser Gott (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Confessio Augustana ist wohl das wichtigste Dokument, das auf dem Reichstag in Augsburg 1530 unter- zeichnet wurde. Darin beschrieben die lutherischen Reichsstände die Grundsätze ihres Glaubens. Diese Schrift, die weitgehend aus der Feder von Philipp Melanchthon stammt und vor allem auch die Gemeinsam- keiten mit der katholischen Kirche betont, gehört noch heute zum Inventar der lutherischen Kirchen. 
Der 200. Jahrestag der Augsburger Konfession, jenes „unerschrockenen Bekenntnisses der lautern Evangelischen Lehre“, so Georg Philipp Telemann, wurde auch in Hamburg aufwendig gefeiert. Im Festgottesdienst erklangen gleich zwei Kantaten, die Telemann als Musikdirektor der Hansestadt eigens für diesen Anlass komponiert hatte. 
Die pragmatischen Hamburger feierten lediglich einen Tag, nämlich am 25. Juni, praktischerweise ohnehin ein Sonntag. Infolgedessen wurde in allen Kirchen gleichzeitig musiziert – was bedeutete, dass Telemann natürlich zuvor auch die Proben für die Festgottesdienste in allen fünf Hauptkirchen zu leiten hatte, und dann gar nicht allen Aufführungen selbst beiwohnen konnte. 
Er selbst schreibt von mehr als hundert Personen in den Proben – was uns heute einen interessanten Einblick in das Musikleben jener Zeit gibt; denn die Kantaten gelten als „groß besetzt“. Und man muss bedenken, dass sich die hundert Mitwirkenden ja noch auf fünf Kirchen verteilten. Überliefert sind leider nur die „Poesien zur Music, welche daselbst am Großen Jubel-Feste (..) musicalisch aufgeführet“, denn Telemann ließ sie drucken. Die Festkantaten selbst gelten als verschollen. 
Zwei kleinere Werke, die in St. Katharinen erklungen sind, veröffentlichte der Musiker: Die Solokantaten  Sey tausendmahl willkommen ( TVWV 13: 9a) und Du bleibest dennoch unser Gott (TVWV 13: 9b) hat das Ensemble Concerto Melante, geleitet von Konzertmeister Raimar Orlovsky, nun bei dem Label Deutsche Harmonia Mundi in Weltersteinspielung vorgestellt. Dass es bei Telemann noch viel zu entdecken gibt, beweisen die Musiker auch mit drei hinreißenden Instrumentalstücken in ihrem Programm: Zu hören sind, ebenfalls in Weltersteinspielungen, die zwei Triosonaten TWV 42:e7 und 42:e8, beide zu finden in den Notenbeständen des Darmstädter Hofkapellmeisters Christoph Graupner, und das Quartett TWV 43:G13. 
Gleich fünfmal zu hören ist auf der CD Luthers Choral Ein feste Burg ist unser Gott – vierfach in musikalischen Bearbeitungen von Johann Walther, sowie in Form einer vierstimmigen Motette, die Telemann für die akademische Feier des Hamburger Johanneums zum „Jubel-Fest“ 1730 geschrieben hat. Es singen Robin Johannsen, Sopran, Alexander Seidel, Altus, Holger Marks, Tenor, und Wolf Matthias Friedrich, Bass. 
Concerto Melante – wer gern mit Buchstaben spielt, der sieht auf den ersten Blick, dass der Name des Ensembles aus dem des Komponisten hervorgegangen ist (wobei aber leider ein „n“ verloren ging) – leistet mit diesem Album einen Beitrag sowohl zum Telemann-Jubiläum als auch zum Reformationsjahr. Telemann, der nicht nur ein exzellenter Musiker und Komponist, sondern auch ein cleverer Geschäftsmann war, hätte das mit Sicherheit gefallen.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Edition Carl Philipp Emanuel Bach (Hänssler Classic)

Eine enorme Box mit Musik von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) legt Hänssler Classic all jenen auf den Gabentisch, die nicht dem Irrtum verfallen sind, es habe zwischen Johann Sebastian Bach und der Wiener Klassik im deutsch- sprachigen Raum eigentlich keine Musik gegeben, die man kennen müsste. 
Carl Philipp Emanuel Bach war der zweite überlebende Sohn von Johann Sebastian Bach. „In der Komposition und im Clavierspielen habe ich nie einen anderen Lehrmeister gehabt als meinen Vater“, soll „CPE“ später berichtet haben. Es war offensichtlich eine gute Schule; schon 1738 engagierte Kronprinz Friedrich von Preußen den Musiker. Viele Jahre lang begleitete der „Berliner Bach“ dann als Erster Cembalist den König beim Flötenspiel. Das war nicht immer eine Idylle, wie sie das berühmte Gemälde vom Hofkonzert in Sanssouci ver- muten lässt. Erinnert sei nur daran, dass in diesen Zeitraum auch der Sie- benjährigen Krieg fällt, mit verheerenden Auswirkungen. 
Als 1767 Taufpate Georg Philipp Telemann starb, wurde Carl Philipp Emanuel Bach sein Nachfolger als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. Dort hatte er eine Vielzahl von Aufführungen in allen fünf Hauptkirchen zu leiten, er komponierte die erforderliche, überwiegend geistliche, Musik und vernachlässigte darüber zugleich das Konzertieren nicht. Er hatte einen exquisiten Freundeskreis und pflegte eine umfangreiche Korrespondenz; in seinem gastfreundlichen Hause gingen nicht nur Musikerkollegen gern aus und ein. Letztendlich war der „Hamburger“ Bach zu Lebzeiten um vieles berühmter als sein Vater. 
Die Nachwelt freilich flicht auch dem Musiker keine Kränze. Und während in Berlin dank Felix Mendelssohn Bartholdy Bachs Matthäuspassion „wiederentdeckt“ und bejubelt wurde, geriet das Werk von Carl Philipp Emanuel Bach in Vergessenheit. Und es dauerte lange, bis er wieder geschätzt und geehrt wurde. 
Noch Beethoven meinte respektvoll: „Von Emanuel Bachs Klaviersachen habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künst- ler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen.“ Doch bis heute existiert keine vollständige Notenedition. Auf CD sind in den letzten Jahren aber immer breitere Ausschnitte des Schaffens von Carl Philipp Emanuel Bach zugänglich geworden. Sein umfangreiches Werk umfasst nahezu alle Gattungen; am häufigsten allerdings kompo- nierte er für das „Clavier“, unter welchem Begriff seinerzeit sämtliche Tasteninstrumente, vom flüsterleisen Clavichord bis hin zur Orgel, zusam- mengefasst wurden. 
Die vorliegende Box bietet auf 54 CD die bislang umfassendste Kollektion von Musik des großen Meisters der Empfindsamkeit. Auf 26 CD finden sich Werke für das Clavier, durchweg in Aufnahmen mit Ana-Marija Markino- va. Klavierkonzerte sind auf weiteren vier CD in den exzellenten Einspie- lungen mit Michael Rische zu hören; die Cembalokonzerte sowie ein Teil der Sinfonien mit Ludger Rémy und seinem Ensemble Les Amis de Philippe sowie mit Florian Birsak und der Camerata Salzburg unter Roger Norring- ton. Die Hamburger Sinfonien hat das Stuttgarter Kammerorchester unter Wolfram Christ eingespielt. Die Cello-Konzerte sind in der Aufnahme mit Julian Steckel und dem Stuttgarter Kammerorchester vertreten, die Oboenkonzerte mit József Kiss und dem Ferenc Erkel Chamber Orchestra. Die Flötenkonzerte spielt Patrick Gallois mit der Toronto Camerata, die Flötensonaten Dorothea Seel mit Christoph Hammer am Fortepiano. Kammermusik mit Traversflöte gibt es zudem in einer Aufnahme mit dem Collegium Pro Musica. Sonaten für Cembalo und Violine haben Roberto Loreggian und Federico Guglielmo eingespielt. In das Orgelwerk teilen sich Friedemann Johannes Wieland und Luca Scandali. 
Die Quartalsmusiken sowie Hamburgische Festmusiken – geschaffen anlässlich der Amtseinführung zweier Pastoren – erklingen mit der Himlischen Cantorey und Les Amis de Philippe unter Leitung von Ludger Rémy. Das Magnificat ist in einer Einspielung mit Arleen Augér, Helen Watts, Kurt Equiluz, Wolfgang Schöne sowie der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling zu hören. 
Die Aufzählung ist, im Bereich der Instrumentalmusik, damit noch nicht ganz vollständig; es wird aber deutlich, welche Schätze hier gehoben worden sind. Wer sich einen ersten Überblick über das Werk Carl Philipp Emanuel Bachs verschaffen will, der kann dies mit der Box ganz hervor- ragend – und auch der Kenner findet so manche Rarität. Sehr lohnend! 

Sonntag, 6. November 2016

Beethoven: Serenata per Flauto Violino e Viola op. 25 (MDG)

Auf der Suche nach dem fernen Klang der Romantik hat das Ardinghello Ensemble einen Abstecher in die Zeit der Wiener Klassik gemacht: Kammermusik von Ludwig van Beethoven ist, abgesehen von den Streichquartetten, ziemlich rar – und dass der Musiker ausgerechnet für Flöte, Violine und Viola seine Serenade op. 25 geschrieben hat, das ist ein echtes Kuriosum. 
Karl Kaiser rätselt im Geleitwort zu dieser CD darüber, aus welchem Anlass dieses Werk entstanden sein könnte: „Offensichtlich ist es seine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Typus, die ihn zur Komposition veranlasste“, vermutet der Flötist. Er hat das aparte Werk, das sich um Konventionen wenig schert, mit hörbarem Vergnügen eingespielt: „Insgesamt wirkt das Trio op. 25 wie ein fröhlich-rebellischer Gegenentwurf zur leicht verdaulichen Alltagskunst vieler Serenaden-Zeitgenossen.“ 
Kombiniert wurde die Serenade mit einem weiteren Trio – diesmal in „klassischer“ Besetzung, mit Violine, Viola und Violoncello. Es ist, meint Kaiser, eine direkte Antwort auf Mozarts großartiges Divertimento Es-Dur KV 563. „Der Spagat von ausdruckstiefer, hochartifizieller Kompositions- technik und der Anlage als Divertimento-Musik ist an sich paradox, aber konzeptionell offensichtlich gewollt“, merkt Kaiser an. Egal – so brillant, wie Annette Rehberger, Sebastian Wohlfarth und Gesine Queyras vom Ardinghello Ensemble musizieren, vergisst der Zuhörer rasch das Rätseln über der Musikgeschichte und genießt diese prachtvolle Einspielung. Unbedingt anhören! 

Dienstag, 28. Juni 2016

Mozart with Friends (Sony)

Ausnahmebratschist Nils Mönke- meyer hat einige seiner Musiker- freunde eingeladen, mit ihm in wechselnder Besetzung ausgewählte Mozart-Werke einzuspielen. Es ist bekannt, dass Mozart gar nicht wenige seiner Musikstücke kompo- niert hat, um sie gemeinsam mit Freunden und Musikerkollegen in geselliger Runde aufzuführen. Das Klarinettentrio KV 498 beispiels- weise wird auch Kegelstatt-Trio genannt, weil es, wie eine Anekdote berichtet, 1783 auf der Kegelbahn entstanden sein soll. „Mozart hat diese Stücke geschrieben, um sie selber zu spielen – es waren also keine Auftragswerke“, erläutert Mönkemeyer. „Man merkt diesen musikanti- schen Aspekt beim Spielen der Stücke sehr: Wir treffen Mozart hier nicht nur als Komponisten, sondern auch als spontanen Musiker und Freigeist. Und in der Bratsche findet er dabei eine tolle Vielschichtigkeit.“ 
Im Beiheft zu dieser CD berichtet der Musiker, dass er kürzlich in Salzburg Mozarts Bratsche spielen durfte – „das war sehr berührend. Vor allen Dingen deshalb, weil diese Bratsche sehr dunkel und melancholisch klang.“ Dieses Instrument habe Mozart einst selbst ausgewählt. „Im Hinblick auf die Bratsche hat Mozart also vielleicht gar nicht das Strahlende gesucht, sondern eher das Verschattete“, meint Mönkemeyer. 
Gemeinsam mit den Klassikstars Sabine Meyer, Klarinette, Julia Fischer, Violine, und dem Pianisten William Youn hat Mönkemeyer ein Programm zusammengestellt, das beide Aspekte berücksichtigt – Spielfreude und Melancholie. Die ausgewählten Werke spannen zudem einen Bogen vom kindlichen bis zum reifen Mozart. So erklingen extra für diese Aufnahme von William Youn arrangierte Auszüge aus dem Londoner Skizzenbuch
KV 15 – Musik, die Mozart im Alter von neun Jahren geschrieben hat – oder das Duo in G-Dur KV 423 für Violine und Viola. Mönkemeyer spürt gemeinsam mit seinen Kollegen Klangfarben und Nuancen nach; doch auch die Musizierlust kommt nicht zu kurz. Ein phantastisches Album! 

Sonntag, 24. April 2016

von Camerloher: Kammermusik, Sinfonien, Arien (Thorofon)

Placidus Cajetanus Laurentius von Camerloher (1718 bis 1782) war der Sohn eines Gerichtsschreibers. Seine Ausbildung begann er an der Ritterakademie Ettal; Camerloher studierte dann bei den Jesuiten am Münchner Wilhelmsgymnasium Theologie und wurde 1744 in Freising zum Priester geweiht. Sein Talent aber lag auf musikalischem Gebiet. 1745 wurde Camerloher zum Kapell- meister bei Johann Theodor von Baiern, Kardinal und Fürstbischof von Freising, berufen. 
Der Fürstbischof sorgte dafür, dass sein Musikdirektor, Rat und Hofkaplan zunächst Canonicus im Freisinger Stift St. Veit und später dann am Stift St. Andreas wurde, was mit einer Pfründe verbunden war. Außerdem ließ er den Kapellmeister in den Adels- stand erheben. 
Dass die Freisinger Hofkapelle der Herrschaft sehr wichtig war, zeigt ein Gemälde von Joseph Paul Delcloche. Darauf ist zu sehen, wie der Neffe des Fürstbischofs, immerhin regierender Kurfürst von Bayern, ein Solo auf der Viola da gamba spielt. Am Violoncello begleitet ihn der Fürstbischof höchstpersönlich; am Cembalo sitzt eine seiner Töchter aus der Zeit vor seiner Priesterweihe. Der Hofkapellmeister steht neben ihr und dirigiert mit einer Notenrolle. Und alle Musiker, von Konzertmeister bis hin zu den beiden Hornisten, sind ebenso liebevoll porträtiert. 
Die Neue Freisinger Hofmusik, um Cellistin Sabina Lehrmann, hat sich die Wiederentdeckung des Repertoires jener Zeit zum Ziel gesetzt. Das Ensem- ble hat nun bei Thorofon einen reizvollen Querschnitt aus dem Schaffen von Camerlohers vorgestellt. Es erklingen drei Sinfonien, zwei Kammer- musiken, zwei Arien für Bass, gesungen von Matthias Winckhler, sowie zwei Stücke für Gallichone, eine süddeutsche Variante der Laute. Fast alle dieser Werke sind bislang unveröffentlicht. Camerlohers Musik ist ohne Zweifel originell; stilistisch steht sie der Mannheimer Schule nahe.

Samstag, 10. Oktober 2015

Souvenirs - Musiktage with Rudens Turku & friends (Oehms Classics)

Souvenirs heißt eine neue CD aus dem Hause Oehms Classics. Sie enthält Aufnahmen, die in einem Zeitraum von drei Jahren entstanden sind, als ein klingendes Andenken an Konzerte bei den Starnberger bzw. Seefelder Musiktagen. Dieses Musikfest, ins Leben gerufen und geleitet von dem Geiger Rudens Turku, bringt alljährlich gestandene Musiker, Studierende und Dozenten sowie natürlich das Publikum zusammen. Einige Ausschnitte aus dem umfangreichen Programm, das neben Konzerten auch beispielsweise Meisterkursen und Vorträge beinhaltet, sind nun auf dieser CD zu hören. Die Auswahl der Stücke hat sehr viel Charme, und die Liste der Mitwirkenden ist ebenso lang wie illuster. Zu hören sind András Adorján, Flöte, Rudens Turku und Lena Neudauer, Violine, Franz Halasz, Gitarre, Malte Refardt, Fagott, Wen-Sinn Yang, Violoncello und Yumiko Urabe sowie Adrian Oetiker, Klavier. Diese exzellenten Musiker bereiten dem Zuhörer ein grandioses Musikfest; die Programmfolge wirkt fast wie ein Hauskonzert – aber was für eines! Unbedingt anhören! 

Montag, 27. Juli 2015

Hotteterre: Complete Chamber Music Vol. 2 (cpo)

Jacques-Martin Hotteterre (1674 bis 1763) entstammte einer etablierten Musiker- und Instrumentenbauer- dynastie, die im Umfeld des französi- schen Hofes tätig war. In den Jahren 1698 bis 1700 war er in Rom, wo er als maestro di flauto bei Marchese Francesco Maria Ruspoli musizierte – und die italienische Musiktradition gründlich kennenlernte. Nach Frankreich zurückgekehrt, wurde Hotteterre Oboist im Orchester der Grande Ècurie und flûte de la chambre du roi. Und er integrierte das Wissen, das er aus Italien mitgebracht hatte, behutsam in die ziemlich konservative französische Musik. 1707 veröffentlichte er in Paris das Lehrbuch „Principes de la flûte“, den Holzbläsern zur Unterweisung, insbesondere jenen, die die Traversflöte spielen wollten, die damals sehr in Mode war. Da es aber nur wenig Repertoire für dieses neue Instrument gab, schrieb Hotteterre auch gleich sein Opus 2, das Premier Livre de pièces mit Suiten für die Flöte und andere Instrumente mit Basso continuo. 
Das Label cpo eröffnete mit einer Einspielung dieses Bandes eine neue Reihe, in der die komplette Kammermusik des Komponisten erscheinen soll. Das ist eine dankbare Aufgabe, denn das Werk dieses Musikers ist zum einen umfangreich – und zum anderen wirklich hörenswert und viel zu wenig bekannt. Die Camerata Köln haben inzwischen auch die zweite Folge dieser Edition mit Triosonaten Hotteterres vorgestellt – und die Musiker um die beiden großartigen Flötisten Michael Schneider und Karl Kaiser beweisen einmal mehr ihre Klasse. Auf die nächsten Folgen darf man sich schon freuen. 

Donnerstag, 16. Juli 2015

Visions - Chamber Musik by Franz Liszt (Oehms Classics)

Wer Lust hat auf eine große Portion Pathos, der sollte sich eine CD aus dem Hause Oehms Classics anhören: Ingolf Turban, Violine, Wen-Sinn Yang, Violoncello, und Lukas Maria Kuen spielen Kammermusik von Franz Liszt (1811 bis 1886). Bei den Streichquartetten werden sie zudem durch Barbara Turban und Martin-Albrecht Rohde unterstützt. Die Musiker gestalten phantastisch; sie haben Mut zum ganz weiten Atem, aber sie spielen zugleich immer delikat, nie überzogen. 
Damit ermöglichen sie auch dem Zuhörer so manche Entdeckung: Die Werke des Komponisten für Streicher sind wenig bekannt, aber dennoch erstaunlich reizvoll. Es sind teilweise frühe Kompositionen, inspiriert durch die Begegnungen mit Paganini, Berlioz und Chopin sowie durch die Gedichte Lamartines. Nachdem Liszt sich entschieden hatte, wieder Konzerte zu spielen, entstanden weitere Musikstücke, beispielsweise das Klaviertrio Pester Karneval, die ungari- sche Melodien in die europäische Musik integrierten. 
In späteren Jahren wurden die Streicher für Liszt zum Medium der Klage. Seine Erste und Zweite Elegie für Violoncello und Klavier sind Klage- gesänge, und der Valse Caprice aus den Soirées de Vienne, nach dem neunten der Valses nobles von Franz Schubert, wirkt in diesem Umfeld wie ein Totentanz. Das Arrangement für die Geige stammt in diesem Falle von David Oistrach, und nicht von Liszt selbst. 
Die Musik aus den achtziger Jahren hat Liszt selbst „Totenkammerstücke“ genannt. In ihnen erklingt das Echo einer Reise nach Venedig, wo Liszt im Dezember 1882 den kranken Richard Wagner besucht hat. La lugubre gondola nimmt bereits die letzte Reise in der Trauergondel vorweg. Im Februar 1883 starb Wagner, und sein Leichnam wurde aus Venedig zur Beisetzung nach Bayreuth gebracht. RW – Venezia ist Liszts Reaktion auf die Nachricht vom Ableben des Freundes. Es ist das einzige „reine“ Klavierstück auf dieser CD, doch es gehört an diese Stelle und erleichtert dem Hörer ohne Zweifel auch den Zugang zu den anderen Spätwerken. Die CD endet konsequenterweise mit dem Streichquartett Am Grabe Richard Wagners – zur Totenfeier im Mai 1883 in der ursprünglichen Klavier- fassung von Liszt in Weimar gespielt. Der Quartettsatz erinnert an Lohengrin und Parsifal; mit seinen ätherischen Klängen weist er in ein Jenseits, das doch Erlösung verheißt.

Samstag, 2. Mai 2015

Dvorák Edition (Brilliant Classics)

Die mit Abstand schönste CD-Box des Jahres ist nun bei Brilliant Classics erschienen. Der ansprechend gestaltete Schuber lässt sich nach oben aufklappen. Und dann kommen 45 CD zum Vorschein, dem Inhalt entsprechend farblich abgestuft. Im Deckel des Schubers befindet sich eine Überblicksliste, so dass man die gesuchten Werke mit einem Blick und einem Griff findet. Perfekt! Ergänzt wird diese Zusammenstellung durch ein Beiheft mit Informationen zum Leben des Komponisten und knapp auch zu den einzelnen Werkgruppen – allerdings nur in englischer Sprache. Dieses Wunderkästchen enthält Musik von Antonín Dvořák (1841 bis 1904). 
Der Tscheche gehört weltweit zu den beliebtesten Komponisten. Wer diese Kollektion anschaut, der wird feststellen, dass aber nur wenige seiner Werke allgemein bekannt sind. Dazu gehören die berühmte Sinfonie Nr. 9 Aus der Neuen Welt, die Oper Rusalka, das Dumky-Trio, einige Streich- quartetteCello- und Violinkonzert sowie Stabat mater und Requiem
Wer mehr hören möchte, dem sei diese Box sehr empfohlen: Die Dvořák-Edition bietet die derzeit umfangreichste Kollektion seiner Werke. Sie enthält sämtliche Sinfonien, die sinfonischen Dichtungen, Ouvertüren und weitere Orchesterwerke, die Konzerte, alle Streichquartette und große Teile der übrigen Kammermusik sowie die vollständige Klaviermusik. Darüber hinaus enthält die Box zahlreiche Chorwerke, Stabat Mater und Requiem sowie die Oper Rusalka. Zu finden sind zudem zahlreiche Lieder des Komponisten, viele davon in Weltersteinspielungen. 
Die Qualität der Aufnahmen ist hoch. Zu den Interpreten gehören unter anderem die Staatskapelle Berlin unter Otmar Suitner, das Janáček Philharmonic Orchestra unter Theodore Kuchar, die Bamberger Sympho- niker unter Antal Doráti, die Pianistin Inna Poroshina sowie Ruggiero Ricci, Rudolf Firkušný und Zara Nelsova als Solisten bei den Konzerten. Tschechische Musiker wie die Prague Singers, das Vlach Quartet und das weltberühmte Stamitz Quartet sowie der Geiger Bohuslav Matoušek und Pianist Petr Adamec unterstreichen den hohen Anspruch der Kollektion. Besondere Überraschung: Bei den Solo-Liedern ist der großartige Tenor Peter Schreier zu hören, am Klavier begleitet von Marián Lapšanský. 
Dvořák vermochte es einzigartig, volkstümlich anmutende Melodien zu Werken voll romantischem Zauber und berückenden Klangfarben zu formen. Sein Schaffen war stark von seiner böhmischen Heimat geprägt. Allerdings übernahm der Komponist, der von 1892 bis 1895 als Direktor des National Conservatory of Music in New York tätig war, auch Klänge aus Amerika. So erklingt in seiner Musik auch ein Echo der Spirituals der schwarzen Plantagenarbeiter, der Volksmusik der europäischen Einwan- derer und der traditionellen Indianermusik. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Buxtehude: Opera Omnia - Vocal Works; Koopman (Challenge Classics)

Ton Koopman verdanken wir viele bedeutende musikalische Entdek- kungen und Einspielungen. Erinnert sei hier an seine Gesamtaufnahmen des Orgelwerkes sowie der Kantaten von Johann Sebastian Bach. Die Auseinandersetzung mit diesen Werken hat – glücklicherweise – Koopmans Aufmerksamkeit auf einen weiteren Komponisten gelenkt, von dem Bach sehr viel gelernt hat: Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707). 
Warum ist Bach seinerzeit im November 1705 vom thüringischen Arnstadt nach Lübeck gewandert, und wieso blieb er dort wesentlich länger, als ihm vom Rat der Stadt zugestanden worden war? Diese Frage trieb wohl auch Koopman um. Eine Antwort liegt nahe: Buxtehudes Vokalmusik erklang an der Marienkirche in Lübeck nicht im regulären Gottesdienst, sondern in den sogenannten Abendmusiken, alljährlich an fünf Sonntagen nach dem Martinstag, also dem 11. November. 
Damit waren die Kompositionen nicht liturgisch gebunden. Buxtehude war sowohl in der Auswahl der Inhalte als auch der Formen frei, und so schuf er Arien, Konzerte und Kantaten auf der Grundlage kirchlicher Hymnen sowie biblischer oder poetischer Texte. In den Abendmusiken erklangen aber auch Instrumentalwerke – und was die Orgelmusik angeht, war Buxtehude der berühmteste Protagonist der Norddeutschen Orgelschule. 
Verblüffenderweise werden seine Werke, insbesondere seine Instrumental- und Vokalmusik, heute bis auf wenige Ausnahmen äußerst selten aufge- führt. Auch wenn Bruno Grusnick (1900 bis 1992) sich große Verdienste um die Erschließung des Notenbestandes insbesondere auch der Sammlung Düben erworben hat, ist eine historisch-kritische Edition derzeit immer noch nur für einige wenige Werke verfügbar. Der Carus-Verlag hat diese Ausgabe begonnen; die Orgelmusik erscheint aber wohl bei Bärenreiter. 
Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich Ton Koopman mit seinem Amster- dam Baroque Orchestra and Choir sowie einer großen Schar engagierter Solisten an eine Gesamtaufnahme gewagt. 2005 begann er das Projekt „Dieterich Buxtehude – Opera Omnia“. Mittlerweile ist diese Kollektion vollendet. Koopman hat dafür bei seinem eigenen Label Antoine Marchand den kompletten Buxtehude eingespielt, die Vokal- und Kammermusik ebenso wie die Kompositionen für Orgel und Cembalo, die er selbst auf historischen Instrumenten interpretiert. 
Und man muss sagen, diese Arbeit hat sich gelohnt. Denn die Musik ist wirklich beeindruckend. Die Aufnahmen zeigen allerdings auch, dass die Vokalwerke Buxtehudes zumeist durch eine normale Kantorei nicht ohne weiteres aufzuführen sind. So werden sie wohl Musik für professionelle Ensembles bleiben. Hören freilich möchte man sie gern öfters. 
Man mag sich kaum vorstellen, was für ein Kraftakt die Vorbereitung einer solchen Gesamteinspielung gewesen sein dürfte. Es ist kaum zu glauben, aber Ton Koopman hat im Oktober 2014 seinen 70. Geburtstag gefeiert. Für den Ruhestand hat er gar keine Zeit: Die Webseite verrät es – der Kalender des Dirigenten, Organisten, Cembalisten und Musikwissenschaftlers ist voll wie eh und je. Wir gratulieren, wenn auch mit  Verspätung, und wir freuen uns schon auf die nächsten Projekte. 

Sonntag, 6. April 2014

Rossini: Chamber music with strings and winds (Gallo)

Eine Auswahl an Kammermusik aus der Feder von Gioachino Rossini versammelt diese CD des Schweizer Labels Gallo. Es sind Werke für die verschiedensten Besetzungen. So erklingt beispiels- weise ein Septett für zwei Flöten, Klarinetten und Streichquartett in Weltersteinspielung, aber auch ein Klavierstück mit dem sprechenden Titel Ouf! Les Petits Pois, diverse Arien für zwei Klarinetten oder Ausschnitte aus La Donna del Lago in einem Arrangement für zwei Flöten sind zu hören. Auf zeitgenössischen Instrumenten musi- ziert das Italian Classical Consort.