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Dienstag, 28. Dezember 2010

Orff: Carmina Burana (Deutsche Grammophon)

Die Carmina Burana von Carl Orff gehören zu den oft und gern ein- gespielten Werken. An Aufnahmen herrscht also kein Mangel, und darunter sind wirklich exzellente, wie beispielsweise jene legendäre mit Gundula Janowitz, Gerhard Stolze und Dietrich Fischer-Dies- kau sowie dem Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Eugen Jochum. Sie stammt aus den 60er Jahren, wurde von Orff sehr geschätzt, und gilt noch heute als Referenzaufnahme.
Daniel Harding setzt in erster Linie auf Rhythmus und Dynamik. Diese beiden Gestaltungsmöglichkeiten reizt er aus; das ist aber bei diesem Werk wahrlich keine Überraschung. Der Tölzer Knabenchor sowie Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks folgen Harding behende - und eines muss man der Aufnahme lassen: Hier wird Textdeklamation als Mittel zur rhythmischen Strukturierung verwendet; damit ist die Textverständlichkeit auch ziemlich gut, was mittlerweile ja leider ziemlich selten geworden ist. Patricia Petibon, Sopran, Hans-Werner Bunz, Tenor, und Christian Gerhaher, Bariton, nehmen ihre Solopartien ziemlich theatralisch.
Im Orchesterklang wird so manches hübsche Detail hörbar, was in anderen Aufnahmen nicht so zur Geltung kommt. Leider wird damit aber auch das gewollt grobgewebte Kleid erbarmungslos glattge- bügelt, das Orff vielen der mittelalterlichen Texte verpasst hat. Das macht diese Version gefällig, aber es bringt sie um jene Tiefe, die Orffs Partitur eigentlich hat. Schade.

Sonntag, 7. November 2010

Motetten der Bach-Familie (Capriccio)

Die Musiker der Familie Bach ha- ben nicht nur in Thüringen zahl- reiche Spuren hinterlassen. Thomaskantor Johann Sebastian Bach war nur ein Glied in einem weitverzweigten Netzwerk, wie auch diese CD deutlich macht. Sie passt perfekt zum November; die ausgewählten Motetten wirken wie eine musikalische Predigt zu Aller- heiligen bzw. zum Ewigkeits- sonntag.
Sie sind durchweg anspruchsvoll, und stilistisch höchst individuell. Da die Werke der weniger prominenten Mitglieder der Bach-Familie üblicherweise nur Experten bekannt sind, gibt es viel zu entdecken. Die CD beginnt mit Sei nun wieder zufrieden meine Seele von Johann Bach (1604 bis 1673). Er war der Großonkel von Johann Sebastian, und ist der Ahnherr der Erfurter Linie - die so umfangreich war, dass man in Erfurt im 18. Jahrhundert die Stadtpfeifer noch immer "die Bache" nannte, auch wenn dort längst kein Bach mehr mitspielte.
Es folgen drei Motetten von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703), dem ältesten Sohn von Heinrich Bach, dem Stammvater der Arn- städter Linie. Er war möglicherweise dort durch den Kantor Jonas de Fletin ausgebildet worden, der wiederum ein Schütz-Schüler war, und wird in der Familienchronik als "der große und ausdrückende Com- ponist" bezeichnet. 
Johann Michael Bach (1648 bis 1694), der Vater von Bachs erster Frau Maria Barbara, ist gleichfalls mit zwei Motetten auf dieser CD vertreten. Johann Christoph Altnickol (1719 bis 1759), Bachs Schüler und Schwiegersohn, überrascht mit der außerordentlich anspruchs- vollen, farbenreichen Choralmotette Befiehl du deine Wege. Die CD endet mit Ich lieg und schlafe ganz im Frieden von Johann Christoph Friedrich Bach (1723 bis 1795), dem Sohn Johann Sebastians, der als "Bückeburger Bach" bekannt werden sollte, weil er nicht nur ein exzellenter Komponist und Pianist war, sondern auch die hochgräf- lich Schaumburg-Lippische Hofkapelle zu enormem Ansehen führte. 
Die Aufnahme ist zwei Jahre alt; sie zeigt als Momentaufnahme nicht zuletzt das hohe Niveau des Tölzer Knabenchors unter Leitung von Gerhard Schmidt-Gaden. Zu hören sind zudem Niklas Trüstedt, Violine, und Mark Nordstrand, Orgel. Der Chor klingt homogen, singt sehr gut ausbalanciert durch alle Register, und ist jeder Koloratur bestens gewachsen. Auch wenn sie namentlich nicht aufgeführt sind, so verfügt der Chor doch offenbar über eine hohe Anzahl von Chorknaben, die jedes Solo wagen können. All das macht diese CD zu einem klingenden Dokument, das man mit Genuss anhört.

Dienstag, 23. März 2010

Bach: Matthäus-Passion; Chailly (Decca)

Auch wenn die Leipziger zu Bachs Lebzeiten wenig mit dem Werk anfangen konnten - wer heute im Musikleben der mitteldeutschen Messestadt zu den führenden Köpfen zählt, der kommt um die Matthäus-Passion nicht herum. Bachs monumentale Passions- musik aber ist mittlerweile in derart vielen Varianten auf CD erhältlich, dass es schwierig erscheint, noch eine weitere Einspielung auf den Markt zu bringen. 
Als Referenzaufnahme gilt zumal die Aufnahme von 1970 mit dem Thomanerchor und den Kruzianern sowie dem Gewandhausorchester Leipzig unter den Gebrüdern Mauersberger, mit solchen Solisten wie Peter Schreier oder Theo Adam. Gewandhaus-Kapellmeister Riccardo Chailly hat das Werk dennoch mit seinen Musikern im vergangenen Jahr für das Label Decca erneut eingespielt. Das ist, wie schon gesagt, mutig - doch das Ergebnis vermag zu überzeugen; ich halte diese Aufnahme insgesamt für gelungen. 
Das Gewandhausorchester musiziert auf modernen Instrumenten, und in gar nicht so kleiner Besetzung. Chailly entschied sich für eine Interpretation, die sich einerseits streng an barocken Traditionen orientiert: Die Musik wird zum Medium im Dienste des Wortes, sie transportiert den Text und legt ihn zugleich aus. Andererseits erinnert Chailly hier und dort durchaus auch an die romantische Wiederentdeckung des Werkes - musiziert wird mit Leidenschaft, ab und zu auch einem Schnörkelchen und ausgesprochen häufigen Abweichungen vom Grundtempo. 
Die Tempi sind durchgängig flott gewählt; ob das sein muss, darüber ließe sich trefflich streiten. Allein in diesem Falle funktioniert dieses Konzept erstaunlich gut. Schon der Eingangschor zieht den Zuhörer mitten hinein in ein Geschehen, das wie ein Strudel alles in eine Richtung zwingt, und kein Entrinnen zulässt - bis schließlich der Schlusschor erklingt, alles vorbei ist, und auch die Gemeinde "mit Tränen" vor dem Grab Christi sitzt, wo sie der Auferstehung harrt. 
Die Solistenriege ist fast durchweg sehr jung und solide, aber nicht überragend besetzt. Bach war seinerzeit noch in der Lage, die Matthäus-Passion ausschließlich mit seinen Thomanern aufzuführen. Chailly nahm, und das ist eine kluge Entscheidung, den Tölzer Knabenchor hinzu. Die beiden Knabenchöre unterscheiden sich im Klang deutlich. Zwar verfügen die Thomaner in den Männerstimmen über ein profundes Fundament. Aber darüber schwebt ein Klang, den man - positiv formuliert - "ätherisch" nennen könnte. Die Gäste singen ebenfalls perfekt; aber sie klingen frischer, obertonreicher, und insgesamt deutlich runder. So wird die Doppelchörigkeit zum Erlebnis.

Dienstag, 5. Januar 2010

Hermann Prey: Kein schöner Land (Deutsche Grammophon)

Kaum zu glauben, aber: Es gab eine Zeit, da waren hierzulande Volkslieder nicht unumstritten. Die Jugend, ebenso kritisch wie moralisch (und wohl auch ein bisschen benebelt vom Hasch und von der Revolte), wollte vom Erbe nichts mehr wissen.
Und da stellt sich ein deutscher Sänger, auf der internationalen Opernbühne ebenso renommiert wie als Liedersänger, hin, und singt "Wer hat die schönsten Schäfchen", "In einem kleinen Apfel", "Der Jäger längs dem Weiher ging" - und viele andere volkstümliche Lieder mehr. Acht (!) CD umfasst der Schuber, in dem die Deutsche Grammophon diese Aufnahmen aus den Jahren 1970 und 1971 zusammengefasst hat.
Ob Wandern, Jagen oder auch fröhliches Zechen - für jede Gelegenheit gibt's auch Gesang. Daran hat Prey erinnert, kunstvoll und weitab vom Musikantenstadl.