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Samstag, 2. Januar 2021

Bruckner: Mass in E Minor; Motets (Kings College)


 Sir Stephen Cleobury, der langjährige Leiter des weltberühmten Choir of King’s College Cambridge, hatte leider wenig Gelegenheit, den wohlverdienten Ruhestand zu genießen; er starb kurz nach seiner Pensionierung. 

Sein letztes Projekt war diese Einspielung von Anton Bruckners Messe e-Moll, die er ebenso wie ausgewählte Motetten des Komponisten für diese CD im März und Juni 2019 aufgenommen hat.

Dienstag, 15. Dezember 2020

O nata lux (Berlin Classics)


 Kann man Licht hörbar machen? Die Zurich Chamber Singers zeigen auf dieser CD, wie wunderbar das geht. Auch wenn O nata lux von Thomas Tallis eigentlich keine Motette zum Weihnachtsfest ist, kann man sich kaum ein besseres Stück vorstellen, um dieses Programm zu eröffnen. 

Die jungen Sängerinnen und Sänger um Chorleiter Christian Erny kombinieren auf dieser CD traditionelle und moderne Chorsätze aus den verschiedensten Regionen Europas. Der Zuhörer kann sich auf so manche Überraschung einstellen. Denn die Zurich Chamber Singers bescheren uns mitunter sogar magische Klänge. Ein faszinierendes Album. Bravi! 


Mittwoch, 8. April 2020

Mendelssohn Bartholdy: Motets & Piano Trio (Evil Penguin Records)

„What is the common ground between the chamber music and the choral works of Felix Mendelssohn Bartholdy?” Mit dieser CD versuchen der Flemish Radio Choir unter Leitung von Hervé Niquet und die Kammermusikpartner Pekka Kuusisto, Violine, Pieter Wispelwey, Violoncello, und Alasdair Beatson am Konzertflügel, eine Antwort auf diese Frage zu geben. 
Um die „Vielfalt in der Einheit“ zu erkunden, die der Komponist einst beschwor, kombinierten sie ausgewählte Motetten sowie das Klaviertrio Nr. 2 op. 66 und das Adagio aus der Cello-Sonate op. 58.  Musiziert wird zudem großartig. Ein Klangerlebnis, dem man sich nicht entziehen kann.

Mittwoch, 28. August 2019

Bach's Family - Choral Motets (Hänssler Classic)

Mit seinen vielen Schülern, zu denen auch seine Söhne gehörten, hat Johann Sebastian Bach das Musikleben seiner Zeit wohl mehr geprägt als durch seine Werke. Auf dieser CD sind Choralmotetten aus diesem Umfeld zu hören, bestens interpretiert vom Stuttgarter Kammerchor unter Leitung von Frieder Bernius. 
Zwei der dafür ausgewählten Werke stammen von Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795). Der zweitjüngste Bach-Sohn galt an den Tasten als der „stärkste Spieler“ der jüngeren Generation – was kein geringerer als sein Bruder Wilhelm Friedemann Bach festgestellt hat, der ja bekanntermaßen ebenfalls ein Virtuose an Orgel und Cembalo war. Dennoch ist Johann Christoph Friedrich Bach, der zeitlebens als Kammermusiker am Hofe des Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe in Bückeburg wirkte, eher wenig bekannt. 
Das gilt auch für Johann Christoph Altnickol (1719 bis 1759). Er stammte aus der Oberlausitz; 1744 kam er zum Studium nach Leipzig, und wurde bald darauf auch Bachs Schüler und Assistent. So wurde er zwar kein Pfarrer, aber Organist an der Stadtkirche St. Wenzel in Naumburg, und Bachs Schwiegersohn. 

Sonntag, 9. September 2018

Florilegium Portense (Carus)

In der Fürstenschule Pforta bei Naumburg war es einst üblich, dass die Schüler vor und nach dem Essen sowie zur Andacht Hymnen sangen. Diese Gesänge in lateinischer Sprache waren eher unkompliziert vierstimmig gesetzt; und beim Singen festigten die Schüler, ganz nebenher, ihre Lateinkenntnisse und sie erwarben ein Gefühl für Rhythmik und Versmaß dieser Sprache. 
Neben dem sogenannten „Kleinen Florilegium“ aus dem Jahre 1606, in dem diese Hymnen gesammelt waren, erschien 1603 noch eine weitere Sammlung geistlicher Gesänge mit dem Titel „Florilegium selectissimarum cantionum“. Diese „Blütenlese der ausgezeichnetesten Lieder“ hat Kantor Erhard Bodenschatz (1576 bis 1636) dann noch in zwei weiteren Ausgaben 1618 und 1621 komplettiert. 
Die Edition beruht auf einer Sammlung von Hymnen und Motetten aus Italien, Deutschland, Burgund und den Niederlanden, die teilweise schon Bodenschatz' Lehrer und Amtsvorgänger Sethus Calvisius zusammenge- stellt hatte. Er wirkte zwölf Jahre in „Schulpforta“, bevor er dann 1594 als Thomaskantor nach Leipzig zurückkehrte. 
Noch zu Bachs Zeiten bildete das Florilegium das Kernrepertoire der Thomaner. Erst Thomaskantor Johann Adam Hiller schaffte den „lateinischen Singsang“ ab, und ersetzte ihn durch deutschsprachige Motetten. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein aber wurde das Florilegium Portense an protestantischen Schulen und von Kantoreien in Mittel- und Norddeutschland genutzt. Heute singen auch die Thomaner wieder Stücke daraus. 
Dass dieser einstige Bestseller ansonsten aus dem Gebrauch gekommen ist, liegt mit daran, dass diese herrlichen Motetten bis zu zehnstimmig sind – was mittlerweile das Leistungsvermögen der meisten Chöre leider weit überschreitet. Das ist durchaus ein Verlust, wie diese CD aus dem Hause Carus zeigt. Das Vocal Concert Dresden hat unter Leitung von Peter Kopp gemeinsam mit der Cappella Sagittariana Dresden die Sammlung erkundet und zum 400. Jubiläum des Erstdruckes der zweiten Ausgabe, „Florile- gium Portense“, 1618 erschienen und wohl am weitesten verbreitet, Stücke aus allen vier Bänden eingespielt. 
Zu hören sind Werke von Orlando di Lasso, Agostino Agazzari, Giovanni Gabrieli, Hieronymus und Michael Praetorius, Hans Leo Hassler, Sethus Calvisius, Melchior Franck, und etlichen anderen. Auch Erhard Boden- schatz ist mit Quam pulchra es amica mea vertreten. Die Sängerinnen und Sänger beeindrucken durch einen runden, harmonischen Chorklang, aus dem die jeweiligen Solisten ebenso harmonisch heraustreten. Auch die Cappella Sagittariana bleibt dezent; oberstes Ziel ist Ausdruck, und dem ordnet sich alles unter. So ist dies eine außerordentlich gelungene CD, die einen guten Eindruck von der Schönheit jener altertümlichen Werke vermittelt. Meine Empfehlung! 

Freitag, 30. März 2018

Vivaldi: Gloria (Decca)

Barocke Kirchenmusik stellt oftmals hohe Anforderungen an die Sänger. Das gilt auch für die Werke von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741), die Decca jüngst auf diesem Album vorgestellt hat. Das Gloria RV 589, mit seinen schwungvollen Chören, gehört zu den bekannten Kompositionen des Musikers; es wird vermutet, dass er es für die Mädchen des Ospedale della Pietà schrieb, als Venedig 1716 den Sieg über die Türken feierte. Wenn diese These stimmt, dann muss man allerdings fragen, wieso der Chor in diesem Falle kein reiner Frauenchor ist. Egal – in jedem Falle ist dieses beliebte Werk auf dieser CD zu hören. Und die Besetzung ist grandios: Es singen Julia Lezhneva und Franco Fagioli, sowie der Coro della Radiotelevisione Svizzera, und es musiziert das Ensemble I Barocchisti unter Leitung von Diego Fasolis. Ausgewiesene Barockspezialisten also sind hier versammelt, was sich vor allem auch bei den beiden anderen sakralen Meisterwerken zeigt, die auf dieser CD erklingen. 
Nisi Dominus RV 608, eine Vertonung des 127. Psalms, gibt dem Countertenor Franco Fagioli Gelegenheit zu ausdrucksstarkem Gesang. Der argentinische Sänger beeindruckt einmal mehr mit seiner enorm umfangreichen, beweglichen und obendrein farblich flexiblen Stimme. Jede Passage formt er perfekt, sei sie noch so schwierig, und jede Verzierung sitzt. 
Ähnliches lässt sich über Julia Lezhneva sagen. Sie singt die Solo-Motette Nulla in mundo pax sincera RV 630, bei der Vivaldi fromme Verse höchst raffiniert und extravagant musikalisch gestaltet hat. Insbesondere das abschließende Alleluia mit seiner instrumentalen Stimmführung erweist sich als Herausforderung. Die Sopranistin meistert alles so strahlend und locker, dass man nur staunen kann. Traumhaft! 

Dienstag, 28. November 2017

Cavalli: Requiem, Grandi: Motets (Raumklang)

Als Francesco Cavalli (1602 bis 1676) einst spürte, dass sein Lebensende naht, ordnete er seine Angelegen- heiten. Er ging dabei so weit, dass er in seinem Testament präzise Anwei- sungen für seine Beisetzungsfeier- lichkeiten gab, und sein eigenes Requiem komponierte. 
Cavalli war ein Musiker von europäi- schem Rang. Als Mitte des 17. Jahr- hunderts die Oper in Venedig in hoher Blüte stand, gehörte Cavalli zu den erfolgreichsten Opernkomponi- sten – 30 Werke dieser noch jungen Gattung sind von ihm überliefert. Doch auch der Kirchenmusik widmete sich Cavalli mit großer Ernsthaftig- keit. Mit 14 Jahren war er als Sänger in den Chor des Markusdomes aufgenommen worden und begann dort unter Kapellmeister Claudio Monteverdi und dem maestro del canto Alessandro Grandi seine musikalische Laufbahn. In späteren Jahren wirkte er dort auch als Organist und ab 1668 als maestro di capella
Für sein achtstimmiges Requiem wünschte er sich eine große Besetzung. Neben dem kompletten Sängerensemble sollten auch zwei Violinen, vier Violen, zwei Zinken, zwei Theorben, Posaunen, Dulzian, Violone und drei Orgeln mitwirken. So üppig besetzt ist diese Einspielung mit dem Ensemble Polyharmonique nicht. Alexander Schneider, der Leiter dieses Solistenverbundes, hat sich für acht Sänger und Basso continuo entschieden; zu hören sind hier Juliane Laake, Bassgambe, Maximilian Ehrhardt, Arpa doppia, und Klaus Eichhorn, Orgelpositiv. 
Diese Minimalbesetzung unterstützt allerdings die Aussage des Werkes in staunenswerter Weise. Denn anders als seine Opern schrieb Cavalli diese Totenmesse weniger für ein Publikum als vielmehr für die Ewigkeit. Sie ist ein Juwel musikalischen Gestaltungsvermögens und zeugt sowohl von der Gelehrsamkeit des Komponisten als auch von seiner Innovationskraft – die Cavalli freilich aus der Tradition schöpft, auf die er sich auch immer wieder bezieht. 
Dennoch fühlt man sich immer wieder an Mozarts Requiem erinnert, auch wenn Cavallis Werk so gar nicht dramatisch ist. Hier wird nicht mit dem Tode gerungen, und vor der Hölle gezittert, hier erscheint der Tod eher als das letzte Hindernis vor der ewigen Seligkeit. Und so ist denn diese Musik von geradezu überirdischer Schönheit, und voller Trost. Den Gesangs- solisten und Musikern gelingt es wunderbar, diese Botschaft zu vermitteln. Ergänzt wird die Totenmesse durch Motetten von Alessandro Grandi. 

Sonntag, 6. August 2017

Telemann: Ein feste Burg ist unser Gott (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Confessio Augustana ist wohl das wichtigste Dokument, das auf dem Reichstag in Augsburg 1530 unter- zeichnet wurde. Darin beschrieben die lutherischen Reichsstände die Grundsätze ihres Glaubens. Diese Schrift, die weitgehend aus der Feder von Philipp Melanchthon stammt und vor allem auch die Gemeinsam- keiten mit der katholischen Kirche betont, gehört noch heute zum Inventar der lutherischen Kirchen. 
Der 200. Jahrestag der Augsburger Konfession, jenes „unerschrockenen Bekenntnisses der lautern Evangelischen Lehre“, so Georg Philipp Telemann, wurde auch in Hamburg aufwendig gefeiert. Im Festgottesdienst erklangen gleich zwei Kantaten, die Telemann als Musikdirektor der Hansestadt eigens für diesen Anlass komponiert hatte. 
Die pragmatischen Hamburger feierten lediglich einen Tag, nämlich am 25. Juni, praktischerweise ohnehin ein Sonntag. Infolgedessen wurde in allen Kirchen gleichzeitig musiziert – was bedeutete, dass Telemann natürlich zuvor auch die Proben für die Festgottesdienste in allen fünf Hauptkirchen zu leiten hatte, und dann gar nicht allen Aufführungen selbst beiwohnen konnte. 
Er selbst schreibt von mehr als hundert Personen in den Proben – was uns heute einen interessanten Einblick in das Musikleben jener Zeit gibt; denn die Kantaten gelten als „groß besetzt“. Und man muss bedenken, dass sich die hundert Mitwirkenden ja noch auf fünf Kirchen verteilten. Überliefert sind leider nur die „Poesien zur Music, welche daselbst am Großen Jubel-Feste (..) musicalisch aufgeführet“, denn Telemann ließ sie drucken. Die Festkantaten selbst gelten als verschollen. 
Zwei kleinere Werke, die in St. Katharinen erklungen sind, veröffentlichte der Musiker: Die Solokantaten  Sey tausendmahl willkommen ( TVWV 13: 9a) und Du bleibest dennoch unser Gott (TVWV 13: 9b) hat das Ensemble Concerto Melante, geleitet von Konzertmeister Raimar Orlovsky, nun bei dem Label Deutsche Harmonia Mundi in Weltersteinspielung vorgestellt. Dass es bei Telemann noch viel zu entdecken gibt, beweisen die Musiker auch mit drei hinreißenden Instrumentalstücken in ihrem Programm: Zu hören sind, ebenfalls in Weltersteinspielungen, die zwei Triosonaten TWV 42:e7 und 42:e8, beide zu finden in den Notenbeständen des Darmstädter Hofkapellmeisters Christoph Graupner, und das Quartett TWV 43:G13. 
Gleich fünfmal zu hören ist auf der CD Luthers Choral Ein feste Burg ist unser Gott – vierfach in musikalischen Bearbeitungen von Johann Walther, sowie in Form einer vierstimmigen Motette, die Telemann für die akademische Feier des Hamburger Johanneums zum „Jubel-Fest“ 1730 geschrieben hat. Es singen Robin Johannsen, Sopran, Alexander Seidel, Altus, Holger Marks, Tenor, und Wolf Matthias Friedrich, Bass. 
Concerto Melante – wer gern mit Buchstaben spielt, der sieht auf den ersten Blick, dass der Name des Ensembles aus dem des Komponisten hervorgegangen ist (wobei aber leider ein „n“ verloren ging) – leistet mit diesem Album einen Beitrag sowohl zum Telemann-Jubiläum als auch zum Reformationsjahr. Telemann, der nicht nur ein exzellenter Musiker und Komponist, sondern auch ein cleverer Geschäftsmann war, hätte das mit Sicherheit gefallen.

Montag, 1. Mai 2017

Carissimi: Eight Motets (Naxos)

Als Garrick Comeaux im Jahre 2005 in die USA zurückkehrte, nachdem er 25 Jahre in Italien und in Deutsch- land gelebt hatte, bedeutete dies auch den Neustart für das Consortium Carissimi, das Comeaux 1996 in Rom gegründet hatte. Das Ensemble widmet sich dem Werk von Bonifazio Graziani (1604/05 bis 1664) und Giacomo Carissimi (1605 bis 1674). 
Da wohl keine Originalmanuskripte der Stücke ihres Namensgebers erhalten geblieben sind, sind die bei der Beschäftigung mit der Musik Carissimis auf zeitgenössische Abschriften angewiesen. Mehr als zweihundert Musikstücke wurden ihm so zugeschrieben; allerdings hat die Forschung inzwischen festgestellt, dass die Überlieferung dabei in etlichen Fällen irrt. 
Auf dieser CD sind die Sänger und Musiker mit acht Motetten zu hören, bei denen es ziemlich sicher ist, dass sie von Carissimi stammen. Der Komponist begann seine Ausbildung als Chorknabe an der Kathedrale von Tivoli; dort wirkte er dann auch als Kantor und Organist, bis er 1628 Kapellmeister an der Kathedrale von Assisi und wenig später am Collegium Germanicum et Hungaricum wurde, einem renommierten Priesterseminar der Jesuiten in Rom, dessen Kirche die Basilica minor Sant'Apollinare ist. Er hatte zudem viele Schüler, darunter Marc-Antoine Charpentier, Antonio Cesti, Christoph Bernhard sowie Johann Kaspar Kerll. 

Montag, 17. April 2017

Caldara: Motetti a due o tre voci op. 4 (Pan Classics)

Die Motetti a due o tre voci op. 4 waren die letzten Werke von Antonio Caldara (um 1670 bis 1736), die zu seinen Lebzeiten im Druck erschie- nen sind. Sie wurden 1715 in Bologna veröffentlicht. 1716 übersiedelte der Komponist nach Wien, wo er Vize- kapellmeister am Hofe des Kaisers Karl VI. wurde. 
Wie eng verbunden Europas Kultur- metropolen seinerzeit waren, das zeigt ein Blick in ihre Kunstsamm- lungen – und in die Archive. Ein Exemplar von Caldaras Motetten beispielweise gelangte nach Dresden, wo Jan Dismas Zelenka die Stücke, teilweise mit neu unterlegten Texten, zum Gebrauch im Rahmen der Fastenpredigten einrichtete. 
Sie gehörten wahrscheinlich seit Mitte der 1720er Jahre in Dresden zum Repertoire, das während der vorösterlichen Fastenzeit alljährlich erklang. So dürfte auch Johann Adam Hiller (1728 bis 1804) sie kennengelernt haben, der seine Ausbildung als Kruzianer in Dresden begann. Hiller, der später nach Leipzig ging und letztendlich sogar Thomaskantor wurde, nahm eine dieser Motetten in seine berühmte Sammlung mit auf – was wiederum dazu führte, dass Caldara in die protestantische Kirchenmusik- praxis mit integriert wurde. 
Auf dieser CD sind die zehn Motetten komplett zu hören – eindringlich gesungen von Ingeborg Dalheim, Anna Kellnhofer, Sopran, Franz Vitzthum und Alex Potter, Countertenor, Jan Van Elsacker, Tenor, und Florian Götz, Bariton. Begleitet werden die Sänger vom United Continuo Ensemble, bestehend aus Jörg Meder, Violone, Johannes Hämmerle, Orgel, und Thomas C. Boysen, Theorbe, der auch die Leitung dieses Ensembles inne hat. 
Kombiniert wurden die Motetten mit Orgelwerken niederländischer und norddeutscher Komponisten älterer Generationen – Matthias Weckmann (1618/19 bis 1674), Franz Tunder (1614 bis 1667) und Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621). Johannes Hämmerle spielt sie an der histori- schen Orgel des Schlosses Gottorf. Sehr hörenswert! 

Samstag, 26. November 2016

Palestrina: Missa Papae Marcelli / Motets (Deutsche Grammophon)

Schon zum zweiten Mal hat der Vatikan die Tore der Sixtinischen Kapelle für eine Studioaufnahme der Deutschen Grammophon geöffnet. Auf dieser CD singt der älteste Chor der Welt, der Päpstliche Chor der Sixtinischen Kapelle, unter der Leitung von Massimo Palombella ausschließlich Werke von Giovanni Pierluigi da Palestrina (?1525 bis 1594). Er war selbst Mitglied der Päpstlichen Kapelle und gilt als Erneuerer und Retter der Kirchen- musik. 
Diese war im Umfeld des Konzils von Trient in die Kritik geraten, weil die polyphonen Gesänge oft derart üppig erblühten, dass der Text nicht mehr zu verstehen war. Auch nahmen Kirchenvertreter Anstoß an der sogenannten Parodiemesse auf der Basis bekannter weltlicher Melodien, die im Original häufig alles andere als fromm waren. Mit der Missa Papae Marcelli, die die Forderungen der Kritiker geradezu vorbildlich erfüllte, zeigte Palestrina, dass polyphone Musik und Textverständlichkeit durchaus kein Widerspruch sein müssen. 
Die Missa Papae Marcelli steht auch im Mittelpunkt dieser CD; sie erklingt hier zum ersten Male in der Fassung der kritischen Edition nach der Erstausgabe aus dem Jahre 1567. Anlässlich des Heiligen Jahres, das jüngst zu Ende gegangen ist, sind zudem Motetten zum Thema Barm- herzigkeit zu hören. Sie werden gerahmt von der Motette Tu es pastor ovium, komponiert zur Krönung von Papst Sixtus V. Im Jahre 1585, und einem abschließenden Ave Maria. Auch hier finden sich Erstaufnahmen. 
Was die Qualität seines Chores angeht, ist der Heilige Vater derzeit leider eher nicht zu beneiden. Dennoch wird das Album, nicht zuletzt aufgrund der großen Tradition des Ensembles, nicht nur unter den Katholiken seine Liebhaber finden. 

Montag, 25. Juli 2016

Music for Brass Septet 4 (Naxos)

„No series of brass recordigs would be complete without reference to the original golden age of brass ensem- ble music“, stellt Posaunist Matthew Knight fest. Die Bläser von Septura widmen also diese CD Italien, speziell Venedig, im 16. Jahrhundert.
Und da ist, neben Canzonen und Mo- tetten von Giovanni Gabrieli, auch noch einiges mehr zu entdecken, was in Bearbeitungen für sieben virtuose Blechbläser ganz ausgezeichnet klingt: Motetten des spanischen Komponisten Tomás Luis de Victoria, der Werke in Venedig drucken ließ, die berühmte Missa Papae Marcelli von Giovanni Pierluigi da Palestrina, der allerdings in Rom wirkte, und Lagrime di San Pietro von Orlando di Lasso, der als Sängerknabe aus den Niederlanden nach Italien kam, und dann etliche Jahre als Hofkapellmeister in München tätig war. Dass all diese Werke eigentlich nicht für Bläser geschrieben sind, ist nicht zu hören – die Arrangements von Trompeter Simon Fox und Matthew Knight sind exzellent. Zu Lebzeiten der Komponisten war es ohnehin üblich, die Singstimmen durch Instrumente mitspielen zu lassen. Mit dieser CD beweist Septura einmal mehr, dass das Ensemble zu den besten der Welt gehört.

Freitag, 25. Dezember 2015

Mendelssohn: Motetten zur Weihnacht / Deutsche Messe op. 89 (Hänssler Classic)

Arnold Ludwig Mendelssohn (1855 bis 1933) ist heute, obwohl er Lehrer von Paul Hindemith und Günter Raphael war, weitgehend vergessen. Er war ein Neffe zweiten Grades von Felix Mendelssohn Bartholdy und wuchs behütet und allseits gefördert auf. So erhielt er Klavierunterricht bei Carl August Haupt, dem späteren Direktor des Königlichen Institutes für Kirchenmusik in Berlin. Dennoch begann der Abiturient 1876 zunächst ein Jura-Studium in Tübingen, da seine Mutter Musik eher als eine brotlose Kunst ansah. Mendelssohn wiederum wollte sich ein Leben als Arzt, Richter, Lehrer oder Offizier nicht vorstellen – und kehrte er noch im selben Jahr nach Berlin zurück, um weiter bei Haupt sowie an der Akade- mischen Hochschule für Musik zu studieren. 
1880 erhielt der junge Musiker eine erste Anstellung in Bonn. Er wirkte dort an der Neuen Evangelischen Kirche als Organist und Chordirigent, und unterrichtete zudem an der Universität Orgelspiel und Musiktheorie. Aus der Bekanntschaft mit Friedrich Spitta ergab sich die Auseinander- setzung mit Werken von Heinrich Schütz und dessen Lehrer Giovanni Gabrieli. Mendelssohn hat während seiner Bonner Jahre etliche Werke Schütz' erstmals wieder aufgeführt. 
Von 1883 bis 1886 wirkte Mendelssohn in Bielefeld, dann als Lehrer für Orgel und Theorie am Konservatorium in Köln. 1891 wurde er zum Kirchenmusikmeister der Evangelischen Landeskirche in Hessen berufen. Er lebte in Darmstadt, kümmerte sich um die Orgeln im Lande, komponier- te viel, und engagierte sich zudem für Bach und Schütz, deren Werke er immer wieder dirigierte. Außerdem lehrte er seit 1912 am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt/Main. 
Mendelssohn war unter anderem mit Engelbert Humperdinck und dem Thomaskantor Karl Straube befreundet. So schrieb er viele seiner Werke für den Thomanerchor. Der Kirchenmusiker wurde von seinen Zeitgenossen hochgeehrt und vielfach ausgezeichnet. Im Februar 1933 erlag er einem Herzinfarkt; so musste er nicht mehr erleben, was damals Familien geschah, die jüdische Wurzeln hatten. Seine Musik geriet rasch in Ver- gessenheit. Daran hat sich leider bis heute wenig geändert. 
Das SWR Vokalensemble Stuttgart unter Leitung von Frieder Bernius hat bei Hänssler Classic eine Auswahl wichtiger Chorwerke veröffentlicht. Die CD enthält die Deutsche Messe op. 89, sowie drei Motetten aus der Geistlichen Chormusik op. 90: Die Advents-Motette Träufelt ihr Himmel von oben, die Motette Lobt Gott, ihr Christen zum Weihnachtsfest und Siehe! Finsternis decket das Erdreich zum Epiphaniasfest. Es handelt sich durchweg um Kompositionen für achtstimmigen Chor und Soli – und sie sind keine leichte Kost, weder für die Sänger noch für das Publikum. Dabei hat sich der Komponist an den Arbeiten der alten Meister orientiert: Die Werke von Bach, vor allem aber auch Schütz, Monteverdi oder Hassler boten ihm Inspiration, doch in seiner Musik interpretierte er diese Anre- gungen mit den Mitteln der Spätromantik. 
Es könnte auch sein, dass Mendelssohns Musik so selten zu hören ist, weil sie sehr anspruchsvoll ist, und weil in Deutschland Chöre, die leistungs- stark genug sind, sich daran zu wagen, mittlerweile selten geworden sind. Das SWR Vokalensemble Stuttgart engagiert sich besonders im Bereich der zeitgenössischen Musik. Der professionelle Chor ist aber ebenso erfahren im stilsicheren Umgang mit Werken aus der Musikgeschichte. Bei Men- delssohns Motetten können die Sänger beides einsetzen und beeindrucken so mit Aufnahmen von hoher Sensibilität und höchster Qualität. Bravi! 

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Distler: Die Weihnachtsgeschichte (Carus)

Hugo Distler (1908 bis 1942) musste sein Leben lang um künstlerischen Freiraum ringen. Der Junge, von seiner Mutter im Alter von vier Jahren verlassen, wuchs bei seinen Groß- eltern auf. Sie kauften ihm ein Klavier und finanzierten ihm den Musik- unterricht sowie eine gute schulische Ausbildung. Durch die Inflation verarmten sie aber, so dass Distler 1925 nicht nur den Tod seiner Großmutter betrauern musste, sondern sich obendrein die private Musikschule nicht länger leisten konnte. Schließlich unterrichtete ihn sein Lehrer unentgeltlich. Nach dem Abitur studierte Distler am Leipziger Konservatorium. Als 1930 auch sein Großvater starb, der ihn trotz großer Armut finanziell unterstützt hatte, musste der junge Musiker aber seine Ausbildung abbrechen und sich eine Arbeit suchen – was zur Zeit der Weltwirtschaftkrise kein leichtes Unterfangen war. 
In dieser Situation half Distler sein Orgellehrer Günther Ramin; auf seine Vermittlung hin wurde Distler Organist derJakobikirche in Lübeck. Dort wirkte er gemeinsam mit Pastor Axel Werner Kühl, einem der führenden Köpfe der Bekennenden Kirche, und Kantor Bruno Grusnick, der mit seinem Lübecker Sing- und Spielkreis etliche Werke Distlers uraufführte. 1937 flüchtete der Musiker, nachdem es Ärger mit der Gestapo gegeben hatte, nach Stuttgart, wo er an der Musikhochschule unterrichtete und zudem Chor und Hochschulkantorei leitete. 1940 wurde er Professor an der Berliner Musikhochschule; im April 1942 übernahm er die Leitung des Berliner Staats- und Domchores. 
In seiner Arbeit erlebte er beständige Behinderungen und Zumutungen durch die Machthaber – vom HJ-Führer, der die Chorbuben zum Dienst befahl, sobald Chorproben angesetzt waren, bis hin zur vaterländischen „Thingspiel-Kantate“, die er in kürzester Frist mit Musik versehen sollte; ein Ansinnen, das Distler nicht abzuweisen wagte. Als er jedoch im Oktober 1942 zum sechsten Male einen Gestellungsbefehl erhielt, der sich diesmal auch nicht abwenden ließ, war es genug: Am 1. November 1942 nahm sich Hugo Distler das Leben. 
Seine Werke geben Zeugnis von Distlers tiefem Glauben. Eine Auswahl seiner Motetten sowie Die Weihnachtsgeschichte op. 10 aus dem Jahre 1933 hat das Athesinus Consort Berlin jetzt bei Carus veröffentlicht. Dort ist übrigens auch die Notenedition dazu verfügbar. 
Das Athesinus Consort Berlin, 1992 von Klaus-Martin Bresgott gegründet, besteht aus professionellen Sängern. Das Ensemble widmet sich mit großer Hingabe anspruchsvollen Projekten, von Musik der Spätrenaissance bis hin zur Uraufführung von Werken zeitgenössischer Komponisten. 
Aus dieser Erfahrung heraus hat sich das Athesinus Consort nun Distlers Werk zugewandt. Diese Musik klingt vertraut, aber die Stimmen sind nur scheinbar simpel geschichtet. Schon bald bemerkt man Bezüge zu großen Vorbildern – beispielsweise in der Motette Also hat Gott die Welt geliebet, die an eine Vertonung des gleichen Textes durch Heinrich Schütz (SWV 380) denken lässt, oder in ganz erstaunlichen Bicinien und Fugen, die alte Formen mit neuem musikalischem Inhalt präsentieren. 
Nicht ohne Grund gehörte Die Weihnachtsgeschichte schon zu Lebzeiten von Hugo Distler zu seinen beliebtesten Kompositionen. Sie ist eines der schönsten A-cappella-Werke des 20. Jahrhunderts für die Advents- und Weihnachtszeit und wird vom Athesinus Consort Berlin ausdrucksstark und engagiert vorgetragen. Und vielleicht trägt diese CD ja dazu bei, dass sich Chöre wieder öfter an Distlers Werke wagen – es lohnt, ganz ohne Zweifel.

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Respighi: Lauda per la Natività del Signore (Carus)

Weihnachtliche Musik aus dem
20. Jahrhundert erklingt auf dieser CD mit dem Rundfunkchor Berlin. Hauptwerk dieser Einspielung ist der Lobgesang Lauda per la Natività del Signore von Ottorino Respighi. Klangprächtige Chorpassagen und Soli wechseln; zu hören sind neben den Chorsängern die koreanische Sopranistin Yeree Suh, Kristine Larissa Funkhauser, Mezzosopran, und der Tenor Krystian Adam, sowie das Polyphonia Ensemble Berlin und zwei Pianisten, deren Namen aller- dings nicht zu erfahren sind. Dieses fromme Werk aus den 20er Jahren, inspiriert von „Alter“ Musik, das Anklänge an gregorianische Gesänge mit impressionistischen Klängen kombiniert, dann wieder Formen aus Renaissance und Barock aufgreift, um sie aus dem Geist der Moderne zu spiegeln, wird dirigiert von Maris Sirmais. 

Begleitet wird Respighis Werk durch einige Kompositionen, die man mittlerweile fast als Klassiker der Moderne bezeichnen könnte: Die CD beginnt mit Es ist ein Ros entsprungen in der Version von Sven-David Sandström (*1942), die den berühmten Chorsatz von Michael Praetorius in einen Strom von Tönen und Akkorden einbettet – ein Effekt, als würde man ein vertrautes Bild durch eine Milchglasscheibe betrachten. Auch Maria durch ein Dornwald ging in einer Komposition von Heinrich Kaminski (11886 bis 1946) und Nun komm, der Heiden Heiland in der spannungs- vollen Fassung von Günter Raphael (1903 bis 1960) singt der Rundfunk- chor Berlin, dirigiert von Nicolas Fink. Zu hören sind zudem O magnum mysterium, das Erfolgswerk von Morten Lauridsen (*1943), und die wundervollen Quatre motets pour le temps de Noël von Francis Poulenc (1899 bis 1963). 

Montag, 14. Dezember 2015

Homilius: Sacred Motets (MDG)

Diese Aufnahme einiger Motetten von Gottfried August Homilius hat Hermann Max mit der Rheinischen Kantorei vor mehr als 30 Jahren bei MDG vorgelegt. Damit begann die Wiederentdeckung des damals nahezu vergessenen Komponisten. 
Die Rheinische Kantorei beeindruckt mit einer Interpretation, die die Einzigartigkeit dieser Werke zwischen barocker Rhetorik und frühklassischer Individualität herausstellt. Die verdienstvolle Einspielung aus dem Jahre 1983, seinerzeit nur auf Vinyl erschienen und lang vergriffen, ist nun dank einer sorgfältig aufbereiteten CD-Neu- ausgabe wieder zugänglich. 

Sonntag, 13. Dezember 2015

de Morales: O Magnum Mysterium (cpo)

Geht es um die Feier der Geburt Christi, sind sich die verschiedenen christlichen Konfessionen in etlichen Details überraschend einig. So wurden Werke des katholischen Komponisten Cristóbal de Morales (um 1500 bis möglicherweise 1553) auch in protestantischen Drucken verbreitet. Das gilt insbesondere für jene Motetten, in denen er die Geburt Christi und die Anrufung Mariens nach biblischem Vorbild gestaltete. Wer aber war der Musiker, dessen Werke auch in Wittenberg oder in Nürnberg erschienen? 
Der spanische Komponist, über dessen Herkunft, Kindheit und Jugend man offenbar nichts weiß, tritt im Jahre 1526 aus dem Dunkel der Geschichte – als Kapellmeister in Ávila, später dann in Plascencia. 1535 wurde er Sänger im Päpstlichen Chor der Kapella Sixtina. Fast zehn Jahre wirkte er in Rom; von Papst Paul III. wurde der Musiker sogar geadelt. 1545 kehrte de Morales nach Spanien zurück, wo er wieder als Kapell- meister tätig wurde – zunächst an der Kathedrale von Toledo, dann in Málaga. Dort verliert sich 1553 seine Spur; es wird vermutet, dass Cristóbal de Morales im September gestorben ist. 
In seinen Werken kombiniert er die musikalischen Traditionen seiner Heimat mit der Musik, die er in Rom kennengelernt hat. Das Ergebnis überrascht, denn die Kompositionen wirken erstaunlich zeitlos; wer es nicht weiß, der wird nicht vermuten, dass diese ausdrucksstarken Werke tatsächlich so alt sind. 
Manfred Cordes hat mit seinem Ensemble Weser-Renaissance eine CD mit Weihnachtsmotetten von Cristóbal de Morales bei cpo veröffentlicht. Dabei hatte er eine Besetzung zur Verfügung, die ebenso ungewöhnlich ist wie die Musik, die er gemeinsam mit diesen Sängern erkundet hat: Franz Vitzthum und Alex Potter, Diskant, Achim Schulz und Bernd O. Fröhlich, Tenor altus, Maciej Gocman und Jan van Elsacker, Tenor sowie Ulfried Staber und Kees Jan de Koning, Bass. Es ist eine faszinierende Musik zum Weihnachtsfest, feierlich und seltsam innig zugleich. Sie wird hier mit Noblesse und Transparenz vorgetragen – eine Aufnahme von großer Intensität und Strahlkraft. 

Samstag, 14. November 2015

Motetten der Hiller-Sammlung (Carus)

Johann Adam Hiller (1728 bis 1804), war ein musikalisches Phänomen. Nach einer Ausbildung am Gymna- sium in Görlitz, an der Dresdner Kreuzschule sowie dem anschließen- den Studium an der Universität in Leipzig wurde er 1754 zunächst Hauslehrer beim Grafen Brühl. Doch schon bald war er wieder in Leipzig: 1759 gründete er die erste deutsche Musikzeitschrift, Der musikalische Zeitvertreib. 1763 sorgte Hiller für die Wiederbelebung des wegen des Siebenjährigen Krieges zwischen- zeitlich eingestellten Großen Concerts. Er gründete eine Singschule, aus der berühmte Sängerinnen hervorgingen, sowie die Musikübende Gesellschaft, die zunächst im Apelschen Haus, später dann im Gewandhaus konzertierte. Damit war Hiller der erste Gewandhaus-Kapellmeister. Von 1789 bis 1801 wirkte Hiller zudem als Thomaskantor. 
Hiller hatte enormen Erfolg als Singspielkomponist. Er hatte eine klare Meinung, was gute Musik sei – und vertrat sie auch entschieden. So gab er ab 1776 eine mehrteilige Sammlung Vierstimmige Motetten und Arien von verschiedenen Componisten zum Gebrauche der Schulen und anderer Gesangsliebhaber heraus, zunächst vor allem interessante Werke der Komponistengeneration nach Bach; aus seiner Amtspraxis als Thomas- kantor dann 1791 noch ergänzt um ein sechstes und letztes Heft, das auch liturgische Stücke und Begräbniskompositionen enthielt. Sie stammten fast alle von Hiller. Ansonsten sind etliche Beiträge enthalten vom Dresdner Kreuzkantor Gottfried August Homilius und vom Magdeburger Musik- direktor Johann Heinrich Rolle, sowie Werke des früheren Thomaskantors Gottlob Harrer, von Homilius' Amtsvorgänger Theodor Christlieb Rein- hold, dem Dresdner Organisten Christoph Ludwig Fehre, Johann Gottfried Weiske und Christian Friedrich Penzel, Kantoren in Meißen und in Merseburg. Auch Carl Heinrich Graun, Kapellmeister am Hofe Friedrichs des Großen, ist darin vertreten. 
Die Motetten dieser Komponisten zeugen vom hohen Stand, den die Gattung – die zu Bachs Zeiten nur noch als Gelegenheitskomposition eine Rolle spielte – in der Kirchenmusik zu Hillers Zeiten wieder erlangt hatte. Im Gottesdienst ließ Bach Motetten aus dem Florilegium Portense singen; Hiller hingegen verbannte den „lateinischen Singsang, den Meister Bodenschatz zusammengeschleppt hat“, aus dem Gebrauch der Thomaner. Sein Urteil: „So schlecht und ohne Wahl auch diese Compilation gemacht, so fehlerhaft sie auch gedruckt ist. Resquiat in pace!“ Ein einziges Werk allerdings fand vor dem gestrengen Auge Hillers Gnade, eine Motette von Jacobus Gallus aus dem 16. Jahrhundert. Diese nahm Hiller, in überar- beiteter Form, in seine Kollektion auf. 
Auch das Sächsische Vocalensemble hat sie in seine Auswahl aus Hillers vierstimmigen Motetten und Arien aufgenommen, die jüngst bei Carus erschienen ist. Der renommierte Dresdner Kammerchor, 1996 von Matthias Jung gegründet, zeichnet sich durch seinen schlanken, wasser- klaren Chorklang aus. Die Sängerinnen und Sänger bieten absolute Präzision und beeindruckende klangliche Homogenität. Eines macht die CD deutlich: Mitteldeutschland, mit seiner reichen und vor allem auch breiten Musiktradition, ist immer wieder für Entdeckungen gut.

Samstag, 17. Oktober 2015

Bach: Motetten (Ricercar)

Bedeutende Musikerdynastien hat es immer wieder gegeben – allerdings sind nur wenige so bekannt geworden wie die Bachs. Das einige Werke selbst von frühen Mitgliedern dieser weitverzweigten Familie bis zum heutigen Tage erhalten geblieben sind, das liegt auch mit daran, dass schon Johann Sebastian Bach stolz auf das musikalisches Erbe seiner Ahnen war. 
Der Thomaskantor führte das von seinem Vater begonnene Altbachische Archiv fort und sorgte damit dafür, dass Zeugnisse des Wirkens seiner Familie bewahrt und überliefert wurden. Bach kannte und schätzte die Werke seiner Vorfahren. Er hat sie eigenhändig kopiert, und ließ insbesondere die Motetten immer wieder im Gottesdienst singen. Die erhaltenen Werke von Johann Bach (1604 bis 1673), Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) und Johann Michael Bach (1648 bis 1694) präsentiert Lionel Meunier mit den Vokalisten von Vox Luminis auf diesen beiden CD. 
Bei einer Motette lässt Meunier exemplarisch das Scorpio Collectief mit Zinken und Posaunen die Singstimmen colla parte mitspielen. Ansonsten werden die Sänger von der Orgel begleitet – wobei die Liste der Organisten, die sich bei diesem Projekt abgewechselt haben, lang und beeindruckend ist: Mitgewirkt haben David Van Bouwel, Haru Kitamika, Claudio Ribeiro und Masato Suzuki. 
Die Vokalisten des Ensembles Vox Luminis beeindrucken mit ihrer intelligenten musikalischen Textauslegung und ihrer vorzüglichen Interpretation jener frühen Werke der Bach-Familie: Johann Bach wirkte als Organist in Schweinfurt und Erfurt, und war wohl der erste Kirchen- musiker der Familie Bach. Drei Begräbnismotetten sind von ihm bekannt, und hier zu hören. Er hatte zwei Brüder, Christoph und Heinrich. Christoph Bach war der Vater von Ambrosius Bach und somit der Großvater von Johann Sebastian Bach. Heinrich Bach hatte zwei Söhne, Johann Christoph und Johann Michael – ihre überlieferten Werke erklingen ebenfalls komplett auf den zwei CD. Gruppiert wurden sie den Anlässen folgend, für die sie geschaffen wurden. Die musikhistorisch-theologischen Zusammenhänge erläutert übrigens Produzent Jérôme Lejeune höchst- selbst im Beiheft mit einem klugen Kommentar – was deutlich zeigt, welchen Rang diese Aufnahmen auch für das Label haben. 

Donnerstag, 16. April 2015

Byrd: Infelix ego (Phi)

Die dritte CD mit Chorrepertoire aus der Zeit der Renaissance, die Philippe Herreweghe bei seinem Label Phi vorgelegt hat, ist William Byrd (um 1540-1623) gewidmet. Der Komponist wirkte, ebenso wie Thomas Tallis, der möglicherweise sein Lehrer gewesen ist, als Organist an der Chapel Royal. Mit der anglikanischen Kirche konnte Byrd allerdings wenig anfangen; er selbst blieb zeitlebens Katholik und schrieb, neben Werken für den anglikanischen Gottesdienst, auch eine Vielzahl von Musikstücken entsprechend der katholischen Liturgie. Er veröffentlichte sie auch, was ziemlich kühn war, da Katholiken damals in England verfolgt und für die Missachtung des staatlich verordne- ten rechten Glaubens mitunter hart bestraft wurden. 
Mit dem Collegium Vocale Gent hat Herreweghe neben der fünfstimmigen Messe auch einige Motetten dieses bedeutenden Meisters der späten Tudor-Zeit eingespielt. Byrds Musik wurde zudem durch je ein Werk von Alfonso Ferrabosco und Philippe de Monte ergänzt. Auch diese beiden Musiker wirkten zeitweise in England bei Hofe; es gibt gute Gründe dafür, anzunehmen, dass Byrd beide kannte. 
Den Mittelpunkt dieser CD bildet Byrds berühmte Motette Infelix ego. Der Text ist eine Meditation über Psalm 51, verfasst von dem Dominikaner Girolamo Savonarola (1452 bis 1498) kurz vor seiner Hinrichtung. Der Prediger hatte seinerzeit die Medici aus Florenz vertrieben und dort ein grausiges, rigoros frommes Regime zu errichten versucht. Er ist damit gescheitert – und wurde als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Diesen Text dürfte Byrd wohl kaum zufällig gewählt haben; seine Verto- nung ist ein Meisterwerk, das man unbedingt kennen sollte. Und das Collegium Vocale Gent singt exzellent. Es ist faszinierend, wie sehr sich die Sängerinnen und Sänger sogar auf den typisch englischen Chorklang einstellen. Bravi!