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Freitag, 6. Dezember 2019

Bach: Weihnachtsoratorium (Accentus)

Jauchzet, frohlocket! Johann Sebastian Bachs Weihnachts- oratorium, erstmals aufgeführt zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und dem Epiphaniasfest 1735 in den beiden Hauptkirchen St. Thomas und St. Nikolai, gehört mittlerweile zu den Fundamenten der Identität und des musikalischen Erbes der Stadt Leipzig. Ohne Bachs musikalisches Meisterwerk ist ein Weihnachtfest an der Pleiße kaum vorstellbar. 
Allerdings haben musikalische Traditionen so ihre Tücken, wie man feststellen wird, wenn man die Aufnahmen anhört, die die Thomaner in der Vergangenheit vorgelegt haben. Umso erfreulicher ist es, nun zu erleben, dass Thomaskantor Gotthold Schwarz die Erbe-Pflege offenbar nicht eine lästige Verpflichtung, sondern eine Herzensangelegenheit ist. Bachs 17. Amtsnachfolger hat sehr genau in die Partitur geschaut, und lässt ebenso präzise musizieren. 
Diese Einspielung aus dem Jahre 2018 mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester Leipzig berückt nicht nur mit festlichem Glanz, sondern auch mit unendlich vielen kleinen Details, die zeigen, wie sorgfältig Schwarz arbeitet. Die Thomaner singen hinreißend, und auch das Solistenensemble beeindruckt. Unbedingte Empfehlung! 

Dienstag, 27. August 2019

Peter Schreier singt Volkslieder (Berlin Classics)

Was waren das doch für Zeiten! 1975 veröffentlichte das DDR-Label Eterna die Schallplatte „Peter Schreier singt Volkslieder“ – und wenn man die Aufnahmen heute anhört, dann stimmt das ganz melancholisch. Zum einen liegt es daran, dass die junge Generation heute nicht mehr singt. Selbst am Lagerfeuer gibt es Musik aus der Konserve; das Handy hat ja jeder immer dabei. Und die Älteren werden mit „volkstümlichen“ Klängen beschallt, wenn sie nicht schnell genug flüchten. 
Diese Einspielung erscheint dazu wie ein Kontrastprogramm, denn sie nimmt die alten Weisen ernst. Peter Schreier, ohne Zweifel ein Jahrhundert-Tenor, singt die Volkslieder genauso sorgfältig, wie etwa eine Arie von Bach oder Mozart. Und man staunt geradezu ehrfürchtig darüber, mit welchem Aufwand und welcher Liebe zum Detail dieses Programm seinerzeit in Leipzig eingespielt wurde. Das reicht von den Arrangements bis hin zur beeindruckenden Liste der Mitwirkenden, die damals unter Leitung von Horst Neumann an der Produktion beteiligt waren – neben Peter Schreier singen auch Mitglieder des Thomanerchores sowie der Leipziger Rundfunkchor, begleitet von Musikern des Gewandhausorchesters Leipzig. Vielen Dank an das Label Berlin Classics, das die originalen Masterbänder aufgearbeitet und diese Aufnahme nun auf CD verfügbar gemacht hat.

Sonntag, 7. Mai 2017

Hornmusik - Peter Damm (Berlin Classics)

Mit einer CD-Box erinnert Berlin Classics an Peter Damm, einen der bedeutenden Hornisten des 20. Jahr- hunderts. Er feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag – und auch wenn er sich vor zehn Jahren vom Konzertpodium verabschiedet hat, sind seine Schallplatten immer noch ausgesprochen hörenswert. Das liegt zum einen daran, dass Peter Damm sein Horn stets mit einem unver- wechselbaren, schlanken Ton singen ließ; sein Spiel war nuancenreich und brillant. 
Während seiner jahrzehntelangen Laufbahn hatte der Musiker zahlreiche hervorragende Partner an seiner Seite. Auch davon gibt diese Box Zeugnis. An den Aufnahmen beteiligt waren Dirigenten wie Herbert Kegel oder Franz Konwitschny, Orchester wie das Gewandhausorchester Leipzig, die Staatskapelle Dresden oder die Dresdner Philharmonie, Pianisten wie Peter Rösel und Amadeus Webersinke, der Organist Hansjürgen Scholze, und etliche weitere Musikerkollegen. 
Außerdem hat sich Peter Damm mit großer Neugier und Experimentier- freude ein umfangreiches Repertoire erschlossen, das vom Barock bis zur Gegenwart reichte. Er gehörte zu den ersten Hornisten, die in der Lage waren, Werke in der extrem hohen Clarinlage wieder aufzuführen. Er spielte aber auch zahlreiche Uraufführungen von Musikstücken, die Komponisten eigens für ihn geschrieben haben. 
Auf den sechs CD in dieser Box macht Berlin Classics wichtige Schall- plattenaufnahmen mit dem Hornisten wieder zugänglich. Zu hören sind beispielsweise Mozarts Hornquintett, Sonaten für Horn und Klavier von Ludwig van Beethoven und von Siegfried Köhler, Musik für Horn und Klavier von Gioachino Rossini sowie von französischen Komponisten, das Konzertstück für vier Hörner und Orchester F-Dur von Robert Schumann, die beiden Hornkonzerte von Richard Strauss, ein Hornkonzert von Sieg- fried Kurz, das dieser auch selbst dirigierte, oder die Neuen Divertimenti nach Rameau von Udo Zimmermann, ebenfalls dirigiert vom Komponisten. Ergänzt wird die umfangreiche Kollektion durch Hornkonzerte vom sächsi- schen Hof, eingespielt 1987 von Peter Damm gemeinsam mit seinem Hornistenkollegen Dieter Pansa und der Cappella Sagittariana unter Eduard Melkus, sowie durch Musik für Horn und Orgel, die in der Hofkirche zu Dresden aufgenommen worden ist. 
Peter Damm, geboren 1937 in Meiningen, wurde bereits mit 22 Jahren Solohornist des Gewandhausorchesters Leipzig. 1969 wurde Damm zum Solohornisten der Staatskapelle Dresden berufen. In dieser Position wirkte der Musiker an über hundert Studioaufnahmen mit, unter Dirigenten wie Herbert von Karajan, Herbert Blomstedt, Bernard Haitink und Giuseppe Sinopoli. Er unterrichtete zudem als Professor an der Dresdner Musikhoch- schule, sowie in Meisterkursen und Workshops. Mit seinem kantablen Hornspiel stellte sich Damm ganz in die Dresdner Tradition und prägte das noble Spiel der Dresdner Bläser fast vierzig Jahre lang. 

Dienstag, 13. Dezember 2016

Weihnachten in Leipzig (Deutsche Grammophon)

Weihnachtsmusiken „made in Leip- zig“ hat die Deutsche Grammophon auf dieser CD versammelt – und wie man sieht, hat die Stadt an der Pleiße so einiges zu bieten. Da wären, natürlich, an erster Stelle Johann Sebastian Bach und der Thomaner- chor. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass seinerzeit auch die Leipziger Universität eine Ausbil- dungsstätte war, aus der viele berühmte Musiker hervorgegangen sind – so haben Johann David Heinichen und Georg Philipp Telemann in Leipzig studiert. Sie sind mit festlichen Orchesterstücken auf dieser CD vertreten. 
1843, im Jahre des hundertsten Jubiläums des Gewandhausorchesters, wurde auf Initiative des damaligen Gewandhauskapellmeisters, Felix Mendelssohn Bartholdy, das Conservatorium für Musik in Leipzig gegründet. An dieser ältesten Musikhochschule Deutschlands lernten und wirkten viele bedeutende Musiker; diese CD erinnert ganz besonders an Max Reger (1873 bis 1916), der dort als Professor lehrte. Sie erinnert aber auch an Gustav Schreck (1849 bis 1918), Absolvent des Konservatoriums und Thomaskantor seit 1893, und an Erhard Mauersberger, Thomaner unter Schreck, ebenfalls Absolvent des Konservatoriums und Thomas- kantor von 1961 bis 1972. Zu hören sind auf der CD Vokalsätze von diesen Komponisten, gesungen vom Thomanerchor unter Georg Christoph Biller. 
Die Chorsätze von Michael Praetorius (1571 bis 1621) und Hieronymus Praetorius (1560 bis 1629) sowie dem Zwickauer Kantor Cornelius Freundt (um 1535 bis 1591) haben nicht unmittelbar etwas mit der Stadt Leipzig zu tun; allerdings gehören sie zum Repertoire der Thomaner, und vom Publikum werden sie geliebt. Insofern haben sie zu Recht einen Platz auf dieser stimmungsvollen CD, die viele Facetten des Leipziger Musiklebens aufleuchten lässt. 

Freitag, 9. Dezember 2016

Brahms: Violin Concerto / Double Concerto; Accardo (Eloquence)

Wer von Felix Mendelssohn Barthol- dys Violinkonzert spricht, meint damit üblicherweise das populäre Konzert in e-Moll op. 64 – ein Kuriosum der Musikgeschichte, denn der Komponist hatte in seinen Jugendjahren bereits ein komplettes Violinkonzert in d-Moll geschrieben. Es war für Eduard Rietz bestimmt; aus unerfindlichen Gründen ist es dann aber in Vergessenheit geraten, bis schließlich Yehudi Menuhin 1952 die Autographen in die Hände bekam, und eine erste Edition veröffentlichte. Salvatore Accardo spielte beide Kon- zerte 1976 für Philips mit Charles Dutoit und dem London Philharmonic Orchestra ein. 
Und noch eine weitere großartige Aufnahme hat das Label Eloquence zum 75. Geburtstag des italienischen Geigers im Oktober 2016 wieder zugäng- lich gemacht: Mit Kurt Masur und dem Gewandhausorchester Leipzig hat Accardo 1978, ebenfalls für Philips, zwei wichtige Konzerte von Johannes Brahms eingespielt – das Violinkonzert in D-Dur, op. 77, und das Konzert für Violine, Violoncello und Orchester in a-Moll op. 102, letzteres gemein- sam mit Heinrich Schiff. 

Freitag, 5. August 2016

Theo Adam - Edition zum 90. Geburtstag (Berlin Classics)

„Aber so ist das mit einem Sängerleben – uns bleibt Gott sei Dank nur die Erinnerung!“, mit diesen Worten schließt Peter Schreier seine Gratulation an Theo Adam, der jüngst seinen 90. Geburtstag gefeiert hat. Glücklicherweise sind im Laufe einer langen Sängerkarriere aber auch zahlreiche Mitschnitte und Aufnahmen entstanden, so dass man den Dresdner Bassbariton in einigen seiner Partien noch immer hören kann. 
So hat Berlin Classics als besondere Gabe zum Ehrentag des Jubilars drei CD in einer Box zusammengefasst, die an die erfolgreiche Laufbahn des Sängers erinnern. Es erklingen sowohl geistliche Arien aus Bachs Weihnachtsoratorium, der Matthäus-Passion und einigen Kantaten, als auch Arien aus Mozarts Opern sowie Ausschnitte aus Opern von Richard Strauss und Richard Wagner. Entstanden sind all diese Einspielungen in der sächsischen Heimat. Doch der Wirkungskreis von Theo Adam war weit; er reichte von der Dresdner Semperoper über die New Yorker Met und die Mailänder Scala bis nach Bayreuth. 
Vom Meister Ortel in den Meistersingern bis hin zum Ochs von Lerchenau im Rosenkavalier – im Laufe der Jahre hat Theo Adam weit über hundert verschiedene Rollen gesungen und verkörpert. Sein Humor ist ebenso legendär wie seine sängerische Präzision, sein Stilbewusstsein und sein Ringen um Textverständlichkeit (was weit darüber hinaus zielte, dass das Publikum jedes Wort verstehen kann). Von der Bühne und aus dem öffentlichen Leben hat sich Theo Adam mittlerweile zurückgezogen. Diese drei CD zeigen uns den großen Sänger noch einmal auf der Höhe seiner Kraft und seines Könnens – ausgesprochen beeindruckend! 

Dienstag, 5. Mai 2015

Brahms: Violin Concerto; Kavakos (Decca)

Auf seinem zweiten Album bei Decca spielt Leonidas Kavakos das Violinkonzert von Johannes Brahms. Es ist ein Werk, das dem Komponisten eher wie eine Sinfonie geraten ist. An die Musiker stellt dieses Konzert zwar enorme Anforderungen, aber es gibt ihnen zugleich wenig Gelegenheiten, ihre Virtuosität publikumswirksam zu demonstrieren. Erst im Finale darf der Solist wirklich loslegen. Ob dieses Konzert wohl auch so erfolgreich geworden wäre, wenn es nicht seinerzeit Joseph Joachim uraufgeführt hätte, darüber kann man spekulieren. Brahms' Geigerfreund jedenfalls hatte eine Menge erfolgreicher Schüler, und so wird das Brahms-Konzert bis zum heutigen Tage sehr viel gespielt. 
Kavakos hatte das Gewandhausorchester Leipzig an seiner Seite – eine bessere Partnerschaft kann man sich für dieses Konzert wohl kaum wünschen; die Leipziger musizieren auch hier wunderbar. Im Beiheft kann man nachlesen, dass der Solist und Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly sich für diese Interpretation an den Metronomzahlen orientierten, die weiland Joachim für das Konzert notierte und die sich in seinem Nachlass fanden. Man wird dann erstaunt feststellen, dass der Maestro mit seinen Musikern zwar oftmals ein flottes Tempo wählt, der Solist allerdings ebenso häufig ganz eigene Tempi spielt. Ein Hörvergnügen ist das nicht. 
Die CD wird komplettiert durch Béla Bartóks Rhapsodien in der Fassung für Violine und Klavier Nr. 1 BB 94 und Nr. 2 BB 96 sowie durch Brahms' Ungarische Tänze Nr 1, 2, 6 und 11 in einer Bearbeitung von Joseph Joachim. Kavakos wird dabei am Klavier begleitet durch Péter Nagy. Mir persönlich ist der Bartók in dieser Aufnahme zu wenig Wirtshaus, und auch der Brahms könnte mehr Feuer vertragen. Schade. 

Samstag, 1. November 2014

Beethoven: Concerto 5 "Emperor", Sonata op. 111; Freire, Chailly (Decca)

„Er ist ein wunderbarer Konzert- partner“, begeistert sich Nelson Freire für Riccardo Chailly. „Er macht kleine Gesten, die sehr wichtig sind, und er achtet auf die kleinsten Details. Das hilft mir enorm. Und wenn ich mich entschließe, etwas aus einer sponta- nen Laune heraus zu versuchen, dann ist er immer da – man hat das Gefühl, er macht die Musik wirklich von Augenblick zu Augenblick. Es ist nichts festgelegt, sondern die Dinge geschehen spontan.“ 
Auch das Gewandhausorchester Leipzig schätzt der Pianist sehr. Im Jahre 2006 haben die Musiker gemeinsam zwei Klavierkonzerte von Johannes Brahms eingespielt. Das Album war seinerzeit sehr erfolgreich und gewann mehrere Preise. Im März 2014 war Freire erneut zu Gast im Leipziger Gewandhaus; auf dem Programm stand diesmal das letzte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven, das fünfte Klavierkonzert in
Es-Dur, bekannt unter dem Namen „Emperor“. 

Diese Einspielung ist ein bewegendes Dokument einer langjährigen künstlerischen Partnerschaft – der Pianist, der Dirigent und das Orchester harmonieren bestens miteinander. Das macht diese CD einzigartig. Das Album enthält zudem die Klaviersonate in c-Moll Op. 111. Es ist die 32. und letzte Klaviersonate Beethovens; sie gilt als mystisches Opus, gewidmet den letzten Dingen - Diesseits und Jenseits, männliches und weibliches Prin- zip, irdisches Ringen und himmlische Gnade. Von all den Spekulationen um den Kern dieses Werkes offenbar unbeeindruckt, hat Freire sie im Fe- bruar diesen Jahres im Teldex Studio in Berlin eingespielt. Der Brasilianer, der im Oktober seinen 70. Geburtstag feierte, musiziert mit Leidenschaft. Allerdings scheint ihn die Live-Situation zu beflügeln, das Leipziger Konzert wirkt deutlich inspirierter. Das ist erfreulich, denn Freire will bis 2016 gemeinsam mit Chailly und dem Gewandhausorchester alle Klavier- konzerte Beethovens für Decca einspielen. Auf die Fortsetzung darf man also bereits gespannt sein. 

Sonntag, 29. Juni 2014

Mendelssohn: A Midsummer Night's Dream (Decca)

Einmal mehr hat das Leipziger Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy aufge- führt. Bei dem Label Decca sind nun Mitschnitte der Konzerte aus dem Juni 2013 erschienen. Und wer romantische Orchesterklänge schätzt, dem sei diese CD ernsthaft empfohlen. Das Programm beginnt mit der Weltersteinspielung der Ouvertüre zu Ruy Blas – das war ein Theaterstück von Victor Hugo; Mendelssohn schätzte es gar nicht, er hat dieses Auftragswerk wohl auch eher widerwillig geschrieben und nie publiziert. 
Bekannt ist hingegen seine Musik zu Shakespeares Komödie Ein Sommernachtstraum. Das sind fünf stimmungsvolle Stücke, inklusive Waldesrauschen, Feenzauber, Übermut und Kapriolen. Das Gewand- hausorchester bezaubert mit seinem farbigen Klang und einer Transparenz, die beispielsweise die Holzbläser hinreißend zur Geltung kommen lässt. Mendelssohns berühmte Schauspielmusik wird ergänzt durch seine zwei ersten Klavierkonzerte. Hier ist als Solist Saleem Ashkar zu hören. Der Pianist musiziert einfühlsam, doch auch hin- reichend brillant und stets im Dialog mit dem Orchester. Schade nur, dass Chaillys Tage in Leipzig gezählt sind; er wechselt 2017 als Musikdirektors an das Teatro alla Scala in Mailand. 

Dienstag, 8. April 2014

Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach: Passion (Rondeau)

Die CD-Reihe „Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach“ mit dem Leipziger Thomanerchor ist nun komplett: Kürzlich erschien bei dem Leipziger Label Rondeau CD Nummer 4 mit den Kantaten BWV 22, 23 und 182 zur Passionszeit. Die drei Kantaten sind Bestandteil des ersten Kantatenjahrganges, mit dem sich Bach 1723 den Leipzigern präsentierte. Seinen Dienst als Thomaskantor trat er eigentlich erst im Mai an; mit den Kantaten Jesus nahm zu sich die Zwölfe BWV 22 und Du wahrer Gott und Davids Sohn BWV 23 legte Bach am 7. Februar 1723, dem Sonntag Estomihi, seine Kantoratsprobe vor dem Rat der Stadt ab. Die Texte der Kantaten berichten davon, wie Jesus seinen Jüngern ankündigt, dass er nach Jerusalem gehen wird, sowie von der Heilung des Blinden. Die Kantate Himmelskönig, sei willkommen BWV 182 ist bereits 1714 in Weimar für den Palm- sonntag entstanden; in Leipzig erklang sie zu Mariae Verkündigung am 25. März. 
Die eigentliche Passionszeit hingegen war in Leipzig, wie auch die Adventszeit, tempum clausum – eine Zeit, die der stillen Einkehr und der Besinnung dienen sollte. Und deshalb erklang in diesen Wochen auch in den Kirchen keine Figuralmusik. Der Kantor hatte „kantaten- frei“, was natürlich Auswirkungen auf sein Werk hatte. Thomaskantor Georg Christoph Biller bewältigt dieses Dilemma dadurch, dass er den Kantaten jeweils einen Hymnus aus dem Florilegium selectissimorum Hymnorum voran- und so den Passionsbezug herstellt. Damit führt Biller zugleich eine jahrhundertealte Tradition fort. 
Denn diese Motettensammlung, die aus dem Schulgesang an der Landesschule Pforta bei Naumburg entstanden ist, wurde durch die Thomaner gern und viel genutzt. Das Florilegium Portense war zu Bachs Zeiten an protestantischen Schulen in Nord- und Mittel- deutschland weit verbreitet. Es erschien in mehreren Ausgaben; die hier verwendete stammt aus dem Jahre 1594 und basiert auf den Hymnen des Komponisten Sethus Calvisius (1556 bis 1615). Dieser wirkte von 1582 bis 1594 als Kantor in Schulpforta, und wurde dann als Thomaskantor nach Leipzig berufen. 
Die CD setzt auch ansonsten fort, was mit ihren Vorgängern begonnen wurde. So besetzt Thomaskantor Biller erneut die Sopran- und Alt-Soli der Kantaten mit Knabenstimmen. Zu hören sind die Thomaner Paul Bernewitz, Stefan Kahle und Jakob Wetzig. Bei den Solisten- partien in Tenor und Bass sind mit Patrick Grahl, Tobias Hunger, Gotthold Schwarz und Matthias Weichert ehemalige Mitglieder sächsischer Knabenchöre zu hören, die aber dem Jugendalter mittlerweile entwachsen sind. Die Thomaner singen hörenswert; und es musiziert einmal mehr das Gewandhausorchester Leipzig. Wer mit einer soliden, aber nicht übermäßig inspirierten Aufnahme zufrieden ist und den Klang der Thomaner schätzt, der kann sich die CD guten Gewissens zulegen. Es ist ein wirklich nettes Leipzig-Souvenir; musi- kalisch interessanter sind aber andere Aufnahmen – und Raritäten sind Bach-Kantaten-Einspielungen ja keineswegs. 

Donnerstag, 27. März 2014

PicCollage (Talanton)

Die Piccoloflöte ist die Leiden- schaft der Leipziger Musikerin Gudrun Hinze. Sie hat gemeinsam mit Kollegen, die zumeist dem MDR Sinfonieorchester und dem Gewandhausorchester Leipzig angehören, eine CD eingespielt, um diese Passion weiterzugeben. „Feuerzauber, Hexentanz und ländliche Gewitter haben seit vielen Jahrhunderten Komponi- sten bei der Instrumentation ihrer Orchesterwerke zum Piccolo greifen lassen. Neben den funkensprühenden Eigenschaften meines kleinen Instrumentes gibt es aber auch noch die nahe Verwandtschaft zur irischen Penny Whistle mit ihrem schwebenden und romantischen Klang, die feingliedrige virtuose Klarheit und den spitzbübischen Witz, die in der Seele des Piccolos schlummern“, schwärmt Hinze im Beiheft zu dieser CD. In der Musik, die die Flötistin ausgewählt hat, kommen all diese Facetten zur Geltung. Musiziert wird zudem wunderbar. Meine Empfehlung - diese CD  ist wirklich hinreißend! 

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach - Thomanerchor Leipzig (Rondeau)

Rechtzeitig vor dem Fest sind bei Rondeau mit den CD 1 und 3 zwei weitere Folgen der Reihe Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach erschienen. Der Thomaner- chor singt Kantaten zum Advent und zu Epiphanias - BWV 61, 62 und 36 bzw. 65, 3 und 72. 
Sie führen den Hörer von der Vor- freude und Erwartung der Geburt Christi bis zum Dreikönigstag, sowie den Wundern, die Jesus bei der Hochzeit zu Kana sowie mit der Heilung des Aussätzigen und des Gelähmten gewirkt hat. Thomaskantor Georg Christoph Biller behält den schönen Brauch bei, vor den Bach-Kantaten jeweils eine passende Motette aus dem Florilegium selectissimorum Hymnorum singen zu lassen. Dabei kommen die jugendlichen Stimmen auch schön zur Geltung. Die Bach-Kantaten hingegen fordern die Thomaner teilweise erheblich. 
Biller besetzt die Sopran- und Alt-Solopartien mit Chorknaben. Beim Tenor und beim Bass hingegen kommen erwachsene Solisten zum Einsatz. Zu hören sind hier Martin Petzold, Christoph Genz, Daniel Ochoa, Andreas Scheibner und Gotthold Schwarz. Es wird jedem klar sein, dass dies zu einer gewissen Unausgewogenheit führen muss. Die Thomaner Paul Bernewitz, Friedrich Praetorius, Conrad Zuber, Mar- tin Deckelmann und Stefan Kahle schlagen sich wacker, aber sowohl gesangstechnisch als auch in Sachen Gestaltung sind die Rezitative und Arien für die Knaben eine Herausforderung. 
Begleitet werden die Sänger zuverlässig vom Gewandhausorchester. Wer den Klang der Thomaner liebt, der sollte sich diese Jubiläums- edition zum 800. Jahrestag der Gründung des Ensembles schenken. Wer eine wirklich gute Aufnahme der Bach-Kantaten sucht, der sollte sich besser für eine andere entscheiden - die Auswahl ist ja sehr groß. 

Dienstag, 5. Juni 2012

Gershwin: Rhapsody in Blue (Decca)

"Io sento Gershwin vicino al genio di Stravinskij, per cultura timbri- ca, nell'orchestrazione, e per la continua ricerca di un mondo ritmico diverso", sagt Riccardo Chailly. "Con Stefano Bollani abbiamo cercato di recuperare questo rigore della forma, molto più di quanto non avvenga nelle consuetudini della tradizione esecutiva." 
Der Gewandhauskapellmeister wagt ein Experiment: Er lässt "sein" Orchester, normalerweise beschäf- tigt mit Brahms, Mahler oder Mendelssohn, gemeinsam mit den renommierten Jazzpianisten Stefano Bollani spielen. Auf dem Pro- gramm dieses Konzertes im Januar 2010 standen ausschließlich Werke von George Gershwin (1898 bis 1937). Chailly wählte dafür die Rhapsody in Blue, und zwar in der Jazzband-Version, orchestriert durch Ferde Grofé, Catfish Row, eine sinfonische Suite in fünf Teilen nach Gershwins Oper Porgy and Bess, das Klavierkonzert in F-Dur sowie den Ragtime Rialto Ripples, eines der frühen Werke des Kom- ponisten. 
Dabei balancieren die Musiker zwischen der strikten Orientierung an der Form und dem Überschwang der Freiheit, dem Pulsschlag des Blues und der Jazz-Improvisation. Das Orchester folgt dem Pianisten und dem Dirigenten hochprofessionell, mit Sinn für Nuancen, Klang- farben und obendrein mit einer gehörigen Portion Schwung und Spielfreude. Man glaubt es kaum, doch dieses Konzert hat in Leipzig stattgefunden.  Der Mitschnitt ist zudem technisch hervorragend gelungen - und so wird auch mancher Scherz am Rande hörbar. Diese CD ist grandios; mir fehlen die passenden Superlative. Unbedingt anhören! es lohnt sich. 

Mittwoch, 23. Mai 2012

Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach - Pfingsten (Rondeau)

Dies ist CD Nummer sieben aus einer Reihe von zehn Silber- scheiben, die bis März 2014 erscheinen und eine Auswahl aus dem Kantatenschaffen von Johann Sebastian Bach in der Ordnung des Kirchenjahres vorstellen werden. Zu hören sind der Thomanerchor Leipzig, der in diesem Jahr sein 800jähriges Bestehen feiert, und Musiker des Leipziger Gewand- hausorchesters unter Leitung von Thomaskantor Thomas Biller. 
Diese CD enthält die Pfingstkanta- ten Erschallet, ihr Lieder BWV 172, Wer mich liebet, der wird mein Wort halten BWV 74 und O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe BWV 34. Vorangestellt hat Biller diesen Kantaten erneut Hymnen aus der Sammlung Florilegium selectissimorum Hymnorum, zusammen- gestellt 1594 von Erhard Bodenschatz, wie dies zu Bachs Zeiten üblich war. 
Die Soli werden von Thomanern - in diesem Falle Sopran Conrad Zuber, Alt Robert Pohlers und Alt Martin Deckelmann - und ehema- ligen Thomanern gesungen, auf dieser CD sind dies die Tenöre Christoph Genz und Martin Petzold, sowie Matthias Weichert, Bass. Reinhard Decker, ebenfalls Bassist, begann seine musikalische Ausbildung im Dresdner Kreuzchor unter Kreuzkantor Rudolf Mauersberger. 
Zur musikalischen Qualität dieser Aufnahmen aus den Jahren 2007 und 2008 sei gesagt, dass sie sich mit den führenden Kantateneditio- nen auch nicht entfernt messen können. Man sollte diese Serie eher als eine Art klingendes Souvenir aus Leipzig sehen - und also solches wird sie ganz sicher auch ihre Käufer finden. 

Montag, 5. Dezember 2011

Bach: Kantaten; Thomanerchor Leipzig (Rondeau)

"Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach" lautet das Motto einer neuen CD-Reihe des Thoma- nerchores, die bei dem Leipziger Label Rondeau erscheint. Mittler- weile sind CD Nummer 10 mit den Kantaten BWV 19, 50, 79 und 80 zur Reformation und zum Michae- listag sowie CD Nummer 2 mit den Kantaten BWV 63, 110 und 190 zur Weihnacht erschienen.
Thomaskantor Georg Christoph Biller stellt den Kantaten jeweils einen Hymnus aus dem Florile- gium selectissimorum Hymnorum voran. Diese Motettensammlung entstand aus dem Schulgesang an der Landesschule Pforta bei Naumburg, und wurde von dem Kantor Erhard Bodenschatz (1576 bis 1636) herausgegeben. Das Florilegium Portense war zu Bachs Zeiten an protestantischen Schulen in Nord- und Mitteldeutschland weit verbreitet. Es erschien in mehreren Ausgaben; die hier genutzte stammt aus dem Jahre 1594 und basiert auf den Hymnen des Kompo- nisten Sethus Calvisius (1556 bis 1615). Dieser wirkte von 1582 bis 1594 als Kantor in Schulpforta, und wurde dann als Thomaskantor nach Leipzig berufen. 
Die Kombination aus den eher ruhigen, getragenen Hymnen, die schon Bach seinerzeit mit den Thomanern zu Beginn des Gottes- dienstes musiziert hat, und den Kantaten erweist sich als eine gute Idee, die diese CD ungemein bereichert und abrundet - nicht zuletzt weil sie das Flair jener Zeit transportiert, in der Bach seine Kantaten geschaffen hat. 
Die Thomaner singen erfreulich; das Gewandhausorchester Leipzig erweist sich einmal mehr als ein Spitzenorchester Europas. Für die Solistenpartien in Tenor und Bass wurden mit Christoph Genz, Martin Petzold, Matthias Weichert und Gotthold Schwarz ehemalige Thoma- ner gewonnen; die Sopransoli hingegen singen die Thomaner Fried- rich Praetorius, Conrad Zuber und Paul Bernewitz. Diese Knaben- soprane singen alle sauber, aber mit einer Technik, die einem schon beim Zuhören Halsschmerzen bereitet. Die eigentliche Entdeckung dieser CD ist Thomaner Stefan Kahle, der einen unglaublich guten Altus singt. Wenn es dem jungen Mann gelingt, sich diese Stimme zu erhalten, dann werden ihm die Bühnen dieser Welt offenstehen. Desto bedauerlicher erscheint es, dass sich im Chor offenbar derzeit weder ein Tenorist noch ein Bassist findet, der in der Lage wäre, ein solches Kantatensolo zu singen. 

Samstag, 19. November 2011

Bach: Weihnachtsoratorium (Rondeau)

Der Thomanerchor Leipzig singt Bachs Weihnachtsoratorium - und das gar nicht mal schlecht. Der Chor, der seit 1992 von Georg Christoph Biller geleitet wird, hat an Klang in jüngster Zeit gewaltig zugelegt. Besonders deutlich wird das, wenn man die vorliegende Aufnahme mit dem Mitschnitt aus dem Jahre 1998 vergleicht, der bei Philips erschienen ist (und über- haupt nicht begeistern konnte). 
Erfreulich ist auch, dass sämtliche Sopransoli hier durch die Thoma- ner Friedrich Praetorius und Paul Bernewitz übernommen werden konnten. Die Jungs singen klangschön und selbstbewusst - doch wie dünn das technische Fundament ist, auf dem sich die jungen Solisten bewegen, das wird beispielsweise im Herr, dein Mitleid-Duett deutlich hörbar. Für die anderen Soli wurden, Thomanertradition hin oder her, erwachsene Sänger engagiert. Zu hören sind Ingeborg Danz, Alt, die Tenore Martin Petzold als Evangelist und Christoph Genz, Arien sowie Panajotis Iconomou, Bassbariton. Zwar haben die Herren durchweg ihre ersten musikalischen Schritte als Mitglieder von Kna- benchören gemacht - Petzold und Genz waren wie Biller Thomaner, Iconomou war als Knabenalt einer der Solisten des Tölzer Knaben- chores. Doch würde man sich wünschen, dass bei der nächsten Aufnahme das komplette Solistenensemble mit Thomanern besetzt werden könnte. Das wäre unterm Strich ein weiterer Qualitätsgewinn - für den ganzen Chor. 
Erfreulich ist zudem die ausgeprägte rhetorische Zielrichtung, mit der hier musiziert wird. Es dominiert nicht das Gewandhausorchester, sondern der Gesang - und der legt Text aus, wie zu Bachs Zeiten üblich. Das macht die Aufnahme spannend. 

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Liszt: Orchesterwerke (EMI Classics)

Es ist erstaunlich - doch Franz Liszt (1811 bis 1886) hat lediglich 25 Werke geschaffen, in denen das Orchester eine maßgebliche Rolle spielt. 13 davon sind Tondich- tungen - Musik, die Ideen zum Gegenstand hat, Mythen oder andere literarische Vorlagen. Die meisten davon hat er in seiner Weimarer Zeit, in den Jahren zwischen 1843 und 1861, voll- endet. 
Doch auch Goethes Faust und Dantes Göttlicher Komödie wid- mete Liszt Sinfonien. Hinzu kommen zwei Klavierkonzerte und eine Reihe weiterer, keineswegs weniger gewichtiger Werke für Klavier und Orchester - darunter die Transkription von Schuberts Wanderer-Fantasie, die Grande Fantaisie symphonique sur des thèmes de Lélio de Berlioz oder der berühmte Totentanz
Zum Liszt-Jubiläum legt EMI Classics nun eine legendäre Aufnahme all dieser Werke wieder vor: Die erste deutsche Gesamtaufnahme, eingespielt vom Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur Anfang der 80er Jahre in Leipzig. Die Klavierparts übernahm seiner- zeit Michel Béroff. Und man muss sagen, dass diese Edition noch immer Maßstäbe setzt, die alle Nachfolger erst einmal erreichen müssen. 

Samstag, 4. Dezember 2010

Bach: Weihnachtsoratorium - Chailly (Decca)

Bachs Weihnachtsoratorium in einem Mitschnitt vom Januar 2009 - aufgezeichnet wurde das sogenannte Große Concert des Gewandhausorchesters Leipzig, und dass ausgerechnet Bach dort gespielt wurde, das ist eine Sensation. Denn das gewaltige Werk erklang in der Messestadt erstmals 1634/35 - wie vom Komponisten vorgesehen, jeweils eine Kantate in sechs Gottes- diensten vom ersten Weihnachts- feiertag bis zum Epiphaniasfest, bekannter wohl als Dreikönigstag.
Ob es zu Bachs Lebzeiten noch einmal aufgeführt worden ist, das ist nicht sicher festzustellen. Nach dem Tode des Komponisten erbte Carl Philipp Emanuel Bach Partitur und Originalstimmen. Einzelne Teile führte Johann Theodor Mosewius in den 1840er Jahren mit der Breslauer Singakademie auf. Am 17. Dezember 1857 erklang das Weihnachtsoratorium zum ersten Male wieder "komplett" - allerdings aus Rücksicht auf die Sänger um einen Halbton tiefer, und aus Rück- sicht auf das Publikum drastisch gekürzt - im Konzerthaus der Sing-Akademie zu Berlin. Geleitet hat diese denkwürdige Aufführung, die die Wiederentdeckung des Werkes einleitete, Eduard Grell. War es zunächst weniger bekannt als Bachs Passionen, so erlebte das Weihnachtsoratorium im Zuge der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung sowie der Debatten um die historisch korrekte Aufführungspraxis eine Renaissance. Aus dem Gottesdienst allerdings ist das "WO" weitgehend verschwunden; sein Platz ist heute üblicher- weise in der Adventsmusik, wo es auf zwei Abende aufgeteilt Kantor und Kirchenchor zum Schwitzen und den Profis ein Zubrot bringt, und für volle Kirchen sorgt.
Wenn Riccardo Chailly Bachs großartigem Werk einen Platz im Großen Concert einräumt, dann ist er nach Carl Reineke, der 1861 einige Ausschnitte im Gewandhaus dirigierte, der erste Gewandhaus- kapellmeister, der das Weihnachtsoratorium in Leipzigs traditions- reichen Konzertsaal holt. Und er macht es konsequent zu einem Konzertstück - mit kammermusikalischem Zugriff, teilweise atem- beraubenden Tempi, sauber gesetzten Akzenten. In den Mittelpunkt des Weihnachtsgeschehens stellt Chailly nicht etwa die Erzählung des Evangelisten, sondern vielmehr die Arien der Altistin, die er offenbar als Stimme Mariens deutet. Dabei gelingen ihm Momente von berückender Intimität.
Mit welcher Zartheit er etwa die Sinfonia dahintupft, das ist grandios. Sie wirkt wie ein Echo aus der Himmelskantorei, eher nicht wie gemeinsames Musizieren von Menschen und Engeln. Die Oboen klingen hier nicht wie bäuerliche Instrumente, grob und laut, sondern süß und schmeichelnd. Und auch der Chor ist eine Wucht - der Dresd- ner Kammerchor, gegründet 1985 von Hans-Christoph Rademann, einstudiert von seinem ersten Dirigenten Jörg Genslein, folgt Chaillys Dirigat, als könnte er Gedanken lesen. 
Als Solisten sind auf dieser CD zu hören Carolyn Sampson, Sopran, Wiebke Lehmkuhl, Alt, Martin Lattke, Tenor - als sehr achtbarer Evangelist - und Wolfram Lattke, Tenor, mit einer preisverdächtigen Version der Arie Frohe Hirten, ach eilet, sowie Konstantin Wolff, Bass - naja, eigentlich ja wohl mehr Bariton. 
Chailly kennt und liebt "seinen" Bach. Und es gelingt ihm, einen ganz eigenen Zugang zu dieser Musik zu finden, was - zumal in Leipzig - nicht ganz einfach sein dürfte. Aber diese Version mit ihrem Esprit und ihrer tänzerischen Leichtigkeit, mit ihrer Balance zwischen den innigen und den dramatischen Momenten mag man immer wieder hören. Bravi!

 

Samstag, 3. April 2010

Bach: Matthäus-Passion; Mauersberger (Berlin Classics)

Bei Wieder-Anhören dieser Auf- nahme ist man zunächst erstaunt: Was, so langsam haben die Gebrüder Mauersberger seinerzeit die Matthäus-Passion dirigiert? Das Instrumentalvorspiel jedenfalls schleppt sich dahin. Doch dann setzt der Chor ein, und plötzlich stimmen die Relationen. Denn die Eindringlichkeit und die Glaubens- wucht dieser Aufnahme verträgt sich nicht mit dem Eilzugtempo und jener beschwingten Phrasie- rung, wie sie derzeit, "historisch informiert", noch der Kantor im letzten Dorf anstrebt.
Wenn Peter Schreier hier das Evangelium vorträgt, dann ist das nicht nur Gesangskunst, sondern darüber hinaus unüberhörbar auch ein Bekenntnis des christlichen Glaubens - was von den DDR-Funktionä- ren scharf bekämpft wurde. In diesem Kontext wird Bachs Matthäus- Passion von  einer Musikaufzeichnung zum künstlerischen Vermächt- nis.
Denn diese Aufnahme entstand 1970 - in einer Zeit, in der Rudolf Mauersberger um den Fortbestand "seiner" Kruzianer fürchten und ringen musste. Jahre beständiger Schikane und kleinlicher Macht- kämpfe lagen hinter ihm, und die Verhältnisse wurden nicht besser. Man stelle sich vor, dass der Kreuzkantor im Alter von 82 Jahren am 6. Februar 1971 noch sein "Dresdner Requiem" eigenhändig dirigierte, um die Übergabe der Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger gesichert zu wissen - am 22. Februar 1971 ist er gestorben.
In einer solchen Umgebung und unter solchen Bedingungen wiegen das Herzblut und die Inbrunst, mit der hier musiziert wird, doppelt. Diese CD belegt: Rudolf Mauersberger und sein jüngerer Bruder Erhard, der 1961 Thomaskantor wurde, konnten zudem die beiden traditionsreichen sächsischen Knabenchöre in diesem schwierigen Umfeld auf hohem sanglichen Niveau halten. Obwohl die Aufnahme in der Lukaskirche Dresden entstand, musiziert das Gewandhaus- orchester Leipzig mit seinen erstklassigen Solisten. Und die Continuo-Orgeln spielen Thomasorganist Hannes Kästner und Kreuzorganist Herbert Collum.
Als besondere Stärke dieser Einspielung erweisen sich die überwie- gend exzellenten Gesangssolisten, mit denen selbst die kleinsten Partien besetzt sind. Neben dem Evangelisten Peter Schreier sind beispielsweise Theo Adam als Jesus, Siegfried Vogel als Petrus, Johannes Künzel als Judas und Hermann Christian Polster als Pontius Pilatus zu hören. Wer könnte Adele Stolte "Blute nur, du liebes Herz" klagen hören, oder Annelies Burmeisters ergreifende "Erbarme dich"- Arie, ohne Ostern zu erfassen? Die Tenor-Arien singt Hans-Joachim Rotzsch; er wurde übrigens Mauersbergers Nachfolger als Thomas- kantor, und sein Rücktritt 1991 ist dem Chor leider nicht gut bekommen. 
Obwohl ganz im Sinne der DDR-"Erbe-Pflege", also nicht-"historisch authentisch" und mit modernen Instrumenten eingespielt, und obwohl letztendlich nicht jeder Ton perfekt sitzt, gehört dieses Dokument für mich zu den Referenzaufnahmen von Bachs "großer Passion". Die Aufnahme gibt Zeugnis von jener großartigen mitteldeutschen Musiktradition, die vorreformatorischer Zeit entspringt, die Uniformen, Stiefel und Gleichschritt überlebt hat - und hoffentlich auch unser vollelektronisches Zeitalter überdauern wird.

Dienstag, 23. März 2010

Bach: Matthäus-Passion; Chailly (Decca)

Auch wenn die Leipziger zu Bachs Lebzeiten wenig mit dem Werk anfangen konnten - wer heute im Musikleben der mitteldeutschen Messestadt zu den führenden Köpfen zählt, der kommt um die Matthäus-Passion nicht herum. Bachs monumentale Passions- musik aber ist mittlerweile in derart vielen Varianten auf CD erhältlich, dass es schwierig erscheint, noch eine weitere Einspielung auf den Markt zu bringen. 
Als Referenzaufnahme gilt zumal die Aufnahme von 1970 mit dem Thomanerchor und den Kruzianern sowie dem Gewandhausorchester Leipzig unter den Gebrüdern Mauersberger, mit solchen Solisten wie Peter Schreier oder Theo Adam. Gewandhaus-Kapellmeister Riccardo Chailly hat das Werk dennoch mit seinen Musikern im vergangenen Jahr für das Label Decca erneut eingespielt. Das ist, wie schon gesagt, mutig - doch das Ergebnis vermag zu überzeugen; ich halte diese Aufnahme insgesamt für gelungen. 
Das Gewandhausorchester musiziert auf modernen Instrumenten, und in gar nicht so kleiner Besetzung. Chailly entschied sich für eine Interpretation, die sich einerseits streng an barocken Traditionen orientiert: Die Musik wird zum Medium im Dienste des Wortes, sie transportiert den Text und legt ihn zugleich aus. Andererseits erinnert Chailly hier und dort durchaus auch an die romantische Wiederentdeckung des Werkes - musiziert wird mit Leidenschaft, ab und zu auch einem Schnörkelchen und ausgesprochen häufigen Abweichungen vom Grundtempo. 
Die Tempi sind durchgängig flott gewählt; ob das sein muss, darüber ließe sich trefflich streiten. Allein in diesem Falle funktioniert dieses Konzept erstaunlich gut. Schon der Eingangschor zieht den Zuhörer mitten hinein in ein Geschehen, das wie ein Strudel alles in eine Richtung zwingt, und kein Entrinnen zulässt - bis schließlich der Schlusschor erklingt, alles vorbei ist, und auch die Gemeinde "mit Tränen" vor dem Grab Christi sitzt, wo sie der Auferstehung harrt. 
Die Solistenriege ist fast durchweg sehr jung und solide, aber nicht überragend besetzt. Bach war seinerzeit noch in der Lage, die Matthäus-Passion ausschließlich mit seinen Thomanern aufzuführen. Chailly nahm, und das ist eine kluge Entscheidung, den Tölzer Knabenchor hinzu. Die beiden Knabenchöre unterscheiden sich im Klang deutlich. Zwar verfügen die Thomaner in den Männerstimmen über ein profundes Fundament. Aber darüber schwebt ein Klang, den man - positiv formuliert - "ätherisch" nennen könnte. Die Gäste singen ebenfalls perfekt; aber sie klingen frischer, obertonreicher, und insgesamt deutlich runder. So wird die Doppelchörigkeit zum Erlebnis.