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Samstag, 13. August 2011

Schumann: Works for Fortepiano; Vermeulen (Accent)

Robert Schumann, wie man ihn noch nie gehört hat: Jan Vermeu- len, ein ausgewiesener Hammer- klavier-Experte, versucht auf dieser CD, dem originalen Klang bekannter Klavierstücke wie Waldszenen op. 82, Kinderszenen op. 15, Papillons op. 2, Arabeske op. 18 und Blumenstück op. 19, Etudes Symphoniques op. 13 und Album für die Jugend op. 68 mög- lichst nahe zu kommen. 
Dazu spielt er einen Flügel aus der Werkstatt von Johann Nepomuk Tröndlin (1790-1862), einem Leipzi- ger Klavierbauer, der Instrumente in Wiener Tradition fertigte - auch Schumann wird sie wohl gekannt haben. "Der Klang des Instruments vereint ein warmes und singendes Mittelregister, sonore runde Basstöne und ein klares Diskantregister, das diesem Instrument einen längeren Nachklang verleiht als ihn die oft zierlicheren Wiener Instrumente aufweisen", so der Pianist.
Als die größte Überraschung aber erweist sich seine Tempowahl: Vermeulen hat sich bei dieser Aufnahme bemüht, Schumanns Metro- nomvorgaben strikt Folge zu leisten. Der Briefwechsel des Komponi- sten zeigt, dass ihm das korrekte Tempo eigentlich ziemlich wichtig war. Dennoch ist es erstaunlich, wie wenig sich die Pianisten heute darum scheren. Wie extrem doch viele Musiker von seinen Tempo- vorgaben abweichen, und welchen Effekt das hat, das kann man beim Anhören dieser CD deutlich erkennen.
So wird die Träumerei üblicherweise viel zu langsam gespielt, was ihr einen grüblerischen Charakter gibt, der so offenbar nie beabsichtigt war. Wer die Arabeske zu langsam angeht, der macht sie zu einem rührseligen Biedermeierstück. Dafür werden etliche Stücke aus den Papillons oftmals zu rasch gespielt, was sie von Charakterstücken zu virtuosen Etüden werden lässt. "Es hat mich Zeit und Mühe gekostet, Automatismen und bedenkliche Traditionen abzulegen", berichtet der Musiker in dem informativen Beiheft, "und doch bin ich über- zeugt, dass mich diese Anstrengungen Schumanns Intentionen näher gebracht haben. Der Hörer möge das selbst beurteilen, und wie auch mir wird es ihm manchmal schwerfallen, Schumanns zuweilen überraschende Tempi zu verstehen und zu akzeptieren." Mitunter hat man beim Anhören den Eindruck, dass Vermeulen einen lang verlore- nen Schlüssel wiedergefunden hat, der vergessene Klangräume öffnet. 
Diese CD ist ohne Zweifel der wichtigste Nachtrag zum Schu- mann-Jubiläumsjahr 2010.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Robert Schumann: Klaviermusik für die Jugend (Genuin)

Diese CD beginnt mit einer Lesung aus Schumanns Musikalischen Haus- und Lebensregeln - vorge- tragen mit einem ebenso bemüh- ten wie scheußlichen "sächsischen" Akzent von Bernhard Biller. Ist dieser Prolog überstanden, folgt das Album für die Jugend op. 68, erstmals veröffentlicht 1848. 
"Papa hatte zu Mariens Geburtstag ein ganzes Heft Kinderstückchen beschert, die ihm selbst die größte Freude gemacht", notierte der Komponist im Erinnerungs- büchelchen für unsere Kinder, nachdem er seiner ältesten Tochter - Vaters Liebling - zu ihrem siebenten Geburtstag ein kleines Heftchen mit Klavierstücken geschenkt hatte. Dieses Geburtstagsalbum für Marie wurde zum Ausgangspunkt für die weit umfangreichere Sammlung, die Clara Schumann wenig später als "Weihnachtsalbum" für kleine und große Kinder bezeichnet. 
Tobias Koch spielt die 43 Clavierstücke für die Jugend auf einem Flügel von Johann Baptist Streicher, Wien, aus dem Jahre 1847. Dieses Instrument beeindruckt durch einen schlanken, hellen, klaren Klang - was diesen Miniaturen ein gänzlich ungewohntes Spektrum an Klangfarben verleiht. Auf CD zwei erklingen neben den Drei Clavier-Sonaten für die Jugend op. 118, die Schumann jeweils einer seiner Töchter widmete, die nicht in die Erstausgabe aufgenommenen Stücke als Supplement zu op. 68 - darunter auch zwei entzückende kleine Vokalsätze, die hier erstmals eingespielt werden, gesungen vom Kinderchor der Freien Grundschule "Clara Schumann" Leipzig. Darauf folgt das Geburtstagsalbum für Marie, so wie es im Bonner Beethoven-Haus einzusehen ist, inklusive einer Reihe von Klavier- bearbeitungen berühmter Werke großer Meister, als Kleiner Lehr- gang durch die Musikgeschichte - beides ebenfalls als Ersteinspie- lung. Hier erklingt ein Flügel von Ignace Pleyel & Cie, Paris, 1844 - er tönt etwas runder als der Streicher, nicht so silbrig, insgesamt etwas dunkler. Das Geburtstagsalbum gibt den Hörer eine Gelegenheit, beide Instrumente zu vergleichen.
Die CD endet mit Andante und Variationen für zwei Pianoforte
op. 46, das Tobias Koch gemeinsam mit Sara Koch spielt. Hier sind beide Flügel zu hören - mit einem ganz erstaunlichen Effekt: Die beiden klanglich doch so verschiedenen Instrumente harmonieren wunderbar miteinander. Dieses Werk ist zweifelsohne der Höhepunkt dieser Doppel-CD; auch die kleinen Sonaten scheinen Koch besser zu liegen als die Miniaturen. Die größere Form gibt dem Pianisten offenbar mehr Raum und ermöglicht größere Spannungsbögen; ich habe den Eindruck, dass er generell Spaß am energischen, schwung- vollen Musizieren hat.