Martin Stadtfeld spielt Musik von Robert Schumann – und zwar die Kinderszenen op. 15 sowie das Klavierkonzert op. 54, das bekann- teste und beliebteste romantische Klavierkonzert überhaupt. Dass er dabei eine eigene Lesart sucht, wird schon bei den Kinderszenen erkennbar. Stadtfeld liest sie nicht als biedermeierliches Idyll; er sucht vielmehr nach den Brüchen und jähen Umschwüngen. Ihm ist aufgefallen, dass „sehr häufig der äußerlich virtuose Charakter von Schumanns Musik hervorgekehrt wird und die poetischen Seiten darüber vergessen werden.“ Seine Musikästhetik, so der Pianist, sei aber „auf die Innigkeit angelegt.“
In der Auseinandersetzung mit Schumanns Klaviermusik ist Stadtfeld aufgefallen, dass es „sehr oft eine Art Subtext (gibt), der etwas Choral- artiges hat. Da kann noch so viel Gestrüpp von Noten drumherum wuchern, irgendwo schimmert immer eine Choral-Linie durch.“ Dieser Erkenntnis will Stadtfeld mit seiner Interpretation Rechnung tragen. So arbeitet er das musikalische Gefüge sorgfältig heraus, und dazu wählt er oftmals ungewöhnliche Tempi. Die Träumerei beispielsweise serviert er ganz ohne Puderzucker. Allerdings vermisst man über diesem stark analytisch geprägten Zugang ein wenig die Romantik, die ja doch mehr auf das Gefühl aus war als auf Struktur und Verstand. Insofern geht Stadtfeld für mein Empfinden mit seiner Nüchternheit am Kern dieser Stücke vorbei.
Auch beim Klavierkonzert gestaltet er sorgsam, mitunter geradezu kammermusikalisch. Stadtfeld musiziert hier gemeinsam mit dem Hallé Orchestra unter Leitung von Sir Mark Elder. Die Musiker haben Schu- manns Werk offenbar gründlich studiert, und überraschen durch viele Details, die man bisher so nicht im Ohr hatte. Das ist sehr spannend. Das Orchester sorgt zudem dafür, dass diese Schumann-CD nicht so leiden- schaftslos endet, wie sie begonnen hat.
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Sonntag, 15. März 2015
Samstag, 13. August 2011
Schumann: Works for Fortepiano; Vermeulen (Accent)
Robert Schumann, wie man ihn noch nie gehört hat: Jan Vermeu- len, ein ausgewiesener Hammer- klavier-Experte, versucht auf dieser CD, dem originalen Klang bekannter Klavierstücke wie Waldszenen op. 82, Kinderszenen op. 15, Papillons op. 2, Arabeske op. 18 und Blumenstück op. 19, Etudes Symphoniques op. 13 und Album für die Jugend op. 68 mög- lichst nahe zu kommen.
Dazu spielt er einen Flügel aus der Werkstatt von Johann Nepomuk Tröndlin (1790-1862), einem Leipzi- ger Klavierbauer, der Instrumente in Wiener Tradition fertigte - auch Schumann wird sie wohl gekannt haben. "Der Klang des Instruments vereint ein warmes und singendes Mittelregister, sonore runde Basstöne und ein klares Diskantregister, das diesem Instrument einen längeren Nachklang verleiht als ihn die oft zierlicheren Wiener Instrumente aufweisen", so der Pianist.
Als die größte Überraschung aber erweist sich seine Tempowahl: Vermeulen hat sich bei dieser Aufnahme bemüht, Schumanns Metro- nomvorgaben strikt Folge zu leisten. Der Briefwechsel des Komponi- sten zeigt, dass ihm das korrekte Tempo eigentlich ziemlich wichtig war. Dennoch ist es erstaunlich, wie wenig sich die Pianisten heute darum scheren. Wie extrem doch viele Musiker von seinen Tempo- vorgaben abweichen, und welchen Effekt das hat, das kann man beim Anhören dieser CD deutlich erkennen.
So wird die Träumerei üblicherweise viel zu langsam gespielt, was ihr einen grüblerischen Charakter gibt, der so offenbar nie beabsichtigt war. Wer die Arabeske zu langsam angeht, der macht sie zu einem rührseligen Biedermeierstück. Dafür werden etliche Stücke aus den Papillons oftmals zu rasch gespielt, was sie von Charakterstücken zu virtuosen Etüden werden lässt. "Es hat mich Zeit und Mühe gekostet, Automatismen und bedenkliche Traditionen abzulegen", berichtet der Musiker in dem informativen Beiheft, "und doch bin ich über- zeugt, dass mich diese Anstrengungen Schumanns Intentionen näher gebracht haben. Der Hörer möge das selbst beurteilen, und wie auch mir wird es ihm manchmal schwerfallen, Schumanns zuweilen überraschende Tempi zu verstehen und zu akzeptieren." Mitunter hat man beim Anhören den Eindruck, dass Vermeulen einen lang verlore- nen Schlüssel wiedergefunden hat, der vergessene Klangräume öffnet. Diese CD ist ohne Zweifel der wichtigste Nachtrag zum Schu- mann-Jubiläumsjahr 2010.
Als die größte Überraschung aber erweist sich seine Tempowahl: Vermeulen hat sich bei dieser Aufnahme bemüht, Schumanns Metro- nomvorgaben strikt Folge zu leisten. Der Briefwechsel des Komponi- sten zeigt, dass ihm das korrekte Tempo eigentlich ziemlich wichtig war. Dennoch ist es erstaunlich, wie wenig sich die Pianisten heute darum scheren. Wie extrem doch viele Musiker von seinen Tempo- vorgaben abweichen, und welchen Effekt das hat, das kann man beim Anhören dieser CD deutlich erkennen.
So wird die Träumerei üblicherweise viel zu langsam gespielt, was ihr einen grüblerischen Charakter gibt, der so offenbar nie beabsichtigt war. Wer die Arabeske zu langsam angeht, der macht sie zu einem rührseligen Biedermeierstück. Dafür werden etliche Stücke aus den Papillons oftmals zu rasch gespielt, was sie von Charakterstücken zu virtuosen Etüden werden lässt. "Es hat mich Zeit und Mühe gekostet, Automatismen und bedenkliche Traditionen abzulegen", berichtet der Musiker in dem informativen Beiheft, "und doch bin ich über- zeugt, dass mich diese Anstrengungen Schumanns Intentionen näher gebracht haben. Der Hörer möge das selbst beurteilen, und wie auch mir wird es ihm manchmal schwerfallen, Schumanns zuweilen überraschende Tempi zu verstehen und zu akzeptieren." Mitunter hat man beim Anhören den Eindruck, dass Vermeulen einen lang verlore- nen Schlüssel wiedergefunden hat, der vergessene Klangräume öffnet. Diese CD ist ohne Zweifel der wichtigste Nachtrag zum Schu- mann-Jubiläumsjahr 2010.
Sonntag, 29. August 2010
Schumann: Scenen - Matthias Kirschnereit (Berlin Classics)
"Es ist das Klavier, mit dem Robert Schumann die Bühne seines künst- lerischen Schaffens betritt und we- nige Tage vor seiner Einlieferung in die Nervenheilanstalt wieder verlässt", sagt der Pianist Matthias Kirschnereit. "Dabei spielt zeit- lebens das kurze, scharf umrissene Charakterstück eine dominierende Rolle." In diesen Miniaturen, die oft nur wenige Minuten dauern, fand der Komponist die Form, die ihm sowohl den Ausdruck der widerstrebenden Facetten seiner Persönlichkeit als auch seiner Eindrücke, Gefühle und Gemüts- zustände ermöglichte.
Die Beschäftigung mit Schumanns Gedanken, Ideen und Visionen sieht Kirschnereit als eine "Seelenreise", als Abenteuer: "Und es ist bewegend, nachzuempfinden, wie sich der Enthusiasmus, das jugendliche Ich-Gefühl, das Verliebtsein, die schroffen Extreme, die strahlenden Kreuz-Tonarten des frühen Schumann im Verlaufe seines Schaffens mehr und mehr abmildern, nach innen kehren - bis hin zu den erschütternden 'Geistervariationen'."
Damit ist auch das Konzept der vorliegenden CD beschrieben: Kirschnereit beginnt mit den Papillons op. 2, entstanden bis Anfang 1832, ergänzt dann die Kinderscenen op. 15. "Und daß ich es nicht vergeße, was ich noch componirt", schrieb Schumann 1838 an seine Verlobte Clara Wieck: "War es wie ein Nachklang von Deinen Worten einmal wo Du mir schriebst 'ich käme Dir auch manchmal wie ein Kind vor' - Kurz, es war mir ordentlich wie im Flügelkleid und hab da an die 30 kleine putzige Dinger geschrieben, von denen ich ihrer zwölf ausgelesen und 'Kinderscenen' genannt habe. Du wirst Dich daran erfreuen, mußt Dich aber freilich als Virtuosin vergeßen".
Nach den 18 "kleinen putzigen Dingern", die nicht Aufnahme in die Kinderszenen fanden, suchen Musikwissenschaftler noch heute - und manchmal haben sie offenbar sogar Glück. So fand die Bibliothekarin Roswitha Lambertz in Überlingen 2006 bei der Erfassung eines Nachlasses 24 Takte von Robert Schumann - "Herrn Julius Allgeyer mit dem Wunsche, daß immer sanfte Töne Ihn begleiten mögen", so die Widmung Clara Schumanns, die das Blatt 1856 verschenkt hatte. Das Stück Ahnung erklingt hier als Ersteinspielung.
Es ist erstaunlich, wie oft Werke von Robert Schumann Literatur reflektieren. Beschäftigten ihn in seinen Jugendjahren die Bücher von Jean Paul und E.T.A. Hoffmann, so war es das Jagdbrevier von Hein- rich Laube, dass den Komponisten 1849/50 inspirierte, eine Folge von neun Klavierstücken zu schreiben, die er Waldscenen op. 82 nannte. Sie sind ähnlich dunkel und geheimnisvoll wie der Wald - der hier nicht nur als romantischer Rückzugssort gezeigt wird, sondern zugleich auch als unheimliche Gegenwelt, in der eine latente Bedrohung lauert. Eines dieser Stücke, Vogel als Prophet, empfand der Schriftsteller Hermann Hesse als "hold und geheimnisvoll". Er gehört offenkundig auch zu den Lieblingsstücken Kirschnereits; während die Jugendwerke eher beliebig wirken, gelingt dem Pianisten hier eine grandiose Interpretation.
Folgt man dem Lebensweg Schumanns weiter, muss man bald erkennen, was der Vogel angekündigt hat: Thema und Variationen in Es Dur, die sogenannten Geistervariationen, sind Schumanns letztes vollendetes Werk. Er notierte sie unter größten Qualen, von Stimmen gepeinigt; am 27. Februar 1854 fertigte er eine Reinschrift an - und lief mitten in der Arbeit davon, "nur im Rock, im schrecklichsten Regenwetter, ohne Stiefel, ohne Weste", so wird berichtet. Der Düsseldorfer Musikdirektor eilte zum Rhein, warf erst seinen Ehering hinein, und sprang dann selbst ins eisige Wasser. Wenige Tage später begab er sich in eine Nervenheilanstalt; dort starb er 1856.
Die Geistervariationen wurden erst 1939 veröffentlicht; seit 1995 steht eine Urtext-Ausgabe zur Verfügung. Kirschnereit beendet mit diesem seltsamen Werk sein musikalisches Porträt Schumanns. Seine luzide, reduzierte, analytisch angelegte Interpretation dieses selten zu hörenden Stückes ist für mich der Höhepunkt dieser CD. Unter all den Aufnahmen, die zu Schumann-Jubiläum erschienen sind, ist das mit Sicherheit die spannendste, originellste - und auch pianistisch-handwerklich gehört diese CD ohne Zweifel zu den besten Neuerscheinungen des Jahres. Bravo!
Mittwoch, 15. Juli 2009
Schumann: Kinderszenen - Norman Shetler (Berlin Classics)
"Schätze der Klassik", nennt das Label die Reihe, in der diese CD erschienen ist. Diese Einspielung aus dem Jahre 1977 erweist sich in der Tat als kleiner Brillant - wohlüberlegt geschliffen, facettenreich, und überaus wertbeständig. Liebevoll inszeniert Shetler die Kinderszenen; er spielt sie schlicht, ohne romantischen Puderzucker - wunderschön! Ergänzt wird diese hübsche kleine Sammlung durch das Blumenstück op. 19, die Drei Romanzen op. 28 und die Arabeske.
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