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Dienstag, 11. Juni 2013

Gilles: Requiem - Lamentations - Te Deum - Messe en ré - Motets (Ligia)

Jean Gilles (1668 bis 1705) begann seine Ausbildung im Chor von Sainte-Marthe in seiner Heimat- stadt. Dort lernte er aber nicht lange, denn schon 1678 sang er im Chor der Kathedrale Saint-Sauveur in Aix-en-Provence, wie folgende Notiz belegt: „il a été aussi proposé par led. Sr. Administrateur que Jean Gilles de la ville de Tarsacon, porte la robe rouge depuis plus d'un année estant instruit de la musique pour chanter so partie assurée (..)“. In Aix-en-Provence war Gilles Schüler von Guillaume Poitevin. Er wurde schließlich sein Nachfolger als Leiter der Chor- schule, aber er hatte dieses Amt nicht lange inne. Auch seine nächste Anstellung in Agde behielt er nur kurze Zeit, denn 1698 wurde er zum Kapellmeister der Kathedrale Saint-Etienne in Toulouse ernannt. Der Chor dort war der bedeutendste in ganz Südfrankreich, und schon Amtsvorgänger André Campra hatte die Gottesdienstbesucher durch seine üppige Kirchenmusik begeistert. Schon kurz nach seiner An- kunft in Toulouse sollte Gilles zeigen, dass er diese Kunst ebenfalls beherrschte, denn der Frieden von Rijswijk sollte gebührend gefeiert werden – und zwar mit einem prachtvollen Te Deum
Er schrieb nicht nur zu diesem Anlass grandiose Musik, wie hier zu hören ist. Trotz seines frühen Todes schuf der Kapellmeister mehr als ein Dutzend Grand Motets und einige kleinere Werke. Bekannt wurde Gilles allerdings in erster Linie durch sein Requiem. Es erklang zu den Beisetzungsfeierlichkeiten berühmter Persönlichkeiten, wie Jean-Philippe Rameau 1674, Stanislas Leczinski, König von Polen, im Jahre 1766 und Louis XV. im Jahre 1774. Zwischen 1750 und 1770 findet sich das Werk zudem fünfzehnmal auf dem Programm des renommier- ten Pariser Concert Spirituel. 
Jean-Marc Andrieu hat in den vergangenen Jahren wichtige Werke von Jean Gilles mit dem Orchestre Baroque de Montauban Les Passions sowie dem Choeur de chambre les éléments bei Ligia Digital eingespielt. Die Aufnahmen begeistern durch ihre Eleganz und ihre enorme Klangpracht. In dieser Drei-CD-Box werden sie nun zusam- mengefasst – meine Empfehlung! Denn diese Einspielungen dürften für längere Zeit die Referenz bleiben.

Samstag, 9. April 2011

Gilles: Lamentations (Ligia)

Wie klingt das Ergebnis, wenn ein Komponist italienische Vorbilder sorgfältig studiert - und dann doch ganz entschieden französischen Traditionen folgt? Diese CD mit den Lamentations sowie der Motette Diligam te Domine gibt auf diese Frage eine klangschöne Antwort.
Ihr Schöpfer Jean Gilles (1668 bis 1705) war ein Schüler von Guillau- me Poitevin (1646 bis 1706), und ab 1693 auch dessen Nachfolger als Leiter der Chorschule an der Kathedrale in Aix-en-Provence. Doch bereits im darauffolgenden Jahr ging er als Kapellmeister an die Kathedrale von Agde; später wirkte er in gleicher Funktion auch in Toulouse und Avignon. Sein bekanntestes Werk ist das Requiem; es erklang mehrfach bei den be- rühmten Concerts spirituels in Paris, sowie bei den Beisetzungs- feierlichkeiten von Louis XV., Stanislaus I. Leszczýnski - ehemaliger polnischer König und Vater der französischen Königin - und Jean-Philippe Rameau.
Gilles schuf jedoch auch eine Vielzahl von Motetten, Messen, ein Te Deum und zahlreiche weitere Sakralkompositionen. Die Lamentations - in denen die Zerstörung des Tempels in Jerusalem und das Exil beklagt wird; der Text wird dem Propheten Jeremias zugeschrieben - sind ein Bestandteil der katholischen Liturgie; sie erklingen in der Karwoche. Die Motette hingegen ist eine Vertonung von Psalm 17, die abwechselnd vom Chor und von den Solisten vorgetragen wird. Beide Werke sind so französisch wie die von Lully oder Charpentier - und von einer Eleganz, die bezaubert. 
Zu hören sind sie im beeindruckenden Live-Mitschnitt eines Konzer- tes in der Kathedrale Saint-Etienne in Toulouse aus dem Jahre 2009. Es singen Anne Magouet, Vincent Lièvre-Picard, Bruno Boterf und Alain Buet sowie der Choeur de chambre les éléments, und das Or- chestre Les Passions musiziert auf "historischen" Instrumenten. Die Leitung hat Jean-Marc Andrieu. 

Donnerstag, 31. März 2011

Claude Le Jeune: Dix Pseaumes de David (Ramée)

Claude Le Jeune (um 1530 bis 1600) schuf seine Zehn Psalmen Davids 1564, um das Ende des ersten Hugenottenkrieges zu feiern - eine Freude freilich, die nicht lange währte, denn die Gemetzel um die einzig wahre Religion endeten erste 1598 mit dem Edikt von Nantes, das den französischen Protestanten die Bürgerrechte gewährte, zugleich aber den Katholizismus zur Staatsreligion erklärte. 
Auch dieser durch Heinrich IV. angeordnete Religionsfrieden hatte langfristig keinen Bestand. Keine hundert Jahre später, 1685, hob Ludwig XIV. mit dem Edikt von Fontainebleau die rechtliche Gleich- stellung der calvinistischen Christen wieder auf. Hunderttausende flohen - in die Niederlande, die Schweiz, und nach Preußen, wo Friedrich der Große die Hugenotten gern aufnahm und den Eifer seiner eigenen Pastoren mit der legendären Bemerkung zu dämpfen suchte, in seinem Lande könne ein jeder nach seiner Facon selig werden. 
"Chante à Dieu chanson nouvelle, / Chantez, o terre universelle, / Chantez, & son nom benissez, / Et de jour en jour annoncez / Sa delivrance solennelle", beginnt Le Jeune seine Psalmvertonung mit dem Psalm 96. Auch die anderen Psalmen Davids, die er für dieses Werk ausgewählt hat, sind zum größten Teil Ausdruck des Gottver- trauens und des Dankes. Gesungen wird nicht auf Latein, sondern in französischer Sprache; die Texte entstammen dem 1562 erschienenen Hugenotten-Psalter aus der Feder von Théodore de Bèze. 
Musikalisch waren Le Jeunes Psalmvertonungen ebenso revolutionär - mitunter meint man, hier ein Werk Monteverdis zu hören. Doch der war 1564 noch gar nicht geboren. Ob der franko-flämische Komponist seine musikalische Ausbildung, ähnlich wie sein berühmter Lands- mann Orlando di Lasso (1532 bis 1594), zumindest teilweise in Italien erhalten hat, ist unbekannt. Mit Sicherheit aber waren ihm die Neue- rungen, die jenseits der Alpen damals für Furore sorgten, bestens vertraut, und er integrierte diese musikalischen Innovationen in seine eigenen Werke. Der französische Adel wusste das durchaus zu schätzen. Zu den Gönnern Le Jeunes gehörten der Herzog von Anjou - der Bruder Heinrichs III. -, Prinz Wilhelm von Oranien und Heinrich von Navarra, der spätere König Heinrich IV., der Le Jeune 1595 zum Maitre compositeur ordinaire de la Musique de la Chambre ernann- te. 
Das Ensemble Ludus Modalis um Bruno Boterf, unterstützt von Yannick Varlet am Cembalo bzw. der Continuo-Orgel, hat die Dix Pseaumes de David für das Label Ramée eingespielt. Dass hier prächtig gesungen wird, steht außer Frage: Einmal mehr ist es dem Engagement von Rainer Arndt zu danken, dass ein wichtiges Werk europäischer Musikgeschichte nun in einer mustergültigen Aufnahme verfügbar ist.