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Sonntag, 12. Juli 2020

Mozart: Requiem (Gramola)

Das berühmte Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart – ganz ohne Pauken und Trompeten, ohne Posaunen und Bassetthörner, ohne Chöre und ohne Solo-Gesang. Geht das? Es geht, wie das Pandolfis Consort mit dieser Aufnahme beweist. 
Das Streichquartett setzt dabei auf ein Arrangement von Peter Lichtenthal (1778 bis 1853). Der österreichische Arzt und Musikfreund hatte 1810 seinen Wohnsitz von Wien nach Mailand verlegt. Er wollte Mozarts Musik in Italien bekannt machen, und bearbeitete daher einige Werke des Hochverehrten für eine kleine Besetzung. 
Das war seinerzeit absolut gebräuchlich; mitunter brachten sogar die Komponisten selbst kurz nach der Erstaufführung die „Hits“ aus Oper und Konzertsaal in eine reduzierte Form, die sich zum häuslichen Musizieren eignete. Musikverleger waren gern bereit, solche Noten zu drucken, denn sie waren sehr gefragt. Kein Wunder – auch wenn man sich das heute, im Streaming-Zeitalter, kaum noch vorstellen kann, aber noch vor gut hundert Jahren musste man Musik selber machen, wenn man welche hören wollte. 
Mozarts Requiem, in der von seinem Schüler Franz Xaver Süßmayr komplettierten Version, „übersetzte“ Lichtenthal ziemlich genau für die reduzierte Besetzung. Lichtenthal ist das Kunststück oftmals kongenial gelungen, mit nur vier Instrumenten alle wesentlichen Details der Vorlage hörbar zu machen. Das Pandolfis Consort zeigt, mit welch erstaunlichem Sinn für Klangeffekte er die Streicher dabei eingesetzt hat. Eine hochinteressante CD, und exzellent musiziert wird obendrein. Bravi!  

Mittwoch, 19. Juni 2019

Neukomm: Missa Solemnis (Accent)

Sigismund Ritter von Neukomm (1778 bis 1858) hat eine beein- druckende Lebensgeschichte, die in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich nachzulesen ist. In seinen 80 Lebensjahren hat Neukomm nicht nur über 1300 Kompositionen geschaffen. Er war zudem in vielen Ländern tätig; seine Reisen führten ihn durch ganz Europa, bis nach St. Petersburg, dazu nach Afrika, und von 1816 bis 1821 wirkte er sogar in Rio de Janeiro, Brasilien. 
Dort wurde 1818 wurde der Prinzregent João VI. zum König von Portugal, Brasilien und der Algarve ausgerufen – und Neukomm schrieb eine Missa Solemnis für diese Zeremonie. Der Kronprinz war 1807, auf dem Höhepunkt der Napoleonischen Kriege, aus Lissabon nach Rio de Janeiro geflohen. 1821 aber musste er aufgrund von Unruhen aus Brasilien zurück nach Portugal flüchten; sie führten wenig später zur Unabhängigkeit den südamerikanischen Landes. Neukomm hatte dies ebenfalls erkannt und Brasilien bereits zehn Tage vor dem König verlassen. 
Musikalisch war die Zeit in Südamerika für Neukomm sehr spannend. So sammelte er Volkslieder, sogenannte Modinhas, und integrierte brasilianische Motive in seine Kompositionen. Davon freilich ist in der Messe noch nichts zu spüren; sie klingt nach Wien. Und auch wenn Neukomm ein Schüler Haydns war und Mozart sehr verehrte, so findet er doch zu einer sehr eigenen Klangsprache. 
Das Werk wird von einem erstklassigen Solistenquartett, vom Chœur de Chambre de Namur sowie dem phantastischen Kammerorchester La Grande Écurie et la Chambre du Roy unter Leitung von Jean-Claude Malgoire großartig vorgestellt. Malgoire setzt mit dieser Einspielung sein Engagement für die Wiederentdeckung des Komponisten Neukomm fort. Und das lohnt sich absolut, wie auch das zweite Werk auf der zweiten CD zeigt. 
Die Missa pro Defunctis tribus similibus vocibus, erstmals veröffentlicht 1838, besteht aus vier Teilen. Neukomm hat ziemlich ausführlich beschrieben, wie das Werk aufgeführt werden soll. Requiem und De profundis waren für den Gottesdienst bestimmt; Miserere und Trauermarsch sollten bei der Prozession erklingen, mit der der Leichnam anschließend aus der Kirche zum Friedhof gebracht wird. 
Die Musik ist würdevoll, und ausgesprochen beeindruckend. Für die Aufführung ist ein stark besetzer Männerchor erforderlich, Malgoire hat in Cantaréunion, Ensemble vocal de l'Océan Indien, die perfekte Besetzung gefunden. 

Dienstag, 28. November 2017

Cavalli: Requiem, Grandi: Motets (Raumklang)

Als Francesco Cavalli (1602 bis 1676) einst spürte, dass sein Lebensende naht, ordnete er seine Angelegen- heiten. Er ging dabei so weit, dass er in seinem Testament präzise Anwei- sungen für seine Beisetzungsfeier- lichkeiten gab, und sein eigenes Requiem komponierte. 
Cavalli war ein Musiker von europäi- schem Rang. Als Mitte des 17. Jahr- hunderts die Oper in Venedig in hoher Blüte stand, gehörte Cavalli zu den erfolgreichsten Opernkomponi- sten – 30 Werke dieser noch jungen Gattung sind von ihm überliefert. Doch auch der Kirchenmusik widmete sich Cavalli mit großer Ernsthaftig- keit. Mit 14 Jahren war er als Sänger in den Chor des Markusdomes aufgenommen worden und begann dort unter Kapellmeister Claudio Monteverdi und dem maestro del canto Alessandro Grandi seine musikalische Laufbahn. In späteren Jahren wirkte er dort auch als Organist und ab 1668 als maestro di capella
Für sein achtstimmiges Requiem wünschte er sich eine große Besetzung. Neben dem kompletten Sängerensemble sollten auch zwei Violinen, vier Violen, zwei Zinken, zwei Theorben, Posaunen, Dulzian, Violone und drei Orgeln mitwirken. So üppig besetzt ist diese Einspielung mit dem Ensemble Polyharmonique nicht. Alexander Schneider, der Leiter dieses Solistenverbundes, hat sich für acht Sänger und Basso continuo entschieden; zu hören sind hier Juliane Laake, Bassgambe, Maximilian Ehrhardt, Arpa doppia, und Klaus Eichhorn, Orgelpositiv. 
Diese Minimalbesetzung unterstützt allerdings die Aussage des Werkes in staunenswerter Weise. Denn anders als seine Opern schrieb Cavalli diese Totenmesse weniger für ein Publikum als vielmehr für die Ewigkeit. Sie ist ein Juwel musikalischen Gestaltungsvermögens und zeugt sowohl von der Gelehrsamkeit des Komponisten als auch von seiner Innovationskraft – die Cavalli freilich aus der Tradition schöpft, auf die er sich auch immer wieder bezieht. 
Dennoch fühlt man sich immer wieder an Mozarts Requiem erinnert, auch wenn Cavallis Werk so gar nicht dramatisch ist. Hier wird nicht mit dem Tode gerungen, und vor der Hölle gezittert, hier erscheint der Tod eher als das letzte Hindernis vor der ewigen Seligkeit. Und so ist denn diese Musik von geradezu überirdischer Schönheit, und voller Trost. Den Gesangs- solisten und Musikern gelingt es wunderbar, diese Botschaft zu vermitteln. Ergänzt wird die Totenmesse durch Motetten von Alessandro Grandi. 

Samstag, 15. April 2017

Neukomm: Requiem à la mémoire de Louis XVI (Alpha)

Als der Wiener Kongress 1814/15 über die Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons beriet, gedachten die Beteiligten mit einer feierlichen Messe auch des Königs Ludwig XVI., der 1793 in Paris guillotiniert worden war. Die Musik für dieses Totengedenken lieferte Sigismund Ritter von Neukomm (1778 bis 1858), der Hauskomponist Talleyrands. 
Es ist erstaunlich, aber dieser Musiker ist heute nahezu vergessen. Dabei war er zu Lebzeiten auf drei Kontinenten tätig, und enorm erfolgreich. Sigismund Neukomm, der Sohn eines Salzburger Lehrers, war ein Wunderkind. Im zarten Alter von vier Jahren soll er bereits fließend gelesen haben; wenig später begann seine musikalische Ausbildung. So erlernte der Knabe das Orgelspiel beim Domorganisten Franz Xaver Weissager. Er musizierte zudem auf Streich- und Blasinstrumenten, und erhielt Unterricht in Harmonielehre bei Michael Haydn. 
Als er 16 Jahre alt war, wurde Neukomm Titularorganist der Salzburger Universitätskirche; außerdem war er als Korrepetitor am Theater tätig. 1797 ging er schließlich mit einer Empfehlung seines Lehrers Michael Haydn nach Wien, wo er erst Schüler und bald auch Mitarbeiter Joseph Haydns wurde. Für diesen erstellte er beispielsweise die Klavierauszüge der Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten
Außerdem unterrichtete Neukomm; seine wohl bekanntesten Schüler waren Franz Xaver Wolfgang und Carl Thomas Mozart. Das Werk von Wolfgang Amadeus Mozart schätzte Neukomm übrigens sehr – und nach dem Tode Joseph Haydns 1809 stiftete er diesem den Grabstein. 
Der Musiker war ausgesprochen reisefreudig. Er wirkte als Kapellmeister in St. Petersburg und in Rio de Janeiro; wenn er nicht unterwegs war, dann lebte er zumeist in Paris. Im Laufe seines langen Lebens schuf Neukomm unglaublich viele Musikstücke, von der Oper bis zum Klavierkonzert und vom Lied bis zum Oratorium. Sein ebenso umfangreiches wie qualitätvolles Lebenswerk ist im Konzertsaal allerdings derzeit faktisch nicht präsent. Die französische Nationalbibliothek besitzt etwa 2.000 Manuskripte des Komponisten, doch dieser Bestand soll bislang schlecht erschlossen sein. Noteneditionen sind rar. 
Umso mehr freut diese Einspielung der Trauermusik, die einst in Wien zum Gedenken an den hingerichteten König von Frankreich erklungen ist. Neukomms Musik ist imposant, und dabei ausgesprochen nobel und elegant. Jean-Claude Malgoire hat diese Trauerklänge mit dem Ensemble La Grande Écurie et la Chambre du Roy sowie dem Chœur de Chambre de Namur würdig eingespielt. Clémence Tilquin, Yasmina Favre, Robert Getchell und Alain Buet sind in den Solopartien zu hören. Musiziert wird voll Respekt, sehr gekonnt und historisch authentisch – so erklingen beispielsweise eine Ophicleide, ein auch von Mendelssohn, Berlioz, Verdi und Wagner verwendetes Blechblasinstrument, das später im Orchester durch die Tuba ersetzt wurde, und ein Tamtam, ein großer Gong unbe- stimmter Tonhöhe, der aus Ostasien stammt und in Frankreich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gezielt als Effektinstrument bei Trauermusiken eingesetzt wurde. 
Neukomms Trauermusik ist ein Werk mit einer einzigartigen Aura. Dieses Requiem, das der Komponist ursprünglich zu Ehren seiner Lehrer, der Gebrüder Haydn und des Organisten Weissager, zu Papier gebracht hatte, gehört für mich zu den schönsten Werken der Funeralmusik überhaupt. Was für eine Entdeckung! 

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Paradisi Gloria - Sacred Music by Emperor Leopold I (Audite)

Leopold I. (1640 bis 1705) war der zweite Sohn des Kaisers Ferdinand III. und sollte daher eigentlich die geistliche Laufbahn einschlagen. Schon sein Vater liebte die Musik und komponierte auch selbst; der Sohn erlernte beim Hoforganisten Marcus Ebner das Clavierspiel, und im Fach Komposition unterrichtete ihn möglicherweise Hofkapellmeister Antonio Bertali. 
Doch dann starb noch vor dem Kaiser der Thronfolger; und so wurde Leopold I. 1658 zum Kaiser gekrönt. Der Politik konnte er wohl nicht wirklich etwas abgewinnen; den Wiener Hof allerdings machte er zu einem Zentrum der europäischen Kultur. 
Dass er selbst auch ein begabter Komponist war, beweist diese CD, die vier seiner Werke vorstellt. Das Stabat Mater und die Motette de Septem Doloribus Beatae Mariae Virginis schuf der Kaiser für das Fest der Sieben Schmerzen der Gottesmutter. Das Requiem, entstanden für die Beisetzungs- feierlichkeiten der ersten Frau des Kaisers, ist betont schlicht und innig gehalten. Leopold I. hatte seine Nichte, Margarita Theresa von Spanien, 1666 aus dynastischen Gründen geheiratet; sie teilte seine Leidenschaft für die Musik, starb aber bereits 1673. 
Auch seine nächste Ehefrau, Claudia Felizitas von Österreich-Tirol, musste der Kaiser 1676, nach dreieinhalbjähriger Ehe, zu Grabe tragen. Für sie vertonte er drei Lektionen zur ersten Nokturn für das Totenoffizium. Diese Musik erklang übrigens auch bei den Exequien nach dem Tode des Kaisers 1705 und seiner dritten Frau 1720. 
Johannes Strobl hat diese durchweg eher klagenden Gesänge mit der Cappella Murensis und Les Cornets Noirs in der Klosterkirche Muri eingespielt, die bereits bei anderen Aufnahmen durch ihre beeindruckende Akustik in Erinnerung geblieben ist. Das Solistenquintett und die Ripieni- sten, jeweils doppelt besetzt, singen diese emotionsgeladenen Werke sehr schlicht und gerade dadurch eindrücklich. Sie werden dabei bestens unterstützt durch die Musiker von Les Cornets Noirs, die auf Nachbauten historischer Instrumente musizieren. Formidabel! 

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Kerll / Fux: Requiems (Ricercar)

Als Wolfgang Amadeus Mozart sein Requiem komponierte, überschritt er damit nicht nur die Schwelle zur Romantik. Er orientierte sich zugleich an alten musikalischen Modellen – es klingt paradox, aber nie war Mozart traditioneller als bei diesem Werk das als sein modernstes und visionäres gilt. Diese Aufnahme des Ensembles Vox Luminis führt uns in diese Vergangenheit, aus der Mozart schöpfte. 
Die Sänger um Lionel Meunier öffnen eine ganz besondere Schatztruhe: Zu hören sind zwei Totenmessen von Johann Caspar Kerll (1627 bis 1693) und Johann Joseph Fux (1660 bis 1741). Fux schrieb sein Requiem 1720 für die Beisetzungsfeierlichkeiten von Eleonore Magdalene von Pfalz-Neuburg, der Witwe des Kaisers Leopold I. Es erklang später auch noch bei weiteren Trauerfeiern des Hofes, zuletzt 1740 beim Begräbnis Karls VI. Geprägt wird dieses Werk nicht etwa durch Schmerz und Verzweifung, sondern durch feierliche Erhabenheit. Entsprechend strahlend ist auch sein Klang; zu den beiden Sopranen, Alt , Tenor und Bass kommen neben Orgelpositiv und Violone noch zwei Geigen und eine Bratsche, sowie, passend zum Anlass, zwei stille Zinken, zwei Posaunen und ein Fagott. Es musiziert gekonnt das Scorpio Collectief – und man muss sagen, Fux' Requiem klingt wirklich staatstragend. 
Das zweite Werk auf dieser CD wirkt intimer und auch düsterer. Hier sind statt zweier Soprane zwei Tenöre besetzt, was den Klang tiefer und gedeck- ter erscheinen lässt. Auch die Instrumente unterstreichen diesen Eindruck. Kerlls Missa pro Defunctis wird durch ein Gambenconsort begleitet; das Ensemble L'Achéron übernimmt diesen Part sehr eindrucksvoll. Sie findet sich in einem Band, der insgesamt fünf Messen des Komponisten enthält, 1689 gedruckt wurde und Kaiser Leopold I. gewidmet ist. 

Mittwoch, 6. Juli 2016

Mayr: Requiem (Naxos)

Geradezu kriminalistische Fähig- keiten waren erforderlich, um die Musik zu rekonstruieren, die auf diesen beiden CD zu hören ist. Zwar war bereits eine Grande Messa da Requiem von Johann Simon Mayr (1763 bis 1845) bekannt; bei Archivrecherchen zeigte sich aber, dass es noch ein weiteres Requiem des Komponisten gegeben haben muss. „Dieses bislang in der Forschung nicht erwähnte Werk übertrifft das gedruckte im Umfang und in der Instrumentierung“, be- richtet Franz Hauk im Beiheft. Die einzelnen Sätze fanden sich verstreut in den Beständen der Bibliotheca civica in Bergamo, wo Mayrs Nachlass aufbewahrt wird, sowie an anderen Standorten – mitunter in Form von Einzelstimmen. Mit Spürsinn, Beharr- lichkeit und unter großen Mühen ist es gelungen, die Messe zu rekonstru- ieren und das Notenmaterial für eine Aufführung zu erstellen. 
Das hat sich durchaus gelohnt, denn das „Requiem summum“, wie Hauk es nennt, erweist sich als ein überaus beeindruckendes Opus. Mit neun Sänger-Solisten, einem großen Chor und einem ebenso umfangreichen Orchester ist das Werk üppig besetzt. Zwei Sätze hat allerdings nicht Mayr, sondern Gaetano Donizetti (1797 bis 1848) komponiert. Er zeige „bereits in diesen frühen Werken eine eigenständige Handschrift, er kreiert Klang- flächen, mit einfachen Mittel erreicht Mayrs Schüler grandiose Klangwir- kungen“, urteilt Hauk. „Mayr hat Donizettis Partiturvorlage in einigen Stimmen umgeschrieben und ,korrigiert' – ein Problem für Verfechter eines sogenannten ,Urtextes'. Wir musizieren Donizettis Musik in der Mayr-Version.“ Dieses Requiem vereint Wiener Frömmigkeit und italie- nischen Schmelz – grandiose Musik, von den Solisten und vom Simon Mayr Chor und Ensemble unter Franz Hauk sehr hörenswert präsentiert. 

Samstag, 2. Mai 2015

Dvorák Edition (Brilliant Classics)

Die mit Abstand schönste CD-Box des Jahres ist nun bei Brilliant Classics erschienen. Der ansprechend gestaltete Schuber lässt sich nach oben aufklappen. Und dann kommen 45 CD zum Vorschein, dem Inhalt entsprechend farblich abgestuft. Im Deckel des Schubers befindet sich eine Überblicksliste, so dass man die gesuchten Werke mit einem Blick und einem Griff findet. Perfekt! Ergänzt wird diese Zusammenstellung durch ein Beiheft mit Informationen zum Leben des Komponisten und knapp auch zu den einzelnen Werkgruppen – allerdings nur in englischer Sprache. Dieses Wunderkästchen enthält Musik von Antonín Dvořák (1841 bis 1904). 
Der Tscheche gehört weltweit zu den beliebtesten Komponisten. Wer diese Kollektion anschaut, der wird feststellen, dass aber nur wenige seiner Werke allgemein bekannt sind. Dazu gehören die berühmte Sinfonie Nr. 9 Aus der Neuen Welt, die Oper Rusalka, das Dumky-Trio, einige Streich- quartetteCello- und Violinkonzert sowie Stabat mater und Requiem
Wer mehr hören möchte, dem sei diese Box sehr empfohlen: Die Dvořák-Edition bietet die derzeit umfangreichste Kollektion seiner Werke. Sie enthält sämtliche Sinfonien, die sinfonischen Dichtungen, Ouvertüren und weitere Orchesterwerke, die Konzerte, alle Streichquartette und große Teile der übrigen Kammermusik sowie die vollständige Klaviermusik. Darüber hinaus enthält die Box zahlreiche Chorwerke, Stabat Mater und Requiem sowie die Oper Rusalka. Zu finden sind zudem zahlreiche Lieder des Komponisten, viele davon in Weltersteinspielungen. 
Die Qualität der Aufnahmen ist hoch. Zu den Interpreten gehören unter anderem die Staatskapelle Berlin unter Otmar Suitner, das Janáček Philharmonic Orchestra unter Theodore Kuchar, die Bamberger Sympho- niker unter Antal Doráti, die Pianistin Inna Poroshina sowie Ruggiero Ricci, Rudolf Firkušný und Zara Nelsova als Solisten bei den Konzerten. Tschechische Musiker wie die Prague Singers, das Vlach Quartet und das weltberühmte Stamitz Quartet sowie der Geiger Bohuslav Matoušek und Pianist Petr Adamec unterstreichen den hohen Anspruch der Kollektion. Besondere Überraschung: Bei den Solo-Liedern ist der großartige Tenor Peter Schreier zu hören, am Klavier begleitet von Marián Lapšanský. 
Dvořák vermochte es einzigartig, volkstümlich anmutende Melodien zu Werken voll romantischem Zauber und berückenden Klangfarben zu formen. Sein Schaffen war stark von seiner böhmischen Heimat geprägt. Allerdings übernahm der Komponist, der von 1892 bis 1895 als Direktor des National Conservatory of Music in New York tätig war, auch Klänge aus Amerika. So erklingt in seiner Musik auch ein Echo der Spirituals der schwarzen Plantagenarbeiter, der Volksmusik der europäischen Einwan- derer und der traditionellen Indianermusik. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Samstag, 28. März 2015

Mozart: Requiem (Hänssler Profil)

Karl Richter (1926 bis 1981), der Sohn eines Pfarrers, begann seine musikalische Ausbildung als Kruzianer in Dresden. Nach dem Krieg studierte er in Leipzig bei Karl Straube und Günther Ramin. Schon früh galt er als überragender Bach-Interpret; 1949 wurde er Organist an der Leipziger Thomaskirche, 1951 ging er als Kantor nach München an die Markuskirche. Im gleichen Jahr übernahm er die Leitung des Hein- rich-Schütz-Kreises, 1954 umbenannt in Münchener Bach-Chor; 1953 gründete Richter dazu das Münchener Bach-Orchester. Mit den beiden Ensembles hat Karl Richter legendäre Konzerte, insbesondere auch mit Werken von Johann Sebastian Bach, gegeben. Dabei zeigte er sich von Musizier-Moden ziemlich unbeeindruckt – Richter orientierte sich strikt am Notentext, und das macht auch die Aufnahmen bis heute interessant, die unter seiner Leitung entstanden sind. In der Edition Günter Hänssler ist jüngst eine hörenswerte Einspielung aus dem Jahre 1961 erschienen – ausnahmsweise dirigierte Richter einmal nicht Bach, sonndern Mozarts berühmtes Requiem

Freitag, 2. Januar 2015

Fauré: Requiem (Evil Penguin Records Classic)


Das Requiem op. 48 von Gabriel Fauré (1845 bis 1924) erklang erstmals 1888 anlässlich der Beisetzung eines Pariser Architekten. In seiner ursprünglichen Fassung war es besetzt mit Knaben- und Männerstimmen, Solo-Violine, geteilten Bratschen, Violoncelli, Kontrabass, Harfe, Pauken und Orgel. Sie war auch deutlich kürzer. Für die erste „öffentliche“ Aufführung ergänzte der Komponist dann dieses kleine Orchester noch um Trompeten und Hörner. Später hat Fauré noch das Libera me hinzugefügt und das Offertorium erweitert. Im Jahre 1900 erklang schließlich das Werk zur Weltausstellung in großer sinfonischer Besetzung; diese überarbeitete Version ist die heute übliche. 
Der Flämische Rundfunkchor stellt auf dieser CD gemeinsam mit Solisten der Brüsseler Philharmoniker unter Hervé Niquet die Variante von 1893 vor, herausgegeben von John Rutter. Auf die Knabenstimmen verzichtet die Aufnahme; dafür gibt Niquet im Beiheft eine längere und ziemlich launige Begründung. Das Pie Jesu, üblicherweise ein Sopran-Solo, lässt er die Choristinnen singen. Das Bariton-Solo hingegen vergibt er an Bassbariton Andrew Foster-Williams. Die Streicher werden durch vier Hörner berei- chert. Dennoch wirkt Faurés Musik in dieser Einspielung seltsam kraft- und farblos; man ist geneigt, die klanglich deutlich attraktivere Version letzter Hand herbeizusehen.
Wesentlich spannender sind die beiden anderen Stücke, die diese CD komplettieren: Das Ave Verum, vor allem aber Les sept paroles du Christ sur la croix von Charles Gounod (1818 bis 1893). Hier wird hörbar, dass der Komponist die Werke der „Alten“ Meister, insbesondere auch Palestri- nas, mit Hingabe studiert hat. Diese A-capella-Andachtsmusik mit ihren Anleihen beim stile antico ist von höchster Intensität und Ausdruckskraft – und der Chor kann endlich zeigen, was er kann. Dieser Teil der CD ist wirklich beeindruckend. 

Samstag, 7. September 2013

Fauré: Requiem, Bach: Partitas, Chorales & Ciaconna (LSO Live)

Diese CD verfolgt ein interessantes Konzept: Gordan Nikolitch spielt die Partita in d-Moll von Johann Sebastian Bach, und das Ensemble Tenebrae singt zwischen den einzelnen Sätzen Choräle. 
Das wäre nicht weiter erwähnens- wert, wenn nicht mittlerweile der letzte Satz der Partita genauer untersucht worden wäre – mit erstaunlichem Ergebnis. Die Chaconne stand mit ihrer Überlänge schon immer als ein Solitär am Ende des berühmten Werkes. Nun hat eine Musikwissenschaftlerin, die Professorin Helga Thoene, die Melodien beschrieben, um die die Violinstimme in der Ciaconna kreist. Es sind Choralzitate, Bruchstücke aus der lutheri- schen Begräbnisliturgie; einige Sänger des Ensembles Tenebrae machen sie hier hörbar. Und man muss sagen: Diese Aufnahme unterstreicht eindrücklich die These, die Chaconne sei ein Tombeau für Bachs 1720 verstorbene Frau Maria Barbara. 
Daran schließt sich nahtlos das Requiem von Gabriel Fauré an. Es steht ohnehin in der gleichen Tonart, und erklingt auf dieser CD in der Fassung von 1893. In dieser Version setzt die Orchestrierung auf die tiefen Instrumente – neben einer einzigen Violine sind nur Bratschen, Violoncelli, Kontrabässe, zwei Hörner, Harfe und Orgel besetzt. Dies ermöglicht spannende Klangeffekte, und so erscheint diese Version weit ausdrucksstärker als die spätere Variante für konventionelles Orchester. Das Ensemble Tenebrae singt diese sanfteste aller Toten- messen gemeinsam mit den Solisten Grace Davidson und William Gaunt sowie dem London Symphony Orchestra Chamber Ensemble unter Nigel Short. Diese Einspielung ist wirklich wundervoll, Kompliment an alle Beteiligten. 

Sonntag, 21. Juli 2013

Hochreither: Requiem / Missa Jubilus sacer (Pan Classics)

Anders als die evangelische Kir- chenmusik, die zumindest in ihrem Ursprung stark am Wort und seiner Auslegung mit den Mitteln der Musik orientiert war, scheint die katholische Kirchenmusik eher auf den Klang zu setzen, um Gefühle und Assoziatio- nen zu wecken. Welche Ideen die Komponisten dazu entwickelten, das zeigt exemplarisch eine CD, die kürzlich bei Pan Classics erschienen ist.
Das Ensemble Ars Antiqua Austria unter Gunar Letzbor stellt darauf gemeinsam mit St. Florianer Sänger- knaben ein Requiem sowie die Missa Jubilus sacer von Joseph Balthasar Hochreither (1669 bis 1731) vor. Dieser Komponist entstammte einer Salzburger Musikerdynastie. Seine Lehrjahre absolvierte er ab 1681 am Salzburger Kapellhaus, einer Ausbildungsstätte für talentierte Knaben, die ab 1684 durch Heinrich Ignaz Franz Biber geleitet wurde. 1688 verließ Hochreither als Magister die Salzburger Universität. Nach einer Zwischenstation als Organist in einem Benediktinerinnenkloster wechselte er 1694 an das Stift Lambach. 1721 schließlich ging er als Domstiftsorganist nach Salzburg, wo er dann bis an sein Lebensende wirkte.
Lediglich 21 Werke des Komponisten sind überliefert. Ein neuer Musikarchivar hat etliche Kompositionen in den Beständen des Stiftes Lambach aufgespürt. Letzbor hat mit Ars Antiqua Austria bereits die Missa Ad multos annos eingespielt. Erfreut von der Klangpracht dieser Neuentdeckung, stellt das Ensemble nun zwei weitere Werke vor.
Das Requiem ist nicht nur aufgrund seiner Überlieferung in drei Mappen ein Kuriosum. Jede von ihnen enthält Teile des Werkes; sie unterscheiden sich in Datierung, Handschrift und Besetzung. Zu welchem Anlass das Werk geschrieben wurde, das ließ sich nicht herausfinden.
Hochreither schreckte auch vor außergewöhnlichen Methoden nicht zurück, um die gewünschten Effekte zu erzielen. So gibt er vor, der Bassist möge „das Tuba mirum, item das Lacrymosa (…) aus einem Rödtrohr“ singen. „Diese Anweisung bereitete mir schlaflose Nächte“, gesteht Gunar Letzbor. „Bis kurz vor der CD-Aufnahme hatte ich keine Idee, was das bedeuten sollte. (...) In der vorletzten Nacht vor dem ersten Aufnahmetag kam dann die rettende Idee. Ich erinnerte mich an einen Bericht, wonach in der Barockzeit manchmal akustische Spielereien versucht wurden, wo man beispielsweise ein Rohr über lange Strecken durch dicke Mauern legte und damit Überraschungseffekte erzielte, wenn aus dem Nichts plötzlich eine bedrohliche Stimme erklang. (...) Am nächsten Morgen montierte ich die Plastikregenwasserrohre von unserer Gartenhütte ab.“ Man kann sich vorstellen, welche Wirkung eine solche Konstruktion im Konzert auf das Publikum hat – der Klangeffekt aber, der dadurch erzielt wurde, ist beeindruckend.
Die Missa Jubilus sacer, entstanden 1731, ist Abt Gotthart Haslinger von Lambach gewidmet. Es ist ein prächtiges Werk, eine Festmesse, die für alle Solisten virtuose Passagen bereithält. Die St. Florianer Sängerknaben, in Mini-Besetzung, singen wunderbar; insbesondere Alois Mühlbacher hat einen großartigen Auftritt. Von allen CD mit dem herausragenden Knabensopran ist dies ohne Zweifel eine der besten.
Ob es allerdings wirklich zweckmäßig ist, mit einer CD den Klangeindruck vermitteln zu wollen, den der Dirigent am Pult hat, sollte kritisch überprüft werden. „Natürlich sind hier Ansatzgeräusche bei den Bläsern und Streichern auch abgebildet“, schreibt Letzbor. „Man hört manches Klopfen der Bögen, das man in drei Metern Entfernung nicht mehr bemerken kann.“ Genau dort sitzen aber üblicherweise die Zuhörer; dort erreichen sie die „Arbeitsgeräusche“ der Musizierenden nur noch gedämpft – und das ist gut so.

Dienstag, 18. Juni 2013

Fauré: Requiem (Virgin Classics)

Glaubt man Gabriel Fauré (1845 bis 1924), dann waren es ziemlich weltliche Gründe, die ihn beweg- ten, ein Requiem zu schreiben. „Voilà si longtemps que j'accom- pagne à l'orgue des services d'enterrements! J'en ai pardessus la tete. J'ai voulu faire autre chose“, meinte er im Jahre 1902. Der Komponist, der zunächst das Amt des Chorleiters inne gehabt hatte, wirkte seit 1896 als Organist an der Pfarrkirche Sainte-Marie-Madeleine in Paris.
Erklungen ist Faurés Requiem zum ersten Male 1888 anlässlich der Trauerfeier für einen Architekten. Das Werk bestand zunächst aus fünf Sätzen – Introitus/Kyrie, Sanctus, Pie Jesu, Agnus Dei und In Para- disum. Begleitet wurden die Knaben und jungen Männer der Kantorei seinerzeit durch ein paar Streicher, Harfe, Pauken und Orgel.
In den späteren Jahren hat Fauré das Werk mehrfach ergänzt und überarbeitet. Hier ist es nun in der Version zu hören, die schließlich veröffentlicht wurde – und die 1901 anlässlich der Weltausstellung im Palais du Trocadéro aufgeführt worden ist, mit einem üppigen Orche- ster, Orgel, Chor, sieben Sätzen und zwei Solisten. Den Solopart übernahmen Philippe Jaroussky und Matthias Goerne.
Ergänzt wird das Programm durch den Cantique de Jean Racine, die berühmte Elégie op. 24 für Cello und Orchester – Solist ist Eric Picard – die nicht minder berühmte Pavane sowie Super flumina Babylonis, ein selten gespieltes Frühwerk. Der Choeur de l'Orchestre de Paris und das Orchestre de Paris musizieren unter Paavo Järvi; erfreut stellt man fest, dass sich bei dieser Aufnahme estnischer Tiefgang und fran- zösische Eleganz auf das glücklichste vereint finden. Jaroussky singt wie ein Engel, und auch Goerne lauscht man hier gern.

Dienstag, 11. Juni 2013

Gilles: Requiem - Lamentations - Te Deum - Messe en ré - Motets (Ligia)

Jean Gilles (1668 bis 1705) begann seine Ausbildung im Chor von Sainte-Marthe in seiner Heimat- stadt. Dort lernte er aber nicht lange, denn schon 1678 sang er im Chor der Kathedrale Saint-Sauveur in Aix-en-Provence, wie folgende Notiz belegt: „il a été aussi proposé par led. Sr. Administrateur que Jean Gilles de la ville de Tarsacon, porte la robe rouge depuis plus d'un année estant instruit de la musique pour chanter so partie assurée (..)“. In Aix-en-Provence war Gilles Schüler von Guillaume Poitevin. Er wurde schließlich sein Nachfolger als Leiter der Chor- schule, aber er hatte dieses Amt nicht lange inne. Auch seine nächste Anstellung in Agde behielt er nur kurze Zeit, denn 1698 wurde er zum Kapellmeister der Kathedrale Saint-Etienne in Toulouse ernannt. Der Chor dort war der bedeutendste in ganz Südfrankreich, und schon Amtsvorgänger André Campra hatte die Gottesdienstbesucher durch seine üppige Kirchenmusik begeistert. Schon kurz nach seiner An- kunft in Toulouse sollte Gilles zeigen, dass er diese Kunst ebenfalls beherrschte, denn der Frieden von Rijswijk sollte gebührend gefeiert werden – und zwar mit einem prachtvollen Te Deum
Er schrieb nicht nur zu diesem Anlass grandiose Musik, wie hier zu hören ist. Trotz seines frühen Todes schuf der Kapellmeister mehr als ein Dutzend Grand Motets und einige kleinere Werke. Bekannt wurde Gilles allerdings in erster Linie durch sein Requiem. Es erklang zu den Beisetzungsfeierlichkeiten berühmter Persönlichkeiten, wie Jean-Philippe Rameau 1674, Stanislas Leczinski, König von Polen, im Jahre 1766 und Louis XV. im Jahre 1774. Zwischen 1750 und 1770 findet sich das Werk zudem fünfzehnmal auf dem Programm des renommier- ten Pariser Concert Spirituel. 
Jean-Marc Andrieu hat in den vergangenen Jahren wichtige Werke von Jean Gilles mit dem Orchestre Baroque de Montauban Les Passions sowie dem Choeur de chambre les éléments bei Ligia Digital eingespielt. Die Aufnahmen begeistern durch ihre Eleganz und ihre enorme Klangpracht. In dieser Drei-CD-Box werden sie nun zusam- mengefasst – meine Empfehlung! Denn diese Einspielungen dürften für längere Zeit die Referenz bleiben.

Montag, 15. April 2013

von Suppé: Requiem (Hänssler Profil)

Ein Requiem von Franz von Suppé? Es ist kaum zu glauben - aber dieser Komponist, den wir heute vor allem als Souverän im Reich der leichten Muse kennen, begann seine Laufbahn in der Kirchen- musik. Francesco Ezechiele Erme- negildo Cavaliere Suppè-Demelli (1819 bis 1895) entstammte einer Beamtenfamilie. Er sag schon als Kind im Chor der Kathedrale seiner Heimatstadt Split. Sein Vater hätte es gern gesehen, dass sich der Filius für einen handfesten Beruf entscheidet. Die Mutter aber erkannte seine Begabung, und sorgte dafür, dass Franz auch eine musikalische Ausbildung absolvieren durfte.
Der Vater bestand dennoch auf einem "richtigen" Studium - was dazu führte, dass der Sohn nach Padua ging, um Jura zu studieren, aber dort wohl mehr Zeit in der Oper verbrachte als an der Hochschule. Nach dem Tod des Vaters war schließlich der Weg zum Musikerberuf frei. Zwar ging Franz von Suppé zunächst nach Wien, um Medizin zu studieren. Doch lange blieb er nicht dabei, er wechselte bald ans Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde. Als - unbezahlter - dritter Kapellmeister am Theater in der Josefstadt konnte er dann erste Bühnenerfahrungen sammeln. Das kam ihm ab 1845 in seiner Tätigkeit am Theater an der Wien sowie am Carltheater zustatten - und der Komponist widmete sich fürderhin den Opern und Operetten sowie dem ganzen bunten Spektrum dessen, was man heute gern als Unterhaltungsmusik geringschätzt.
Das 1855 komponierte Requiem aber zeigt, dass Franz von Suppé musikalisch keineswegs ein Leichtgewicht war. Es erinnert deutlich an das Mozart-Requiem, aber wer genau hinhört, der wird feststellen, dass es sich keineswegs um eine Imitation handelt. Von Suppé ent- wickelt das Vorbild weiter - harmonisch, dynamisch, in den Klang- farben, und letzten Endes auch in seiner sehr individuellen Ausdeu- tung des Textes. Denn der Gott, mit dem der Komponist in seiner Musik Zwiesprache hält, wird nicht als Rex tremendae majestatis vorgestellt, sondern als gnädiger Gott, der das Salva me erhört. Im Kontrast zu den Ängsten und der Düsternis des irdischen Daseins zeichnet von Suppé eine himmlische Welt voll Klarheit und Harmo- nie. 
Wuchtig und mit einer gehörigen Portion Italianitá hat die Philhar- monie Festiva unter der Leitung von Gerd Schaller dieses Requiem im Juli 2012 live im Kloster Ebrach vorgestellt. Es singen Marie Fajtová, Franziska Gottwald, Tomislav Muzek, Albert Pesendorfer und der Philharmonische Chor München. Die Solisten sind wirklich brillant, und dem Chor trägt man einige kleine Schwächen angesichts der Live-Situation nicht nach. Eine stimmungsvolle Aufnahme, die hier mit Nachdruck empfohlen wird. 

Dienstag, 7. August 2012

Mozart: Requiem (Coro)

Die Handel and Haydn Society, gegründet 1815, ist die älteste musikalische Institution Amerikas. Händel und Haydn, diese Namen stehen auch nach wie vor für die beiden Schwerpunkte, denen sich Chor und Orchester verschrieben haben: Barockmusik und die Musik der Klassik. 
Der Schritt freilich zwischen diesen beiden Epochen ist gewaltig. Und es gibt weltweit sehr wenige En- sembles, die beides gleichermaßen authentisch aufführen können. Auf dieser CD zeigt sich, dass die Handel und Haydn Society in dieser Klasse nicht mithalten kann. Überragend ist das nicht, was Harry Christophers hier mit einem opulent besetzten Orchester und einem für Mozart gigantischen Chor im Mai 2011 live in Boston vorgestellt hat. Dieses Konzert wirkt unausgewogen, lustlos und provinziell. Schade. 

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Mozart: Requiem (Alpha)

Mozarts legendäres Werk in einer exzellenten Einspielung. Hier passt wirklich alles zusammen - von den hervorragenden Solisten über den ausgezeichneten Chor bis hin zum Orchester, und alle folgen wie hyp- notisiert dem Dirigenten Teodor Currentzis, der mitunter etwas eigenwillige, aber nicht uninteres- sante Klangideen verwirklicht. 
Das Solistenquartett wird ange- führt von Sopranistin Simone Kermes - noch nie zuvor habe ich die Sopranpartie besser gesungen gehört! Doch auch Stéphanie Houtzeel, Mezzosopran, Markus Brut- scher, Tenor, und Arnaud Richard, Bass, singen grandios. Das eigentliche Ereignis aber sind der Chor The New Siberian Singers und das Orchester Musica Aeterna - denn was da zu hören ist, das lässt staunen. 
Offenbar existiert in Sibirien eine hoch entwickelte Kulturszene, von der wir Westler keine Ahnung haben. Denn der Kammerchor der Oper von Nowosibirsk kann sowohl in Gesangskultur als auch in Stimm- qualität mühelos mit den besten westlichen Ensembles mithalten. Ähnliches gilt für Musica Aeterna, das Kammerorchester dieses Opernhauses, das auf historischen Instrumenten musiziert und keinen Vergleich scheuen muss.  Vielen Dank an das Label Alpha, das uns diese herausragenden Musiker vorstellt - und, bitte, bald mehr davon! 

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Cimarosa: Requiem (Naxos)

Domenico Cimarosa (1749 bis 1801) stammte aus einfachen Ver- hältnissen. Sein Vater, ein Stein- metz, kam durch einen Sturz vom Gerüst ums Leben. Daher verding- te sich seine Mutter als Wäscherin in einem Kloster. Der Organist der Klosterkirche, Padre Polcano, be- merkte, dass der kleine Domenico musikalisch ist. Er unterrichtete den Jungen und sorgte dafür, dass er das Konservatorium von Santa Maria di Loreto besuchen konnte. 
Dort erhielt er eine ausgezeichnete Ausbildung. 1772 schuf er seine erste Oper; viele weitere folgten, und dazu Kantaten und Kirchenmusik. 1787 lud Zarin Katharina II. den Musiker an ihren Hof ein. Cimarosa blieb vier Jahre in St. Petersburg; 1791 wurde er dann als Nachfolger Antonio Salieris Hofkomponist in Wien. Dort schrieb er sein bekanntestes Werk, die Oper  Il matrimo- nio segreto
Das Requiem hat Cimarosa in St. Petersburg komponiert; es wird ver- mutet, dass es 1787 für die Beisetzung der Gattin des französischen Botschafters entstanden ist - vier Jahre vor Mozarts legendärem Werk, und in enorm kurzer Zeit. Es ist hübsche Musik, mit schönen Melodien, aber kein übermäßig großer Wurf. Zu hören sind hier - in einer grundsoliden Einspielung aus der Slowakei - die Solisten Adriana Kucerová, Terézia Kruzliaková, Ludovít Ludha und Gustáv Belácek sowie der Lúcnica Slovak National Chorus und die Capella Istropolitana unter Kirk Trevor. 

Donnerstag, 29. September 2011

Fauré: Requiem (Collegium records)

Gabriel Fauré (1845 bis 1924) hat ziemlich viel Vokalmusik kompo- niert. Auf dieser CD sind seine bekanntesten geistlichen Werke versammelt - vom Requiem über Ave verum Corpus und Tantum ergo über Ave Maria und Maria, Mater gratiae sowie Cantique de Jean Racine bis hin zur Messe Basse. Diese Werke sind eher für ihre raffinierte Harmonik als gesangliche Virtuosität berühmt; man sollte sich aber nicht täuschen lassen - denn einfach ist es nicht, sie brillant aufzuführen. 
The Cambridge Singers haben hier unter Leitung von John Rutter eine mustergültige Einspielung vorgelegt, die die Innigkeit und schein- bare Schlichtheit von Faurés Werken ganz ausgezeichnet zur Wirkung bringt. Die Sänger werden von Mitgliedern der City of London Sinfo- nia begleitet; die Orgel spielt John Scott, die Solovioline Simon Stan- dage. Interessanterweise hat sich Rutter beim Requiem für eine Version aus dem Jahre 1893 entschieden, die ein Libera me sowie ein In paradisum enthält, die man normalerweise nicht zu hören be- kommt. Und die Orgelstimme des Cantique de Jean Racine hat Rutter für Bratschen, Violoncelli, Kontrabässe und Harfe arrangiert. Das funktioniert erstaunlich gut, und sorgt klanglich für Abwechslung. 

Montag, 5. April 2010

Verdi: Messa da Requiem (Deutsche Grammophon)

Ein Konzertmitschnitt aus der Stuttgarter Liederhalle, entstanden im November 1960 - in einer Zeit, als die Stars noch in der Nachbar- schaft wohnten, und nicht nur zum Konzert eingeflogen wurden. Auch die Gesangskultur war eine andere, wie dieses Solistenquartett zeigt - da wird miteinander musiziert, statt um die Wette zu tönen. Natürlich sind die vier Sänger keine Spezialisten fürs italienische Fach; selbst Fritz Wunderlich wirkt etwas angestrengt, aber er wäre in solche Partien ganz sicher hineingewachsen, wenn ihm die Lebenszeit dazu vergönnt gewesen wäre. Wer also den legendären Tenor mit diesem Werk hören will, der muss sich mit dieser Aufnahme be- scheiden - und damit abfinden, dass hier neben dem Südfunk-Chor auch der Stuttgarter Lehrergesangsverein und der Bachchor Stuttgart mitsingen, ein wackerer Haufen zwar begeisterter, aber dennoch musikalischer Laien. Auch Hans Müller-Kray, der diese Sänger- scharen sowie das Südfunk-Sinfonieorchester dirigierte, hat ganz sicher nicht das Format eines Karajan oder Toscanini. Wer sich aber mit dem Gedanken anfreunden kann, dass es sich hier um die Auf- zeichnung eines Konzertes mit lokaler Besetzung und ursprünglich auch nur regionaler Relevanz handelt, der wird viel Staunenswertes finden.