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Dienstag, 8. Februar 2022

Per il Salterio (Ramée)


 Die Zuhörer für das Salterio zu begeistern, ist das Anliegen von Virtuosin Margit Übellacker und ihrem Musizierpartner Jürgen Banholzer, Cembalo und Orgel. Gemeinsam konzertieren sie als Ensemble La Gioia Armonica, und diesem Namen macht die Aufnahme in der Tat alle Ehre. 

Das Salterio, über dessen Geschichte, Gebrauch und Spielweise die beiden Musiker ausführlich im Beiheft berichten, erscheint mit seinem ätherischen Klang für die Musik der sogenannten Empfindsamkeit als das perfekte Instrument. Es ähnelt dem Hackbrett der volkstümlichen süddeutschen Stubenmusik, oder dem Zymbal, das in der ungarischen Musik ebenfalls heute noch verwendet wird. 

Das Salterio war im 18. Jahrhundert in Italien sehr in Mode. Es wurde insbesondere in Adelskreisen hochgeschätzt, und so wird es nicht verwundern, dass aus jener Zeit zahlreiche Kompositionen für das Instrument überliefert sind. 

Für die CD haben Margit Übellacker und Jürgen Banholzer eine schöne Auswahl an Sonaten für Salterio und Basso continuo im galanten Stil zusammengestellt. Zu hören sind Werke von Pietro Beretti, Angelo Conti, Baldassare Galuppi und Carlo Monza. Musiziert wird gekonnt, allerdings könnte nach meinem Empfinden das Salterio akustisch etwas mehr im Vordergrund stehen.  


Samstag, 11. April 2020

Platti: Sonate à tre (Ramée)

Rudolf Franz Erwein Graf von Schönborn hatte einen exquisiten Geschmack. Schon seine Eltern hatten darauf geachtet, dass all ihre 14 (!) Kinder eine erstklassige Ausbildung erhielten, wozu auch das Musizieren ganz selbstverständlich gehörte. Und selbstverständlich reisten die jungen Herren nach Italien, wo sie Land und Leute kennenlernten, und natürlich auch die italienische Oper. 
 Musik aus dem Süden schätzten die Grafen von Schönborn zeitlebens. Sie spielten Kompositionen von Corelli, Albinoni oder Vivaldi – und als Johann Philipp Franz 1718 Fürstbischof von Würzburg wurde, ließ er umgehen Musiker aus Italien kommen. Zu diesen „musici“ gehörte auch Giovanni Benedetto Platti (?1697 bis 1763), ein Oboist und Geiger, der seine Ausbildung wahrscheinlich in Venedig erhalten hat. Über seinen Lebensweg ist wenig bekannt; in diesem Blog wurde darüber bereits an anderer Stelle ausführlicher berichtet. 
Platti komponierte nicht nur für seinen Dienstherren, sondern auch für dessen Bruder Graf Rudolf Franz Erwein von Schönborn, der im benachbarten Wiesentheid lebte, und selbst mit Leidenschaft Violoncello spielte. Und „weillen es zum exercitio beständig etwas newes sey will“, so der Graf, sammelte er zudem in seiner Residenz jede Menge Musikalien. Die umfangreiche Kollektion ist noch heute erhalten, und sie erweist sich als eine unglaubliche Fundgrube. 
In jüngster Vergangenheit sind etliche Einspielungen erschienen, die auf Noten aus dieser bedeutenden historischen Musikbibliothek beruhen. Unter den Werken Plattis fallen dabei immer wieder Triosonaten auf, bei denen eine der beiden Melodiestimmen über dem Basso continuo in tiefer Lage steht – Musik, die speziell für den Grafen geschrieben wurde. 
Eine Auswahl aus diesem Repertoire präsentiert das Ensemble Radio Antiqua auf dieser CD. Es ist, wie bei Ramée nicht anders zu erwarten, eine Einspielung von höchster Qualität. Besonders zu erwähnen ist zudem das aufwendige Beiheft, mit erstklassigen Einführungstexten. Die liebevolle Sorgfalt, mit der jede Edition dieses Labels begleitet wird, beeindruckt immer wieder. 

Dienstag, 12. November 2019

Bach: Concertos for Organ and Strings (Ramée)

Wenn Konzerte für Orgel und Orchester von Johann Sebastian Bach überliefert wären – wie würden diese wohl klingen? Eine Antwort auf diese Frage geben Bart Jacobs und das Ensemble Les Muffatti auf der vorliegenden CD – und das gar nicht so spekulativ, wie zunächst vermutet. 
Zwar sind heute nur noch Bachs Konzerte für Orgel solo bekannt, hauptsächlich nach Werken von Antonio Vivaldi. Bekannt ist zudem, dass er in Leipzig, und zwar mit dem studentischen Collegium musicum, im Zimmermannischen Kaffeehaus diverse Cembalokonzerte aufgeführt hat. In Dresden spielte Bach 1725 auf der neuen Silbermann-Orgel in der Sophienkirche und beeindruckte das Publikum dabei mit „diversen Concerten mit unterlauffender Doucen Instrumental-Music“, so ein zeitgenössischer Zeitungsbericht. 
Musikwissenschaftler vermuten, dass er dabei Musik vorgetragen hat, die er dann auch in seinen Kirchenkantaten verwendete. Denn unter den Kantaten aus dem Jahre 1726 finden sich auffällig viele Werke mit obligater Orgel. Es wird angenommen, dass Bach in den Sinfonie Sätze von Instrumentalkonzerten bearbeitet hat aus seiner Weimarer und Köthener Zeit, die nicht überliefert sind; einige davon verwendete er später erneut für seine Cembalokonzerte. 
Bart Jacobs hat nun dieses Material genutzt, um dreisätzige Konzerte für Orgel und Streicher hypothetisch zu rekonstruieren. Er zeigt außerdem anhand von drei Sinfonie, wie gut sie sich mit Orgel und Orchester aufführen lassen. Dazu hat er Bachs Arrangements mit großer Sorgfalt studiert, und seiner eigenen Arbeit zugrunde gelegt. 
Das Ergebnis ist rundum überzeugend. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um eine Rekonstruktion handelt, würde man die Werke ohne weiteres Bach zuschreiben.  Musiziert wird ebenfalls sehr schön. Die Thomas-Orgel in der Liebfrauen- und Sankt-Leodegar-Kirche zu Bornem in Belgien – ein modernes Instrument, nachempfunden der Silbermann-Orgel im sächsischen Rötha – bietet dem Organisten ausreichend Klangvarianten zum Konzertieren. Und Les Muffatti sind Bart Jacobs ein exzellenter Partner. Aufnahme und Beiheft sind, wie stets bei Ramée, ebenfalls vorbildlich. Wer Bachs Musik schätzt, der sollte diese CD unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Dienstag, 13. Juni 2017

Bach: Clavier-Übung III (Ramée)

„Structur und Abriß dieses sehr prächtigen und kostbahren Wercks præsentiret sich über die massen herrlich und lebhafft in das Gesicht / so daß hiesiger Ohrten seines gleichen nicht zu finden / zumahlen auch die vorauffstehende Principalen durchgehends von dem schönsten veritablen Englischen Zinnen sind / und dahero gleichsam einen Silber-Glantz von sich strahlen / so über die massen propré ins Auge fällt (..); weilen nun dieses Werck seinen völligen Raum in der Höhe so wohl als Breite hat / so gibt auch die al Italiana neu erbauete / mit Duckstein gewölbete und mit Quadrat-Steinen sauber im Paviment bepflasterte Kirche der Orgel auch eine umso mehr durchtringende und als ein Echo nachschallende Harmonie und Corresonantz / so daß es einem in der Lufft grummelnden Donnerwetter nicht gar ohnähnlich verglichen werde mögte / und zwarn bei Zuziehung des 32.Posaunen-Basses / und ist wohl recht was extraordinaires da man ein Cuppel in 3 Claviren zugleich oder besonders das mittlere Clavier mit obersten allein / deßgleichen mit dem untersten und wiederum das untere mit dem obersten in allen wie man will zusammen nehmen könne; Dieses vortreffliche Werck nun ist von einem berühmten Orgelbauer mit Nahmen N. Treutmann aus Magdeburg so sich vorlängst in gute Renommée gesetzet / mit allem Fleisse verfertiget worden“, so beschreibt 1738 Johann Hermann Biermann in seiner Organographia Hildesiensis Specialis die große Orgel der Stiftskirche St. Georg im Goslarer Stadtteil Grauhof. 
Sie wurde von Christoph Treutmann in den Jahren 1734 bis 1737 errichtet, und durch die Gebrüder Hillebrand 1989 bis 1992 sorgsam restauriert. Léon Berben hat dieses Instrument ausgewählt, um daran den dritten Teil der Clavier-Übung von Johann Sebastian Bach einzuspielen. „Obwohl es die ,Bach-Orgel' als solche freilich nicht gibt, scheint die Orgel zu Grauhof in ihrer heutigen ,wohltemperierten' Stimmung, mit ihren großen Manual- und Pedalumfängen, ihrer reichen Disposition und der hervorragenden Akustik geradezu das ideale Instrument für die Orgelwerke Johann Sebastian Bachs zu sein“, begründet der renommierte Musiker seine Entscheidung. 
Beim dritten Teil der Clavier-Übung handelt es sich um eine Kollektion aus 21 exemplarischen Choralvorspielen nebst vier streng kontrapunktisch gearbeiteten Duetten, eingerahmt von einem großen, feierlichen Präludium und der abschließenden umfangreichen fünfstimmigen Tripelfuge. Mit dieser Sammlung belebte Bach seinerzeit die Gattung des Choralvorspiels – eigentlich schon zu gottesdienstlicher Gebrauchsmusik geworden – wieder neu und setzte für Generationen von Musikern im Bereich der Choralbear- beitung hohe Standards. 
Léon Berben spielt diesen wichtigen Zyklus sorgsam ausgearbeitet und wohldurchdacht. Dennoch wird diese Aufnahme nicht in die Galerie meiner bevorzugten Bach-Einspielungen aufrücken; auch nach mehr- fachem Anhören nicht. Ich finde sie zu ausgewogen und habe mich damit gelangweilt. Von allen Aufnahmen des Labels Ramée war ich bislang begeistert - aber mit dieser werde ich nicht warm, tut mir wirklich leid.  

Montag, 7. November 2016

Spohr - Onslow: Nonets (Ramée)

„Der wahre Inhalt des Romantischen ist die absolute Innerlichkeit“, schrieb einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Der Philosoph sieht die Romantik als Gegenbewegung zur Aufklärung mit ihrer Suche nach Objektivität. Nicht die Vernunft, sondern das Individuum rückte in den Mittelpunkt. Das zeigt sich auch in der Musik: „In this recording we present two pieces of early romantic music, in which the clear lines and transparency of classical music begin to give way to an impressionistic soundscape of shifts and slides and a vexatious chromaticism that draws the listener to unexpected destinations“, schreibt Kate Clark, die Flötistin des Ensembles Osmosis in dem sehr informativen Beiheft. 
Louis Spohr (1784 bis 1859), bekannt nicht zuletzt als Geigenvirtuose, komponierte sein Grand Nonetto pour Violon, Alto, Violoncelle, Contrabasse, Flûte, Hautbois, Clarinette, Basson et Cor op. 31 im Jahre 1813 als Auftragswerk für den Tuchhändler Johann Tost. Er wünschte sich ein Stück für neun Mitwirkende – wobei das Werk zudem den besonderen Charakter eines jeden Instrumentes betonen sollte. 
André George Louis Onslow (1784 bis 1853) war der Sohn eines britischen Adligen, der in Frankreich lebte. Die Familie war sehr vermögend, so dass Onslow niemals Geld verdienen musste. In der ersten Hälfte des 19. Jahr- hunderts gilt er als der wichtigste Komponist von Kammermusik in Frankreich. Onslow schrieb ein Nonetto pour Violon, Alto, Violoncelle, Contrabasse, Flûte, Hautbois, Clarinette, Cor et Basson op. 77. 
Die beiden Nonette, so unterschiedllich sie auch sind, können jeweils als exemplarisch für die frühromantische Kammermusik gelten. Das Ensemble Osmosis hat für diese Aufnahme mit großer Sorgfalt eine Auswahl an historischen Instrumenten zusammengestellt, so dass charakteristische Klangfarben jener Zeit zu vernehmen sind. Die Aufnahme, gewohnt erst- klassig betreut von Rainer Arndt, beeindruckt durch ihre Ausdrucksstärke sowie durch ein klares, ausgewogenes Klangbild – was einmal mehr den Eindruck verstärkt: Alles, was das Label Ramée veröffentlicht, ist rundum gut. Großes Kompliment! 

Sonntag, 21. August 2016

Händel: Arie per la Cuzzoni (Ramée)

„Die Cuzzoni hatte eine sehr ange- nehme und helle Sopranstimme, eine reine Intonationn und schönen Trillo“, berichtet der Flötenvirtuose Johann Joachim Quantz, der die Sängerin in einigen Partien erlebte. „Der Umfang ihrer Stimme erstreck- te sich vom eingestrichenen c bis ins dreygestrichene c. Ihre Art zu singen war unschuldig und rührend. Ihre Auszierungen schienen wegen ihres netten, angenehmen und leichten Vortrags nicht künstlich zu seyn: indessen nahm sie durch die Zärtlichkeit desselben doch alle Zuhörer ein. Im Allegro, hatte sie bey den Passagien, eben nicht die größre Fertigkeit; doch sang sie solche sehr rund, nett, und gefällig. In der Action war sie etwas kaltsinnig; und ihre Figur war für das Theater nicht allzuvortheil- haft.“ 
Wer mit ihr arbeiten musste, der fand die Sängerin oft weniger nett; hätte es damals schon eine Boulevardpresse gegeben – die Diva wäre ganz sicher ein Liebling aller Klatschjournalisten gewesen. Francesca Cuzzoni (1696 bis 1778) war die Tochter eines Geigers aus Parma; ihre Gesangsaus- bildung erhielt sie von Francesco Lanzi, dem Organisten der dortigen Kathedrale. 1714 trat sie erstmals öffentlich auf, im Kleinen Hoftheater ihrer Heimatstadt. In den darauffolgenden Jahren sang sie erfolgreich in vielen Opernhäusern Norditaliens; 1717 wurde sie Kammersängerin der Witwe des Erbprinzen der Toskana, Violante Beatrix von Bayern. 
Dann gelang es dem Impresario John Jacob Heidegger, die Sängerin nach England zu holen: Im Januar 1723 gab die Cuzzoni ihr Debüt als Teofane in der Oper Ottone von Georg Friedrich Händel. Der Komponist hatte mit der Primadonna so manchen Strauß auszufechten; die Legende besagt, er habe ihr sogar angedroht, sie aus dem Fenster zu werfen, wenn sie weiter mit ihm streiten wolle, statt zu singen. Die Cuzzoni sang – und wurde für die Arie Falsa imagine, die sie zunächst so vehement abgelehnt hatte, vom Publikum einmal mehr gefeiert. 
1728 ging Händels Oper pleite; die Cuzzoni reiste weiter, nach Wien, wo man sie allerdings nicht engagierte, weil sie eine astronomische Gage forderte. Von 1734 bis 1737 sang sie noch einmal in London, an der mit Händels Opernunternehmen konkurrierenden Opera of the Nobility, die aber ebenfalls keinen Bestand hatte. Auch wenn die Sängerin noch etliche Jahre weiter durch Europa zog und auftrat – ein längerfristiges Engage- ment an einem Hof zu erlangen, ist ihr nicht gelungen, und ihr Lebens- wandel führte obendrein dazu, dass ihr Vermögen dahinschmolz, ja, dass der einstige Star zeitweise der Schulden wegen im Gefängnis sitzen musste. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Bologna, in Armut, als Knopfmacherin. 
Auch wenn sie einen schwierigen Charakter hatte – Händel schrieb für die Primadonna einige seiner schönsten Arien und wurde durch sie zu zahlreichen Opernpartien inspiriert. Auf dieser CD ist Hasnaa Bennani zusammen mit dem Ensemble Les Muffatti unter Peter van Heyghen mit einer feinen Auswahl aus dem Repertoire der Sängerin zu hören, von Ottone bis zu Scipione und von Tamerlano bis Siroe, Re di Persia. Die junge französisch-marokkanische Sopranistin freilich hat keines der technischen Probleme, die Quantz seinerzeit bei der Cuzzoni bemängelte. Sie hat sich schon im Studium auf „Alte“ Musik spezialisiert, und seitdem erfolgreich an sehr vielen Projekten und Einspielungen mitgewirkt. Nun legt sie bei Ramée eine Hommage an ihre barocke Kollegin vor. Und die ist, wie sollte es bei diesem Label anders sein, rundum perfekt und gelungen. Bravi!

Montag, 13. Juni 2016

Galilei: Intavolatura di liuto (Ramée)

Ein Astronom, der sehr gut Laute spielte, und ein Lautenist, der die Sterne beobachtete – Galileo Galilei (1564 bis 1642) und sein Bruder Michelagnolo Galilei (1575 bis 1631) waren einander eng verbunden. 1607 wurde Michelagnolo Lautenist am Münchner Hof; diese Stelle hatte er bis zum Ende seines Lebens inne. 
Das Leben des Musikers war überschattet von Geldsorgen – das Gehalt, das Kurfürst Maximilian I. seinem Hoflautenisten zahlte, scheint nie ausgereicht zu haben. Michelagnolo jedenfalls sah sich außerstande, seinen berühmten älteren Bruder dabei zu unterstützen, die Aussteuer für seine Schwestern aufzubringen. Aus dem hochinteressanten Beiheft zu dieser CD erfährt man, dass der Musiker zwar ein Fernrohr besaß, aber Frau und Kinder nach Italien zu Galileo Galilei schickte, damit sie versorgt waren. 
Um Geld scheint es in den Briefwechseln der beiden Brüder regelmäßig gegangen zu sein. Auch als Michelagnolo 1620 sein Primo libro d’intavolatura di liuto drucken ließ, beschwerte sich Galileo über die seiner Meinung nach zu hohen Kosten. Wir dürfen uns jedoch darüber freuen, dass der Musiker zumindest einige seiner Werke veröffentlicht hat, denn so wurden sie überliefert . Auf dieser CD hat Anthony Bailes erstmals eine Auswahl daraus eingespielt, kombiniert mit Musik von Vincenzo Galilei (um 1520 bis 1591). Der Vater der Brüder wirkte als Lautenist und Musiktheoretiker in Florenz. Auch er hat Musikstücke hinterlassen, die sich durch eine hohe Qualität auszeichnen, und bislang weitgehend unbekannt geblieben sind. Dieses Repertoire passt zu Ramée, dem High-End-Label von Rainer Arndt, ganz ausgezeichnet.

Sonntag, 15. März 2015

Schein: Ich will schweigen (Ramée)

„Violin, Viola d'amore, Viola da gamba, Viola da Spala, Englische Violet, Alto Viola, Violoncello, der grosse Contraviolon, Trompetten, Waldhorn, Flautten, Flauto Traverso, Oboe, Fagotto, Dolcian, Bombardo, Englische Horn, Clarinetten, Cembalo, Barydon, Zinken, Cornetto, und alle drey Posaunen“ – so zählte 1763 Ignaz Franz Xaver Kürzinger die Instrumente auf, die ein Stadtpfeifer nach seiner fünfjährigen Lehrzeit sämtlich zu beherrschen hatte. Zeitgenossen beklagten, im Ergebnis spielten die auf Lebenszeit angestellten städtischen Musiker letzten Endes keines dieser vielen Instrumente wirklich gut. 
Von Johann Gottfried Reiche (1667 bis 1734) lässt sich dies nicht sagen. Der Sohn eines Weißenfelser Schusters, ausgebildet im Clarinblasen, wirkte in Leipzig als Stadtpfeifer. Wie gut er sein Instrument beherrschte, das wissen wir ziemlich genau, weil Johann Sebastian Bach seine Trompetensoli für diesen Virtuosen geschaffen hat. Reiche ist auf dieser CD mit zwei eigenen Kompositionen vertreten. 
Wie die Stadtpfeifer einst geklungen haben, das demonstriert In Alto auf Nachbauten historischer Instrumente, vom Dulcian über Cornetti und diverse Posaunen bis hin zu Erzlaute und Barockgitarre sowie historischen Schlaginstrumenten. Die Auswahl einer geeigneten Orgel erwies sich als schwierig: „Considérant qu'il n'existe plus d'orgue Renaissance en Saxe et en Thuringe, nous avons dû chercher plus au Nord“, berichtet Lambert Colson, der Leiter des Ensembles. „Outre sa date de construction (1567/1625), la charactéristique décisive pour le choix de cet orgue est qu'il s'agit d'un véritable instrument de cour.“ Die Orgel von Schloss Gottorf befindet sich in der Schlosskapelle, direkt neben dem Ballsaal. Wollte der Organist nicht zur Andacht, sondern zum Tanz aufspielen, dann musste nur eine große Tür geöffnet werden. 
Es ist ein klangschönes Instrument, ohne Frage – aber was diese Aufführungssituation mit den Leipziger Stadtpfeifern zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Als Alibi jedenfalls, um neben geistlicher Musik auch Instrumentalmusik aus der Messestadt spielen zu können, wäre es nicht nötig, denn nicht nur der Adel, auch das vermögende Bürgertum wusste durchaus zu leben. Um ein lebendiges Klangbild aus jener Zeit geben zu können, hat das Ensemble In Alto ausgewählte Werke des Thomaskantors Johann Hermann Schein (1586 bis 1630) durch ansprechende Musik seiner Zeitgenossen sowie der nachfolgenden Musikergeneration ergänzt. Dabei wechseln Werke mit Singstimmen – zu hören sind in wechselnder Besetzung Alice Foccroulle und Béatrice Mayo-Felip, Sopran sowie Reinoud Van Mechelen, Tenor – mit farbenreichen Instrumentalstücken. Ergänzt wird das Programm durch Orgelmusik, wobei natürlich mit Blick auf Leipzig auch ein Werk von Johann Sebastian Bach erklingt. Insofern ist „Ich will schweigen“ als Motto dieser CD, die mit der Ramée-typischen Sorgfalt ediert worden ist, glücklicherweise nicht ganz ernst zu nehmen. 

Freitag, 27. Dezember 2013

Le Parler et le Silence (Ramée)

Die Ursprünge der modernen Flötenmusik erkunden Kate Clark und das Attaignant Consort bei dem Label Ramée. Mit dieser CD beenden die Musiker einen Zyklus mit Werken für Traversflöte aus dem langen Zeitraum vom 16. bis zum frühen 18. Jahrhundert. Er umfasst insgesamt drei CD, und präsentiert Werke für Renaissan- ceflöte, wobei dieses Musikinstru- ment entweder solistisch oder aber im Consort eingesetzt wird. 
Die Flöte, zunächst mit zylindrischer Bohrung und ohne die uns heute geläufige Mechanik, begann ihre Laufbahn sozusagen in Familie. Denn es gab sie in verschiedenen Ausführungen mit unterschiedlichen Längen und Tonhöhen. Sie wurden oftmals im Consort gespielt, oder gemeinsam mit anderen instruments bas, den leisen Instrumenten, die in häuslicher Umgebung erklangen. 
Am Ausgang des Mittelalters übernahm die Flöte schlicht eine Gesangsstimme. Bis zur barocken Flötensonate war es da noch ein langer Weg, den das Attaignant Consort anhand von sorgsam ausgewählten und sehr hörenswert vorgetragenen Musikbeispielen nachzeichnet. Dabei werden die Flötisten durch den Lautenisten Nigel North unterstützt, was in der Programmgestaltung reizvolle Kon- traste ermöglicht. Wer Flötenmusik schätzt, der wird von diesen gelungenen Einspielungen begeistert sein – auch wenn er sich vielleicht gar nicht für Musikgeschichte interessiert. 

Sonntag, 18. August 2013

Images - Marin Marais (Ramée)

Die Viola da gamba wurde einst in Frankreich sehr geschätzt – viel höher als die Geige, von der man sagte, sie sei ein „instrument duquel l'on use en danserie (…), dont usent ceux qui en vivent par leur labeur“, so schrieb Philibert Jambe de Fer 1556. Kenner prie- sen insbesondere den erlesenen, farbenreichen Klang der Gambe. 
Er kam in den Charakterstücken, die in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts in den Suiten zunehmend die Tänze verdrängten, besonders schön zur Geltung. Marin Marais (1656 bis 1728) war ein Meister dieser Pièces de caractère; die Quellen seiner Inspiration reichten dabei von simplen Gemütszuständen über allerlei höfische Vergnügen bis hin zu ganz und gar nicht erfreulichen Erlebnissen – so ist Marais sicherlich der einzige Komponist, der eine Gallenstein-Operation in Töne gesetzt hat. 

Mieneke van der Velden, Gambe, und Fred Jacobs, Theorbe, haben für diese CD aus seinen fünf Büchern mit Pièces de violes ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Die Aufnahmen sind von höchster Qualität, wie man es von dem Label Ramée nicht anders kennt, und auch Beiheft und Hülle sind einmal mehr eine Freude. 

Sonntag, 11. August 2013

Leclair: Violin Concertos Op. 7 (Ramée)

Der Lebensweg von Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764) ist keineswegs so geradlinig, wie man dies bei einem Musiker, der bereits zu Lebzeiten derart bewundert und verehrt wurde, erwarten würde. Leclair war der Sohn eines Korb- machers aus Lyon. Er erlernte also ebenfalls dieses Handwerk – und dazu erhielt er Unterricht im Tanzen und im Violinspiel. Sein Vater, der auf der Viola da gamba hervorragend musiziert haben soll, hielt die Kinder offenbar zum Üben an, denn es gelang schließlich nicht nur Leclair, sondern auch einigen seiner Geschwister, ihren Lebensunterhalt als Musiker zu verdienen. 
Leclair begann seine Karriere als Tänzer und Ballettmeister. In Turin begegnete er Giovanni Battista Somis, einem Schüler Corellis. Es wird vermutet, dass Somis Leclair geraten haben könnte, die Endlichkeit einer Tänzerkarriere zu bedenken – und für die Zukunft auf die Violine zu setzen. Bekannt ist, dass Leclair in Paris bei dem Organisten und Cembalisten André Chéron Unterricht in Harmonielehre und Kontrapunkt genommen hat. 
Leclair war als Konzertviolinist wie als Komponist sehr erfolgreich. Er trat in den Concerts spirituels auf, und reiste durch Europa. Zeitge- nossen priesen sein technisch hervorragendes Geigenspiel ebenso wie seine erlesene Harmonik und seine kunstvolle Satztechnik. Auf dieser CD stellt Luis Otavio Santos gemeinsam mit dem Ensemble Les Muffati alle Violinkonzerte op. 7 (1737) vor, die tatsächlich für Violine geschrieben worden sind - Konzert Nummer drei, so wird vermutet, war wohl für Flöte bestimmt. 
Kurios erscheint, dass diese Konzerte durchweg und ausgesprochen perfekt den italienischen Stil imitieren. Sie klingen nach Corelli, und nicht nach Lully – wer es nicht weiß, der käme kaum auf die Idee, dass diese Konzerte ein Franzose komponiert haben könnte. Santos musiziert mit dem kleinen Ensemble zusammen temperamentvoll, das klingt alles sehr frisch und voll Leidenschaft. Und die Aufnahme ist so gelungen und so authentisch, wie man das von den Produk- tionen des Labels Ramée gewohnt ist. Bravi! 

Dienstag, 16. April 2013

Division-Musick (Ramée)

Im Barock war es üblich, Musik aufwendig und virtuos mit Ver- zierungen auszustatten. Diese Ornamente wurden durch die Musiker improvisiert; wie sie ausgeführt wurden, das kann, je nach Vermögen der Musizierenden und abhängig von Ort und Zeit, höchst unterschiedlich klingen. 
Diese CD stellt eine spezielle Variante solcher Auszierungen vor, die im 17. Jahrhundert in England, vor allem in der Gambenmusik, gebräuchlich und sehr beliebt war. 
Den Namen Divison-Musick gab ihr Christopher Simpson (um 1605 bis 1669), der 1659 sogar ein Lehrbuch veröffentlichte, um Schülern den Zugang zu dieser speziellen Kunst zu erleichtern - The Division-Viol, or the Art of Playing upon a Ground. Darin erläutert Simpson, wie man über einer Bassmelodie, dem sogenannten Ground, zunächst einfache und langsame Melodien improvisiert, und daraus dann durch Diminution äußerst virtuose, schnelle und komplexe Klang- gebilde entwickelt. 
Und weil nicht jeder Musiker in dieser Kunst gleichermaßen versiert war, haben einige Spezialisten solche kunstvollen Divisions auch bis ins Detail notiert. Wer heute diese Kunst kennenlernen will, der findet dort eine außerordentlich wertvolle Quelle. Jane Achtmann und Irene Klein, Gambenduo Musicke & Mirth, stellen auf dieser CD einige solcher Werke mustergültig vor. Dabei werden sie durch Amandine Beyer, Violine, und Johannes Strobl, Virginal und Orgel, unterstützt. Und man muss sich nicht unbedingt für die Details der historischen Verzierungspraxis interessieren, um dem Zauber dieser wunder- vollen Musik zu verfallen. 

Donnerstag, 26. Juli 2012

Pepusch: Concertos and Ouvertures for London (Ramée)

Johann Christoph Pepusch (1667 bis 1752) war der Sohn eines Ber- liner Pfarrers. Über seine Kindheit und Jugend ist ansonsten wenig bekannt. Auch über seine Ausbil- dung wissen wir nichts. 
Wann und warum er aus Preußen nach England ging, lässt sich ebenfalls wohl nicht mehr heraus- finden. Fakt ist: Dort tauchte er zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf - und war binnen kürzester Frist hoch angesehen und als Komponist insbesondere von Instrumentalmusik weithin bekannt.
Pepusch galt als enorm gelehrt, und wurde 1713 in Oxford zum Dok- tor der Musik promoviert. Er war Mitbegründer der Academy of Ancient Music, engagierte sich sehr für die Pflege musikalischer Traditionen und besaß eine legendäre Musikaliensammlung. Bekannt ist er uns heute nur noch im Zusammenhang mit The Beggar's Opera, für die er die Ouvertüre und Continuo-Stimmen für die Lieder ge- schrieben hat. In diesem Stück verspottete John Gay 1728 sowohl die italienische Oper als auch etliche Politiker. Es war ein großer Erfolg, doch das Theater scheint für Pepusch eher deshalb interessant ge- wesen zu sein, weil es ihm eine Bühne für seine Konzerte bot.
Es ist erstaunlich, aber diese Werke schlummern bis zum heutigen Tage, verstreut über halb Europa, in Archiven. "Abgesehen von der Ouvertüre zu The Beggar's Opera ist bis zum Zeitpunkt dieser Auf- nahme keines seiner anderen Stücke jemals eingespielt worden", wundert sich Robert G. Rawson. Er hat nach den Handschriften das Aufführungsmaterial für diese Aufnahme erarbeitet. Der Kontra- bassist hatte 2006 gemeinsam mit dem Geiger Ben Samson und dem Cembalisten Deviad Wright The Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen gegründet, um solchen Raritäten wieder den Weg zurück auf die Konzertbühne zu bahnen. Und mit diesem Ensemble hat er nun bei dem audiophilen Label Ramée außer dieser Ouvertüre noch die zu Venus and Adonis sowie sechs Konzerte des Komponisten der Öffentlichkeit erstmals wieder vorgestellt.
Das lohnt sich: Es sind ideen- und abwechslungsreiche Werke, teil- weise in der Form des dreisätzigen italienischen Konzertes, teils viersätzig und mitunter auch als Concerto grosso mit fünf Sätzen gestaltet. Die konzertierenden Instrumente wechseln; Pepusch soll sogar ein Konzert geschrieben haben, bei dem Pauken den Solopart übernehmen - es ist auf dieser CD aber nicht zu hören. Doch auch Oboe, Violine, Trompete sowie Cello und Fagott sorgen, jeweils in Kombination mit Streichern und Basso continuo, für farbenreiche Klänge. Der Leser denke sich eine Kreuzung zwischen Vivaldi und Händel. Die Musiker zeigen sich spielfreudig und versiert, ihnen zu lauschen, ist ein ausgesprochenes Vergnügen. Herzlichen Dank an Rainer Arndt, der hier mit seinem Label Ramée erneut ein Herzblut-Projekt verwirklicht hat - und, bitte, mehr davon!

Donnerstag, 31. Mai 2012

Une Douceur violente (Ramée)

Über die Lebenswege der Laute- nisten Charles Mouton, Jacques de Gallot und Pierre Gallot ist fast nichts bekannt. Sie lebten im
17. Jahrhundert, unterrichteten ihre teils namhaften Schüler und schufen Lautenmusik, die fest in der französischen Tradition verankert erscheint - aber dabei mit einer Vielzahl origineller Details und einer Intensität des Ausdrucks aufwartet, die noch heute begeistert.

Anthony Bailes, ein ausgesprochen renommierter Spezialist, hat sich dieser wenig bekannten Werke aus der Spätphase der berühmten französischen Lautenschule angenommen. Wer Lautenklänge liebt, der findet bei Ramée eine überzeugende und bis hin zum Spiel- geräusch der Finger auf den Darmsaiten authentische Interpretation dieser charmanten Stücke. 

Mittwoch, 9. Mai 2012

Bach: Die Kunst der Fuge; Berben (Ramée)

Léon Berben, Spezialist für "Alte" Musik, spielt Bachs grandiosen Zyklus Die Kunst der Fuge an der Orgel der Marienkirche Anger- münde. Dabei handelt es sich um ein Instrument, das Joachim Wagner in den Jahren 1742 bis 1744 erbaut hat. 
Dieser Orgelbauer hatte in der Werkstatt Gottfried Silbermanns als Geselle gearbeitet, bevor er dann nach Brandenburg ging. Die Wagnerorgel in Angermünde ist eine der schönsten erhaltenen Barockorgeln; sie klingt zudem auch heute noch sehr ausdrucksstark, wie diese Aufnahme beweist.
Um die zahllosen Mythen, die sich um Bachs Werk ranken, schert sich Berben wenig. Er schaut in die Noten, und schenkt uns eine transpa- rente, sehr klar strukturierte, mitunter allerdings kühn registrierte Interpretation. Die Canons platziert er zwischen den Fugengruppen. Oft strahlen seine Contrapuncti eine geradezu magische Ruhe aus, insbesondere dort, wo sich die Registerwahl durch Zurückhaltung auszeichnet. So baut Berben eine enorme Spannung auf. Und man ist erstaunt, wenn schließlich bei der abschließenden Fuga a 3 Soggetti, satt im Plenum, das B-A-C-H erklingt, und das Werk abrupt abbricht - ein Rätsel, das auch Berben im Schweigen enden lässt. 

Montag, 16. Januar 2012

Eberl: Grand Sextetto (Ramée)

Anton Franz Joseph Eberl (1765 bis 1807) war der Sohn eines Wiener Beamten. Und obwohl seinen Eltern durchaus aufgefallen war, dass er bereits im Kindesalter mehr als nur passabel Klavier spielte, sollte er Jura studieren. Damit war freilich Schluss, als sein Vater in wirtschaftliche Bedrängnis geriet; nun konnte der Sohn sich der Musik zuwenden.
Zunächst verlegte sich Anton Eberl auf Opern, doch Erfolge konnte er damit wohl nicht feiern. So sind von diesen Werken heute nur noch die Titel überliefert. Bekannt aber wurde der Musiker als Komponist von Instrumentalmusik. Diese CD beginnt mit dem Trio op. 8 Nr. 2 aus dem Jahre 1798. Alida Schat, Violine, sowie Thomas Pitt, Violon- cello und Anneke Veenhoff, Fortepiano, machen deutlich, warum Eberls Werke zunächst häufig für Kompositionen seines neun Jahre älteren Kollegen Wolfgang Amadeus Mozart gehalten wurden. Denn dieses Trio ist von bezaubernder Leichtigkeit und Eleganz, und wartet mit schönen Melodien und gewissen harmonischen Wendungen auf, die durchaus von dem berühmten Kollegen stammen könnten.
1796 ging Eberl nach St. Petersburg. Dort wirkte er am Zarenhof, un- ter anderem als Musiklehrer der Zarenkinder. Er verkehrte aber auch als Virtuose in den Salons der russischen Aristokratie, und dirigierte - 1801 beispielsweise Haydns Schöpfung. Am Zarenhof aber wurden nicht Flügel aus Wien gespielt, sondern Klaviere aus England. Sie hatten einen größeren Tonumfang, eine andere Mechanik und einen etwas handfesteren Klang; Eberl stellte sich darauf ein, und entwickel- te seine musikalische Sprache dementsprechend weiter.
1802 kehrte der Musiker nach Wien zurück. Dort war er mit seinen Ideen und Erfahrungen hochwillkommen. Eberl bewegte sich durch- aus innerhalb der Konventionen der Klassik - was seinerzeit Kritiker veranlasste, ihn Beethoven als Vorbild zu empfehlen. Dennoch findet man bei ihm gelegentlich Formen und Klänge, die man eher von einem Franz Liszt erwarten würde. Das zeigt sich beispielsweise bei dem Potpourri en Trio op. 44 aus dem Jahre 1803, das dem Solisten am Klavier alle Möglichkeiten einräumt, zu brillieren. Und das Grand Sextetto in Es-Dur op. 47 aus dem Jahre 1800 schrieb Eberl für Klavier, das durch Violine, Viola, Violoncello, Klarinette und Horn begleitet wird. Warum er diese kuriose Besetzung wählte, wissen wir nicht - aber das Werk beeindruckt durch spannende Wendungen, Kontraste und interessante Kombinationen von Klangfarben. Musiziert wird auf historischen Instrumenten, so dass der ursprüng- liche Klang nachvollziehbar wird. 
Nicole van Bruggen, Klarinette, Thomas Pitt und Anneke Veenhoff - das Trio Van Hengel - spielen gemeinsam mit Alida Schat, Vappu Helasvuo, Viola, und Bart Aerbeydt, Horn. Da nicht bekannt ist, auf welchem Instrument Eberl einst gespielt hat, hat das Trio Van Hengel ein frisch restauriertes Wiener Pianoforte von Mathias Müller aus dem Jahre 1810 eingesetzt. Es verfügt bereits über sechs Oktaven Tonumfang, und über einen sehr wandlungsfähigen Klang. So kann es leicht und elegant klingen, aber auch kraftvoll und durchsetzungs- fähig, ja sogar ein bisschen sanglich und geheimnisvoll - und es erlaubt dem Pianisten das brillante Spiel, das insbesondere das Pot- pourri fordert. 
So wird diese CD zu einer musikhistorischen Entdeckungsreise - und von Eberl möchte man noch wesentlich mehr hören. Wie kann es sein, dass ein derart origineller Musiker im Schatten Mozarts, Haydns und Beethovens schier verschwindet? 

Sonntag, 13. November 2011

Pignolet de Montéclair: Six Concerts à deux Flutes Traversières sans Basses (Ramée)

Michel Pignolet de Montéclair (1667 bis 1737) stammt aus der Stadt Andelot, die von der gewaltigen Festung Montéclair beherrscht wurde, bis beide im Dreißigjährigen Krieg verwüstet wurden. Als der kleine Michel dort als Sohn eines Webers aufwuchs, waren davon allenfalls einige Mauerreste übrig.
Als Achtjähriger wurde Michel Pignolet Chorknabe an der Kathe- drale von Langres. 1686 beendete er seine Ausbildung an dieser Domschule. Mit seinem Zeugnis, neuen Kleidern und 60 Livres ging er ein Jahr später nach Paris, wo er 1695 unter dem Namen Montéclair als "Tanz- und Musikmeister dritter Klasse" im Steuerregister eine Spur hinterlassen hat. Auch in den Katalogen der Musikverleger ist sein Name nun zu finden. 
Im Dienst Karl-Heinrichs von Lothringen-Vaudémont, Fürst von Commercy und Gouverneur von Mailand, verbrachte der Musiker offenbar einige Zeit in Italien. 1699 wurde er als Bassviolinist in das Orchester der Académie Royale de Musique aufgenommen. Er setzte sich erfolgreich dafür ein, dass der Kontrabass in dieses Orchester integriert wurde, und spielte das Instrument dann wohl auch selbst. In seiner freien Zeit unterrichtete Montéclair, und schrieb vier Lehrbücher. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem eine Tochter von Francois Couperin.
Leider sind nur sehr wenige Werke von Montéclair überliefert. Dazu gehören auch die Sechs Konzerte für zwei Traversflöten ohne Generalbass, die Marie-Céline Labbé und Marion Treufel-Franck auf der vorliegenden Doppel-CD erstmals eingespielt haben. Damit ist Rainer Arndt mit seinem Label Ramée einmal mehr eine Entdeckung gelungen, die er dem Publikum wie gewohnt mit großer Sorgfalt präsentiert. Das beginnt bei der exquisiten Aufnahme, und endet mit dem umfangreichen, wie immer hervorragend gestalteten und aus- gesprochen informativen Beiheft. 
Die Konzerte für zwei Traversflöten bestehen jeweils aus einer Folge kurzer Stücke, meist Tanzsätze, die den beiden Solisten in erster Linie Gelegenheit zum spielerischen musikalischen Dialog bietet. Die bei- den Flötistinnen sind seit vielen Jahren eng befreundet, und haben sich mit Montéclairs Konzerten lange und gründlich beschäftigt. "Die Liebe, die wir beide für dieses Werk empfinden, ist in gleichem Maße gewachsen wie unsere musikalische Verbundenheit, und so war die Wahl des Repertoires für diese erste Einspielung als Duett die selbst- verständlichste Sache der Welt", schreiben die Musikerinnen im Beiheft. Der Zuhörer darf sich darüber freuen, denn die beiden Damen harmonieren wunderbar miteinander, und spielen wie aus einem Gedanken.
Es erklingen Traversflöten aus der Werkstatt von Rudolf Tutz, Inns- bruck, nach einem Vorbild, das der Flötenbauer Jean Hyacinthe Rottenburgh um 1730 in Brüssel geschaffen hat. Der herrliche Klang dieser Instrumente macht das Hörvergnügen vollkommen - und diese CD zu einer meiner Lieblingsaufnahmen. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Sonntag, 21. August 2011

Händel: Suites de Pieces pour le Clavecin (Ramée)

Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) war bereits zu Lebzeiten außerordentlich erfolgreich. Über ihn wird eine Geschichte berichtet, wie sie heute wohl nur noch ein Popstar bewirken würde: Zu einer öffentlichen Probe seiner Feuer- werksmusik im Jahre 1749 kamen 12.000 Leute - ein Ereignis, das den Verkehr in London für drei Stunden komplett zum Erliegen brachte. Und auch nach seinem Tode blieben seine Werke populär; die Verleger verdienten damit über Jahrzehnte gutes Geld. 
Die meisten seiner Instrumentalstücke ließ Händel von John Walsh veröffentlichen, einem Londoner Musikverleger. Der Komponist, der für sein virtuoses Spiel auf Tasteninstrumenten berühmt war, hatte es aber gar nicht eilig damit, seine Werke unters Volk zu bringen. Zu- nächst erhielten Freunde und Mäzene handschriftliche Kopien. Diese bekamen sicherlich auch die Verleger zu Gesicht - was einige von ihnen auf eine Idee brachte, von der sie sich einen dicken Profit ver- sprachen, den sie zudem nicht mit dem Autor teilen müssen: Es er- schien ein Raubdruck der noch unveröffentlichten Werke. 
Obwohl Händel zu diesem Zeitpunkt außerhalb von London unter- wegs war, um Sänger für die Oper zu engagieren, erfuhr er offenbar davon. Umgehend erbat er sich ein Druckprivileg vom König, das er auch am 14. Juni 1720 erhielt - und das ihm für 14 Jahre das Monopol auf die Publikation seiner eigenen Werke einräumte. Schon wenige Monate später legte er nun seinerseits eine Ausgabe vor: Suites de Pieces / pour le Clavecin / Composées / par / G. F. Händel (...) / in London printed for the Author, / And only to be had at Christopher Smith's (...) and by Richard Mear's Musical Instrumentmaker (...). Händel ging in die Offensive - in seiner Widmung erklärte der Kompo- nist: "Ich fühlte mich verpflichtet, die folgenden Stücke zu veröffentli- chen, da betrügerische und fehlerhafte Kopien ins Ausland gelangt sind. Ich habe einige neue hinzugefügt, um diesem Werk mehr Nutzen zu verleihen. Wenn dies wohlwollend aufgenommen wird, werde ich mit der Veröffentlichung meiner Werke fortfahren, da ich es für meine Pflicht halte, mit meinem bescheidenen Talent einer Nation zu dienen, von der ich eine solch großzügige Protektion er- fahren habe." Auch die nachfolgenden Ausgaben waren mit Sorgfalt gestochen, und von Händel ebenso sorgsam korrigiert. 
Diese Einspielung - wie von Ramée nicht anders gewohnt in exzellen- ter Qualität - verbindet Suiten aus dem ersten und dem zweiten Band dieser Edition mit drei ergänzenden kurzen Stücken. Der brasiliani- sche Cembalist Cristiano Holtz spielt Händels Werke meist knackig, energisch und sehr entschieden. Eine stringente Interpretation, die durchaus beindruckt. 

Freitag, 29. Juli 2011

Sammartini: Concertos & Overtures (Ramée)

Giuseppe Sammartini (1695 bis 1750) galt seinen Zeitgenossen als einer der bedeutendsten Komponi- sten seiner Generation. In Mailand als Sohn eines Oboisten geboren, erlernte er ebenfalls dieses Instru- ment, und ging schließlich nach London. 
Dort spielte der renommierte Mu- siker in zahlreichen Konzerten sowie in Opernaufführungen, die von Nicola Porpora, Giovanni Bononcini oder Georg Friedrich Händel geleitet wurden. Sammartini sei "auf der Oboe zweifelsohne der größte Virtuose, den die Welt je gekannt", schwärmte der engli- sche Musikhistoriker John Hawkins, der "mit dem Klang, den er hervorbrachte, der menschlichen Stimme näher kam als irgendje- mand sonst es vermochte"
1736 trat Giuseppe Sammartini in den Dienst des Prinzen von Wales, wo er bis zu seinem Tode als Musiklehrer angestellt war. Er kompo- nierte eine Vielzahl von Konzerten und Ouvertüren. Sie wurden in seiner Wahlheimat England ebenso geschätzt wie die Werke Corellis, Geminianis und Händels. Ungefähr sechzig davon sind überliefert. Er schrieb zudem eine große Menge Kammermusik sowie einige Vokal- werke, darunter auch eine Oper. Abschriften seiner Konzerte und Ouvertüren gelangten bis nach Dresden, sie befinden sich noch heute in der Notenbibliothek der einstigen Hofkapelle. 
Doch im Laufe der Jahrhunderte ist der Ruhm Sammartinis verblasst. Seine Musik verschwand noch eher als die seines Bruders Giovanni Battista aus dem Konzertsaal. Wenn überhaupt, haben Oboisten seine Konzerte gespielt. Das Barockensemble Les Mufatti unter Peter Van Heyghen hat nun bei Ramée eine Auswahl selten gespielter Werke vorgelegt. Man habe versucht, "möglichst viele unbekannte Stücke" in das Programm aufzunehmen, erklärt Van Heyghen in dem sehr informativen Beiheft, "so dass sieben Stücke hier vermutlich zum ersten Mal seit dem 18. Jahrhundert erklingen." 
Es muss in der Tat nicht immer Händel sein - der "Londoner" Sammar- tini überzeugt durch Noblesse, Klangpracht und Einfallsreichtum. Und Les Muffati gefallen in ihrer Spielfreude und ihrem überlegenen Können. Meine Empfehlung! 

Donnerstag, 23. Juni 2011

Bach: Cello Suites; Badiarov (Ramée)

Diese Aufnahme dokumentiert ein musikhistorisches Experiment. Es soll die Frage klären, wie das Instrument aussah, für das Johann Sebastian Bach seine Cello-Suiten einst geschrieben hat. Verschiede- ne Kandidaten sind in der Diskus- sion: Entstanden die berühmten Werke für Viola pomposa? Für Violoncello? Oder für Violoncello piccolo?
„Violoncello ist ein Italiänisches einer Violadigamba nicht un- gleiches Bass-Instrument, wird fast tractiret wie eine Violin, neml. es wird mit der lincken Hand theils gehalten, und die Griffe formiret, theils aber wird es wegen der Schwere an des Rockes Knopff ge- hänget“, schreibt Gottfried Walther 1708 in seinen Praecepta der musicalischen Composition. Johann Mattheson berichtet in seinem Das neu-eröffnete Orchestre 1713: „Der hervorragende Violoncello, die Bassa Viola und Viola di Spala, sind kleine Bass-Geigen / in Vergleichung der grössern, mit 5 auch wol 6. Sayten / worauff man mit leichterer Arbeit als auff den großen Machinen allerhand geschwinde Sachen / Variationes und Mannieren machen kann; insonderheit hat die Viola di Spala, oder Schulter-Viole einen grossen Effect beim Accompagnement, weil sie starck durch- schneiden und die Thone rein exprimiren kan. Ein Bass kann nimmer distincter und deutlicher herausgebracht werden als auf diesem Instrument.“
Zeitgenössische Quellen berichten, Bach habe die Viola pomposa erfunden. Doch er selbst schreibt in allen Partituren „Violoncello piccolo“; auch war dieses Instrument ganz offenbar im Cello-Register gestimmt – die Viola pomposa hingegen, für die Telemann, Pisendel und Graun komponierten, wie eine Bratsche. Bach aber hat die Stimme für sein rätselhaftes Instrument aber obendrein im Violin- schlüssel notiert; so findet sich das in diversen Kantaten. Das Noten- material zeigt, dass das Violoncello piccolo offenbar vom ersten Geiger gespielt wurde. Was für ein Durcheinander!
Und obendrein ergab sich da noch ein physikalisches Problem: Die schwingenden Saiten jener Instrumente, die als Viola pomposa oder Violoncello piccolo überliefert sind, sind nur etwa halb so lang wie die eines modernen Cellos. Wie also soll man ihnen die notwendige Masse geben, damit sie so tief klingen können? Originalsaiten, die als Vorbild dienen könnten, sind nicht erhalten.
Unterstützt durch Fachleute aus ganz Europa, hat der Geiger und Geigenbauer Dmitry Badiarov den Versuch gewagt, Violoncelli da spalla nachzubauen, wie sie einst der Leipziger Instrumentenbauer Johann Christian Hoffmann angefertigt hat, ein Zeitgenosse Bachs. Die meisten dieser Miniatur-Celli sind verloren; man hat später Bratschen und Kindercelli daraus gemacht. Lediglich etwa 40 Violoncelli piccoli sind noch in Museen und Sammlungen weltweit erhalten. In Brüssel und Leipzig fand Badiarov Instrumente, an denen er sich orientierte. Einige Spezialisten halfen ihm bei der Suche nach einer geeigneten Besaitung.
Das Ergebnis ist nun auf dieser CD zu hören – und das ist wahrlich eine Offenbarung. Denn Badiarovs Violoncello piccolo da spalla spricht trotz seiner dicken Saiten erstaunlich gut an; es reagiert schnell und präzise, und klingt mitunter wie eine Singstimme, manchmal auch wie ein Barockfagott, und in der hohen Lage eher wie eine Bratsche. Gerade im Spiel von Akkkorden erweist sich die enorme Klangschön- heit dieses Instrumentes; und zu Bachs Cello-Suiten passt das Klangbild wirklich perfekt. Badiarov spielt gelassen und zugleich sehr elegant. Diese beiden CD sind ein Muss für jeden, der sich für das originale Klangbild barocker Musik interessiert – und in jedem Falle gehört diese zu den Bach-Referenzaufnahmen.