Carlo Broschi (1705 bis 1782), bekannter unter seinem Künstlernamen Farinelli, war ein Superstar des 18. Jahrhunderts. Wo immer er auftrat, geriet das Publikum schier in Ekstase. Die Arien, die Komponisten speziell für ihn geschrieben haben, sind eine Klasse für sich. Schaut man in die Noten, so muss der Kastrat eine unglaubliche Technik, einen sagenhaften Stimmumfang, vor allem auch in der Höhe, und schier endlos Luft zur Verfügung gehabt haben.
Heute, wo die Musik der Barockoper durch spezialisierte Ensembles allmählich wieder zum Klingen erweckt wird, sind seine Arien noch immer eine Herausforderung für Sängerinnen und Sänger. „Farinelli hatte eine durchdringende, voll, satte, helle und wohlmodulierte Sopranstimme“, so schrieb einst der Flötist Johann Joachim Quantz. „Passagenwerk und allerhand Melismen stellte keine Schwierigkeit für ihn dar. Sein Einfallsreichtum bei der freien Verzierung von Adagios war stets ausgesprochen ergiebig.“
Farinelli und seiner Gesangskunst widmet Cecilia Bartoli ihr neues Album. Die Koloratur-Mezzosopranistin hat sich barocker Musik seit vielen Jahren verschrieben. Gemeinsam mit dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Leitung von Giovanni Antonini hat sie für diese Einspielung ein ebenso abwechslungsreiches wie anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auch zwei Weltersteinspielungen enthält. Um den berühmten Kollegen zu ehren, zieht Cecilia Bartoli alle Register ihres Könnens. In ihrem Gesang kombiniert sie Virtuosität mit emotionaler Unmittelbarkeit, und die Reife ihrer Stimme unterstreicht den starken Ausdruck eher noch. Beeindruckend!
In dieser Oper ist die Heldin mal nicht nur Opfer, sondern auch Täterin - und was für eine! Gaetano Donizetti (1797 bis 1848) macht in dieser Oper gemeinsam mit dem Librettisten Felice Romani frei nach Victor Hugo aus der histori- schen Lucrezia Borgia eine Har- pyie, die eine Spur von Leichen hinter sich herzieht - und es auch sonst mit den guten Sitten nicht so genau nimmt.
Kaum eine andere Heldin hat Männerphantasien derart beschäftigt wie die attraktive und gebildete Fürstin, der man(n) schon zu Leb- zeiten allerlei Ausschweifungen andichtete. Wie aufreizend der Gegenstand noch im 19. Jahrhundert war, das wird schon daran ersichtlich, dass die Premiere des Werkes 1833 an der Scala einen ziemlichen Skandal verursachte. Und da war die deftigste Szene, in der Lucrezias Opfer in ihren Särgen ausgestellt werden, bereits von der Zensur gestrichen. Die abschließende Bravourarie Era desso figlio mio hingegen, die Donizetti auf Drängen der Primadonna komponier- te und später eigenhändig wieder strich, bildet auch hier das Finale.
Vom Erbe Rossinis findet sich in dieser Oper überhaupt keine Spur mehr. Donizetti schlug hier ein neues Kapital auf, das allerdings ande- re fortschreiben mussten, weil der Komponist 1848 der Syphilis erlag. Lucrezia Borgia ist eine Perle des Belcanto, stark in der musikalischen Gestaltung und Charakterisierung, farben- und ideenreich. Man ver- meint mitunter, eine Partitur von Verdi vor sich zu haben; doch es ist genau anders herum - in den Opern Verdis hört man noch ein Echo Donizettis.
Die Sängerin Edita Gruberová hat ihr Rollendebüt als Lucrezia 2008 (!) in Barcelona gegeben. Man glaubt es kaum, doch das Geburtsjahr 1946 hört man ihr wirklich nicht an. Die Koloratursopranistin zeigt sich auch in dem vorliegenden Live-Mitschnitt aus dem Jahre 2010, der in der Kölner Philharmonie aufgezeichnet wurde, faszinierend gut in Form. Die Stimme sitzt, da gibt es nichts zu mäkeln. Die slowaki- sche Nachtigall ist ein Sängerwunder, und in Franco Vassallo hatte sie einen rabenschwarzen Don Alfonso an ihrer Seite. José Bros sang ihren Sohn Gennaro heroisch-pathetisch; kein Wunder, dass sich Lucrezia zu ihm hingezogen fühlt. Silvia Tro Santafé führte mit war- mem Mezzo als Maffio Orsini die Runde seiner Kumpane an; die Nebenrollen sind nicht überragend, aber solide besetzt. Zu hören sind zudem der Chor der Oper Köln und das WDR Rundfunkorchester Köln unter Andrej Jurkewitsch.
Mit dieser CD beweist Simone Kermes erneut, dass sie derzeit die beste Koloratursopranistin der Welt ist. Die Sängerin, die aus Leipzig stammt und dort auch studiert hat, leistet Grandioses - und auf dieser CD erhält sie Gele- genheit, die ganze Palette ihrer künstlerischen Ausdrucksmittel vorzuführen. So zeigt Kermes in Giovanni Bononcinis Frondi tenere... Ombra mai fu - Händel gefiel das Stück so gut, dass er seine eigene Version 40 Jahre später an diesem Vorbild ausrichtete - ihre Fähigkeit, ein scheinbar "einfaches" Stück mit kluger, schlanker Stimmführung und der ent- sprechenden Phrasierung so zu gestalten, dass es ungeheure Inten- sität und Ausdruckskraft erhält. Und gleich im Anschluss daran schmettert sie in Scarlattis Ondeggiante, agitato im Duett mit einer höllisch anspruchsvollen Trompetenstimme einen hochvirtuosen Schlachtgesang, bei dem der Zuhörer rätselt, wie es möglich ist, solche Tonleitern und Triller zu singen - und wann die Diva denn nun endlich Luft holt.
Sämtliche Stücke auf dieser CD, mit Ausnahme der Arie Cara tomba von Alessandro Scarlatti, sind Weltersteinspielungen. Das Ensemble Le Musiche Nove unter seinem Gründer Claudio Osele begleitet Simone Kermes zuverlässig durch dieses - überaus attraktiv präsen- tierte - Wechselbad der Gefühle und der Leidenschaften.