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Freitag, 31. Dezember 2021

12 Stradivari - Janine Jansen (Decca)

 

Gleich zwölf Stradivaris erklingen auf dieser CD. Janine Jansen hat dafür gemeinsam mit ihrem Klavierbegleiter Sir Antonio Pappano ein interessantes Programm erarbeitet, das nicht nur die klanglichen Vorzüge jeder einzelnen Geige betont, sondern auch einen Bezug zu berühmten Violinisten herstellt, die diese Instrumente in der Vergangenheit gespielt haben. 

Dieses Projekt ist beispiellos. Denn eine Stradivari gibt man nicht so einfach aus der Hand. Als Antonio Stradivari 1737 im Alter von 94 Jahren starb, hatte der Geigenbauer bereits einen einzigartigen Ruf. Könige kauften seine Instrumente – Gitarren, Violoncellos, Harfen, Bratschen, vor allem aber Violinen mit einem ausgeprägt individuellen Klang. Obwohl sie schon damals sehr wertvoll waren, sind im Laufe der Zeit durch Brände, Unfälle und Kriege etliche dieser Preziosen zerstört worden. 

Wenn heute Instrumente Stradivaris zum Verkauf stehen, dann werden Millionenbeträge dafür geboten. Nicht wenige der verbliebenen Geigen befinden sich daher gut geschützt in den Safes von Sammlern. Andere sind in Museen zu sehen. Einige werden aber auch von Solisten gespielt – Janine Jansen beispielsweise musiziert derzeit auf einer Stradivari, die vormals im Besitz von Pierre Rode und Oskar Shumsky war. 

J & A Beare Ltd gehört zu den wenigen Händlern, die sich heute noch in diesem hochspekulativen Markt bewegen. Die Experten dieses Unternehmens werden in Kürze eine sechsbändige Dokumentation veröffentlichen, „the ultimate Stradivari iconography“, wie Geschäftsführer Steven Smith im Beiheft zu dieser CD schreibt. Dazu passt diese Einspielung gut, und sie ist auch nur durch die Unterstützung durch J & A Beare möglich geworden. 

Die Aufnahmen sind für Stradivari-Fans ein Ereignis; das Repertoire, das von Tschaikowsky über Clara Schumann bis hin zu Szymanovski, Elgar und Vieuxtemps reicht, Fritz Kreisler natürlich nicht zu vergessen, ermöglicht es Janine Jansen, die individuellen Charaktere der einzelnen Instrumente zu demonstrieren und sie auf bestmögliche Art und Weise zu präsentieren. Einige dieser zwölf Geigen, die für die Aufnahmen aus der ganzen Welt nach London gebracht worden sind, hat seit Jahrzehnten niemand mehr gespielt; umso spannender ist diese CD. 


Samstag, 3. Juli 2021

Light for the World (Decca)

 

Sie tragen Habit und Schleier, und sie haben sich einem Leben in Armut, Demut und Kontemplation verschrieben – The Poor Clares of Arundel gehören zum Orden der Klarissen, gegründet einst von der heiligen Klara von Assisi. 

Der Konvent besteht aus ca. 20 Nonnen, die abgeschieden auf dem Land in der Grafschaft Sussex leben. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie sich, indem sie Ikonen malen, Holz gestalten, Kerzen herstellen oder liturgische Gewänder. 

Diese freundlichen, zumeist älteren Damen haben nun bei Decca ein Album mit Melodien veröffentlicht, die ihren Alltag begleiten. "As you listen, we hope the words and music will linger in your hearts and minds, and be a source of blessing", schreiben sie im Beiheft. Danke, das ist wirklich sehr nett. Warum man allerdings immer wieder versuchen muss, gregorianische Gesänge „dezent mit atmosphärischen Klängen“ zu unterlegen, ist mir ein Rätsel. 


Donnerstag, 1. Juli 2021

Carnival of the Animals (Decca)


 Der britische Cellist Sheku Kanneh-Mason sowie seine Schwester Isata Kanneh-Mason, eine exzellente Pianistin, sind bereits mit Solo-Alben präsent. Nun laden die beiden jungen Musiker gemeinsam mit ihren ebenfalls sehr talentierten Geschwistern zum Karneval der Tiere ein. 

The Kanneh-Masons sind ein Phänomen; alle sieben Kinder musizieren sehr hörenswert: Animata und Braimah spielen Violine, Mariatu und Sheku Violoncello, Isata, Jeneba und Konya Klavier. Die fünf älteren Kanneh-Mason-Geschwister bilden zusammen mit Gastmusikern das Karneval-der-Tiere-Ensemble. Für die Aufnahme wurde dieses Familienorchester noch durch einige Profis verstärkt – das bringt neben Viola und Kontrabass auch so exotische Klänge wie Xylophon und Glasharmonika mit ins Spiel, was schöne Klangeffekte ermöglicht. 

Michael Morpurgo hat zu der beliebten Musik von Camille Saint-Saëns launige Verse geschrieben, die er gemeinsam mit der Schauspielerin Olivia Colman auch gleich selbst vorgetragen hat. Und weil’s so schön war, folgt auf der CD noch eine zweite Geschichte für alle Kinder, die im Englisch-Unterricht sehr gut aufgepasst haben: Morpurgos Grandpa Christmas, begleitet durch populäre klassische Musik wie Rimski-Korsakows Hummelflug, Tschaikowskis Tanz der Zuckerfee oder Eric Whitacres The Seal Lullaby, das in einer neuen Bearbeitung von allen sieben Kanneh-Mason-Geschwistern gespielt wird. 

Die Rolle des Großvaters spricht erneut der Autor selbst, und er klingt wirklich sehr sympathisch-großväterlich; als Enkelin ist Mariatu Kanneh-Mason zu hören, mit elf Jahren die jüngste der Geschwister. Sie können aber nicht nur klassisch-brav, wie Bob Marleys Redemption Song beweist, den The Kanneh-Masons zum Abschluss als Bonus in einem eigenen Arrangement spielen. Aufgenommen wurde das Album in den Londoner Abbey Road Studios. 


Samstag, 18. Juli 2020

Farinelli - Cecilia Bartoli (Decca)

Carlo Broschi (1705 bis 1782), bekannter unter seinem Künstlernamen Farinelli, war ein Superstar des 18. Jahrhunderts. Wo immer er auftrat, geriet das Publikum schier in Ekstase. Die Arien, die Komponisten speziell für ihn geschrieben haben, sind eine Klasse für sich. Schaut man in die Noten, so muss der Kastrat eine unglaubliche Technik, einen sagenhaften Stimmumfang, vor allem auch in der Höhe, und schier endlos Luft zur Verfügung gehabt haben. 
Heute, wo die Musik der Barockoper durch spezialisierte Ensembles allmählich wieder zum Klingen erweckt wird, sind seine Arien noch immer eine Herausforderung für Sängerinnen und Sänger. „Farinelli hatte eine durchdringende, voll, satte, helle und wohlmodulierte Sopranstimme“, so schrieb einst der Flötist Johann Joachim Quantz. „Passagenwerk und allerhand Melismen stellte keine Schwierigkeit für ihn dar. Sein Einfallsreichtum bei der freien Verzierung von Adagios war stets ausgesprochen ergiebig.“ 
Farinelli und seiner Gesangskunst widmet Cecilia Bartoli ihr neues Album. Die Koloratur-Mezzosopranistin hat sich barocker Musik seit vielen Jahren verschrieben. Gemeinsam mit dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Leitung von Giovanni Antonini hat sie für diese Einspielung ein ebenso abwechslungsreiches wie anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auch zwei Weltersteinspielungen enthält. Um den berühmten Kollegen zu ehren, zieht Cecilia Bartoli alle Register ihres Könnens. In ihrem Gesang kombiniert sie Virtuosität mit emotionaler Unmittelbarkeit, und die Reife ihrer Stimme unterstreicht den starken Ausdruck eher noch. Beeindruckend! 

Montag, 22. Juni 2020

Marsalis: Violin Concerto, Fiddle Dance Suite (Decca)

Diese Musik ist so nur in Amerika möglich: Wynton Marsalis hat ein Konzert für Nicola Benedetti geschrieben, und darin anglo-keltische mit afroamerikanischen Musiktraditionen vereint. „Scored for symphony orchestra, with tremendous respect for the demands of that instrument, it is nonetheless written from the perspective of a jazz musician and New Orleans bluesman”, schreibt der Komponist im Beiheft zu dieser CD. 
Das darf man gern wörtlich nehmen; so finden sich in diesem Werk sowohl schottische Klänge – als Referenz an die Herkunft der Geigerin – als auch Elemente aus Blues und Jazz. Diese Mixtur ist durchaus sehr anspruchsvoll. „The shared vocabulary between the jazz orchestra and the modern orchestra sits largely in the areas of texture and instrumental technique. Form, improvisation, harmony, and methods of thematic development are very different. The biggest challenges are: how to orchestrate the nuance and virtuosity in jazz and blues for an ensemble not versed in those styles (a technical issue); and how to create a consistent groove without a rhythm section (a musical/philosophical issue)”, berichtet Wynton Marsalis. „Because modern living is an integrated experience, it is never difficult to discover organic connections. Turning those insights into something meaningful and playable, however, is another story.” 
Das Ergebnis lässt staunen – diese Musik überwältigt mit ihrer Vielschichtigkeit, und einem komplexen Geflecht aus Bezügen. Jazz ist gewiss präsent, aber er steht nicht ausschließlich im Vordergrund. Marsalis‘ Musik erscheint voll Energie, und Nicola Benedetti meistert die vier Sätze von der vexierbildhaften Rhapsody bis hin zum finalen temperamentvollen Hootenanny mit großer Leidenschaft. Begleitet wird sie bei ihrer musikalischen Reise durch amerikanische Klanglandschaften vom Philadelphia Orchestra unter Leitung von Cristian Măcelaru. Und weil es so schön war, folgt auf der CD anschließend noch Marsalis‘ Fiddle Dance Suite for Solo Violin. 

Freitag, 21. Juni 2019

Baroque Journey - Lucie Horsch (Decca)

Lucie Horsch gehört ohne Zweifel zu den Stars im Blockflötenuniversum. Die Niederländerin, gerade einmal 19 Jahre alt, beeindruckt nicht nur durch unglaublich flinke Finger und ihre brillante Technik. Auch ihr musikalisches Gestaltungsvermögen ist erstklassig, wie die vorliegende CD beweist. 
Das Album lädt die Zuhörer ein zu einer Rundreise durch Europa im Zeitalter des Barock. Die Flötistin startet diese virtuelle Tour in Utrecht, mit einer Melodie aus Jacob van Eycks berühmter Sammlung Der Fluyten Lust-hof. Die Reise führt dann über Deutschland – wo die Musikerin auch Georg Friedrich Händel verortet –, über Italien und Frankreich bis nach England, und von dort wieder zurück in die Niederlande. 
Begleitet wird die junge Solistin auf ihrem virtuosen Ausflug in die Musikgeschichte höchst souverän von der Academy of Ancient Music, der Flötistin Charlotte Barbour-Condini sowie dem Lautenisten Thomas Dunford. Zu hören sind neben bekannten Melodien wie Dido's Lament von Henry Purcell, Händels berühmtem Arrival of the Queen of Sheba, der Erbarme-dich-Arie aus der Matthäuspassion, dem Konzert BWV 1059R und der Badinerie von Johann Sebastian Bach oder van Eycks Engels Nachtegaeltje auch Entdeckungen, wie die Welterstaufnahme eines Konzertes von Jaques-Christoph Naudot. 

Donnerstag, 15. November 2018

Herz-Tod (Decca)

Die Liebe und der Tod – das sind die Themen, denen sich der Bassist Günther Groissböck gemeinsam mit seinem Klavierbegleiter Gerold Huber mit dieser Einspielung zuwendet. Ausgewählt hat der Sänger dafür die Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms, die Michelangelo-Lieder von Hugo Wolf, die Rückert-Lieder von Gustav Mahler – und die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner. 
Sie sind hier zum ersten Male auf CD mit einer Männerstimme zu hören. „Mich hat die Klangsprache der Wesendonck-Lieder schon immer fasziniert, da sie eben dem Tristan an vielen Stelle so nahesteht“, erläutert Günther Groissböck in einem Interview, das im Beiheft nachzulesen ist: „Außerdem habe ich im Text keine verbindliche Geschlechtszugehörigkeit entdeckt, sodass ich mir einfach gedacht habe: Warum denn nicht mal diese ,gender-neutralen' Lieder als Mann singen, weil es ja auch Titel wie ,Schmerzen' oder ,Stehe still' gibt, zu denen etwas draufgängerisches Testosteron sehr gut passt, wie ich finde.“ 
Der Österreicher ist ein gefragter Wagner-Sänger. Sein Bass ist prachtvoll, aber der Liedgesang wirkt mitunter etwas kühl und zurückhaltend; in der Textausdeutung erscheint mir beispielsweise Hans Hotter viel stärker. Gerold Huber allerdings erweist sich einmal mehr als kongenialer Klavierpartner. Es ist beeindruckend, mit welchem Feingefühl er mit dem Sänger in einen Dialog tritt, wie sensibel er auf jede Nuance im Ausdruck reagiert. So wird aus dem Klavierpart weit mehr als eine Begleitung. Huber zeigt immer wieder, wieviel der Pianist zum Gesamtkunstwerk Lied beitragen kann. 

Sonntag, 28. Oktober 2018

Henryk Szeryng - Complete Philips, Mercury and Deutsche Grammophon Recordings (Decca)

Henryk Szeryng (1918 bis 1988) gehört ohne Zweifel zu den bedeu- tenden Geigern des 20. Jahrhun- derts. Über den Lebensweg des Musikers wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. 
Zum hundertsten Geburtstag hat Decca nun sämtliche Einspielungen des Virtuosen, die jemals bei Philips, Mercury und bei der Deutschen Grammophon erschienen sind, mit hohem Aufwand neu veröffentlicht. Die Edition umfasst sagenhafte 44 CDs, und die ganze Box wurde mit einer Akkuratesse gestaltet, die ihresgleichen sucht. Hebt man den äußerst solide gefertigten Deckel ab, wird auf den Rücken der einzelnen Veröffentlichungen sofort ihr Inhalt ersichtlich. Die Vorderseiten der CD zeigen, wie einst die entsprechenden Schallplatten ausgesehen haben. Das Beiheft ist ebenfalls umfangreich und bietet nicht nur Informationen, sondern auch zahlreiche Fotos. 
Die CD-Box enthält neben den bekannten Referenzaufnahmen der Sonaten und Partiten BWV 1001-1006 auch etliche bislang unbeachtete Raritäten. Zu den neu veröffentlichten Aufnahmen zählen Tschaikowskys Violinkonzert mit Antal Doráti und dem LSO, sowie Mozarts Sinfonia concertante KV 364 mit Bruno Giurianna. 
Die Kollektion zeigt, wie breit die musikalischen Interessen und das Repertoire von Henryk Szeryng waren. Zu hören sind beispielsweise Violinkonzerte von Sibelius, Bartók, Chatschaturjan und Prokofjew, Vivaldi, Paganini, Beethoven, Brahms, Wieniawski und Szymanowski, Saint-Saëns, Berg und Martinon, Schumann und Mendelssohn Bartholdy. Dazu erklingen sämtliche Werke Mozarts für Violine und Orchester, sowie Sonaten und Variationen des Komponisten. Bei diesen Aufnahmen war Ingrid Haebler die Klavierpartnerin des Geigers. Gemeinsam mit ihr hat er auch Beethovens Violinsonaten eingespielt. Bei den Klaviertrios des Komponisten ist Szeryng gemeinsam mit Pierre Fournier und Wilhelm Kempff zu hören. Immer wieder wendete sich der Violinist auch den Werken Bachs zu. So sind dessen Violinkonzerte und das Doppelkonzert in dieser Edition gleich zweimal vertreten. Und auch Bachs Sonaten für Violine und Cembalo, von Szeryng eingespielt mit Helmut Walcha, sind in der Box enthalten. Mehrere Zusammenstellungen kleinerer Stücke, darunter eine komplette CD mit Werken von Fritz Kreisler, runden das Bild ab. 
Szeryng war ein Weltbürger – gebildet, sprachgewandt, vielseitig interessiert. Der Musiker beeindruckt immer wieder mit seinem klaren, unverwechselbaren Ton und der enormen Präzision, mit der er jedes Stück gestaltet. Er war ein großer Künstler, der seine Zeitgenossen immer wieder überrascht hat. Diese Box vermittelt etwas von dieser Faszination. Wer das Geigenspiel von Henryk Szeryng schätzt, der hat nun viele Stunden puren Genuss vor sich. 

Donnerstag, 3. Mai 2018

John Williams - A Life in Music (Decca)

Lang ist die Liste der Filmmusiken, die John Williams (*1932) komponiert hat. Und beinahe ebenso lang ist die Liste der Auszeichnungen, die er dafür erhalten hat, darunter mehrere Oscars und Grammys. So hat Williams die Musik zu nahezu allen Filmen des Regisseurs Steven Spielberg geschrieben. 
Diese CD fasst wichtige Meilensteine zusammen. Sie enthält Melodien aus Der weiße Hai, Jurassic Park, E.T. – Der Außerirdische, Hook, Der Soldat James Ryan, Schindlers Liste und Jäger des verlorenen Schatzes. Zu hören sind zudem Hedwigs Thema aus Harry Potter und der Stein der Weisen, der Superman-Marsch und natürlich die Titelmelodie aus Star Wars. 
Neu eingespielt hat all diese Filmhits das London Symphony Orchestra unter Leitung von Gavin Greenway, einem Dirigenten, der mit Filmmusik sehr viel Erfahrung hat. Das Album ist insgesamt mit großer Sorgfalt erarbeitet worden. So kann man in dem schön gestalteten Beiheft nachlesen, wie sehr die beteiligten Musiker John William und seine Werke schätzen. „John William's music will be as long-lasting as Beethoven's and I feel truly privileged to have worked with him“, sagt beispielsweise Tim Hugh, Solocellist des LSO, „as well as having now performed his newly-arranged version of the Schindler's List theme.“ Rundum gelungen! 

Freitag, 30. März 2018

Vivaldi: Gloria (Decca)

Barocke Kirchenmusik stellt oftmals hohe Anforderungen an die Sänger. Das gilt auch für die Werke von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741), die Decca jüngst auf diesem Album vorgestellt hat. Das Gloria RV 589, mit seinen schwungvollen Chören, gehört zu den bekannten Kompositionen des Musikers; es wird vermutet, dass er es für die Mädchen des Ospedale della Pietà schrieb, als Venedig 1716 den Sieg über die Türken feierte. Wenn diese These stimmt, dann muss man allerdings fragen, wieso der Chor in diesem Falle kein reiner Frauenchor ist. Egal – in jedem Falle ist dieses beliebte Werk auf dieser CD zu hören. Und die Besetzung ist grandios: Es singen Julia Lezhneva und Franco Fagioli, sowie der Coro della Radiotelevisione Svizzera, und es musiziert das Ensemble I Barocchisti unter Leitung von Diego Fasolis. Ausgewiesene Barockspezialisten also sind hier versammelt, was sich vor allem auch bei den beiden anderen sakralen Meisterwerken zeigt, die auf dieser CD erklingen. 
Nisi Dominus RV 608, eine Vertonung des 127. Psalms, gibt dem Countertenor Franco Fagioli Gelegenheit zu ausdrucksstarkem Gesang. Der argentinische Sänger beeindruckt einmal mehr mit seiner enorm umfangreichen, beweglichen und obendrein farblich flexiblen Stimme. Jede Passage formt er perfekt, sei sie noch so schwierig, und jede Verzierung sitzt. 
Ähnliches lässt sich über Julia Lezhneva sagen. Sie singt die Solo-Motette Nulla in mundo pax sincera RV 630, bei der Vivaldi fromme Verse höchst raffiniert und extravagant musikalisch gestaltet hat. Insbesondere das abschließende Alleluia mit seiner instrumentalen Stimmführung erweist sich als Herausforderung. Die Sopranistin meistert alles so strahlend und locker, dass man nur staunen kann. Traumhaft! 

Sonntag, 25. Februar 2018

Mozart: Piano Concertos; Uchida (Decca)

Mit dieser CD komplettiert Mitsuko Uchida ihre Einspielung der Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791). Es handelt sich dabei um einen Konzert-Live-Mitschnitt, der im Februar 2016 aufgezeichnet worden ist. Die Pianistin hat sich dafür entschieden, das G-Dur-Konzert KV 453 mit dem C-Dur-Konzert KV 503 zu kombinieren. Und sie leitet das Cleveland Orchestra vom Klavier aus selbst. Das funktioniert bestens; die Solistin und die Orchestermusiker harmonieren wunderbar. Mitsuko Uchida spielt einen modernen Steinway, und sie verzichtet auf historisch korrektes Musizieren. Ihr Mozart ist nicht Museum, sondern Moderne – und er klingt außerordentlich elegant und feinsinnig. Das wird nicht jedem gefallen, aber es hat eine ganz eigene Qualität, ohne Zweifel. 

Sonntag, 12. November 2017

Dvorák: Complete Symphonies & Concertos (Decca)

Nach seiner Rückkehr zur Tschechischen Philharmonie im Jahre 2012 hat sich Jiří Bělohlávek noch einmal dem Werk von Antonín Dvořák zugewandt. Der Dirigent hatte das Orchester bereits in den Jahren 1990 bis 1992 geleitet, als Nachfolger von Václav Neumann, und in den Jahren danach war er auch international sehr erfolgreich tätig, unter anderem als Leiter des BBC Symphony Orchestra.
Bei Decca sind nun zwei wichtige Editionen erschienen. Da wäre zum einen diese Box, die auf sechs CD alle neun Sinfonien und die Konzerte von Dvořák zusammenfasst. Die Sinfonien in dieser Ballung zu hören, das ist ein Erlebnis – zumal sich die Aufnahmen durch viele kleine Details auszeichnen, die man mit Freude wahrnimmt. Da ist alles mit Hingabe gestaltet, mit großer Klarheit strukturiert und sehr fein ausgearbeitet. Man lausche nur dem berühmten Englischhorn-Solo im Largo der Sinfonie Aus der Neuen Welt – berückend!
Beim Cellokonzert ist Alisa Weilerstein zu hören, beim Klavierkonzert spielt Garrick Ohlsson den Solopart. Die große Überraschung war für mich aber das Violinkonzert, das von Frank Peter Zimmermann mit Noblesse interpretiert wird. Diese Aufnahme ist wirklich hinreißend.
Die zweite CD mit der Tschechischen Philharmonie und Bělohlávek, die hier vorgestellt werden soll, bietet eine exzellente Einspielung von Dvořáks Slawischen Tänzen opp. 46 und 72. Auch hier wird deutlich, dass das Prager Orchester Weltklasse hat – und bei Dvořák kann diesen Musikern derzeit kaum jemand das Wasser reichen. Sie spielen schwungvoll und frisch, und zugleich derart differenziert, dass es eine Freude ist. In manchen Passagen wirkt das geradezu kammermusikalisch; man höre nur die Holzbläser... Diese Aufnahme setzt ohne Zweifel Maßstäbe, und sie wird wohl für eine lange Zeit Referenzcharakter haben. Großartig, unbedingt anhören!

Sonntag, 3. September 2017

Mozart - Beethoven - Brahms: Violinsonaten (Eloquence)

Diese frühe Aufnahme mit Sir Georg Solti präsentiert ihn nicht als Dirigenten, sondern als Pianisten – gemeinsam mit dem Geiger Georg Kulenkampff. 
Im Februar 1947 spielten die beiden Musiker die G-Dur-Sonate op. 78 von Johannes Brahms ein, im Juni 1947 folgte Ludwig van Beethovens Kreutzer-Sonate. Im Juli 1948 folgten dann die Sonate für Klavier und Violine KV 454 von Wolfgang Amadeus Mozart, und die beiden Brahms-Violinsonaten op. 100 und 108. 
Leider endete die Zusammenarbeit damit, denn Kulenkampff starb noch im selben Jahr, mit gerade einmal 50 Jahren. Die alten Aufnahmen, sorgfältig remastert, sind nun bei Eloquence auf einer Doppel-CD wieder erschienen. Sie anzuhören, das lohnt sich durchaus. Denn zum einen kann man dabei einen hervorragenden Geiger erleben. 
Zum anderen begeistert Solti als ausgesprochen versierter Klavierpartner. Er begleitet diskret, aber nie defensiv. Der Pianist ist stets präsent, doch er musiziert auch in solistischen Passagen oder bei quasi orchestralem Klaviersatz elegant, in nobler Zurückhaltung. Sehr beeindruckend! 

Dienstag, 30. Mai 2017

Graun: Opera Arias - Julia Lezhneva (Decca)

Bei der Vorbereitung eines Konzertes im Schloss Sanssouci hielt Julia Lezhneva zum ersten Male eine Arie von Carl Heinrich Graun (1704 bis 1759) in den Händen – Mi paventi aus der Oper Britannico, wird im Beiheft zu dieser CD berichtet: „I was completely amazed by this fabulous aria“, schwärmt die Sängerin. „It is so beautiful and emotional that I felt myself trembling when I sang it. It was written for one of the greatest female sopranos of the time, Giovanna Astrua. (..) Unlike Handel and Porpora, where you can feel that castrati were still reigning supreme in opera and dominating the concert stage, it seems that Graun had a deep love of the natural female voice and tried to make women equal to the castrati, creating lots of roles for them with as much emotional and dramatic range as possible.“ 
Carl Heinrich Graun stand, wie auch sein Bruder, der Konzertmeister Johann Gottlieb Graun (1702/03 bis 1771), im Dienst Friedrichs II. von Preußen. Zu seinen Aufgaben als Hofkapellmeister gehörte unter anderem die Leitung des Berliner Opernhauses, für das er auch selbst zahlreiche Werke komponierte. In den Beständen der Staatsbibliothek Berlin, gegenüber dem Opernhaus, befinden sich Abschriften etlicher dieser Opern. Julia Lezhneva hat diese alten Handschriften gemeinsam mit dem Dirigenten Michail Antonenko durchgesehen, um Arien für dieses Album herauszusuchen. 
Mit Ausnahme von Mi paventi handelt es sich dabei durchweg um Welt- ersteinspielungen. „Graun goes deep into a character's emotions, and we chose pieces displaying different kinds: furioso, lamenting, ,character', tragic, bravura and utterly joyful“, so die Sängerin. Dennoch sind seine Werke von der Opernbühne vollkommen verschwunden. 
Den Grund dafür ahnt man bald. Denn insbesondere die Arien, die durch Leidenschaften motiviert sind, erfordern eine enorme Virtuosität. Rasante Koloraturen, ganze Ketten von Verzierungen – mit ihrer Kehlfertigkeit hätte Julia Lezhneva wohl auch einen Porpora beeindruckt. Mir persönlich aber gefällt ihr Gesang am besten dort, wo sie große Linien gestaltet und langsamen Stücken Farbe gibt. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Klagelied aus Grauns Oper Mithridate: „I was moved on tears when I first saw the score of ,Piangete, o mesti lumi'“, meint auch die Sängerin, „it is one of the most touching pieces of music I've ever seen.“ 
Begleitet wird die Sopranistin bei ihrem Ausflug in die Berliner Opern- geschichte vom Ensemble Concerto Köln unter Michail Antonenko. Die Musiker, die gerade im Bereich der Barockmusik schon viele Schätze gehoben haben, sind ihr ebenso zuverlässige wie temperamentvolle Partner. 

Donnerstag, 13. April 2017

Pergolesi: Adriano in Siria (Decca)

Ein einziger fauler Apfel kann einen ganzen Keller voll Obst verderben – wenn er nicht rechtzeitig erkannt und entfernt wird. Damit lässt sich auch die Handlung dieser langen Oper kurz beschreiben, in der ein Tribun namens Aquilio ohne Rücksicht versucht,  seine Interessen durchzu- setzen. 
Im Mittelpunkt steht eine junge Dame, die Emirena heißt und dem parthischen Fürsten Farnaspe versprochen ist, sich aber nun nach der Niederlage ihres Vaters Osroa in der Hand des siegreichen Kaisers Adriano befindet. Hadrian wiederum – unter diesem Namen ist der Römer uns bekannt – hat sich in die schöne Gefangene verliebt, obwohl er eigentlich mit der römischen Edelfrau Sabina verlobt ist. Diese wiederum möchte Aquilio für sich gewinnen, und dazu ist ihm jede Intrige und jeder Vertrauensbruch recht. 
In seinem Libretto Adriano in Siria hat Pietro Metastasio aus dieser Konstellation drei komplette Akte lang eine komplizierte Geschichte mit allerlei Irrungen und Wirrungen erdacht. Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736) nutzte Metastasios Text, als er 1734 im Auftrag für Karl, den König von Neapel, eine Oper zum Geburtstag seiner Mutter Elisabetta Farnese, Königin von Spanien, komponierte. Berühmt ist Pergolesi bis zum heutigen Tag als Schöpfer der Opera buffa La serva padrona sowie des populären Stabat mater. Dass der Komponist seinerzeit auch und vor allem für seine Opere serie gefeiert wurde, ist hingegen ein wenig in Vergessen- heit geraten. 
Jan Tomasz Adamus hat sich mit der Capella Cracoviensis und einem handverlesenen Solistenensemble nun einer dieser Opern zugewandt. Pergolesi schuf Adriano in Siria für grandiose Stimmen. So entstand die Partie des Farnaspe für Gaetano Majorano, bekannter unter dem Namen Caffarelli, ausgebildet durch Nicola Porpora. Dieser Kastrat galt seinerzeit als bester Sänger Italiens – und entsprechend umfangreich und anspruchs- voll ist sein Gesangspart. 
Den Adriano und seinen Vertrauten Aquilio übernahmen zwei Sopranistin- nen, die auf Hosenrollen spezialisiert waren. Auch die beiden Frauenrollen sind für Sopran geschrieben, und sie fordern neben vokaler Virtuosität durchaus auch Ausdruckstärke. Den Osroa schließlich sang ein hervor- ragender Tenor. 
Diese Besetzung mit fünf Sopranen und einem Tenor, zwei Männern und vier Frauen, erscheint in einem Zeitalter seltsam, in dem die Heldinnen auf der Bühne tunlichst nicht nur gut singen sollten, sondern auch möglichst wie ein Model jung und schlank aussehen müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen (wahrscheinlich ist das Publikum heutzutage in seiner optischen Wahrnehmung geschulter als im Zuhören). Auch sind seit einigen Jahren wieder zahlreiche Countertenöre verfügbar, die mitunter selbst hohe Partien übernehmen können. 
Und so singt hier an der Seite von Franco Fagioli, der sich an die höchst schwierige Partie des Farnaspe wagt, der junge ukrainische Countertenor Juri Mynenko als Adriano. Der Aquilio hingegen blieb mit einer Frauen- stimme besetzt, mit der jungen türkischen Sängerin Çiğdem Soyarslan. Den Osroa, König der Parther, singt Juan Sancho; in den Rollen der Emirena und der Sabina sind Romina Basso und Dilyara Idrisova zu hören. 
Die Capella Cracoviensis musiziert auf historischen Instrumenten – mun- ter, mitunter auch emotionsgeladen, dabei aber stets klangschön. Wer Lust hat auf vokale Ausnahmeklänge, auf die hochartifizielle Gesangskunst einer längst versunkenen Opernkultur, die nunmehr schrittweise wieder rekonstruiert wird, der sollte sich insbesondere die Arien mit Franco Fagioli anhören. Es dürfte auf der ganzen Welt derzeit keine drei Sänger geben, die in der Lage sind, eine solche Partie live und ohne Striche zu bewältigen.

Mittwoch, 4. Januar 2017

Vinci: Catone in Utica (Decca)

Als die Oper Catone in Utica von Leonardo Vinci nach einem Libretto von Pietro Metastasio 1728 in Rom am Teatro delle Dame erstmals erklang, standen ausschließlich Männer auf der Bühne. Frauen durften in der Stadt, in der der Papst residierte, nicht auftreten. Und so wurden nicht nur die heroischen männlichen Rollen dieser Oper – Cesare, Fulvio und Arbace – sondern auch die beiden weiblichen Rollen, Marzia und Emilia, von Kastraten gesungen. Tiefere Männerstimmen waren seinerzeit nur in den Partien der Bösewichte und der Senioren zu hören. So war auch hier der betagte Titelheld mit einem Tenor besetzt. 
Bei der Uraufführung waren gleich drei große Stars zu hören: Cesare, der Eroberer, der Catone, den letzten aufrechten Verfechter der römischen Republik, belagert, wurde von Giovanni Carestini gesungen. Die Partie der Marzia, der Tochter Catones, die Cesare liebt, aber aus politischen Gründen Arbace heiraten soll, komponierte Vinci für Giacinto Fontana, einen Sänger, der Frauenrollen so erfolgreich verkörperte, dass ihn das Publikum Farfallino – „kleiner Schmetterling – nannte. Und der Arbace, König von Numidien und ein treuer Verbündeter Catones, wurde von Giovanni Minelli gesungen. 
Die Oper bietet große Gefühle, grandiose Szenen, ganz erstaunliche Musik, und am Ende eine herbe Enttäuschung – denn Catone tötet sich selbst, er stirbt quälend langsam auf offener Bühne, und Cesare verflucht seinen Sieg und wirft den Lorbeer weg. Niemand bekommt, was er wollte; auch die Verliebten finden nicht zueinander. Bei den Römern ist diese Oper wohl durchgefallen, denn die fanden das Finale gar nicht witzig. Metastasio jedenfalls änderte später das Libretto; er ließ von Catones Tod nur noch berichten, und den Liebespaaren verpasste er das gewohnte lieto fine. 
Gleich vier Countertenöre konnte Decca für diese Einspielung von Catone in Utica  aufbieten: Valer Sabadus ist als Marzia zu hören und Vince Yi als Emilia, Franco Fagioli sang den Cesare, und Max Emanuel Cencic den Arbace. Die Partie des Catone übernahm Tenor Juan Sancho, und als Fulvio ist der Tenor Martin Mitterrutzner zu hören. Das Ensemble Il Pomo d’Oro musiziert gewohnt gekonnt unter Leitung von Riccardo Minasi. Die Aufnahme ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Auseinandersetzung mit noch immer in den Archiven schlummernden barocken Opernschät- zen; sie wurde zu Recht 2016 mit einem Echo Klassik ausgezeichnet. 

Montag, 7. November 2016

Haydn Symphonies 78 79 80 81 (Decca)

„I have always been interested in less ;easy' repertoire; well known by experts but not as appreciated by the general public“, schreibt Ottavio Dantone im Beiheft zu dieser Doppel-CD. „I approached these symphonies from Haydn's Sturm und Drang period with a view to understanding the great dynamic and expressive contrasts hidden in the scores.“ 
Dass die Sinfonien dieser Aufnahme zu den weniger bekannten gehören, wird bereits an der Tatsache deutlich, dass zwei von ihnen, mit den Nummern 79 und 81, hier zum ersten Male mit historischen Instrumenten eingespielt worden sind. Als er diese Werke komponierte, lag Haydns sogenannte „Sturm-und-Drang“-Zeit allerdings schon etliche Jahre zurück; auch wenn die erste der vier Sinfonien dieser Aufnahme ein wenig düster und spannungsvoll beginnt. Die Sinfonie Nr. 78 gehört zu einer ersten Gruppe von Werken, 1782 im Druck erschienen, die Haydn bewusst für den Musikmarkt, für seine Ver- leger und ihre Kunden, geschrieben hat. 
Die nächsten drei Sinfonien, Nr. 79 bis 81, stellte er 1784 fertig. Sie sind ebenfalls überaus kunstvoll gestaltet, mt leichter Hand, und enthalten hier und da auch einen der typischen Haydnschen Scherze. Diese Musik war seinerzeit so beliebt, dass ihr Schöpfer 1785 den Auftrag erhielt, sechs Werke für das vergleichsweise große Orchester der Concerts de la Loge Olympique zu schreiben – die Pariser Sinfonien. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte. 
Haydn schätze ich sehr, und höre ihn gern und oft; immer wieder sind neue Facetten und neue Details zu entdecken. Wer den Komponisten nur als „Papa Haydn“, der den Weg freimachte für Mozart, oder aber als einen Vorgänger Beethovens versteht, der hat ihn mit Sicherheit nicht verstan- den. Dass sich Dantone mit der Accademia Bizantina diesen vier Sinfonien zuwendet, ist daher erfreulich. Zwar gibt es bereits etliche Aufnahmen; erinnert sei hier insbesondere an die legendäre Gesamteinspielung, die Antal Dorati, ebenfalls für Decca, in den 70er Jahren in Marl (!) mit der dort ansässigen Philharmonia Hungarica erarbeitet hatte. 
Auch Dantone setzt ganz auf kammermusikalische Präzision, und durch den Einsatz des zeitgenössischen Instrumentariums nähert er sich obendrein dem Klang jener Jahre an. Mit einer kleinen Besetzung geht er auf Entdeckungsreise: „It is well known that eighteenth-century music contains more ,non-written' elements than written ones“, so Dantone. „Discovering these hidden aspects – the secret codes that reveal the music's varying emotions from the most intimate to the most intense – is a highly interesting and creative process.“ Das Resultat kann in diesem Falle auch der Zuhörer genießen – es lohnt sich. 

Donnerstag, 3. November 2016

Dvorák: Slavonic Dances - Legends - Notturno - Miniatures - Prague Waltzes (Eloquence)

Orchesterwerke von Antonin Dvořák hat Ivan Fischer im Jahre 1999 mit dem Budapest Festival eingespielt. Auf einer Doppel-CD, nun bei Elo- quence wiederveröffentlicht, finden sich die Slawischen Tänze op. 46 und 72, die Legenden op 59, das Notturno in B-Dur op. 40, die Miniaturen op. 75A sowie die Prager Walzer. Die Aufnahme begeistert durch die Spiel- kultur der Musiker, die zwar an Temperament nicht sparen, aber zugleich auch immer sensibel und elegant agieren. Obendrein gefällt mir der transparente Klang; immer- hin war dies eine der ersten Mehrkanalaufnahmen im SACD-Format. In jeder Hinsicht lohnenswert! 

Montag, 31. Oktober 2016

Lucie Horsch - Vivaldi (Decca)

Wenn ein großes Klassik-Label eine Blockflötistin unter Vertrag nimmt, dann ist dies ein Ereignis – zumal, wenn die Musikerin erst 17 Jahre alt ist. Doch mit Lucie Horsch ist Decca ohne Zweifel ein Glücksgriff gelun- gen. Ihr Debütalbum widmet die junge Niederländerin  Antonio Vival- di: „Ich finde seine Musik wundervoll – sie ist rhythmisch, leicht, voller Energie. Und seine langsamen Sätze sind unheimlich schön“, zitiert das Beiheft die Solistin. 
Die Aufnahme umfasst vier Konzerte des Italieners – das Concerto per flautino RV 443, das Concerto RV 441, die bekannten Konzerte mit den Beinamen La notte RV 439 und La tempesta di mare RV 433, und dazu das Andante aus dem Konzert für zwei Mandolinen RV 532 in einer reizvollen Version für Flöte, Violoncello und Chitarrone. Ergänzt wird das Programm durch Transkriptionen zweier Arien und den ersten Satz aus dem „Früh- ling“ der Vier Jahreszeiten, umgeschrieben für die Blockflöte im Jahr 1775 von Jean-Jacques Rousseau. 
Wie Lucie Horsch diese Musik spielt, das aber ist in der Tat ein Ereignis. Ihre Technik ist brillant, und sie interpretiert Vivaldis Musik mit Schwung und Leidenschaft. Es ist hinreißend, mit welcher Sicherheit die junge Flötistin musikalische Formen gestaltet, phrasiert, verziert. Hier präsen- tiert sich eine große Virtuosin, von der wir, hoffentlich, noch sehr viel hören werden. 

Montag, 20. Juni 2016

Love live forever - The Romance of Musical Comedy (Decca/Eloquence)

Auch wenn die Operette heute etwas aus der Mode gekommen ist – diese Doppel-CD erinnert daran, dass einst das Publikum die unterhaltsamen Stücke mit dem stets glücklichen Ende ebenso geliebt hat wie die Sänger. 
Die Operette machte große Stars – man denke beispielsweise an Richard Tauber –, und große Stars sangen mit Hingabe Operette. Hier ist Joan Sutherland zu hören, die mit spür- barem Vergnügen Hits von Franz Lehár, Jacques Offenbach, Carl Millöcker, Leo Fall und vielen anderen Komponisten singt, deren Namen mittlerweile ebenso in Vergessenheit geraten sind wie ihre Operetten, obwohl diese einstmals Kassenschlager waren. Ein paar dieser Melodien hat man vielleicht noch im Ohr; und diese schöne Einspielung mit dem New Philharmonic Orchestra unter Richard Bonynge, erstmals erschienen 1967, lädt dazu ein, die nostalgischen Werke wiederzuent- decken.