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Samstag, 15. Mai 2021

Songbook (Sony)

 


Gitarre und Violoncello? Diese CD beweist, dass es sich dabei um eine überaus reizvolle Kombination handelt. Jan Vogler, ein exquisiter Cellist, musiziert gemeinsam mit dem finnischen Gitarristen Ismo Eskelinen – man lauscht, staunt und fragt sich, warum diese Besetzung eigentlich derart ungebräuchlich ist. 

Denn klanglich harmonieren die beiden Instrumente ausgezeichnet, und auch im Ausdruck bieten sie viele Möglichkeiten: Sowohl Gitarre als auch Violoncello können fein nuanciert große Melodiebögen spannen; sie können aber auch rhythmische Impulse setzen, oder sich hart und schneidend behaupten. 

„Die Gitarre verleiht der Musik eine wunderbare Struktur und läuft – anders als es beim ungleich mächtigeren Klavier gelegentlich der Falle sein kann – nie Gefahr, das Cello mit seinem singenden Charakter zuzudecken“, erläutert Jan Vogler. „Manchmal geht die Gitarre in Führungsposition und forciert die rhythmische Komponente, so dass die melodiösen Linien dadurch auch mal in den Hintergrund treten. Dieses Dialogische und die natürliche, organische komplementäre Ergänzung beider Instrumente, das hat mich sehr gereizt.“ 

Die beiden Virtuosen eröffnen das Album mit einem Cantabile von Niccolò Paganini, komponiert ursprünglich für Geige und Gitarre. „Ich habe so wenig wie möglich geändert“, so Vogler. „Ich spiele lediglich eine Oktave tiefer.“ Auch sonst bietet diese CD Überraschendes – von Astor Piazzollas Histoire du Tango über Werke von Manuel de Falla, Maurice Ravel, Heitor Villa-Lobos bis hin zu den wundervollen Drei Nocturnes von Friedrich Burgmüller. Diese Werke für Violoncello und Gitarre, erschienen 1840, betrachtet Vogler als „einen Glücksgriff“ – der Komponist habe „die klanglichen Möglichkeiten im Zusammenspiel beider Instrumente genau erkannt und nutzt sie im besten Sinne aus.“ 

Ein Originalwerk ist auch die Sonate des Brasilianers Radamés Gnattali. Alles andere sind Bearbeitungen – aber diese sind hervorragend: „Bei den hier ausgewählten Tangos wirkt die Musik ganz anders als mit Flöte oder Geige“, unterstreicht Vogler, „gerade was die dunklen Qualitäten, die tiefrote Glut oder das Verruchte von Piazzollas Musik betrifft.“ Das kann nur bestätigt werden. 

Doch meine ganz persönlichen Lieblingsstücke auf der CD sind Moon River von Henri Mancini, und last but not least Gymnopédie No. 1 von Erik Satie. Das Hörvergnügen wird noch durch die ausgezeichnete technische Qualität der Aufnahmen verstärkt. Rundum ein Genuss! Unbedingt anhören. 


Samstag, 27. Juni 2020

Brahms (Sony)

Mit Chormusik hat sich Johannes Brahms (1833 bis 1897) zeitlebens beschäftigt. Er hat selbst sehr verschiedene Chöre geleitet, und eine Vielzahl von weltlichen und geistlichen Chorwerken komponiert. 
Die Mitglieder des Rundfunkchores Berlin schätzen diese Kompositionen sehr. Gijs Leenaars, Chefdirigent und künstlerischer Leiter, freut sich darüber, dass nun mit dieser CD einen Herzenswunsch des Ensembles verwirklicht wurde. Das Album hat ein interessantes Konzept: „Ich finde, eine große Stärke des Rundfunkchores Berlin ist seine Wandlungsfähigkeit“, so der Chorleiter, „sowohl als großes Instrument für Chorsinfonik, bei der die richtige Balance zwischen Orchester und Vokalstimmen eine Herausforderung darstellt, als auch für die A-cappella-Arbeit, bei der die eigene fein trainierte Klangvorstellung sehr wichtig ist.“ 
Brahms fordert beides – und die Profis aus Berlin haben für diese CD ein Programm zusammengestellt, das den ganzen Reichtum seines Schaffens auf allerhöchstem Niveau präsentiert. Es beginnt mit dem Schicksalslied op. 54, einer der bedeutendsten Kompositionen für Chor und Orchester von Johannes Brahms, gefolgt von der A-cappella-Motette Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen op. 74 Nr. 1. Zu hören sind auch die Nänie op. 82 für gemischten Chor und Orchester, die Drei Gesänge op. 42 für sechsstimmigen Chor a cappella, Es tönt ein voller Harfenklang op. 17 Nr. 1 für dreistimmigen Frauenchor, Horn und Harfe sowie das Geistliche Lied op. 30 für gemischten Chor und Streichorchester in einem Arrangement von Sir John Gardiner. 
Die meisten dieser Stücke sind selten zu hören, weil Laienchöre damit heutzutage üblicherweise heillos überfordert wären. Umso mehr freut man sich über die farben- und nuancenreiche Interpretation dieser Pretiosen der Chorliteratur durch den Berliner Rundfunkchor; das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin übernimmt den Orchesterpart. Exzellent!

Hommage à Rossini (Sony)

Schon als Kind, als sie noch an der Hand der Mutter in die Münchner Staatsoper ging, hörte Raphaela Gromes gern Musik von Gioachino Rossini. Und weil sie diese Werke so liebt, widmete die Cellistin dem Komponisten ihr zweites Album: „Für all das, was er mir geschenkt hat, wollte ich ihm Dankeschön sagen“, berichtet die Musikerin im Beiheft. 
Leider fand sich von Rossini selbst nur eine einzige Originalkomposition für Violoncello und Klavier, Une larme aus den Péchés de vieillesse, gewidmet dem Cello-Virtuosen Graf Matvei Wielhorski, der das Stück gemeinsam mit dem Komponisten auch uraufgeführt hat. 
Im „Cello Compagnion“, einem Werk, das auf mehr als 700 Seiten die gesamte Literatur für das Instrument zusammenfasst, stieß Raphaela Gromes auf eine Komposition von Jacques Offenbach, die sie unbedingt mit in ihr Programm aufnehmen wollte: Hommage à Rossini nannte sich das Stück – doch wo waren die Noten? Im Druck erschienen jedenfalls waren sie nicht; und auch im Kölner Stadtarchiv waren sie nicht aufzufinden. Dort lag zwar ein Großteil des Nachlasses von Jacques Offenbach, aber beim Einsturz 2009 waren die Originale verloren gegangen. 
Normalerweise wäre die Suche an dieser Stelle beendet gewesen. Raphaela Gromes jedoch recherchierte weiter. Über einen französischen Musikwissenschaftler erhielt sie den Kontakt zu Offenbachs Nachfahren, die ebenfalls noch Dokumente aufbewahrten. Und so ließ sich aus dem Material, was sich in Paris, in Köln und in Stockholm fand, glücklicherweise am Ende die Partitur rekonstruieren. Dass dies ein Gewinn ist, steht außer Frage; das derart gerettete Werk erweist sich als eine Bereicherung für das Repertoire. Kein Wunder – schließlich war Offenbach ja selbst ein Violoncello-Virtuose. 
Komplettiert wird das Programm zudem durch die Variationen über ein Thema von Rossini von Bohuslav Martinů, Außerdem gibt es natürlich auch Musik von Gioachino Rossini, herrliche Melodien, für das Violoncello bearbeitet von Julian Riem, der Raphaela Gromes bei dieser Einspielung auch als sensibler Klavierpartner zur Seite gestanden hat. Bei den Stücken mit Orchester musiziert das WDR Funkhausorchester unter Leitung von Enrico Delamboye. 
Raphaela Gromes begeistert mit ihrem nuancenreichen Cellospiel. Sie musiziert auf einem kostbaren Instrument von Jean-Baptiste Vuillaume, und sie entlockt ihm einen so faszinierenden Klang, dass man die Sängerstimme überhaupt nicht vermisst. Die Solistin kombiniert intensiven Ausdruck mit hinreißender Brillanz. Ein phantastisches Album, unbedingt anhören!  

Montag, 28. Oktober 2019

Mireille Mathieu - Mes Classiques (Sony)

Wohl jeder Klassikfreund hat seine Lieblingsmelodien, und mitunter lässt man sich vielleicht auch dazu hinreißen, laut mit dem Orchester mitzusingen. Doch während Sie und ich das in den heimischen vier Wänden tun, möglicherweise beim Putzen oder aber unter der Dusche, hat ein Weltstar ein Album daraus gemacht: Mit „Mes Classiques“ erfüllt sich Mireille Mathieu einen Lebenstraum und zollt ihren liebsten klassischen Werken Tribut. Sie wählte bekannte Melodien von Komponisten wie Tschaikowsky, Mozart, Brahms, Schubert, Fauré und Händel aus und ließ sie von Textern und Arrangeuren zu Liedern umarbeiten. 
Wer also schon immer einmal hören wollte, wie Mireille Mathieu, mit ihrer charakteristischen Stimme, das Thema aus Tschaikowskis erstem Klavierkonzert, César Francks Panis Angelicus oder aber Händels berühmte Arie Lascia ch'io pianga anstimmt, dem sei dieses Album empfohlen. Wir lauschen respektvoll (gesungen wird immerhin in sieben verschiedenen Sprachen!) und freuen uns über das Beiheft mit vielen Fotos, die die Sängerin in großer Robe in der Prager Burg zeigen. 

Dienstag, 22. Oktober 2019

Mozart : Salieri - Rivalry? (Sony)

Mozart und Salieri, zwei große Komponisten, als Rivalen, ja Feinde – das wäre eine Geschichte, so ganz nach dem Geschmack der Boulevardpresse! Auch für ein Drama ergibt dies einen famosen Plot, wie jeder weiß, der Milos Formans genialen Film Amadeus gesehen hat, nach dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Shaffer. 
Antonio Salieri (1750 bis 1825) war in Wien als Hofkapellmeister bereits etabliert, als Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) dort antrat, um sich als freischaffender Musiker zu behaupten. Fakt ist: Salieri ließ Mozarts Werke aufführen; er selbst dirigierte 1791 die Uraufführung von Mozarts g-Moll-Sinfonie KV 550, und nach Mozarts Tod übernahm er die Ausbildung seines jüngsten Sohnes Franz Xaver Wolfgang. 
Das Interesse an neuer Musik beim Publikum in Wien und auch Prag jedenfalls dürfte groß genug gewesen sein, um Musikerpersönlichkeiten Raum zu bieten, wenn sie nur Qualität hatten. Und Salieri wird von all seinen Zeitgenossen übereinstimmend als äußerst liebenswürdig und kollegial geschildert. Alles andere ist wohl ins Reich der Legende zu verweisen. 
Auf dieser Doppel-CD hat das Prague Sinfonia Orchestra unter der Leitung von Christian Benda eine Auswahl aus dem Werk beider Komponisten so geschickt zusammengestellt, dass Gemeinsamkeiten und Unterschiede klar erkennbar werden. 
Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang die Kantate Per la ricuperata salute di Ofelia aus dem Jahre 1785, Sie entstand als eine Gemeinschaftskomposition von Salieri, Mozart und einem weiteren Musiker, der sich hinter dem Pseudonym „Cornetti“ verbarg und bis zum heutigen Tag nicht sicher identifiziert werden konnte, auf einen Text von Lorenzo da Ponte. Die Existenz des Werkes war nur durch zeitgenössische Zeitungsannoncen belegt, in denen das Werk vom Wiener Verlag Artaria beworben wurde. Sowohl der Text als auch die Musik galten als ver- schollen. Doch dem Musikwissenschaftler Timo Jouko Herrmann gelang es im Dezember 2015, in den Beständen der Prager Nationalbibliothek eine bei Joseph von Kurzböck gedruckte Ausgabe aufzuspüren. 
Das ursprünglich für Sopran und Tasteninstrument geschriebene Werk erklingt nun also in Weltersteinspielung, und zwar in einer von Christian Benda erstellten Orchesterversion. Es singt Dagmar Williams vom Philharmonischen Chor Prag. 
Die mitreißend musizierte Aufnahme gibt jedem Zuhörer die Möglichkeit, selbst zu vergleichen. Und man wird sehr bald feststellen, was seinerzeit die übliche Praxis war – und wie krass Mozart oftmals davon abwich. 

Freitag, 27. September 2019

Sommernachtskonzert 2019 (Sony)

Das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker lockt alljährlich bis zu 100.000 Besucher in den festlich beleuchteten Park von Schloss Schönbrunn. In diesem Jahr musizierte das Orchester unter Leitung von Gustavo Dudamel. „Rhapsody in Blue“ lautete das Motto des Programmes – und da verwundert es nicht, dass faktisch alle Stücke irgend etwas mit Amerika zu tun hatten. Zugleich haben etliche von ihnen einen Bezug zur Wiener Musiktradition. 
Das Programm beginnt mit Leonard Bernsteins schwungvoller Ouvertüre zu Candide. Der Komponist, Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker, dirigierte sie in Wien sogar einmal selbst – beim Philharmonikerball 1978. Den Jubilee Waltz schrieb Johann Strauss 1872, als er in die USA reiste, um in Boston seine Musik beim World's Peace Jubilee zu dirigieren. 1893 reiste auch Carl Michael Ziehrer in die USA. In Chicago musizierte er mit seinem 60köpfigen Orchester in „Old Vienna“, einem Kulissendorf, in dem auch Händler und Gastronomen Spezialitäten aus dem Österreich anboten. Als Referenz an das Publikum schrieb Ziehrer den Sternenbanner-Marsch, in dem er populäre amerikanische Melodien jener Zeit verarbeitete. 
Die Idee zu The Stars and Stripes Forever hatte John Philipp Sousa auf der Rückreise von einem Urlaub in Europa 1896. Das Stück kann man getrost als amerikanischen Nationalmarsch ansehen. Etwas aus dem ansonsten recht beschwingten Rahmen fällt das berühmte Adagio von Samuel Barber. Er war der erste amerikanische Komponist, dessen Musik die Wiener Philharmoniker seinerzeit spielten – und die New Yorker Uraufführung dieses Stückes dirigierte einst 1938 Arturo Toscanini; seine Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern hatte dieser allerdings nach dem deutschen Einmarsch beendet. 
George Gershwin, auf dieser CD vertreten mit der Rhapsodie in Blue, arbeitete am Broadway eng mit Max Steiner zusammen. Der gebürtige Wiener schuf die Musik für über 300 Filme, zu hören ist hier die Casablanca-Suite. 
Böhmische und amerikanische Musiktraditionen verknüpfte Antonín Dvořák in seiner Symphonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“. Der Komponist wirkte mehrere Jahre als Leiter eines Konservatoriums in den USA. Sein Werk wurde 1896 erstmals von den Wiener Philharmonikern aufgeführt. Dvořák war dem Orchester verbunden, und er hat es auch mehrfach dirigiert. 
Als Zugabe erklingt der Hoe-Down aus Aaron Coplands Ballett Rodeo, schwungvoll präsentiert von den Musikern. In diesem Konzert führte Gustavo Dudamel zwei sehr unterschiedliche musikalische Traditions- linien gekonnt zusammen, und zeigte, wie viele Berührungspunkte es doch gibt. Bei der Rhapsodie in Blue war Yuja Wang die grandiose Solistin. In der magischen Atmosphäre des wohl größten Klassik-Open-Airs konnte das Publikum somit ein ebenso unterhaltsames wie stimmungsvolles Konzert genießen. 

Dienstag, 9. Juli 2019

Raphaela Gromes - Offenbach (Sony)

In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag des Komponisten Jaques Offenbach (1819 bis 1880). Über den Lebensweg des Jubilars, der in Köln als Jakob Offenbach zur Welt kam, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Bevor der Musiker für die Bühne komponierte, hatte er selbst bereits eine ziemlich erfolgreiche Karriere als Cellist: „Er ist groß, mager und außerordenlich bleich“, so schrieb die Pariser Zeitschrift L'Artiste im Jahre 1843 über Offenbach. „Wenn sein Bogen die Saiten vibrieren lässt, dann scheint sich zwischen dem Künstler und seinem Instrument eine jener geheimnisvollen Beziehungen anzubahnen, von denen Hoffmann so wundervoll erzählt hat. Mit seinen langen Haaren, seinem schmalen Wuchs und seiner geistvollen Stirn könnte man ihn für eine Gestalt aus den phantastischen Erzählungen Hoffmanns halten. Mit einem Wort, er wird der Liszt des Violoncellos sein, oder vielmehr, er ist es schon.“ 
Und so ist es überaus erfreulich, dass Raphaela Gromes nun zum Jubiläum ein Album vorlegt, das uns Jacques Offenbach als Cellisten zeigt. Denn wenn man diese exquisite Musik hört, dann fragt man sich, warum diese Kompositionen nicht sehr viel bekannter sind. Kaum zu glauben – doch die letzte größere Einspielung mit Stücken des Komponisten für Cello und Klavier erschien vor sagenhaften 40 Jahren! 
Seitdem sind einige Manuskripte wiederentdeckt worden, so dass Raphaela Gromes mit ihrem langjährigen Klavierpartner Julian Riem auf dieser CD eine virtuose, von Offenbach noch in Köln komponierte Tarantelle in Weltersteinspielung präsentieren kann. 
Zu den ausgewählten Werken des Komponisten für Cello und Klavier gehören zudem Danse bohémienne, Deux Âmes au ciel, Introduction et valse mélancolique, Rêverie au bord de la mer, La Course en traîneau sowie die Elegie Les Larmes de Jacqueline. Offenbachs Musik beeindruckt mit Esprit, melodischer Schönheit und Raffinesse. Sie klingt, für mein Empfinden, eher nach Rossini als nach Liszt. 
An den Solisten stellen diese teilweise enorm anspruchsvollen Stücke hohe Anforderungen. Raphaela Gromes musiziert mit schönem Ton, mit Ausdruck und Spielfreude, dass es eine Freude ist. Und gemeinsam mit ihrem langjährigen Mentor, dem Münchner Cello-Professor Wen-Sinn Yang, spielt die junge Cellistin auch eines von Offenbachs 36 Violoncello-Duos: Op. 54, Nr. 3 in E-Dur, ein ziemlich kapriziöses Stück – brillant und sehr reizvoll. Wer es weniger ausgefallen mag, der wird sich freuen, wenn ganz am Schluss Offenbachs wohl berühmteste Melodie erklingt, die Barcarolle aus der Oper Hoffmanns Erzählungen, in einem neuen Arrangement für zwei Violoncelli und Klavier von Julian Riem. Hinreißend! Bravi! 

Dienstag, 18. Juni 2019

Bach - Benjamin Appl (Sony)

Eine schöne Stimme, kernig, aber zugleich wandelbar, und dazu allerbeste Textverständlichkeit – Benjamin Appl ist ein ein junger Sänger, der aufhorchen lässt. Appl singen zu hören, das ist eine Freude. Auf dieser CD präsentiert der Bariton gemeinsam mit dem renommierten Concerto Köln ein Programm mit Bach-Arien. 
Die Werke des Thomaskantors schätzt Appl schon seit vielen Jahren; denn seine Sängerlaufbahn begann er einst als Chorknabe bei den Regensburger Domspatzen. „Zur Vorbereitung auf dieses Album (..) war es mir wichtig, zurückzudenken, zu ergründen, zurück zu fühlen, was diese Musik für mich persönlich verkörpert“, schreibt Appl im Begleitheft. Denn Bachs Kompositionen sind eine Herausforderung: „Wenn es nur immer so einfach wäre, wie Bach selbst einräumte: ,Alles was man tun muss, ist die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.'“ 
Für einen Sänger ist das noch ein wenig komplexer. Doch Appl trifft nicht nur im Wortsinne stets den richtigen Ton. Der junge Bariton gestaltet ausgesprochen souverän – was nicht nur für das jeweilige Stück gilt, sondern auch für das komplette Programm. Auf dieser CD kombiniert er bekannte Arien, wie Mache dich, mein Herze, rein oder Gebt mir meinen Jesum wieder aus der Matthäuspassion, mit weniger populären, wobei er auch die weltlichen Kantaten stets mit im Blick hat. Und  Concerto Köln ist dem Sänger nicht nur ein erstklassiger Begleiter. Mit einer geschickten Auswahl verschiedener Sinfonien aus verschiedenen Kantaten zeigt das Ensemble, wie abwechslungsreich Bach diese Eingangssätze einst angelegt hat. Und natürlich bietet dies auch den Instrumentalisten Gelegenheit, zu glänzen. Rundum gelungen! 

Dienstag, 21. Mai 2019

Quadro Nuevo - Volkslied reloaded (Sony)

Herzliche Einladung zum großen Volksliederquiz mit dem Quadro Nuevo! Das mehrfach prämierte Weltmusik-Jazz-Ensemble hat die bekannten Melodien neu arrangiert. Mit vielen Gästen und mit dem Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Elisabeth Fuchs spielen die Musiker Evergreens wie Am Brunnen vor dem Tore, Der Mond ist aufgegangen, Hoch auf dem gelben Wagen oder Die Gedanken sind frei. Nicht alles, was sie für diese CD ausgewählt haben, ist heute noch wirklich populär. Einige Lieder, wie Ich fahr dahin, Maikäfer flieg oder Wohlauf in Gottes schöne Welt werden sicherlich nur noch die Experten kennen. 
Und wenn Freunde aus anderen Ländern am Lagerfeuer wie selbstver- ständlich ihre Volkslieder anstimmen, kann unsere junge Generation heute wohl ohnehin nur noch Augen und Ohren aufsperren. Denn man singt nicht mehr, man lässt singen – das Smartphone haben die Kids doch immer dabei. 
Ob sie sich für diese kunterbunte Klangwelt erwärmen können, das darf ebenfalls bezweifelt werden. Denn leichte Kost sind die Arrangements des Quadro Nuevo nicht, egal, wie beschwingt sie daherkommen. Wer sich darauf einlässt, der wird aber witzige Ideen finden. So wird in Servus Habibi bayerische Folklore mit orientalischen Klängen gemixt. Und auch das Trinklieder-Medley hat nicht nur Weingeist mitbekommen. Ein musikalischer Spaß für Insider – raffiniert angerichtet und pikant gewürzt. Aber das wird nicht jedem schmecken. 

Freitag, 15. März 2019

Simone Kermes - Mio caro Händel (Sony)

Mit einem Donnerschlag beginnt dieses Album. Simone Kermes präsentiert ihre ganz persönlichen Händel-Favoriten – und die Arie Furie terribili! aus der Oper Rinaldo, mit der die Zauberin Armida im ersten Akt temperamentvoll in Erscheinung tritt, hat sie ganz an den Anfang gestellt. 
Die Sopranistin, die weltweit zu den Stars ihres Faches gehört, lässt es mit Wonne krachen. Die Partien der Zauberinnen, leidenschaftlich und in jeder Hinsicht extrem, hat Kermes mittlerweile nahezu komplett gesungen,wie sie im Beiheft in einem Brief an den Komponisten schreibt. Auch sonst hat sie Georg Friedrich Händel so einiges mitzuteilen: „Du bist mein Wegbereiter, mein Schutzengel, mein Idol“, schwärmt Simone Kermes. „Mit diesem Album danke ich Dir für alles, was Du für mich getan hast.“ 
Und da fällt der Sopranistin so einiges ein. So sang sie die Arie Süße Stille, sanfte Quelle, als sie 14 Jahre alt war, bei einem Weihnachtskonzert im Leipziger Gewandhaus. Schon damals faszinierte sie die Musik des Komponisten. Und zur Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule, dann für die Zulassung zur Solisten-Ausbildung, in Wettbewerben und auch beim Vorsingen für ihre erste Opernrolle wählte sie Arien von Georg Friedrich Händel, und war damit stets erfolgreich. „Du begleitest mein gesamtes Leben, meine Karriere. Was wäre ich wohl heute ohne Dich?“, meint die Sängerin. „Seit mich Deine Musik ins Herz und in die Seele traf, bin ich beflügelt von Deiner Magie.“ 
Verzaubert lauscht auch der Zuhörer diesem Album. Denn es ist, als hätte Händel diese Arien eigens für Kermes geschrieben. Natürlich fehlen auch das berühmte Ombra mai fu und Kermes Lieblings-Arie Lascia ch'io pianga nicht. Und egal, was sie singt, es ist perfekt - vom ersten bis zum letzten Ton und von der energischen Koloratur bis zum lyrisch-melan- cholischen großen Bogen. Begleitet wird die Sopranistin gekonnt von ihrem Ensemble Amici Veneziani, mit Konzertmeister Boris Begelmann. Muss man gehört haben! Diese CD ist ein Ereignis und auch eine Freude, nicht nur für Freunde der Barockmusik. 

Montag, 19. November 2018

Christmas at the Movies (Sony)

Beliebte Weihnachtsfilme und Weihnachten im Film – Sony hat aus bekannten Soundtracks ein Programm zusammengestellt, dass sich rundum hören lassen kann. Von „Der Polarexpress“ bis zum „Zauberer von Oz“ und von „The Nightmare before Christmas“ bis zu „Kevin – Allein zu Haus“ erinnert das Album an Lieblingsfilme aller Generationen. 
Von White Christmas aus dem Film „Holiday Inn“ über Melodien aus „Harry Potter und der Stein der Weisen“ oder „Edward mit den Scherenhänden“ reicht die Auswahl moderner Klassiker, und auch die Gremlins, die Elfenfamilie, die Muppets oder Charlie Brown und die Peanuts sind mit vertreten. 
Die Filmmusiken wurden eigens für diese CD neu arrangiert, und vom Czech Philharmonic Orchestra unter Leitung von Nick Patrick eingespielt. Natürlich darf dabei ein wenig musikalischer Feenstaub, wie Glockenspiel und Chorgesang, nicht fehlen. Aber wer wird denn darüber meckern – es ist schließlich Weihnachten, und da kann es ruhig eine Prise rosa Puder- zucker sein! Als Gaststars sind auf dieser CD übrigens The Piano Guys zu hören, mit dem Titel Let it go aus dem Film „Frozen – Die Eiskönigin“. 

Montag, 27. August 2018

Nuove Inventioni (Sony)

Jazz trifft auf Barock – und es ist eine spannungsvolle Begegnung! Diese CD dokumentiert, was geschieht, wenn zwei Musiktraditionen zueinander finden, die sich nur auf den ersten Blick stark unterscheiden. Natürlich sind Harmonik und Rhythmik jeweils ganz eigen. Doch die Liebe zur Improvisation vereint Jazz und Barockmusik. 
Wie das klingen kann, das zeigen der erfahrene Lautenist Rolf Lislevand und das junge Ensemble Concerto Stella Matutina mit dieser Aufnahme. Die Musiker machen deutlich, dass auch barocke Klänge grooven können – und dass man moderne Musik auch auf historischen Instrumenten ganz wunderbar spielen kann.  

Freitag, 29. Juni 2018

Lost in Temptation - Alliage Quintett (Sony)

„The only way to get rid of tempta- tion is to yield to it“, notierte einst Oscar Wilde. An dieses Zitat musste ich beim Anhören der aktuellen CD des Alliage Quintetts denken. Die Musiker spielen nicht nur inhaltlich mit Verlockungen, die bekanntlich schon so manchen Helden vom rechten Wege hinweg geführt haben. Auch klanglich hat diese Reise durch die Musikgeschichte ganz enorme Reize. Ob Songs aus Kurt Weills Dreigroschenoper oder die Suite aus The Fairy Queen von Henry Purcell – das Alliage Quintett zeigt, wie abwechslungsreich vier Saxophone und ein Klavier bzw. ein Cembalo in geschickten Arrangements kombiniert werden können. Auch klanglich sind diese Blasinstrumente unglaublich flexibel. Insofern ist diese CD in der Tat eine Versuchung, der man unbedingt nachgeben sollte. Es lohnt sich! 

Montag, 14. Mai 2018

The New Paganini Project (Sony)

Welch enorme Bedeutung doch die Begleitung für die Wirkung eines Musikstückes hat, das macht dieses faszinierende Experiment deutlich: Der junge Geiger Niklas Liepe, Preisträger des Deutschen Musik- wettbewerbes 2017 und NDR-Kulturpreisträger, hat ausgewählte Komponisten eingeladen, Capricen für Violine solo von Niccolo Paganini (1782 bis1842) durch einen Orchesterpart zu ergänzen. Einzige Bedingung: Der Geigenpart durfte nicht verändert werden.
Dieses Verfahren hat Tradition. Denn schon die Zeitgenossen des Virtuosen fühlten sich dazu herausgefordert, Paganinis Capricen zu „komplettieren“; so schrieb beispielsweise Robert Schumann 1853/54 eine – sehr dezente – Klavierbegleitung. Den jeweiligen Zeitgeschmack spiegeln Klavierparts, die Geigenvirtuosen von Ferdinand David bis zu Fritz Kreisler oder Jacques Thiebaut hinzugefügt haben.
Sieben dieser „historischen“ Begleitungen hat Niklas Liepe in Zusammen- arbeit mit Andreas N. Tarkmann für diese Aufnahme ausgesucht. Tark- mann, ein renommierter Arrangeur, hat sie gekonnt und stilgerecht orchestriert. Er ließ es sich natürlich auch nicht nehmen, eine Caprice, und zwar die Nr. 14, mit einer Begleitung zu versehen.
Generell zeichnen sich die Komponisten, die sich an diesem Vexierspiel beteiligten, durch höchst unterschiedliche musikalische Handschriften und Klangvorstellungen aus. Peter WesenAuer beispielsweise hat die Caprice Nr. 7 mit einem Orchesterpart versehen, der sicherlich auch Paganini gut gefallen hätte. Gérard Tamestit hingegen stellt seine Komposition ganz entschieden neben jene von Paganini. Das wirkt beinahe so, als würde er das Original ignorieren.
Nahezu jede Variante aber wertet den Orchesterpart auf, macht ihn zu einem gleichberechtigten Partner des Solisten. Die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern hat sich unter der Leitung von Georg Bühl dieser Herausforderung gestellt, und die 24 Capricen mit den neu komponierten Begleitungen gemeinsam mit Niklas Liepe eingespielt. Außerordentlich spannend! So aufregend war Klassik lange nicht mehr. 

Samstag, 17. März 2018

Anton & Paul Wranitzky (Sony)

Konzerte von Paul Wranitzky (1756 bis 1808) und Anton Wranitzky (1761 bis 1820) präsentieren die georgische Geigerin Veriko Tchumburidze und die Schweizer Cellistin Chiara Enderle auf dieser CD. 
Es handelt sich in beiden Fällen um Weltersteinspielungen – was die beiden jungen Musikerinnen, die bei diesem Aufnahmeprojekt von der Orpheum-Stiftung zur Förderung junger Solisten unterstützt wurden, als Privileg, aber auch als große Herausforderung wahrgenommen haben. 
„Wenn wir Interpreten unsere Stücke einstudieren, profitieren wir häufig von der schnellen Verfügbarkeit der Werke, Interpretationen und Aufnahmen. Dies bedeutet, dass wir schließlich mehr als genügende – fast unbewusste und ungewollte – Vorstellungen von der Aufführungspraxis des jeweiligen Werkes haben“, räumt Veriko Tchumburidze ein. „Ohne diesen Zugriff sind wir uns jedoch selbst überlassen. Dies brachte mich dazu, mich selbst zu fragen, wie der seinerzeit umjubelte Violinvirtuose Wranitzky sein eigenes Meisterwerk wohl aufgeführt hätte. Was hätte er mir gesagt, wenn ich im Wien seiner Zeit gelebt und ihm dieses Konzert vorgespielt hätte? Es war für mich enorm bereichernd, über diese Fragestellungen nachzudenken.“ 
Das Cellokonzert von Paul Wranitzky ist „ein extrovertiertes, virtuoses Werk, das mich am ehesten an die Cellokonzerte von Haydn und Boccherini erinnert. Ich konnte kaum glauben, dass ich noch nie auf dieses charmante Stück gestoßen war“, schreibt Chiara Enderle. „Es ist ein ehrgeiziges Werk, ziemlich lang und sehr anspruchsvoll für den Solisten. Bei der Arbeit daran (..) habe ich großen Respekt vor den Cello-Virtuosen der damaligen Zeit gewonnen – sie müssen wirklich ,was drauf gehabt' haben!“ 
Die beiden Solistinnen musizieren sehr engagiert gemeinsam mit dem Münchener Kammerorchester, das unter Leitung von Howard Griffiths ausgesprochen temperamentvoll begleitet. Mit Paul Wranitzkys Sinfonie D-Dur op. 16 Nr. 3 setzt das Ensemble auch noch einen eigenständigen Akzent. 

Montag, 1. Januar 2018

Voice of the Soul (Sony)

Immerhin vier Weltersteinspielungen kann Marion Treupel-Franck auf dieser CD vorweisen. Die Flötistin hat das Schaffen von Jean Daniel Braun (vor 1728 bis um 1740) erkundet. Es wird angenommen, dass er aus Deutschland stammte; über seinen Lebensweg ist aber nur wenig bekannt: Als 1728 sein Opus 1 im Druck erschien, war Braun Mitglied der Hofkapelle des Herzogs von Épernon. Spätere Veröffentlichungen benennen Adressen in Paris, bei denen sie „chez l'auteur“ bezogen werden können. Bis 1740 ließ er etliche seiner Werke drucken, so vier Bände mit Sonates pour la Flûte traversière, et Basse, zudem ein Band mit Triosonaten op. 3 sowie Différentes pièces pour flûte traversière sans basse op. 4. 
Da Brauns Opus 6 für zwei Fagotte komponiert wurde, wird zudem vermutet, dass er selbst beide Instrumente spielte. Darauf weist auch sein letzter Sonatenband, ohne Opuszahl erschienen 1740, hin, bei dem es sich wohl um ein Lehrwerk handelt. Es gibt zudem einen „Mr. Braun“, der seit 1728 an der Oper sowie der Académie Royale de Musique in Paris als Oboist wirkte, und der 1749 gestorben ist. Der Gedanke liegt nahe, dass dieser Musiker Jean Daniel Braun gewesen sein könnte – doch muss dies bis auf weiteres Spekulation bleiben. 
Greifbar aber sind die Werke von Jean Daniel Braun. Zur Vorbereitung dieser Aufnahme hat Marion Treupel-Franck in verschiedenen Archiven das überlieferte Notenmaterial gesichtet, um interessante Werke des Komponisten aufzuspüren. Das ist ihr tatsächlich geglückt, wie diese CD beweist. Der Zuhörer kann sich aber nicht nur an vortrefflicher Musik im galanten Stil erfreuen; auch die Einspielung lässt keine Wünsche offen. Auf historischen Instrumenten oder ihren Nachbauten musizieren mit der Flötistin renommierte Kollegen: Sergio Azzolini, Fagott, Axel Wolf, Gitarre und Laute, und Francesco Galligioni, Viola da gamba und Violoncello. 

Sonntag, 17. Dezember 2017

Christmas Piano Music (Sony)

Die Weihnachtszeit ist auch eine Zeit des häuslichen Musizierens. Das Klavier, als traditionelles Haus- instrument, war dabei in den letzten 150 Jahren von zentraler Bedeutung. Auch wenn es heute in vielen Familien nicht einmal mehr dazu reicht, ein simples Weihnachtslied gemeinsam zu singen – verflixt, wie war doch gleich der Text! – liegen doch jene Zeiten, in denen das souveräne Spiel auf einem Musik- instrument ganz selbstverständlich als Bestandteil der höheren Bildung galt, noch gar nicht so lange zurück. Und wer alte Notenbestände sichtet, der wird oftmals Werke für das Weihnachtsfest finden – auf jedem musikalischen Niveau. 
Peter Froundjian hat aus der Vielzahl solcher Kompositionen für dieses Album einige wirkliche Perlen ausgewählt. Der Pianist, Gründer des seit 1987 alljährlich in Husum stattfindenden, international renommierten Festivals „Raritäten der Klaviermusik“, hat so einiges gefunden, was garantiert kaum jemand kennt. So spielt er die zwölf Pastorales op. 77 von Charles Koechlin (1867 bis 1950), eine Pastorale von Gustav Helsted (1857 bis 1924) Noël und Pastorale von Ignaz Friedman (1882 bis 1948) oder das Jule-Idyl von Alfred Tofft (1865 bis 1931). 
Sehr schön ist auch Snöflingor op. 57 Nr. 2 des finnischen Komponisten Selim Palmgren (1878 bis 1951), der den Flockenwirbel mit impressionisti- schen Stilmitteln schildert. Carl Nielsen (1865 bis 1931) stellt in seiner Fantasie Drømmen om „Glade Jul“ die Melodie des Liedes Stille Nacht in den Mittelpunkt. Und Franciszek Brzeziński (1867 bis 1944) zeigt uns mit Noël in Pologne, mit welcher Inbrunst das Weihnachtsfest in Polen gefeiert wird. 
Die Liste der Raritäten, die Peter Froundjian zusammengetragen hat, ist damit lang noch nicht vollständig. Der Pianist bestätigt mit dieser CD einmal mehr seinen Ruf als Spezialist für kaum bekannte Klaviermusik. Mit diesem Album beschert er allen Freunden eher moderner Klänge eine Kollektion faszinierender Weihnachtsmusiken, weit abseits vom Kaufhausgedudel. 

Dienstag, 14. November 2017

Sinfonie Concertante - Mozart, Holzbauer, Pleyel (Sony)

Die Sinfonia Concertante, entstanden aus der Verflechtung von Sinfonie, Solokonzert und Divertimento, erlebte ihre Blütezeit zwischen 1770 und 1825. Sie erfreute Musiker wie Publikum durch einen gefälligen Orchestersatz und brillante Solo-Partien. Die Konzertante, wie sie auch genannt wird, kam zunächst in Paris in Mode. Derartige Werke erklangen aber bald überall, wo exzellente Musiker verfügbar waren – so in Mannheim, in Wien oder aber in London. 
Das Kammerorchester Basel stellt auf dieser CD drei besonders schöne Exemplare vor. Zu hören ist an erster Stelle die Sinfonia Concertante in Es-Dur des Mannheimer Hofkapell- meisters und Hofkomponisten Ignaz Holzbauer (1711 bis 1783). Bei diesem  Stück konzertieren Violine, Viola und Violoncello. 
Flöte, Oboe, Fagott, gleich zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass hat hingegen Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 1831) mit Solo-Aufgaben betraut. Die Sinfonia Concertante in F-Dur B. 113 des Haydn-Schülers und Straßburger Domkapellmeisters bietet aber nicht nur farbenreiche Soli, sondern dazu auch eine  wunderschöne dezente Orchesterbegleitung. 
Die Sinfonia Concertante in Es-Dur KV 297b, von Wolfgang Amadeus Mozart komponiert im April 1778 für Flöte, Oboe, Fagott, Horn und Orchester. Vorgesehen war sie für den Flötisten Johann Baptist Wendling, den Oboisten Friedrich Ramm, den Hornisten Johann Wenzel Stich, besser bekannt als Giovanni Punto, und den Fagottisten Georg Wenzel Ritter; erklingen sollte sie im Concert Spirituel. Die Solisten, so erfahren wir aus Mozarts Briefwechsel mit dem Vater, kennen ihre Partien bereits und „sind noch ganz darein verliebt“. Aber aber dann wird ein ganz anderes Werk aufgeführt, und Mozarts Partitur bleibt auch verschwun- den. 
Im Nachlass des Mozart-Biographen Otto Jahn findet sich dann die Abschrift eines Werkes für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Orchester. Musikwissenschaftler gehen heute davon aus, dass zwar die Solostimmen auf der ursprünglichen Fassung beruhen – aber dieser Orchesterpart nicht von Mozart stammt. Auf dieser CD erklingt nun das verschollene Werk in einer von Robert Levin rekonstruierten Fassung, dirigiert von Umberto Benedetti Michelangeli. 
Das Kammerorchester Basel musiziert auf modernen Instrumenten, es hat dabei jedoch die historische Perspektive stets im Blick. Den Musikern um Konzertmeisterin Julia Schröder ist einmal mehr eine Produktion gelungen, die rundum überzeugt – und der Hörer darf sich über wirkliche Entdeckungen freuen. 

Samstag, 23. September 2017

Tchaikovsky - Jan Vogler (Sony)

Schon seit einiger Zeit steht sie bei mir im Regal – und nun will ich sie endlich auch im Blog vorstellen: Die Tschaikowski-CD von Jan Vogler, die man genießen sollte wie einen sonnigen Herbsttag. Der Cellist ist nicht nur in den Konzertsälen weltweit sehr gefragt, sondern darüber hinaus Intendant der Dresdner Musikfestspiele und künstlerischer Leiter des ebenso renommierten Moritzburg Festivals. 
Dennoch hat er sich die Zeit genommen für diese Einspielung, die aus seiner sehr persönlichen Sicht auf die Werke Peter Tschaikowskis entstanden ist. Die Idee dazu ergab sich auf einer Reise, bei einem Konzert in St. Petersburg, der Heimatstadt des Komponisten. Im Beiheft der CD berichtet Jan Vogler, wie er durch die Straßen flanierte, und sich über die Bauwerke freute: „Was für eine beeindruckende Rokoko-Pracht“, scheibt der Cellist. „Die wunderschönen Palais' stehen wie aufgereiht am Flussufer und inspirieren jeden Besucher. Was, wenn Tschaikowski sich von der Rokoko-Architektur seiner Heimatstadt zu seinen Rokoko-Variationen inspirieren ließ? Was, wenn all' die Verzierungen und verspielten Floskeln dieses Werkes Anklänge an die eleganten Möbel, die gewundenen Fassaden-Linien oder den galanten Stil der höfischen Kleider dieser Zeit wären?“ 
Für diese CD hat Vogler Tschaikowskis Musik daher nicht aus spätroman- tischer Perspektive, sondern mit dem Blick der historischen Aufführungs- praxis neu betrachtet, und dabei etliche Details liebevoll gestaltet. So spielt er zwar die Rokoko-Variationen in der Version des Cellisten Wilhelm Fitzenhagen, und nicht die Urfassung – aber er hat die letzte Variation, die sich durch „amüsante Verspieltheit“ auszeichnet, so Vogler, und die Fitzenhagen gestrichen hat, wieder eingefügt. 
Die Rokoko-Variationen sowie die ursprünglich für Violine komponierten Werke Sérénade mélancolique und Méditation hat der Cellist mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada eingespielt. Komplettiert wird das Programm durch das tempera- mentvolle Souvenir de Florence, das Vogler gemeinsam mit Valeriy Soko- lov, Annabelle Meare, Lawrence Power, Yura Lee und Christian Poltéra als ein nostalgisches Andenken an diese schöne Stadt interpretiert. 

Freitag, 28. Juli 2017

Telemann. Reformations-Oratorium 1755 (Sony)

Abseits vom musikalischen Main- stream immer wieder vergessene Schätze zu heben, dafür ist Reinhard Goebel inzwischen bekannt. Im Laufe seines anspruchsvollen Musiker- lebens ist dem früheren Geiger, der mittlerweile ebenso verdienstvoll als Dirigent tätig ist, so manche Ent- deckung gelungen. 
Um es gleich zu sagen: Diese Welt- ersteinspielung gehört dazu, und sie gehört sowohl unter den Aufnahmen zum diesjährigen Reformations-Jubiläum als auch zum Telemann-Jubiläum zum Besten, was zu finden ist. Das Oratorium Holder Friede, heil'ger Glaube schrieb Georg Philipp Telemann im Jahre 1755 für die Feierlichkeiten zum Gedenken an den 200. Jahrestag der Unterzeichnung des Augsburger Religionsfriedens. 
Anders als Telemann seinerzeit in Hamburg, standen Goebel bei dieser Co-Produktion von Sony mit dem Bayerischen Rundfunk herausragende Kräfte zur Verfügung. Die vier allegorischen Figuren Der Friede, Die Andacht, Die Religion und Die Geschichte sind mit der jungen Sopranistin Regula Mühlemann, Tenor Daniel Johannsen, Bariton Benjamin Appl und Bass Stephan MacLeod erstklassig besetzt. Dazu gesellen sich der exzellen- te Chor des Bayerischen Rundfunk sowie die Bayerische Kammerphilhar- monie. 
Mit diesem überragenden Ensemble gelingt es Goebel ohne Schwierig- keiten, die Qualitäten des wiederentdeckten Oratoriums herauszuarbeiten. Telemann ist doch immer wieder für eine Überraschung gut – und diese hier ist ganz besonders gelungen. Unbedingt anhören!