Carlo Broschi (1705 bis 1782), bekannter unter seinem Künstlernamen Farinelli, war ein Superstar des 18. Jahrhunderts. Wo immer er auftrat, geriet das Publikum schier in Ekstase. Die Arien, die Komponisten speziell für ihn geschrieben haben, sind eine Klasse für sich. Schaut man in die Noten, so muss der Kastrat eine unglaubliche Technik, einen sagenhaften Stimmumfang, vor allem auch in der Höhe, und schier endlos Luft zur Verfügung gehabt haben.
Heute, wo die Musik der Barockoper durch spezialisierte Ensembles allmählich wieder zum Klingen erweckt wird, sind seine Arien noch immer eine Herausforderung für Sängerinnen und Sänger. „Farinelli hatte eine durchdringende, voll, satte, helle und wohlmodulierte Sopranstimme“, so schrieb einst der Flötist Johann Joachim Quantz. „Passagenwerk und allerhand Melismen stellte keine Schwierigkeit für ihn dar. Sein Einfallsreichtum bei der freien Verzierung von Adagios war stets ausgesprochen ergiebig.“
Farinelli und seiner Gesangskunst widmet Cecilia Bartoli ihr neues Album. Die Koloratur-Mezzosopranistin hat sich barocker Musik seit vielen Jahren verschrieben. Gemeinsam mit dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Leitung von Giovanni Antonini hat sie für diese Einspielung ein ebenso abwechslungsreiches wie anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auch zwei Weltersteinspielungen enthält. Um den berühmten Kollegen zu ehren, zieht Cecilia Bartoli alle Register ihres Könnens. In ihrem Gesang kombiniert sie Virtuosität mit emotionaler Unmittelbarkeit, und die Reife ihrer Stimme unterstreicht den starken Ausdruck eher noch. Beeindruckend!
Mit Blick auf das bevorstehende Haydn-Jubiläum – im Jahre 2032 jährt sich der Geburtstag des Komponisten zum 300. Male – hat Giovanni Antonini mit seinem Ensemble Il Giardino Armonico sowie dem Kammerorchester Basel eine Gesamteinspielung sämtlicher Sinfonien gestartet. Die Joseph Haydn Stiftung Basel, unter deren Dach das Projekt organisiert wird, konnte als Partner dafür das renommierte Label Alpha gewinnen. Gestaltet werden die Publikationen zudem unter Mitwirkung von Foto- grafen der Agentur Magnum.
Mittlerweile sind, jeweils auf CD und auf Vinyl, die ersten Folgen dieser Edition erschienen. Antonini ordnet die Sinfonien dabei nicht chrono- logisch, sondern inhaltlich – und ergänzt Haydns Werke stets auch um Musik seiner Zeitgenossen. Im Mittelpunkt von CD Nummer vier, beispielsweise, steht die Sinfonie Nr. 60 in C-Dur mit dem vielsagenden Titel „Per la Commedia intitolata Il Distratto“.
„Der theatralische Charakter der Sinfonien Haydns voller Überraschun- gen und plötzlicher Stimmungswechsel ist wohlbekannt“, merkt Antonini an. „Doch die Sinfonie Nr. 60 ,Il distratto' (zu Deutsch: ,Der Zerstreute') porträtiert nicht nur einige Situationen und Figuren aus der gleich- namigen Komödie Jean-François Regnards (..), sie präsentiert das Orchester selbst als den Schauspieler.“
Der Komponist hat Vergnügen am geistreichen Scherzen: „Schon im eröffnenden Presto beginnen die Musiker plötzlich eine ganze Passage der Sinfonie Nr. 45 (der ,Abschiedssinfonie') zu spielen: Sie sind ,zerstreut' und spielen das falsche Stück“, erläutert der Dirigent im Beiheft. „Oder wenige Takte nach dem Beginn des letzten Satzes (der vielleicht bekanntesten Stelle der Sinfonie): Die Violinen setzen aus, stimmen die vierte Saite, was sie zuvor vergessen hatten, um den von vorne zu beginnen.“
Dazu passt ganz vorzüglich Il Maestro di cappella von Domenico Cimarosa (1749 bis 1801), das musikalische Bild einer Orchesterprobe, in welcher der Kapellmeister – gesungen wird diese Partie hier vom Bariton Riccardo Novaro – einige Mühe damit hat, seine undisziplinierten Truppen zu bändigen. Und dann muss er plötzlich allein weitersingen; wahrscheinlich ist die Probenzeit abgelaufen. Eine ebenso kuriose wie realistische Situation, das gibt es noch heute, wirklich.
Komplettiert wird die CD durch Haydns Sinfonie Nr. 12, inklusive Zitat aus Pergolesis Oper La serva padrona, sowie die Sinfonie Nr. 70, die zur Grundsteinlegung des neuen Opernhauses im Schloss Eszterháza erstmals erklungen ist – und das Öffnen der Vorhänge musikalisch schon einmal vorwegnimmt.
Musiziert wird sehr präzise, aber immer mit Esprit, klangvoll, schwung- voll. Eine gelungene Aufnahme, die Lust macht auf die Fortsetzungen. Davon wird es wohl noch etliche geben; Haydn hat 107 Sinfonien kompo- niert.
Dido und Cleopatra, literarische Figuren, die noch nach Jahr- hunderten Maler, Dichter und Komponisten inspirierten, hat die Sopranistin Anna Prohaska zum Mittelpunkt dieser CD erkoren. Cleopatra war die letzte Königin des Pharaonenreiches. Um ihre Herrschaft zu sichern, verbündete sie sich mit den Römern, insbesondere mit Gaius Iulius Caesar und, nach dessen Ermordung, mit dem Feldherrn Marcus Antonius. Als dieser von Octavian geschlagen wurde, folgte sie mit ihm in den Tod; die Legende besagt, dass sie sich von einer Schlange beißen ließ.
Dido ist, der Sage nach, eine phönizische Prinzesssin. Sie gründete Karthago, und entzog sich dem Werben des Numidierkönigs Iarbas durch die Selbstverbrennung. Vergil bringt in seiner Aeneis Dido und den aus Troja zurückkehrenden Aeneas zusammen; in dieser Version der Geschichte verlässt der Held die verliebte Königin, die sich daraufhin in sein Schwert stürzt. Die Aeneis gehört zu den beliebtesten Opern-Stoffen; allein das Libretto Didone abbandonata von Pietro Metastasio wurde mehr als vierzigmal (!) vertont.
Auf dieser CD erklingen Arien aus Opernraritäten von Francesco Cavalli (1602 bis 1676), Daniele da Castrovillari (vermutlich 1613 bis 1678), Antonio Sartorio (1630 bis 1681), Henry Purcell (1659 bis 1695), Christoph Graupner (1683 bis 1760), Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) und Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783), ergänzt durch gut passende Instrumentalmusik unter anderem von Matthew Locke und Luigi Rossi. Anna Prohaska singt mit einer berückenden Melancholie und mit grandioser Technik, bestens unterstützt durch das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. Ohne Zweifel eines der schönsten Alben des Jahres!
Barocke Kirchenmusik hatte Julia Lezhneva 2012 für ihr Debüt bei Decca ausgewählt. Nun veröffentlicht russische Koloratursopranistin ihr zweites Soloalbum mit Musik, die Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) während seines Aufenthaltes in Italien komponiert hat. Es wird vermutet, dass Händel 1706 in den Süden reiste; er blieb vier Jahre dort, und lernte insbesondere in Florenz, Rom, Venedig und Neapel zahlreiche Musikerkollegen kennen. Er kompo- nierte in Italien unter anderem zwei Opern, Rodrigo (1707) und Agrip- pina (1709), zwei Oratorien, Il Trionfo del Tempo e del Disinganno (1707) und La Resurrezione (1708), dazu das berühmte Dixit Dominus (1707), die Serenata Aci, Galatea e Polifemo (1708), ein Salve Regina (1707) sowie eine Menge Kantaten.
Arien aus den beiden Opern, den Oratorien sowie Ausschnitte aus den geistlichen Werken präsentiert Julia Lezhneva auf dieser CD. Auch eine Arie aus der Kantate Apollo e Dafne, die Händel in Italien zwar begonnen, aber dann erst in Hannover vollendet hat, singt die Sopranistin. Begleitet wird sie dabei von dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini – das sich auch in der legendären Sinfonia aus Agrippina als ein Orchester mit Charakter erweist. Die Musiker und die Sängerin harmonie- ren bestens; diese CD beeindruckt mit Präzision und gestalterischer Finesse, mit großen Bögen und mit rasanten Läufen, mit Emotion und mit Überlegung. Und eine Koloratursopranistin mit einer derart dunkel timbrierten Stimme ist ohnehin eine Rarität. Insofern darf man sich schon gespannt fragen, womit Julia Lezhneva als nächstes überrascht.
„Mir scheint, dass wir heutzutage bei der Beurteilung von Musik gerade aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer noch einem fatalen Irrtum unterliegen: Unsere Vorstellung von Interpre- tation und Klang ist geprägt von den technischen Errungenschaften und der Ästhetik des 20. Jahrhun- derts“, sagt Cecilia Bartoli. Die Sängerin hat sich intensiv mit dem Repertoire von Maria Malibran (1808 bis 1836) beschäftigt – und dabei festgestellt, dass die berühmte Mezzosopranistin viele Partien gesungen hat, die man heutzutage gänzlich anders besetzen würde.
„Im Zuge des 20. Jahrhunderts hat sich das Publikum zudem an größere Veranstaltungsorte, wachsende Orchester und an infolge- dessen immer mehr auf Lautstärke und Brillanz getrimmte Instru- mente gewöhnt. Dementsprechend wird der Klang höher, metalli- scher und schärfer“, beklagt Bartoli. Das hat erhebliche Nachteile. Denn die menschliche Stimme ist dieser Entwicklung nur sehr bedingt gewachsen. Und: „Der Sucht nach höherem Pegel und strahlendem Klang werden also die Farben und Nuancen in den unteren Berei- chen geopfert, genau diejenige Differenziertheit also, welche Musik überhaupt zum Sprechen bringt. Die Durchsichtigkeit und Schattie- rungen des Klangs, die Balance zwischen den Registern eines Klaviers aus der Chopinzeit unterscheiden sich ja deutlich von denen eines modernen Flügels“, stellt die Sängerin fest. „Genauso verändert sich die Atmosphäre, wenn das Vorspiel zu Normas ,Casta Diva' von einer frühromantischen Holztraversflöte gespielt und die Arie wie vorgeschrieben als Gebet und im geforderten Pianissimo gesungen wird.“
Wer also herausfinden will, wie ein Werk ursprünglich geklungen hat, der muss sich von gewissen Konventionen lösen. Das lohnt sich, wie diese Einspielung zeigt. Sie beruht auf einer kritischen Neuedition der Oper Norma von Vincenzo Bellini (1801 bis 1835). Dass der Musik- wissenschaftler Maurizio Biondi und der Musiker Riccardo Minasi sechs (!) Jahre lang daran gearbeitet haben, das macht deutlich, wie anspruchsvoll dieses Projekt war. Denn nach der Premiere hat Bellini das Werk noch mehrfach verändert. Biondi und Minasi haben daher durch den Vergleich mit Abschriften die verschiedenen Arbeitsstän- de, die in der Partitur dokumentiert sind, erfasst und zeitlich zuge- ordnet.
Der Hörer profitiert davon. So fand sich am Ende des ersten Aktes ein Terzetto mit einer langen Strophe für Adalgisa, Tempi wurden korri- giert, und auch der Kriegsruf der Druiden klingt hier etwas anders als gewohnt. Zu erleben ist die Oper, wie Bellini sie einst zu Papier gebracht hat – in der ursprünglichen Orchestrierung und in den Originaltonarten.
Bellini schuf die Partie der Priesterin Norma für die Mezzosopranistin Giuditta Pasta. Die Adalgisa sang in der Uraufführung die kaum weniger bekannte Giulia Grisi, die über eine hellere Sopranstimme verfügte. Diese Konstellation wurde wiederhergestellt. Und das ist ganz klar ein enormer Gewinn, zumal damit zugleich auch etliche Striche und Notlösungen entfallen, die sich daraus ergeben haben, dass die Theaterpraxis üblicherweise der Starsopranistin die Haupt- rolle zuwies – und ein Mezzo oder gar eine Altistin sang dann die Partie der Novizin.
Die Bartoli hat in der vorliegenden Studio-Aufnahme die Titelrolle übernommen, und Sumi Jo ist als Adalgisa zu hören. Der damals üblichen Praxis entsprechend, werden Wiederholungen verziert; Cecilia Bartoli ließ sich dabei erklärtermaßen von Variationen inspirieren, die von Schülerinnen Giuditta Pastas überliefert worden sind.
Die Partie des Pollione ist weit weniger heldisch besetzt, als man dies traditionell erwartet. Der Tenor von John Osborn klingt hell und relativ leicht, die Stimme ist Rossini deutlich näher als Wagner. Zu hören sind zudem Liliana Nikiteanu als Clotilde, Michele Pertusi als Orovese und Reinaldo Macias als Flavio. Das Orchestra La Scintilla musiziert auf historischen Instrumenten, und Dirigent Giovanni Antonini macht deutlich, dass Bellinis ursprüngliche Klangfarben wirklich eine Entdeckung wert sind.
Das Beiheft ist eher ein Buch, das ist selten und daher erwähnenswert. Und die beiden CD gehören in die Sammlung eines jeden Opernlieb- habers - dies ist eine überaus spannende Aufnahme, die für die Zu- kunft Maßstäbe setzt.

Dieses Debütalbum verdankt seine Entstehung einem Zufall: Ein Executive Producer des Labels Decca erlebte die russische Sopranistin Julia Lezhneva in einem Konzert, in dem sie Mozarts Exultate, jubilate gesungen hat. Er war davon sehr angetan, und er- mutigte die Sängerin, die Motette für eine CD einzuspielen.
„I liked the idea of waiting to record opera arias until I had more experience with them on stage“, zitiert das Beiheft die junge Sängerin. Das ist tief gestapelt. Denn Lezhneva hat nach ihrem Stu- dium am Moskauer Konservatorium bereits im Alter von 18 Jahren gemeinsam mit Juan Diego Flórez zur Eröffnung des Rossini-Opern- festivals in Pesaro gesungen. Für ihr Debüt in Brüssel wählte sie die Opernwelt 2011 zum Nachwuchssänger des Jahres. Lezhneva hat in Salzburg gesungen, in London, New York, Berlin, Wien und in Paris. Sie hat mit einer Vielzahl renommierter Orchester gearbeitet, und zahlreiche Preise in Wettbewerben gewonnen. Und sie hat in Meisterkursen bei etlichen berühmten Sängerkollegen gelernt.
Statt Opernarien also hat Lezhneva für ihr Debütalbum In furore iustissimae irae und Saeviat tellus inter rigores ausgewählt, in jeder Hinsicht höchst anspruchsvolle Motetten von Antonio Vivaldi und Georg Friedrich Händel. Komplettiert wird das Programm durch die Weltersteinspielung der Motette In caelo stella clare aus der Feder von Nicola Porpora. Mozarts Exultate, jubilate präsentiert sie strah- lend, taufrisch und von Freude erfüllt. Ihre Höhe ist atemberaubend; in der Tiefe klingt sie eher dunkel, aber dabei erstaunlich kraftvoll.
Wenn sie allerdings behauptet, sie hätte den Koloraturgesang, den sie auf dieser CD zelebriert, nicht etwa geübt, sondern dieser habe sich ganz natürlich ergeben, so ist das erneut tief gestapelt – solche Triller, Skalen und Staccati singt niemand „ganz natürlich“. Und gerade die russische Gesangsschule steht eigentlich nicht in dem Ruf, reihen- weise Barock-Spezialisten hervorzubringen. Die 23jährige Sängerin aber beeindruckt durch perfekten barocken Ziergesang. Zur Seite steht ihr dabei das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini – erfahrene Spezialisten, die sich gekonnt und mit gehöri- gem Temperament einbringen. Bravi!