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Montag, 23. Juli 2018

Summer Night (Genuin)

Für seine zweite CD bei dem Label Genuin hat das Kammerorchester I Tempi aus Basel Musik von Othmar Schoeck (1886 bis 1957) ausgewählt. Ursprünglich wollte der Schweizer Komponist Kunstmaler werden, wie sein Vater. Doch dann entschied sich Schoeck, der schon vom Kindesalter an das Klavierspiel erlernt und seine Fähigkeiten am Zürcher Konservatorium perfektioniert hatte, für die Musik. Auf Einladung von Max Reger studierte er 1907/08 ein Jahr lang in Leipzig. Danach kehrte er nach Zürich zurück. 
Schoeck wirkte in erster Linie als Dirigent und als Klavierbegleiter, und er komponierte. Sein Werk umfasst einige Opern, ein wenig Klaviermusik, eine Handvoll Konzerte, einige Stücke für Orchester, und viele, viele Lieder. Auch wenn sein Name eigentlich nur Experten ein Begriff ist – Schoeck gilt als einer der bedeutendsten Liedkomponisten des 20. Jahr- hunderts. 
Auf diesem Album präsentieren die Musiker um Gevorg Gharabekyan aber ausgewählte Instrumentalmusik: Zu hören sind die Suite As-Dur für Streichorchester op. 59, das Violoncellokonzert op. 61 und Sommernacht op. 58, eine kleine Tondichtung nach einem Gedicht von Gottfried Keller. 
Als Schoeck das Werk 1945 schrieb, für die Bernische Musikgesellschaft, konnte er nicht ahnen, dass diese pastorale Intermezzo sein erfolg- reichstes Musikstück werden sollte. Wie es Kellers Gedicht berichtet – wer es nicht kennt, der findet es im Beiheft – sind in der Musik, umfasst vom Ein- und Auszug der jungen Burschen, die leuchtenden Glühwürmchen, das Zirpen der Grillen, das Blinken der Sicheln, das fröhliche Treiben der Landleute und das Zwitschern der Vögel am frühen Morgen deutlich zu hören. 
Das Kammerorchester I Tempi spürt sensibel den Details dieser Programmmusik nach. Es findet dabei einen ganz eigenen Ton, der sich von jenem der ersten CD mit Werken von Antoine de Lhoyer, Antonin Dvořák und Edward Elgar deutlich unterscheidet. Schoeck wirkt herber, rauer; Kontrapunktik, Harmonik und Instrumentierung kombiniert er in einzigartiger Weise. Und die Streicher von I Tempi lassen uns seine Musik wie unter der Lupe erleben. Auch die Suite und das Cellokonzert spielen die Musiker ausdrucksstark, wobei Solist Christoph Croisé dort einen ganz besonderen Glanzpunkt setzt. Unbedingt anhören, diese Aufnahme hat Referenzstatus. 

Mittwoch, 18. Juli 2012

Toch: Bunte Suite (Crystal Classics)

Er sei "the world's most forgotten composer of the 20th century", klagte Ernst Toch (1887 bis 1964) in den 60er Jahren. Da hatte er bereits einen Pulitzer-Preis und den Grammy-Award sowie das Bundesverdienstkreuz erhalten. Doch trotz aller Anerkennung scheint er unter dem Exil sehr gelitten zu haben.
Der Komponist stammte aus Wien; er studierte Medizin und Philoso- phie in Wien und Heidelberg. Parallel dazu begann er zu komponie- ren. Als er für seine Kammersinfonie in F-Dur den Mozartpreis der Stadt Frankfurt erhielt, beschloss er, sich hauptberuflich der Musik zu widmen. Er studierte Klavier und Komposition. 1910 wurde er mit dem Mendelssohn-Preis ausgezeichnet. Ab 1913 lehrte er an der Mu- sikhochschule in Mannheim, und mit seinen Werken war er zunächst sehr erfolgreich. 
1928 zog Toch nach Berlin um. 1933 nutzte der Komponist einen Aufenthalt in Florenz, um sich in Sicherheit zu bringen. Zunächst lebte er in Westeuropa; 1935 ging er in die USA, wo er sich in Kalifor- nien niederließ, und  seinen Lebensunterhalt mit Filmmusik verdien- te. Außerdem unterrichtete er als Professor an der University of Southern California sowie in Harvard. 
Auf dieser CD sind nun einige seiner Werke zu hören. Die Bunte Suite op. 48 schrieb Toch für den Rundfunk; sie erinnert an Werke der frühen sowjetischen Avantgarde. Die Variationen über Mozarts Unser dummer Pöbel meint KV 455 für Klavier und Orchester hin- gegen stammen vermutlich aus den 50er Jahren. Sie repräsentieren Tochs späte Schaffenszeit, in der sich der Komponist noch einmal seinen Wurzeln zuwandte. Mozart, in dem er ebenfalls einen Autodi- dakten sah, fühlte sich Toch offenbar nahe - auch wenn seine Klang- sprache relativ modern bleibt. Diese beiden Werke finden sich hier in Weltersteinspielungen, interpretiert von der Kammersymphonie Berlin und Pianistin Tatjana Blome.
Das dritte Stück auf der CD, das Konzert für Violoncello und Kammer- orchester op. 35, gehört zu jenen Werken, mit denen Toch zur Zeit der Weimarer Republik  für Furore sorgte. Es kombiniert Elemente, die aus der Wiener Spätromantik überkommen sind, mit Innovatio- nen aus den 20er Jahren. Dieser Herausforderung stellt sich der Cellist Peter Bruns gemeinsam mit dem Mendelssohn Kammerorche- ster Leipzig. Jürgen Bruns leitet beide Orchester. 

Samstag, 31. März 2012

Vanhal: Two Symphonies, Cello Concerto (cpo)

Johann Baptist Vanhal (1739 bis 1813) war der Sohn eines leib- eigenen Bauern aus Böhmen. Ersten Unterricht im Orgelspiel und Generalbass erhielt er in seinem Heimatort Nové Necha- nice; im benachbarten Marsov erlernte er zudem die deutsche Sprache - und das Violinspiel. 
Schon bald konnte er Organisten- pflichten übernehmen. Schließlich wurde er Regens Chori in Hnevce- ves; sein Vorgesetzter, Dechant Mathias Nowák, war Violinist, und Vanhal hat auch von ihm offenbar sehr viel gelernt. 1760 oder 61 gelangte Vanhal im Gefolge der Gräfin Schaffgotsch nach Wien. Dort konnte er seine Ausbildung fortsetzen. So behauptet Carl Ditters von Dittersdorf in seiner Lebensbeschreibung, Vanhal sei sein Schüler gewesen. 
In Wien gelang es Vanhal, sich binnen kurzer Frist als Violinist, Musiklehrer und schließlich auch als Komponist zu etablieren. Er verdiente genügend Geld, um sich aus der Leibeigenschaft freikaufen zu können. Im Mai 1769 reiste er nach Italien - der Mäzen Baron Wolfgang Isaac von Riesch finanzierte diese Reise, die Vanhal über Venedig, Bologna und Florenz nach Rom führte. Dort soll er zwei Opern nach Libretti von Pietro Metastasio komponiert haben. Im September 1771 kehrte Vanhal nach Wien zurück. 
Er schuf eine Vielzahl von Werken; darunter mindestens 77 Sinfo- nien, 60 Solokonzerte, hunderte kammermusikalische Werke und Stücke für Klavier, dazu mehr als 50 Messen und weit über hundert kleinere geistliche Vokalwerke. Sie wurden in ganz Europa geschätzt. So schreibt der englische Musikhistoriker Charles Burney 1819: "Bevor wir mit den Sinfonien Haydns bekannt wurden, erregte der geistvolle, natürliche und ungekünstelte Stil Vanhals mehr Auf- merksamkeit in unseren (Londoner) Konzerten als irgend eine andere ausländische Musik seit langer Zeit." 
Als er 1813 starb, waren seine großen Orchesterwerke jedoch schon vergessen. Das liegt daran, dass er um 1780 aufhörte, Sinfonien, Konzerte und Streichquartette zu komponieren. Statt dessen schrieb Vanhal nun Kirchen- und Klaviermusik - und lebte davon ganz prächtig, auch wenn die Musikkritik über Stücke wie Die große Seeschlacht bey Abukir (1800)  oder Feyer der Rückkehr unseres allgeliebten Monarchen Franz I. (1810) die Nase rümpfte. 
Im Mittelpunkt der vorliegenden CD steht Vanhals Cellokonzert C-Dur (Weinmann IId:C1), eines von vier Cellokonzerten des Komponisten. Es ist ein strahlend schönes, festliches Werk, das dem Solisten viel Raum zur virtuosen Präsentation bietet. Der junge ungarische Cellist István Várdai spielt dieses Konzert klangschön; er studiert derzeit an der Kronberg Academy, und man darf von ihm für die Zukunft wohl noch viel erwarten. Begleitet wird er von den Camerata Schweiz, einem Ensemble, das aus dem Schweizer Jugend-Sinfonieorchester hervorgegangen ist, und hier von Howard Griffiths geleitet wird. Die Musiker stellen auch zwei Sinfonien Vanhals vor - und sie spielen mit viel Engagement. Den hübschen Werken kommt dies zugute; Vanhal ist, was seine Sinfonien betrifft, nicht nur ein Vorgänger, sondern offenbar auch ein Geistesverwandter Haydns. Seine Musik macht Freude. Man wünscht sich mehr davon. 

Mittwoch, 29. Februar 2012

Schumann: Cello Concerto in A minor; Klöckner (Genuin)

Diese CD bietet gleich zwei außer- ordentlich spannende Versionen von Schumanns berühmtem Cellokonzert. Da wäre zum einen eine Bearbeitung für Solocello und Streichorchester von Florian Vygen und Alexander Kahl. Darauf folgt dann gleich noch ein weiteres Arrangement - für vier Celli. Es stammt von Richard Klemm (1902 bis 1988), Cellist in der Staatska- pelle und ab 1958 Professor an der Musikhochschule in Berlin. Er be- arbeitete etliche bekannte Werke für vier Celli, in erster Linie für Unterrichtszwecke. Denn die Schüler sollten das jeweilige Konzert bestmöglich kennenlernen, um schließ- lich den Solopart des Originals souverän und homogen gestalten zu können. 
Solist Benedict Klöckner, Jahrgang 1989 und Gewinner zahlreicher internationaler Wettbewerbe, ist ein Schüler von Professor Martin Ostertag, Karlsruhe, und studiert seit Oktober 2009 an der Kronberg Academy bei Professor Frans Helmerson. Bei dieser Aufnahme ist er von renommierten Kollegen umgeben. So musizieren im Quartett gemeinsam mit ihm Leander Kippenberg, Lukas Sieber und Michael Preuß, die früheren Solocellisten der Deutschen Streicherphilharmo- nie. 
Dieses Elite-Ensemble, in dem die besten Schüler von deutschen Musikschulen im Alter von elf bis 19 Jahren musizieren, ist auch bei der ersten Version des Schumann-Cellokonzertes zu hören. Es wird seit 2003 von Michael Sanderling geleitet, der viele Jahre lang als Violoncellosolist erfolgreich war, in Frankfurt/Main Cello-Studenten unterrichtet, und sich in den letzten Jahren zunehmend aufs Diri- gieren verlegt hat. 
Die Deutsche Streicherphilharmonie gestaltet gemeinsam mit Bene- dict Klöckner die klangschönste Aufnahme des Schumann-Cello- konzertes, die ich kenne. Mit einem derart noblen, singenden Ton war das Werk noch nie zu hören. Das "Concertstück" hat allerdings auch dramatische Passagen - und dort gerät diese Werkauffassung an ihre Grenzen. 
Die Quartett-Version begeistert durch ihre kammermusikalische Transparenz und eine breite Palette an Klangfarben, die von den vier Cellisten sehr gezielt eingesetzt werden. Technische Probleme haben die jungen Musiker ohnehin an keiner Stelle. Wenn das die Profis von morgen sind, dann ist einem um die Zukunft der klassischen Musik hierzulande nicht bange.