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Donnerstag, 31. Dezember 2020

Beethoven: Complete Symphonies (Naxos)


 Kurz vor dem Jahresende möchte ich unbedingt noch auf eine faszinierende Aufnahme sämtlicher Sinfonien von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) hinweisen, mit dem das Label Naxos den Jubilar aufs Würdigste geehrt hat. Eingespielt wurde sie von Ádám Fischer mit dem Dänischen Kammerorchester. 

Der Dirigent baut damit auf zwei anderen Großprojekten auf: In den Jahren 1987 bis 2001 erarbeitete er mit der Österreichisch-Ungarischen Haydn-Philharmonie alle 104 Sinfonien von Joseph Haydn, und ab 2006 wandte er sich dann mit dem Dänischen Kammerorchester den Sinfonien Wolfgang Amadeus Mozarts zu. 

Das Dänische Kammerorchester freilich hieß damals noch Nationales Kammerorchester Dänemarks, und war ein Ensemble des dänischen Rundfunks. Allerdings setzte sich 2014 die Kulturministerin des Landes über eine Empfehlung des Parlaments hinweg und ordnete die Auflösung des damals bereits seit 75 Jahre bestehenden Orchesters an. Dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne konnte dies jedoch verhindert werden: Seit 2015 ist der Klangkörper unabhängig, und trägt den Namen Dänisches Kammerorchester. 

Aus der Perspektive dieser beiden Aufnahmeprojekte heraus hat Ádám Fischer einen ganz besonderen Zugang zu Beethovens Sinfonien gefunden: Er ordnet diese Kompositionen in den musikhistorischen Kontext ein, und interpretiert sie aus diesem heraus. Erkennbar wird dabei, dass Beethoven mit den Konventionen seiner Zeit bestens vertraut war – und sich mit Wucht darüber hinwegsetzte, wo immer er sich dadurch eingeengt fühlte. 

Fischer arbeitet mit den Musikern des Dänischen Kammerorchesters Strukturen und Details gleichermaßen plastisch heraus. Es ist phänomenal, aber diese Musiker lassen uns mit ihrem virtuosen Spiel und ihrer präzisen Artikulation Beethovens Sinfonien vollkommen neu entdecken. Es ist, als hörte man diese Werke zu ersten Mal. 

So erweist sich beispielsweise Beethovens Achte, im Konzert eher selten zu hören, urplötzlich als Sinfonie von Format, hochinteressant. Und die Pastorale, derart lebendig vorgetragen, zeigt auf einmal, dass sie keineswegs nur ein Landidyll abbildet. Fischer macht auch die Naturgewalten hörbar – die Sturm-Szene beispielsweise lässt er bedrohlich brausen und toben; seine Interpretation fegt außerdem so manches Vorurteil hinweg. Der Heros wird wieder zum Komponisten; statt einer Gipsbüste, die nur noch zur Deko taugt, zeigt uns Fischer hier einen Menschen mit vielerlei Leidenschaften. 

Seine Beethoven-Einspielungen bieten statt Klangbrei und Pathos jede Menge Akzente und feinste Nuancen. Man hört Stimmverläufe, die bislang noch nie aufgefallen sind. Und auch die gewählten Tempi tragen zur Sogwirkung dieser Aufnahmen zweifelsohne mit bei. 

Fischer hat sich mit den umstrittenen Vorgaben des Komponisten intensiv auseinandergesetzt. „Zu meiner Studentenzeit glaubte man noch allgemein, dass Beethovens Metronom fehlerhaft sei, mit der Begründung, dass die Tempi zu schnell und unspielbar seien“, meint der Dirigent. „Ich glaube, dass weder ein unvorsichtiger Ansatz, der Beethovens Metronomangaben ignoriert, noch ein unerbittliches Festhalten an ihnen der Musik gerecht werden kann.“ 

Die Musiker des Dänischen Kammerorchesters haben keine Schwierigkeiten damit, Fischers Tempovorgaben zu folgen. Der Dirigent kann somit eine brillante, mitreißende Interpretation verwirklichen, die gerade durch die kammermusikalische Präzision eine beeindruckende Dynamik entfaltet. Chapeau! 

Sonntag, 28. Juni 2020

Beethoven: Complete Symphonies; Blomstedt (Berlin Classics)

„Die DDR-Politik war mir nicht sympathisch. Aber das Orchester hat eine große Ausdauer gehabt“, berichtet Herbert Blomstedt. Es waren die Musiker, die den schwedischen Dirigenten schließlich überzeugten, Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle zu werden: Nach etlichen Jahren als „Gastchef“ war er dann in den Jahren 1975 bis 1985 an der Elbe musikalisch fest engagiert. 
Die Dresdner Jahre Herbert Blomstedts waren mit einer ganzen Reihe aufsehenerregender Einspielungen verbunden. So sorgten sowohl die Gesamteinspielung der Sinfonien von Franz Schubert als auch eine Einspielung der Urfassung des Fidelio, veröffentlicht 1977, auch im Westen für Furore. Große Resonanz gab es zudem für Aufnahmen sämtlicher Sinfonien Ludwig van Beethovens (1770 bis 1827), die Blomstedt mit der Staatskapelle in den Jahren 1975 bis 1980 einspielte. Aufgezeichnet wurden sie in der Dresdner Lukaskirche, die mit ihrer exzellenten Akustik zum transparenten Klangbild beitrug. 
Die Aufnahmen vermitteln Spannung und Stimmungen; Blomstedts Beethoven hält perfekt die Balance: Seine Werkauffassung neigt weder zu romantisierender Gefühligkeit noch zum penibel-knochentrockenen Beharren auf einer „historisch korrekten“ Lesart. So berühren diese Aufnahmen noch immer, und es ist schön, dass Berlin Classics sie zum Beethoven-Jubiläumsjahr in einer Fünf-CD-Box, remastert und liebevoll neu verpackt, wieder zugänglich macht. 

Sonntag, 22. Dezember 2019

Stamitz: Symphonies (Naxos)

Die sogenannte „Mannheimer Schule“ gehört zu den Meilensteinen der Musikgeschichte. Begründet wurde sie durch den Geiger Johann Stamitz (1717 bis 1757), der 1742 als Konzertmeister in die Dienste des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz trat. Von 1750 bis zu seinem Tod leitete er dann als Musikdirektor die Instrumentalmusik der renommierten Mannheimer Hofkapelle. 
Der Kurfürst war ein Kunstfreund; er scheute keine Kosten, und engagierte hervorragende Musiker. Stamitz wiederum führte dieses Orchester zu europäischem Ruhm. Die Brillanz und Präzision, mit der die Mannheimer aufspielten, waren einzigartig. 
Insbesondere Stamitz' Sinfonien waren ein Ereignis. Denn in diesen Kompositionen machte er quasi das ganze Orchester zum Solisten. Im Orchestersatz sorgten vor allem die Bläser für Farbe, was zuvor so nicht üblich war. Außerdem etablierte Stamitz eine Reihe von Klangeffekten, die das zeitgenössische Publikum verblüfften und begeisterten, und die später als „Mannheimer Manieren“ klassifiziert wurden. 
Auf dieser CD stellt das Musica Viva Moscow Chamber Orchestra unter Leitung von Alexander Rudin fünf der sechs Sinfonien op. 3 vor. Die Aufnahme ist aber weit weniger spektakulär als die Werke selbst. Wer will, der kann hier die Mannheimer Orchestereffekte studieren, von der Rakete über die Mannheimer Seufzer bis hin zur Walze. Das auskomponierte Orchestercrescendo beeindruckt noch heute. Und beim Anhören dieser CD wird zudem recht deutlich erkennbar, wieviel Mannheim tatsächlich in Mozarts Musik steckt. 
Mit diesen Sinfonien gab Stamitz der Weiterentwicklung der Gattung einen Schub, der bis weit in die Romantik hinein wirkte. Leider sind Einspielungen Raritäten; man wünscht sich mehr davon. 

Sonntag, 3. Februar 2019

Herbert Kegel (Capriccio)

Den Dirigenten Herbert Kegel (1920 bis 1990) ehrt eine Sammelbox des Labels Capriccio. Er war ein Schüler von Karl Böhm, und wurde 1949 Chorleiter und Kapellmeister beim Sender Leipzig. 1953 wurde Kegel dann Chefdirigent des Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchesters. 
Mit „seinem“ Orchester widmete er sich vor allem der zeitgenössischen Musik. Er bereitete sich akribisch vor, und verlangte auch von den Musikern und Sängern Präzision. Seine Proben – sie konnten durchaus zehn Stunden und mehr dauern – sind eine Legende; für die Musizierenden waren sie sicherlich vor allem eine Tortur. Doch seine Aufnahmen zeigen, warum die Künstler diese Strapazen auf sich nahmen: „Oft hat man den Eindruck – selbst bei Stücken, die man schon viele Male gehört hat und daher zu kennen glaubt – als hätte man jahrelang durch eine Milchglasscheibe geblickt und Kegels Interpretation habe den Schmierfilm vom Glas entfernt, sodass man nun ganz neue Details wahrnimmt, die man so noch nie zuvor gehört hatte“, beschreibt Rainer Aschemeier in seinem Geleitwort diesen Effekt. Die Orff-Einspielungen Kegels beispielsweise sind Ereignisse, ebenso seine Interpretationen der Mahler-Sinfonien. 
1977 wurde Kegel Chefdirigent der Dresdner Philharmonie. Das war ein großer Fehler, denn seine Ausflüge in die Moderne waren bei dem konservativen Dresdner Publikum nicht willkommen. Im Elbtal wollte man die Klassiker hören – und so erklingt auch auf diesen acht CD in erster Linie Beethoven. Neben den neun Sinfonien erklingen das Tripelkonzert – mit Peter Rösel, Klavier, Christian Funke, Violine und Jürnjakob Timm, Violoncello – und die Chorfantasie. Dazu gibt es eine CD mit allerlei kurzen Stücken, von Gluck über Glinka bis hin zu Sibelius. Komplettiert wird die Box durch Kegels legendäre Aufnahme des Brahms-Requiems aus dem Jahre 1985. Hier dirigiert er noch einmal „seine“ Leipziger Klangkörper. 
Im gleichen Jahr wurde Kegel in den Ruhestand verabschiedet. Es war zunächst ein Unruhestand, mit zahlreichen Projekten. Doch während man ihn in Japan verehrte und schätzte, verlor Kegel in der Heimat immer mehr an Bedeutung. Zur Wendezeit war der Dirigent dann nur noch ein Rentner – und tief depressiv. Im November 1990 wählte er den Freitod, was damals wenig interessierte. Seine Aufnahmen aber werden nun schrittweise wieder zugänglich. Auch diese CD-Box zeigt, wie wertvoll Herbert Kegels Arbeit war. 

Mittwoch, 9. Januar 2019

Stamitz: 10 Symphonies (Auris Subtilis)

Als Weltersteinspielung sind jüngst bei dem Chemnitzer Label Auris Subtilis zehn Sinfonien von Carl Philipp Stamitz (1745 bis 1801) veröffentlicht worden. Auch das Notenmaterial dieser Werke ist ab sofort verfügbar. Damit können diese Kompositionen wieder aufgeführt werden. 
Dass sie sich zu Stamitz' Lebzeiten großer Beliebtheit erfreuten (und von Verlegern ersten Ranges gedruckt wurden), verwundert nicht, wenn man diese Aufnahme angehört hat.  „Was für eine Fülle an Melodien, feurigem Esprit in den schnellen Sätzen und empfindsame, das Herz anrührende Gedanken in den langsamen Sätzen!“, begeistert sich Normann Kästner für das Schaffen des Komponisten, über dessen Lebensweg in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet wurde. 
„Über 50 Sinfonien hat er geschrieben“, resümiert Kästner, „dazu kommen weitere 30 konzertante Sinfonien mit verschiedenen Solo-Instrumenten.“ Allerdings ist auf CD nur sehr wenig davon zu finden. Dies zu ändern, tritt Kästner mit dem Ensemble Amadeus an, und spielte zehn Sinfonien ein, die allesamt durch die Mannheimer Schule geprägt sind. 
Das Notenmaterial wurde eigens für dieses Projekt neu erstellt. Die Mühe hat sich gelohnt, denn Stamitz' Werke sind wirklich sehr attraktiv: „Es ist Unterhaltungsmusik im besten Sinne“, so Kästner, „geschrieben für ein Publikum, das sich an den Melodien und musikalischen Effekten ergötzte und berauschte.“ 
Die Einspielung war ein kühnes Unterfangen. Denn das Ensemble Amadeus besteht überwiegend aus Amateuren; sein Gründer und Leiter Normann Kästner verdient seine Brötchen als Mitarbeiter eines regionalen Kreditinstitutes. In Anbetracht dieser Voraussetzungen aber sind die zwei CD erstaunlich gut gelungen – und Stamitz' Musik ist in der Tat aller Mühe wert. Bravi! 

Freitag, 27. April 2018

Shostakovich: Complete Symphonies (Melodija)

In einer limitierten Edition hat das Label Melodija eine neue Gesamteinspielung der Sinfonien Dmitri Schostakowitschs (1906 bis 1975) veröffentlicht. Die 15 CD konnte man gar nicht so schnell anhören und besprechen, wie diese Box vergriffen war. Wer sie kaufen möchte und sie noch irgendwo findet, der sollte wohl rasch zuschlagen, denn es kann sich nur um einige wenige Einzelexemplare handeln. Das erstaunt ein wenig. 
Zwar hat sich das Tatarstan National Symphony Orchestra, beheimatet in der Millionenstadt Kazan am Ufer der Wolga, auf zwei umjubelten Deutschlandtourneen als eines der besten modernen russischen Orchester empfohlen. Das Orchester hat zudem unter Leitung seines Chefdirigenten Alexander Sladkovsky bereits eine viel beachtete Aufnahme von Sinfonien Gustav Mahlers vorgelegt. 
Aber mit den Sinfonien Schostakowitschs erreicht das Ensemble meiner Meinung nach kein Spitzenniveau. Die 15 Werke hat das Tatarstan National Symphony Orchestra durchweg im Jahre 2016 eingespielt – neben einem umfangreichen Konzert- und Tourneeprogramm, selbstredend. Das ist ein höchst kräftezehrendes Unterfangen. Vielleicht hätte man sich für das Projekt mehr Zeit nehmen sollen. Hört man diese Einspielung im Vergleich zu älteren, beispielsweise jener mit dem Berliner Sinfonie-Orchester unter Kurt Sanderling aus dem Jahre 1961, fällt zum einen auf, dass das Klangbild zu wünschen übrig lässt. Da mangelt es sowohl an Klarheit als auch an farblicher Differenziertheit. 
Sladkovsky setzt stark auf Virtuosität und auf Brillanz. Schostakowitsch hat allerdings, unter dem Druck der Verhältnisse, sehr oft doppeldeutig komponiert. Der Sarkasmus, der seine Werke häufig geprägt hat, ist hier kaum wahrzunehmen. Das ist schade, denn bei den meisten Sinfonien Schostakowitschs kommt es genau darauf an, dass der Hörer dies wahrnehmen kann. Für eine neue Referenz ist das eindeutig zu wenig. 

Donnerstag, 15. März 2018

Leonard Bernstein - Marin Alsop: The Complete Naxos Recordings (Naxos)

Naxos ehrt Leonard Bernstein (1918 bis 1990). Das Label hat sich für den hundertsten Geburtstag des Komponisten und Dirigenten ein ganz besonderes Geschenk einfallen lassen: Es fasst die Bernstein-Einspielungen von Marin Alsop in einem Schuber zusammen. 
Die Dirigentin, Jahrgang 1956, ist Bernstein ganz besonders verbunden. Diese enge Beziehung begann bereits in ihrer Kindheit, berichtet Alsop: „Seeing him conduct when I was only nine years old at a New York Philharmonic Young People's Concert convinced me that conducting was the only thing in the world that I want to do. That alone would have been enough of a gift; but then at the age of 31, he took me under his wing and imparted to me the heart and soul of the craft.“ 
Bernstein trug dazu bei, dass sich Marin Alsop als Dirigentin etablieren konnte. Das war seinerzeit ein Tabubruch. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber das Dirigentenpult war eine Männerbastion. Marin Alsop war die erste Frau überhaupt, die zur Chefdirigentin eines Klangkörpers von Weltrang berufen wurde. Sie war auch die erste Frau, die die Last Night of the Proms dirigierte. 
Zur Musik ihres Mentors Leonard Bernstein hat Marin Alsop eine beson- ders enge Beziehung. So hat sie mit dem Baltimore Symphony Orchestra sämtliche Sinfonien des Komponisten eingespielt. Die Aufnahmen sind in dieser fabelhaften Box ebenso zu finden, wie Bernsteins ziemlich unkonventionelle Messen. Zu hören sind, neben bekannten Hits wie dem Mambo aus West Side Story oder der Ouverture zu Candide, auch etliche Raritäten, teilweise sogar in Weltersteinspielungen. Als Zugabe enthält die Box die preisgekrönte DVD-Dokumentation „Leonard Bernstein – Larger than Life“ von Georg Wübbolt. 

Sonntag, 28. Januar 2018

von Ordonez: Symphonies (Deutsche Harmonia Mundi)

„In der Entfernung erfährt  man nur von den ersten Künstlern, und oft begnügt man sich mit ihren Namen; wenn man aber diesem Sternen- himmel nähertritt und die von der zweiten und dritten Größe nun auch zu flimmern anfangen, und jeder auch als zum ganzen Sternbild gehörend hervortritt, dann wird die Welt weit und die Kunst reich.“ Was Goethe einst mit Blick auf die italienischen Maler und Bildhauer zu Papier brachte, das bezieht der Einführungstext für diese CD auf den Komponisten Karl von Ordoñez (1734 bis 1786) und auf sein Werk. 
Auch wenn er in Wien zur Welt kam, so gehörte dieser dem niederen Adel Spaniens an. Aus diesem Grunde musste er sein Leben als kleiner Beamter fristen, denn eine Musikerlaufbahn hätte seinem Stand nicht entsprochen. Und so diente von Ordoñez brav als „Registrant beim niederösterreichi- schen Landrecht“ oder als „überzähliger Sekretär“, und pflegte die Musik als Leidenschaft und Hobby. Gestorben ist er leider relativ früh, in großer Armut und an Tuberkulose. 
Karl von Ordoñez muss allerdings recht gut Geige gespielt haben, denn er musizierte in der Wiener Hofkapelle, und er war auch Mitglied der Tonkünstler-Societät, die eigentlich nur Berufsmusiker aufnahm. Außerdem schuf er zahlreiche Kompositionen; so sind allein mehr als 70 Sinfonien von ihm überliefert. 
Eine Auswahl daraus präsentiert das Orchester L’Arte del Mondo unter Leitung von Werner Ehrhardt auf dieser mit Unterstützung von Bayer Kultur und in Koproduktion mit dem WDR entstandenen CD. In Weltersteinspielung erklingen die Sinfonien in B-Dur (Brown I:B2), C-Dur (Brown I:C13), f-moll (Brown I:F12) sowie D-Dur (Brown I:D5). Letztere, die Sinfonia Concertante Solenne, hat sieben Sätze, und ist auch durch ihre Besetzung mit Pauken und Trompeten außergewöhnlich. Vermutet wird, dass sie für einen feierlichen Gottesdienst geschaffen wurde. Das Siciliano zeichnet sich zudem durch einen Part für eine konzertante Solo-Violine aus; ob diesen von Ordoñez einst selbst gespielt hat, das freilich lässt sich heute nicht mehr beantworten. 
L'Arte del Mondo musiziert für meinen Geschmack leider etwas rustikal; das klingt nicht durchweg schön, und dieser Zugriff wird den eleganten Werken, die man irgendwo bei Mozart und Haydn verorten würde, auch nicht wirklich gerecht. Schade. 

Samstag, 20. Januar 2018

Abel: Symphonies op. 7 (cpo)

Eine Sinfonie von Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787) wurde lange für ein Werk von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) gehalten. Der Achtjährige hatte sie 1764 bei seinem Aufenthalt in London eigenhändig kopiert, um sich zu üben und daran zu lernen. Insbesondere der Mittelsatz dieser Sinfonie scheint das Wunderkind tief beeindruckt zu haben. 
Michael Schneider spürt mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt solch musikalischen Verwandt- schaften nach. Die Auseinander- setzung mit dem Schaffen Abels führt in ein interessantes Kapitel der Musikgeschichte: Ursprünglich waren Sinfonien Vorspiele, Ouvertüren, die die Aufmerksamkeit des Publikums erwecken und auf ein nachfol- gendes, gewichtiges Werk lenken sollten. Zum Ende des 18. Jahrhunderts aber wurde die Sinfonie zu einem selbständigen und höchst bedeutenden Genre; bereits in der Wiener Klassik erlebte sie  in der erneuerten Form eine erste Blütezeit. 
Die vorliegende Aufnahme mit den sechs Sinfonien op. VII führt uns zu den Anfängen dieser Entwicklung: „Was Abels Sinfonien so unver- wechselbar macht unter denen seiner Zeitgenossen, sind also nicht deren Kopfsätze in (später so genannter) Sonatenform, auch nicht seine Finalsätze, die ausnahmslos und meist in Rondoform geradezu volkstümliche Tänze wie schnelle Kontretänze oder Menuette darstellen: es sind vielmehr seine langsamen Mittelsätze, die – zumeist als Andante bezeichnet und häufig in ,sempre piano'-Dynamik – eine neue und durchaus eigene Musiksprache sprechen“, schreibt Michael Schneider im Beiheft zu dieser CD. „Und von diesen sind es auch nicht in erster Linie jene galanten oder empfindsamen Beispiele wie die aus den Sinfonien G-Dur oder C-Dur , sondern die geradezu ,hymnischen' liedartigen Sätze für Streicher alleine wie die aus den in Sinfonien B-Dur und F-Dur.“ 
Die Musiker von La Stagione Frankfurt verstehen ihr Metier, und sie präsentieren Abels Sinfonien hinreißend. Dabei betont Schneider besonders die Tatsache, dass diese Werke kontinentale und englische Traditionen verbinden. Falls sich aber nun jemand für Musikgeschichte nicht interessiert – man kann diese Einspielung auch einfach so genießen. Es lohnt sich! 

Sonntag, 26. November 2017

Spohr: Symphony No. 4 (Naxos)

Der renommierte Violinvirtuose Louis Spohr (1785 bis 1859) war auch als Komponist, Dirigent und als Musikpädagoge überaus gefragt und weithin berühmt. Allerdings sind seine Werke, mit Ausnahme vielleicht seiner Violinschule, nach seinem Tode der Vergessenheit anheim gefallen. 
Dass dies bedauerlich ist, beweisen mittlerweile einige Aufnahmen. So ist bei dem Label Marco Polo in den 1980er und 1990er Jahren der erste vollständige Spohr-Sinfonienzyklus auf CD erschienen, eingespielt durch die Budapester Symphoniker bzw. die Slowakische Staatsphilharmonie unter Leitung des 2004 verstorbenen Dirigenten Alfred Walter. Diese Gesamtaufnahme, die auch heute noch erstaunlich frisch und inspiriert wirkt, ist nun bei Naxos wieder erhältlich. 

Sonntag, 12. November 2017

Dvorák: Complete Symphonies & Concertos (Decca)

Nach seiner Rückkehr zur Tschechischen Philharmonie im Jahre 2012 hat sich Jiří Bělohlávek noch einmal dem Werk von Antonín Dvořák zugewandt. Der Dirigent hatte das Orchester bereits in den Jahren 1990 bis 1992 geleitet, als Nachfolger von Václav Neumann, und in den Jahren danach war er auch international sehr erfolgreich tätig, unter anderem als Leiter des BBC Symphony Orchestra.
Bei Decca sind nun zwei wichtige Editionen erschienen. Da wäre zum einen diese Box, die auf sechs CD alle neun Sinfonien und die Konzerte von Dvořák zusammenfasst. Die Sinfonien in dieser Ballung zu hören, das ist ein Erlebnis – zumal sich die Aufnahmen durch viele kleine Details auszeichnen, die man mit Freude wahrnimmt. Da ist alles mit Hingabe gestaltet, mit großer Klarheit strukturiert und sehr fein ausgearbeitet. Man lausche nur dem berühmten Englischhorn-Solo im Largo der Sinfonie Aus der Neuen Welt – berückend!
Beim Cellokonzert ist Alisa Weilerstein zu hören, beim Klavierkonzert spielt Garrick Ohlsson den Solopart. Die große Überraschung war für mich aber das Violinkonzert, das von Frank Peter Zimmermann mit Noblesse interpretiert wird. Diese Aufnahme ist wirklich hinreißend.
Die zweite CD mit der Tschechischen Philharmonie und Bělohlávek, die hier vorgestellt werden soll, bietet eine exzellente Einspielung von Dvořáks Slawischen Tänzen opp. 46 und 72. Auch hier wird deutlich, dass das Prager Orchester Weltklasse hat – und bei Dvořák kann diesen Musikern derzeit kaum jemand das Wasser reichen. Sie spielen schwungvoll und frisch, und zugleich derart differenziert, dass es eine Freude ist. In manchen Passagen wirkt das geradezu kammermusikalisch; man höre nur die Holzbläser... Diese Aufnahme setzt ohne Zweifel Maßstäbe, und sie wird wohl für eine lange Zeit Referenzcharakter haben. Großartig, unbedingt anhören!

Sonntag, 30. Juli 2017

Haydn 2031 - No. 4 - Il distratto (Alpha)

Mit Blick auf das bevorstehende Haydn-Jubiläum – im Jahre 2032 jährt sich der Geburtstag des Komponisten zum 300. Male – hat Giovanni Antonini mit seinem Ensemble Il Giardino Armonico sowie dem Kammerorchester Basel eine Gesamteinspielung sämtlicher Sinfonien gestartet. Die Joseph Haydn Stiftung Basel, unter deren Dach das Projekt organisiert wird, konnte als Partner dafür das renommierte Label Alpha gewinnen. Gestaltet werden die Publikationen zudem unter Mitwirkung von Foto- grafen der Agentur Magnum. 
Mittlerweile sind, jeweils auf CD und auf Vinyl, die ersten Folgen dieser Edition erschienen. Antonini ordnet die Sinfonien dabei nicht chrono- logisch, sondern inhaltlich – und ergänzt Haydns Werke stets auch um Musik seiner Zeitgenossen.  Im Mittelpunkt von CD Nummer vier, beispielsweise, steht die Sinfonie Nr. 60 in C-Dur mit dem vielsagenden Titel „Per la Commedia intitolata Il Distratto“. 
„Der theatralische Charakter der Sinfonien Haydns voller Überraschun- gen und plötzlicher Stimmungswechsel ist wohlbekannt“, merkt Antonini an. „Doch die Sinfonie Nr. 60 ,Il distratto' (zu Deutsch: ,Der Zerstreute') porträtiert nicht nur einige Situationen und Figuren aus der gleich- namigen Komödie Jean-François Regnards (..), sie präsentiert das Orchester selbst als den Schauspieler.“ 
Der Komponist hat Vergnügen am geistreichen Scherzen: „Schon im eröffnenden Presto beginnen die Musiker plötzlich eine ganze Passage der Sinfonie Nr. 45 (der ,Abschiedssinfonie') zu spielen: Sie sind ,zerstreut' und spielen das falsche Stück“, erläutert der Dirigent im Beiheft. „Oder wenige Takte nach dem Beginn des letzten Satzes (der vielleicht bekanntesten Stelle der Sinfonie): Die Violinen setzen aus, stimmen die vierte Saite, was sie zuvor vergessen hatten, um den von vorne zu beginnen.“ 
Dazu passt ganz vorzüglich Il Maestro di cappella von Domenico Cimarosa (1749 bis 1801), das musikalische Bild einer Orchesterprobe, in welcher der Kapellmeister – gesungen wird diese Partie hier vom Bariton Riccardo Novaro – einige Mühe damit hat, seine undisziplinierten Truppen zu bändigen. Und dann muss er plötzlich allein weitersingen; wahrscheinlich ist die Probenzeit abgelaufen. Eine ebenso kuriose wie realistische Situation, das gibt es noch heute, wirklich. 
Komplettiert wird die CD durch Haydns Sinfonie Nr. 12, inklusive Zitat aus Pergolesis Oper La serva padrona, sowie die Sinfonie Nr. 70, die zur Grundsteinlegung des neuen Opernhauses im Schloss Eszterháza erstmals erklungen ist – und das Öffnen der Vorhänge musikalisch schon einmal vorwegnimmt. 
Musiziert wird sehr präzise, aber immer mit Esprit, klangvoll, schwung- voll. Eine gelungene Aufnahme, die Lust macht auf die Fortsetzungen. Davon wird es wohl noch etliche geben; Haydn hat 107 Sinfonien kompo- niert. 

Montag, 27. März 2017

C.P.E. Bach: 4 Symphonies Wq 183 6 Sonatas Wq 184 (Es-Dur)

Die vier Orchestersinfonien Wq 183 und die sechs Kleinen Sonaten für Bläser Wq 184 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) hat das Ensemble Resonanz auf dieser CD zusammengefasst. Das ist eine interessante Kombination. Denn die Kleinen Sonaten, entstanden 1775, künden vom verstärkten Interesse des Komponisten am Bläserklang. Besetzt sind sie jeweils mit zwei Flöten, zwei Klarinetten, zwei Hörnern und Fa- gott. Die Sonaten 1, 2, 3, und 5 sind Bearbeitungen älterer Trios, Wq 92. Bachs Hinwendung zu den Bläsern folgt einerseits dem Zeitgeist – um 1770 kam die sogenannte Harmonie- musik, komponiert typischerweise für Bläseroktett, groß in Mode. 
Dieses Experiment wirkt aber darüberhinaus wie die Vorbereitung auf ein wesentlich komplexeres Projekt, das Bach im gleichen Jahr begonnen hat: In seinen Orchestersinfonien Wq 183 spielen ebenfalls Bläser mit; noch die Hamburger Sinfonien Wq 182 waren für reines Streichorchester ent- standen. Wir erleben somit die ersten Schritte auf dem Weg zum modernen Orchester – zwar lang noch nicht mit der vollen Bläserbesetzung, wie wir sie heute kennen, dafür aber noch mit Cembalo, an dem wir uns Carl Philipp Emanuel Bach denken können, wie er seine Musiker dirigiert. 
Im empfindsamen Zeitalter löste Einfühlung das barocke Musikverständnis ab, das die Musik als eine rhetorische Kunst betrachtete, die auch der Mathematik durchaus nahe war. Der „Hamburger“ Bach hingegen wollte weniger den Verstand als vielmehr das Herz seiner Zuhörer ohne Umwege ansprechen. Und so zündet er auch in diesem Sinfonien ein wahres Gefühlsfeuerwerk. 
Das Ensemble Resonanz lässt, dirigiert von Riccardo Minasi, jede einzelne Rakete genussvoll aufleuchten. Die Musiker zeigen, wie dramatisch Bachs Werke teilweise sind, wie kühn, innovativ und farbenreich – und mitunter auch mitreißend heiter. So energisch und konsequent hört man das selten; das ist Sturm und Drang auch in der Interpretation. Faszinierend! 

Mittwoch, 4. Januar 2017

Bruckner: Sämtliche Sinfonien; Young (Oehms Classics)

Anton Bruckner (1824 bis 1896) ge- hört zu den wichtigsten Komponisten seiner Zeit. Erkannt wurde das allerdings erst spät; seine Laufbahn begann Bruckner als Schulgehilfe. Ein Jahrzehnt verbrachte er im Stift St. Florian, wo er einst auch selbst als Sängerknabe gelernt hatte. Dort widmete er sich mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der er dank Weiterbildung den Aufstieg vom Hilfslehrer ins Lehramt auch für die höheren Klassen meisterte, der Ver- vollkommnung seines Orgelspiels, was ihm zunächst das Amt des Stiftsorganisten einbrachte. 1855 wurde Bruckner zum Linzer Domorgani- sten gewählt. 
Doch auch in dieser Position lehnte er sich nicht etwa zufrieden zurück; Bruckner studierte weiter intensiv Musiktheorie und Komposition, und er übte sich im Dirigieren. Nach dem Erfolg seiner ersten Sinfonie wagte der Musiker schließlich den Schritt nach Wien, wo er nicht nur Hoforganist, sondern zudem auch Professor für Musiktheorie am Konservatorium wurde. 
Mit seinen Sinfonien geriet der Komponist dann allerdings in eine Fehde zwischen den „Wagnerianern“ und den „Brahmsianern“, wobei die An- hänger der Tradition wortgewaltig unterstützt wurden durch den Kritiker Eduard Hanslick. Bruckner hatte seine dritte Sinfonie Wagner gewidmet – was ihm viel Ärger einbrachte. Insgesamt schuf Bruckner elf Sinfonien; neun davon akzeptierte er, die allererste aus dem Jahre 1863 gilt als „Studiensinfonie“, eine weitere, komponiert 1869, wurde annulliert und kam so als „Nullte“ ins Werkverzeichnis. Und die Neunte konnte er nicht mehr vollenden; der vierte Satz blieb Fragment. 
Bruckner, der zeitlebens katholisch fromm, sehr bescheiden und wohl auch unsicher und neurotisch gewesen sein soll, war mit seinen Sinfonien nie recht zufrieden. Er hat daher etliche seiner Werke überarbeitet, und dabei etliches geglättet und gestrafft. Simone Young wählte für ihren Bruckner-Zyklus mit den Philharmonikern Hamburg allerdings durchweg, wenn vorhanden, die Urfassung. Sie gilt als „unmittelbarer“, soll aber Orchester- musiker zu Bruckners Zeiten wohl vor Probleme gestellt haben. Die Auf- nahmen, die bei Oehms Classics veröffentlicht wurden, sind durchweg Live-Mitschnitte. 
Über Bruckner als Erneuerer der Gattung Sinfonie sind dicke Bücher geschrieben worden; hörbar wird hier, dass die elf Sinfonien eigentlich die Fortsetzung von Orgelmusik mit den Mittel eines großen Orchesters sind. Bruckner verwendet Instrumentengruppen und Klangfarben, wie man Register ziehen würde. Und so steht auch Laut und Leise des öfteren kontrastierend nebeneinander. 
Simone Young gestaltet Bruckners Sinfonien mit den Philharmonikern Hamburg frisch und energiegeladen, kontrastreich und fein austariert, von keck bis dramatisch. Kein Wunder, dass Publikum und Kritik gleicher- maßen euphorisch reagierten. Der komplette Bruckner-Zyklus mit Simone Young ist nun in einer 12-CD-Box erhältlich. 

Dienstag, 20. Dezember 2016

Edition Carl Philipp Emanuel Bach (Hänssler Classic)

Eine enorme Box mit Musik von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) legt Hänssler Classic all jenen auf den Gabentisch, die nicht dem Irrtum verfallen sind, es habe zwischen Johann Sebastian Bach und der Wiener Klassik im deutsch- sprachigen Raum eigentlich keine Musik gegeben, die man kennen müsste. 
Carl Philipp Emanuel Bach war der zweite überlebende Sohn von Johann Sebastian Bach. „In der Komposition und im Clavierspielen habe ich nie einen anderen Lehrmeister gehabt als meinen Vater“, soll „CPE“ später berichtet haben. Es war offensichtlich eine gute Schule; schon 1738 engagierte Kronprinz Friedrich von Preußen den Musiker. Viele Jahre lang begleitete der „Berliner Bach“ dann als Erster Cembalist den König beim Flötenspiel. Das war nicht immer eine Idylle, wie sie das berühmte Gemälde vom Hofkonzert in Sanssouci ver- muten lässt. Erinnert sei nur daran, dass in diesen Zeitraum auch der Sie- benjährigen Krieg fällt, mit verheerenden Auswirkungen. 
Als 1767 Taufpate Georg Philipp Telemann starb, wurde Carl Philipp Emanuel Bach sein Nachfolger als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. Dort hatte er eine Vielzahl von Aufführungen in allen fünf Hauptkirchen zu leiten, er komponierte die erforderliche, überwiegend geistliche, Musik und vernachlässigte darüber zugleich das Konzertieren nicht. Er hatte einen exquisiten Freundeskreis und pflegte eine umfangreiche Korrespondenz; in seinem gastfreundlichen Hause gingen nicht nur Musikerkollegen gern aus und ein. Letztendlich war der „Hamburger“ Bach zu Lebzeiten um vieles berühmter als sein Vater. 
Die Nachwelt freilich flicht auch dem Musiker keine Kränze. Und während in Berlin dank Felix Mendelssohn Bartholdy Bachs Matthäuspassion „wiederentdeckt“ und bejubelt wurde, geriet das Werk von Carl Philipp Emanuel Bach in Vergessenheit. Und es dauerte lange, bis er wieder geschätzt und geehrt wurde. 
Noch Beethoven meinte respektvoll: „Von Emanuel Bachs Klaviersachen habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künst- ler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen.“ Doch bis heute existiert keine vollständige Notenedition. Auf CD sind in den letzten Jahren aber immer breitere Ausschnitte des Schaffens von Carl Philipp Emanuel Bach zugänglich geworden. Sein umfangreiches Werk umfasst nahezu alle Gattungen; am häufigsten allerdings kompo- nierte er für das „Clavier“, unter welchem Begriff seinerzeit sämtliche Tasteninstrumente, vom flüsterleisen Clavichord bis hin zur Orgel, zusam- mengefasst wurden. 
Die vorliegende Box bietet auf 54 CD die bislang umfassendste Kollektion von Musik des großen Meisters der Empfindsamkeit. Auf 26 CD finden sich Werke für das Clavier, durchweg in Aufnahmen mit Ana-Marija Markino- va. Klavierkonzerte sind auf weiteren vier CD in den exzellenten Einspie- lungen mit Michael Rische zu hören; die Cembalokonzerte sowie ein Teil der Sinfonien mit Ludger Rémy und seinem Ensemble Les Amis de Philippe sowie mit Florian Birsak und der Camerata Salzburg unter Roger Norring- ton. Die Hamburger Sinfonien hat das Stuttgarter Kammerorchester unter Wolfram Christ eingespielt. Die Cello-Konzerte sind in der Aufnahme mit Julian Steckel und dem Stuttgarter Kammerorchester vertreten, die Oboenkonzerte mit József Kiss und dem Ferenc Erkel Chamber Orchestra. Die Flötenkonzerte spielt Patrick Gallois mit der Toronto Camerata, die Flötensonaten Dorothea Seel mit Christoph Hammer am Fortepiano. Kammermusik mit Traversflöte gibt es zudem in einer Aufnahme mit dem Collegium Pro Musica. Sonaten für Cembalo und Violine haben Roberto Loreggian und Federico Guglielmo eingespielt. In das Orgelwerk teilen sich Friedemann Johannes Wieland und Luca Scandali. 
Die Quartalsmusiken sowie Hamburgische Festmusiken – geschaffen anlässlich der Amtseinführung zweier Pastoren – erklingen mit der Himlischen Cantorey und Les Amis de Philippe unter Leitung von Ludger Rémy. Das Magnificat ist in einer Einspielung mit Arleen Augér, Helen Watts, Kurt Equiluz, Wolfgang Schöne sowie der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling zu hören. 
Die Aufzählung ist, im Bereich der Instrumentalmusik, damit noch nicht ganz vollständig; es wird aber deutlich, welche Schätze hier gehoben worden sind. Wer sich einen ersten Überblick über das Werk Carl Philipp Emanuel Bachs verschaffen will, der kann dies mit der Box ganz hervor- ragend – und auch der Kenner findet so manche Rarität. Sehr lohnend! 

Montag, 7. November 2016

Haydn Symphonies 78 79 80 81 (Decca)

„I have always been interested in less ;easy' repertoire; well known by experts but not as appreciated by the general public“, schreibt Ottavio Dantone im Beiheft zu dieser Doppel-CD. „I approached these symphonies from Haydn's Sturm und Drang period with a view to understanding the great dynamic and expressive contrasts hidden in the scores.“ 
Dass die Sinfonien dieser Aufnahme zu den weniger bekannten gehören, wird bereits an der Tatsache deutlich, dass zwei von ihnen, mit den Nummern 79 und 81, hier zum ersten Male mit historischen Instrumenten eingespielt worden sind. Als er diese Werke komponierte, lag Haydns sogenannte „Sturm-und-Drang“-Zeit allerdings schon etliche Jahre zurück; auch wenn die erste der vier Sinfonien dieser Aufnahme ein wenig düster und spannungsvoll beginnt. Die Sinfonie Nr. 78 gehört zu einer ersten Gruppe von Werken, 1782 im Druck erschienen, die Haydn bewusst für den Musikmarkt, für seine Ver- leger und ihre Kunden, geschrieben hat. 
Die nächsten drei Sinfonien, Nr. 79 bis 81, stellte er 1784 fertig. Sie sind ebenfalls überaus kunstvoll gestaltet, mt leichter Hand, und enthalten hier und da auch einen der typischen Haydnschen Scherze. Diese Musik war seinerzeit so beliebt, dass ihr Schöpfer 1785 den Auftrag erhielt, sechs Werke für das vergleichsweise große Orchester der Concerts de la Loge Olympique zu schreiben – die Pariser Sinfonien. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte. 
Haydn schätze ich sehr, und höre ihn gern und oft; immer wieder sind neue Facetten und neue Details zu entdecken. Wer den Komponisten nur als „Papa Haydn“, der den Weg freimachte für Mozart, oder aber als einen Vorgänger Beethovens versteht, der hat ihn mit Sicherheit nicht verstan- den. Dass sich Dantone mit der Accademia Bizantina diesen vier Sinfonien zuwendet, ist daher erfreulich. Zwar gibt es bereits etliche Aufnahmen; erinnert sei hier insbesondere an die legendäre Gesamteinspielung, die Antal Dorati, ebenfalls für Decca, in den 70er Jahren in Marl (!) mit der dort ansässigen Philharmonia Hungarica erarbeitet hatte. 
Auch Dantone setzt ganz auf kammermusikalische Präzision, und durch den Einsatz des zeitgenössischen Instrumentariums nähert er sich obendrein dem Klang jener Jahre an. Mit einer kleinen Besetzung geht er auf Entdeckungsreise: „It is well known that eighteenth-century music contains more ,non-written' elements than written ones“, so Dantone. „Discovering these hidden aspects – the secret codes that reveal the music's varying emotions from the most intimate to the most intense – is a highly interesting and creative process.“ Das Resultat kann in diesem Falle auch der Zuhörer genießen – es lohnt sich. 

Montag, 17. Oktober 2016

Mahler: The 9 Symphonies (Tudor)

Auch wenn es sich möglicherweise noch nicht überall herumgesprochen hat – aber: Die Bamberger Symphoni- ker sind ein Weltklasseorchester. Das bestätigt einmal mehr diese Sammel- box mit den neun Sinfonien von Gustav Mahler, erstklassig aufgeführt in den Jahren 2003 bis 2011. Ausdrucksstark, präzise und mit sorgsam herausgearbeiteten Details wird hier agiert. 
Chefdirigent Jonathan Nott schaut mit kühlem, ja, mit misstrauischem Blick in die Partitur. Nichts ist hier idyllisch und harmlos. Nott verzichtet auf auf- gesetztes Pathos und überflüssige Sentimentalisierung; er lotet akribisch aus, was im Notentext steht, und akzeptiert dabei insbesondere auch die Brüche und Abgründe. Damit macht er Klangeffekte hörbar, die Mahler offenbar wichtig waren, die aber beim Beharren auf der spätromantischen Aufführungspraxis mit ihren diversen Rubati eher verschmiert und verdeckt werden. Nott setzt auf Strukturen und Farben, und er hat ein grandioses Gespür für das richtige Zeitmaß. Das Ergebnis ist unglaublich spannend, dramatisch und mitreißend. Atemberaubend! 

Freitag, 30. September 2016

Michael Haydn: Symphonies (Naxos)

Nach den Sinfonien von Franz Joseph Haydn (1732 bis 1809), die auf 34 CD mit unterschiedlichen Interpreten vollständig vorliegen, wendet sich Naxos nunmehr auch den Werken von Johann Michael Haydn (1737 bis 1806) zu. Die beiden ersten CD hat das Czech Chamber Philharmonic Orchestra Pardubice mit dem französischen Flötisten Patrick Gallois am Dirigentenpult mittlerweile veröffentlicht. Sie machen deutlich, dass die Musik von Michael Haydn durchaus Aufmerk- samkeit verdient – auch  wenn der Komponist bislang, im Schatten seines Bruders, weniger wahrgenommen worden ist. Er wirkte ab 1763 bis an sein Lebensende als Konzert- und Kapellmeister am Hofe des Fürsterzbischofs in Salzburg. Seine Sinfonien sind überraschend originell und zudem sehr elegant; man stellt bald fest, dass sie auch den jungen Wolfgang Amadeus Mozart hörbar inspiriert haben. 

Montag, 8. August 2016

Beethoven: Symphonies 4 & 5; Harnoncourt (Sony)

„Der Concentus und ich haben 2013 im Theater an der Wien, im ,Heimattheater' Beethovens, den Fidelio aufgeführt“, berichtete Nikolaus Harnoncourt in einem Gespräch, das im Beiheft zu dieser CD nachzulesen ist. „Das war der Anlass, der war so ein Augen- und Ohrenöffner für uns, dass aus dem Concentus selbst der Wunsch kam, jetzt müssten wir an die Symphonien gehen. Und dann haben wir erst einmal die Erste und die Zweite Symphonie gespielt, dann die Dritte und nun die Vierte und Fünfte. Wir tasten uns also langsam heran und hoffen dann, den gesamten Zyklus in Graz spielen zu können.“ 
Diese Hoffnung ging leider nicht in Erfüllung; die Kraft hat dafür nicht mehr ausgereicht. Im Dezember 2015, einen Tag vor seinem 86. Geburts- tag, verkündete der Österreicher, der mit vollem Namen Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt heißt, den Rücktritt vom Dirigentenpult. Am 5. März 2016 ist er dann gestorben. 
Der Musiker, der seine Karriere 1952 als Cellist ausgerechnet bei den Wiener Philharmonikern unter Herbert von Karajan begann, war unermüdlich auf der Suche nach der musikalischen Wahrheit, dem „richtigen“ Klang. So fand er sich bald mit Musikerkollegen im Concentus Musicus Wien zusammen, um in Vergessenheit geratene historische Spieltechniken und verloren gegangenes rhetorisches Verständnis wiederzubeleben. Obwohl er sich lange dagegen gesträubt hatte, begann Harnoncourt in den 70er Jahren, auch als Dirigent zu wirken. Er arbeitete mit renommierten Orchestern, und er erarbeitete mit diversen Ensembles eine Vielzahl von Opern. Gern gab Harnoncourt sein Wissen an die jüngere Generation weiter. So prägte er eine ganze Generation von Musikern und Musikfreunden. Die Styriarte in Graz ist schließlich „sein“ Festival geworden. 
Die Vierte und die Fünfte Symphonie von Ludwig van Beethoven sind Harnoncourts letzte CD-Aufnahme. Im Mai 2015 spielte er beide mit dem Concentus Musicus im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins ein, und zwar zum ersten Mal ausschließlich auf Instrumenten, wie sie zur Beethovenzeit genutzt worden sind. Damit erfüllte sich Harnoncourt einen lang gehegten Wunsch. Über die Vierte meint Harnoncourt: „Sie ist wahrscheinlich einfach eine Symphonie, in der Beethoven alle seine musikalischen Kenntnisse eingebracht hat. Seine Kompositionsweise ist hier sozusagen mehr in den gewohnten Bahnen und man hat das Gefühl, er folgt Poesien, sehr poetischen Gedichten. Ich glaube, gerade die Vierte bietet ungeahnt viele Assoziationen und Bilder an.“ 
Auch die Fünfte liest Harnoncourt neu. Es sei „wirklich grotesk, dass sie als ,die' Symphonie schlechthin gilt, weil es wahrscheinlich die einzige Nicht-Symphonie ist von allen.“ Sie beginne nicht einmal mit einem Thema – und das mit dem Schicksal, das an die Pforte klopft, möge man bitte ebenfalls nicht so ernst nehmen: „Das hat angeblich der Anton Schindler, Beethovens Sekretär, darüber nachträglich gesagt, aber der hat so viele Sachen gesagt, die er nicht verstanden hat. Man soll diesen Leuten, die um ein Genie herum sind, nicht alles aufs Wort glauben.“ 
Den Kern des Werkes sieht Harnoncourt im Wechsel von c-Moll nach
C-Dur – und wenn sich dieser Wechsel ereignet, kommen obendrein neue Instrumente hinzu: Drei Posaunen, eine Piccoloflöte und ein Kontrafagott, so erklärt der Dirigent: „Mit Ausnahme des Kontrafagotts sind das die Instrumente der Freiluftmusik.“ Hier öffne sich eine Türe nach außen, ins Freie. Diese Lesart lässt das Ensemble konsequent hörbar werden; das klingt mitunter ungewohnt, aber es ist ohne Zweifel reizvoll. 

Sonntag, 24. April 2016

von Camerloher: Kammermusik, Sinfonien, Arien (Thorofon)

Placidus Cajetanus Laurentius von Camerloher (1718 bis 1782) war der Sohn eines Gerichtsschreibers. Seine Ausbildung begann er an der Ritterakademie Ettal; Camerloher studierte dann bei den Jesuiten am Münchner Wilhelmsgymnasium Theologie und wurde 1744 in Freising zum Priester geweiht. Sein Talent aber lag auf musikalischem Gebiet. 1745 wurde Camerloher zum Kapell- meister bei Johann Theodor von Baiern, Kardinal und Fürstbischof von Freising, berufen. 
Der Fürstbischof sorgte dafür, dass sein Musikdirektor, Rat und Hofkaplan zunächst Canonicus im Freisinger Stift St. Veit und später dann am Stift St. Andreas wurde, was mit einer Pfründe verbunden war. Außerdem ließ er den Kapellmeister in den Adels- stand erheben. 
Dass die Freisinger Hofkapelle der Herrschaft sehr wichtig war, zeigt ein Gemälde von Joseph Paul Delcloche. Darauf ist zu sehen, wie der Neffe des Fürstbischofs, immerhin regierender Kurfürst von Bayern, ein Solo auf der Viola da gamba spielt. Am Violoncello begleitet ihn der Fürstbischof höchstpersönlich; am Cembalo sitzt eine seiner Töchter aus der Zeit vor seiner Priesterweihe. Der Hofkapellmeister steht neben ihr und dirigiert mit einer Notenrolle. Und alle Musiker, von Konzertmeister bis hin zu den beiden Hornisten, sind ebenso liebevoll porträtiert. 
Die Neue Freisinger Hofmusik, um Cellistin Sabina Lehrmann, hat sich die Wiederentdeckung des Repertoires jener Zeit zum Ziel gesetzt. Das Ensem- ble hat nun bei Thorofon einen reizvollen Querschnitt aus dem Schaffen von Camerlohers vorgestellt. Es erklingen drei Sinfonien, zwei Kammer- musiken, zwei Arien für Bass, gesungen von Matthias Winckhler, sowie zwei Stücke für Gallichone, eine süddeutsche Variante der Laute. Fast alle dieser Werke sind bislang unveröffentlicht. Camerlohers Musik ist ohne Zweifel originell; stilistisch steht sie der Mannheimer Schule nahe.