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Montag, 7. Juli 2014

Bach: Sonatas for viola da gamba and harpsichord (Passacialle)

Ob die Werke Johann Sebastian Bachs auf einem Fortepiano oder auf einem Cembalo zu spielen sind, das ist eine Frage, die von Exper- ten gern und mit Ausdauer diskutiert wird. Fakt ist: Bach kannte das Fortepiano, den Urahn des modernen Konzertflügels. So hat er 1747 vor König Friedrich von Preußen auf einem solchen Instrument improvisiert. Mögli- cherweise besaß er sogar selbst ein „Silbermännisches Piano et Forte“; experimentierfreudig jedenfalls war der Musiker ohne jeden Zweifel. 
Experimentierfreude zeichnet auch die Aufnahme der drei Sonaten für Viola da gamba und obligates Cembalo BWV 1027 bis 1029 aus, die Vittorio und Lorenzo Ghielmi bei dem Label Passacaille einge- spielt haben. Ergänzt wird das Programm durch die Präludien und Fugen BWV 871, 884 und 847. Die Musiker nehmen sich die Freiheit und nutzen beide Instrumente; so kann der Hörer entscheiden, ob ihm der Klang einer Kopie des Silbermann-Fortepianos oder eines Cembalos nach einem Original von Christian Vater aus dem Jahre 1738 besser gefällt. „Die Bezeichnung Cembalo schließt, wie wir schon erklärt haben, den Einsatz des Fortepianos nicht aus“, be- gründen die Gebrüder Ghielmi, „vielmehr erweist er sich hier als besonders eindrucksvoll, weil er ein perfektes Gleichgewicht zwischen den drei Stimmen – der rechten und der linken Hand des Klavierspielers und der Viola da gamba – ermöglicht, außerdem noch eine Präzision in Phrasierung und Kontrapunkt, die dem Cem- balo nicht gegeben ist.“  

Donnerstag, 17. Juni 2010

Handel: Sonatas for Flute (EPR Classic)

Welche Sonaten Händel eigens für Flöte komponiert hat, das lässt sich heute nur noch schwer fest- stellen. Das liegt zum einen daran, dass der Meister zeitweise enorm produktiv war. Zum anderen war es damals durchaus üblich, Musik "für Violine, Flöte oder Oboe" und Continuo oder gar gänzlich ohne Angaben zur Besetzung zu publi- zieren, oder aber auch Werke nachträglich für andere Instru- mente zu bearbeiten. 
Trotz der Vielzahl überlieferter Druckfassungen und Handschriften ist es daher nur in Ausnahme- fällen möglich, Originalkompositionen Händels für die "German Flute", die seinerzeit in England wohl neu und sehr beliebt war, zu identifizieren. Es sind nicht sehr viele, die  Jan De Winne schließlich auf dieser CD zusammengetragen hat. 
Obwohl zu Händels Lebzeiten auch in England die Traversflöte begann, die Blockflöten zu verdrängen, spielt das Instrument im Werk des großen Komponisten offenbar kaum eine Rolle. In seinen Opern und Oratorien jedenfalls bevorzugt Händel Oboe und Blockflöte. Über die Gründe dafür mag spekulieren, wer Lust hat - die Flötensonaten jedenfalls, die diese CD zusammenfasst, sind hübsche Stücke. Sie fol- gen in ihrer Struktur zumeist dem Muster der sonata da chiesa, das Händel in Italien kennengelernt hat, und das auch andere Kompo- nisten seiner Zeit verwendeten, so beispielsweise Arcangelo Corelli in seinen Violinsonaten. 
Jan De Winne musiziert mit schönem, fokussiertem Ton - die Travers- flöte klingt deutlich dunkler und weicher als die moderne Querflöte - und einer geradezu barocken Lust an der Auszierung und Variation. Lorenzo Ghielmi am Cembalo und Lorenzo Testori am Violoncello begleiten ihn temperamentvoll. So entsteht ein spannungsgeladener musikalischer Dialog, dem man mit Freude lauscht - und Langeweile wird dabei garantiert nicht aufkommen.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Gesualdo: Responsoria; De labyrintho (Stradivarius)

Don Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa, ist nicht zuletzt aufgrund der wenigen Fakten, die über sein Leben bekannt sind, ein dankbarer Forschungsgegenstand. Denn er ertappte 1590 seine Ehefrau in flagranti - was offenbar weder die Ehebrecherin noch ihr Liebhaber und wohl auch nicht die kleine Tochter überlebten.
Gesualdo lebte mit seiner Schuld weiter, noch 23 Jahre lang - und je älter er wurde, desto mehr plagten ihn offensichtlich Depressionen. 
"Il canto dell'ombra", der Gesang des Schattens, lautet das Motto dieser CD - und das trifft das Wesen dieser ergreifenden Musik nur zu gut. 
Tod und Leben begegnen sich nicht nur in der Kombination von Teilen aus der Totenmesse mit Abschnitten aus der Ostersonntags- liturgie, wie sie für diese Aufnahme gewählt wurde. Dieselbe Spannung, das Ausharren zwischen Zeit und Ewigkeit, prägt auch die einzelnen Responsorien Gesualdos mit ihren halsbrecherischen harmonischen Rückungen und ihrer kühnen musikalischen Auslegung des Textes. Die Sänger von De labyrintho, geleitet von Walter Testolin, sind den Herausforderungen dieses extremen Repertoires jederzeit gewachsen. Das will etwas heißen - wagen sie sich doch in die Fußstapfen des Hilliard Ensembles, dem eine atemberaubende Einspielung der Oster-Responsorien gelungen ist. Der Chorgesang von De labyrintho klingt nicht ganz so rund und in sich gekehrt; das liegt aber in der Natur der Sache, denn in dem Ensemble, das sich ganz der Renaissance-Musik verschrieben hat, sind die hohen Stimmen mit Frauen besetzt. 
Mit Überraschungen muss man bei einem Chor, der einen solchen Namen wählt, wohl rechnen. "Patientia est ornamentum custodia et protectio vitae", mahnt das Booklet. Ansonsten ist es leider nicht besonders informativ. Warum die CD nur die Responsorien, nicht aber die Vorsängerverse dazu enthält, bleibt so ein Geheimnis. Statt dessen bringt die CD vier meditative Stücke für Viola da Gamba, von und mit Vittorio Ghielmi, die vom Gestus her wie ein Echo des Gesungenen wirken. Und zum Abschluss, wenn keiner mehr damit rechnet - und in der Trackliste auch nicht verzeichnet - folgt ein weiteres Stück von Carlo Gesualdo, wie die Auflösung eines musikalischen und theologischen Rätsels: Das Ave, dulcissima Maria aus dem Sacrarum Cantionum quinque vocibus Liber Primus, denke ich. Oder?