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Samstag, 16. Januar 2021

Wilms: Sonatas for piano and flute op. 15 (MDG)

 


Jan Wellem Wilms gewann 1816 den Wettbewerb, mit dem eine Nationalhymne für das neu gegründete Königreich der Niederlande gesucht wurde. Er gilt als der bedeutendste niederländische Komponist seiner Zeit – doch eigentlich stammte er aus Deutschland: Johann Wilhelm Wilms (1772 bis 1847) kam im Bergischen Land zur Welt, und seine Ausbildung begann er bei seinem Vater, der als Lehrer auch Orgel spielte. 

Eigentlich sollte er Pfarrer werden, aber darauf hatte der junge Mann offenbar wenig Lust; 1791 reiste er nach Amsterdam – und dort blieb er dann, musizierte, unterrichtete Flöten- und Klavierschüler, und nahm auch selbst Unterricht. Innerhalb weniger Jahre konnte er sich im europäischen Musikleben etablieren; so wurden seine Werke unter anderem in Leipzig aufgeführt und von den dortigen Verlegern publiziert. 

Auf dieser CD präsentieren Helen Dabringhaus und Sebastian Berakdar in Weltersteinspielung Wilms‘ Flötensonaten op. 15. Hört man diese eleganten Musikstücke, wird man bedauern, dass jener das Komponieren nur als Nebenbeschäftigung betrieben hat. Die Aufnahmen sind auch technisch exquisit, und Flötistin Helen Dabringhaus lässt im Dialog mit Sebastian Berakdar diese kleinen Juwelen des Repertoires so recht funkeln und strahlen. 

Wilms hat es verstanden, den Klang der Flöte – ein Instrument, das seinerzeit technisch noch unausgereift war und deshalb von etlichen Komponisten ignoriert wurde – neben dem Klavier bestens zur Geltung zu bringen. Es ist auch deshalb erstaunlich, wie derart attraktive Werke so lange unbeachtet bleiben konnten. 


Sonntag, 25. Februar 2018

C.P.E. Bach: Sonatas for Flute & Basso Continuo (Tyxart)

Flötensonaten hat Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) in erstaunlich großer Zahl geschrieben. Schon in Leipzig, in seinen Lehr- jahren beim Vater, komponierte der älteste Sohn von Johann Sebastian Bach für dieses Instrument, das damals neu und modern war. 
Diese CD bietet eine Auswahl aus den Flötensonaten – vom  Frühwerk, entstanden während des Jurastudiums in Frankfurt/Oder, über Musik aus jenen Jahren, die Carl Philipp Emanuel Bach als Kammercembalist im Dienste des preußischen Königs Friedrich II. stand, bis hin zur berühmten Hamburger Sonate. Als Bach dieses Werk schrieb, war er bereits Nachfolger seines Taufpaten Georg Philipp Telemann als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. 
Katalin Horvath, Traversflöte, Thomas Platzgummer, Violoncello, und Eva Maria Pollerus, Tasteninstrumente, setzen ihren Ehrgeiz daran, diese Werke möglichst authentisch zu interpretieren. Dabei kommt dem Tasteninstrument entscheidende Bedeutung zu, wie die drei Musiker festgestellt haben. 
„Die Auswahl an besaiteten Tasteninstrumenten war vielfältig zur Zeit der Bach-Söhne“, schreibt Pollerus im Beiheft zu dieser CD: „Das Cembalo war noch der König der Tasten, das Hammerklavier – wenn auch eine rare Option – schon dabei, die Herzen der Musiker zu erobern, und das Clavichord liebste Wahl für die intime musikalische Zwiesprache.“ 
In Sanssouci stand Bach ein Hammerflügel von Gottfried Silbermann zur Verfügung. Weil es nicht gelungen ist, für diese Einspielung ein solches Instrument zu besorgen, haben sich die Musiker für ein anderes entschie- den, das in Hamburg seinerzeit gebräuchlich war: Ein Tafelklavier, um 1780/90 in Hamburg oder England gebaut. „Es zeichnet sich durch eine ungemein sensible Leichtgängigkeit, erstaunlich sichere und schnelle Tonrepetition und einen inspirierenden, fast ,Pantaleon'- bzw. ,Hackbrett-'artigen silbrigen Klang aus“, schwärmt die Cembalistin. 
Zu hören sind auch ein Clavichord und ein Cembalo; bei der Wahl der jeweiligen Besetzung haben die Musiker sehr genau in den Notentext geschaut. Und so steht das Tasteninstrument bei dieser Aufnahme letztendlich im Mittelpunkt. Die Flötistin möge mir verzeihen, aber was das Continuo hier an Gestaltungsvarianten austestet, das macht selbst simples Generalbass-Spiel zum musikalischen Abenteuer. 

Freitag, 21. Oktober 2016

Roman: The 12 Flute Sonatas - Nos 6 - 12 (BIS)

Johan Helmich Roman (1694 bis 1758) gilt als Vater der schwedischen Musik. Er kam in Stockholm als Sohn eines Hofmusikers zur Welt, und wurde schon als Knabe ebenfalls Mitglied der Hofkapelle. 1715 durfte er auf Weisung seines Dienstherrn, König Karl XII., zu einem Studien- aufenthalt ins Ausland reisen. Roman ging nach London, wo er zahlreiche bedeutende Musiker seiner Zeit kennenlernte – unter anderem Händel, Gemiani, Bononcini, Ariosti und Pepusch. 
1721 kehrte er in die Heimat zurück, wo er dann 1727 Hofkapellmeister wurde.  Nach dem Tod seiner Frau 1734 ging Roman noch einmal auf Reisen – über London und Frankreich nach Italien, wo er wohl auch zur Kur weilte, und dann über Wien, München, Augsburg, Dresden und Berlin zurück nach Stockholm. Weil Roman überall unterwegs Musikalien einkaufte, konnten Musikwissenschaftler seinen Reiseweg minutiös rekonstruieren. 1737 trat er wieder seinen Dienst an – hoch geehrt, 1739 wurde der Musiker sogar in die Königliche Wissen- schaftsakademie gewählt. 
Nach dem Tod seiner zweiten Frau 1744 zog sich Roman aufs Land zurück. Nur noch zweimal leistete er Beiträge zum Musikleben – zur Geburt des Kronprinzen Gustav, und zum Ableben von König Fredrik I. sowie der Krönung von Adolf Fredrik und Lovisa Ulrika. Komponiert hat Johan Helmich Roman eine große Anzahl an Werken. Im Druck erschienen ist zu Lebzeiten des Musikers nur eines davon: Seine Zwölf Sonaten für Travers- flöte, die er Königin Ulrika Eleonora 1727, im Jahre seiner Ernennung zum Hofkapellmeister, als Geburtstagsgeschenk überreichte. 
Dan Laurin hat sie nun mit dem Ensemble Paradiso Musicale eingespielt – auf der Blockflöte. Das passt sehr gut zu den Sonaten Romans, die sich weniger durch halsbrecherische Virtuosität als vielmehr durch Raffinesse und überraschende Wendungen auszeichnen. Seine Musik zeigt, bei aller Eigenständigkeit, zudem deutlich Romans Vorbilder; bei manchen Wendungen meint man, Händels Hallesche Sonaten hätten Pate gestanden. Temperamentvoll präsentiert Dan Laurin diese qualitätvollen Kompositionen, im Zusammenspiel mit Anna Paradiso, Cembalo, Mats Olofsson, Violoncello, und Jonas Nordberg, Barockgitarre und Theorbe.

Dienstag, 20. Januar 2015

Corelli: La Follia (Our Recordings)

Sie sind nicht wirklich schwierig, die Six Solos for a flute and a bass By Archangelo Corelli Being The second part of hin Fifth Opera (..) The whole exactly Transpos'd and made fitt for a flute and a bass with the aproba- tion of several Eminent Masters. Doch die Sammlung enthält ihre Kabinettstückchen, wie die Sonata Nr. 12, La Follia. Zudem klingen die Werke durchweg zauberhaft schön. Und wenn man sie hübsch auszieren will, wie seinerzeit üblich, dann lässt sich der Schwierigkeitsgrad selbstredend beträchtlich steigern. Michala Petri und der junge, aber höchst virtuose Cembalist Mahan Esfahani demonstrieren mit dieser CD, wie so etwas klingen kann. Petri spielt die Blockflöte(n) phänomenal gut; es gibt noch immer weltweit keinen weiteren Solisten, der ihr das Wasser reichen kann. Ihre Musizierlust ist hinreißend. Und selbst schnellste Figurationen klingen bei ihr niemals gehetzt und bemüht. In Esfahani hat sie offenbar einen Partner gefunden, der ebenso souverän agiert, und dabei perfekt mit ihr harmoniert. Es ist rundum ein Vergnügen, den beiden Musikern zu lauschen. 
Die Sonaten von Arcangelo Corelli (1653 bis 1713) sind zu Recht populär, auch wennn sie nicht ganz so bekannt sind wie beispielswiese Vivaldis Vier Jahreszeiten. Es hat schon seinen Grund, dass der Komponist zu den ganz großen Stars seiner Zeit gehörte. „Indeed, all over the world, archives contain Corelli's sonatas copied, re-copied, re-published, and arranged for all sorts of instruments or re-composed as full ensemble works“, schreibt Mahan Esfahani voll Bewunderung im Beiheft zu dieser CD. „So widespread was Corelli's appeal that hin work would have been played not only in the expected European musical centres but even in America (he was known to be a favourite composer of U.S.'s third president, Thomas Jefferson), St. Petersburg, Stockholm, Constantinople, and perhaps even in British India. It can be said without any exaggeration that Corelli was the first world-famous composer.“ 

Mittwoch, 11. Juni 2014

Johann Christoph Friedrich Bach: Sonatas for traverso & fortepiano (Glossa)

Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795) soll unter den Söhnen des Thomaskantors derjenige gewesen sein, der am besten Cembalo spielte. Der dritte von sechs überlebenden Söhnen Johann Sebastian Bachs ging im Frühjahr 1750, gerade einmal 18 Jahre alt, als „Cammer-Musicus“ an den Hof des Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe. Dort wirkte der „Bückeburger Bach“ bis an sein Lebensende. Er machte die Hof- kapelle seines Dienstherrn zu einem exzellenten Orchester, heiratete die Hofsängerin, war mit Johann Gottfried Herder befreundet – der dann allerdings zu Bachs Leidwesen 1776 nach Weimar berufen wurde – und komponierte zahlreiche Werke. 
Leider interessierte sich zunächst kaum jemand für seine Musik, weil sein Lebenslauf und sein eher regionales Wirken so gar nicht zum Genie-Kult der Romantik passten. Und im Zweiten Weltkrieg sind dann viele seiner Manuskripte verloren gegangen. Umso erfreulicher ist es, dass nun bei Glossa eine sehr hörenswerte Einspielung wieder erhältlich ist, die im Juni 2004 in Pisa aufgezeichnet wurde. 
Marcello Gatti und Giovanni Togni spielen einige seiner Sonaten für Clavier mit Begleitung einer Flöte oder Violine, hier in der Besetzung mit Traversflöte, sowie eine Sonate per Flauto traverso o Violino, Violoncello e Cembalo concertato (o Piano-Forte), mit Giovanna Barbati am Violoncello. Es ist eine bezaubernde Aufnahme wunder- voller, feinsinniger Musikstücke – sensibel, ohne kitschig zu werden. Herrliche Melodien, vielfältige Wendungen und musikalische Ideen – und was für ein harmonisches Musizieren! Diese CD hört man gern immer wieder. Bravi!  

Dienstag, 14. Januar 2014

Bach: Die authentischen Flötensonaten (Oehms Classics)

Zu Bachs Zeiten löste die Travers- flöte zunehmend die zuvor gebräuchlichen Blockflöten ab. Johann Sebastian Bach verwendete in seinen Werken beide Flöten-Typen; so finden sich im ersten Leipziger Kantatenjahrgang von 1724 bereits anspruchsvolle Partien für Solo(travers)flöte. Bach komponierte zudem einige Flötensonaten. Möglicherweise wurde der Thomaskantors dazu durch den Kontakt mit Pierre-Gabriel Buffardin, Flötist am Dresdner Hof, angeregt. Belegt ist nur für ein einziges Werk, wer es gespielt haben könnte: Die Sonate in E-Dur BWV 1035 widmete Bach Michael Gabriel Fredersdorf, dem Kammerdiener und engstem Ver- trauten Friedrichs des Großen. 
Bachs Werke gehören heute zum Repertoire eines jeden Flötisten. Aufnahmen davon gibt es viele. Doch Oehms Classics gelingt es, eine Aufnahme vorzulegen, die sich von den musikalisch oft ziemlich beliebigen Veröffentlichungen ringsum abhebt – durch pure Qualität. Verena Fischer, Traversflöte, und Léon Berben am Cembalo sind ausgewiesene Experten ihres Faches. Sie haben beide langjährige Erfahrungen im Bereich der „Alten“ Musik; so war Fischer Solo- flötistin und Berben Cembalist in Reinhard Goebels Ensemble Musica Antiqua Köln. 
Die beiden Musiker erweisen sich als eingespielte Duo-Partner, die aufeinander hören und einander zu Wort kommen lassen. Und das dunkle, warmeTimbre der Traversflöte, wie zu Bachs Zeiten nahezu ohne Mechanik, bringt Farben ein, die sich auf einer modernen Böhm-Flöte eben nicht erzielen lassen. So klingen Bachs Flötensonaten in der Tat „authentisch“ - was auch immer das Wort sonst hier besagen soll. 

Dienstag, 17. Dezember 2013

Bach: Flute Sonatas (Hyperion)

Bachs Flötensonaten gehören zu jenen Werken, die Musiker offen- bar magisch anziehen, und die daher immer wieder neu einge- spielt werden. So hat Andrea Oliva, Soloflötist des Orchestra dell’ Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom, jüngst bei Hyperion gemeinsam mit der ebenso renommierten Pianistin Angela Hewitt eine Neuaufnahme vor- gelegt. Die beiden Solisten nutzen moderne Instrumente, und sie demonstrieren, wie modern Bach klingen kann – wenn man die empfindsamen Aspekte dieser Musik herausstreicht, und den Kontrapunkt bescheiden in den Hintergrund treten lässt. Wer Vergnügen an einem solchen Experiment hat, der mag diese Aufnahme schätzen. Mich hat sie nicht wirklich überzeugt. 

Montag, 19. August 2013

Händel: Théatre intime (Editions Hortus)

Flötenmusik von Georg Friedrich Händel steht im Mittelpunkt dieser CD des Ensembles Les Lunes du Cousin Jacques. Benoit Toigo spielt die Blockflöten versiert, auch wenn er an die ganz großen Virtuosen nicht heranreicht. Er macht daraus eine Stärke – und legt mehr Wert auf sangliche Gestaltung als auf die Auszierung und Variation der rasanten Passagen. 
Das Continuo ist mit Frédéric Hernandez, Cembalo, Diego Salamanca, Theorbe, und Annabelle Brey, Violoncello, stark besetzt. Das ermöglicht klangliche Differenzierung. Das Programm, das die Musiker zusammengestellt haben, setzt ohnehin auf Abwechslung. Dazu tragen auch Son d'Egitto und Non posso dir di più, zwei italienische Solo-Lieder, sowie Nel dolce dell'oblio, eine Kantate für Sopran, Blockflöte und Basso continuo, bei, vorgetragen von Aurore Bucher. Eine CD, die man gern anhört. 

Sonntag, 16. Juni 2013

Kuhlau: Grandes Sonates (Fra Bernardo)

Das Label Fra Bernardo will einerseits jungen Künstlern und Ensembles die Möglichkeit geben, sich international zu präsentieren. Anderseits will Bernhard Drobig, der Gründer des Labels, aber auch Repertoirelücken schließen – und da gibt es im Bereich der „Alten“ Musik, auf den sich Fra Bernardo konzentriert, in der Tat noch viel zu entdecken.
Ein Beispiel dafür ist das Werk von Friedrich Daniel Rudolph Kuhlau (1786 bis 1832). Der Musiker, geboren in Uelzen, flüchtete 1810 nach Dänemark, um nicht in Napoleons Truppen dienen zu müssen. Im dänischen Musikleben fand Kuhlau schließlich seinen Platz; so gilt er als einer der Väter der dänischen Oper.
Sein eigentliches Instrument aber war die Flöte. So komponierte er insgesamt sieben Sonaten für Flöte und Klavier. Drei davon sind auf dieser CD zu hören. Das Duo Les Fidelles – es besteht aus Charles Zebley, Flöte, und Linda Nicholson am Klavier – beweist, dass die Flötenmusik der Frühromantik durchaus Attraktives zu bieten hat. Klanglich faszinierend ist diese CD aber nicht nur aufgrund der musikalischen Klasse der beiden Interpreten.
Der verwendete Flügel wurde von dem Wiener Klavierbauer Conrad Graf um 1828 angefertigt. Das Instrument weist allerlei Finessen auf; so hat es fünf Pedale mit teilweise kuriosen Funktionen: „Una corda; Fagott – hier wird ein Pergamentstreifen an die Saiten geführt und dadurch eine schnarrende Klangfarbe erzeugt; Fortepedal; Modera- tor – hier schiebt sich ein Filzstreifen zwischen Hämmer und Saiten, um einen gedämpften Klang zu erreichen; Trommel/Glocken – hier setzt das Pedal einen Mechanismus in Bewegung, der bei leichtem Drücken einige Glocken anschlägt“, zählt Nicholson auf: „Bei festem Drücken schlägt zusätzlich noch ein Trommelschlägel auf den Reso- nanzboden.“

Sonntag, 24. Februar 2013

Kozeluh: Sonatas for Fortepiano, Flute and Cello (Supraphon)

Leopold Antonín Kozeluh, ge- schrieben oft auch Koscheluch (1747 bis 1818), war als Klavier- virtuose, Musikpädagoge und Komponist in Wien auf dem Höhepunkt seiner Karriere mindestens so beliebt und berühmt wie sein Zeitgenosse Mozart. Umso verwunderlicher ist es, dass sein Name sowie sein umfangreiches Werk heute nahezu vergessen sind. 
Die musikalische Ausbildung Kozeluhs begann in seiner Heimatstadt Velvary; schon mit zehn Jahren ging der Knabe nach Prag. Dort lernte er am Altstädter Gymnasium und begann, Jura zu studieren. Doch bald faszinierte die Musik den jungen Mann mehr als die Paragraphen. Hervorragende Lehrer fand er in seinem Vetter Johann Kozeluh und dem gefeierten Cembalisten Franz Xaver Dussek. 
Als Leopold Kozeluh 1771 mit einer Ballettmusik sehr erfolgreich war, beschloss er, die Rechte an den Nagel zu hängen und sich fürderhin auf die Musik zu konzentrieren. 1778 ging Kozeluh nach Wien. Dort brillierte er als Pianist, und fand dort binnen kurzer Zeit Zugang zu den höchsten Adelskreisen. So wurde er der Nachfolger von Georg Christoph Wagenseil als Musiklehrer des Hofes. Er unterrichtete zudem Angehörige der Adelshäuser Liechtenstein, Schwarzenberg, Waldstein, Haugwitz und etliche andere, wie man an seinen Widmungen erkennen kann. Zu seinen Schülern gehörte auch die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis (1759 bis 1824), die auf ihren Konzertreisen wiederum etliche Werke des Komponisten vorstellte, und so zu seinem Ruhm beitrug. 
Als 1781 das Amt des Hoforganisten in Salzburg durch den Weggang Mozarts vakant wurde, lehnte Kozeluh ab. 1792 ernannte ihn Kaiser Franz I. schließlich zum Cammercapellmeister und Hofcomponisten auf Lebenszeit. Mit seinen Werken, die sich durch Grazie und durch Gefälligkeit - was hier als Kompliment steht - auszeichnen, war Kozeluh überaus erfolgreich. Joseph Proksch, ein Schüler des "Prager" Kozeluh und bekannt für sein treffsicheres Urteil, meinte zu den gut in die Hand komponierten Stücken des Wieners, er sei der "Czerny seiner Zeit"
"Trotz des unbezweifelbaren Einflusses Leopold Kozeluhs auf die Musik und die Komponisten seiner eigenen und der folgenden Generationen hatten etliche seiner Zeitgenossen in den letzten Jahrzehnten größeres Glück - ihre Werke wurden in modernen Aufnahmen verewigt", meint Pianistin Monika Knoblochová. "Die vorliegende CD entstand aufgrund unserer Überzeugung, dass Kozeluh mindestens dieselbe Aufmerksamkeit verdient, und möchte dazu beitragen, die erwähnten Schulden gegenüber diesem Komponisten zu begleichen." 
Stilistische Untersuchungen führten zu dem Schluss, dass die Trios, die der Komponist "pour le Clavecin ou Piano-forte" in Begleitung diverser Instrumente geschrieben hat, für Hammerklavier entstan- den sind. Hört man Knoblochová, die hier ein Fortepiano der Gebrüder Kobald aus dem Jahre 1985 nach einem Vorbild von Anton Walter aus dem Jahre 1795 spielt, erscheint dies absolut nachvoll- ziehbar. Sie musiziert gemeinsam mit Jana Semerádová, Traversflöte, und Hana Fleková, Violoncello. Die drei Musikerinnen zeigen sich in Bestform - und erfreuen mit einer gelungenen Einspielung von lang vergessenen Werken, die aber durchaus wieder ihren Platz im Repertoire finden sollten. 


Donnerstag, 21. Februar 2013

Mozart: Violin Sonatas arranged for flute and piano (Naxos)

Schaut man in sein Werkverzeich- nis, dann hat Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) die Flöte nur sehr gelegentlich mit Kompo- sitionen bedacht - was Flötisten bedauern. Denn seine beiden Flötenkonzerte, das Konzert für Flöte und Harfe, das Flötenquar- tett KV 285 sowie das berühmte Andante KV 315 sind durchaus gelungen, wenn man bedenkt, dass Mozart über die Flöte schrieb, sie sei "ein instrument, das ich nicht leiden kan"
Sucht man weiter nach Flötenmusik des Komponisten, so finden sich noch einige Sonaten, die er als Achtjähriger in London geschrieben hat. Sie waren für Violine oder Flöte und ein Tasteninstrument bestimmt, und Königin Charlotte gewidmet. Patrick Gallois, ein Schüler von Jean-Pierre Rampal und derzeit einer der besten Virtuosen auf diesem Instrument, hat aus den Sonaten für Klavier, zumeist in Begleitung einer Violine, die Mozart nach seiner Salzburger Kündigung geschaffen hat, vier ausgewählt, und für Flöte und Klavier bearbeitet.
Damit ist ihm ein großer Wurf gelungen, denn sie klingen nun, als wären sie tatsächlich für Flöte entstanden - und stellen eine enorme Bereicherung des schmalen Repertoires dar. Gallois hat die vier Werke gemeinsam mit der Pianistin Maria Prinz bei Naxos eingespielt. Es ist eine gelungene CD, klangschön, elegant und virtuos. Schön wäre es, wenn er nun auch noch die Noten publizieren würde. 

Samstag, 25. August 2012

Albinoni: Six Sonatas for Flute and Continuo Op. 6 (Dynamic)

Eigentlich waren die zwölf Sonaten von Tomaso Albinoni (1671 bis 1751), die zwischen 1610 und 1612 in Amsterdam unter dem Titel Trattenimenti Armonici erschie- nen sind, für Violine und Basso continuo bestimmt. Doch diese Werke, die sich schnell großer Beliebtheit erfreuten, wurden schon bald auch in Bearbeitungen für Traversflöte populär, zumal für dieses neue Instrument anfangs nur wenig Originalkompositionen verfügbar waren. Die Flötisten aber wussten sich zu helfen – und wer diese CD hört, der wird kaum noch vermuten, dass die sechs Sonaten, die Mitglieder des Ensembles Barocco Padovano Sans Souci hier auf Instrumenten aus jener Zeit vortragen, nicht für die Flöte geschrieben worden sind.
Mario Folena spielt die Traversflöte mit dem typischen dunklen Ton ebenso klangschön wie virtuos. Das Continuo ist mit Terell Stone, Theorbe und Barockgitarre, Aldo Fiorentin, Cembalo und Barock- gitarre, sowie Carlo Zanardi, Barock-Violoncello, üppig besetzt – was ebenfalls zu einem abwechslungsreichen Klangbild beiträgt. Und Albinonis Werke zeigen ihn als einen Meister sowohl der melodischen Erfindung als auch des sorgfältigen kontrapunktischen Satzes. Wun- dervoll!




Freitag, 8. Juni 2012

Bach: Flute Sonatas (Quartz)

Aufnahmen von Bachs Flötensona- ten gibt es in großer Zahl. Diese hier ist klangschön, aber ansonsten unspektakulär. Elizabeth Walker spielt eine Holzflöte - aber dieses Instrument von Harry Seeley für die Flute Makers Guild aus den 60er Jahren ist ansonsten mit einer modernen Mechanik und einer Mundlochplatte nebst Kamin aus Metall ausgestattet. Insofern ist dies eine moderne Querflöte, deren Klang ein bisschen weicher ausfällt, als man das von einer "normalen" Böhmflöte gewohnt ist. 
Michael Overbury am Cembalo und Christopher Poffley am Violon- cello übernehmen den Basso continuo. Sie sind beide ausgewiesene Experten für "Alte" Musik, und Poffleys Amati-Cello klingt auch wirklich sehr schön. Ob das ausreicht, sich diese CD zuzulegen, das mag jeder nach Geschmack und Sympathie entscheiden. 

Mittwoch, 4. Januar 2012

In stile italiano - Bach, Marcello & Bigaglio (Musicaphon)

In Weimar hatte der junge Bach erstmals Gelegenheit, die neuesten italienischen Konzerte zu studie- ren. So hat ihn der Austausch mit dem Dresdner Musikdirektor Johann Georg Pisendel, einem Schüler Vivaldis, nachweislich inspiriert. Doch auch Johann Ernst von Sachsen-Weimar, der Bruder des Regenten und ein Schüler Bachs, brachte von seiner Kava- lierstour, die ihn in die Niederlande führte, Partituren italienischer Komponisten mit. 
Bach hat die Anregungen, die er dadurch erfuhr, begierig aufgenom- men. Diese CD stellt einige seiner Werke in Kontrast zu zwei Sonaten von Diogenio Bigaglia (um 1676 bis 1745) und Benedetto Marcello (1686 bis 1739). Stefano Bagliano, Blockflöte, und Christian Brembeck am Cembalo musizieren mit Leidenschaft und auch mit sehr viel Sachverstand. Baglianos virtuoses Flötenspiel bezaubert; wer ihn spielen hört, der fragt nicht mehr, warum das Instrument flauto dolce genannt wird. 
Das berühmte Concerto nach italienischen Gusto aus dem zweiten Teil der Clavierübung, das man hier erwartet hätte, spielt Brembeck diesmal freilich nicht. "Hier treibt Bach seine Auseinandersetzung mit der Form des italienischen Concerto gewissermaßen auf die Spitze", erläutert der Musiker in dem sehr informativen Beiheft: "Er schreibt eine 'virtuelle' Transkription eines (nie existent gewesenen!) Konzertes italienischer Prägung für ein Cembalo mit zwei Manualen, mit klarer Aufteilung der Tutti- und Concertino-Passagen!" 
Doch den Musikern geht es eher um einen Blick in die Werkstatt des Komponisten, und daher haben sie für diese CD ein anderes Solo-Stück für das Cembalo ausgewählt: Die Aria variata alla maniera italiana BWV 989, welche die Begegnung der Variationspraxis italienischer Meister mit der sehr deutschen Form der Choralpartita dokumentiert. 
Ansonsten zeigen sie "Bachs ureigene Erfindung einer echten Triosonate für nur zwei Instrumente", so Brembeck - "Stimme des Soloinstrumentes, weitere Melodiestimme in der rechten Hand des Cembalos, Bassstimme in der linken Hand". Das ist wirklich ein interessanter Aspekt, und wenn so brillant musiziert wird wie hier, dann kann man wirklich nur empfehlen: Unbedingt reinhören! 

Freitag, 30. Dezember 2011

Bach: The Complete Flute Sonatas (Hyperion)

Diese Doppel-CD aus dem Hause Hyperion enthält sämtliche Flö- tensonaten von Johann Sebastian Bach sowie jene, die ihm zwar zugeschrieben werden, bei denen Experten aber Zweifel daran haben, dass sie tatsächlich von dem Komponisten stammen. Lisa Beznosiuk, ausgewiesene Expertin für "Alte" Musik, spielt eine Eben- holz-Traversflöte aus der Werk- statt von Alain Weemaels nach einem Original des Brüsseler Holz- blasinstrumentenbauers Johannes Hyacinthus Rottenburgh (1672 bis 1765). 
Dieses Instrument verfügt über eine faszinierend dunkel klingende Tiefe, und wird auch in der Höhe niemals spitz oder schrill. Beznosiuk entwickelt einen unglaublich wandlungsfähigen Ton, sie färbt den Klang nahezu nach Belieben   - das ist phantastisch, und es wäre mit einer modernen Böhmflöte wohl kaum in ähnlicher Weise möglich. Insofern ist diese Aufnahme spannend. Bei der Triosonate in G-Dur BWV 1039 übernimmt Rachel Brown die zweite Flöte; sie spielt ebenfalls brillant. 
Den Cembalo-Part hat Paul Nicholson übernommen. Ob allerdings Bach im Continuo ein Violoncello eingesetzt hat - es wird hier gespielt von Richard Tunnicliffe -, das ist umstritten; der Einsatz eines Violones würde den Klang noch einmal verändern. In einem Stück, der E-Dur-Sonate BWV 1035, kommt anstelle des Cembalos die Erzlaute zum Einsatz, gespielt von Elizabeth Kenny. Dies erscheint durchaus als eine attraktive Variante, auch wenn ich nicht glaube, dass diese Sonate zu Bachs Zeiten tatsächlich so erklungen ist. Variatio delectat - und diese beiden CD sind musikalisch wirklich sehr interessant.  

Samstag, 26. November 2011

FlötenKönig - Emmanuel Pahud (EMI Classics)

Der Flötenkönig - das ist mitnich- ten Emmanuel Pahud, der Solo- flötist der Berliner Philharmoniker, trotz der albernen Kostümierung, in der er auf dem Cover dieser CD zu sehen ist. Im Januar 2012 jährt sich zum 300. Male der Geburtstag Friedrichs II. von Preußen, auch Friedrich der Große genannt. Und so wird dies vermutlich nicht die letzte CD sein, die in den kommen- den Monaten dem Monarchen gewidmet werden wird, der mit derselben Leidenschaft Flöte spielte, mit der er auch seine Soldaten exerzierte. 
"Es ist eines, Geschichte aus einem Geschichtsbuch zu lernen, Daten, Fakten und Zitate zu einem Gesamtbild zu addieren. Für mich als Musiker ist ein weiterer Schlüssel, um diese historische Epoche zu verstehen, die Musik selbst", meint Emmanuel Pahud in seinem Essay "Der neue Geist zu Hofe", beigefügt im Beiheft dieser Doppel-CD - Copyright by Axel Brüggemann, da wundert sich der Leser allerdings: Von wem stammt denn dieser Text - vom Musiker, oder von einem Musikjournalisten? Noch staunend, liest man weiter: "Schließlich funktioniert sie ähnlich wie die Sprache. Sie wandelt sich mit ihrer Zeit: neue  Vokabeln werden erfunden und die Grammatik erweitert, um ein verändertes Lebensgefühl auszudrücken."
Um diesen Übergang deutlich werden zu lassen, hat der Flötist - oder war es die Mannschaft von EMI Classics, man ist sich da schon nicht mehr ganz sicher - Werke ganz unterschiedlicher Komponisten ne- beneinander gestellt. "Johann Sebastian Bach war ein Perfektionist der Form: er hat mit komplexen Systemen und Harmonien gearbei- tet, ja gar mit mathematischen Codes und sie durch seine Genialität belebt", meint Pahud. "Die nächste Generation hat diese alten Formen durchaus aufrecht erhalten, es wurden weiterhin Solostücke oder Sonaten geschrieben. Aber die Freiheit innerhalb der alten Formen wurde durch Carl Philipp Emanuel Bach, durch Quantz und auch durch Friedrich selbst erweitert. Man erkennt das daran, dass die Taktzahlen nicht mehr genau stimmen, dass alles interaktiver wirkt - und dass die Musiker suchen, was man im Jazz die ,Blue Note' nennt. Eine Stimmung, einen individuellen Ausdruck." 
Der Schritt vom Barock in die Ära der Aufklärung spiegele sich in der Alltagskultur in Preußen und in seiner Musik wieder, so der Flötist: "Wer genau hinhört, versteht, wie sehr die Musiker von den moder- nen Ideen geprägt waren - und wie sie daran gearbeitet haben, sie in Musik zu übersetzen. Jeder auf seine Art." Und in seiner Position, denn da erkennt Pahud enorme Unterschiede. "Ebenso wie die Stücke Carl Philipp Emanuel Bachs, der zwar auch mit den Konventionen seines Vaters gebrochen hat, bleiben Quantz' Kompositionen Werke eines Untergebenen." Die Werke Friedrichs hingegen seien "am schwierigsten zu spielen", sagt der Flötist: "Das liegt daran, dass sie den Duktus des Herrschers tragen. Er bestimmt die Regeln, er ent- scheidet, was richtig und falsch ist." Nun ja. 
Für diese CD hat Pahud exzellente Mitstreiter, allen voran Trevor Pinnock am Cembalo, der sich seit vielen Jahren der Alten Musik verschrieben hat, und hier die Kammerakademie Potsdam ebenso versiert führt, wie man das von seinen Aufnahmen mit dem von ihm gegründeten Ensembe The English Concert gewohnt ist. Die jungen Musiker spielen frisch und engagiert. Bei den Sonaten, allen voran die Triosonate aus Bachs Musikalischem Opfer BWV 1079, wirken dann allerdings Matthew Truscott, Violine, und Jonathan Manson, Violon- cello, mit. 
Beide sind ausgewiesene Experten für Barockmusik; desto mehr verwundert es allerdings, dass sie hier nicht "richtige" Barockmusik spielen, sondern eine Aufführungspraxis pflegen, die man bestenfalls als historisch informiert bezeichnen könnte. Emmanuel Pahud spielt für die Musik, mit der er sich hier beschäftigt, schlicht das falsche Instrument. Wer das berühmte Gemälde genau betrachtet, das Friedrich beim Musizieren in Sanssouci zeigt, dem wird auffallen, dass der König mitnichten eine Böhm-Flöte mit Klappenmechanismus in Händen hält. Die gab es damals nämlich noch gar nicht. Und durch den Gebrauch einer Traversflöte ergeben sich nicht nur ganz andere technische Herausforderungen für den Solisten, es ergibt sich auch grundsätzlich ein gänzlich anderer Klang. 
Insofern hinterlässt diese CD nicht den allerbesten Eindruck - bei aller technischen Brillanz. Natürlich ist Pahud ein sehr guter Solist, aber die Quantz-Konzerte sowie etliche Werke der beiden Bachs hat auf der Querflöte auch beispielsweise der Dresdner Flötist Eckart Haupt ein- gespielt. Wenn ich ganz ehrlich sein soll - diese Aufnahmen gefallen mir besser, auch wenn sie mittlerweile schon einige Jährchen auf dem Buckel haben. Ich finde sie stimmiger, musikantischer - und darum wird auch nicht so ein Rummel betrieben. 
"Während der Aufnahme dieser CD passierte etwas, das mich faszinierte: Ich musste für jedes Werk in eine andere Rolle schlüpfen. Jeder Komponist, der Freidenker Friedrich, sein Lehrer Quantz, der revolutionäre Carl Philipp Emanuel Bach und Anna Amalia von Preußen haben aus unterschiedlichen Positionen komponiert", berichtet Pahud. "Bei allen unterschieden sich der Tonfall und der Sprachduktus der Musik. Für uns als Interpreten ist das eine große Herausforderung. So sind die einzelnen Stücke dieser CD zu kleinen Opern geworden, die von unterschiedlichen Menschen erzählen. Irgendwann formte sich aus all den Mosaiken für mich ein Bild über das Treiben, das Denken und den Geist am Hofe Preußens." Spätestens dort kann ihm der Zuhörer garantiert nicht mehr folgen; und vielleicht hätte EMI Classics auch generell das Beiheft etwas stärker auf die Musik und etwas weniger auf die Person Friedrichs ausrichten sollen. Informationen statt Klischee und Preußenkönig, gern auch ein paar Zeilen über die Musiker. So übertönt das Marke- ting-Getrommel die Flötentöne. Schade. 

Freitag, 31. Dezember 2010

Nardini: Kammermusik mit Flöte (Musicaphon)

Pietro Nardini (1722 bis 1793) war ein Schüler von Giuseppe Tartini. Er war nicht in erster Linie für seine Virtuosität berühmt, son- dern für seinen schönen Ton. Leopold Mozart, seinerzeit ein gesuchter Violinpädagoge, erlebte sein Spiel 1763 auf Schloss Ludwigsburg, und berichtete daraufhin in einem Brief: „Sagen sie dem H: Wenzl daß ich gewissen Nardini gehört habe, und daß, in der Schönheit, reinigkeit, gleich- heit des Tones und im Singbaren Geschmacke nichts schöners kann gehöret werden.“
1760 und 1765 musizierte Nardini am Wiener Hof auf den Hochzeiten des Thronfolgers und späteren Kaisers Joseph II. Von 1762 bis 1765 wirkte er als Kammermusiker und Konzertmeister am Hofe des Herzogs Carl Eugen in Stuttgart.  Mehrere Reisen führten ihn auch an den Braunschweiger Hof. 1769 wurde er Konzertmeister und 1770 Musikdirektor am Hofe des Großherzogs Leopold in Florenz.
Seine Musik ist frühklassisch-empfindsam; sie ist unterhaltsam und gefällig. Obwohl Nardini in erster Linie für die Violine komponierte, sind von ihm auch fünf Triosonaten für Flöte, Violine und Basso continuo sowie einige Flötensonaten überliefert. Eine Auswahl dieser hübschen Stücke hat das Ensemble "musica solare" für das Label Musicaphon eingespielt. 
Darja Großheide, Traversflöte, Gabriele Nußberger, Violine, Ulrike Schaar, Violoncello und Willi Kronenberg, Cembalo, sind ausgewie- sene Spezialisten für Kammermusik des 18. Jahrhunderts. Sie musi- zieren mit schönem Ton und mit Gespür für die speziellen Qualitäten der Musik Nardinis - die keine Barockmusik mehr ist, aber auch noch nicht jenem Geniekult huldigt, der im 19. Jahrhundert Rolle und Selbstverständnis des Musikers grundlegend ändern sollte.

Samstag, 25. Dezember 2010

Georg & Franz Benda: Flute Sonatas (Hungaroton)

In der Giedde-Sammlung der Königlichen Bibliothek Kopenhagen befindet sich eine Abschrift von vier Flötensonaten von Franz Benda und elf Flötensonaten von Georg Benda. Die Brüder - sie hießen eigentlich Frantisek und Jiri Antonín - gehören zu jenen böhmi- schen Musikern, die im 18. Jahr- hundert ihre Heimat verließen, um andernorts, irgendwo in Europa, anerkannt zu werden und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. 
Franz Benda, der ältere Bruder, kam schon als Zehnjähriger nach Dresden, wo er als Kapellknabe an der Katholischen Hofkirche diente und im Geigenspiel unterwiesen wurde. Mit 14 Jahren begann er, eigene Stücke zu komponieren. Er spielte in verschiedenen Hofkapellen, und lernte schließlich in Dresden Quantz kennen, der ihm eine Anstellung als Erster Geiger am Hof des preußischen Kronprinzen in Ruppin verschaffte. Franz Benda wurde später Konzertmeister und nach Quantz' Tod auch der wichtig- ste musikalische Ratgeber Friedrichs des Großen. 
1742 ermöglichte es der König dem Musiker, seine Familie nach Berlin zu holen. So gab Benda seinen Brüdern Joseph und Georg Unterricht auf der Geige, seiner Schwester Anna Franziska Gesangs- stunden. Dies erwies sich als Ausgangspunkt für eine Dynastie von Berufsmusikern, die bis heute existiert; Georg Benda beispielweise war zunächst Geiger in der Hofkapelle Friedrichs, und wurde dann 1750 Hofkapellmeister des Herzogs Friedrich III. von Sachsen-Gotha. Er gilt als Schöpfer des Melodrams, und war zu Lebzeiten sehr populär.
Die Flötensonaten werden die Gebrüder Benda vermutlich für Friedrich den Großen geschrieben haben. Der König beherrschte das Instrument virtuos, und entsprechend anspruchsvoll ist auch der Solopart dieser galanten Werke. Veronika Oross - sie spielt übrigens eine Flöte von August Richard Hammig, Markneukirchen, ein ausgesprochen klangschönes Exemplar - bereitet dies keinerlei Probleme. Die Solistin nimmt die Sonaten temperamentvoll, und gestaltet trotz des zügigen Tempos ganz wunderbar. Ihr Ton begeistert ebenso beständig wie ihre Phrasierung, und auch Kousay Mahdi am Barockcello und Angelika Csizmadia am Nachbau eines Nachbaus eines Ruckers-Cembalos tragen dazu bei, dass sich der Zuhörer keine Sekunde langweilt. Brillant!

Sonntag, 3. Oktober 2010

Fiery and sublime - The Sources of Quantz's Inspiration (MDG)

"Denn eine Musik, welche nicht in einem einzelnen Lande, oder in einer einzelnen Provinz, oder nur von dieser oder jener Nation allein, sondern von vielen Völkern angenommen und für gut erkannt wird (...) muss, wenn sie sich anders auf die Vernunft und eine gesunde Empfindung gründet, außer allem Streite die beste seyn", schrieb Johann Joachim Quantz  (1697 bis 1773) 1752 in seinem Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen
Quantz, Sohn eines Hufschmieds und früh verwaist, wuchs bei einem Onkel auf, der Stadtmusikus in Merseburg war. Er wurde zum Stadt- pfeifer ausgebildet, und erlernte dabei, wie üblich, eine Vielzahl von Instrumenten - von der Violine über die Trompete und ihre Verwand- ten bis hin zu  Blockflöte, Fagott und Kontrabass. Nach einer ersten Anstellung 1716 in der Stadtkapelle Dresden begann Quantz seine Karriere als Oboist am Hofe Augusts II. 
Doch schon bald wechselte er das Instrument: Quantz nahm Quer- flötenunterricht bei dem französischen Virtuosen Pierre-Gabriel Buffardin, und er begann zu komponieren. Reisen erweiterten seinen Horizont. Dabei ging er zunächst nach Italien, wo er bei Francesco Gasparini, dem Konzertmeister des Lateran in Rom, Kontrapunkt studierte, und auch sonst eine Menge Anregungen erfuhr. So begeg- nete er Alessandro Scarlatti, lernte den Kastraten Farinelli kennen und hörte in Venedig Vivaldi. Seine Bildungsreise führte Quantz weiter nach Frankreich, in die Niederlande und nach London; Georg Friedrich Händel riet dem jungen Musiker, in England zu bleiben. 
Doch dieser kehrte nach Sachsen zurück.  1728, nunmehr als Flötist am Dresdner Hof, lernte er Kronprinz Friedrich von Preußen kennen, der bei ihm Flötenunterricht nahm. Nachdem Friedrich König ge- worden war, wurde Quantz 1741 sein Kammermusikus und Hof- komponist. Und das blieb er, bis zu seinem Tode. 
Unter dem Motto "Regelmäßig, feurig und erhaben" - so beschrieb der Nachruf das Flötenspiel des Virtuosen - präsentiert das Ensemble La Ricordanza zwei Werke des Wahlberliners, nebst vier sehr passen- den Stücken von Zeitgenossen. Dass dies die Quellen Quantz'scher Kreativität gewesen sein sollen, das darf getrost bezweifelt werden.  Dennoch ist die Zusammenstellung erlesen; insbesondere die Welt- ersteinspielung von Quantz' Concerto à 5 in D-Dur QV 5:45 ist eine Überraschung. Es folgt die Sonate en Trio op. 2 Nr. 8 für Blockflöte, Viola und Basso continuo von Jean-Marie Leclair. 
Carl Philipp Emanuel Bach war zunächst Cembalist, dann Kammer- musikus am Hofe Friedrichs des Großen.1768 wurde er Telemanns Nachfolger als städtischer Musikdirektor und Kantor in Hamburg. Wie sehr ihn Quantz beeinflusst hat, das sieht man auch daran, dass er 1753 ein Buch mit dem Titel Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen publiziert hat. Aus dem Schaffen des "Berliner"/"Hambur- ger" Bachs wurde für diese CD die Triosonate Wq. 146 in A-Dur für Flöte, Violine und Basso continuo ausgewählt - ein galantes Stück mit Seufzerfiguren im langsamen Mittelsatz. 
Johann Gottlieb Graun gehörte schon in Ruppin zu den Musikern um Kronprinz Friedrich. Eine Oper seines Bruders Carl Heinrich erklang anlässlich der Verheiratung Friedrichs mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern. Nach seiner Krönung wurden die Brüder Konzertmeister bzw. Kapellmeister der Berliner Oper. Unterhaltsam ist Grauns Konzert in F-Dur für Blockflöte, zwei Violinen und Basso continuo zu nennen, das ebenfalls für die vorliegende CD eingespielt wurde. 
Es folgt eine Triosonate für Blockflöte und Traversflöte in C-Dur QV 2:Anh. 3 - eines von wenigen Werken, das beide Flötenarten zugleich erklingen lässt, und dabei jeweils ihre Stärken herausstellt. Die Blockflöte dominiert mit ihrem klaren, aber ziemlich eintönigen Klang die schnellen Sätze. Die Traversflöte hingegen mit ihren überlegenen klanglichen Gestaltungsmöglichkeiten kommt besonders in den lang- samen  Sätzen  zur Geltung. Musikwissenschaftler streiten darüber, ob dieses charmante Werk tatsächlich von Quantz stammt, der für Block- flöte kaum etwas geschrieben hat - oder ob nicht doch Telemann der Komponist war.
Von Michel Blavet hingegen ist nur ein einziges Flötenkonzert über- liefert - das Concerto à 4 in a-Moll für Traversflöte, zwei Violinen und Basso continuo. Quantz erlebte den Flötisten auf seiner Grand Tour in Paris, und lobte ihn als einen der führenden Virtuosen seiner Zeit. Witzigerweise enthält das Stück lediglich in seinem zweiten Satz, einer Gavotte, eine Reverenz an den französischen Stil, folgt aber anson- sten den italienischen Vorbildern - und überrascht mit atemberau- benden Kadenzen. 
Brian Berryman, Traversflöte, stand für diese Aufnahmen eine exzellente Quantz-Flöte zur Verfügung. So darf man sich über ein ausgewogenes, ziemlich originalgetreues Klangbild freuen, denn auch die anderen Mitglieder von La Ricordanza sind ausgewiesene Barock- experten - allen voran Annette Berryman, Blockflöte, aber auch Christoph Heidemann und Katharina Huche-Kohn, Violine, Bettina Ihrig, Viola, Dorothée Palm, Violoncello, Barbara Hofmann, Gambe und Zvi Meniker, Cembalo.



Sonntag, 26. September 2010

The Gentleman's Flute (Oehms Classics)

Wer vor 200 Jahren die aktuellen Hits anhören wollte, der musste selbst musizieren. Instrumental- unterricht gehörte daher zur Stan- dard-Ausbildung der besseren Stände. Im London der Händel- Zeit galt beispielsweise das Cemba- lo als Instrument der Damen. "Ein wahrer Gentleman sollte niemals ohne seine Blockflöte ausgehen", schrieb John Hawkins 1776. Dass sich beides perfekt ergänzte, war ganz gewiss kein Zufall. 
Und die Herren spielten dieses Instrument ziemlich gut, meint Blockflötist Stefan Temmingh: "Der Tonumfang der Blockflötenstimmen in Händelsonaten übersteigt fast nie anderthalb Oktaven. Sie sind leicht vom Blatt zu spielen. In den für Blockflöte arrangierten Opernarien handelte es sich oft um mehr als zwei Oktaven - sie gehören zur gehobenen, schwierigen Litera- tur. Man muss schon ziemlich gut sein, um diese Stücke zu spielen." Bereits wenige Tage nach der Premiere einer neuen Händel-Oper konnte das nach Opern schier narrische Publikum seinerzeit die ersten Arrangements der Ouvertüre sowie der beliebtesten Arien erwerben.
Derartige Hits hat Temmingh gemeinsam mit Musikerfreunden ein- gespielt. Dafür wurden etliche Stücke neu arrangiert, wobei sich die Musiker an zeitgenössischen Quellen orientierten, beispielsweise an den Transkriptionen von William Babell, Händels Cembalisten: "Sie sind unglaublich interessant", so der Flötist, "weil sie niedergeschrie- bene Verzierungen enthalten. Manche von Babells Ornamenten sind ungeheuerlich. Die haben wir übernommen. Selbstverständlich haben wir unsere eigenen verrückten Ideen - aber die verrücktesten stammen immer aus den Quellen." 
Auch die Besetzung, für die sich Temmingh entschied, ist - gelinde gesagt - etwas unkonventionell: Neben diversen Blockflöten, Cembalo (Olga Watts), Viola da Gamba (Domen Marincic) sowie Laute und Theorbe (Axel Wolf) erklingen Barockfagott (Lyndon Watts), Barock- harfe (Loredana Gintoli) und sogar ein Salterio (Olga Mischula) - ein Modeinstrument des 18. Jahrhunderts, das einem Hackbrett ähnelt und auch so klingt, aber mit Ringplektren gezupft wird.
Die einzelnen Instrumente werden pfiffig eingesetzt, so dass sich ingesamt ein abwechslungsreiches Klangbild ergibt. Davor kann sich das virtuose Flötenspiel von Temmingh bestens entfalten. Meine Empfehlung, nicht nur für Händel-Fans.