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Mittwoch, 8. April 2020

Music is the Cure! (Perfect Noise)

Blockflöten, Gamben, Theorbe, Laute, Zister und Barockgitarre, dazu ein Cembalo sowie ein Orgelpositiv, eine Leidenschaft für historische Aufführungspraxis, viele gute Ideen und jede Menge Noten – das sind die Zutaten, mit denen das Ensemble La Ninfea seine musikalische Hausapotheke bestückt hat. Ergänzt wird dieses höchst wirksame Rezept durch die ebenso sonore wie wandlungsfähige Stimme von Mirko Ludwig. Damit lässt sich so manches Leiden besiegen: „Music is the Cure!“, lautet denn auch der Titel des aktuellen Albums, das soeben bei Perfect Noise erschienen ist. Was für ein Motto, angesichts der aktuellen Situation.
Corona freilich hatte, als im Mai 2019 dieses Programm im Sendesaal von Radio Bremen aufgezeichnet wurde, noch niemand im Blick – keiner der Musiker, und niemand im Publikum. „Anlass für unseren Recherche-Marathon war die Anfrage im Anschluss an ein Konzert, zum 80. Geburtstag eines pensionierten Apothekers ein Privatkonzert zu geben“, berichtet das Ensemble in einem Begleittext zur CD. Schon auf der Heimfahrt begann die Planung: „Ein ausgiebiger Stau, zwei Tüten Chips, (natürlich alkoholfreies) Bier und eine geheime Anzahl an Gummibärchen waren eine ideale Ausgangssituation für dieses erste Brainstorming.“ 
Und das Ergebnis überzeugt. Mit einem Kanon, der kunstvoll das Anstoßen auf die Gesundheit begleitet, beginnt und endet das Programm. Das musikalische Gesundheitsprojekt weist zudem darauf hin, dass man es nicht versäumen sollte, seinen Last will and testament zu Papier zu bringen, bevor The sick tune zuschlägt, und La Follia zum Ausbruch kommt. Doch die Heilmittel stehen schon bereit. Athanasius Kircher beispielsweise notierte zu seinem Antidotum Tarantulae, dies sei eine „Melodey wodurch die von der Tarantula gebissene curiret und geheilet werden.“  Und wenn das Antidotum Tarantulae nicht verfängt, dann hilft möglicherweise Oil of Barley, auf gut Deutsch Gerstenöl, „womit ein gereiftes Starkbier gemeint ist“, so heißt es im Beiheft. 
Musiziert wird mit Leidenschaft und ausgesprochen kreativ. So haben die Musiker sich bei Io son ferito, einem fünfstimmigen Madrigal von Giovanni Pierluigi di Palestrina, für eine Variante der Madrigaldiminuition entschieden, die den Sänger – der die ausgezierte Partie singt – einmal quer durch alle Stimmen schickt. Eine Herausforderung, der sich Mirko Ludwig versiert stellt. 
Kurios wird es dann, wenn La Ninfea mit musikalischen Mitteln eine chirurgische Operation schildert. Dieses sehr spezielle Ereignis, das die Entfernung eines Blasensteines zum Ziel hatte, wurde seinerzeit durch Marin Marais vertont. Der Komponist hat seiner Musik erläuternde Zeilen beigefügt, die den Zuhörer heute eher amüsieren. Wer damals diese Prozedur ohne Betäubung durchleiden musste, denn eine Narkose gab es noch nicht, der fand das sicherlich gar nicht komisch. 
Doch in diesem Fall war die Kur offenbar erfolgreich, und erleichtert folgt man La Ninfea, die dies unter anderem mit der Idylle sur la retour du santé du Roy von Marc-Antoine Charpentier gebührend feiert. Womit das Finale auch schon naht – und wir nicken zu Henry Purcells He that drinks is immortal
Ein grandioses Programm, höchst unterhaltsam, und ausgefeilt präsentiert. Wer also derzeit in Quarantäne sitzt, der sollte es auf gar keinen Fall versäumen, La Ninfeas musikalische Hausapotheke zu konsultieren. Langeweile heilen die Musiker sofort. Unbedingt anhören! 

Dienstag, 6. August 2013

Fabulous London - Les Escapades (Christophorus)

„In London, they are at work with a downright furore to resuscitate archaic music!“ Das berichtete ein Korrespondent 1896 mehr oder minder kopfschüttelnd. Ein Enthu- siast namens Arnold Dolmetsch suchte in Archiven nach Musik aus dem elisabethanischen Zeitalter, die er dann, auf wiederbelebten Instrumenten und mit Hilfe seiner Familie, in Konzerten vorstellte. Das muss ein großes Erlebnis gewesen sein. Denn Dolmetsch gelang es tatsächlich, die Consortmusik wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – eine Tradition, die seitdem nicht nur in England wieder gepflegt wird. 
So haben Franziska Finckh, Sabine Kreutzberger, Barbara Pfeifer und Adina Scheyhing – die vier Damen musizieren seit dem Jahr 2000 gemeinsam als Gambenconsort Les Escapades – unterstützt durch Barbara Leitherer, Bassgambe, und Andrea Cordula Baur, Renaissancelaute, kürzlich bei Christophorus eine CD mit englischer Gambenmusik veröffentlicht. 
Es sind Stücke von bekannten und unbekannten Komponisten, vom Tanz bis zur Klage und von kunstvoll bis schlicht. Ein abwechslungs- reiches Programm, gekonnt vorgetragen, das mit einer enormen Palette an Klangfarben überrascht. Diese stimmungsvolle CD sei daher an dieser Stelle empfohlen – sie ist wirklich rundum gelungen! 

Freitag, 23. Juli 2010

Hume: Passion & Division (Hyperion)

"I Doe not studie Eloquence, or professe Musicke, although i doe love Sence, and affect Harmony: my Profession being, as my Education hath beene, Armes, the onely effeminate part of me, hath beene Musicke; which in mee hath beene alwayes Generous, because never Mercenarie. To prayse Musicke, were to say, the Sunne is bright. To extoll my selfe, would name my labors vaine glorious." Das berichtet Tobias Hume im Vorwort zu The First Part of Ayres - Captain Humes Musicall Humors aus dem Jahre 1605. Zwei Jahre später veröffentlichte er Captain Humes Poeticall Musicke, eine weitere Sammlung von Gamben- und Gesangsstücken. 
Aus Bittschriften an König Charles I. ist zu erfahren, dass er im Alter unter erbärmlichen Bedingungen leben musste. 1629 wurde er ins Londoner Charterhouse aufgenommen, eine Art Altersheim, wo er am 16. April 1645 in größter Armut starb. Mehr ist über Tobias Hume nicht bekannt - doch wir haben die Musik, die er komponiert hat. Und die zeigt ihn als einen überaus originellen Geist, wenn auch mit einem gewissen derben Humor, wie einige seiner Titel nahelegen. Hume ging, wie seine Widmungen zeigen, selbstbewusst und wenig diplo- matisch durchs Leben. Was bei einem altgedienten Haudegen wenig überraschen dürfte. 
Eine Auswahl aus dem First Part of Ayres enthält die vorliegende CD. Es sind charmante Stücke, beste Unterhaltung, oftmals ein wenig melancholisch - was dem Instrument ohnehin gut liegt. Die Gambistin Susanne Heinrich, die diese CD eingespielt und so die Werke des Captains aus dem Staub der Archive zurück ins Wohnzimmer geholt hat, gehört ohne Zweifel zu den weltweit führenden Experten für die Instrumentenfamilie, die mit dem Ende des Barockzeitalters aus dem Musikleben verschwand. Die Gamben, die einst mit der Laute um den Rang als populärstes Instrument konkurrierten, wurden von Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass abgelöst. 
Wenn sie in jüngster Vergangenheit wieder verstärkt auf den Konzert- podien auftauchen, dann ist das unbestritten das Verdienst einiger Enthusiasten wie Susanne Heinrich. Sie ist bestens ausgebildet; sie studierte am Meistersinger-Konservatorium Nürnberg und an der Musikhochschule Frankfurt am Main, sowie anschließend bei Wieland Kuijken am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Und sie hat ohne jeden Zweifel jenes besondere Händchen für die Gestaltung eines Musikstückes, das aus einem exzellenten einen brillanten Vortrag macht. Meine Empfehlung!