Blockflöten, Gamben, Theorbe, Laute, Zister und Barockgitarre, dazu ein Cembalo sowie ein Orgelpositiv, eine Leidenschaft für historische Aufführungspraxis, viele gute Ideen und jede Menge Noten – das sind die Zutaten, mit denen das Ensemble La Ninfea seine musikalische Hausapotheke bestückt hat. Ergänzt wird dieses höchst wirksame Rezept durch die ebenso sonore wie wandlungsfähige Stimme von Mirko Ludwig. Damit lässt sich so manches Leiden besiegen: „Music is the Cure!“, lautet denn auch der Titel des aktuellen Albums, das soeben bei Perfect Noise erschienen ist. Was für ein Motto, angesichts der aktuellen Situation.
Corona freilich hatte, als im Mai 2019 dieses Programm im Sendesaal von Radio Bremen aufgezeichnet wurde, noch niemand im Blick – keiner der Musiker, und niemand im Publikum. „Anlass für unseren Recherche-Marathon war die Anfrage im Anschluss an ein Konzert, zum 80. Geburtstag eines pensionierten Apothekers ein Privatkonzert zu geben“, berichtet das Ensemble in einem Begleittext zur CD. Schon auf der Heimfahrt begann die Planung: „Ein ausgiebiger Stau, zwei Tüten Chips, (natürlich alkoholfreies) Bier und eine geheime Anzahl an Gummibärchen waren eine ideale Ausgangssituation für dieses erste Brainstorming.“
Und das Ergebnis überzeugt. Mit einem Kanon, der kunstvoll das Anstoßen auf die Gesundheit begleitet, beginnt und endet das Programm. Das musikalische Gesundheitsprojekt weist zudem darauf hin, dass man es nicht versäumen sollte, seinen Last will and testament zu Papier zu bringen, bevor The sick tune zuschlägt, und La Follia zum Ausbruch kommt. Doch die Heilmittel stehen schon bereit. Athanasius Kircher beispielsweise notierte zu seinem Antidotum Tarantulae, dies sei eine „Melodey wodurch die von der Tarantula gebissene curiret und geheilet werden.“ Und wenn das Antidotum Tarantulae nicht verfängt, dann hilft möglicherweise Oil of Barley, auf gut Deutsch Gerstenöl, „womit ein gereiftes Starkbier gemeint ist“, so heißt es im Beiheft.
Musiziert wird mit Leidenschaft und ausgesprochen kreativ. So haben die Musiker sich bei Io son ferito, einem fünfstimmigen Madrigal von Giovanni Pierluigi di Palestrina, für eine Variante der Madrigaldiminuition entschieden, die den Sänger – der die ausgezierte Partie singt – einmal quer durch alle Stimmen schickt. Eine Herausforderung, der sich Mirko Ludwig versiert stellt.
Kurios wird es dann, wenn La Ninfea mit musikalischen Mitteln eine chirurgische Operation schildert. Dieses sehr spezielle Ereignis, das die Entfernung eines Blasensteines zum Ziel hatte, wurde seinerzeit durch Marin Marais vertont. Der Komponist hat seiner Musik erläuternde Zeilen beigefügt, die den Zuhörer heute eher amüsieren. Wer damals diese Prozedur ohne Betäubung durchleiden musste, denn eine Narkose gab es noch nicht, der fand das sicherlich gar nicht komisch.
Doch in diesem Fall war die Kur offenbar erfolgreich, und erleichtert folgt man La Ninfea, die dies unter anderem mit der Idylle sur la retour du santé du Roy von Marc-Antoine Charpentier gebührend feiert. Womit das Finale auch schon naht – und wir nicken zu Henry Purcells He that drinks is immortal.
Ein grandioses Programm, höchst unterhaltsam, und ausgefeilt präsentiert. Wer also derzeit in Quarantäne sitzt, der sollte es auf gar keinen Fall versäumen, La Ninfeas musikalische Hausapotheke zu konsultieren. Langeweile heilen die Musiker sofort. Unbedingt anhören!
Im European Brass Ensemble musizieren die besten Nachwuchs-Blechbläser des Kontinents. Gegründet wurde es im Jahre 2010 durch Thomas Clamor und Karl Schagerl mit dem Ziel, Erfahrungen mit dem Venezuelan Brass Orchestra zu nutzen, um Europa zu stärken.
Mittlerweile haben mehr als 150 Musiker aus 24 Nationen in diesem Orchester mitgewirkt. Seine Heimstatt fand das Ensemble in Niederösterreich, im Stift Melk – was ohne Zweifel der passende Rahmen ist für Pauken und Trompeten.
Und mit diesen beginnt auch die zweite CD von European Brass, die jüngst bei Genuin erschienen ist: Das populäre Prélude zum Te Deum von Marc-Antoine Charpentier startet mit Glanz und Gloria. Jede Menge Pathos bietet auch der Krönungsmarsch Crown Imperial von William Walton.
Dass Bläsermusik auch swingen und grooven kann, zeigt das Ensemble im Anschluss. Dabei beweisen die jungen Musiker, dass sie ihre Instrumente wirklich exzellent beherrschen. Denn die modernen Stücke – die Auswahl enthält Werke von diesseits und jenseits des Atlantiks – sind teilweise aberwitzig schwierig. So schrieb der Trompetenvirtuose Rafael Méndez für sich und seine ebenfalls hochbegabten Söhne eine nette Polka, die er Tre-Méndez-Polka nannte. Wer das als „tremendous“ liest, der liegt gar nicht einmal so verkehrt. In einer solchen Programmfolge darf natürlich auch I Got Rhythm von George Gershwin nicht fehlen. Und Walking Faster von Giancarlo Castro D'Addona ist ein Gruß an die Bläserkollegen aus Venezuela.
Sinfonische Musik hingegen hat Stephan Hodel für die jungen Virtuosen geschaffen: A Lenda do Curupira erklingt auf dieser CD in Welterstein- spielung. Meine persönlichen Favoriten aber sind zwei Stücke, die Richard Blake eigens für das European Brass Ensemble komponiert hat: Sowohl in Fantasy on Edelweiss als auch in Bleeding Chunks jongliert er überaus witzig mit Zitaten. Fröhliches Klassiker-Raten!
Zur Zeit des Barock war der soge- nannte ambrosianische Lobgesang, das Te Deum, in der höfischen und staatlichen Repräsentation sehr beliebt. Mit dem prunkvoll vertonten Hymnus wurden Krönungen und Geburten ebenso wie militärische Siege und Friedensverträge gefeiert. In der Collection Versailles bei Alpha sind nun zwei wirklich berühmte Te Deum-Vertonungen erschienen – die bekannten Kompositionen von Jean-Baptiste Lully und Marc-Antoine Charpentier. Vincent Dumestre hat sie mit den Ensembles Le Poeme Harmonique und der Capella Cracoviensis sowie den Gesangssolisten Amel Brahim-Djelloul, Aurore Bucher, Reinoud van Mechelen und Jeffrey Thompson eingespielt; die Aufnahme ist ein Live-Mitschnitt aus der Cha- pelle Royale du Château de Versailles. Man staunt – doch offensichtlich sind die beiden populären Werke hier tatsächlich zum ersten Male auf einer CD vereint. Die beiden Vertonungen in der Manier der französischen Grand Motet geben dem Hörer einen Begriff jener legendären Pracht, mit der einst am Hofe des Sonnenkönigs gefeiert wurde. Dumestre allerdings vermeidet bei seiner Interpretation schwerfälligen Pomp und übertriebenes Pathos. Er betont statt dessen die kriegerischen und die tänzerischen Aspekte der Musik, und lässt zudem ausgesprochen flott musizieren. Rasanter habe ich Lullys Te Deum noch nie gehört – doch das Orchester ist dem Tempo gewachsen, und hat hörbar Vergnügen an diesem etwas anderen Zugang zu den höfischen Protokollklängen. Grandios! Das muss man gehört haben.
Nun ist es da, das lang erwartete Weihnachtsalbum des Ensembles Concerto Köln. Und es enthält nahezu komplett die barocken Werke, die seit einigen Jahren regelmäßig auf den diversen CD zum Fest erscheinen: Das berühm- te Concerto grosso g-Moll, von Arcangelo Corelli Fatto per la notte di Natale, sowie die Weih- nachtskonzerte von Antonio Vivaldi und Giuseppe Torelli, und natürlich die Sinfonia aus Bachs Weihnachtsoratorium. "Bei diesen Standards haben wir einfach nur versucht, unseren höchst eigenen klanglichen Zugriff zu entwickeln und mit Temperament etwas bei- zusteuern, ohne uns dabei auf den Sockel zu stellen", erläutert Martin Sandhoff, Soloflötist und künstlerischer Leiter des Ensembles.
So gänzlich entsagen freilich können die Kölner der Suche nach ver- gessenen Schätzen nicht; und deshalb ergänzen sie dieses Programm um einige der selten gespielten Noels pour les instruments von Marc-Antoine Charpentier, die Sinfonia pastorale D-Dur von Johann Stamitz, die Sonata natalis C-Dur von Pavel Josef Vejvanovský und das entzückende Konzert für Mandoline, zwei Violinen, Streicher und Basso continuo von Antonio Vivaldi.
Musiziert wird frisch und munter, aber nicht hastig und hektisch. Concerto Köln spielt die bekannten Stücke mit der gleichen Sorgfalt wie die Entdeckungen - beseelt, leichtfüßig und dynamisch differen- ziert. So kommt auch beim Hörer Weihnachtsstimmung auf. Bravi!