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Dienstag, 22. Dezember 2020

Machet die Tore weit (Christophorus)


 Der Weihnachtsmusik an der Leipziger Thomaskirche widmet sich auch dieses Album aus dem Hause Christophorus. Das Johann Rosenmüller Ensemble, geleitet von Arno Paduch, und der Kammerchor der Erlöserkirche Bad Homburg, geleitet von Susanne Rohn, konzentrieren sich dabei auf die Werke von Bachs Amtsvorgängern. Als Solisten wirken mit Antonia Bourvé und Simone Schwark, Sopran, Johanna Krell, Alt, Florian Cramer und Hansjörg Mammel, Tenor sowie Markus Flaig, Bass. 

Und auch wenn die Namen von Thomaskantoren wie Tobias Michael, Sebastian Knüpfer, Johann Schelle oder Johann Kuhnau heute dem Publikum kaum noch bekannt sind, erweist sich doch die Beschäftigung mit ihren Festmusiken als überaus lohnend. Man höre nur Schelles prachtvolles Machet die Tore weit, oder Knüpfers Dies est laetitiae für 22 Stimmen, üppig besetzt mit einem fünfstimmigen Trompetenchor nebst Pauken, dazu Streicher, Fagott, drei Flöten sowie sechs Solisten und vierstimmigem Chor. Dieses Konzert sowie Machet die Tore weit von Tobias Michael erklingen in Weltersteinspielung. Was für eine Klangpracht! 


Montag, 7. Dezember 2020

Vom Himmel hoch, da komm ich her (Christophorus)

 


Beim Lesen der Stichworte Weihnachten und Leipzig denkt jeder Musikfreund sogleich an den Thomaskantor Johann Sebastian Bach und sein berühmtes Weihnachtsoratorium. Diese CD aus dem Hause Christophorus zeigt, dass Bachs Amtsvorgänger ebenfalls hinreißend schöne Kompositionen zum Fest geschaffen haben. Der Kammerchor der Christuskirche Karlsruhe hat gemeinsam mit dem Ensemble L’arpa festante sowie den Solisten Monika Mauch, Hanna Zumsande, Franz Vitzthum, Sebastian Hübner und Ekkehard Abele unter Leitung von Peter Gortner in einem Konzert am 22. Dezember 2019 Festmusiken von Sebastian Knüpfer, Johann Schelle und Johann Kuhnau aufgeführt. 

Die ausgewählten Werke nehmen Bezug auf Martin Luthers Choral Vom Himmel hoch, da komm ich her, der von allen drei Thomaskantoren in den Mittelpunkt ihrer Kompositionen gestellt wurde. Während Knüpfers Kantate Ach mein hertzliebes Jesulein noch hörbar auf Stadtpfeifertraditionen beruht, setzt Schelle bereits auf Pauken und Trompeten, um das neu geborene Kind gebührend zu feiern. In seiner Choralkantate Vom Himmel kam der Engel Schar hat er sechs Strophen des Weihnachtsliedes verwendet. Sein Actus Musicus auff Weyh-Nachten aus dem Jahr 1683 hingegen ist ein knapp halbstündiges Oratorium, das die Zuhörer seinerzeit nicht nur zur Andacht angehalten, sondern mit allerlei Liedzitaten sowie mit einer breiten Palette an Klangfarben auch erfreut und gut unterhalten haben dürfte. 

Kuhnaus Magnificat hingegen glänzt bereits in hochbarocker Pracht. Die Musiker haben dieses Werk, so wie es damals üblich war, um vier weihnachtliche Einlagesätze erweitert. Ein ansprechendes Konzertprogramm, das weihnachtlichen Jubel auch in diesem Corona-Jahr in jede Stube bringt; leider wird die Freude zu Hause am Lautsprecher ein wenig getrübt durch die Akustik der Karlsruher Kirche, die im dem Live-Mitschnitt ziemlich präsent wirkt. 


Mittwoch, 20. November 2019

Welter: Gott sey uns gnädig (Christophorus)


Elf Kantaten, zwei Magnificat-Vertonungen und elf Kirchenlieder – das ist alles, was von dem einstmals umfangreichen Werk Johann Samuel Welters (1650 bis 1720) erhalten geblieben ist. Im Nachlass des langjährigen Organisten der Kirche St. Michael in Schwäbisch Hall waren noch ca. 400 Kompositionen aufgelistet; und wer diese CD angehört hat, der wird den Verlust sehr bedauerlich finden. Nicht umsonst schätzen Musikwissenschaftler Welter als einen bedeutenden Choralkomponisten zwischen Hieronymus Praetorius und Johann Sebastian Bach.
Johann Samuel Welter kam in Obersontheim zur Welt; sein musikalisches Talent war schon früh erkennbar, und so durfte er als Stipendiat am Gymnasium illustre in Schwäbisch Hall lernen. Musikunterricht erteilte dort der örtliche Kantor. Die weitere Ausbildung übernahm dann ein Verwandter, der Stadtmusicus in Nürnberg war. Nach einer Anstellung als Organist und Kanzlist am Hofe des Grafen Joachim Albrecht von Hohenlohe-Langenburg auf Schloss Kirchberg a.d. Jagst wurde Welter 1675 Organist von Michael in Schwäbisch Hall, und dort wirkte er bis an sein Lebensende.
Diese Einspielung mit dem Ensemble ecco la musica stellt die Choralkantaten von Johann Samuel Welter vor. Es sind effektvolle Kompositionen, traditionell besetzt mit Violinen, Zinken, Viola da gamba und Posaunen, aber ausgesprochen ideenreich in der musikalischen Ausgestaltung, und in der Harmonik sogar kühn und extravagant.
Komplettiert wird dieses sehr ansprechende Programm durch Sonaten aus dem Langenburger Notenbestand – zumindest waren sie zu Welters Zeiten dort, wie ein Inventar verrät. Das Ensemble ecco la musica hat einige der dort verzeichneten Instrumentalwerke in anderen Sammlungen aufgespürt und bringt auch diese prächtigen Stücke, unter anderem von Bertali und Schmelzer, wieder zum Klingen. Eine hochinteressante und zudem ausgesprochen klangschöne CD. Unbedingte Empfehlung!

Freitag, 25. Oktober 2019

Böddecker: Sacra Partitura (Christophorus)

Im Jahre 1652 wurde Philipp Friedrich Böddecker (1607 bis 1683) Organist an der Stiftskirche Stuttgart, Württembergs wichtigstem Gotteshaus, Grablege der im benachbarten Schloss residierenden Herzöge. Schon sein Vater Joachim Böddecker war über anderthalb Jahrzehnte Leiter der Stiftsmusik gewesen; er hatte gemeinsam mit dem Stiftsorganisten Johann Ulrich Steigleder seinen Sohn auch ausgebildet, so dass dieser ab 1621 verschiedene Aufgaben übernehmen konnte. Philipp Friedrich Böddecker war zunächst Organist und Gesangslehrer im elsässischen Buchsweiler, dann ab 1629 Organist und Fagottist bei Hofe in Darmstadt sowie zeitweise Mitglied der markgräflich badischen Hofkapelle in Durlach. 
1632 sollte Böddecker dann Organist an der Frankfurter Barfüßerkirche werden – doch erst 1638 ließ ihn der Landgraf aus Darmstadt gehen. Und schon 1643 erhielt der Musiker den ehrenvollen Ruf als Organist an das Straßburger Münster; fünf Jahre später wurde er dort zusätzlich Universitätsorganist und Universitätsmusikdirektor. In Straßburg komponierte er auch die Sacra Partitura, die er Württembergs musikliebender Herzogin Sibylla widmete. Auf dieser CD präsentiert das Ensemble I Sonatori eine Auswahl aus dieser Sammlung, die neben zwölf Motetten und für Solostimme auch zwei Solo-Sonaten enthält. 
Die kleine Besetzung nimmt noch Rücksicht auf knappe Ressourcen, denn auch in den Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg mussten viele Kantoreien und Kapellen mit beschränkten Möglichkeiten auskommen. Dennoch ist die Musik, die damals komponiert wurde, alles andere als eine Verlegenheitslösung – man denke nur an den Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz und seine Kleinen Geistlichen Konzerte. Auch Böddecker verwendet für seine Werke einen modernen, an italienische Vorbilder anknüpfenden Stil. In den Motetten der Sacra Partitura verbindet er meisterhaft kontrapunktische Stimmführung, subtile Textauslegung mit den Mitteln der Musik, und den Generalbass als Fundament. 
Komplettiert wird das Programm durch Instrumentalwerke von Johann Ulrich Steigleder und Samuel Friedrich Capricornus. Und die Frühbarock-Spezialisten des Ensembles I Sonatori – Tenor Knut Schoch, Christa Kittel, Violine, Ursula Bruckdorfer, Bassdulzian, Isolde Kittel-Zerer, Truhenorgel und Cembalo, sowie Barbara Messmer, Viola da gamba, musizieren mit Leidenschaft. Sehr hörenswert! 

Montag, 13. Mai 2019

Graupner: Duo-Kantaten (Christophorus)

Einmal mehr haben sich Miriam Feuersinger und das Capricornus Consort Basel dem Schaffen Christoph Graupners (1683 bis 1760) zugewandt. Über den Lebensweg des Bach-Zeitgenossen haben wir in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Graupner war Kapell- meister des Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, und sein Dienstherr liebte insbesondere die Oper – aber er konnte sich leider kein eigenes Opernhaus leisten, so dass die opulenten Melodien und schönen Stimmen an seinem Hofe im Gottesdienst zu hören waren. 
Überliefert sind daher mehr als 1400 Kirchenkantaten aus Graupners Feder, die zumeist noch der Wiederentdeckung harren. Auf dieser CD werden einige von ihnen vorgestellt: Gemeinsam mit dem Countertenor Franz Vitzthum singt Miriam Feuersinger Duo-Kantaten für Sopran und Alt. Die vier ausgewählten Stücke stammen aus den Jahren 1710/11 und 1719/20, und sie verbinden virtuose Gestaltung mit hingebungsvoller Textausdeutung. 
Die beiden Gesangssolisten präsentieren zusammen mit dem Capricornus Consort Graupners anspruchsvolle Musik mit makelloser Technik und verführerischer Eleganz. Und vor jeder Kantate lassen die Instrumenta- listen zudem ein kurzes Stück erklingen, quasi als Sinfonia. Eine traum- schöne Einspielung, die begeistert. 

Montag, 18. März 2019

Perfume of Italy (Christophorus)

Die Mandoline – eigentlich eine Instrumentenfamilie mit etlichen Angehörigen, von der eigentlichen Mandoline in ihren diversen regionalen Bauformen bis hin zur etwas größeren und tieferen Mandola – erfreute sich in Italien zu Beginn des 17. Jahrhunderts ganz enormer Beliebtheit. Auch in Paris schätzte man ihren lieblichen Klang, und reisende Virtuosen waren an vielen europäischen Höfen willkommen. Allerdings kam die Mandoline um 1790 wieder aus der Mode, und verschwand ebenso dezent aus dem Musikleben, wie sie einstmals gekommen war. 
Auf dieser CD präsentiert das Ensemble Artemandoline barocke Musik für das Instrument. Zu hören sind sowohl Originalwerke, wie die Sonata per mandolino e basso von Carlo Arrigoni (1697 bis 1744) oder eine Sonate von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), als auch geschickte Bearbeitungen. Dabei nutzen die Musiker barocke Mandolinen und Mandolen, sowie Barockgitarre und Renaissancelaute, Viola da gamba und Violone sowie das Cembalo. Ihr außerordentlich gut aufeinander abgestimmtes, virtuoses Spiel hätte die barocken Zeitgenossen ganz sicher begeistert; der Zuhörer heute darf sich auf eine gute Stunde anmutige Klänge freuen.

Mittwoch, 21. November 2018

Rosenmüller: Habe deine Lust an dem Herren (Christophorus)

Ausgewählte Werke von Johann Rosenmüller (um 1619 bis 1684) und dessen Zeitgenossen präsentiert Miriam Feuersinger mit tatkräftiger Unterstützung des Ensembles Les Escapades in einem sorgsam zusammengestellten Programm auf dieser CD. 
Die geistlichen Konzerte des Kompo- nisten, über dessen Lebensweg in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet wurde, haben als Vorläufer der protestantischen Kirchenkantate hohe musikhistorische Bedeutung. Doch auch die Werke der anderen Komponisten auf dieser CD sind erstklassig, auch wenn sie heute fast vergessen sind: Johann Balthasar Erben (1626 bis 1686) stammte aus Danzig, und wurde nach einer langen Studienreise quer durch Europa schließlich Kapellmeister an der Marienkirche seiner Heimatstadt. 
Christian Flor (1626 bis 1697) hingegen blieb zeitlebens in Norddeutsch- land. Er wirkte als Organist in Lüneburg, und Figuralmusik schrieb er vor allem für Feierlichkeiten, wie Hochzeiten und Beisetzungen. Georg Christoph Strattner (um 1644 bis 1704) wurde schon in jungen Jahren Kapellmeister des Markgrafen von Baden-Durlach. 1682 ging er nach Frankfurt/Main, wo er in gleicher Position an der Barfüßerkirche tätig war, bis er 1691 als Ehebrecher aus dem Dienst ausscheiden musste. Erst 1694 fand er wieder eine Stelle; er wurde erst Tenor und dann Kammer- musikus und Vizekapellmeister am Weimarer Hof. 
Die Biographie von Augustin Pfleger (um 1630 bis nach 1686) ist weitgehend unbekannt. Er wurde 1665 Kapellmeister am Hofe des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorf. 1673 schied er aus dem Dienst aus und ging ins Böhmische, wo er in Kirchenbüchern als „Hoch Fürstl. Sachsen Lauenbg. Capelmeister“ geführt wird – bis Juli 1686. Der Rest ist Schweigen. 
Aber die Musik spricht für sich. Sie zeigt, wie viel die Musiker seinerzeit von Italien lernten – und wird von Miriam Feuersinger und den beteiligten Instrumentalisten wirklich hinreißend vorgetragen. Etliche Stücke erklingen auf dieser CD in Weltersteinspielung. Kleine Pausen zur Besinnung schafft Instrumentalmusik von Nicolaus Adam Strungk (1640 bis 1700), Giovanni Legrenzi (1626 bis 1690) und Antonio Bertali (1605 bis 1669). Die groß besetzten Sonaten stellen auch das Gambenconsort Les Escapades und seine vier Gastmusiker an Geigen, Theorbe und Orgel einmal in den Vordergrund – doch die ganze CD erweist sich rundum als ein Hörgenuss. 

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Verleih uns Frieden (Christophorus)

Am 23. Mai 1618 eskalierte im Prager Fenstersturz ein schon länger schwelender Konflikt zwischen dem böhmischen Landadel (zumeist protestantisch) und dem Landesherrn (katholisch). Aus dieser Auseinandersetzung entstand rasch ein Krieg verheerenden Ausmaßes, der halb Europa verwüstete, und als Dreißigjähriger Krieg in die Geschichte einging. 
Diese CD zeigt, wie Komponisten in ihren Werken das Kriegsgeschehen spiegelten. Man wird bald feststellen, dass Musik in jener Zeit ein Medium der Repräsentation war. Der Adel, wenn er es sich leisten konnte, reiste in Begleitung seiner Hofmusiker. Ein gutes Beispiel dafür sind Kompositio- nen, die Heinrich Schütz für die sächsischen Kurfürsten schrieb. Diese Musik sollte nicht nur erbauen, sie sollte auch beeindrucken. 
Das gilt ebenso für Huldigungsmusiken, die zum Einzug hoher Herr- schaften von lokalen Musikern geschrieben und aufgeführt wurden. Siege wurden mit Festmusiken gefeiert, gefallene Helden unter den Klängen von Trauermusiken begraben. Allerdings wurden in Kriegszeiten die Musiker rar, und den Höfen ging das Geld aus, die Künstler zu entlohnen. Auch davon berichtet beispielsweise die Biographie von Heinrich Schütz. 
Arno Paduch ist mit dem vortrefflichen Johann Rosenmüller Ensemble auf die Suche nach den Spuren gegangen, die der Dreißigjährige Krieg in der Musik hinterlassen hat. So erklingen Huldigungsgesänge des Mühlhäuser Kantors Nikolaus Weisbeck oder des Breslauer Musikers Paul Schäffer, geschaffen 1602 bzw. 1621 jeweils zur Begrüßung des sächsischen Kurfürsten Johann Georg. Natürlich dürfen auch die berühmten Werke von Heinrich Schütz in diesem Umfeld nicht fehlen. 
Zur Feier des Sieges der kaiserlichen Truppen in der Schlacht am Weißen Berg schrieb Johann Sixt von Lerchenfels Te Deum und Da pacem. Den Sieg der schwedischen und kursächsischen Armeen in der Schlacht bei Leipzig wiederum schilderte der Leipziger Student Marcus Dietrich Brandisius in dem handfest-ausdrucksstarken Fortes heroes pugnabant
Gleich darauf freilich folgt die Trauermotette, die der schwedische Hoforganist Andreas Düben für die Beisetzung seines Königs Gustav Adolf komponiert hat. Er wurde im November 1632 in der Schlacht bei Lützen getötet. Und auch Musiker starben in den Auseinandersetzungen. So wurde Christoph Harant von Polschitz und Weseritz, auf dieser CD ver- treten mit der Motette Qui confidunt in Domino, mit anderen Gefolgs- leuten des Gegenkönigs Friedrich V. 1621 in Prag hingerichtet. 
Wie groß die Verzweiflung bei den Bürgern war, die dem Kriegsgeschehen ausgeliefert waren, zeigen zwei berührende Klagelieder. Der Eilenburger Organist Johann Hildebrand notierte ebenso schlicht wie ergreifend Ach Gott! Wir haben's nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist. Und noch Jahre nach Kriegsende schrieb Matthias Weckmann sein bewegendes geistliches Konzert Wie liegt die Stadt so wüste. Diese Musiken lassen uns noch heute nachvollziehen, welche Katastrophe der Dreißigjährige Krieg für die Betroffenen war. Mit der vorliegenden Aufnahme erinnert das Johann Rosenmüller Ensemble nachdrücklich auch daran. 

Sonntag, 22. Juli 2018

à la francaise - Duos der französischen Romantik für Kunstharmonium & Klavier (Christophorus)

Als „Orgue à Double-Expression“, „Harmonium d'Artiste“ oder auch „Harmonium d'Art“ erlebte das Kunstharmonium in Frankreich um die Jahrhundertwende eine kurze Blütezeit. Um 1900 wurden dort doppelt so viele Harmonien wie Klaviere verkauft. Zu den führenden Instrumentenbauern in diesem Markt gehörten Victor Mustel (1815 bis 1890) sowie seine Söhne Charles und Auguste. 
Ihrem Vermächtnis ist diese CD gewidmet; Jan Hennig und Ernst Breidenbach musizieren auf Kunst- harmonium und Piano. Die Instrumente sind Originale – der Konzert- flügel ist ein klangschöner Erard aus dem Jahre 1858, mit sommier de bronze, und das Harmonium aus dem Jahre 1902 verfügt im oberen Bereich zusätzlich über ein Celesta, übrigens ebenfalls eine Erfindung von Victor Mustel. Das Instrument wurde seinerzeit nach Deutschland verkauft, und erklingt nun wieder nach sorgfältiger Restauration. 
Für diese Einspielung haben die beiden Musiker Werke ausgewählt, wie man sie damals auch im Konzertsaal des Pariser Harmoniumbauers hätte hören können. Und so reicht das Programm von kleinen Salonstücken bis hin zu wirklich großer Musik, wie der Sonate op. 55 von Adolphe Blanc (1828 bis 1885) oder Prélude et Fugue op. 28 von Marie Prestat. Durchweg handelt es sich um Raritäten, die man sonst wahrscheinlich nirgends hören kann. 
Mit großem Engagement machen Jan Hennig und Ernst Breidenbach auf ein Kapitel der europäischen Musikgeschichte aufmerksam, das wieder- zuentdecken sich durchaus lohnt. Denn die Klangkombination Konzert- flügel – Kunstharmonium ist eine sehr aparte, die außerordentlich viele Klangfarben zu bieten hat, und hinreißende Effekte ermöglicht. Meine unbedingte Empfehlung! 

Dienstag, 19. Juni 2018

Salterio italiano (Christophorus)

Die italienische Variante des Hack- brettes erkundet Franziska Fleisch- anderl mit Leidenschaft – und diese CD beweist, dass die junge Musikerin das rare Instrument mittlerweile virtuos beherrscht. Einmal mehr zeigt sie mit ihrem Ensemble Il Dolce Conforto, dass das Salterio klanglich durchaus überraschende Stärken hat. 
Anhand von einer Vielzahl von Quellen hat Fleischanderl die Spieltechniken rekonstruiert, die für das Salterio einst verwendet worden sind. Noch im 18. Jahrhundert erfreute es sich besonders in der Adelsgesellschaft ganz enormer Beliebt- heit. Doch für das Zeitalter der Virtuosenmusik war es wahrscheinlich zu leise, und so geriet das Instrument bald aus der Mode. Heute ist das Salterio vollkommen aus dem Gebrauch. 
Die junge Musikerin hat daher sehr viel Zeit und Energie daran gesetzt, herauszufinden, wie es einst gespielt wurde. Im Beiheft kann man lesen, dass es Fleischanderl sogar gelungen ist, in einem Musikinstrumenten- museum originale Schlägel aufzuspüren, die sie dann nachbauen ließ. 
Für diese CD hat sie ein Programm zusammengestellt, das es gestattet, die erstaunlich umfangreiche Palette an Klangfarben, die das Salterio bietet, so recht zu genießen. Mit den Fingern oder den Fingernägeln pizzicato in unterschiedlicher Weise gezupft, mit verschiedenen Schlägeln battuto gespielt – es ist verblüffend, aber das Instrument klingt wirklich jedesmal anders. 
Wie schon bei der erfolgreichen CD Sacred Salterio mit der Sopranistin Miriam Feuersinger ist auch auf diesem Album eine erstklassige Sängerin zu hören. Beteiligt ist diesmal die italienische Mezzosopranistin Romina Basso, die mit einer hinreißenden tiefen Stimme und ihrer exzellenten Technik überzeugt. 

Donnerstag, 7. Juni 2018

Knüpfer: Geistliche Konzerte (Christophorus)

Sebastian Knüpfer (1633 bis 1676), der Nachfolger von Johann Rosenmüller im Amt des Thomaskantors, stammte aus Böhmen. Als Sohn eines Kantors und Organisten kam er in Asch zur Welt, und wurde 1646 ans Gymnasium nach Regensburg gesandt, um dort seine Ausbildung fortzusetzen. 
Als Schüler erlebte Knüpfer den Reichstag 1653/54 in Regensburg, der mit zwei Krönungen und einer unglaublichen Prachtentfaltung verbunden war. Mit dem kaiserlichen Hofstaat reisten auch die Musiker der Wiener Hofkapelle an. 
Sowohl der Adel als auch das vermögende Bürgertum ließ singen und aufspielen, was in der Musikwelt Rang und Namen hatte. Dieses Erlebnis hat Knüpfer ganz sicher geprägt. Und ein wenig von dieser Klangpracht brachte er auch mit nach Leipzig, wo er dann drei Jahre studierte; seinen Lebensunterhalt verdiente er derweil als Sänger an der Thomaskirche und indem er Musikschüler unterrichte. 
Damit muss er sich einen erstklassigen Ruf erarbeitet haben. Denn nach dem Tode des Thomaskantors Tobias Michel und nach der Flucht Rosenmüllers – der eines unmoralischen Lebenswandels bezichtigt wurde – wählte der Stadtrat im Jahre 1657 Knüpfer zum Thomaskantor, obwohl es durchaus renommierte Bewerber um dieses Amt gab. 
Der bekannteste Schüler des Musikers war übrigens Friedrich Wilhelm Zachow. Dieser wurde Organist an der Marktkirche in Halle/Saale, und Händels Lehrer. 
Die Werke Knüpfers, obwohl bedeutend, sind heute kaum noch zu hören. Arno Paduch zeigt mit seinem Johann Rosenmüller Ensemble, dass dies durchaus ein Verlust ist. Er hat für diese CD acht geistliche Konzerte des Komponisten ausgewählt, die fast durchweg in Ersteinspielung erklingen – makellos vorgetragen von exzellenten Sängern und brillanten Instrumen- talisten. Es sind Werke, die noch heute beeindrucken. 
So schuf Knüpfer in Herr, hilf uns, wir verderben mit den Mitteln der Musik eine dramatische Sturmszene, die die Zwischenrufe der verzweifelten Jünger ungemein glaubhaft wirken lässt. Andere Werke bieten eine geradezu venezianische Klangpracht auf, obwohl die Sängerbesetzung vergleichsweise knapp gehalten ist. Mit Hilfe von einigen wenigen Streichern, Bläsern und Continuo-Gruppe erreicht Knüpfer, der selbst nie in Italien war, ganz erstaunliche Effekte. Erstaunlich ist aber auch, auf welchem Niveau schon zu Knüpfers Zeiten in Leipzig musiziert wurde. 

Donnerstag, 22. Februar 2018

Keiser: Markus-Passion (Christophorus)

Von Reinhard Keiser (1674 bis 1739) sind noch immer wesentlich mehr Anekdoten überliefert als Werke. Das ist ein wenig schade, denn der Musi- ker, der aus Teuchern bei Weißenfels stammte und seine musikalische Aus- bildung unter den Thomaskantoren Johann Schelle und Johann Kuhnau an der Leipziger Thomasschule begann, hat deutlich mehr zu bieten als pikante Geschichten. 
Seine erste Stelle erhielt er am Hof zu Braunschweig, wo er 1693 mit Basilius, einem deutschsprachigen Remake von Il re pastore, einen ersten Erfolg als Opernkomponist erreichen konnte. Schon bald zog er weiter nach Hamburg, wo er dann in erster Linie für die Oper am Gänsemarkt komponierte. 1728 wurde er schließlich Kantor am Hamburger Dom; die letzten Lebensjahre widmete Keiser vor allem der Kirchenmusik. 
Ob die Markus-Passion tatsächlich von Reinhard Keiser stammt, das ist unter Experten umstritten. So wird das Oratorium auch Friedrich Nicolaus Bruhns (1637 bis 1718) zugeschrieben; dieser war Direktor der Hamburger Ratsmusik und später dann auch Domkantor, und ein Onkel des berühmten Husumer Organisten Nicolaus Bruhns. In jedem Falle aber schätzte Johann Sebastian Bach das Werk; er hat es eigenhändig abgeschrieben, und sehr wahrscheinlich in Leipzig auch aufgeführt. 
Die Markus-Passion erinnert in vielen Details an die großen Bach-Passionen. Insofern ist diese Einspielung hochwillkommen. Allerdings wird das Ensemble Parthenia unter Leitung von Christian Brembeck den doch recht hohen Anforderungen nicht wirklich gerecht. So singt Parthenia vocal als Doppelquartett, was zum einen einer dynamischen Differenzierung recht enge Grenzen setzt. Die Turbachöre beispielsweise könnten mehr Wucht gut gebrauchen. Zum anderen sind die Stimmen im Timbre relativ unterschiedlich, was leider mitunter auch als Intonations- problem hörbar wird. Daher kann man diese Aufnahme nicht wirklich empfehlen. Schade. 

Sonntag, 28. Januar 2018

Telemann: Lateinisches Magnificat (Christophorus)

Und noch ein Nachtrag zum Telemann-Jahr: Doch, tatsächlich – Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) hat einige wenige Werke mit Texten in lateinischer Sprache geschrieben. Das Ensemble Allabastrina unter Leitung von Elena Sartori hat diese Raritäten nun auf einer CD zusammengetragen. Laudate Jehovam omnes gentes TWV 7:25, eine Vertonung von Psalm 117, das elegante Deus judicium tuum TWV 7:7 nach Psalm 71, komponiert in französischem Stil während Telemanns Aufenthalt 1737/38 in Paris, und das Lateinische Magnificat TWV 9:17 werden ergänzt durch zwei klangvolle Concerti da Chiesa del Signor Telemann, appropriati all'orga- no dal Signor Walther

Donnerstag, 18. Januar 2018

Richter: Sinfonias, Sonatas & Oboe Concertos (Christophorus)

Franz Xaver Richter (1709 bis 1789) stammte aus Mähren und wirkte zunächst als Bassist. 1740 wurde er erst Vizekapellmeister und später auch Kapellmeister am Hofe des Kemptener Fürstabtes; 1746 erhielt er eine Anstellung in der berühmten Mannheimer Hofkapelle des Kurfürsten Karl Theodor, wo er es immerhin bis zum Cammercompo- siteur brachte. 1769 wurde Richter dann Kapellmeister des Straßburger Münsters – was damals ein bedeutendes Amt darstellte; die Kapelle dort war die zweitgrößte in Frankreich. Soweit die trockenen Fakten. 
Die vorliegende CD zeigt uns Richter als einen Komponisten, der vielerlei Einflüsse in sein Schaffen integrierte. In seinen Werken spiegeln sich italienische Vorbilder, herausragendes kontrapunktisches Können, frühklassische Klarheit und Eleganz, Vergnügen an der Kantilene, und auch so manche musikalische Innovation, die wir heute der Mannheimer Schule zurechnen. 
Zu hören sind drei Sinfonien, zwei Triosonaten und ein faszinierendes Oboenkonzert, das einen dauerhaften Platz im Repertoire durchaus verdient hätte. Das Capricornus Consort Basel präsentiert Richters Musik inspiriert und mit sehr viel Charme. Den Oboenpart spielt Xenia Löffler mit Präzision und wunderbarem Ausdruck. Wenn es um die historische Aufführungspraxis geht, ist diese Musikerin derzeit unübertrefflich. 

Montag, 19. Juni 2017

Clamer: Mensa Harmonica (Christophorus)

Andreas Christoph Clamer (1633 bis 1701) wirkte als Zeitgenosse von Heinrich Ignaz Franz Biber und Georg Muffat in Salzburg. Er war der Sohn des Salzburger Domorganisten und Hofkapellmeisters Gaudenz Clamer, und erhielt seine musika- lische Ausbildung wahrscheinlich am Kapellhaus. 
Clamer studierte Theologie und ent- schied sich für die geistliche Lauf- bahn. Er wirkte als Zeremonien- meister des Salzburger Domkapitels sowie als Instruktor der Chorknaben; 1682 wurde Clamer schließlich zum Regens Chori, zum Chorleiter, ernannt. 
Dennoch ist von ihm nur weltliche Musik überliefert; 1682 wurden bei dem Salzburger Verleger Johann Baptist Mayr sieben Partiten Clamers gedruckt – Mensa harmonica XLII Rarioribus Sonatis. Entstanden sind diese Werke für ein großes Fest: Im Oktober 1682 wurde das 1100. Jubiläum des Erzstiftes Salzburg prachtvoll gefeiert. Bei diesem Anlass ist wohl auch diese Tafelmusik vor erlesenem Publikum erklungen. 
Zur Unterhaltung des Fürst-Erzbischofs Maximilian Gandolph Graf zu Küenburg und seiner Gäste trugen auch Clamers berühmte Kollegen bei; beim Hofdrucker Mayr wurden in diesem Zusammenhang zwei weitere Sammlungen veröffentlicht, die heute als Klassiker der Barockmusik gelten – Bibers Mensa Sonora und Muffats Armonia tributo. Clamers Musik klingt mitunter nach Biber, aber schon in der Besetzung geht er mit zwei Violinen, Bassgambe und Violone eigene Wege. Generell sind seine Werke, auch wenn es sich formell um Tanzsätze handelt, keinesfalls leichte Kost. Das Ensemble Dolce Risonanza macht mit seiner Einspielung aber deut- lich, dass Clamer durchaus erlesene Zutaten verwendet und sie gekonnt, mitunter sogar kühn gewürzt und angerichtet hat. 
„Als Grundlage für unsere Aufnahme haben wir eine korrigierte Neuaus- gabe der Mensa Harmonica aus den unikalen Stimmbüchern der Pariser Bibliothèque National de France erstellt“, berichten Florian Wieninger, Gunda Hagmüller und Anton Holzapfel im Beiheft zu dieser CD. „Die Notenblätter der Partita VII. sind teilweise zerstört, wir haben von einer Rekonstruktion dieses Fragments Abstand genommen. Um beide Besetzungsvarianten zu demonstrieren, erklingen die Partiten IV. und V. mit einem süddeutschen Cembalo, die anderen Partiten gänzlich ohne Generalbassinstrument.“ 
Clamer lässt häufig Tanzsätze, die eigentlich ein schnelles Tempo erwarten ließen, eher gravitätisch ausführen. Dass eine Suite nicht unbedingt immer heiter gestaltet sein muss, zeigt beispielsweise die Partita I. Hier notierte der Komponist für das erste Lamento die Anweisung Adagio quanto si può„Spiele, so langsam du kannst.“ Das Ensemble Dolce Risonanza hat die ausdrucksstarken Werke mit Sorgfalt erkundet, und bringt Clamers Ideen- reichtum bestens zur Geltung. Sehr hörenswert! 

Montag, 15. Mai 2017

Sacred Salterio (Christophorus)

Das Psalterium ist ein Musikinstru- ment mit einer langen Geschichte. Seinen Ursprung hatte es wohl im Orient; es gilt als Urform von Zither, Hackbrett, Harfe und auch diversen Tasteninstrumenten, soweit sie mit Saiten ausgestattet sind. Das Psalter besteht aus einem Resonanzkörper, über den Saiten gespannt sind. Anfänglich wurden sie mit den Fingern oder einem Plektrum gezupft, später, so beim Hackbrett oder beim Clavichord, auch mit Hämmerchen angeschlagen. Eine weitere Version, das Streichpsalter, wird mit einem Bogen gestrichen. 
Das Salterio war noch im 18. Jahrhundert eines der bevorzugten Instru- mente des italienischen Adels. Selbst Antonio Vivaldi komponierte für das Salterio; auch Leonardo Vinci, Giovanni Paisiello und viele andere schrieben Musik für das Instrument. Niccolò Jommelli schuf sogar eine Sinfonia di salterio con violini a basso.  
Und mit den adeligen Damen hielt das Salterio Einzug auch in den Klöstern. Zwar untersagte Papst Benedikt XIV. im Jahr 1749 allzu profane Klänge im kirchlichen Raum. Aber wie man in der Kirchenmusik am Wiener Hof nicht auf Pauken und Trompeten verzichten mochte, so blieb das Salterio bei den Nonnen ein geschätztes Instrument. 
Franziska Fleischanderl stellt auf dieser CD mit ihrem Ensemble Il Dolce Conforto und der Sängerin Miriam Feuersinger eine Auswahl an Musik- stücken aus dem Benediktinerinnenkloster San Lorenzo in San Severo vor. Die Nonnen haben insbesondere in der Karwoche beeindruckende Kompositionen für Sopran, Salterio und Orgel in ihre Andachten mit einbezogen. Als Beispiele erklingen die Lezzione Seconda von Domenico Merola, eine Lamentazione Seconda per il Giovedi Santo la Sera aus dem Jahre 1781, deren Urheber nicht bekannt ist, und die Lezzione Terza del Venerdi Santo von Gennaro Manna sowie ein Atto di dolore nach einem Gebet von Pietro Metastasio, komponiert möglicherweise von Salvatore Fighera. 
Gesungen wurden diese Stücke einst wahrscheinlich von einem Kastraten, das jedenfalls legt eine Widmung nahe, die sich im Manuskript fand. Es ist virtuose Musik, die mit ihren großen Spannungsbögen von Miriam Feuer- singer berückend vorgetragen wird. Franziska Fleischanderl musiziert auf einem originalen Salterio, das 1725 in Rom von Michele Barbi gebaut worden ist. Sie erkundet die Spieltechniken, die damals üblich gewesen sind – was sowohl das Zupfen als auch das Anschlagen der Saiten einschließt. Es ist ihr zu danken, dass sie mit ihrem Engagement ein vergessenes Instrument wieder zurück in das Musikleben bringen möchte. Es lohnt sich durchaus; klangschön jedenfalls ist das Salterio. Unterstützt wird sie dabei durch Jonathan Pesek, Violoncello, und Deniel Perer, Truhenorgel. 

Dienstag, 20. Dezember 2016

Schütz: Weihnachtshistorie (Christophorus)

Weihnachten 1660 erklang in der Hofkirche des sächsischen Kurfürsten Musik, wie sie noch nie gehört worden war: Die Hofkapelle führte zum ersten Mal Die Geburth Christi, in stilo recitativo auf. Man könnte dieses Werk durchaus als das früheste deutsche protestantische Oratorium überhaupt betrachten. Heinrich Schütz (1585 bis 1672) hatte den biblischen Text, speziell Verse aus den Evangelien nach Matthäus (Kapitel 2, 1-23) und Lukas (Kapitel 2, 1-11), in Musik gesetzt, und sich dazu der verschiedensten Formen bedient, vom Rezitativ des Evangelisten, wie wir es heute noch beispiels- weise vom Weihnachtsoratorium kennen, über den Gesang des Engels, der den Hirten erscheint und ihnen große Freude verkündet, was man beinahe als geistliches Konzert zu bezeichnen geneigt ist, bis hin zum prachtvollen Chor der Engel oder zum Terzett der Weisen aus dem Morgenlande – ein geradezu mustergültiger Turba-Chor. 
Schütz überarbeitete sein Werk mehrfach, bis 1664 schließlich die Historia der Freuden- und Gnadenreichen Geburth Gottes und Marien Sohnes, Jesu Christi, unsers Einigen Mitlers, Erlösers und Seeligmachers in jener Form fertiggestellt war, die wir heute kennen; 1671 erfolgten dann noch einige Revisionen. Diese Musik ist im übrigen ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen auch im hohen Alter durchaus noch etwas gänzlich Neues erschaffen können; Kreativität ist eben kein Privileg der Jugend. 
Schütz' Weihnachtshistorie war ein großer Erfolg; alle wollten diese uner- hörte Musik anhören – und aufführen. Sie hat bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt, und steht im Mittelpunkt dieser CD mit dem Choeur de Chambre de Namur und dem Instrumentalensemble Le Fenice unter Jean Tubéry. Die beiden umfangreichsten Partien, der Evangelist und der Engel, werden von Tenor Hans-Jörg Mammel und Sopranistin Claire Lefilliâtre gesungen; sie sind auch in den anderen Stücken zu hören – Mach dich auf, werde Licht, Zion aus den Opella Nova II von Johann Hermann Schein, Gegrüsset seist Du, Holdselige! von Matthias Weck- mann sowie Magnificat und Hodie Christus in der Vertonung durch Heinrich Schütz. 
Mich begeistert die Aufnahme allerdings nicht wirklich. Wenn Schütz und seine Zeitgenossen für Sänger komponierten, steht der Text immer absolut im Vordergrund. Die Musik dient dazu, das Wort auszulegen. Hört man diese CD, werden die Sänger leider von Instrumentalklängen regelrecht zugedeckt, was ich sehr bedauerlich finde. Es mag noch so hinreißend musiziert sein – aber eine solche Interpretation geht am Wesen dieser Musik vorbei. Schade. 

Dienstag, 23. August 2016

Herzens-Lieder - Miriam Feuersinger (Christophorus)

Nach den Himmels-Liedern, die das Capricornus Consort Basel mit dem Countertenor Franz Vitzthum ein- gespielt hat, erklingen auf dieser CD nun Herzens-Lieder, gesungen von Miriam Feuersinger. Für ihre erste Solo-CD, mit Solokantaten von Christoph Graupner, hatte die Sopra- nistin 2014 den ECHO-Klassik sowie den Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik erhalten. 
Nun legt sie erneut eine Auswahl barocker Kirchenmusiken vor: Zu hören sind die Kantaten Mein Herz schwimmt in Blut des Darmstädter Hofkapellmeisters Christoph Graupner (1683 bis 1760), Weicht, ihr Sorgen, aus dem Herzen von Thomaskantor Johann Kuhnau (1660 bis 1722) und Mein Herze schwimmt im Blut von dessen Amtsnachfolger Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750). Ergänzt wird das anspruchsvolle Programm durch das Quartett in G-Dur TWV 43:G5 von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767). Aufs Schönste begleitet von den neun „Alte“-Musik-Spezialisten des Capricornus Consort Basel, bezaubert Miriam Feuersinger einmal mehr mit ihrem kristallklaren Sopran. Insbesondere die ruhigen Tempi liegen der Sängerin, die durch tiefes Werkverständnis und Ausdruck sehr beeindruckt. 

Samstag, 26. März 2016

Pasquini: La sete di Christo (Christophorus)

„Warum führt man La Sete di Christo heute wieder auf?“, fragt Alessandro Quarta im Beiheft zu dieser CD, und gibt auch gleich selbst die Antwort: „Um eine unbekannte Seite Bernardo Pasquinis zu entdecken. Wegen der über alle Zweifel erhabenen Qualität dieser Partitur und ihrer absolut originellen musikdramatischen Lösungen, die der junge Händel sich später in Rom zu eigen machen wird. Aber vor allem wegen des pulsierenden Rhythmus' dieser musikalischen Erzählung, die weit über die konventionelle Gelehrsamkeit des Textes hinausgehend in ein schier atemberaubend intensives Finale endet.“ 
Bernardo Pasquini (1637 bis 1710) war ein berühmter Cembalist und Organist. Auch als Musikpädagoge war er sehr gefragt. Er gilt zudem als der bedeutendste italienische Komponist von Musik für Tasteninstrumente zwischen Girolamo Frescobaldi und Domenico Scarlatti. Pasquini hat allerdings für den römischen Hochadel auch etliche Opern, Kantaten und weitere Vokalwerke geschaffen. 
Das Passionsoratorium, das Quarta mit seinem Ensemble Concerto Romano und den Solisten Francesca Aspromonte, Sopran, Francisco Fernández-Rueda und Luca Cervoni, Tenor, sowie Mauro Borgioni, Bariton, aus dem Archivschlaf erweckt hat, erweist sich in der Tat als eine Trouvaille. Es entstand 1689 nach einem Libretto von Nicolò Minato, und führt unter das Kreuz Jesu, wo der Zuhörer Maria begegnet, Jesu Mutter, an ihrer Seite Johannes, und dazu Joseph aus Arimathia und Nikodemus. Jede dieser vier Personen hat ein ganz eigenes Temperament, und reagiert auf das Passionsgeschehen dementsprechend individuell. 
Jesus selbst spricht nur ein einziges Wort: „Sitio!“, lässt Pasquini die tiefe Stimme singen, „Mich dürstet!“, und das gänzlich ohne Instrumentalbe- gleitung, und auf Latein; ansonsten ist der Text durchweg in italienischer Sprache geschrieben. Was für ein brillanter Einfall, und was für ein perfektes Handwerk! „Da Pasquinis Vokalwerke nicht so bekannt sind, neigt man beim Hören dazu, im Charakter dieser Musik und in ihrer Kompositionsweise hier und da dramatische Akzente Alessandro Stradellas weiderzuerkennen, die thematische Rundheit des jungen Alessandro Scarlatti, ein wenig Corelliʻsche Violintechnik und sogar etwas Händel-Stil“, meint Quarta. „Aber Bernardo Pasquini wurde vor all diesen Komponisten geboren, und sein ganz und gar persönliches Genie diente seinen Zeitgenossen – und nicht nur ihnen – ganz sicher zur Anleitung und als Vorbild.“

Sonntag, 15. November 2015

Dass sich wunder alle Welt (Christophorus)

In der heutigen Zeit, inmitten von Lebkuchenbergen und Schokoladen- gebirgen, von der Werbung auf Weihnachtsshopping und von der Familie auf Vorweihnachtshektik programmiert, vergisst man leicht, dass die Adventszeit eigentlich eine Fastenzeit ist. Wie die Tage zwischen Aschermittwoch und Osterfest, sind auch die 40 Tage zwischen Martins- tag und Weihnachten eine Zeit der Besinnung und der Einkehr. 
Diese CD soll daran erinnern, dass die Adventszeit dem Warten auf die Ankunft Jesu gewidmet ist, und nicht dem Konsum. Die Gläubigen sollen sich darauf besinnen, dass das Kind in der Krippe der Erlöser und Erretter ist – sie sollen ihr Leben ändern, damit sie bereit sind, wenn Christus wiederkehrt. Miriam Feuersinger, Sopran, und Daniel Schreiber, Tenor, sowie das Gambenconsort Les Escapades, ergänzt durch Evelyn Laib an der Truhenorgel, tragen Musik vor, die dieses Ansinnen reflektiert. 
Dabei orientieren sich die Musiker an der Liturgie der vier Adventssonnta- ge. Kaum eine Zeit ist so reich mit Musik gefeiert worden, wie die diese – von den gregorianischen Gesängen der Mönche und Nonnen, die einige ihrer schönsten Melodien in diesen Wochen anstimmen, über eine Vielzahl bekannter Kirchenlieder bis hin zu festlichen konzertanten Werken. Und so begegnen wir in der Adventszeit Maria; wir erinnern uns an ihren berühmten Dialog mit dem Engel Gabriel, und an ihren Besuch bei Elisabeth, mit dem Magnificat. Wir begegnen Martin Luther, der zahlreiche Texte aus der liturgischen Tradition in die deutsche Sprache übertragen hat – erinnert sei hier nur an Nun komm, der Heiden Heiland nach dem ambrosianischen Hymnus Veni redemptor gentium. Wir begegnen aber auch Johannes dem Täufer, und dem Propheten Jesaja. 
Miriam Feuersinger und Daniel Schreiber singen uns den Introitus des jeweiligen Adventssonntages, sowie einige wenige bedeutende Lieder, die dazu passen. Dafür wurden ebenso bedeutende Liedsätze ausgewählt, die mitunter von Strophe zu Strophe wechseln.  Sie wurden so geschickt kombiniert, dass das Lied wirkt, wie aus einem Guss. 
Für Abwechslung sorgen außer den unterschiedlichen Arrangements auch Wechsel in der Besetzung. So werden etliche Strophen instrumentaliter musiziert; die Gamben ergänzen zudem, wie damals üblich, den Gesang. Mit ihrem weichen, warmen Klang passen sie exzellent in die besinnliche Adventszeit. Die vier Damen von Les Escapades begeistern durch ihren homogenen, perfekten Ensembleklang. Kleine Instrumentalsätze runden das Programm ab. 
Am vierten Adventssonntag erklingen gleich drei Werke von Heinrich Isaac (um 1450 bis 1517), einem franko-flämischen Meister, der erst im Dienste der Medici stand, und dann ab 1497 für den König und späteren Kaiser Maximilian I. tätig war. Damit verweisen die Musiker bewusst auf Traditionen, die so lang zurückliegen, dass sie für uns heute eher unge- wohnt klingen. Nicht alle Stücke auf dieser CD freilich sind alt - so erklingt Es kommt ein Schiff, geladen in einer Version des Karlsruher Chorleiters Hans-Jörg Kalmbach.
Nach dem Beginn mit der Kantate Lieber Herre Gott, wecke uns auf von Johann Rosenmüller (1620 bis 1684) endet die CD auch wieder mit einer Kantate: Wachet auf, ruft uns die Stimme von Franz Tunder (1615 bis 1667) mahnt, das Leben zu gestalten, wie die klugen Jungfrauen – die gut vorbereitet auf den Bräutigam gewartet haben, und daher in den Hochzeits- saal eingelassen werden. In diesem Sinne: Einen besinnlichen Advent!