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Samstag, 19. März 2016

Rosenmüller: Marienvesper (Rondeau)

Venezianische Klangpracht in Hannover? Das ist gar nicht so abwegig: Im Jahre 1682 engagierte Herzog Anton Ulrich von Braun- schweig-Wolfenbüttel Johann Rosenmüller (1617 bis 1684) als Hofkapellmeister. Der Komponist, der aus Oelsnitz im Vogtland stammt und in Leipzig studiert hat, reiste um 1645 zum ersten Mal nach Italien. 1650 war er zurück in Leipzig, wo er zunächst als Baccalaureus funerum an der Thomasschule und dann ab 1651 auch als Organist an der Niko- laikirche tätig war. Als Thomaskan- tor Tobias Michael erkrankte, übernahm Rosenmüller zusätzlich dessen Dienstpflichten. Um den Musiker zu halten, den man auch andernorts gern angestellt hätte, erklärte der Leipziger Rat ihn 1653, noch zu Lebzeiten Michaels, zu dessen Nachfolger. 
Doch im Mai 1655 wurde Rosenmüller beschuldigt, sexuelle Beziehungen zu Thomasschülern gepflegt zu haben. Der näheren Untersuchung entzog er sich durch die Flucht. Er ging nach Venedig, wo er ab 1658 als Posau- nist an San Marco wirkte. Außerdem war er maestro di coro am Ospedale della Pieta. 
Da der deutsche Adel damals sehr gern nach Italien reiste – oftmals mit großem Gefolge, in dem sich auch Musiker befanden – wird Rosenmüller in Venedig in jenen Jahren viele Landsleute getroffen haben. Er hat junge Musiker unterrichtet, wie beispielsweise Johann Philipp Krieger, und Werke komponiert für deutsche Hofkapellen. So widmete Rosenmüller 1667 seine Sonate da camera Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg. Der Herrscher war katholisch, und in seiner Hofkapelle in Hannover sangen italienische Sänger unter Leitung des Venezianers Antonio Sartori. Es wird vermutet, das etliche geistliche Werke Rosen- müllers mit lateinischen Texten für diesen Fürsten entstanden sind; einige davon sind in einer Notensammlung zu finden, die anlässlich der Krönung des Kurfürsten Georg Ludwig von Hannover zum englischen König George I. nach London gelangt ist. 
Der Knabenchor Hannover unter Leitung von Jörg Breiding hat nun ge- meinsam mit dem Johann Rosenmüller Ensemble und dem Barockorche- ster L’Arco eine Marienvesper von Johann Rosenmüller eingespielt. Unterstützt werden die jungen Sänger dabei durch die Sopranistinnen Veronika Winter und Maria Skiba sowie die Altisten Henning Voss und Alex Potter. 
Arno Paduch, der Gründer des Johann Rosenmüller Ensembles, weist in seinem sehr ausführlichen Begleittext im Beiheft darauf hin, dass es Indizien dafür gibt, die darauf hindeuten, dass zumindest Teile dieser Marienvesper für ein deutsches Publikum geschrieben worden sind. So
sei die Verwendung von Zinken und Posaunen in Italien am Ende des
17. Jahrhunderts nicht mehr üblich, in Deutschland aber sehr beliebt gewesen. Auch die Mehrchörigkeit sei zu diesem Zeitpunkt für italienische Musik „ungewöhnlich“. Insofern könnten zumindest einige der Werke, die hier zusammengestellt worden sind, möglicherweise in früheren Jahrhun- derten bereits in Hannover erklungen sein. 

Der Knabenchor Hannover jedenfalls erweist sich als würdiger Nachfolger des italienischen Ensembles aus der Zeit Herzog Johann Friedrichs. Die Buben und Burschen singen prächtig, und sie interpretieren Rosenmüllers üppige Musik mit großem Engagement und mit beeindruckender Virtuosi- tät. Die Aufnahme macht einmal mehr deutlich, dass der Chor, der seit 2002 von Jörg Breiting geleitet wird, derzeit zu den besten Knabenchören Europas gehört. Bravi, großartig! 

Montag, 22. Dezember 2014

Christmas Carols (Rondeau)

Das Adventskonzert hat einen festen Platz im Terminplan des Knaben- chores Hannover. Das Programm der jungen Sänger 2013 in der Markt- kirche Hannover, das auf dieser CD zu hören ist, umfasste in erster Linie Christmas Carols, traditionelle Weihnachtslieder aus England. Das ist kein Zufall – denn 1714 war Georg Ludwig, Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, zum König von England gekrönt worden. Bis 1837 regierten die jeweiligen Herrscher gleichzeitig das Königreich Hannover und das United Kingdom; auch Königin Vic- toria, mit deren Thronbesteigung diese Personalunion endete, entstammte dem Haus Hannover. Sie heiratete Albert von Sachsen-Coburg und Gotha; ihr Enkel änderte 1917 den Namen seines Hauses in Windsor. 
Der historischen Ereignisse wurde in diesem Jahr natürlich in Hannover gedacht. Und die jungen Chorsänger aus der Leinestadt stimmten auf das Jubiläum ein mit einer farbenreichen Kollektion Christmas Carols, vor- getragen gemeinsam mit dem Ensemble London Brass. Da findet sich Sing Joyfully unto God Our Strength von William Byrd (1543 bis 1623) neben The Wexford Carol von John Rutter (*1945), Angelus ad virginem aus dem 13. Jahrhundert neben A Hymn to the Virgin von Benjamin Britten (1913 bis 1976). Doch auch In dulci jubilo oder Hark! The Herald Angels Sing, ein britisches Weihnachtslied, das der deutsche Komponist Felix Mendels- sohn Bartholdy geschrieben hat, standen auf dem Programm. Das deutsche Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen erklingt zunächst in dem berühmten Satz von Michael Praetorius (1571 bis 1621); fortgeführt wird es aber in einem gelungenen Arrangement von Donald Cashmore (1926 bis 2013), das den Cantus firmus durch die Register wandern lässt, und in seiner Innigkeit bezaubert. 
Der Knabenchor Hannover singt exzellent, unter der Leitung von Jörg Breiding. Und London Brass gehört zu den besten Bläserensembles welt- weit. Gemeinsam laden sie ein zu einem Ausflug in die Musikgeschichte – das Konzert muss wirklich ein Erlebnis gewesen sein. Bravi! und weiterhin viele gute Ideen, für die Konzerte der kommenden Jahre. 

Freitag, 2. Mai 2014

Verklingend und ewig - Raritäten aus der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (Rondeau)

Raritäten aus Beständen der Her- zog August Bibliothek Wolfenbüttel haben Mädchenchor und Knaben- chor Hannover gemeinsam mit der Capella Augusta Guelferbytana im Großen Sendesaal des Norddeut- schen Rundfunks für eine ganz besondere CD eingespielt, die dann bei dem Leipziger Label Rondeau Production erschienen ist. Dabei handelt es sich um die Begleit-CD zu der Ausstellung „Verklingend und ewig. Tausend Jahre Musik- gedächtnis 800 – 1800“. Sie beschäftigte sich mit der Wechselbeziehung zwischen Musik-Notation und Klang. Und weil sich das nur mit dem Notentext schlecht zeigen lässt, liefert diese CD sozusagen den Sound zum Dokument. 
Aus den tausend Jahren Musikgeschichte wiederum haben die Aus- stellungsmacher für die CD den Zeitraum um die Entstehung der Herzog August Bibliothek und – im Kontrast zum Wolfenbütteler Hof – Zeugnisse aus protestantischen Städten ausgewählt. Dabei handelt es sich um sogenannte Leichpredigten – Druckschriften, die Auskunft geben über den Lebensweg und das Sterben von Bürgern und Adli- gen. 
Oftmals berichten sie zudem über die Beisetzungsfeierlichkeiten. So sind in etlichen dieser Dokumente auch Funeralmusiken abgedruckt, Kompositionen, die speziell für die Beerdigung geschrieben worden sind. Das sind teilweise einfache Strophenlieder, mitunter aber auch aufwendige Werke. So schuf Christoph Heinrich Pfefferkorn für die 1701 im thüringischen Tonna verstorbene Sabine Elisabeth von Brandenstein, seine Patentochter, eine Arie, darinnen die seeligst-Verstorbene von der noch lebenden Frau Schwester, und diese von jener, betrübten Abschied nimt. Andreas Hammerschmidt findet sich hier neben Johann Erasmus Kindermann und Sophie Elisabeth Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg neben der italienischen Musikerin Maddalena Caulana. 
Mädchenchor und Knabenchor Hannover, geleitet von Gudrun Schröfel und Jörg Breiding, singen routiniert und ausgesprochen klangschön. Das gilt auch für die Chorsolisten – hier kann man unmittelbar hören, dass sich eine sorgfältige Stimmbildung und die frühzeitige musikalische Unterweisung wirklich auszahlt. Die beiden Chöre werden ihrem Ruf als führende europäische Ensembles einmal mehr gerecht. Bravi. 

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Gloria in excelsis Deo (Rondeau)

Jedes Jahr in der Vorweihnachts- zeit strömen die Leute in die Hannoversche Marktkirche zum Weihnachtskonzert des Knaben- chores Hannover. Dass dieses Ereignis, das im Jahreskalender des Ensembles seinen festen Platz hat, von den Bürgern angenommen wird, zeigt die Tatsache, dass die Kirche an den beiden Abenden enorm gut besucht ist. Und sowohl die "Großen" des Konzertchores als auch die ganz "Kleinen", die im Nachwuchschor singen, tragen zu diesem Erfolg bei. Für die "Neuen" im Chor ist es wohl das erste Kon- zert überhaupt, an dem sie selbst mitwirken. 
Im vergangenen Jahr haben die jungen Sänger in ihrem Weihnachts- konzert den Zyklus Gloria in excelsis Deo von Siegfried Strohbach aufgeführt. Er besteht aus thematisch geordneten Weihnachtsliedern, die der Hannoversche Komponist zusammengestellt und durchaus zeitgenössisch, aber nicht zu kühn für den Chor arrangiert hat. Zur Begleitung setzt er dezent die Orgel ein; gespielt wird sie von Ulfert Smidt, dem Organisten der Marktkirche. Auch die einzelnen Lieder verbindet Strohbach durch Orgelzwischenspiele und durch Bibeltexte sowie eine lyrische Betrachtung Clemens' von Brentano, die hier von Sky du Mont gesprochen werden. 
Das Ergebnis ist ein in sich geschlossenes Gesamtwerk, an dem aber auch die Gemeinde Anteil nimmt: Sie singt die Choräle mit; die Weihnachtslieder hingegen werden ausschließlich durch den Chor vorgetragen. Dabei wird deutlich, dass Strohbach mit den klanglichen und technischen Möglichkeiten des Knabenchores bestens vertraut ist. Ob die strahlenden Knabenstimmen oder die kraftvollen Männerstimmen, über die der Hannoveraner Chor verfügt wie kein anderes derartiges Ensemble, ob im kompletten Ensemble oder solistisch - der Komponist stellt diese besondere Klangwelt in den Dienst weihnachtlicher Andacht, und man folgt den jungen Sängern unter ihrem Chorleiter Jörg Breiding darin gern. Die fleißige Arbeit dieser Singschule lohnt sich. 

Montag, 15. Oktober 2012

Knabenchor Hannover (Rondeau)

Sängerknaben suchte 1950 der 23jährige Musikstudent Heinz Hennig per Annonce - für einen Chor, den es noch gar nicht gab. Seine mutige Idee fand Anhänger und Unterstützer, und den von Hennig gegründeten Knabenchor Hannover gibt es noch immer. Seit 2002 leitet Jörg Breiding das En- semble. Diese CD mit Aufnahmen aus den Jahren 2005 bis 2012 zeigt, wie sich der Chor seitdem entwickelt hat.
Auffällig ist, dass der Chor sowohl die sogenannte "Alte" als auch die zeitgenössische Musik pflegt. In seinem Repertoire finden sich Werke von Bach, Schütz oder Monte- verdi gleichberechtigt neben der Musik von Siegfried Strohbach, John Rutter, Harald Weiss oder Alfred Koerppen. Schon Chorgründer Hennig vergab Kompositionsaufträge, und er trug zudem zur Wieder- entdeckung vergessener Kreativer bei. So engagierte sich der Kna- benchor Hannover für das Werk vom Andreas Hammerschmidt - und wurde dafür 2006 mit einem Echo Klassik ausgezeichnet. 
Insgesamt ist der Chor auf mehr als 60 Schallplatten und CD zu hören; er musizierte mit einer Vielzahl renommierter Orchester, Dirigenten und Ensembles. Einen kleinen Ausschnitt aus jüngster Vergangenheit  hat der Chor nun auf dieser CD zusammengefasst, die man - bei aller Entwicklung durch die raschen Generationswechsel in einem Knaben- chor - durchaus als ein aktuelles Porträt des Ensembles betrachten kann. 
Dabei haben die kleinen Sänger, verglichen mit anderen Knaben- chören, nicht nur stimmlich einiges zu bieten. Sie wohnen bei ihren Eltern in Hannover und Umgebung, besuchen normale Schulen - und treffen sich dann am Nachmittag, wo aber offenbar nicht nur Musik auf dem Programm steht. Die große Sorgfalt und Hingabe, mit der die Kinder im Chorheim an der Meterstraße betreut und ausgebildet werden, macht sich bezahlt. Das kann man wirklich hören. Und dieses Angebot ist für die Jungs auch attraktiv - im Gegensatz zu anderen Chören haben die Hannoveraner kein Nachwuchsproblem. 

Sonntag, 25. März 2012

Monteverdi: Marienvesper; Knabenchor Hannover, Breiding (Rondeau)

400 Jahre nach der Erstveröffent- lichung 1610 hat der Knabenchor Hannover die berühmte Marien- vesper von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) in der St. Michae- lis-Kirche zu Hildesheim aufge- führt. Der Mitschnitt dieses Kon- zertes zum Festjahr "1000 Jahre St. Michaelis" ist nun bei Rondeau auf zwei CD erschienen. 
Die Aufnahme beeindruckt gleich mehrfach. So ist es erfreulich, dass die Psalmen der Vesper durch Antiphonen ergänzt wurden, gesungen von der Choralschola Vox Werdensis. Das vermittelt einen Eindruck davon, wie ein solches Werk zu Monteverdis Zeiten erklungen sein dürfte. Der Knabenchor Hannover singt unter Leitung von Jörg Breiding mit hohem Engagement und entfaltet, unterstützt und getragen von den Instrumentalisten des Ensembles Musica Alta Ripa und den Posaunen und Zinken des Concerto Palatino, die dem Werk angemessene Klangpracht. Die jungen Sänger werden dabei zudem durch die Himlische Cantorey ergänzt - in diesem Falle besetzt mit Veronika Winter und Gerlinde Sämann, Sopran, Henning Voss, Altus, Jan Kobow, Georg Poplutz und Nils Ole Peters, Tenor, sowie Michael Jäckel und Ralf Grobe, Bass. Diese Sänger haben durchweg reiche Erfahrungen mit der "historischen" Aufführungspraxis, und in ihrem Zusammenwirken zeigt sich, dass sie sowohl hervorragende Ensemblesänger als auch exzellente Solisten sind. Das perfekt vorgetragene Solo von Knabensopran Daniel Bühl zeigt allerdings, dass sich auch die jungen Sänger des Knabenchores durchaus hören lassen können. Der Chor singt sauber, schwungvoll und homogen. Hier gelingt ihm eine Monteverdi-Interpretation, die mit den Referenzaufnahmen durchaus mithalten kann.