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Dienstag, 31. Dezember 2019

Monteverdi: Madrigali Libri i - IX (Brilliant Classics)

Auf zwölf CD bietet diese Box die Möglichkeit, sämtliche Madrigalbücher von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) anzuhören, sehr schön gesungen vom Ensemble Le Nuovo Musiche unter Leitung von Krijn Koetsveld. 
In den acht zu Lebzeiten den Komponisten veröffentlichten Madrigalbüchern lässt sich der Übergang von der strengen Polyphonie („stile antico“) zu den erweiterten harmonischen Möglichkeiten der „nuova pratica“ nachvollziehen. Für die Musikgeschichte gilt dies als ein wichtiger Schritt auf dem Wege von der Renaissance zum Barock. Ein neuntes Buch, das nach dem Tode Monteverdis erschienen ist, erweist sich als eine Sammlung früher Werke im alten Stil. Ein Beiheft ergänzt die Edition durch eine Fülle von Informationen zu jedem Madrigalbuch und zu den beteiligten Musikern. 
Die niederländischen Alte-Musik-Spezialisten beeindrucken durch einen stets ausgewogenen, harmonisch abgestimmten Ensembleklang. Wer an Monteverdis Madrigalen den Wohlklang schätzt, der wird mit dieser Aufnahme glücklich sein. Wer allerdings auf musikalischen Ausdruck besonderen Wert legt, der wird mit dieser Box nicht vollends zufriedengestellt. Dramatik kommt hier leider zu kurz. Schade. 

Sonntag, 30. Juni 2019

Prologue (Pentatone)

Ein ganz besonderes Konzept hat sich Francesca Aspromonte für ihr Debütalbum bei dem Label Pentatone überlegt: Die junge italienische Sopranistin konzentriert sich auf Prologe, die einst, in der frühen Barockoper, wie ein Vorwort der eigentlichen Handlung vorangestellt waren. 
In diesen Eröffnungszenen betritt eine allegorische Figur die Bühne und bereitet das Publikum auf das kommende musikalische Drama vor. Mitunter verweist sie auch auf den Anlass, dem das Werk gewidmet ist – beispielsweise eine Hochzeit, die Geburt eines Thronfolgers oder der Geburtstag eines Fürsten. Und natürlich berichtet sie über sich selbst, sie singt von Gott und der Welt, und verblüffend oft auch über die Szenerie und über das Wetter. 
„Auf dieser CD beginnt eine Oper niemals richtig, denn mit jedem neuen Track stellen wir eine neue Begrüßung und einen neuen Anfang vor“, schreibt Francesca Aspromonte im Beiheft, das übrigens mit viel Sorgfalt zusammengestellt ist. „Doch dann steigen diese allegorischen Figuren von ihrem Sockel hinab, verlassen die Bühne, reichen ihre Hand dem Hörer, der auf dem Sofa liegt, und flüstern ihm ins Ohr, woher sie kommen ... welche Farbe das Haar der Königin hat … wie schön und sternenklar der Himmel der Mitsommernacht ist … in Venedig.“ 
In Claudio Monteverdis L'Orfeo, einer der ersten Opern überhaupt, betritt zum Prolog La Musica höchstpersönlich die Bühne. Auch Amor, Venus, die Harmonie, die Stadt Rom oder La Gloria Austriaca, der Ruhm Österreichs, gehören zum ziemlich bunten Reigen jener Figuren, die Textdichter und Komponisten einst aufboten, um das Publikum auf ihre Oper einzustimmen. 
Gemeinsam mit Enrico Onofri, dem Leiter des Ensembles Il pomo d’oro, hat Francesca Aspromonte für dieses Album Prologe von Claudio Monteverdi, Giulio Caccini, Francesco Cavalli, Stefano Landi, Luigi Rossi, Pietro Antonio Cesti, Alessandro Stradella und Alessandro Scarlatti ausgewählt. Mit ihren Prologen haben diese Komponisten Miniaturen geschaffen, auf die die Musiker nun zu Recht verweisen. Denn sie sind eine Welt für sich, deren Entdeckung sich lohnt – kleine Opern vor der Oper, und oftmals auch Opern über Oper. Sehr beachtlich, und von Francesca Aspromonte gemeinsam mit Il pomo d’oro auch sehr ansprechend präsentiert. Musikgeschichte kann so unterhaltsam sein! 

Dienstag, 14. Mai 2019

Amor, Fortuna et Morte (Pan Classics)

Auf dieser CD spürt das Ensemble Profeti della Quinta unterschiedli- chen Entwicklungen des italienischen Madrigals nach. Dazu haben sie ein Programm zusammengestellt, das neben Werken von Cipriano de Rore (1515/16 bis 1565) Kompositionen von Luzzasco Luzzaschi (1545 bis 1604), Carlo Gesualdo (1566 bis 1613), Scipione Lacorcia (um 1590 bis 1620), Giovanni Girolamo Kapsber- ger (um 1580 bis 1651) und Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) enthält. 
Ori Harmelin, Renaissancelaute und Erzlaute, sorgt mit zwei Instrumentalstücken für eine Atempause im ansonsten recht turbulenten musikalischen Geschehen. Denn die Madrigale jener Zeit erweisen sich als anspruchsvolle Kompositionen, die die Spielräume des theoretisch Zulässigen mitunter ziemlich verwegen ausloten. 

Dienstag, 31. Juli 2018

Monteverdi: La dolce vita (Deutsche Harmonia Mundi)

„Der göttliche Claudio Monteverdi, der einzigartige Meister der Harmonien, pflegte zu sagen, (..) dass die Noten, mit denen er die Worte einkleidet, alle aus jenem harmonischen Geist entstehen, der dem Text selbst innewohnt, und dass Jeder im Innern der Worte schon schweigend den Gesang vernehmen kann, wenn er nur mit der Aufmerksamkeit der Seele gut zuhört.“ 
So zitiert das Beiheft zu dieser CD Michelangelo Torcigliani, der einst den Text geschrieben hat zu einer heute verlorenen Oper von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643). 
Diese Aufmerksamkeit der Seele richten Dorothee Mields und die Lautten Compagney unter Leitung von Wolfgang Katschner auf das Schaffen des einstigen Kapellmeisters am Markusdom in Venedig. Diese CD bietet eine wunderbare Best-of-Auswahl, wobei es den Musikern um Katschner eher darum geht, das Wesen dieser damals so kühnen Musik zu erfassen, als diese bis ins Detail korrekt historisierend vorzutragen. 
Die Lautten Compagney präsentiert Monteverdis Kompositionen schwungvoll und höchst lebendig. In Dorothee Mields fand das renommierte Ensemble dafür auch die perfekte Sängerin. Mit ihrer ausdrucksstarken, schlanken und beweglichen Stimme erweist sie sich als ideale Interpretin der berühmten Madrigale, Canzonetten, Lamenti und Psalmvertonungen. Hinreißend! 

Samstag, 17. März 2018

Easter Celebration at St. Mark's in Venice 1600 (Brilliant Classics)

So könnte die Musik zur Ostermesse im Markusdom zu Venedig um das Jahr 1600 geklungen haben. Das Ensemble San Felice, dirigiert von Federico Bardazzi, musiziert gemeinsam mit dem Coro Ensemble Capriccio Armonico, der von Gianni Mini geleitet wird. An der Orgel ist Dimitri Betti zu hören. 
Die Aufnahme ist zugleich ein Beitrag zum 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643), der im vergangenen Jahr festlich begangen wurde. So alternieren in diesem Programm Sätze aus Monteverdis Messa a 4 da cappella SV 257 aus dem Selva morale e spirituale und Instrumentalmusik von Giovanni Gabrieli sowie Giovanni Paolo Cima. Komplettiert wird die Rekonstruktion der Liturgie durch einige gregorianische Gesänge. 
Es ergibt sich das Bild einer Messe, die nicht nur feierlich begangen, sondern dabei auch ausgesprochen üppig musikalisch ausgestaltet wurde. Allerdings sind sich die Mitwirkenden, was die Tempi angeht, leider nicht immer ganz einig. Und die Singstimmen klingen nach Oper, nicht nach „Alter“ Musik, was das Vergnügen an dieser Einspielung mitunter etwas schmälert. 

Mittwoch, 28. Februar 2018

Monteverdi: Madrigali (Brilliant Classics)

Monteverdi XL ist nun vollständig: Mit einer Neueinspielung der Libri V und VI schließt das Ensemble Le Nuovo Musiche unter Leitung von Krijn Koetsveld seine Gesamtauf- nahme der Madrigalbücher von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) ab. 
In den acht zu Lebzeiten den Komponisten veröffentlichten Madrigalbüchern lässt sich der Übergang von der strengen Polyphonie („stile antico“) zu den erweiterten harmonischen Möglichkeiten der „nuova pratica“ nachvollziehen. Es ist ein wichtiger Schritt auf dem Wege von der Renaissance zum Barock. Ein neuntes Buch, das nach dem Tode Monteverdis erschienen ist, erweist sich als eine Sammlung früher Werke im alten Stil. 
Die niederländischen Alte-Musik-Spezialisten singen wirklich hinreißend. Wer an Monteverdis Madrigalen den Wohlklang schätzt, der wird mit dieser Aufnahme glücklich sein. Wer allerdings nicht nur schöne Töne, sondern vor allem auch Ausdrucksstärke wünscht, der wird eine andere Aufnahme auswählen müssen. 

Donnerstag, 22. Februar 2018

Monteverdi: Canzonette a tre voci (Brilliant Classics)

Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) gehört zu jenen Komponisten, die im vergangenen Jahr dank eines Jubiläums – in diesem Falle der 550. Geburtstag – mit einigen besonderen CD-Editionen geehrt wurden. Das Label Brilliant Classics widmet sich allerdings schon seit längerem dem Schaffen Monteverdis. Auf dieser CD beispielsweise sind die Canzonette a tre voci zu hören. Sie sind 1584 in Venedig erstmals im Druck erschienen und gehören somit zu den Frühwerken des Komponisten. 
Das ausschließlich mit Damen besetzte Gesangsensemble Armoniosoincanto singt die unterhaltsamen Stücke mit klaren, schlanken Stimmen und Sinn für theatralische Wirkungen. Die Sängerinnen werden zudem durch eine reich besetzte Continuo-Gruppe unterstützt. 

Samstag, 11. November 2017

Monteverdi: Madrigals Book 8 Madrigali guerrieri et amorosi (Naxos)

Das achte Madrigalbuch von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643), besser bekannt unter dem Titel Madrigali guerrieri, et amorosi, erschien fünf Jahre vor dem Tode des Komponisten und enthält viele Meisterwerke, mit denen Monteverdi Musikgeschichte geschrieben hat. Zum 450. Geburtstag des Komponisten hat das Ensemble Delitiæ Musicæ unter Marco Longhini bei Naxos dieses Opus komplett in einem exklusiven 4-CD-Set präsentiert, inklusive einem sehr umfangreichen und mit Sorgfalt zusammengestellten Beiheft. 
Damit würdigt das Label den Jubilar, dem es in einzigartiger Weise gelungen ist, menschliche Emotionen in Musik hörbar werden zu lassen. Diese CD-Kollektion gruppiert die Madrigale nach Affekten, in Madrigali guerrieri, Madrigali amorosi und Madrigali rappresentativi. Zu hören ist, in Ersteinspielung, die ungekürzte Fassung, die auch die zusätzlichen Instrumentalwerke von Biagio Marini (1594 bis 1663) mit einschließt. Monteverdi hat sie eingefügt, und so erklingen die Sinfonias und die diversen Tänze, wie er das haben wollte. 
Die Instrumentierung ist üppig; so wechseln sich neun (!) Musiker im Basso continuo ab; dazu kommen ein Gambenconsort und ein barockes Streicherensemble, zu dem auch ein Paar Blockflöten sowie diverse Schlaginstrumente gehören. Die Madrigale auf diesem Album werden übrigens ausschließlich von Männern gesungen; die Partie des Cupid in Ballo delle ingrate übernimmt mit Beniamino Borciani ein Knaben-Sopran. 

Dienstag, 26. September 2017

Monteverdi / Rossi: Balli & Sonate (Ricercar)

Vor 450 Jahren wurde Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) geboren. Der Komponist, der aus Cremona stammte, erhielt seine musikalische Ausbildung bei Marc'Antonio Ingegneri, dem Kapellmeister der Kathedrale. 
Mit fünfzehn Jahren veröffentlichte Monteverdi seine ersten Werke, die Sacrae Cantiunculae. 1590 wurde er an den Hof des Herzogs Vincenzo I. Gonzaga in Mantua engagiert, wo er zunächst als Gambist und Sänger tätig war, bis er dann 1601, nach seiner Rückkehr aus Flandern, zum Hofkapellmeister berufen wurde. Nach dem Tode des Herzogs 1612 wurde Monteverdi entlassen. 
Doch schon ein Jahr später wurde er zum Kapellmeister des Markusdoms in Venedig ernannt, und er brachte innerhalb kurzer Zeit die Kirchen- musik der Serenissima zu enormer Blüte. Berühmt wurde Claudio Monteverdi vor allem als Komponist weltlicher und geistlicher Vokalmusik. Seine Marienvesper, seine Madrigale und vor allem auch die ersten Opern der Musikgeschichte haben bis zum heutigen Tage einen festen Platz im Repertoire nicht nur der spezialisierten Alte-Musik-Ensembles. 
Einen gänzlich anderen Zugang zum Schaffen des Komponisten wählte Clematis für diese CD: Die Musiker präsentieren Monteverdi als Schöpfer von beeindruckender Instrumentalmusik. Um die Werke des Komponisten in ihrem musikalischen Umfeld zu verorten, haben sie das Programm auch durch Musikstücke einiger Zeitgenossen komplettiert – die meisten davon stammen von Salomone Rossi (1570 bis 1630), der als Geiger am Hof von Mantua musizierte. 
Das Ensemble Clematis hat sich bei der Besetzung für Geigen, Bratschen und Violoncello entschieden; außerdem erklingen Lirone, Theorbe, Gitarre, Orgel und Cembalo. Den Gesangspart übernahm Tenor Zachary Wilder. Eine handwerklich sehr solide Einspielung, klangschön und voll Melancholie. Passend zur Jahreszeit; mein Vorschlag: Mit einem guten Glas Rotwein vorm Kamin genießen! 

Dienstag, 14. Februar 2017

Da Pacem - Echo der Reformation (Deutsche Harmonia Mundi)

Zum 500. Jubiläum der Reformation ist nun eine ganz besondere CD erschienen. Der Rias Kammerchor hat sich dazu mit der Capelle de la Torre zusammengetan; es dirigiert Florian Helgath, ein erfahrener und etablierter Chorleiter. Er hat auch mit dem Rias Kammerchor bereits mehrfach zusammengearbeitet, und ist daher mit dem leistungsstarken Ensemble bestens vertraut – was nicht schaden kann, wenn man sich einem Repertoire zuwendet, das zwar prächtig klingt, aber seine Tücken hat. Denn zum einen liegt Musik aus dem 16. Jahrhundert üblicherweise nicht besonders häufig auf dem Pult eines Profi-Chorsängers. Zum anderen lebt das mehrchörige Musizieren nicht zuletzt von der Präzision, mit der alle Beteiligten zusammenwirken. Helgath freilich navigiert mit sicherer Hand durch die Klangfluten beispielsweise der Magnificat-Kompositionen von Giovanni Gabrieli und Michael Preatorius. 
Der Rias Kammerchor singt hinreißend, so als wäre er auf „Alte“ Musik spezialisiert. Und die Sängerinnen und Sänger gestalten auch die Soli bestens – man höre nur das Kleine geistliche Konzert SWV 285 von Heinrich Schütz, das von der Sopranistin Anja Petersen wunderbar vor- gestellt wird. Die Musiker der Capelle de la Torre um Katharina Bäuml leisten ebenfalls einen beeindruckenden Beitrag zur Klangpracht. 
Die ausgewählten Werke bedeutender Komponisten, wie Orlando di Lasso, Heinrich Schütz, Claudio Monteverdi oder Luca Marenzio verdeutlichen, dass auch nach der Reformation eigentlich die Gemeinsamkeiten deutlich stärker waren als das Trennende. Ob italienische oder deutsche Musiker, ob katholisch oder evangelisch – auf die Noten wirken sich diese Unter- schiede kaum aus. Wie prophetisch und dringlich die Bitte der Sänger um Frieden an der Schwelle zum 17. Jahrhundert war, das zeigte sich leider sehr bald. Denn mit dem Prager Fenstersturz im Jahre 1618 begann ein verheerender Krieg, der 30 Jahre dauerte, und ganz Mitteleuropa ver- wüstete.

Samstag, 23. Juli 2016

Magdalena Kozená - Monteverdi (Deutsche Grammophon)

Die Musik von Claudio Monteverdi machte sie zum Klassikstar: Magda- lena Kožená sang einst als Vertretung der erkrankten Anne Sofie von Otter in seiner Oper L’Incoronazione di Poppea bei den Wiener Festwochen. Dies war der Beginn einer beeindruk- kenden Karriere. 
Monteverdi gehört noch immer zu den Favoriten der tschechischen Mezzo- sopranistin – nicht nur, weil sie seinerzeit mit seinen Stücken Italie- nisch gelernt hat, wie sie im Beiheft berichtet: „Die Qualität seiner Texte ist unglaublich, seine Libretti sind so tief. Oft mag ich in der Oper die Rezitative lieber als die Arien, weil ich als Sänger Geschichten erzählen und mit den Worten spielen möchte. Und Monteverdis Arien sind im Stil des Recitar cantando komponiert, also einer Art rezitierendem Gesang.“ 
Zwölf Stücke wurden für die CD ausgewählt; drei davon sind Instrumental- musik von Monteverdi-Zeitgenossen. Das Barockorchester La Cetra aus Basel, geleitet von Andrea Marcon vom Cembalo aus, erhält so Gelegen- heit, eigene Akzente zu setzen. Mit Magdalena Kožená harmoniert das Orchester prächtig; vermutlich war diese Einspielung nicht das erste gemeinsame Projekt. 
Zu hören sind Ausschnitte aus Monteverdis Oper L'Incoronazione di Poppea, drei Stücke aus den Scherzi musicali, und eine kleine Auswahl aus dem Settimo bzw. dem Ottavo libro de’ madrigali, darunter das berühmte Combattimento di Tancredi e Clorinda und der ebenfalls sehr bekannte Klagegesang Lamento della ninfa
Magdalena Kožená beeindruckt durch ihre Ausdrucksstärke. Damit wird sie Monteverdi bestens gerecht, den sie in seinen Werken vor allem als „Geschichtenerzähler“ sieht, „der nicht so sehr an der reinen Schönheit der Stimme oder aufregenden Koloraturen interessiert ist. Ihm ist vor allem wichtig, dass der Sänger die Geschichte so erzählt, dass sie wahrhaftig wird und den Zuhörer berührt.“ Und das gelingt der Sängerin hervorra- gend. Man höre nur den Bericht vom Kampf zwischen dem christlichen Ritter Tancredi und der Sarazenin Clorinda, eigentlich ein Liebespaar. Doch dann begegnen sie sich auf dem Schlachtfeld, und erkennen einander zu spät. Kožená gibt sowohl dem Erzähler als auch die beiden Protagoni- sten Stimme, und gestaltet diese Figuren souverän. „Es war Andrea Marconis Idee, dass ich alle drei Rollen singe“, sagt die Sängerin. „Auf diese Idee wäre ich gar nicht gekommen.“ Das Album enthält mit Pur ti miro und Zefiro torna zudem zwei zauberhafte Duette mit Koloratur- sopranistin Anna Prohaska. Großartig! 

Freitag, 22. April 2016

Bertali: La Maddalena (Ricercar)

Maria Magdalena hat, ganz beson- ders in der Zeit des Barock, wie kaum eine andere Figur des Neuen Testa- mentes Künstler aller Genres inspiriert. Auch wenn nicht ganz klar wird, was sie zuvor getan hat – nach Reue und Umkehr jedenfalls gehörte sie zu der Schar, die Jesus begleitete, und zu den Zeugen von Passion und Auferstehung. 
Für die Inszenierung des Leidens- weges Jesu mit den Mitteln profaner Dramatik ist diese Figur aufgrund ihrer Vielschichtigkeit attraktiv: Natürlich ist Maria aus Magdala eine reuige Sünderin, aber sie wird auch gezeigt als eine schöne, sanfte und sinnliche Frau, die Christus möglicherweise ganz besonders nahe stand. Ihr Schmerz angesichts des Leidens Christi findet seinen Ausdruck in einer Vielzahl von Klageliedern. Ein besonders apartes Beispiel dafür, Lagrime Amare von Domenico Mazzocchi (1592 bis 1665), erklingt am Ende dieser CD. 
Mit seinem Ensemble Scherzi Musicali hat Nicolas Achten bei Ricercar aber noch zwei deutlich umfangreichere Werke eingespielt, die Maria Magdalena in den Mittelpunkt stellen. La Maddalena, Sacra Rappresen- tazione wurde 1617 in Mantua aufgeführt – wahrscheinlich zur Hochzeit Ferdinando Gonzagas mit Caterina de'Medici. Dabei handelt es sich um ein Theaterstück, das durch Musik begleitet wurde, die von verschiedenen Komponisten aus dem Umkreis des Hofes geschaffen worden ist. Es erklingen Werke von Claudio Monteverdi, Muzio Effrem, Alessandro Guivizzani und Salomone Rossi. 
Antonio Bertali (1605 bis 1669), ab 1649 Hofkapellmeister in Wien, stellte La Maddalena 1663 in den Mittelpunkt eines bewegenden Sepolcro. Diese Passionsoratorien erklangen in der Karwoche vor einem Nachbau des Heiligen Grabes. Es waren szenische Aufführungen; die Sänger traten im Kostüm auf und agierten entsprechend ihrer Rollen. Diese Tradition, die Bertalis Vorgänger Giovanni Valentini ins Leben gerufen haben soll, wurde bis weit ins 18. Jahrhundert gepflegt. 
Nach der Einspielung der Motetten von Giovanni Felice Sances begann Achten, sich intensiv mit diesen Sepolcri zu beschäftigen, berichtet er im Beiheft zu dieser CD. „Bertalis La Maddalena unterscheidet sich von an- deren Wiener Oratorien in mehr als einer Hinsicht“, schreibt der Sänger. „Suchen wir hier keine spektakuläre Theatralik, voll von allegorischen Figuren, verschiedenen Aposteln und Heiligen, sondern eher einen starken rhetorischen Ausdruck des Schmerzes im Angesicht des Todes, eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Sinn und der Nichtigkeit des Lebens.“ Vorgetragen wird all dies vorbildlich; eine rundum gelungene Aufnahme, stilsicher und mit beeindruckender Sorgfalt wird hier musiziert. Bravi! 

Samstag, 5. März 2016

Monteverdi: Il pianto della Madonna (Glossa)

Dass Komponisten wie Claudio Monteverdi nicht nur geistliche, sondern vor allem auch weltliche Sujets gestalteten, grämte einige feinsinnige Gläubige sehr. So meinte der Benediktinermönch Angelo Grillo, der im Kloster Montecassino lebte,und von Monteverdi die Stimmbücher des Sesto libro di madrigali als Geschenk erhalten hatte, die Musik des Komponisten sei „alla nostre orecchie parte della beatudine umana e similitudine della celeste“, Teil der menschlichen Glückseligkeit also und ähnlich der himmlischen Wonne. 
Da die Zeitgenossen solche Werke auch in der Kirche aufführen und anhören wollten, griffen sie zur sogenannten Kontrafaktur: Die originalen Texte wurden durch lateinische ersetzt, die für die Kirchenmusik passten – und schon war aus einem weltlichen Stück, das Liebesschmerz beklagte, ein geistliches geworden, das Christi Tod und Wunden besang. 
Ein Experte für solche Umarbeitungen war Aquilino Coppini, der Rhetorik an der Universität von Pavia lehrte und sich brillant darauf verstand, die Struktur der italienischen Verse sowie den rhetorischen Gestus der Musik aufzugreifen und sie mit neuem Inhalt zu versehen. Er veröffentlichte drei Sammlungen mit dem Titel Musica tolta da i madrigali di Claudio Monteverdi (..) fatta spirituale, wobei er insbesondere Werke aus dem vierten und fünften Madrigalbuch zu geistlichen Motetten umformte. 
Einige Beispiele dafür hat die Compagnia del Madrigale auf dieser CD zusammengetragen, ergänzt durch originär geistliche Werke Monteverdis – und das berühmteste Beispiel für eine Kontrafaktur, der Pianto della Madonna, die Klage Marias über den Tod Christi, das letzte Werk aus Monteverdis Selva morale e spirituale, eine Variante des berühmten Lamento d'Arianna. Die famosen Sänger haben den Text, wie er in der Fassung für Solostimme zu finden ist, dem polyphonen Original unterlegt – mit überraschendem Effekt; das Werk schient an Eindrücklichkeit eher noch zu gewinnen. 

Dienstag, 13. Oktober 2015

Monteverdi: Il Ritorno d'Ulisse in Patria (Linn)

Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) wurde in Cremona geboren. Sein Vater, ein Barbier und Wundarzt, ermöglichte ihm die Ausbildung bei Marco Antonio Ingegnere,  maestro di cappella an der dortigen Kathe- drale. 1590 trat Monteverdi in Man- tua in die Hofkapelle des Herzogs Vincenco I. Gonzaga ein, zunächst als Sänger und Violinist; 1601 wurde er Kapellmeister. Er komponierte viel, so veröffentlichte er einige Madrigal- bücher. 1607 schrieb Monteverdi für seinen Dienstherrn L'Orfeo, eine der ersten Opern überhaupt. Sie wurde während des Karnevals in Mantua aufgeführt und erregte großes Aufsehen. Nach dem Tode des Herzogs 1612 musste sich Monteverdi eine neue Anstellung suchen. 1613 wurde er schließlich Kapellmeister des Markus- domes in Venedig. 
Insgesamt hat Monteverdi mindestens 18 Opern komponiert; von den meisten ist uns allerdings heute nur noch der Titel bekannt. Halbwegs vollständig überliefert sind neben L'Orfeo nur L'Incoronazione di Poppea und Il Ritorno d'Ulisse in Patria. Aufnahmen dieser Werke gibt es mittlerweile in erstaunlich großer Zahl. Nun ist der Ulisse bei Linn erstmals im Surround-Sound auf SACD erschienen, eingespielt mit einer großen Schar junger Sänger vom Ensemble Boston Baroque unter Leitung von Martin Pearlman. 
Das umfangreiche Beiheft enthält unter anderem Informationen zu Text und Handlung der Oper. In einem langen Begleittext diskutiert Pearlman allerdings auch die gewählte Version, die von altbekannten Varianten mitunter deutlich abweicht. So grübelt Pearlman, ob nun das Libretto oder die einzige überlieferte Abschrift näher am Original sind, und wie denn die Musik seinerzeit überhaupt geklungen haben könnte – denn die Abschrift enthält zumeist nur die Gesangsstimme und die Basslinie der Begleitung. „To have the ensemble sit silent for over 90% of the opera would have been artistically and financially wasteful in the seventeenth century as it is in the twenty-first“, meint der Kapellmeister, und ergänzt fehlende Orchesterparts. Eine eigenständige, interessante Fassung, die so manches spannende Detail hörbar werden lässt. 

Freitag, 1. Mai 2015

Kronthaler: The living loving maid (Sony Classical)

Das Berliner Trio Kronthaler widmet sich auf seinem Debütalbum „the living loving maid“ Liedern und Arien aus der Zeit des Barock. Die zum Ensemble der Komischen Oper Berlin gehörende Mezzosopranistin Theresa Kronthaler, der finnische Jazz-Gi- tarrist Kalle Kalima und der Kontra- und E-Bassist Oliver Potratz haben sich vor allem mit Musik von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) und
Henri Purcell (um 1659 bis 1695) auseinandergesetzt. Ergänzt wird das Programm durch jeweils ein Stück von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759), Girolamo Frescobaldi (1583 bis 1643) und Emilio de' Cavalieri (1550 bis 1602). 

Kronthaler ist mit dem Ziel angetreten, Werke aus der „Alten“ Musik in unsere Zeit zu transportieren. Dabei löst sich das Trio von Konventionen der Aufführungspraxis. Die Musiker experimentieren – die beiden Musiker mit der Instrumentierung und der Klangwelt ebenso wie die Sängerin mit ihrer Stimme. Sie verfremden die barocke Musik mit stilistischen Mitteln der Moderne, mit E-Gitarre, E-Bass und programmierten Sounds. Aber sie verwandeln sie dabei nicht. So bleibt When I am laid in earth, die berühmte Arie aus Purcells Oper Dido and Aeneas, substantiell ebenso im Original- zustand wie sein berühmter Cold Song. Alles schöne Stücke, gewiss – aber mich berühren sie nicht, derart verkleidet im modernen Gewand. Das ist alles zu gefällig. Auch ein altes Fachwerkhaus darf man, mit Respekt, sanieren und dabei die Räume an eine geänderte Nutzung anpassen. Hier allerdings gab es nur einen frischen Anstrich für die Fassade. Schade! 

Dienstag, 17. Februar 2015

Love and loss (Hyperion)

Die Liebe und der Verlust – das ist ein klassisches Thema aller Kunst. Es hat Maler und Bildhauer ebenso inspiriert wie Dichter und Kompo- nisten. Es ist daher eine kluge Idee, dieses Pärchen zum Motto einer CD zu machen, zumal, wenn es um Werke aus den Madrigalbüchern 6, 7 und 8 von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) geht. In seinen Kompositio- nen kann man heute noch den Weg von der Polyphonie der Renaissance hin zum monodischen Stil der Barockmusik nachvollziehen. Der Musiker bezeichnete diese beiden Möglichkeiten, Musik zu gestalten, als prima bzw. seconda pratica. Seine Madrigale zeigen uns unüberhörbar: Monteverdi war Ausdrucksstärke wichtiger als die althergebrachten Regeln. 
Mit seinem Werk, darunter waren auch einige der ersten Opern überhaupt, gehört Monteverdi zu den Vätern der modernen Musik in Europa. Sein Schaffen kann man gar nicht hoch genug schätzen – und seine Madrigale sind in jeder Hinsicht höchst anspruchsvoll. Das Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen hat bei Hyperion eine Auswahl davon eingespielt. In einem zentralen Stück dieses Albums, dem grandiosen Combattimento di Tancredi e Clorinda, singt zudem James Gilchrist. Der Tenor, von Haus aus eigentlich Mediziner, hat sehr viel Erfahrung im Bereich der „Alten“ Musik. Er gestaltet seine Partie versiert, und begeistert mit exzellenter Textverständlichkeit. Aber stimmlich bringt ihn das Stück im genere con- citato mitunter an Grenzen; die Vokalisten von Arcangelo sind ebenfalls nicht durchweg ein Vergnügen. Die Instrumentalisten hingegen sind eine Wucht – man höre nur das erste Stück, Volgendo il ciel, mit den fröhlich dahintanzenden Blockflöten, oder die eingeschobene Ciaccona von Tarquinio Merula. 
Monteverdis Werke sind offenbar eine Herausforderung für Sänger; insbesondere die Abschnitte, in denen nach ellenlangen Noten urplötzlich rasante Läufe folgen, sind wohl nicht ohne weiteres zu bewältigen. Die Auszierungspraxis der damaligen Zeit ist aus heutiger Sicht ohnehin nicht ganz einfach nachzuvollziehen. So prächtig wie diese Musik ist – wahrscheinlich sollte man dieses Repertoire dennoch den Spezialisten überlassen. Nur mit Engagement allein wird es nicht gelingen, Monteverdi adäquat aufzuführen.

Samstag, 27. Dezember 2014

Monteverdi: Marienvesper (Carus)

Die Lautten Compagney unter Wolf- gang Katschner hat gemeinsam mit dem Leipziger Vokalensemble Amarcord Monteverdis berühmte Marienvesper eingespielt. Grundlage für diese Aufnahme bildete die neue kritische Ausgabe des Carus-Verla- ges, deren Herausgeber Uwe Wolf auch einen der Begleittexte für das Beiheft beigesteuert hat. 
Die Sänger und Musiker um Katsch- ner haben sich für eine Gesamtauf- führung der Marienvesper ent- schieden – ohne den eigentlich damit verbundenen liturgischen Rahmen, und auch auf die in dem Sammeldruck von 1610 vorangestellte Sanctissi- mae Virgini Missa senis vocibus wird verzichtet. Diese Missa In illo tem- pore demonstriert eindrucksvoll die Fertigkeiten Monteverdis im „alten“ Stil, für Vespermusiken hingegen wurden üblicherweise modernere Aus- drucksmittel genutzt. 
Um die Expressivität der fünf Vesper-Psalmvertonungen sowie der dazwi- schen placierten Concerti herauszustellen, kombiniert diese Aufnahme eine üppige Instrumentalbesetzung mit einem solistisch besetzten Sänger- ensemble. Es ist freilich noch immer kraftvoll genug, denn der Psalm Nisi dominus gibt mit seinen zehn Stimmen den Umfang dieser Sängergruppe vor. Die fünf Herren von Amarcord haben sich daher Verstärkung einge- laden; es sind dies Angelika Lenter und Hanna Zumsande, Sopran, David Erler und Stefan Kunath, Altus sowie Daniel Schreiber, Tenor. Die Gäste fügen sich hervorragend in den Ensembleklang ein. 
Musiziert wird im hohen Stimmton bei 465 Hertz, was die Sänger nicht in Probleme bringt – wohl aber den Gesamtklang mitunter seltsam dünn und hell ausfallen lässt. Lauda sion und Magnificat sind eben doch vielleicht nicht umsonst in Chiavetten notiert. In Schwierigkeiten geraten die Sänger allerdings hörbar bei Nigra sum oder aber beim Duo Seraphim. Die Aus- zierung solcher Stücke ist eine große Herausforderung, und da überzeugt Amarcord nicht wirklich. 
Auch die „frischen Tempi“, von vielen Rezensenten lobend erwähnt, finde ich nicht per se gelungen. Es ist ja nett, wenn die komplette Marienvesper auf eine CD passt. Aber Kontemplation benötigt auch Muße; Klang muss sich entwickeln, muss erblühen und seine Wirkung entfalten können. Geläufigkeit ist eben doch nicht alles. 

Freitag, 12. Dezember 2014

Lauter Freude, lauter Wonne (Rondeau)

Den Jubel und den sanften Frohsinn der Weihnachtszeit haben drei Musiker aus Hannover auf eine CD gebracht. Sopranistin Ute Engelke, Blockflötistin Elisabeth Schwanda und Ulfert Smidt, der Organist der Marktkirche, interpretieren Musik aus vier Jahrhunderten. Die ausgewählten Werke reichen vom verspielt-verzierten Puer nobis nascitur aus dem Fluyten Lust-Hof von Jacob van Eyck für Blockflöte solo bis zur eher gravitätischen Pastorale für Orgel solo von César Franck, von den traumschönen, aber eher wenig bekannten Bicinien von Michael Praetorius bis hin zu der populären Arie Schafe können sicher weiden von Johann Sebastian Bach und von Monteverdis höchst anspruchsvoller Motette Exulta Filia Sion bis hin zu der romantischen Orgel-Phantasia Jul von Otto Olsson. Ute Engelkes schlank geführte, strahlende Sopranstimme, das virtuose Flötenspiel von Elisabeth Schwanda und das souveräne Musizieren von Ulfert Smit an der Chor-Ensemble-Orgel ergänzen sich perfekt; die ganze Einspielung ist geprägt von einer hinreißenden Musizierfreude. Bravi!

Donnerstag, 6. März 2014

Monteverdi: Heaven and Earth (Vivat)

Die Liebe in all ihren Facetten steht im Mittelpunkt des Monteverdi-Programmes, das das King's Con- sort auf dieser CD präsentiert. Es enthält etliche bekannte Stücke, ist abwechslungsreich, und wird vom Instrumentalensemble gekonnt begleitet. Zu hören sind dabei eine Vielzahl von Instrumenten, von der Violine bis zur Doppelharfe und von der Posaune bis zur Orgel. Somit ist auch ein breites Spek- trum an Klangfarben verfügbar – was den affektbetonten Vortrag der Sänger wirkungsvoll unter- streicht. 

Montag, 23. September 2013

Enchanted Forest - Anna Prohaska (Deutsche Grammophon)

„It's fascinating to see how we can use the voice to manipulate listeners' emotions, and how deeply this concept is rooted in our consciousness“, zitiert das Beiheft dieser CD die Sängerin Anna Prohaska. Die Sopranistin stellt fest, dass incantare bzw. enchanter – jemanden oder etwas verzaubern cantare bzw. chanter, also das Wort singen, zur Wurzel hat. Zauberwesen sind, ebenso wie Verzauberte, daher immer wieder dankbare Protagonisten für Opern. Einige Beispiele dafür präsentiert Anna Prohaska hier gemeinsam mit dem auf Barockmusik spezialisierten Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen. 
Die starken Affekte der barocken Oper, zum Ausdruck gebracht in virtuosem Gesang, sind für Sänger, die die heutzutage übliche Aus- bildung absolviert haben, ganz offenkundig eine Herausforderung. Für die Partien jener Elfen, Nymphen und Zauberinnen bedarf es einer blitzsauberen Technik, stupender Geläufigkeit, wie sie nur durch jahrelanges, beharrliches Training zu erreichen ist – und den Mut, diese irrwitzigen Gesangsstücke dann auch noch mit Ausdruck vorzutragen. 
Prohaska überzeugt mehr mit gefühlvollen, schlanken Linien als mit wilden Koloraturen; Monteverdis Lamento della ninfa und O let me weep aus Henry Purcells Fairy Queen gelingen ihr deutlich besser als Vivaldis oder Händels rasante Arien. Das Lyrische liegt ihr ohne Zweifel, und da sie obendrein blutjung ist und gut aussieht, wird ihr das Publikum zu Füßen liegen. Das kritische Ohr aber vermag diese CD nicht zu bezaubern - von Barockrausch kann keine Rede sein.