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Sonntag, 31. Oktober 2021

"Denn Silbermann wird aus dem Werck erkennt" (Rondeau)


 Aus dem sächsischen Kleinbobritzsch stammte Gottfried Silbermann (1683 bis 1753). Das Orgelbauerhandwerk erlernte er im Elsass bei seinem Bruder Andreas. Doch weil er diesem nicht Konkurrenz machen wollte, kehrte er schließlich als Meister nach Sachsen zurück. In Frauenstein, wo er aufgewachsen war, baute er 1711 die erste Orgel in der Heimat - „weil Frauenstein mein Vaterland, Gott zu Ehren und der Kirche zu Liebe“, so schrieb Silbermann, und dies, ohne ein Honorar dafür einzufordern. 

Wenn das zutrifft, so war es dennoch eine kluge Investition. Denn das Instrument gefiel. Der junge Orgelbauer richtete seine Werkstatt im sächsischen Freiberg ein. Die große Orgel im dortigen Dom St. Marien wurde sein zweites Projekt. Und viele weitere Aufträge folgten; etwa 50 Orgeln errichtete der Meister mit seinen Gesellen. In Sachsen sind 31 davon erhalten geblieben. 

Schon eine Weihegedicht für die Crostauer Orgel verweist darauf, wie einzigartig diese Instrumente sind: „Silbermann wird aus dem Werck erkennt“, meinte damals der Dichter. Denn die Orgeln, die er gebaut hat, haben einen unverwechselbaren Klang; Gottfried Silbermann zählt ohne Zweifel zu den bedeutendsten Orgelbauern überhaupt. 

Auf dieser CD präsentiert Lucas Pohle, Kantor an der Kirche in Crostau, „sein“ Hausinstrument, dessen Restaurierung durch die Hermann Eule Orgelbau GmbH 2016 er initiiert und begleitet hat. Zu hören sind Präludium und Fuge G-Dur BWV 541 von Johann Sebastian Bach, zwei der Schübler-Choräle (BWV 645 und 647) sowie die Sonate e-Moll BWV 528 – was dem Organisten Gelegenheit gibt, die Stärken des Instrumentes und die allermeisten Register ins beste Licht zu rücken. 

Drei Choralbearbeitungen sowie die Fantasie in f-Moll für Oboe und Orgel des Bach-Schülers Johann Ludwig Krebs machen deutlich, wie exzellent der Klang beider Instrumente harmoniert. Hier musiziert Pohle gemeinsam mit der Dresdner Oboistin Luise Haugk. Einen Glanzpunkt zum Schluss setzt die Solo-Kantate Geist und Seele wird verwirret BWV 35 – eine der wenigen Kantaten Bachs mit obligater Orgelstimme. Als Partner dafür hat Pohle die Altistin Britta Schwarz sowie das renommierte Dresdner Barockorchester gewählt. Ein schönes Programm, und ein gelungenes Orgelporträt. 

Freitag, 3. Juli 2020

Reger: Das Werk für Männerchor (Rondeau)

Wer hätte das erwartet? Neben zahlreichen Werken für Orgel, Klavier und Orchester hat Max Reger (1873 bis 1916) auch zahlreiche Werke für Chöre, vor allem auch für Männerchor, geschrieben. So sind Volksliedbearbeitungen in mehreren Liedersammlungen zwischen 1898 und 1900 erschienen. Anschließend beschäftigte sich Reger zudem mit Werken aus Renaissance und Barock; die Zwölf Madrigale bearbeitet für Männerchor entstanden im Auftrag seines Musikverlegers. Neben derartigen Arrangements schuf Max Reger für den Chorgesang immer wieder Originalkompositionen. 
Welch hohen künstlerischen Rang diese Werke haben, das zeigt eine Gesamtaufnahme der Männerchöre Max Regers, die das Leipziger Label Rondeau veröffentlicht hat. Das Ensemble Vocapella Limburg unter Leitung von Tristan Meister interpretiert die anspruchsvollen Lieder gekonnt. Es ist generell erstaunlich, wie viele hervorragende Männerchöre aus den Limburger Domsingspatzen entstanden sind. Wenn die jungen Männer, dem Knabenchor-Alter entwachsen, sich entschließen, einen neuen Chor ins Leben zu rufen, um auch weiterhin gemeinsam zu singen, dann scheint ihnen das ein Herzensbedürfnis zu sein. Auch die durchweg hohe Qualität der Ensembles weist deutlich darauf hin, dass bei den Limburger Domsingspatzen der musikalische Nachwuchs eine exzellente Ausbildung erfährt. Bravi! 

Montag, 29. April 2019

Schreck: Christus, der Auferstandene (Rondeau)

„Daß ich für Chor schreiben und die Stimmen zu behandeln verstehe, darf ich wohl sagen. Genannte Herren, sowie das Directorium des Kgl. Conservatoriums, an welchem Institut ich seit 5½ Jahr als Theorie- und Compositionslehrer thätig bin, können auch Auskunft geben über meine Bedeutung als Contrapunktist und als praktischer, einer conser- vativen Richtung angehörender, Musiker. Indem ich mich einem hochverehrten Rath empfehle, unterzeichne ich mit größter Ehr- erbietung ergebenst Leipzig, dem 9. Juni 1892. Gustav Schreck, Lehrer am Kgl. Conservatorium der Musik“. So endet das Schreiben, mit dem sich Gustav Schreck (1849 bis 1918) einst beim Rat der Stadt Leipzig um die nach dem Tode von Wilhelm Rust vakante Stelle des Thomaskantors bewarb. 
Der Komponist, geboren im thüringischen Städtchen Zeulenroda, begann seine musikalische Ausbildung beim dortigen Kantor, und besuchte dann Lyceum und Lehrerseminar in Greiz. 1868 ging Schreck zum Musik- studium nach Leipzig; er musste aber feststellen, dass seine Stimme für eine Sängerkarriere nicht stabil genug war. So folgte er 1870 seinem Bruder nach Wyborg in Finnland, wo er als Musiklehrer am deutschen Gymnasium unterrichtete. 1873 kehrte Schreck nach Leipzig zurück, zunächst als freischaffender Musiker und Komponist. 1887 wurde er als Lehrer für Theorie und Komposition an das Konservatorium berufen; 1898 wurde er dann zum Professor. 
Außerdem wurde Schreck 1893 zum Thomaskantor ernannt. Dieses Amt übte er mit großer Ernsthaftigkeit und ebenso großem Erfolg aus. Auch als Mitbegründer der Neuen Bachgesellschaft und als Herausgeber zahlrei- cher Werke Bachs erwarb er sich große Verdienste. 
Sein eigenes Werk aber ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei war er dafür einstmals sehr gefeiert worden – vor allem für sein Oratorium Christus, der Auferstandene op. 26, uraufgeführt 1892 im Leipziger Gewandhaus, erhielt Schreck viel Beifall. Den Text dazu schrieb seine Frau Emmy; die Handlung erstreckt sich von der Auferstehung bis zur Himmelfahrt Christi. Es handelt sich dabei um ein großformatiges Werk, mit enorm vielen Solo-Partien, beeindruckenden Chören und einem ausdrucksvollen Orchesterpart. 
Wiederentdeckt wurde es nun von Fabian Enders, der das Opus mit dem von ihm geleiteten Sächsischen Kammerchor – in dem ehemalige Thomaner sowie Studierende der beiden sächsischen Musikhochschulen singen – und dem Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus im vergangenen Jahr erstmals wieder aufgeführt hat. Der Live-Mitschnitt aus der Leipziger Thomaskirche, zugleich Weltersteinspielung, wurde nun durch das Leipziger Label Rondeau veröffentlicht. Überraschung! Das noch solche Schätze in den Archiven schlummern, verblüfft immer wieder. 

Dienstag, 18. Dezember 2018

Dresdner Weihnacht (Rondeau)

Zur „Dresdner Weihnacht“ lädt das Leipziger Label Rondeau Production. In den Archiven fand sich dazu einiges, was dem Ohr schmeichelt, aber zur Kaufhausbeschallung eher nicht geeignet ist. Gleich zu Beginn erklingt beispielsweise Vom Himmel hoch, da komm ich her in der Version von Felix Mendelssohn Bartholdy, gesungen vom Dresdner Kreuzchor unter der Leitung von Martin Flämig, begleitet durch die Dresdner Philhar- moniker. In der weihnachtlichen Kollektion finden sich auch Aufnahmen mit dem Kammerchor der Frauenkirche Dresden, geleitet von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert, mitunter gemeinsam mit dem Reußischen Kammerorchester. Das Ensemble Semper Brass setzt im Programm zahlreiche Blechbläser-Glanz- punkte. Und auch die Sächsische Staatskapelle unter der Leitung von Hans Vonk trägt mit Tschaikowskis Blumenwalzer zur heiteren Adventsstimmung bei.

Mittwoch, 28. November 2018

Gott ist unsere Zuversicht (Rondeau)

Der Stadtsingechor Halle/Saale ist ein renommiertes Ensemble mit einer ganz enormen Tradition. Seine Wurzeln reichen bis in das Jahr 1116, zur Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes Neuwerk, zurück. 1565 schlossen sich die Hallenser Pfarrschulen zum lutherischen Gymnasium zusammen. So entstand auch ein Schulchor, der unter anderem Gottesdienste in den drei Hauptkirchen Unser Lieben Frauen, St. Ulrich und St. Moritz musikalisch auszugestalten hatte. Er wurde später Stadtsingechor genannt, und wirkte im Laufe der Jahrhunderte mit zahlreichen hervorragenden Kantoren und Organisten zusammen, wie Samuel Scheidt, Friedrich Wilhelm Zachow, Daniel Gottlob Türk oder Wilhelm Friedemann Bach. Seit 2014 wird der Chor von Clemens Flämig geleitet. Er ist heute in den Franckeschen Stiftungen beheimatet; die Sänger lernen am Landesgymnasium Latina, und absolvieren zudem ein umfangreiches Pensum an Musikunterricht, Proben und Konzerten. 
Die neue CD mit dem Titel „Gott ist unsre Zuversicht“ bietet Chormusik vom 16. bis zum 21. Jahrhundert; das Programm ist auf den 46. Psalm ausgerichtet. Sein Text wurde von Martin Luther zu einem Lied umge- arbeitet: Ein feste Burg ist unser Gott gilt bis heute als ein Symbol der Reformation. 
So reicht denn auch dieses Programm von der Reformation bis in die Moderne. Die Anforderungen an die jungen Chorsänger sind hoch, doch sie singen mit hoher Präzision und mit Engagement. Allerdings erfolgte die Aufnahme so ungeschickt, dass der überaus hallige Kirchenraum alles dominiert. Wer auch immer für die Tontechnik verantwortlich war – eine Glanzleistung ist das leider nicht. 

Dienstag, 8. Mai 2018

Bach: Himmelfahrtsoratorium (Rondeau)

Auch das Himmelfahrtsoratorium BWV 11 von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) lässt Pauken und Trompeten laut erschallen. Anders als das berühmte Weihnachtsoratorium beschränkt sich dieses Werk allerdings auf eine Kantate – ursprünglich wurde es im Werkverzeichnis auch als solche geführt, mit dem Titel Lobet Gott in seinen Reichen
Eine Aufnahme, die ziemlich genau vor einem Jahr aufgezeichnet worden ist, lädt dazu ein, sich mit Bachs musikalischer Botschaft zum Festo Ascensionis Christi zu befassen. Auf der CD sind dazu noch zwei weitere thematisch passende Bach-Werke zu finden – die Himmelfahrtskantate Wer da gläubet und getauft wird (BWV 37) sowie die Pfingstkantate O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe (BWV 34). 
Zu hören sind der Gutenberg-Kammerchor Mainz und das auf historischen Instrumenten musizierende Neumeyer Consort. Unter der Leitung von Felix Koch singt zudem mit Jasmin Hörner, Sopran, Julien Freymuth, Altus, Christian Rathgeber, Tenor, und Christian Wagner, Bass ein viel- versprechendes junges Solistenquartett. Eine interessante Einspielung, wunderbar passend zum Festkalender. 

Freitag, 15. Dezember 2017

Schwesterhochfünf - Adventslieder (Rondeau)

Schwesterhochfünf nennt sich ein Ensemble, das tatsächlich aus fünf Schwestern besteht: Monika, Agnes, Franziska, Maria und Cordula Tschuschke singen schon von Kindesbeinen an gemeinsam. Ihre musikalische Ausbildung begannen sie an der Mädchenkantorei am Bamberger Dom. Mittlerweile sind sie erwachsen; sie haben erfolgreich an diversen Wettbewerben teilgenommen, und ihr Quintett auch in Meisterkursen weiterentwickelt. 
Auf ihrer dritten CD präsentieren sie ihre ganz persönliche Adventslieder-Auswahl. Das ist auch ein wenig mit Nostalgie und mit Kindheits- erinnerungen verknüpft, wie Franziska Tschuschke im Beiheft schreibt: „In unserem Wohnzimmer hing ein großer, schlichter Adventskranz. Dort kamen wir jeden Abend vor dem Schlafengehen als Familie zusammen zum Adventskranzsingen. Der Raum blieb dunkel, nur die Kerzen am Kranz gaben ihr warmes Licht und warfen immer andere, wundersame Schatten an die Decke. (..) Nun haben wir beschlossen, diese uns so liebe Erinnerung festzuhalten und alle Lieder von damals mit unseren Hörern zu teilen.“ 
Und weil Chorsätze für fünf Frauenstimmen selten sind, haben die Schwestern eigens für diese CD etliche davon bei Komponisten in Auftrag gegeben. So sind die traditionellen Melodien oftmals in ziemlich moderne Klänge eingebettet. Die Tschuschkes singen blitzsauber und perfekt aufeinander abgestimmt; der Gesang der Schwestern ist anrührend und innig. 
Und bei Nun komm der Heiden Heiland – jede Strophe erklingt in einem anderen Arrangement, von Michael Praetorius über Johann Sebastian Bach bis hin zu Hugo Distler und Uwe Henkhaus – sowie Wie soll ich dich empfangen im Traditionssatz von Johann Crüger kommt Hans Tschuschke zum Quintett hinzu. Der Bruder singt den Bass, und die Schwestern freuen sich, dadurch auch Sätze alter Meister vortragen zu können. 
Die Adventszeit, so Franziska Tschuschke, „beginnt mit einem geheimnisvollen Schimmern einer einzelnen Kerze und endet mit warmem, raumfüllenden Glanz. So hat auch jedes Adventslied seine ganz eigene Schattierung und Leuchtkraft.“ Mit dieser CD bringen die fünf singenden Schwestern ein wenig von diesem Leuchten auch zu ihrem Publikum.

Montag, 6. November 2017

Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig (Rondeau)

Die Leipziger Thomaskirche ist ein Pilgerort der Musikgeschichte; im Laufe der Jahrhunderte waren dort viele berühmte Musiker tätig. Und an der Orgel hat dort nicht nur Johann Sebastian Bach musiziert, sondern auch beispielsweise Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Orgel freilich, die sie gespielt haben, existiert heute nicht mehr. 
Auf dem westlichen Chor befindet sich heute ein Instrument von Wilhelm Sauer, errichtet in den Jahre 1885 bis 1889. Diese romantische Orgel hatte ursprünglich 63 Register, und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach Vorschlägen von Karl Straube auf 88 Register erweitert. Im Jahre 2005 wurde sie durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler restauriert, und sie ist heute wieder auf dem Stand, den sie bei ihrem Umbau 1908 erhalten hatte. 
Im Jahre 2000 jährte sich Bachs Todestag zum zweihundertfünzigsten Male. Aus diesem Anlass wurde auf der Nordempore die Bach-Orgel installiert. Sie stammt aus der Werkstatt des Marburger Orgelbauers Gerald Woehl, hat 61 Register, verteilt auf vier Manuale und Pedal, und orientiert sich klanglich an mitteldeutschen barocken Vorbildern. Ihre Temperatur ist ungleichstufig nach Neidhardt, und der Stimmton liegt bei 465 Hz, zu Bachs Zeiten der übliche Stimmton von Leipziger Orgeln. Mit einem speziellen Hebel, der Kammerkoppel, kann die Stimmung von diesem sogenannten Chorton auf den tiefen Kammerton (415 Hz) gewechselt werden, was das Zusammenspiel mit Barockinstrumenten ermöglicht. 
Auf diesem Album stellt Ullrich Böhme, der amtierende Thomasorganist, mit speziell ausgewähltem Repertoire diese beiden Orgeln vor: Die Bach-Orgel erklingt mit Werken von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707), Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) und dem Bach-Schüler Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780). Die Sauer-Orgel ist mit dem Fest-Hymnus C-Dur op. 20 von Carl Piutti (1846 bis 1902), Thomasorganist von 1880 bis zu seinem Tode, zu hören. An ihr spielt Böhme zudem die Sonate c-Moll op. 65.2 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847), und die Suite Gothique op. 25 von Léon Boëllmann (1862 bis 1897). 

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Caldara: Salve Regina (Rondeau)

Noch einmal zum Thema Marien- verehrung am Wiener Hof: Auch Antonio Caldara (1670 bis 1736) schuf zahlreiche Werke zum Lobe der Gottesmutter. 
Caldara war unter Fux – über sein Schaffen wurde in diesem Blog erst kürzlich berichtet – Vizekapell- meister. Der Venezianer war in Wien hoch angesehen; einige seiner Opern hat Kaiser Karl VI. sogar selbst dirigiert. Leider sind die meisten der mehr als 3.500 Kompositionen Caldaras heute vergessen. 
Die Vokalakademie Berlin hat dieses musikalische Erbe erkundet, und sehr viel Hörenswertes vorgefunden – eine Auswahl präsentieren die jungen Sangesprofis gemeinsam mit dem Bassano Ensemble Berlin und unter Leitung von Frank Markowitsch auf dieser CD. 
Dabei folgen sie chronologisch den Abläufen, von der unbefleckten Empfängnis, reflektiert im prachtvollen doppelchörigen Magnificat, über verschiedene Vertonungen von Hymnen und Marianischen Antiphonen, bis hin zu den Gesängen der Karwoche. Hervorzuheben ist hier besonders das Crucifixus aus dem Credo, das Caldara sechzehnstimmig gestaltet hat. Dabei ordnete er die Sänger in vier Chören, die jeweils mit vier gleichen Stimmen besetzt sind. Der Effekt, den er damit erzielt hat, ist beeindruckend. 
Die Mitglieder der Vokalakademie Berlin haben bei dieser Einspielung vielfach solistische Aufgaben zu übernehmen, die sie im Wechsel mit dem chorischen Gesang teilweise sehr schön bewältigen. Die Stimmen klingen leicht und jugendlich; die Sängerinnen und Sänger können aber auch Pathos. 
Das Hauptstück dieses Albums hat Markowitsch an das Ende des Programmes gesetzt: Caldaras Stabat mater, viel zu selten aufgeführt, betont mit Hilfe von Chromatik und mit harten Dissonanzen den Schmerz der Gottesmutter. Hier werden die Affekte auch in den Mittelpunkt der Interpretation gestellt. Sehr beeindruckend. 

Montag, 10. April 2017

Fauré/Messager: Messe des pêcheurs de Villerville, Bach/Pergolesi: Tilge, Höchster, meine Sünden (Rondeau)

Wer bei den beiden Werken,die auf dieser CD zu hören sind, meint, er hätte diese Musik doch schon ander- weitig gehört, der hat vollkommen recht. Die Messe des pêcheurs de Villerville haben Gabriel Fauré und André Messager gemeinsam geschaffen. Der Komponist und sein Schüler waren in dem Fischerdorf des öfteren zu Gast; 1881 schufen sie ein Werk, das von Dorfbewohnern zusammen mit Sommergästen in der Dorfkirche aufgeführt wurde, begleitet von Harmonium und einer Geige. Die Kollekte, die dabei eingesammelt wurde, kam den Fischern und ihren Familien zugute. 
Im darauffolgenden Jahr waren deutlich mehr Musiker anwesend, was dazu führte, dass die Instrumentalbegleitung der verfügbaren Besetzung angepasst wurde. Auf dieser CD musizieren Eva Ludwig, Flöte, Nikolaus Kolb, Oboe, Sharon Kam, Klarinette, Birte Päplow und Saskia Rohde, Violine, Johanna Held, Viola, Ute Sommer, Violoncello, Heinrich Lade- mann, Kontrabass, und Ulfert Smidt, Orgel. 
Im Jahre 1907 verwendete Fauré diese Musik noch einmal: Die Messe basse ist ohne jeden Zweifel eine Variante der Fischermesse – noch schlichter und vielleicht sogar edler als das Original, das einst in der Sommerfrische entstanden ist. 
Im Parodieverfahren verwandelte 1746/47 Johann Sebastian Bach das Stabat mater von Giovanni Battista Pergolesi in eine Vertonung von Psalm 51. Er brachte die Musik des Italieners, die ihn inspirierte, vor seine Gemeinde – indem er sie für den evangelischen Gottesdienst tauglich machte. 
Für Tilge, Höchster, meine Sünden BWV 1083 wagte Bach aber weit mehr als nur die behutsame Anpassung auf einen neuen Text. Er veränderte Pergolesis Musik mit der offenkundigen Absicht, den Psalmtext musika- lisch auszudeuten. Dies zog stellenweise doch recht deutliche Eingriffe nach sich. So ersetzte Bach lange Notenwerte durch Melismen und überarbeitete auch die Begleitung umfangreich. Allerdings bleibt das Original immer präsent; Bach hat es, bei aller Umdeutung, ausgesprochen respektvoll behandelt. 
Der Mädchenchor Hannover singt die beiden Werke sehr hörenswert. Chorleiterin Gudrun Schröfel führt die jungen Sängerinnen mit sicherer Hand – und auch ungemein stilsicher. So erhält jedes Musikstück seinen individuellen Charakter. Faurés Messe des pêcheurs de Villerville erklingt eindringlich und innig, BWV 1083 klar akzentuiert und affektgeladen. Die Soli singen Ania Vegry, Sopran, und Mareike Morr, Alt; das Arte Ensemble musiziert gemeinsam mit dem Marktkirchenorganisten Ulfert Smidt. Eine gelungene Kombination zweier Raritäten. 

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Telemannische Hauspostille (Rondeau)

Für eine Produktion zum Reforma- tionsjubiläum 2017 haben sich vier gestandene Musiker zusammengetan: Bassbariton Klaus Mertens, Thomas Fritzsch, Viola da Gamba, Stefan Maass, Barocklaute, und Organist Michael Schönheit haben aus dem Werk des Hamburger Musikdirektors und Kantors am Johanneum Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) ein Programm zusammengestellt, das einen tiefen Einblick in Glaubenswelt und Frömmigkeit jener Zeit gibt. 
Ausgangspunkt für die Überlegungen der Musiker war jene Kollektion von Arien aus dem Kantatenjahrgang 1726/27, die Telemann aus den ursprünglichen Zusammenhängen gelöst und in Bearbeitungen für Sing- stimme und Generalbass publiziert hatte. Sie folgt auf den Harmonischen Gottesdienst und ist auch unter dem Titel Harmonisches Lob Gottes bekannt. „Trotz meiner tiefen Verbundenheit mit barocker Dichtung und ihren geistlichen Inhalten und Bezügen fiel es mir mitunter schwer, Textaussagen der nunmehr aus dem Kantatenzusammenhang heraus- getrennten Arien zu verstehen“, schreibt Thomas Fritzsch im Beiheft zu dieser CD. „Die Vermutung, ja Gewissheit, dass ich solche Verständnis- schwierigkeiten mit musikliebenden und -kennenden Menschen der Gegenwart teile, erweckte in mir den Wunsch, ausgewählte geistliche Arien in den Kontext kurzer Hausandachten zu stellen, die jeweils dem durch das Tagesevangelium bestimmten Leitgedanken folgen.“ 
Und so haben die Musiker die Arien um Choralvorspiele und Choräle sowie knappe Lesetexte ergänzt. So sind beinahe wieder kleine Kantaten entstanden, allerdings nicht für den öffentlichen Gebrauch, sondern für den privaten Raum. Eingespielt wurde die Aufnahme in der Kirche „Zur frohen Botschaft“ in Berlin-Karlshorst. Dort befindet sich eine einzigartige Orgel – das 1755 von Johann Peter Migendt und Ernst Julius Marx für Prinzessin Anna Amalie von Preußen errichtete Instrument mit 22 Re- gistern, zwei Manualen und Pedal, 2009/10 durch den Dresdner Orgelbauer Kristian Wegscheider restauriert. Die Amalien-Orgel ist die einzige Orgel aus dem 18. Jahrhundert, die in Berlin erhalten geblieben ist. 
Michael Schönheit spielt sie meisterlich; doch auch Thomas Fritzsch und Stefan Maas sind bekanntlich Virtuosen. Und Klaus Mertens genießt als Sänger zu Recht hohes Renommée. Sorgsam gestaltet er, und gemeinsam mit den Könnern am Continuo macht er aus Arien und Chorälen facetten- reiche kleine Juwelen des Glaubens. So ist diese Aufnahme weit mehr als eine Reise in die Geschichte der evangelischen Kirchenmusik, die mit Martin Luther und „Urkantor“ Johann Walter noch einmal 200 Jahre vor Telemann begonnen hatte. 

Samstag, 24. Dezember 2016

A Festival of Nine Lessons and Carols (Rondeau)

A Festival of Nine Lessons and Carols ist eine britische Tradition. Der Name dieses Gottesdienstes, der am Heiligabend in vielen Gemeinden stattfindet, verrät bereits den Ablauf: Neun Texte aus der Bibel („lessons“) werden gelesen, und dazu werden Weihnachtslieder gesungen. Welt- weit bekannt sind die Gottesdienste, die alljährlich im King's College in Cambridge gefeiert werden; sie werden seit 1928 von der BBC im Rundfunk übertragen. 
In Deutschland wird dieser Brauch mittlerweile ebenfalls vielerorts aufgegriffen. So lädt auch der Neue Knabenchor Hamburg seit 2014 zum Festival of Nine Lessons and Carols; das ursprüngliche Konzept aber wurde für die Weihnachtskonzerte modifiziert: „Rufus Beck rezitiert keine biblischen oder vorrangig geistlichen Geschichten, sondern vielmehr fantasievolle Nacherzählungen der weihnachtlichen Ereignisse sowie Gedichte rund um das große Fest“, schreibt Chorleiter Jens Bauditz in seinem Geleitwort zu dieser CD. „Die Lesungen sollen Kinder wie Erwachsene einladen, sich mal heiter und mal besinnlich auf die innere Reise nach Bethlehem zu begeben. (..) Die musikalische Auswahl fand hingegen ganz im Sinne der alten englischen Tradition statt.“ 
Und so beginnen die jungen Sänger, ganz klassisch, mit Once in Royal David's City. Es erklingen zahlreiche bekannte Carols, von Ding! Dong! Merrily on High bis zu Away in a Manger und von The First Nowell bis hin zu O Come, All Ye Faithful. Auch das beliebte Hark! The Herald Angels Sing von Felix Mendelssohn Bartholdy, als abschließender Hymnus, darf natürlich nicht fehlen. 
Zwischen die althergebrachten Sätze hat Bauditz einige neue eingefügt; Meeres Stille beispielsweise hat die Hamburger Komponistin Gloria Bruni (*1955) eigens für den Chor geschaffen. Rufus Beck liest dazu Texte von Hoffmann von Fallersleben bis James Krüss. Und wer den kleinen Nick schätzt, der kann sich über Heiligabend von Rene Goscinny freuen. 
Der Neue Knabenchor Hamburg singt hörenswert – blitzsauber, wohlab- gestimmt und farbenreich. Das Ensemble profitiert davon, dass es nicht nur über Sopran und Alt verfügt, sondern auch die älteren Sänger nach dem Stimmwechsel weiter mitwirken können. Auf dieser CD erklingen immer- hin Chorsätze für bis zu achtstimmigen gemischten, dreistimmigen Knaben- und vierstimmigen Männerchor. Das ist beachtlich, und es sorgt zugleich enorm für Abwechslung. Langeweile kommt beim Anhören dieser CD jedenfalls nicht auf – obwohl es „nur“ A-cappella-Chorgesang plus Lesungen gibt. Sehr gelungen! 

Mittwoch, 9. November 2016

Pergolesi: Stabat Mater; Knabenchor der Chorakademie Dortmund (Rondeau)

Der Knabenchor der Chorakademie Dortmund ist – nicht nur, was das Alter seiner Sänger angeht – ein junges Ensemble: Er besteht erst seit 2002. Die Chorakademie Dortmund gilt mit insgesamt über tausend Sängern als eine der größten Sing- schulen Europas. Im Zentrum der Ausbildung steht dort das solistische Singen; auch Jost Salm, der Leiter des Knabenchores, legt besonderen Wert auf die individuelle Stimmausbildung der Kinder und Jugendlichen. Sie werden nicht auf einen harmoni- schen Chorklang hin gedrillt, son- dern der Chorklang soll sich aus den gut geschulten, aber auch entspre- chend unterschiedlichen Stimmen ergeben. 
Wie gut diese Auffassung in der Praxis funktioniert, das zeigt die vor- liegende CD mit „Alter“ Kirchenmusik. Zu hören sind die Missa brevis in
F-Dur von Valentin Rathgeber (1682 bis 1750), das mittlerweile sehr bekannte Stabat mater von Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736) und das Klaglied BuxWV 76b von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707). 

In den beiden ersten Stücken singen Tizian Geyer, Knabensopran, und Sven Wagner, Knabenalt; gelegentlich unterstützt durch weitere Knaben aus dem Chor, die als Ripienisten agieren, in kleiner Besetzung. Das gilt auch beim Klaglied, das vom Knabensopran Yorick Ebert gesungen wird. 

Samstag, 19. März 2016

Rosenmüller: Marienvesper (Rondeau)

Venezianische Klangpracht in Hannover? Das ist gar nicht so abwegig: Im Jahre 1682 engagierte Herzog Anton Ulrich von Braun- schweig-Wolfenbüttel Johann Rosenmüller (1617 bis 1684) als Hofkapellmeister. Der Komponist, der aus Oelsnitz im Vogtland stammt und in Leipzig studiert hat, reiste um 1645 zum ersten Mal nach Italien. 1650 war er zurück in Leipzig, wo er zunächst als Baccalaureus funerum an der Thomasschule und dann ab 1651 auch als Organist an der Niko- laikirche tätig war. Als Thomaskan- tor Tobias Michael erkrankte, übernahm Rosenmüller zusätzlich dessen Dienstpflichten. Um den Musiker zu halten, den man auch andernorts gern angestellt hätte, erklärte der Leipziger Rat ihn 1653, noch zu Lebzeiten Michaels, zu dessen Nachfolger. 
Doch im Mai 1655 wurde Rosenmüller beschuldigt, sexuelle Beziehungen zu Thomasschülern gepflegt zu haben. Der näheren Untersuchung entzog er sich durch die Flucht. Er ging nach Venedig, wo er ab 1658 als Posau- nist an San Marco wirkte. Außerdem war er maestro di coro am Ospedale della Pieta. 
Da der deutsche Adel damals sehr gern nach Italien reiste – oftmals mit großem Gefolge, in dem sich auch Musiker befanden – wird Rosenmüller in Venedig in jenen Jahren viele Landsleute getroffen haben. Er hat junge Musiker unterrichtet, wie beispielsweise Johann Philipp Krieger, und Werke komponiert für deutsche Hofkapellen. So widmete Rosenmüller 1667 seine Sonate da camera Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg. Der Herrscher war katholisch, und in seiner Hofkapelle in Hannover sangen italienische Sänger unter Leitung des Venezianers Antonio Sartori. Es wird vermutet, das etliche geistliche Werke Rosen- müllers mit lateinischen Texten für diesen Fürsten entstanden sind; einige davon sind in einer Notensammlung zu finden, die anlässlich der Krönung des Kurfürsten Georg Ludwig von Hannover zum englischen König George I. nach London gelangt ist. 
Der Knabenchor Hannover unter Leitung von Jörg Breiding hat nun ge- meinsam mit dem Johann Rosenmüller Ensemble und dem Barockorche- ster L’Arco eine Marienvesper von Johann Rosenmüller eingespielt. Unterstützt werden die jungen Sänger dabei durch die Sopranistinnen Veronika Winter und Maria Skiba sowie die Altisten Henning Voss und Alex Potter. 
Arno Paduch, der Gründer des Johann Rosenmüller Ensembles, weist in seinem sehr ausführlichen Begleittext im Beiheft darauf hin, dass es Indizien dafür gibt, die darauf hindeuten, dass zumindest Teile dieser Marienvesper für ein deutsches Publikum geschrieben worden sind. So
sei die Verwendung von Zinken und Posaunen in Italien am Ende des
17. Jahrhunderts nicht mehr üblich, in Deutschland aber sehr beliebt gewesen. Auch die Mehrchörigkeit sei zu diesem Zeitpunkt für italienische Musik „ungewöhnlich“. Insofern könnten zumindest einige der Werke, die hier zusammengestellt worden sind, möglicherweise in früheren Jahrhun- derten bereits in Hannover erklungen sein. 

Der Knabenchor Hannover jedenfalls erweist sich als würdiger Nachfolger des italienischen Ensembles aus der Zeit Herzog Johann Friedrichs. Die Buben und Burschen singen prächtig, und sie interpretieren Rosenmüllers üppige Musik mit großem Engagement und mit beeindruckender Virtuosi- tät. Die Aufnahme macht einmal mehr deutlich, dass der Chor, der seit 2002 von Jörg Breiting geleitet wird, derzeit zu den besten Knabenchören Europas gehört. Bravi, großartig! 

Samstag, 5. Dezember 2015

Es naht ein Licht - Octavians (Rondeau)

Weihnachtslieder singen die Octavians auf ihrer dritten CD. Das Männer-Doppelquartett, das aus dem Knabenchor der Jenaer Philharmonie hervorgegangen ist, hat für diese Auf- nahme ein ebenso anspruchsvolles wie abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Es reicht von Tu solus qui facis mirabilia von Jsoquim des Préz (um 1452 bis 1521) bis hin zu Maria durch ein Dornwald ging, arrangiert von Günther Raphael (1903 bis 19960) und von Veni, veni Emmanuel, einer französischen Weise aus dem 15. Jahrhundert, über Jingle Bells von James Lord Pierpont (1797 bis 1893) bis hin zu Es naht ein Licht von Lorenz Maierhofer (*1956); dieses Lied gab der CD auch den Namen. 
Jeder der acht Sänger hat dazu seine persönlichen Lieblingsstücke beige- tragen, berichtet das Beiheft. Zu jedem der ausgewählten Lieder finden sich dort ein paar Anmerkungen. Wenn man dort allerdings über den Choral Wie soll ich dich empfangen aus Bachs Weihnachtsoratorium liest: „,Ein echtes kirchliches Weihnachtslied, das nicht allein durch die Verbunden- heit zu Bachs Werk ein warmes und freudiges Gefühl erzeugt', sagt Bariton Christian Gaida.“ – dann wundert man sich doch schon sehr, und fragt sich, ob es nicht im Hause Rondeau jemanden gibt, der dem jungen Sänger erklären kann, dass Bach zwar den Text des Weihnachtsliedes genutzt, ihm aber die Melodie des berühmten Passionsliedes O Haupt voll Blut und Wunden unterlegt hat. 
Was den Gesang betrifft, so haben die jungen Männer an Sicherheit und damit an Strahlkraft erheblich gewonnen. Durch die beiden Countertenöre können sie auch Arrangements singen, an die sich Männerchöre normalerweise nicht wagen würden. Die Octavians beeindrucken mit ihrem homogenen Ensembleklang, und mit ihrem blitzsauberen Gesang. Das Doppelquartett hat immens an Qualität gewonnen, und kann mittlerweile so manchem Profi-Ensemble durchaus das Wasser reichen. Gratulation! Auf die nächsten musikalischen Projekte der Octavians jedenfalls darf man gespannt bleiben. 

Freitag, 27. November 2015

Martin Luther - Ein feste Burg ist unser Gott (Rondeau)

Dem Reformator Martin Luther waren Lieder wichtig – und deshalb schrieb er selbst fürs Kirchenvolk mehr als 30 Lieder – nach Psalmversen, nach liturgischen Stücken, zur Unterweisung der Gläubigen und zur Erbauung. Gemeinsam mit Johann Walter, dem evangelischen Urkantor, schuf Luther durch die neue Ordnung des Gottesdienstes auch Raum für eine neue Kirchenmusik – und gleich noch das passende Gesangbuch dazu. 
Luther wollte eine singende Gemeinde, die nicht nur im Gottesdienst munter anstimmte, sondern auch in der häuslichen Andacht, oder aber zur Tröstung der Kranken und Sterbenden. Bis zum heutigen Tage sind insbesondere die Luther-Choräle in der evangelischen Kirche lebendig und beliebt. Auf dieser CD stellen der Kammerchor der Frauenkirche Dresden und die Instrumenta Musica unter Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert sieben Lieder Luthers vor. Dabei wird zugleich deutlich, wie breit und differenziert die Ideen des Reformators in der Zeit nach der Reformation aufgegriffen wurden. Denn die Choräle, die Martin Luther geschaffen hat, wurden von Heinrich Schütz, Hans Leo Hassler, Michael Praetorius und vielen anderen namhaften Musikern bearbeitet. 
Nun komm, der Heiden Heiland, Vom Himmel hoch, da komm ich her, Gelobet seist du, Jesu Christ, Christ lag in Todesbanden, Komm, Heiliger Geist, Herre Gott, Vater unser im Himmelreich sowie der heimliche Hymnus der protestantischen Kirche, Ein feste Burg ist unser Gott, erklingen jeweils in verschiedenen Versionen. Den Anfang macht jeweils ein Orgelchoral von Samuel Scheidt aus dem Görlitzer Tabulaturbuch von 1650. Es folgen Choralsätze, Motetten, Bicinien oder Geistliche Konzerte; zum Abschluss erklingt dann zudem noch einmal eine Choralbearbeitung für die Orgel. Für jeden Choral Martin Luthers hat Grünert genau fünf Varianten ausgewählt; eine davon stammt immer von Michael Praetorius, ebenso wie die Zwischenmusiken, für die der Kantor Tanzsätze aus Praetorius' Terpsichore (1612) herausgesucht hat. 

Mittwoch, 22. April 2015

Bach: Markus-Passion (Rondeau)

Dass Johann Sebastian Bach eine Markus-Passion geschrieben hat, ist schon seit längerem bekannt. Den Text dazu hat Christian Friedrich Henrici, besser bekannt unter seinem Pseudonym Picander, Bachs wichtig- ster Textdichter, neben anderen in seinen Ernst-, Schertzhafften und Satyrischen Gedichten veröffentlicht. Doch die Musik dazu ist leider verloren. Aus Picanders Druck ist zudem das Datum der Uraufführung zu erfahren – es war Karfreitag, der 23. März 1731. Bekannt ist zudem, dass eine weitere Aufführung 1735 in Delitzsch bei Leipzig stattgefunden hat. 
Im Jahre 2009 wurde in der Russischen Nationalbibliothek in St. Peters- burg ein weiterer, bislang unbekannter Textdruck der Markus-Passion entdeckt. Er enthält das Libretto einer Spätfassung aus dem Jahr 1744. Daran wird erkennbar, dass Bach auch diese Passion offenbar mehrfach überarbeitet hat. Denn diese Version enthält unter anderem den Text zweier neuer Arien, sowie eine Vielzahl von kleineren Änderungen. 
1873 erkannte Wilhelm Rust bei der Arbeit an der Bach-Gesamtausgabe, dass der Komponist für fünf Sätze der Markus-Passion BWV 247 Teile der Trauer-Ode Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl BWV 198 umgearbeitet hat. Einige Chorsätze aus der Trauer-Ode hatte er zuvor bereits in die Trauerkantate BWV 244a für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen inte- griert. Das sogenannte Parodieverfahren, bei dem vorhandene Musik mit einem neuen Text versehen und musikalisch angepasst in einem neuen Werk wiederverwendet wird, war zu Bachs Zeiten üblich. Bach wäre vermutlich sehr erstaunt gewesen, zu erfahren, dass in späteren Jahrhun- derten, die das Originalgenie als Maß aller Dinge verehrten, diese Stücke als zweitrangig und minderwertig angesehen wurden. 
Wenn aber Bach selbst seine Werke solcherart recycliert hat – warum dann nicht den Versuch wagen, die verschollenen Klänge wiederzubeleben? Und so haben Musikwissenschaftler in den überlieferten Stücken des Thomas- kantors akribisch nach passenden Teilen gesucht, um sie zu einem Ganzen zusammenzufügen. Für die Spätfassung der Markus-Passion hat der Cembalist Alexander Grychtolik, ein erfahrener Spezialist für historische Aufführungspraxis, eine Rekonstruktion gewagt. Sie wurde nun durch die Knabenkantorei Basel und das Capriccio Barockorchester unter Markus Teutschbein aufgeführt; als Solisten wirkten mit Gudrun Sidonie Otto, Sopran, Terry Wey, Altus, Daniel Johannsen, Tenor – ein großartiger Evangelist! –, Hanno Müller-Brachmann, Bass – Jesus und Stephan MacLeod, Bass – Arien. Die Ersteinspielung ist bei Rondeau erschienen. 
Sie ist durchaus hörenswert; allerdings hat Bach selbst seine Musik meist recht radikal verändert, wenn er sie für ein neues Werk genutzt hat. Insofern erscheint es diskussionswürdig, ob man eine derartige Rekon- struktion überhaupt wagen kann. Denn bleibt man nahe am erhaltenen Notentext, wird man Bach möglicherweise nicht wirklich gerecht. Je mehr man sich aber von der Überlieferung entfernt, desto spekulativer wird es – und jeder Versuch, aus heutiger Perspektive Bach zu imitieren, muss zwangsläufig scheitern. Gott würfelt nicht.

Montag, 22. Dezember 2014

Christmas Carols (Rondeau)

Das Adventskonzert hat einen festen Platz im Terminplan des Knaben- chores Hannover. Das Programm der jungen Sänger 2013 in der Markt- kirche Hannover, das auf dieser CD zu hören ist, umfasste in erster Linie Christmas Carols, traditionelle Weihnachtslieder aus England. Das ist kein Zufall – denn 1714 war Georg Ludwig, Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, zum König von England gekrönt worden. Bis 1837 regierten die jeweiligen Herrscher gleichzeitig das Königreich Hannover und das United Kingdom; auch Königin Vic- toria, mit deren Thronbesteigung diese Personalunion endete, entstammte dem Haus Hannover. Sie heiratete Albert von Sachsen-Coburg und Gotha; ihr Enkel änderte 1917 den Namen seines Hauses in Windsor. 
Der historischen Ereignisse wurde in diesem Jahr natürlich in Hannover gedacht. Und die jungen Chorsänger aus der Leinestadt stimmten auf das Jubiläum ein mit einer farbenreichen Kollektion Christmas Carols, vor- getragen gemeinsam mit dem Ensemble London Brass. Da findet sich Sing Joyfully unto God Our Strength von William Byrd (1543 bis 1623) neben The Wexford Carol von John Rutter (*1945), Angelus ad virginem aus dem 13. Jahrhundert neben A Hymn to the Virgin von Benjamin Britten (1913 bis 1976). Doch auch In dulci jubilo oder Hark! The Herald Angels Sing, ein britisches Weihnachtslied, das der deutsche Komponist Felix Mendels- sohn Bartholdy geschrieben hat, standen auf dem Programm. Das deutsche Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen erklingt zunächst in dem berühmten Satz von Michael Praetorius (1571 bis 1621); fortgeführt wird es aber in einem gelungenen Arrangement von Donald Cashmore (1926 bis 2013), das den Cantus firmus durch die Register wandern lässt, und in seiner Innigkeit bezaubert. 
Der Knabenchor Hannover singt exzellent, unter der Leitung von Jörg Breiding. Und London Brass gehört zu den besten Bläserensembles welt- weit. Gemeinsam laden sie ein zu einem Ausflug in die Musikgeschichte – das Konzert muss wirklich ein Erlebnis gewesen sein. Bravi! und weiterhin viele gute Ideen, für die Konzerte der kommenden Jahre. 

Freitag, 12. Dezember 2014

Lauter Freude, lauter Wonne (Rondeau)

Den Jubel und den sanften Frohsinn der Weihnachtszeit haben drei Musiker aus Hannover auf eine CD gebracht. Sopranistin Ute Engelke, Blockflötistin Elisabeth Schwanda und Ulfert Smidt, der Organist der Marktkirche, interpretieren Musik aus vier Jahrhunderten. Die ausgewählten Werke reichen vom verspielt-verzierten Puer nobis nascitur aus dem Fluyten Lust-Hof von Jacob van Eyck für Blockflöte solo bis zur eher gravitätischen Pastorale für Orgel solo von César Franck, von den traumschönen, aber eher wenig bekannten Bicinien von Michael Praetorius bis hin zu der populären Arie Schafe können sicher weiden von Johann Sebastian Bach und von Monteverdis höchst anspruchsvoller Motette Exulta Filia Sion bis hin zu der romantischen Orgel-Phantasia Jul von Otto Olsson. Ute Engelkes schlank geführte, strahlende Sopranstimme, das virtuose Flötenspiel von Elisabeth Schwanda und das souveräne Musizieren von Ulfert Smit an der Chor-Ensemble-Orgel ergänzen sich perfekt; die ganze Einspielung ist geprägt von einer hinreißenden Musizierfreude. Bravi!

Sonntag, 8. Juni 2014

Scarlatti: Vespro della Beata Vergine (Rondeau)

Das Werk, das die Vokalakademie Berlin unter Frank Markowitsch für ihr CD-Debüt ausgewählt hat, gibt es eigentlich gar nicht: Die Marien- vesper von Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) ist eine Kompila- tion von Jörg Jacobi, der Psalm- vertonungen und Motetten des Komponisten dazu zusammen- gefügt hat. Dieses Verfahren ist nicht ungewöhnlich, denn genauso wurde das seinerzeit gehandhabt. Doch der Titel Vespro della Beata Vergine lässt an das Vorbild Monteverdi denken – und in dieser Liga spielt Scarlatti ganz eindeutig nicht. Auch sonst bieten die Profis, die 2006 für die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik als Innsbruck Festival Chorus gecastet worden sind, nicht wirklich eine Leistung, die mitreißt. Vokalakade- mie und Vokalquintett Berlin singen solide, aber wenn man bedenkt, mit welchem Aufwand die Mitwirkenden ausgewählt und betreut wurden, dann ist die Aufnahme eine ziemliche Enttäuschung. Schade.