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Montag, 30. April 2018

Schütz: Kleine geistliche Konzerte II (Carus)

Diese Doppel-CD ist zugleich ein Abschied. Denn die Aufnahme der Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz ist eine der letzten Produktionen, an denen der Cembalist, Organist und Dirigent Ludger Rémy mitgewirkt hat. Er starb im Juni 2017 nach schwerer Krankheit. 
In einem persönlichen Geleitwort würdigt Hans-Christoph Rademann den langjährigen Weggefährten. Und auch die Rezensentin verneigt sich tief vor einem Musiker, der viele Jahre erfolgreich in Mitteldeutsch- land gewirkt und die „Alte“-Musik-Szene überregional entscheidend mit geprägt hat. 
Dennoch ist leider festzustellen, dass die Aufnahme in ihrer Qualität, wie schon der erste Teil, an das Niveau nicht heranreicht, das andere Produktionen vorgeben. Es fehlt an Präzision, an Ausdruckswillen, an Energie. So ist Carus mit diesem Teil der Schütz-Gesamteinspielung erstmals keine Referenz gelungen. Schade! 

Montag, 3. März 2014

Schütz: Kleine geistliche Konzerte I (Carus)

„Anempfohlen sei, man möge sich beim Hören in Ruhe auf einige wenige der ‚Kleinen geistlichen Konzerte‘ beschränken, vielleicht vier oder fünf – dazwischen sei genügend Raum für nachklingen- de Stille“, empfiehlt Ludger Rémy in einem Geleitwort zu dieser CD. „Denn jedes Concert ist mehr als nur reine Musik: Es ist Verkündi- gung.“ 
Es ist dies die erste CD der neuen Schütz-Gesamteinspielung bei Carus, an der Hans-Christoph Rademann nicht mitgewirkt hat. Das hat der Aufnahme nicht gut getan. Festzustellen ist: Dem Ensemble hier fehlt es klar an Führung. Denn die Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz beziehen ihre Ausdrucksstärke gerade aus der untrennbaren Verknüpfung von Text und Musik, sie sind Exegese mit musikalischen Mitteln. 
Dazu allerdings muss der Hörer zu allererst den Text verstehen. Das fällt nicht leicht, wenn die Instrumente die Sänger übertönen. Zu hö- ren sind hier zudem Verzierungen, die das Wort nicht unterstreichen, sondern verwischen. An solchen kleinen Details stellt man fest, dass es dieser Interpretation an Sorgfalt und Tiefgründigkeit mangelt. Empfehlen kann ich die CD daher leider nicht; mittlerweile sind eine ganze Reihe ausdrucksstärkerer Aufnahmen auf dem Markt, und wer es nostalgisch möchte, dem sei beispielsweise die „originale“ Besetzung mit Knabenstimmen aus dem Dresdner Kreuzchor ans Herz gelegt. Sie singen mit jener Eindringlichkeit, die man bei den Profis hier vermisst. Von einer „Luxusbesetzung“, so wirbt das Label, darf man wohl mehr erwarten als saubere Töne. 

Samstag, 4. Mai 2013

Telemannisches Gesangbuch (Carus)

"Mit Chorälen wuchs ich in mei- nem Elternhaus auf", berichtet Thomas Fritzsch im Beiheft zu dieser CD. "Viele Liedtexte haben sich meinem Gedächtnis einge- prägt. Häufig Grund zur Freude und Zuversicht, haben sie ebenso als Trost und Halt in traurigen Stunden meine Seele vor dem Verstummen bewahrt. Die Liebe zu den Chorälen, die meine Eltern mir ins Herz pflanzten, rechne ich ihnen  in tiefer Dankbarkeit zu." 
Durch eine zufällige Begegnung am Rande eines Konzertes wurde der Cellist und Gambist auf das Fast allgemeine Evangelisch-Musicalische Lieder-Buch aufmerksam, das Georg Philipp Telemann 1730 in Hamburg veröffentlicht hat. Darin hat Telemann sehr viele bekannte Choräle zusammengetragen, wie Ein feste Burg, Nun danket alle Gott oder Befiehl du deine Wege. Sein erklärtes Ziel war es, ein im ganzen deutschen Sprachraum verwend- bares Gesangbuch zu schaffen. Dazu stellte er vielfach die ursprüng- lichen Weisen der alten Gesänge wieder her, und versah die Choral- melodien zudem mit einem bezifferten Bass nebst Anleitung zum Generalbass-Spiel und zum Schreiben von vierstimmigen Chorsätzen. 
Außerdem wählte Telemann Tonarten, die bequem zu singen sind, und zwar sowohl im Chor- als auch im Kammerton - auf der CD ist zu hören, was es bedeutet, wenn die Orgel im Chorton mit 465 Hertz gestimmt ist, und ein Cembalo im Kammerton bei 415 Hertz. Das war für den Gebrauch eines solchen Gesangbuches aber wichtig, weil danach nicht nur in der Kirche zur Orgel gesungen wurde, sondern auch daheim in der häuslichen Andacht. 
Und weil Fritzsch vom Telemannischen Gesangbuch so fasziniert war, hat er sich Mitstreiter gesucht und 30 der mehr als 2000 Lieder aus diesem Sammelband für Carus eingespielt. Es ist kaum zu glauben, aber dieser musikalische Schatz war bislang nicht auf Tonträger zu- gänglich. Bei dieser CD handelt es sich verblüffenderweise um eine Weltersteinspielung. 
Klaus Mertens setzt ganz auf das Wort. So gelingt ihm eine eindrück- liche, ausdrucksstarke Interpretation. Der Bassbariton wird begleitet von Thomas Fritzsch an Viola da gamba, Violoncello und Basse de Violon, Stefan Maass, Laute, und Michael Schönheit an Orgel und Cembalo. Einige Choräle singt Mertens gemeinsam mit dem Stutt- garter Knabensopran Vincent Frisch. In dem Kontrast wird zugleich hörbar, dass es nichts schwierigeres gibt, als ein scheinbar banales Strophenlied solide zu singen und zu gestalten. Wer den Knaben neben dem erfahrenen Sänger erlebt hat, der ahnt, wie groß diese Kunst ist. 

Samstag, 28. Juli 2012

Schein: Israelsbrünnlein (Carus)

Es ist nur konsequent, wenn nun- mehr auch der Dresdner Kammer- chor eine Einspielung von Johann Hermann Scheins (1586 bis 1630) wichtigstem Werk Fontana d'Israel vorlegt. Zum einen stammt der Komponist aus Grünhain im Erzge- birge - und der Leiter des Chores, Hans-Christoph Rademann, aus dem nahegelegenen Schwarzen- berg. Wer Erzgebirger kennt, der weiß, dass dies weit mehr bedeutet als nur regionale Verbundenheit. Der typische Bewohner dieses Landstriches ist - auch heute noch - fleißig, genügsam, rechtschaffen und fromm, und hält die Sitten und Bräuche seiner Vorväter in Ehren. 
Zum anderen sind beide der Dresdner Musiktradition verpflichtet. Schein erhielt einen wesentlichen Teil seiner Ausbildung als Kapell- knabe am Dresdner Hof unter Rogier Michael, dem Amtsvorgänger von Heinrich Schütz. Über seine Biographie wurde in diesem Blog an anderer Stelle bereits ausführlich berichtet; Schein wirkte viele Jahre als Thomaskantor in Leipzig. Dort veröffentlichte er 1623 Israels Brünnlein, eine Sammlung von 26 Motetten, die überwiegend Bibelworte aus dem Alten Testament mit dem Mitteln der Musik auslegen. 
Rademann entdeckte sein Interesse für die Chormusik in der Kantorei seines Vaters Rolf Rademann. Er sang im Dresdner Kreuzchor, und studierte an der Dresdner Musikhochschule Chor- und Orchester- dirigat. 1985 gründete Rademann den Dresdner Kammerchor, der auch mit dieser Einspielung wieder beweist, dass er zu den führenden europäischen Ensembles gehört. 
Ein Teil der Aufnahmen entstand bereits im März 2000; die fehlenden Werke hat der Chor nun im März 2012 eingespielt. Und obwohl nur einzelne Chorsänger an beiden Aufnahmen mitwirkten, und das Continuo komplett neu besetzt wurde, gelingt es Rademann und den beteiligten Musikern, eine beeindruckende Klangkontinuität zu erreichen - wenn es nicht im Beiheft nachzulesen wäre, hören würde man es nicht, welche Stücke zu welchem Termin aufgezeichnet worden sind. Der Chor singt engagiert, und gestaltet Scheins "auff Italiän-Madrigalische Manir" komponierte Motetten, die ähnlich wie die Geistliche Chor-Music von Heinrich Schütz den Text in den Mittelpunkt stellen, eindrucksvoll.