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Dienstag, 17. März 2020

Circle Line (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Lautten Compagney überrascht doch immer wieder. Circle Line haben die Musiker um Wolfgang Katschner ihr neues Album genannt.  „Der Titel des Programms ist Symbol für die stetig pulsierende Großstadt“, sagt der Lautenist. „In Berlin bezeichnet man mit ›Circle Line‹ die Ringbahn, und für Berlin steht auch die Lautten Compagney. Beide kreisen durch die Stadtbezirke und durch die Jahrhunderte der Musik.“ 
Der Titel bezieht sich aber auch auf die Musikgeschichte. So erschien 1968 „Music as a Gradual Process“, ein Aufsatz von Steve Reich, in dem der amerikanische Komponist schrieb: „I am interested in perceptible processes. I want to be able to hear the process happening throughout the sounding music. To facilitate closely detailed listening a musical process should happen extremely graduality.” Dieser viel beachtete Text gilt als Geburtsurkunde der Minimal Music. 
Dass Repetition in der Musikgeschichte auch schon viel früher als formbildendes Prinzipien genutzt wurde, verdeutlicht diese Einspielung: Die Lautten Compagney verbindet Musik der Frührenaissance mit Minimal Music. Musiziert wird überwiegend mit dem Instrumentenbestand der „Alten“ Musik. Doch auch ein Saxophon sowie Schlagwerk sind beteiligt; die Aufnahme zeigt, dass Moderne nur ein Etikett ist – alle Werke können mit diesen Klängen durchaus faszinierend wirken. In scheinbar endloser Reihe folgen aufeinander Kompositionen von Philip Glass, John Cage, Meredith Monk, Steve Reich, Peter A. Bauer, Wim Mertens und Guillaume Dufay. An Anfang und am Ende steht Glass‘ Train To Sao Paulo – exzellente Filmmusik, man sieht den Zug förmlich vor sich. Und dann verknüpft die Lautten Compagney mit der „Neuen“ Musik gekonnt und beständig sorgsam ausgewählte Kompositionen von Dufay. Diese Circle Line über Jahrhunderte funktioniert ganz erstaunlich gut. Derart kenntnisreich verschachtelt, arrangiert, kombiniert und übereinander gelegt, ist am Ende das Ergebnis mehr als die Summe aller Teile – was für ein Kunstwerk, bravi! 

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Telemann: Sacred Cantatas (Deutsche Harmonia Mundi)

Und gleich noch einmal eine Einladung zu Entdeckungen im umfangreichen Schaffen  Georg Philipp Telemanns (1681 bis 1767): Das Kammerorchester L'arpa festante unter Leitung von Rien Voskuilen hat für diese Aufnahme mit dem renommierten Bassbariton Klaus Mertens geistliche Kantaten in Archiven aufgespürt, teilweise rekonstruiert und auf historischen Instrumenten eingespielt. Sage niemand, es sei schon alles publiziert und verfügbar – diese CD präsentiert fünf Weltersteinspielungen! 
Zu hören sind die Kantaten All's Glück und Ungelücke, die Kommunion- kantaten Fliehet hin, ihr bösen Tage und Soll ich nicht von Jammer sagen sowie die Kantaten Vater unser im Himmelreich und Herr erhöre meine Stimme. Komplettiert wird das Programm durch zwei Quartette. 

Sonntag, 18. März 2018

Händel: Tu fedel? Tu costante? (Challenge Classics)

In einem Manuskript, das um 1770 zusammengestellt wurde und sich heute in der Musikaliensammlung Ton Koopmans befindet, wurde eine bislang unbekannte Version einer Kantate von Georg Friedrich Händel aufgespürt: Tu fedel? Tu costante? HWV 171a weicht erheblich von der bislang bekannten Fassung HWV 171 ab. 
Es wird vermutet, dass Händel diese Kantate auf seiner Italienreise in Venedig oder in Florenz komponierte – und als sie 1707 in Rom aufgeführt werden sollte, hatte er die Noten nicht mehr, und musste sich noch einmal an die Arbeit machen. Das Ergebnis unterscheidet sich erheblich von der älteren Variante, was eine ziemliche Sensation darstellt. Zumal bislang unbekannte Kompositionen Händels aus seiner Zeit in Italien ohnehin nur noch sehr selten entdeckt werden. 
Auf dieser CD ist die Kantate nun erstmals in der neu aufgefundenen Fassung zu hören, gemeinsam mit weiteren Kantaten aus Händels frühen Jahren sowie zwei auserlesenen Kammerduetten. Ton Koopman musiziert mit dem Amsterdam Baroque Orchestra. Es singen die kubanische Sopranistin Yetzabel Arias Fernandez und Bassbariton Klaus Mertens. 

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Telemannische Hauspostille (Rondeau)

Für eine Produktion zum Reforma- tionsjubiläum 2017 haben sich vier gestandene Musiker zusammengetan: Bassbariton Klaus Mertens, Thomas Fritzsch, Viola da Gamba, Stefan Maass, Barocklaute, und Organist Michael Schönheit haben aus dem Werk des Hamburger Musikdirektors und Kantors am Johanneum Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) ein Programm zusammengestellt, das einen tiefen Einblick in Glaubenswelt und Frömmigkeit jener Zeit gibt. 
Ausgangspunkt für die Überlegungen der Musiker war jene Kollektion von Arien aus dem Kantatenjahrgang 1726/27, die Telemann aus den ursprünglichen Zusammenhängen gelöst und in Bearbeitungen für Sing- stimme und Generalbass publiziert hatte. Sie folgt auf den Harmonischen Gottesdienst und ist auch unter dem Titel Harmonisches Lob Gottes bekannt. „Trotz meiner tiefen Verbundenheit mit barocker Dichtung und ihren geistlichen Inhalten und Bezügen fiel es mir mitunter schwer, Textaussagen der nunmehr aus dem Kantatenzusammenhang heraus- getrennten Arien zu verstehen“, schreibt Thomas Fritzsch im Beiheft zu dieser CD. „Die Vermutung, ja Gewissheit, dass ich solche Verständnis- schwierigkeiten mit musikliebenden und -kennenden Menschen der Gegenwart teile, erweckte in mir den Wunsch, ausgewählte geistliche Arien in den Kontext kurzer Hausandachten zu stellen, die jeweils dem durch das Tagesevangelium bestimmten Leitgedanken folgen.“ 
Und so haben die Musiker die Arien um Choralvorspiele und Choräle sowie knappe Lesetexte ergänzt. So sind beinahe wieder kleine Kantaten entstanden, allerdings nicht für den öffentlichen Gebrauch, sondern für den privaten Raum. Eingespielt wurde die Aufnahme in der Kirche „Zur frohen Botschaft“ in Berlin-Karlshorst. Dort befindet sich eine einzigartige Orgel – das 1755 von Johann Peter Migendt und Ernst Julius Marx für Prinzessin Anna Amalie von Preußen errichtete Instrument mit 22 Re- gistern, zwei Manualen und Pedal, 2009/10 durch den Dresdner Orgelbauer Kristian Wegscheider restauriert. Die Amalien-Orgel ist die einzige Orgel aus dem 18. Jahrhundert, die in Berlin erhalten geblieben ist. 
Michael Schönheit spielt sie meisterlich; doch auch Thomas Fritzsch und Stefan Maas sind bekanntlich Virtuosen. Und Klaus Mertens genießt als Sänger zu Recht hohes Renommée. Sorgsam gestaltet er, und gemeinsam mit den Könnern am Continuo macht er aus Arien und Chorälen facetten- reiche kleine Juwelen des Glaubens. So ist diese Aufnahme weit mehr als eine Reise in die Geschichte der evangelischen Kirchenmusik, die mit Martin Luther und „Urkantor“ Johann Walter noch einmal 200 Jahre vor Telemann begonnen hatte. 

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Himlische Weyhnacht (Berlin Classics)

Weihnachtliche Musik aus der Zeit nach der Reformation hat das Ensemble Bell'Arte Salzburg unter der Leitung von Annegret Siedel für seine neues Album „Himlische Weynacht“ herausgesucht. Die Musiker haben den wohl bekanntesten Choral Martin Luthers, Vom Himmel hoch, da komm ich her, in den Mittelpunkt ihres Programmes gestellt. Er erklingt in sieben verschiedenen Bearbei- tungen, und gibt den ausgewählten Werken aus dem 17. und 18. Jahr- hundert den festlichen Rahmen. 
Die traditionellen Weihnachtslieder spielen ansonsten auf dieser CD nur am Rande eine Rolle: Ich steh an deiner Krippen hier erklingt in seiner ursprünglichen Fassung, und Wie schön leuchtet der Morgenstern in drei ganz unterschiedlichen Sätzen, eingebettet in eine Violinsonate eines unbekannnten Komponisten. 
Ansonsten enthält diese CD sorgsam ausgesuchte geistliche Konzerte aus der Barockzeit. Diese vom Umfang her meist kleinen, aber ausgesprochen virtuosen Werke bieten sowohl Sängern als auch Instrumentalisten Gelegenheit, ihr Können zu beweisen. 
Besonders gefreut habe ich mich über Mein Herz ist bereit von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697), eines meiner Lieblingskonzerte, das nun damit endlich auch auf CD verfügbar ist. Bruhns war ein Schüler von Dieterich Buxtehude. Er spielte die Geige ebenso gut wie die Orgel – was diesem Werk eine ausgedehnte, konzertante Einleitung beschert hat, in der die Geige brillieren kann. Anschließend konzertieren Sänger und Geiger gemeinsam, wobei jede Menge Tempo- und auch Taktwechsel hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit und Präzision stellen. 
Auch Hans Leo Hassler (1564 bis 1612), Heinrich Schütz (1585 bis 1672), sein Schüler Christoph Bernhard (1628 bis 1692), Heinrich Franz Ignaz Biber (1644 bis 1704), Johann Valentin Meder (1649 bis 1719), der aus Wasungen an der Werra stammte und selbst im Baltikum gefragt war, und der Dresdner Hofkomponist Jas Dismas Zelenka (1670 bis 1745) sind auf dieser CD mit Konzerten vertreten. Mit Ausnahme des Magnificat SWV 344 von Heinrich Schütz, das vielleicht am ehesten bekannt ist, handelt es sich dabei durchweg um Raritäten. 
Das Ensemble Bell'Arte Salzburg musiziert ausdrucksstark und gestaltet zusammen mit Marie Luise Werneburg, Sopran, und dem renommierten Bassbariton Klaus Mertens ein ebenso besinnliches wie feierliches, ab- wechslungsreiches Programm. Meine Empfehlung! 

Samstag, 10. Oktober 2015

Hamburger Ratsmusik - Wach auf mein Geist (K&K)

Deutsche geistliche Lieder und
Arien
sowie Instrumentalmusik des 17. Jahrhunderts erklangen im Jahre 2006 bei einem Konzerts der Ham- burger Ratsmusik mit dem Sänger Klaus Mertens im Kloster Maulbronn. Die großen geistlichen Liedsamm- lungen, die damals entstanden, waren nicht zum Vortrag im Gottes- dienst oder gar auf dem Konzertpo- dium, sondern ausschließlich für die häusliche Andacht bestimmt. Es war dies eine bewegte Zeit, in der um den rechten Glauben noch immer heftig gestritten wurde; nach dem Dreißig- jährigen Krieg, der Entbehrungen, Not, Gewalt und Gefahr mit sich brachte, beschworen Adel und Bürgertum traditionelle Werte. 

Josef-Stefan Kindler, der gemeinsam mit Andreas Otto Grimminger über das Label KuK Konzerte dokumentiert, begeistert sich im Beiheft zu dieser CD für das geistliche Lied jener Tage, und findet sein Anliegen durchaus aktuell: „In äusserst ansprechender, ja edler Weise verführt und die Aufführung der Hamburger Ratsmusik zu einem Blick auf jene Werte, die heute mehr und mehr durch die vielfältigen Einflüsse unserer Umwelt ihre Berechtigung zu verlieren scheinen. Berührend, und vielleicht daher beruhigend, erfährt man beim Hören der Aufführung von Werten wie Anmut, Demut und Edelmut – welche dazumal den gleichen Stellenwert wie heutzutage Effizienz, Effektivität und Leistung einnahmen. Für mich persönlich eines der schönsten und ansprechendsten kammermusika- lischen Konzerte innerhalb der Edition.“ 
Klaus Mertens hat in diesem Programm Werke vorgetragen aus den Hun- dert ahnmutig und sonderbar Geistlichen Arien von Christoph Bernhard, gedruckt 1694 in Dresden, sowie aus den Himmlischen Liedern des Ham- burger Ratsmusikers Johann Schop nach Texten des großen Barockpoeten Johann Rist, publiziert 1641/42 in Lüneburg. Dabei begleiteten den Sänger Simone Eckert, Viola da gamba, und Ulrich Wedemeier, ein Spezialist für historische Gitarren und Lauteninstrumente. 
Die beiden Musiker haben das Programm zudem durch Instrumentalwerke aus jener Zeit bereichert. Sie harmonieren ausgezeichnet mit dem Gesang des Bassbaritons, der im Bereich der „Alten“ Musik zu Recht sehr gefragt ist. Mertens gestaltet die nur scheinbar schlichten Lieder wunderbar; es muss in der Tat ein beeindruckendes Konzert im Kloster Maulbronn gewesen sein. Etwas von dem besonderen Flair jenes Abend vermittelt auch diese CD. Meine Empfehlung! 

Dienstag, 16. Juni 2015

Telemann: Festive Cantatas (Hänssler Classic)

Als Director Musices der Hansestadt Hamburg war Georg Philipp Telemann verpflichtet, pro Woche zwei Kantaten zu schreiben, dazu jährlich eine Passion und zusätzlich Festmusiken für besondere Anlässe. Fleiß und Kreativität wurden dem Komponisten dann allerdings zum Verhängnis – spätere Generationen schalten ihn einen Vielschreiber, und erklärten seine Werke für unbedeu- tend und nichtssagend. 
Dies ist der Grund dafür, dass Telemanns Werk noch immer zu großen Teilen unerschlossen ist. In den letzten Jahren haben sich, glücklicherweise, etliche bedeutende Solisten und Ensembles dem Schaffen des Meisters zugewandt. So zeigt auch diese CD mit den großartigen Solisten Miriam Feuersinger, Franz Vitzthum und Klaus Mertens sowie dem stimmstarken Collegium vocale Siegen und der Hannoverschen Hofkapelle unter Kirchenmusikdirektor Ulrich Stötzel, dass dieses harte Urteil der Musikgeschichte keine Berechtigung hat. Zu hören sind die festlichen, groß besetzten Kantaten Der Herr lebet, Ehr und Dank sey Dir gesungen und Der Geist giebt Zeugnis – und sie sind wundervoll. Unbedingt anhören! 

Sonntag, 19. April 2015

Bach: Messe in h-Moll (Berlin Classics)

Im Juli 2014 erklang Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe in der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche. Ein Live-Mitschnitt dieses Konzertes mit dem Kammerchor der Frauenkirche und dem Ensemble Frauenkirche unter Kantor Matthias Grünert ist nun bei Berlin Classics erschienen – pünktlich zum 330. Geburtstag des Komponisten. 
Als Solisten singen Miriam Meyer, Sopran, Britta Schwarz, Alt, Markus Brutscher, Tenor, und Klaus Mertens, Bass. Grünert orientiert sich bei seiner Interpretation der „hohen“ Messe weniger an den Gesangslinien als vielmehr an den Orchesterstimmen. Das führt mitunter zu etwas eigenwilligen Tempi und Akzenten, die seitens der Sänger kein Echo finden. Es hat aber seine Reize insofern, als die Musiker des Ensembles Frauenkirche ihre Stärken demonstrieren können. 
Und die haben sie, ohne Frage – von Robert Langbein, der exzellent das Horn spielt, über die drei brillanten Trompeter Christian Höcherl, Nikolaus von Tippelkirch und Frank Hebenstreit bis hinzu den präzise agierenden Streichern, den superben Holzbläsern, Thomas Käppler an den Pauken und Cornelia Osterwald an Truhenorgel und Cembalo. Nur schade, dass die Solo-Instrumente in den Arien mitunter lauter sind als die Solisten. 
Der Kammerchor schlägt sich wacker. Und der pathetisch-erhabene Beginn mit dem Kyrie lässt wirklich aufhorchen. Die Soprane haben Höhe, die Stimmen sind geübt und gesungen wird intonationssicher. Doch so manchen tänzerisch-beschwingten Orchesterpart vermag der Chor nicht zu spiegeln. Mitunter ist Grünert so flink unterwegs, dass der Chor seine Koloraturen wie eine Turnübung absolvieren muss. Die Sänger schaffen das, irgendwie, aber der Ausdruck bleibt dabei auf der Strecke. Und für die großen Jubelchöre, im Glanze der Trompeten, fehlen dann einfach die Reserven. Verkaufen wird sich diese CD ganz sicher, aber von Bachs h-Moll-Messe gibt es bereits sehr viele Aufnahmen – und etliche davon finde ich, sorry, besser. 

Mittwoch, 30. Juli 2014

Grauper: Frohlocke gantzes Rund der Erden (cpo)

Eine weitere CD mit Kantaten von Christoph Graupner (1683 bis 1760), ebenfalls mit dem Bassbari- ton Klaus Mertens und der Acca- demia Daniel unter Shalev Ad-El, ist bei cpo erschienen. Diese Werke sind geschrieben, um die Andacht zu befördern. Der Darmstädter Hofkapellmeister vermied daher überfrachtete Texte ebenso wie oberflächliche Virtuosität in der Musik: Keine barocken Schnörkel, keine zeilenlangen Koloraturen, keine ungewöhnlichen Figuratio- nen. Die Affekte spiegeln sich am ehesten in der Harmonik. Das lässt die Kantaten Graupners verblüffend modern erscheinen. Doch die kunstvolle Schlichtheit stellt hohe Anforderungen an die Interpreten. Und das Programm dieser CD ist lang und anspruchsvoll. Selbst ein erfahrener Sänger wie Mertens kann Ermüdung da nicht völlig ver- meiden. Dennoch ist die CD grundsätzlich gelungen; es ist erfreulich, dass immer mehr Werke Graupners zumindest in Einspielungen verfügbar sind. Wenn sich dann noch ein Verlag fände, der die Noten ediert, dann würde dies der Graupner-Renaissance sicherlich einen enormen Schub geben. 

Freitag, 25. Juli 2014

Graupner: Bass-Kantaten (Pan Classics)

Immer mehr Werke von Christoph Graupner (1683 bis 1760) werden aus dem Archivschlaf erweckt. Das ist erfreulich, denn der Kapell- meister, der am Hofe des Landgra- fen von Hessen-Darmstadt gut fünfzig Jahre lang wirkte, gehört zu den Größen seiner Zunft. Nicht umsonst wollten ihn die Leipziger einst zum Thomaskantor machen. Und nicht umsonst ließ ihn sein Dienstherr damals nicht gehen. Diese CD zeigt einmal mehr, was Landgraf Ernst Ludwig an Graupner hatte. Mehr als 1400 Kantaten weist das Werkverzeichnis des Musikers aus, dazu über 300 Instru- mentalwerke. Eine winzige Auswahl daraus stellt die CD vor – eine Suite und drei Kantaten, die Graupner einst für seinen Vizekapell- meister Gottfried Grünewald geschrieben haben dürfte, der auch ein versierter Bassist war. 
Dass diese Werke in Vergessenheit geraten sind, das liegt nicht zuletzt auch daran, dass keines davon durch den Komponisten veröffentlicht worden ist. Sie waren für die Aufführung „in alß außer der Kirchen“ bei Hofe bestimmt, und nach Graupners Tod ließ sie der Landgraf ins Archiv legen. Der Tatsache, dass er sich gegen die Erben durchgesetzt hat, die die Werke des Komponisten ebenfalls als ihr Eigentum an- sahen, verdanken wir letztendlich ihre Überlieferung. Leider ist nicht damit zu rechnen, dass dieses umfangreiche Konvolut irgendwann in einer Edition vorliegen wird – denn Graupners Kantaten sind trotz ihrer „modernen“ Texte und ihrer vermeintlichen Schlichtheit nichts, was sich einfach so dahinsingen lässt. Diese Werke dürften daher einem kleinen Häuflein Spezialisten vorbehalten bleiben, und wer sie aufführen will, der muss zuvor nach Darmstadt in die hessische Landes- und Hochschulbibliothek pilgern, und nach den Manuskrip- ten mühevoll die Noten für Musiker und Sänger erstellen. 
Diese Mühe hat auch Bassbariton Klaus Mertens auf sich genommen, der eigens nach Darmstadt gefahren ist, um Kantaten für diese Aufnahme auszuwählen. Bei der Transkription der Handschriften haben dann allerdings Uta Wald und Martin Krämer den Sänger unterstützt. Die Arbeit hat sich gelohnt, denn Graupners Musik ist wundervoll, und Mertens ist gemeinsam mit der Accademia Daniel eine geradezu exemplarische Einspielung gelungen. Die 2001 erstmals veröffentlichten Aufnahmen wurden nun durch das Label Pan Classics wieder zugänglich gemacht. 

Samstag, 4. Mai 2013

Telemannisches Gesangbuch (Carus)

"Mit Chorälen wuchs ich in mei- nem Elternhaus auf", berichtet Thomas Fritzsch im Beiheft zu dieser CD. "Viele Liedtexte haben sich meinem Gedächtnis einge- prägt. Häufig Grund zur Freude und Zuversicht, haben sie ebenso als Trost und Halt in traurigen Stunden meine Seele vor dem Verstummen bewahrt. Die Liebe zu den Chorälen, die meine Eltern mir ins Herz pflanzten, rechne ich ihnen  in tiefer Dankbarkeit zu." 
Durch eine zufällige Begegnung am Rande eines Konzertes wurde der Cellist und Gambist auf das Fast allgemeine Evangelisch-Musicalische Lieder-Buch aufmerksam, das Georg Philipp Telemann 1730 in Hamburg veröffentlicht hat. Darin hat Telemann sehr viele bekannte Choräle zusammengetragen, wie Ein feste Burg, Nun danket alle Gott oder Befiehl du deine Wege. Sein erklärtes Ziel war es, ein im ganzen deutschen Sprachraum verwend- bares Gesangbuch zu schaffen. Dazu stellte er vielfach die ursprüng- lichen Weisen der alten Gesänge wieder her, und versah die Choral- melodien zudem mit einem bezifferten Bass nebst Anleitung zum Generalbass-Spiel und zum Schreiben von vierstimmigen Chorsätzen. 
Außerdem wählte Telemann Tonarten, die bequem zu singen sind, und zwar sowohl im Chor- als auch im Kammerton - auf der CD ist zu hören, was es bedeutet, wenn die Orgel im Chorton mit 465 Hertz gestimmt ist, und ein Cembalo im Kammerton bei 415 Hertz. Das war für den Gebrauch eines solchen Gesangbuches aber wichtig, weil danach nicht nur in der Kirche zur Orgel gesungen wurde, sondern auch daheim in der häuslichen Andacht. 
Und weil Fritzsch vom Telemannischen Gesangbuch so fasziniert war, hat er sich Mitstreiter gesucht und 30 der mehr als 2000 Lieder aus diesem Sammelband für Carus eingespielt. Es ist kaum zu glauben, aber dieser musikalische Schatz war bislang nicht auf Tonträger zu- gänglich. Bei dieser CD handelt es sich verblüffenderweise um eine Weltersteinspielung. 
Klaus Mertens setzt ganz auf das Wort. So gelingt ihm eine eindrück- liche, ausdrucksstarke Interpretation. Der Bassbariton wird begleitet von Thomas Fritzsch an Viola da gamba, Violoncello und Basse de Violon, Stefan Maass, Laute, und Michael Schönheit an Orgel und Cembalo. Einige Choräle singt Mertens gemeinsam mit dem Stutt- garter Knabensopran Vincent Frisch. In dem Kontrast wird zugleich hörbar, dass es nichts schwierigeres gibt, als ein scheinbar banales Strophenlied solide zu singen und zu gestalten. Wer den Knaben neben dem erfahrenen Sänger erlebt hat, der ahnt, wie groß diese Kunst ist. 

Dienstag, 17. Juli 2012

Schieferdecker: Geistliche Konzerte (Carus)

Johann Christian Schieferdecker (1679 bis 1732) stammte aus Teuchern, einem kleinen Städtchen unweit von Weißenfels. Sein Vater war Schulrektor, Kantor und Organist; er unterrichtete auch den fünf Jahre älteren Reinhard Keiser, mit dem Schieferdecker junior offenbar eng befreundet war. 
Beide setzten ihre Ausbildung zu- nächst an der Thomasschule und anschließend an der Universität in Leipzig fort. In der Messestadt komponierten sie zudem ihre ersten Opern. Keiser ging dann nach Hamburg - und holte Schiefer- decker nach; ab 1702 wirkte er als Cembalist am Hamburger Opern- haus am Gänsemarkt, für das er auch fleißig komponierte. 
Diese Leidenschaft für die Oper teilte der junge Musiker mit einem renommierten Kollegen der älteren Generation: In Lübeck suchte damals Dieterich Buxtehude, Organist an der Marienkirche, einen Nachfolger. Der sollte allerdings nicht nur Amt und Bürgerrecht er- halten, sondern auch Buxtehudes schon etwas in die Jahre gekomme- ne Tochter Anna Margareta heiraten. Diese Bedingung verschreckte die Bewerber Johann Mattheson und Georg Friedrich Händel - Schieferdecker nahm an; allerdings hatte er bereits ein gutes Jahr lang Buxtehude assistiert, als dieser 1707 starb, und wusste, worauf er sich einließ. 
Schieferdecker musizierte nicht nur im Gottesdienst. Er führte auch die sogenannten Abendmusiken weiter, Kirchenkonzerte, die durch die Kaufleute der Stadt finanziert wurden - eine Tradition, die schon Buxtehudes Vorgänger Franz Tunder begründet hatte. Es ist bekannt, dass Schieferdecker dafür eine Vielzahl von Kantaten geschrieben hat. Doch überliefert wurde davon leider so gut wie nichts. Insofern ist es eine kleine Sensation, dass nun doch drei Kantaten für Bass, zwei Violinen und Basso continuo in Brüssel aufgespürt werden konnten. Gesungen werden sie auf dieser CD von Klaus Mertens. Auch In te domine speravi, ein Geistliches Konzert für Tenor, Violine und Basso continuo, vermittelt einen Eindruck davon, wie Schieferdecker solche Werke gestaltete. Zu hören ist hier Jan Kobow, der sich damit erneut als ein exzellenter, klug gestaltender Sänger empfiehlt. Komplettiert werden diese vier Weltersteinspielungen durch zwei der XII Musicalischen Concerte des Komponisten, Ouvertürensuiten im Stile der Zeit, die 1713 in Hamburg im Druck erschienen sind. Dem Ensemble Hamburger Ratsmusik um die Gambistin Simone Eckert kann man für dieses Engagement nicht genug danken. Denn diese CD zeigt deutlich, dass Schieferdecker keineswegs nur  eine Randgestalt des reichen norddeutschen Musiklebens jener Zeit war. 

Montag, 28. März 2011

Graun: Der Tod Jesu (Hungaroton)

Carl Heinrich Graun (1704 bis 1759) begann seine Ausbildung als Kruzianer in Dresden. Seine erste Anstellung erhielt er als Hofsänger in Braunschweig; 1735 trat er ge- meinsam mit seinem Bruder Jo- hann Gottlieb Graun in die Kapelle des preußischen Kronprinzen ein. Friedrich der Große ernannte Graun zum Kapellmeister - und schickte ihn nach Italien, um Sänger für die Königliche Hofoper zu rekrutieren. 
Ironischerweise waren es Deut- sche, die die italienische Oper zur Blüte führten - Georg Friedrich Händel, Carl Heinrich Graun und Johann Adolf Hasse. Und obwohl Graun in erster Linie Opern komponiert hat, fiel dieser Teil seines Werkes mit dem Verschwinden der opera seria aus dem Repertoire dem Vergessen anheim. Die Kirchenmusik hingegen blieb im Gedächt- nis des Publikums - vor allem Grauns Passionskantate Der Tod Jesu, uraufgeführt in der Karwoche 1755 im Berliner Dom. 
Sie wurde bis 1858 alljährlich unter anderem durch die Berliner Singakademie am Karfreitag aufgeführt. Dann sollte das beliebte Werk durch Bachs Matthäuspassion ersetzt werden - doch auf Wunsch des Kaisers wurde das Programm bald wieder geändert, und Grauns Kan- tate erklang erneut, bis 1884.   Anders als Bach, setzt Graun weniger auf die Dramatik, sondern auf die Reflexion des Heilsgeschehens unter Mitwirkung des Publikums - denn die Choräle sang, mit einer Ausnahme, das Kirchenvolk mit. Der Text von Carl Wilhelm Ramler ist nicht gerade große Dichtkunst; aber die Interpreten dieser Auf- nahme schaffen trotzdem eine akzeptable Auslegung. Es singen Mária Zádori und Márta Fers, Sopran, Martin Klietmann, Tenor und Klaus Mertens, Bass sowie der Kammerchor Cantamus aus Halle/Saale. Es musiziert die Capella Savaria, ein renommiertes ungarisches Ensem- ble, das sich vor allem der Musik des 18. Jahrhunderts verschrieben hat, unter Leitung seines damaligen Leiterns Pál Németh. Wenn man bedenkt, dass diese Aufnahme aus dem Jahre 1991 stammt, dann ist sie sehr verdienstvoll und musikalisch hochachtbar. 

Sonntag, 7. März 2010

Handel: Alexander's Feast (Naxos)

"Das Alexanderfest oder die Macht der Musik" gehört zu den wichtig- sten und noch immer beliebtesten Werken von Georg Friedrich Händel.
Es handelt sich dabei um die Ver- tonung eines Gedichtes von John Dryden, das auf eine Begebenheit Bezug nimmt, die über Alexander den Großen überliefert worden ist: Der Feldherr soll sich nach seinem Sieg über Darius, den König der Perser, im Vollrausch von der Hetäre Thais dazu hinreißen lassen haben, den Palast des Xerxes abzubrennen.
Naxos legt nun einen Konzertmitschnitt vor, der im Mai 2008 im Kloster Eberbach aufgezeichnet wurde. Es musizieren die Junge Kantorei und das Barockorchester Frankfurt unter Leitung ihres Gründers Joachim Carlos Martini, sowie Gerlinde Sämann (Sopran), Knut Schoch (Tenor) und Klaus Mertens (Bass). Leider fehlen in dieser Einspielung die für Händel typischen Instrumentalkonzerte, mit denen der Komponist die Handlung unterbrach, um das Publikum mit virtuoser "Pausenmusik" zu erfreuen. So ist das Konzert, das er einst zwischen den beiden Teiles dieses Oratoriums placierte, noch heute als das Konzert aus dem Alexanderfest bekannt. Auch ganz am Anfang, noch bevor die Handlung recht beginnt, und am Ende, vor dem Schlusschor, sind seinerzeit derartige Stücke erklungen. Es ist schade, wenn man heute glaubt, dass es sich dabei um Verzichtbares handelt.
Die Einspielung ist solide, aber nicht überragend; gelegentliche kleinste Patzer sind bei "echten" Konzerten nun einmal nicht zu vermeiden. Dafür bietet eine Live-Aufzeichnung in der Regel aber auch Live-Atmosphäre,und die Musiker wachsen oftmals über sich hinaus. Davon ist hier eher wenig zu spüren; man hat sogar den Eindruck, dass der Chor gelegentlich etwas schwächelt. Die Sopranistin allerdings fällt auf durch ihr schönes, strahlendes Timbre und überzeugende, intelligente Phrasierung. Auch das Orchester agiert solide, aber ziemlich brav. Schade. Von dieser Besetzung hatte ich mir mehr erhofft.