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Samstag, 22. Mai 2021

Bill Evans On The Organ (MDG)

 

Lässt sich Musik eines Jazzpianisten auch auf der Orgel spielen? David Schollmeyer, Kantor und Organist an der Bürgermeister-Smidt-Gedächtniskirche in Bremerhaven, stellt mit der vorliegenden Aufnahme unter Beweis, dass es mitunter funktioniert – und, wenn es um Stücke von Bill Evans geht, sogar ganz ausgezeichnet. 

Für seine Einspielung hat Schollmeyer Musik aus allen Schaffensphasen des legendären Jazzpianisten ausgewählt, darunter auch fünf Jazz-Walzer. Er bringt zudem das Kunststück fertig, mit diesem Programm zugleich ein beeindruckendes Porträt der Beckerath-Orgel zu verbinden – ein echter audiophiler Ohrenschmaus für jazzferne Orgelfreunde ebenso wie für orgelferne Jazzfreunde, wirbt das Label Dabringhaus und Grimm. 

Dieser Einschätzung kann ich mich an dieser Stelle anschließen. Denn auch die technische Qualität der Aufnahme von Werner Dabringhaus und Reimund Grimm sowie Tonmeister Holger Schlegel ist einmal mehr berückend; die Super Audio CD vermittelt tatsächlich den Eindruck, dass man sich in der Kirche befindet. Faszinierend! Das wollte ich an dieser Stelle noch ganz besonders hervorheben. Rundum gelungen. 


Donnerstag, 10. März 2016

Vivaldi in Dresden (Oehms Classics)

Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) war nie in Dresden – als seine Musik in Venedig aus der Mode kam, reiste er 1740 nach Wien. Vergeblich hoffte er auf Unterstützung durch den Kaiser. In der sächsischen Landeshauptstadt hingegen wäre Vivaldi wahrschein- lich in Ehren empfangen worden. Denn seine Musik wurde dort sehr geschätzt und liebevoll gepflegt. 
Zur Zeit Augusts des Starken und seines Sohnes August III. hatten sächsische Musiker beste Verbin- dungen zu ihren Kollegen in Italien. Der Violinvirtuose Johann Georg Pisendel beispielsweise, langjähriger Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle, reiste zu Studienzwecken nach Venedig, wo er bei Vivaldi Unterricht nahm, und zudem fleißig Werke führender italienischer Komponisten kopierte. Die Sammlung Pisendels umfasst sagenhafte
1.800 Musikalien; sie wurde im legendären „Schranck No: II“ überliefert und befindet sich heute im Bestand der Sächsischen Landes- und Uni- versitätsbibliothek Dresden. 

Hansjörg Albrecht, Dirigent, Organist und Cembalist, hat sich von der Dresdner Vivaldi-Tradition zu einer CD-Einspielung inspirieren lassen. An der Silbermann-Orgel der Hofkirche Dresden – es ist die größte Orgel, die Gottfried Silbermann je gebaut hat, und sie ist hörbar italienischen Vorbildern verpflichtet – spielt er Orgelbearbeitungen berühmter Konzerte des Komponisten. Die Arrangements des Konzertes in d-Moll RV 565 aus L'Estro Armonico und des Konzertes in C-Dur RV 208 Il grosso Mogul stammen von keinem geringeren als Johann Sebastian Bach; er hat Vivaldis Werke mit großer Aufmerksamkeit studiert und meisterhaft bearbeitet. 
Ebenfalls in Geiste Bachs hat Heinrich E. Grimm Vivaldis berühmteste programmatische Konzerte, Die vier Jahreszeiten, für die Orgel transkri- biert. In dieser Version werden erstaunlich viele Details hörbar, die in dem vertrauten Streicherklang weit weniger auffallen. Man lausche nur dem Gesang der Vögel, der fröhlichen Jagd oder dem Brausen des Sturms – dank Orgelwind ziemlich authentisch! 

Freitag, 16. Juli 2010

Schumann: Sämtliche Werke für Pedalflügel / Orgel (Audite)

Immer wieder hat sich Robert Schumann mit dem Werk Bachs auseinandergesetzt. 1844 war der Komponist psychisch wie physisch am Ende. Er gab die Redaktion der von ihm gegründeten Neuen Zeit- schrift für Musik auf, und zog von Leipzig nach Dresden um.
Dort widmete er sich intensiv kontrapunktischen Studien - ein- mal mehr wurde Bach Mittelpunkt seines Denkens und Schaffens, und so fand Schumann 1845 allmählich wieder aus seiner Krise heraus. "Am 24. April erhielten wir ein Pedal unter den Flügel zur Miete, was uns viel Vergnügen schaffte", notierte Clara Schumann im Tagebuch. "Der Zweck war hauptsächlich, für das Orgelspiel zu üben. Robert fand aber bald ein höheres Interesse für dies Instrument und kompo- nierte einige Skizzen und Studien für den Pedalflügel, die gewiss großen Anklang als etwas ganz Neues finden werden." 
Schumann schrieb, als Studien für den Pedalflügel op. 56 Sechs Stücke in kanonischer Form, zudem Skizzen für den Pedalflügel
op. 58 sowie Sechs Fugen über den Namen BACH für Orgel oder Pianoforte mit Pedal op. 60. Der Pedalflügel aber ist mittlerweile aus der Musikpraxis verschwunden; die "ganz wundervolle(n) Effecte", die Schumann sich von diesem Kuriosum erhoffte, bringen denjeni- gen in Verlegenheit, der die Werke Schumanns für den instrumenta- len Zwitter heute aufführen möchte. Einzig die Sechs Fugen sind originäre Orgelwerke; "es ist dies eine Arbeit, an der ich das ganze vorige Jahr gearbeitet, um es in etwa des hohen Namens, den es trägt, würdig zu machen, eine Arbeit, von der ich glaube, daß sie meine anderen vielleicht am längsten überleben wird", schrieb er an seine Verleger. Auch hier irrte Schumann - obwohl er eine wahre Flut von ähnlichen musikalischen Huldigungen auslöste.
Die Studien handhaben die strenge Kanonform in erstaunlich freier und phantasievoller Weise. Erscheint das erste dieser Stücke noch beinahe, als hätte Bach selbst es komponiert, so werden die anderen zunehmend romantische Charakterstücke. Die Technik, so klagen Organisten, sei weitgehend pianistisch. Am Klavier aber, "zu 3 oder 4 Händen", wie von Schumann vorgeschlagen, lassen sich diese Werke auch nicht befriedigend spielen. Bizet bearbeitete sie daher für Klavier zu vier Händen, Debussy schuf eine Fassung für zwei Klaviere zu vier Händen. Clara Schumann selbst schrieb eine Klavierfassung für einige der Studien, die aber extrem weitgriffig geraten ist - was nicht alle Pianisten erfreut. Auch für einige der Skizzen gibt es  Bear- beitungen für Klavier zu zwei Händen von Clara Wieck. Hierbei geht es noch weniger um den Kontrapunkt, sondern eher um klangliche, quasi-orchestrale Effekte.
Spielt man sie auf der Orgel, so erinnern etliche dieser Werke stark an die französische Orgelmusik in der zweiten Hälfte und gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Assoziation wird nicht nur vom Organisten Andreas Rothkopf, sondern auch vom Instrument unterstützt, das er für diese Aufnahme auswählte: Die historische Orgel im badischen Hoffenheim wurde 1846 von Eberhard Friedrich Walcker errichtet. Rothkopf nutzt die klanglichen Möglichkeiten, die ihm dieses zeit- genössische und offenbar später glücklicherweise wenig modifizierte Instrument bietet, um Schumanns musikalische Ideen nachzuspüren - mit einer interessanten Registrierung, und stets nah am Notentext. So ist ihm eine CD gelungen, die rundum überzeugt. Bravo!