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Dienstag, 7. Dezember 2021

Angelo Notari - Giovanni Battista Fontana (Audite)

 

Die Stadt Mantua ist wesentlich kleiner als Rom, Mailand , Neapel oder Florenz. Dennoch war sie zur Barockzeit weithin bekannt. Geprägt wurde die lombardische Stadt durch die Familie Gonzaga. Sie schätzte und förderte die Kunst – Musiker wie Claudio Monteverdi waren ein Grund dafür, dass sich der Ruhm Mantuas in ganz Europa verbreitete. Für herrschaftlichen Glanz sorgten auch Maler und Architekten. So vermag der herzogliche Palast noch heute zu beeindrucken. 

Auf dieser CD ist die zum Palazzo gehörende Kirche Santa Barbara zu erleben. Sie ist ein repräsentatives Gesamtkunstwerk, und mit ihrer exzellenten Akustik sowie einander gegenüber liegenden Emporen zudem ein idealer Raum für Musik. Obendrein verfügt sie über eine berühmte Orgel, erbaut 1565 von Graziadio Antegnati. Diese erklingt heute nach einer umfangreichen Restaurierung durch Giorgio Carli wieder in der ursprünglichen Disposition und Stimmung. Und sie hat einen wirklich hinreißend schönen, charaktervollen Klang. 

Diesen magischen Ort hat die Blockflötistin Julia Fritz zusammen mit dem Organisten Johannes Hämmerle ausgewählt, um die vorliegende CD einzuspielen. Zu hören sind Werke von Giovanni Battista Fontana und Angelo Notari, Zeitgenossen Monteverdis. 

Angelo Notari stammte wahrscheinlich aus Padua, und lebte dann etliche Jahre in Venedig, bevor er 1610 nach England ging. Er war Hofmusiker des Königs Charles I., und in der British Library befindet sich ein Notenband, den er wahrscheinlich geschrieben hat. Dieses Manuskript enthält neben eigenen Werken unter anderem Kompositionen von Claudio Monteverdi, nicht selten für eine konkrete Besetzung bearbeitet. Eine Auswahl davon erklingt auf dieser CD, zumeist in Ersteinspielung. 

Die Variationen und Liedbearbeitungen machen deutlich, dass die Kunst der Verzierung in jener Zeit in Italien ebenso beliebt war wie in England. Höchst lebendig wiedergegeben werden diese Stücke von der Sopranistin Magdalene Harer und Blockflötistin Julia Fritz gemeinsam mit der Harfenistin Reinhild Waldek und Johannes Hämmerle an der historischen Orgel. 

Das Programm komplettiert eine Auswahl von Sonaten Giovanni Battista Fontanas. Er stammte aus Brescia, und wirkte in Rom, Venedig und Padua, wo er vermutlich 1630 der Pest zum Opfer fiel. Julia Fritz interpretiert seine Violinsonaten auf verschiedenen Flöten. 

Für mich war diese CD eine Entdeckung. Die Musiker überzeugen vor allem auch durch Sensibilität. Die Flötistin, obzwar technisch jeglicher Herausforderung gewachsen, erliegt nicht der Versuchung, ihre Virtuosität zur Schau zu stellen. Im Dialog mit den Musikerkollegen gestaltet Julia Fritz große melodische Bögen, traumschöne kantable Linien, die sie variantenreich und feinfühlig mit Diminutionen versieht. 

Ein großes Lob geht an dieser Stelle zudem an das Ton-Team. Denn auch die Aufnahmequalität ist hervorragend. Und beim Anhören der CD spürt man den Raum der Basilika – es ist mit Worten schwer zu beschreiben, aber es ist ein Erlebnis, grandios! 


Dienstag, 6. Juli 2021

Venturini: Concerti (Audite)


 Italienische und französische Stilelemente kombinierte Francesco Venturini (um 1675 bis 1745) in seiner Musik. Seine Concerti sind eine echte Entdeckung – voll Anmut und Eleganz, virtuos und farbenreich. Der Komponist, der wohl aus Brüssel stammte, wurde 1698 als Violinist Mitglied der kurfürstlichen Kapelle in Hannover. 1713 wurde er maestro dei concerti, und schließlich Hofkapellmeister. 
Venturinis Wirken in Hannover, wo die Dienstherrschaft größten Wert auf eine repräsentative Hofmusik legte, wurde lediglich 1718/19 kurz unterbrochen, weil ihn Herzog Friedrich II. mit der Neuaufstellung der Gothaer Hofkapelle beauftragte. Dass Venturini zu Lebzeiten hohes Renommee genoss, zeigt sich auch daran, dass seine zwölf Concerti op. 1 von dem bedeutenden Musikverleger Estienne Roger in Amsterdam gedruckt worden sind. 
Für diese CD hat das Ensemble La festa musicale drei dieser Concerti di camera ausgewählt. Komplettiert wird dieses reizvolle Programm durch eine Ouverture à 5 in e-Moll und ein Concerto à 6 in A-Dur aus schwedischen Sammlungen; letztere sowie das Concerto op. 1/2 erklingen in Weltersteinspielungen. Venturinis anspruchsvolle Musik dürfte nicht nur den Zuhörenden, sondern auch den Ausführenden Vergnügen bereiten. 
Barockmusik ist oftmals rhythmisch beschwingt und kreativ besetzt. So verwendet Venturini als konzertierende Soloinstrumente nicht nur jeweils ein oder zwei Oboen, Blockflöten und Violinen, sondern auch zwei Fagotte und zwei Celli oder auch Oboe, zwei Blockflöten und Violine. Außerdem bieten die Stücke viel Abwechslung. 
Das sorgt bei den Musikern für Spielfreude – und das norddeutsche Barockensemble La festa musicale zeigt Temperament. Durch den Einsatz zusätzlicher Instrumente steigern die Musiker den Farbenreichtum noch. Das war zu Venturinis Zeiten üblich; eine Partitur aus der Barockzeit ähnelt ohnehin eher einer Skizze, die jeweils von den Interpreten individuell ausgestaltet wird. Aufgefallen ist mir besonders der berückend schöne Ton der Holzbläser. 
La festa musicale spielt munter und lebendig, doch dies geht nicht zu Lasten der Präzision. Es wird durchweg sauber phrasiert, und perfekt artikuliert. „Wir sind alle in der historischen Aufführungspraxis ausgebildet“, meint Christoph Harer, Cellist und Ensemblesprecher, „aber wir wollen trotzdem keine Musik fürs Museum machen.“ Das gelingt bei dieser Produktion vorzüglich – was für ein Fest! 

Sonntag, 2. Februar 2020

Johann Bernhard Bach: Orchestral Suites (Audite)

Noch einmal Bach – Johann Bernhard Bach (1676 bis 1749). Er war der Sohn des Erfurter Stadtmusikanten Johann Aegidius Bach, ein Cousin zweiten Grades von Johann Sebastian Bach, und er musizierte ab 1703 als Cembalist in der Hofkapelle des kunstsinnigen Herzogs Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach und dazu, als Nachfolger seines Onkels Johann Christoph, als Organist an der Georgenkirche. 
In Eisenach wirkte von 1708 bis 1712 auch Georg Philipp Telemann als Konzert- und Kapellmeister, und er schwärmte noch Jahre später davon: „Ich muß dieser Capelle, die am meisten nach frantzösischer Art eingerichtet war, zum Ruhm nachsagen, daß sie das parisische, so sehr berühmte Opern-Orchester übertroffen habe.“
Einen Eindruck von diesem einzigartigen musikalischen Universum vermittelt uns nun das Thüringer Bach Collegium. Auf dieser CD präsentiert das Ensemble um Konzertmeister Gernot Süßmuth vier Orchestersuiten, einst komponiert für die Eisenacher Hofkapelle. Drei davon wurden als Aufführungsmaterialien von Bachs Leipziger Collegium musicum überliefert; eine weitere fand sich in Form einer Partitur, die offenbar aus dem Umfeld des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel stammt. 
Es sind anspruchsvolle Werke, voll Eleganz und voll Überraschungen. Das Thüringer Bach Collegium bringt diese musikalischen Brillanten mit ganz enormer Musizierlust so recht zum Funkeln. Entstanden sind diese Aufnahmen übrigens in der Eisenacher Georgenkirche. Eine hinreißend schöne Einspielung – und man darf gespannt weitere Entdeckung des Ensembles. 

Mittwoch, 27. November 2019

Prinz Johann Ernst von Sachsen-Weimar: Concerti (Audite)

Bislang war es nur Insidern bekannt – doch diese CD zeigt es unüber- hörbar: In der langen Reihe der musizierenden Monarchen, von König David bis hin zu Friedrich II. und Kaiser Leopold I., gebührt Johann Ernst IV. von Sachsen-Weimar (1696 bis 1715) ein Ehrenplatz. 
Der Prinz war der jüngste Sohn von Herzog Johann Ernst III. Doch sein Vater, wohl nicht nur der Kunst, sondern auch dem Alkohol zugeneigt und mit seinem Bruder Herzog Wilhelm Ernst in andauerndem Zwist lebend, starb bereits 1707. Und während in der Weimarer Wilhelmsburg streng und fromm regiert wurde, gingen im Roten Schloss, wo Johann Ernst und sein Halbbruder Ernst August heranwuchsen, die Musiker aus und ein. So kam 1708 der Mühlhäuser Hoforganist Johann Sebastian Bach als Hoforganist nach Weimar, und er unterrichtete gemeinsam mit seinem Vetter, dem Stadtorganisten Johann Gottfried Walther, und mit dem Primarius der Weimarer Hofkapelle Gregor Christoph Eylenstein die beiden Prinzen. 
Auf seiner Kavalierstour durch Belgien und die Niederlande lernte Johann Ernst IV. unter anderem die Concerti op. 3 von Antonio Vivaldi kennen, 1711 in Amsterdam unter dem Titel L'Estro armonico im Druck erschienen. Der Prinz blieb einige Monate an der Universität Utrecht – und brachte dann eine umfangreiche Kollektion an Musikalien mit nach Weimar, wo sie auch der junge Bach mit großem Interesse studierte. 
Nach seiner Rückkehr im Juli 1713 komponierte der junge Herzog „19 Instrumental-Stücke in der Zeit von ¾ Jahren“, so schreibt Johann Gottfried Walther. Da freilich plagte den Prinzen bereits eine Geschwulst, gegen die die ärztliche Kunst jener Tage nichts ausrichten konnte. Und so starb der Herzog dann, im Alter von gerade einmal achtzehn Jahren. Bei einem Kuraufenthalt im Hessischen aber lernte er zuvor Georg Philipp Telemann kennen, der dem Prinzen sechs Violinsonaten widmete. 
Außerdem veröffentlichte Telemann 1718 in einem prachtvollen Druck sechs Violinkonzerte von Johann Ernst. Zwei weitere wurden als Stimmensätze verschenkt und blieben so erhalten. Und Bach hat nicht nur Konzerte von Vivaldi und Marcello, sondern auch vier Konzerte von Johann Ernst für Tasteninstrument bearbeitet. Eines davon, ein Doppelkonzert für zwei Violinen nach BWV 984 und 595, hat Gernot Süßmuth für diese Einspielung rekonstruiert. 
In seiner Debüt-Aufnahme widmet sich das auf historischen Instrumenten spielende Thüringer Bach Collegium unter seiner Leitung den Konzerten des Prinzen mit faszinierender Spielfreude. Der Zuhörer kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Denn diese Werke von Johann Ernst von Sachsen-Weimar haben Qualität. Sie imitieren zudem nicht einfach das italienische Vorbild; bei aller „Vivaldimania“ wird durchaus eine eigene musikalische Handschrift erkennbar. Und man staunt darüber, wie gut dieser Prinz seinerzeit Geige gespielt hat. Denn die Konzerte sind anspruchsvoll, ja mitunter sogar virtuos – und Johann Ernst hat sie für sich selbst komponiert. 
Das Thüringer Bach Collegium musiziert ebenso stilkundig und feinfühlig wie lebendig. Mit dieser CD erweist das Ensemble einem Herrscher seine Reverenz, der  ein ausgezeichneter Musiker war. Was für ein Verlust, dass Johann Ernst IV. so jung gestorben ist... 

Samstag, 10. Juni 2017

Händel: Neun deutsche Arien - Brockes Passion (Audite)

Eine sehr schöne Aufnahme der Neun Deutschen Arien von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) haben Ina Siedlaczek und die Lautten Compag- ney kürzlich bei Audite veröffentlicht. Mit dem Textdichter, Barthold Heinrich Brockes (1680 bis 1747), könnte der Komponist 1702/03 in Halle Bekanntschaft geschlossen haben – beide studierten im selben Jahr dort. Und Brockes stammte aus Hamburg, wo Händel dann als Musiker arbeitete, bis 1706 er nach Italien ging. 
Von ihm stammt auch der Text für Händels Passionsoratorium Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus, 1719 in Hamburg uraufgeführt. „Im Ergebnis sehen wir die beiden einzigen Gelegenheiten, bei denen sich Händel mit der Vertonung von Texten in deutscher Sprache, seiner Muttersprache, für Stimme und obligates Soloinstrument beschäftigt hat. Aus dem sprach- lichen Idiom resultieren die stilistischen Besonderheiten der beiden Werke, da die Texte viel an Charakter und Klang vorgeben“, schreibt Wolfgang Katschner, der Leiter der Lautten Compagney, im Beiheft zu dieser CD. „Diese Nähe hat mich dazu bewogen, die deutschen Arien um Arien aus der Brockes-Passion zu ergänzen und damit ein Programm zu gestalten. Für den inhaltlichen Hintergrund der Arien erscheint mir darüber hinaus der Bezug zum Halleschen Pietismus von Bedeutung zu sein.“ 
Und so legen die Musiker größten Wert darauf, die Aussage der Texte auch im Klangbild zu unterstreichen. Dieses ist ausgesprochen farbig, üppig und abwechslungsreich – sowohl in der obligaten Instrumentalstimme als auch im Basso continuo. Dort wechseln sich Orgel, Cembalo, Harfe, Laute, Theorbe, Fagott und Cello in unterschiedlichen Kombinationen ab, was für erstaunliche Effekte sorgt und den Hörer erfreut. 
Kleine Änderungen können mitunter faszinierende Konsequenzen haben. Das zeigt sich ganz besonders eindrücklich am Beispiel der Arie Brich mein Herz, zerfließ in Tränen aus der Brockes-Passion. Bei diesem Stück wurde der Violinpart von einer Viola da gamba übernommen, was seinen Charakter wirkungsvoll unterstreicht. 
Die durchweg attraktive musikalische Gestaltung harmoniert aufs Beste mit dem Gesang von Ina Siedlaczek. Ihr Vortrag wirkt innig und natürlich; mit ihrer reinen, schlank geführten und wunderbar runden Sopranstimme gestaltet die Sängerin die alten Texte nuancenreich und eindringlich. 

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Paradisi Gloria - Sacred Music by Emperor Leopold I (Audite)

Leopold I. (1640 bis 1705) war der zweite Sohn des Kaisers Ferdinand III. und sollte daher eigentlich die geistliche Laufbahn einschlagen. Schon sein Vater liebte die Musik und komponierte auch selbst; der Sohn erlernte beim Hoforganisten Marcus Ebner das Clavierspiel, und im Fach Komposition unterrichtete ihn möglicherweise Hofkapellmeister Antonio Bertali. 
Doch dann starb noch vor dem Kaiser der Thronfolger; und so wurde Leopold I. 1658 zum Kaiser gekrönt. Der Politik konnte er wohl nicht wirklich etwas abgewinnen; den Wiener Hof allerdings machte er zu einem Zentrum der europäischen Kultur. 
Dass er selbst auch ein begabter Komponist war, beweist diese CD, die vier seiner Werke vorstellt. Das Stabat Mater und die Motette de Septem Doloribus Beatae Mariae Virginis schuf der Kaiser für das Fest der Sieben Schmerzen der Gottesmutter. Das Requiem, entstanden für die Beisetzungs- feierlichkeiten der ersten Frau des Kaisers, ist betont schlicht und innig gehalten. Leopold I. hatte seine Nichte, Margarita Theresa von Spanien, 1666 aus dynastischen Gründen geheiratet; sie teilte seine Leidenschaft für die Musik, starb aber bereits 1673. 
Auch seine nächste Ehefrau, Claudia Felizitas von Österreich-Tirol, musste der Kaiser 1676, nach dreieinhalbjähriger Ehe, zu Grabe tragen. Für sie vertonte er drei Lektionen zur ersten Nokturn für das Totenoffizium. Diese Musik erklang übrigens auch bei den Exequien nach dem Tode des Kaisers 1705 und seiner dritten Frau 1720. 
Johannes Strobl hat diese durchweg eher klagenden Gesänge mit der Cappella Murensis und Les Cornets Noirs in der Klosterkirche Muri eingespielt, die bereits bei anderen Aufnahmen durch ihre beeindruckende Akustik in Erinnerung geblieben ist. Das Solistenquintett und die Ripieni- sten, jeweils doppelt besetzt, singen diese emotionsgeladenen Werke sehr schlicht und gerade dadurch eindrücklich. Sie werden dabei bestens unterstützt durch die Musiker von Les Cornets Noirs, die auf Nachbauten historischer Instrumente musizieren. Formidabel! 

Montag, 25. Juli 2016

Muffat: Missa in labore requies (Audite)

Die Klosterkirche St. Martin der ehemaligen Benediktinerabtei Muri, gelegen im Kanton Aargau, ist ein ganz besonderer Raum. Es handelt sich dabei um ein barockes Oktogon, errichtet in den Jahren 1694 bis 1697 nach den Plänen des Baumeisters Giovanni Battista Bettini – noch heute der größte Kuppelzentralbau der Schweiz. 
Mit ihren vier Musizier-Emporen lädt diese Kirche zur Aufführung mehrchöriger Musik geradezu ein. Dazu kommt, dass das ehemalige Hauskloster der Habsburger im 18. Jahrhundert nicht nur mit Altären, Stuck, Schnitzwerk und Ausmalungen üppig ausgestattet wurde, sondern auch über fünf Orgeln verfügt. Zwei davon, die Epistel- und die Evangelienorgel, 1743 erbaut von Joseph und Viktor Ferdinand Bossart, und dazu drei Truhenorgeln, sind auf dieser CD zu hören. 
Die Cappella Murensis, gegründet 2002 durch den Kirchenmusiker Johan- nes Strobl, hat den Raum genutzt, um die Missa In labore requies von Georg Muffat (1653 bis 1704) aufzuführen – eine Komposition mit 24 (!) Stimmen in fünf Chören. Die Partitur dieser Rarität befand sich zunächst im Besitz Joseph Haydns; heute ist sie ein Bestandteil der Musikalien- sammlung der Fürsten Esterházy und wird in der Széchényi-National- bibliothek in Budapest aufbewahrt. In welcher Weise die Sänger und Musiker dabei im Kirchenraum positioniert worden sind, das wurde mit einigem Aufwand im Beiheft zu dieser CD dokumentiert. 
Außerdem erklingen groß besetzte Kirchensonaten von Antonio Bertali (1605 bis 1669), Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) und Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680). Das Label Audite hat dieses musikalische Ereignis aufgezeichnet – angesichts der Raumsituation kein einfaches Unterfangen, wie auch das gemeinsame Musizieren derart ver- teilter Ensembles nicht ganz unkompliziert ist. Der Zuhörer aber hat den akustischen Eindruck, mitten im Kirchenraum zu sitzen. Dieses Klang- erlebnis sollte man sich nicht entgehen lassen, zumal sowohl die Sänger der (professionellen) Cappella Murensis als auch die Mitwirkenden vom Trompetenconsort Innsbruck und Les Cornets Noirs sehr hörenswert musizieren. 

Montag, 21. Dezember 2015

Vom Himmel hoch... (Audite)

Vor der Bescherung Hausmusik – und zum Auspacken der Geschenke UKW: Das Radio lieferte in den 50er Jahren festliche Klänge zum Weihnachtsfest. Und weil diese Sendungen wirklich jeder hörte, waren sich auch große Stars nicht zu schade, in die Rund- funkstudios zu gehen und dort ganz schlicht Weihnachtslieder zu singen. In den Archiven des RIAS spürte das Label Audite Aufnahmen aus jener Zeit mit bedeutenden Sängern auf. Zu hören sind unter anderem Erna Berger, Elisabeth Grümmer, Walther Ludwig, der junge Dietrich Fischer-Dieskau, Josephine Varga oder Annelies Westen. Die Arrangements stammen von ebenso namhaften Komponisten, wie Gotthold Frotscher, Hans Chemin-Petit oder Rudolf Kühn. Vom Hendel-Quartett über das Lautenspiel von Gerhard Tucholski sowie die Orgel bis hin zum kompletten Studioorchester wurde auch bei der Begleitung eine breite Palette an Klang- farben aufgeboten. 

Samstag, 20. Dezember 2014

Stille Nacht... (Audite)

Diese CD erinnert an einen groß- artigen Chorleiter: Uwe Gronostay (1939 bis 2008) prägte über vierzig Jahre lang als Dirigent, Pädagoge und Organisator die deutsche und europäische Chorkultur umfassend und maßgeblich. Am 25. Oktober 2014 wäre er 75 Jahre alt geworden. Ihm zum Gedenken veröffentlicht das Label Audite diese CD mit Liedern zur Weihnacht, die zwischen 1972 und 1986 aufgezeichnet worden sind, als Gronostay künstlerischer Leiter des RIAS Kammerchors war. 
Diese CD führt den Zuhörer von der geheimnisvollen Nacht, in die Gottes Licht fällt, über Lob-, Erzähl- und Betrachtungslieder zur Christgeburt wieder zurück zur Nacht, die auch den Anbruch des neuen Tages in sich trägt. Die eingespielten Lieder reichen zudem von Renaissance und Reformation über romantische Chorwerke bis hin zu Liedsätzen und Kompositionen des 20. Jahrhunderts. 
Bekannte Sätze sind dabei eher rar; es sind zumeist weniger geläufige Werke, die Gronostay einst für „seinen“ Chor ausgewählt hat. Nicht Mendelssohn, sondern Loewe und Herzogenberg; nicht Bach, sondern Crüger, und nicht Rutter und Willcocks, sondern Wolfgang Jehn, Heinz Werner Zimmermann und Helmut Barbe. Ebenso beeindruckend ist die stilistische Vielfalt, für die diese Chorsätze stehen. Nicht alles freilich liegt dem RIAS Kammerchor gleichermaßen. Seine Stärken hat er eindeutig im moderneren Repertoire; die „Alte“ Musik singen andere Ensembles besser. Wer eine unkonventionelle CD zur Weihnacht sucht, mit Mut zum klang- lichen Experiment, der sollte sich diese jedoch unbedingt anhören. 

Freitag, 15. August 2014

Stamitz: Quartets for Clarinet (Audite)

Ach, was waren das für Zeiten, als der Zuhörer bei dem Wort „Quar- tett“ noch nicht automatisch  an zwei Geigen, eine Bratsche und ein Violoncello dachte. Vor Beethoven waren die Besetzungen wesentlich bunter, und die Komponisten offensichtlich auch experimen- tierfreudiger. Ein gutes Beispiel dafür gibt das Label Audite mit den Klarinettenquartetten op. 8 und op. 19 von Carl Stamitz (1745 bis 1801). 
Carl Stamitz war ein Sohn von Johann Stamitz, und war somit der Mannheimer Schule quasi von Geburt an verbunden. Ersten Unterricht erhielt er bei seinem Vater; nach dessen Tod 1757 übernahmen Christian Cannabich, Ignaz Holzbauer und Franz Xaver Richter die musikalische Ausbildung des Jungen. Als er 16 Jahre alt war, erhielt er seine erste Anstellung als Violinist in der Mannheimer Hofkapelle. 1770 entschied sich Carl Stamitz für ein Leben als reisender Virtuose und Komponist; so trat er gemeinsam mit seinem Bruder Anton in Paris auf, und ging mehrfach auf Konzertreisen quer durch Europa. Obwohl er sich dabei hohes Ansehen erwarb, gelang es ihm aber nicht mehr, sich durch eine lukrative Anstellung abzusichern. Letzten Endes beschäftigte die Universität Jena Stamitz ab 1795 als akademischen Musiklehrer; in der Saalestadt starb der Virtuose dann auch, hoch verschuldet. Sein Nachlass gilt als verschollen. 
Auch wenn Stamitz seinen Ruhm vor allem durch Orchesterwerke erworben hat, zeigen seine Klarinettenquartette doch ebenfalls die hohe Kunstfertigkeit des Komponisten.  Sie sind ein wichtiges Zeugnis für die zunehmende Bedeutung der Klarinette in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Denn Stamitz hat für das seinerzeit noch ziem- lich neue, in Spieltechnik wie Klangfarbe offenbar in steter Entwick- lung befindliche Instrument herrliche Partien geschaffen, die dem Solisten einiges abfordern, aber ihm auch wunderbar Gelegenheit bieten, die Klarinette zu präsentieren. 
Arthur Campbell hat hörbar Freude an diesen Werken. Mit seinem sanglichen Spiel und seinem schmeichelnden Ton fügt er sich ein zwischen die Streicher Gregory Maytan, Violine, Paul Swantek, Viola und Pablo Mahave-Veglia, Violoncello. Er setzt auch Kontraste und Glanzpunkte, und der Zuhörer freut sich über die Eleganz dieser charmanten Musik. Unbedingt anhören – das ist Kammermusik, die rundum gute Laune bringt, in einer hinreißend gelungenen Einspie- lung. 

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Music for two Organs (Audite)

Das Kloster Muri, gegründet 1027, war das Hauskloster der Habsbur- ger. Im 17. Jahrhundert errichte- ten die Benediktiner anstelle der alten Gebäude eine repräsentative barocke Klosteranlage. Dabei wurde auch die Klosterkirche um- gebaut. Sie erhielt unter anderem vier Emporen, deren Zweck durch Fresken mit musizierenden Engeln deutlich erkennbar ist, und zwei prachtvolle Orgeln mit acht bzw. 16 Registern, die der Orgelbauer Joseph Bossart und sein Sohn Victor Ferdinand Bossart 1743 auf zwei der Emporen aufstellten. 
Die beiden Instrumente, die nach ihrer Position links und rechts vom Hochaltar auch als Evangelien- und Epistelorgel bezeichnet werden, sind erhalten und wurden vorbildlich restauriert. David Blunden und Johannes Strobl haben nun für eine Super-Audio-CD des Labels Audite auf diesen historischen Instrumenten Musik eingespielt, wie sie im 17. Jahrhundert am Wiener Hof erklungen ist. 
Diese Zeitreise beginnt mit der Übersiedlung Ferdinands II. von Graz nach Wien. Der Erzherzog von Innerösterreich, der nach dem Tode des kinderlosen Matthias zum neuen Kaiser gewählt worden war, brachte nicht nur seinen Hofstaat mit, sondern auch seinen Musik- geschmack, der sich am italienischen Vorbild orientierte. Seine Hofkapelle leitete zunächst der Venezianer Giovanni Priuli, dann Giovanni Valentini.   Wolfgang Ebner und Johann Jakob Froberger waren die Favoriten seines Nachfolgers Ferdinand III. Kaiser Leo- pold I. schließlich war selbst ein herausragender Komponist. Seine Hoforganisten waren Alessandro Poglietti, Johann Caspar Kerll und Franz Mathias Techelmann. 
Aus der Regierungszeit dieser drei Kaiser also sind auf dieser CD Werke versammelt, wie sie in Kammer und Kirche erklungen sind. Ergänzt werden die Orgelstücke, die von den beiden Organisten sehr hörenswert sowohl solistisch als auch im dialogischen Spiel vorgetragen werden, durch eine weitere österreichische Spezialität: Kunstvolle Orgelmusik und generalbassbegleitete Gregorianik im Wechselgesang, hier vorgestellt anhand von Quellen aus dem Musik- archiv des Wiener Minoritenkonvents. 

Samstag, 4. August 2012

Edition Fischer-Dieskau (Audite)

Dem Andenken eines großartigen Sängers gewidmet ist die Edition Fischer-Dieskau bei Audite. Das Label hat dafür aus den Archiven eine Reihe von Raritäten heraus- gesucht, und die Aufzeichnungen auf den historischen Masterbän- dern mit Sorgfalt digital aufgear- beitet. 
So gilt die fünfte CD der Edition der Winterreise von Franz Schubert. Diesen Liederzyklus hat Dietrich Fischer-Dieskau um die dreißig Mal eingesungen. Diese Aufnahme aber war seine allererste, aufgezeichnet im Januar 1948 für den Rias; am Klavier begleitete seinerzeit Klaus Billing den jungen Sänger. Die Be- dingungen, unter denen diese Bänder entstanden sind, kann man sich heute gar nicht mehr recht vorstellen. So wirkten sich Schwankungen in der Stromversorgung auf die Bandgeschwindigkeit aus. Und auf- grund technischer Defekte musste die Hälfte der Stücke von den erschöpften Interpreten noch einmal eingespielt werden. Dass diese Aufnahme dennoch zu einer Legende wurde, zeigt, welche Klasse der Liedgesang Fischer-Dieskaus damals bereits hatte. 
Der junge Sänger wählte für Schuberts berühmte Lieder ein erstaun- lich langsames Grundtempo. Dieser Wanderer schreitet nicht vom Zorn beschwingt zum Tor hinaus, er schleppt sich vielmehr mühsam aus der Stadt. Fischer-Dieskau lässt jugendlichen Weltschmerz ebenso zu wie beinahe opernhafte Dramatik, doch die Musik ist mitunter klüger als der Interpret, und bricht die allzu romantischen Klänge ironisch. Als Referenzaufnahme würde ich diese nicht wählen, aber ein beeindruckendes musikalisches Dokument ist das schon. 
Neben Werken von Hugo Wolf und Johannes Brahms finden sich in der CD-Reihe auch Lieder Ludwig van Beethovens. So enthält die dritte CD der Edition Arrangements schottischer, irischer und walisischer Volkslieder aus seiner Feder. 22 derartige Stücke hat Dietrich Fischer-Dieskau 1952 gemeinsam mit dem Pianisten Michael Raucheisen, Grete Eweler-Froboese, Violine, Irmgard Poppen, Violoncello, und dem Rias Kammerchor unter Herbert Froitzheim eingespielt. Hier überrascht der Sänger mit einem ausgeprägten komischen Talent, das er auf der Bühne seltsamerweise nur selten zeigen konnte. Ob ein deftiges Trinklied oder der Bittgesang eines etwas naiven Verliebten - Fischer-Dieskau gestaltet mit sehr viel Charme geradezu szenische Miniaturen. Vielen Dank an Audite für diese Entdeckungen!

Montag, 4. Juli 2011

Kirsten Flagstad (Audite)

Kaum zu glauben - aber diese Aufnahme ist ein Live-Mitschnitt aus dem Jahre 1952, entstanden wenige Wochen vor dem 57. Ge- burtstag von Kirsten Flagstad. Man lauscht erstaunt, und wundert sich darüber, welche Töne die berühm- te norwegische Sopranistin zu diesem Zeitpunkt noch produ- zieren konnte. Dass sie mitunter Höhe nur noch mit Kraft stemmen kann - geschenkt! denn wie beein- druckend klingt ihr geheimnisvoll-dunkel timbrierter Sopran, und wie gestaltet sie insbesondere die langen Töne, die großen Bögen. Das ist ganz große Gesangskunst. Man ahnt, wie diese Stimme einst geklungen haben mag, am Beginn einer Sängerlaufbahn, die hier nach mehr als drei Jahrzehnten schon ihrem Ende entgegengeht. Dennoch verfügt Flagstad noch hier über stimmliche Mittel, die auch in den nachfol- genden Generationen wohl so mancher Opernstar auch sehr gern gehabt hätte. Eine Gesangskarriere von einer solchen Dauer erscheint zudem heute, wo Sänger vielfach wie eine Wegwerfware verschlissen und verbraucht werden, wie ein Wunder. 
Die vorliegenden Mono-Mitschnitte der beiden Konzerte aus dem Berliner Titania-Palast mit dem Orchester der Städtischen Oper unter Georges Sebastian wurden von Audite phantastisch remastert. Sie enthalten Wagners Wesendonck-Lieder, die Flagstad mit Gänsehaut erzeugender Intensität vorträgt, Schlüsselszenen aus Wagners Tristan und Isolde sowie Brünnhildes Schlussgesang aus der Götterdämme- rung, ergänzt um den Monolog der Elektra aus Strauss gleichnamiger Oper sowie um drei seiner Vier letzten Lieder. Kirsten Flagstad hatte dieses Werk von Richard Strauss 1950 auf Wunsch des Komponisten uraufgeführt. Wenn die Sängerin in Kenntnis ihrer stimmlichen Re- serven auf das vierte Lied hier verzichtet, dann ist man geneigt, das klug zu finden; es bleibt auch so noch genug Substanz übrig, und der Klang dieser Stimme - unvergleichlich, faszinierend. 

Montag, 10. Januar 2011

Solomon - Beethoven, Schumann, Bach, Chopin, Brahms (Audite)

Solomon Cutner (1902 bis 1988) stammte aus einfachen Verhält- nissen. Sein Vater war Schneider; ursprünglich hieß die Familie Schneidermann, anglisierte aber ihren Namen dann auf Cutner - was nicht nur auf den Beruf anspielte, sondern auch auf das polnische Kutno, aus dem die Familie einst eingewandert war.
Die musikalische Begabung Solo- mons zeigte sich früh; im Alter von fünf Jahren erhielt der Knabe be- reits Klavierstunden, und 1910 trat er in die Privatmusikschule von Mathilde Verne ein. Diese Schülerin von Clara Schumann erwies sich nicht nur als versierte Pianistin, sondern auch als clevere Unternehmerin, die ihren Schüler als Wun- derkind vermarktete. Im Juni 1911 gab er sein Debüt mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 15 in B-Dur, KV 450, und dem langsamen Satz aus Tschaikowskis b-Moll-Klavierkonzert. "Solomon - aged 8 years", kündigte ihn Verne an, und diesen Künstlernamen behielt er bei, auch wenn seine glanzvolle Karriere zunächst abrupt endete. Denn dem Heranwachsenden wurde der Wunderkind-Bonus entzogen; und was das Publikum zuvor possierlich fand, das wurde schließlich als affektiert abgelehnt. Das stürzte Solomon in eine tiefe persönliche Krise. Als 14jähriger trennte er sich von seiner Lehrerin, und zog sich aus dem Musikbetrieb zurück.
Dass er 1921 erfolgreich ins Konzertleben zurückkehren konnte, verdankte Solomon vor allem Lazare Lévy, dem Nachfolger Cortots am Pariser Konservatorium - insbesondere jene exzellente Technik, die noch heute begeistert. Lèvy erinnerte seine Schüler immer wieder daran, dass ein Pianist nicht mit zwei Händen, sondern mit zehn Fingern spielt. Er legte größten Wert auf anatomisch korrekte Bewe- gungen, und auf einen sparsamen Gebrauch des Pedals. 
Das Ergebnis: Phänomenale Durchhörbarkeit der musikalischen Strukturen, überragende klangliche und dynamische Gestaltung - und immer wieder Phrasen, die wie eine gesungene Melodie wirken. Solo- mons Spiel wirkt so "natürlich", so ungekünstelt, und erzeugt eine Spannung, dass man schier den Atem anhalten möchte. Das gilt insbesondere für den ersten Satz von Beethovens legendärer Klavier- sonate Nr. 14 cis-Moll, op. 27 Nr. 2, die Mondschein-Sonate, die man kaum noch anhören möchte, weil sie oftmals derart gedankenlos heruntergeklimpert wird. Solomon spielt dieses Stück delikat - und unendlich langsam, aber ich finde seine Auffassung interessant, weil auch Dynamik und Klang darauf hervorragend abgestimmt sind. So entsteht eine spannungsgeladene musikalische Atmosphäre, die zugleich eine für uns heutzutage nur noch schwer erträgliche Ruhe ausstrahlt. Die furiose Entladung erfolgt im dritten und  letzten Satz. Das ist wirklich grandios, das ist große Klavierkunst.
Ähnliches gilt für Schumanns Carnaval, den Solomon so eng am Notentext interpretiert, dass man mitschreiben könnte. Doch durch die Strenge und die Präzision, mit der der Pianist Schumanns Werk spielt, tritt die Extravaganz dieser Komposition nur um so deutlicher zutage. Was Solomons Spiel so einzigartig macht, das ist sein Streben nach Werktreue, zugleich aber auch nach Klarheit, Eleganz - und Poesie. Das bekommt im übrigen auch den drei Werken Chopins, die hier zu hören sind, ganz fantastisch. 
Die Aufnahmen, die Audite erstmals von den Originalbändern re- mastert hat, gehören zu seinen letzten: Solomon erlitt 1956 einen schweren Schlaganfall, der ihn nachhaltig beeinträchtigte. Geistig hellwach, doch ohne die Aussicht, jemals wieder Klavier spielen zu können, verbrachte der Pianist den Rest seines Lebens in seinem Haus in London, wo ihn seine Frau liebevoll pflegte. Diese Doppel-CD wird hoffentlich dazu beitragen, die Erinnerung an diesen großartigen Pianisten auch außerhalb von Fachkreisen wachzuhalten.  

Sonntag, 17. Oktober 2010

Beethoven: Piano Sonatas (Audite)

Wilhelm Backhaus (1884 bis 1969) debütierte als Zwölfjähriger im Leipziger Gewandhaus. Sein letztes Konzert gab er mit 85 Jahren, wenige Tage vor seinem Tod, in der Stiftskirche von Ossiach in Kärn- ten. Seine Lieblingskomponisten waren Bach, Beethoven, Brahms, Chopin, Haydn, Liszt, Mozart, Schubert und Schumann; vor allem ihre Werke liebte, erkundete und spielte er.
Vom demonstrativen Virtuosen- tum einiger Pianisten, die er als junger Mann erlebte, distanzierte er sich ganz ausdrücklich: Backhaus stellte die Musik in den Mittelpunkt, und nicht den Solisten. Ihm ging es um eine möglichst authentische Wiedergabe des Notentextes. Mit dieser Auffassung, für die er mitunter von der Kritik heftig angegriffen wurde, beeindruckte er nicht nur das Publikum, sondern auch etliche junge Kollegen. 
Das Label Audite legt nun die Aufnahme eines seiner letzten Konzerte vor, das er am 18. April 1969 in Berlin gab. Diese CD basiert auf den Originalbändern des Rundfunkmitschnittes, die einem sorgfältigen Remastering unterzogen wurden. Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht verblüffend. Denn der Klang ist glasklar, und dass hier ein Greis spielt, ist an keiner Stelle zu spüren. 
Das Programm beginnt mit Beethovens Klaviersonate Nr. 15 D-Dur op. 28 "Pastorale", die Backhaus mit großem Engagement, zugleich jedoch mit einer gewissen Nervosität spielt. Das hat Auswirkungen auf die Dynamik, und auch auf die Treffsicherheit. Hier wird musiziert ohne Netz und doppelten Boden, und wo derart schwungvoll gehobelt wird, da fliegen mitunter nicht nur ein paar Späne. Das aber macht ein "richtiges" Konzert ja so spannend. Und an Spannung fehlt es hier wahrlich nicht.
Es folgen die Klaviersonaten Nr. 18 Es-Dur op. 31 Nr. 3 und Nr. 21 C-Dur op. 53 "Waldstein". Diese Sonate spielt Backhaus mit einem unglaublichen Tempo; da ist kein Raum für Melancholie und für Reflexion. Nach 24 Minuten ist dieser Wirbelsturm vorbei - doch ihn zu beobachten, das war unglaublich faszinierend. Zum Abschluss erklingt die Sonate Nr. 30 E-Dur op. 109. Auch hier behält der Pianist seinen zupackenden Stil bei; er lässt die Sätze nahezu ohne Pause aufeinander folgen, und macht insbesondere auch aus dem letzten Satz beileibe kein klingendes Rätsel. 
Man muss diesen Zugriff nicht mögen. Es gibt sicherlich inzwischen differenziertere Einspielungen, die mehr Wert auf dynamische Finessen und auf Details der musikalischen Struktur legen. Aber mit Blick auf den Zeitpunkt der Entstehung wird man dieser Interpreta- tion von Wilhelm Backhaus den gebührenden Respekt nicht versagen - sie gehört zu den raren Aufnahmen, die nicht nur als musikalisches Dokument über ihre Zeit hinaus Bestand haben.

Samstag, 7. August 2010

Schubert: Sonata in A major; Schumann: Faschingsschwank (Audite)

1838/39, als Robert Schumann in Wien lebte, war Franz Schubert bereits so sehr Vergangenheit, dass sein Schaffen nahezu ver- gessen war. Es war Schumann, der bei Schuberts Bruder Ferdinand die C-Dur-Sinfonie des Komponi- sten aufstöberte, und die Entdek- kung an seinen Freund, den Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy, weiter- reichte. Dieser sorgte für die Uraufführung dieses Werkes in Leipzig - ein Musikereignis, das den Blick der Musikwelt auch auf andere Stücke Schuberts lenkte.
Schumann selbst interessierte sich für Schuberts Umgang mit der Sonatenform. In seiner Wiener Zeit schuf er eine "große romantische Sonate", die er dann 1839 in Leipzig mit einem rasanten Finale kom- plettierte, und Faschingsschwank aus Wien nannte.
Hisako Kawamura spielt diese Fantasiebilder op. 26 zupackend, geradlinig und kraftvoll. Einen ähnlichen Zugriff versucht sie auch bei Schuberts Sonate A-Dur, D 959, die der Komponist Johann Nepomuk Hummel gewidmet hatte. Sie hat mit den Klaviersonaten eines Beet- hoven nur mehr den Namen gemeinsam; die klassische Form, der ganze schöne, sorgsam austarierte Sonatenhauptsatz liegt längst in Trümmern. 
Schubert nimmt einzelne Bruchstücke, wie um sie ungläubig zu bestaunen und zu kommentieren. Und selbst unter dem kecken Ländler vermeint man das Grollen des Basses zu spüren, wie ein Echo jenes Sturmes, der das charmante Andantino ins Chaos stürzen ließ. Hier ist mir die Pianistin zu harmlos, zu unentschieden; ihre Technik ist ohne Zweifel exzellent, aber sie schreckt möglicherweise vor dem Abgrund zurück, den gestalterische Konsequenz hörbar machen würde. Schade.

Samstag, 17. Juli 2010

Schumann - Harada (Audite)

Hideyo Harada spielt drei frühe Schlüsselwerke von Robert Schumann: Die Fantasie C-Dur
op. 17, die Kreisleriana op. 16 und die Arabeske op. 18 sind vor seiner Hochzeit mit Clara Wieck entstan- den. Das hätte eine interessante Kombination sein können.
Die Interpretation der Pianistin aber kann mich nicht begeistern. Statt Struktur und Gestalt gibts jede Menge Tempo-Varianten, in bunter Mischung und ohne er- kennbare Funktion: Rubato, ritar- dando, rallentando, a piacimentoSchumann selbst meint in seinen Musikalischen Haus- und Lebensregeln: "Spiele im Takte. Das Spiel mancher Virtuosen ist wie der Gang eines Betrunkenen. Solche nimm dir nicht zum Muster." Das ist, denke ich, eine klare Anweisung; ein Profi sollte gute Gründe haben, wenn er doch anders gestaltet. Und die Kreisleriana hat Schumann seinem Freunde Chopin zugeeignet - davon höre ich hier aber nichts. Diese Super-Audio- CD bietet Romantik mit viel Zuckerguss, für die höhere Tochter, das ist eine Einspielung zum Gruseln! Schade drum.

Freitag, 16. Juli 2010

Schumann: Sämtliche Werke für Pedalflügel / Orgel (Audite)

Immer wieder hat sich Robert Schumann mit dem Werk Bachs auseinandergesetzt. 1844 war der Komponist psychisch wie physisch am Ende. Er gab die Redaktion der von ihm gegründeten Neuen Zeit- schrift für Musik auf, und zog von Leipzig nach Dresden um.
Dort widmete er sich intensiv kontrapunktischen Studien - ein- mal mehr wurde Bach Mittelpunkt seines Denkens und Schaffens, und so fand Schumann 1845 allmählich wieder aus seiner Krise heraus. "Am 24. April erhielten wir ein Pedal unter den Flügel zur Miete, was uns viel Vergnügen schaffte", notierte Clara Schumann im Tagebuch. "Der Zweck war hauptsächlich, für das Orgelspiel zu üben. Robert fand aber bald ein höheres Interesse für dies Instrument und kompo- nierte einige Skizzen und Studien für den Pedalflügel, die gewiss großen Anklang als etwas ganz Neues finden werden." 
Schumann schrieb, als Studien für den Pedalflügel op. 56 Sechs Stücke in kanonischer Form, zudem Skizzen für den Pedalflügel
op. 58 sowie Sechs Fugen über den Namen BACH für Orgel oder Pianoforte mit Pedal op. 60. Der Pedalflügel aber ist mittlerweile aus der Musikpraxis verschwunden; die "ganz wundervolle(n) Effecte", die Schumann sich von diesem Kuriosum erhoffte, bringen denjeni- gen in Verlegenheit, der die Werke Schumanns für den instrumenta- len Zwitter heute aufführen möchte. Einzig die Sechs Fugen sind originäre Orgelwerke; "es ist dies eine Arbeit, an der ich das ganze vorige Jahr gearbeitet, um es in etwa des hohen Namens, den es trägt, würdig zu machen, eine Arbeit, von der ich glaube, daß sie meine anderen vielleicht am längsten überleben wird", schrieb er an seine Verleger. Auch hier irrte Schumann - obwohl er eine wahre Flut von ähnlichen musikalischen Huldigungen auslöste.
Die Studien handhaben die strenge Kanonform in erstaunlich freier und phantasievoller Weise. Erscheint das erste dieser Stücke noch beinahe, als hätte Bach selbst es komponiert, so werden die anderen zunehmend romantische Charakterstücke. Die Technik, so klagen Organisten, sei weitgehend pianistisch. Am Klavier aber, "zu 3 oder 4 Händen", wie von Schumann vorgeschlagen, lassen sich diese Werke auch nicht befriedigend spielen. Bizet bearbeitete sie daher für Klavier zu vier Händen, Debussy schuf eine Fassung für zwei Klaviere zu vier Händen. Clara Schumann selbst schrieb eine Klavierfassung für einige der Studien, die aber extrem weitgriffig geraten ist - was nicht alle Pianisten erfreut. Auch für einige der Skizzen gibt es  Bear- beitungen für Klavier zu zwei Händen von Clara Wieck. Hierbei geht es noch weniger um den Kontrapunkt, sondern eher um klangliche, quasi-orchestrale Effekte.
Spielt man sie auf der Orgel, so erinnern etliche dieser Werke stark an die französische Orgelmusik in der zweiten Hälfte und gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Assoziation wird nicht nur vom Organisten Andreas Rothkopf, sondern auch vom Instrument unterstützt, das er für diese Aufnahme auswählte: Die historische Orgel im badischen Hoffenheim wurde 1846 von Eberhard Friedrich Walcker errichtet. Rothkopf nutzt die klanglichen Möglichkeiten, die ihm dieses zeit- genössische und offenbar später glücklicherweise wenig modifizierte Instrument bietet, um Schumanns musikalische Ideen nachzuspüren - mit einer interessanten Registrierung, und stets nah am Notentext. So ist ihm eine CD gelungen, die rundum überzeugt. Bravo!

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Strauss: Walzer, Polkas - Edition Ferenc Fricsay Vol. XII (Audite)


Raritäten aus fernen Mono-Tagen, solide remastert und so hinübergerettet in unsere Hightech-Zeit. Diese Aufnahmen von Strauss' Walzern und Polkas entstanden im Juni 1950 sowie im Oktober 1952. Wer eine Hochglanz-Aufnahme im Stile der Neujahrskonzerte erwartet, der wird enttäuscht werden.
Dennoch beeindruckt diese CD durch die Vitalität und Geradlinigkeit des Musizierens. Daran ändert auch der eine oder andere schiefe Ton nichts, der trotz aller Schnitte verblieben ist. Mitunter meint man, nicht das Rias-Symphonie-Orchester zu hören, sondern eine Militärkapelle, wie sie der jugendliche Fricsay einst in Szeged geleitet hat. Köstlich sind beispielsweise der "Kaiser-Walzer" mit seiner langsamen Einleitung, das temperamentvolle "Künstler-Leben" oder das "Perpetuum mobile", ein musikalischer Scherz, der insbesondere die Bläser vor einige Herausforderungen stellt. Vermisst man gelegentlich eine gewisse Leichtigkeit und Beweglichkeit, so wird man hingegen erstaunt Spuren jener Melancholie wahrnehmen, die ungarische Musiker wohl auszeichnet. Und spätestens die daunenleichte, witzige "Pizzicato-Polka" entschädigt für den eher schwachen Beginn.

Samstag, 5. Dezember 2009

Es ist ein Ros' entsprungen - Choir and Organ Christmas Music (audite)


Diese Super Audio CD widmen Karin Freist-Wissing, Leiterin der Chor- und Orchester-arbeit, und Stefan Horz, Organist an der Evangelischen Kreuzkirche in Bonn, der Gottesmutter Maria.
Die hierfür ausgewählten Lieder und die Orgelmusik feiern Weihnachten nicht als Fest der Familie, der Freude und der Liebe, sondern sie erinnern daran, dass die Geburt Christi untrennbar verbunden ist mit dem Tod. Die Musiker haben die entsprechenden Stücke mit großer Sorgfalt ausgesucht.
Sie gehen von Praetorius' populärem Lied "Es ist ein Ros entsprungen", und von Kaminskis "Maria durch ein' Dornwald ging" aus - und tragen schon in den Orgelimprovisationen dazu dieses Konzept in die Gegenwart. Statt Wiegenlieder gibt's Max Regers "Ave Maria". Und immer wieder kehren sie zum "Ros" zurück - so in Brahms' Choralvorspiel, in Distlers Choralmotette oder in einem Chorsatz des schwedischen Zeitgenossen Jan Sandström. 
Trotz der drei Bach-Werke am Ende erscheint diese Einspielung spröde, sperrig und seltsam distanziert. Das mag auch mit am Chor liegen: "Vox Bona", Gute Stimme, heißt der Kammerchor der Kreuzkirche Bonn - mit 40 Sängerinnen und Sängern ist das Ensemble freilich üppig bestückt, jedenfalls im Vergleich zu so mancher Chorempore hierzulande. Sie singen wie die Engel, lupenrein sauber, brav und perfekt. Letztendlich aber fehlt mir jener Funke, der Musik lebendig macht. Schade.