Die Musik von Richard Wagner (1813 bis 1883) hat es dem Organisten und Dirigenten Hansjörg Albrecht offensichtlich angetan. Nach einem Ring ohne Worte, mit der Staatskapelle Weimar, einem Ring, transkribiert für Orgel und einer CD mit Orgelversionen von Ouvertüren und Vorspielen zu Wagners Opern veröffentlicht er nun noch eine weitere CD mit Orgeltranskriptionen. Sie stammen diesmal von Edwin Henry Lemare und dem jungen Komponisten Axel Langmann.
Wagners farbenreiche Orchesterklänge laden regelrecht dazu ein, sie auf der Orgel zu musizieren. All die Leitmotive, Klangeffekte und dazu die enorme dynamische Bandbreite lassen sich damit auf das Beste zelebrieren.
Hansjörg Albrecht hat für diese Aufnahme mit der Orgel der Pfarrkirche Herz-Jesu München, erbaut 2003 von Gerald Woehl, ein grandioses Instrument ausgewählt. Zu hören sind, neben dem Titelstück die Ouvertüren und Vorspiele zu Wagners Opern Die Feen, Lohengrin, Das Liebesverbot und Rienzi, von Albrecht zusammengefasst zu einer Fantasie-Sinfonie. Und als Bonus erklingt das populäre Lied an den Abendstern aus Tannhäuser. Es ist faszinierend, wie „orgel-affin“ Wagners Kompositionen sind; wer es nicht besser weiß, der wird an keiner Stelle auf die Idee kommen, dass es sich um Bearbeitungen handelt. Hansjörg Albrecht zieht buchstäblich alle Register, und kreiert einen großartigen Wagner-Sound. Unbedingt anhören, es lohnt sich!
Goethes Faust inspirierte viele Musiker – Werke wie die Faust-Ouvertüre von Richard Wagner, Hector Berlioz' Oper La Damnation de Faust oder die Faust-Szenen von Robert Schumann geben davon Zeugnis.
Franz Liszt (1811 bis 1886) lernte Goethes Dichtung 1828 in Paris kennen; nach einem Hinweis durch Berlioz las der Komponist das Werk (in der französischen Übersetzung) und war davon begeistert. Bis er allerdings seine Faust-Symphonie schrieb, gingen noch einige Jahre ins Land – das Werk entstand erst in Weimar, wo Liszt ab 1848 als Hofkapellmeister wirkte. Der Musiker arbeitete ziemlich lange daran; einer ersten Fassung, die 1854 fertig orchestriert vorlag, fügte er später noch ein Chorfinale an. Uraufgeführt wurde das Werk dann in dieser zweiten Version im September 1857 in Weimar zur Einweihung des Goethe-Schiller-Denkmals.
Hansjörg Albrecht hingegen nutzte die erste Fassung, um seine Orgel- transkription zu erarbeiten. Er folgt damit dem historischen Vorbild, denn auch Liszt hat viele Werke der verschiedensten Komponisten für das Klavier bearbeitet – unter anderem auch die Faust-Symphonie, von der Liszt selbst eine Version für zwei Klaviere erstellte. Die Orgel als Konzertinstrument freilich bietet für ein solches Unterfangen klanglich viel reizvollere Möglichkeiten, wie diese Einspielung zeigt.
Für die Aufnahme stand Hansjörg Albrecht die Klais-Orgel der Philhar- monie im Münchner Gasteig zur Verfügung. Dieses Instrument, 1985 von dem Bonner Orgelbauer Hans Gerd Klais verwirklicht, 2004 noch einmal neu intoniert und 2010 um zusätzliche Koppelmöglichkeiten ergänzt, bietet als Konzertsaalorgel ein breites Spektrum an Klangmöglichkeiten und Farben. Albrecht nutzt sie brillant, um Liszts kühne Musik neu zu interpretieren. Sehr beeindruckend!
Das Orchesterwerk von Max Reger (1873 bis 1916) ist umfangreich und vielfältig. Schon beim Auspacken dieser 12-CD-Box, die jetzt die Deutsche Grammophon quasi als verspätete Gabe zum hundertsten Todestag des Komponisten, nach- gereicht hat, gerät man ins Staunen. Denn der Komponist ignorierte sowohl Gattungsgrenzen als auch stilistische Moden.
Hört man seine Musik an, so wird man feststellen: Alles ist möglich – vom knappen Scherzino, launig „compostiert“ für Horn und ein Dilettantenorchester, bis hin zur großformatigen Vertonung des 100. Psalms op. 106, mit dem sich Reger 1908/09 für die Verleihung des Ehrendoktors durch die Universität Jena bedankte, und vom außer- ordentlich komplexen Violinkonzert op. 101 bis zur fein ziselierten Ballett-Suite op. 130, und vom Requiem nach einem Text von Friedrich Hebbel bis zu zahlreichen Orchesterliedern. Reger war ein wirklich bedeutender Meister, der sein Handwerk rundum beherrschte, der sich auf die Kunst der Instrumentierung verstand, das Spiel mit Klangfarben und Klangeffekten liebte, dabei sehr eigenwillig war – und mitunter auch ausgesprochen witzig.
Umso erfreulicher ist es, dass die Deutsche Grammophon mit dieser Edition einen Schatz gehoben hat, der lange Zeit nicht zugänglich war. Denn die Grundsubstanz entstammt der legendären Reger-Edition des Labels Koch-Schwann, dessen Katalog sich mittlerweile im Besitz von Universal Music befindet. Und somit sind nun die grandiosen Reger-Aufnahmen, die die Bamberger Symphoniker in den 90er Jahren unter Leitung von Horst Stein eingespielt haben, endlich wieder zugänglich.
Erweitert wurde diese Edition durch einige Werke, die mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Gerd Albrecht und Uroš Lajovic in den 80er Jahren aufgezeichnet worden sind. Neu hinzugekommen sind zudem Aufnahmen des Hebbel-Requiems op. 144B, des Requiem-Fragmentes, und die Erstveröffentlichung des Gesangs der Verklärten op. 71 auf CD überhaupt. Zu hören sind hier neben einem hochkarätigen Solisten- quartett der NDR Chor und das NDR Sinfonieorchester unter Leitung von Roland Bader.
Dass Hansjörg Albrecht für diese Aufnahme die Staatskapelle Weimar als Partner gewählt hat, hat gleich mehrere Gründe. Da wäre zum einen die Beziehung zwischen Franz Liszt und Richard Wagner, die dem Residenzstädtchen seinerzeit gleich mehrere Uraufführungen Wagner- scher Werke bescherte, und im Beiheft von Dr. Eva Gesine Baur ebenso amüsant wie detailliert beschrieben wird. Wussten Sie schon, beispielsweise, dass das Festspiel- haus eigentlich im Weimarer Park an der Ilm entstehen sollte?
Da ist zum anderen die Staatskapelle Weimar selbst, ein bedeutendes thüringisches Orchester mit einer Tradition, die bis in das Jahr 1491 zurückreicht. Hansjörg Albrecht hat mit diesem Klangkörper bereits bei seiner Einspielung von Orchesterliedern Walter Braunfels' zusammen- gearbeitet.
Seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Richard Wagners Ring des Nibelungen reicht allerdings weiter zurück. So wurde 2006, ebenfalls bei Oehms Classics, Der Ring als Orgeltranskription veröffentlicht – von Albrecht gespielt auf den beiden Instrumenten der Kirche St. Nikolai in Kiel. Auch andere Werke, die eigentlich für Orchester komponiert wurden, hat der Dirigent und Konzertorganist in Form von Orgeltranskriptionen präsentiert.
Der Ring ohne Worte wurde am 9. und 10. Oktber 2016 als Live-Mitschnitt in der Neuen Weimarhalle aufgezeichnet. Die Symphonische Dichtung mit Orchesterszenen aus dem Ring des Nibelungen erklang in der Version von Lorin Maazel. Der Maestro komprimierte in seiner Fassung das beinahe 15 Stunden lange Original Wagners auf gut 70 Minuten Spieldauer. Dabei folgte er strikt dem Ablauf des Geschehens, vom Rheingold-Vorspiel bis zum Finale der Götterdämmerung, und fügte wichtige Szenen aneinander, ohne auch nur einen Takt hinzuzufügen. Die Gesangspartien wird man nicht vermissen; die Figuren werden durch Instrumente angedeutet – Sieglinde beispielsweise durch die Flöte, Fafner durch die Bassklarinette.
Wer nun aber ein Spiel mit Klangfarben erwartet, wie man das von den Orgeltranskriptionen kennt, der wird enttäuscht. Denn Albrecht dirigiert erstaunlich zurückhaltend. Ihn interessiert Substanz, nicht Bombast. So ist diese Einspielung eher puristisch als dramatisch geraten. Langweilig freilich ist das nicht.
Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) war nie in Dresden – als seine Musik in Venedig aus der Mode kam, reiste er 1740 nach Wien. Vergeblich hoffte er auf Unterstützung durch den Kaiser. In der sächsischen Landeshauptstadt hingegen wäre Vivaldi wahrschein- lich in Ehren empfangen worden. Denn seine Musik wurde dort sehr geschätzt und liebevoll gepflegt.
Zur Zeit Augusts des Starken und seines Sohnes August III. hatten sächsische Musiker beste Verbin- dungen zu ihren Kollegen in Italien. Der Violinvirtuose Johann Georg Pisendel beispielsweise, langjähriger Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle, reiste zu Studienzwecken nach Venedig, wo er bei Vivaldi Unterricht nahm, und zudem fleißig Werke führender italienischer Komponisten kopierte. Die Sammlung Pisendels umfasst sagenhafte
1.800 Musikalien; sie wurde im legendären „Schranck No: II“ überliefert und befindet sich heute im Bestand der Sächsischen Landes- und Uni- versitätsbibliothek Dresden.
Hansjörg Albrecht, Dirigent, Organist und Cembalist, hat sich von der Dresdner Vivaldi-Tradition zu einer CD-Einspielung inspirieren lassen. An der Silbermann-Orgel der Hofkirche Dresden – es ist die größte Orgel, die Gottfried Silbermann je gebaut hat, und sie ist hörbar italienischen Vorbildern verpflichtet – spielt er Orgelbearbeitungen berühmter Konzerte des Komponisten. Die Arrangements des Konzertes in d-Moll RV 565 aus L'Estro Armonico und des Konzertes in C-Dur RV 208 Il grosso Mogul stammen von keinem geringeren als Johann Sebastian Bach; er hat Vivaldis Werke mit großer Aufmerksamkeit studiert und meisterhaft bearbeitet.
Ebenfalls in Geiste Bachs hat Heinrich E. Grimm Vivaldis berühmteste programmatische Konzerte, Die vier Jahreszeiten, für die Orgel transkri- biert. In dieser Version werden erstaunlich viele Details hörbar, die in dem vertrauten Streicherklang weit weniger auffallen. Man lausche nur dem Gesang der Vögel, der fröhlichen Jagd oder dem Brausen des Sturms – dank Orgelwind ziemlich authentisch!
Die berühmten Orgelwerke von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) sind eigentlich eine Notlösung: Viele Jahre lang war der Komponist in London mit seinen Opern sehr erfolgreich – doch um 1730 strömte das Publikum nicht mehr herbei, wie gewohnt. Zum einen hatte 1734 ein Konkurrent Händel beinahe alle italienischen Sänger abgeworben. Zum anderen fanden die Leute die neuartigen englischen Singspiele interessanter als die italienische Oper. Händel reagierte darauf, indem er groß besetzte Oratorien auf die Bühne brachte – in englischer Sprache. Und weil er für sein Orgelspiel gefeiert wurde, setzte sich der Komponist an das Instrument und improvisierte, oder aber er integrierte Orgelklänge ins Vorspiel oder in die Zwischenaktmusik.
Und tatsächlich: Diese Idee brachte Händel die erhoffte Resonanz. „Beim Lesen der damaligen Aufführungsberichte könnte man meinen, das Publikum sei vor allem wegen Händels grandioser Orgelkünste in die Vorstellungen gekommen“, schreibt Hansjörg Albrecht im Beiheft zu dieser CD. Der Organist ließ sich von Händels Orgel-Spektakeln inspi- rieren, weitere Werke des Komponisten nach dem Vorbild des Meisters zu bearbeiten. So gesellt er zum Concerto in C-Dur aus Saul noch drei üppige Suiten mit Musik aus dem Oratorium. Das Ensemble muss Händel von der Orgel aus geleitet haben. Das macht Albrecht nicht; er lässt Martin Schmeding spielen. Der frühere Dresdner Kreuzorganist wirkt seit 2004 als Professor für Orgel an der Hochschule für Kirchenmusik Freiburg. Für diese Aufnahme musiziert er an der Eule-Orgel der Himmelfahrtskirche München-Sendling. Schmeding dirigiert „sein“ Münchner Bach-Orchester.
Er lässt es sich allerdings nicht nehmen, zwei Arrangements von Orchesterwerken Händels selbst zu spielen – die Ankunft der Königin von Saba, ein „Hit“ aus dem Oratorium Solomon, sowie das Konzert in D-Dur aus der Feuerwerksmusik. Dafür wählte er die Schuke-Sauer-Orgel der Marktkirche Halle/Saale. Dort steht auch noch die kleine Orgel, erbaut 1663/64 von Georg Reichel, auf der Händel selbst einst bei Friedrich Wilhelm Zachow seine ersten Orgelstunden absolviert haben soll.
„Mögen diese klangprächtigen Solowerke sowie die neu arrangierten Konzerte für Orgel und Orchester etwas von der unbändigen Spielfreude Händels vermitteln“, so Albrecht im Beiheft: „als Pendant zu Farinellis göttlicher Stimme und den Zuhörern als Grand Musical Entertainment.“ Eines jedenfalls sei hier verraten: Langweilig ist diese CD nicht.
Wer die Musik von Richard Wagner liebt und eine wirklich gute Musik- anlage sein Eigen nennt, der sollte sich diese CD unbedingt besorgen. Denn wie Hansjörg Albrecht, Dirigent, Organist und Cembalist, hier ausgewählte Ouvertüren und Vorspiele des Komponisten zum Klingen bringt, das ist schier unglaublich.
Dabei setzt er auf Orgeltranskrip- tionen von Edwin Henry Lemare und Erwin Horn sowie auf ein einmaliges Instrument: Albrecht musiziert an der Doppelorgelanlage von St. Nikolai zu Kiel. Dort kann er von einem Spieltisch aus auf zwei Orgeln zugreifen. Das wäre zum einen die große Orgel, 1965 von dem Orgelbauer Detlef Kleuker aus Bielefeld-Brackwede errichtet. Zum anderen erklingt ein kleineres Instrument, eine Chororgel aus der Werkstatt von Aristide Cavaillé-Coll & Charles Mutin, Paris. Sie wurde 2003/04 durch den Strasbour- ger Orgelbauer Daniel Kern restauriert und in Kiel aufgestellt.
Diese Aufnahme lebt von der – reizvollen – Kombination beider Or- geln, sowie von technischen Innovationen. „Die neueste Erfindung“, schwärmt Albrecht im Beiheft in einem imaginären Dialog mit Richard Wagner: „Elektronische Setzeranlagen und Speicher mit großen Kapazitäten! Sie ermöglichen eine Vorprogrammierung jedes einzelnen Registerwechsels. (…) So kann man wie ein Maler mit einer bunten Farbpalette Klänge in unendlichen Variationen mischen, abschattieren, fast bruchlos anschwellen oder verebben lassen.“
Der Organist benötigt keine Registranten mehr – und kann obendrein die Register mit enormer Geschwindigkeit und Präzision wechseln. Albrecht nutzt diese Verbesserungen, um die sinfonischen Klang- möglichkeiten der Kieler Doppelorgel auszuloten. Das Ergebnis ist berückend; man meint fast, bei dieser Aufnahme Wagners unsicht- bares Orchester verwirklicht zu finden – mit Klangwogen, wie sie ein anderes Instrument niemals erzeugen kann.
Albrechts CD mit Orgeltranskriptionen der Planeten von Gustav Holst wurde seinerzeit für den Grammy nominiert. Es gehört wenig Phanta- sie dazu, vorherzusagen, dass auch diese CD Kritiker und Publikum gleichermaßen verzücken wird. Genial!
"Ich glaube, dass die Synthese der dem Ohr eingängigen Melodien mit einer neuartigen rücksichts- losen Harmonik und harten ver- wegenen Rhythmik etwas ganz Neues ist, das Sie der Opernbühne bringen." Das schrieb Librettist Max Brod kurz vor der Urauffüh- rung der Oper Nana an den Kom- ponisten Manfred Gurlitt, der das Werk geschaffen hat.
Gurlitt (1890 bis 1972) wuchs in Berlin auf, und studierte dort am Sternschen Konservatorium Musiktheorie und Komposition. Er assistierte einigen namhaften Kapellmeistern, und begann dann selbst eine derartige Laufbahn. 1924 wurde er in Bremen Generalmusikdirektor; drei Jahre später wechselte er an die Kroll-Oper nach Berlin. Doch seine Karriere brach dann ab, weil ihn die Nazis zum "jüdischen Mischling zweiter Ordnung" erklärten, was den Ausschluss aus der NSDAP und eine spürbare Beschränkung seiner künstlerischen Tätigkeit mit sich brachte.
Kurioserweise rettete Gurlitt vor dem Rassenwahn nicht einmal die eidesstattliche Erklärung seiner Mutter, er sei mitnichten ein Sohn des Kunsthändlers Fritz Gurlitt, dessen Mutter eine Jüdin war, sondern das Resultat ihrer Beziehung zu dessen Geschäftsführer Willi Waldecker (den Annarella Gurlitt nach dem Tode ihres Ehemannes umgehend geheiratet hat). 1939 ging Gurlitt nach Japan, wo er als Professor an der Kaiserlichen Musikakademie wirkte, und als Dirigent der Fujiwara Opera Company. Später gründete er die Gurlitt Opera Company, die er bis 1970 leitete. Mit diesen Ensembles führte er zahlreiche europäische Opern erstmals in Japan auf - zumeist in japanischer Sprache - und prägte somit das Musikleben des Landes stark.
In Deutschland konnte er sich nicht wieder etablieren. Zwar erhielt er 1957 das Bundesverdienstkreuz, und 1958 erlebte endlich auch seine Oper Nana, die er in den 30er Jahren komponiert hatte, am Theater Dortmund ihre Premiere. Doch Gurlitts Werke konnten sich im Musik- betrieb, der sich in jenen 20 Jahren ja ebenfalls weiterentwickelt hatte, nicht behaupten. Und so gerieten sie in Vergessenheit.
Das Label Crystal Classics hat sich nun die Rehabilitation Manfred Gurlitts auf seine Fahnen geschrieben. In Weltersteinspielungen erschienen dort einige wichtige Werke des Komponisten: Die Goya-Symphony sowie die Vier dramatischen Gesänge für Sopran und Orchester mit der exzellenten Sängerin Christiane Oelze und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Antony Beaumont, Wozzeck mit diversen Solisten, dem Rias-Kammerchor und dem Rundfunk-Kinderchor Berlin sowie dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Gerd Albrecht. Und natürlich die Oper Nana, 2010 wieder- aufgeführt am Theater Erfurt und hier zu hören in einem Live-Mitschnitt.
Es ist die Geschichte einer jungen Dame, die durch einen Theater- direktor entdeckt wird - im Bett seines Operettenkomikers. Sie zeichnet sich nicht unbedingt durch Talent aus, ist aber hübsch und hat lange Beine. Und so bestätigt die Geschichte einmal mehr den bösen Spruch, dass Männer ohnehin besser sehen als hören können. Denn Nana macht rasant Karriere, auf der Bühne ebenso wie in der Männerwelt. Dass dies ein schlimmes Ende nehmen wird, ist keine Überraschung.
Zu hören sind Solisten und Opernchor des Theaters Erfurt sowie das Philharmonische Orchester unter Enrico Calesso. Die Aufführung hat leider Stadttheater-Niveau - aber die Oper ist interessant, und deshalb ist diese 3-CD-Box musikhistorisch durchaus spannend.
In der Dresdner Frauenkirche, damals noch im Rohbau, gab im Dezember 2000 Peter Schreier ein Konzert für den Wiederaufbau des Gotteshauses. Der Sänger, mittler- weile selbst eine Dresdner Legen- de, stellte Weihnachtslieder vor, die üblicherweise nicht den weih- nachtlich geschmückten Stuben erklingen - weil sie musikalisch ziemlich anspruchsvoll sind. Diese Werke von Peter Cornelius, Ernst Pepping, Joseph Haas, Max Reger und Hugo Wolf sind Kunstlieder in jedem Sinne dieses Wortes. Und wenn man hört, wie der Tenor sie gemeinsam mit seinem langjährigen künstlerischen Wegbegleiter Hansjörg Albrecht interpretiert, dann ist man berührt. Man erfreut sich an der hohen Gesangskultur Peter Schreiers, am hochkultivierten Zusammenspiel der beiden Partner - und an der Weihnachtsbotschaft, die sie seinerzeit inmitten von Stahlgerüsten auf der Baustelle ver- kündet haben. Dank sei auch dem Label Berlin Classics, das diesen Mitschnitt nun veröffentlicht hat.
"Meiner Musik geht es merkwür- dig", soll Richard Wetz (1875 bis 1935) gesagt haben: "wo sie er- klingt, ergreift sie aufs tiefste; aber es wird ihr selten Gelegenheit dazu gegeben." Geboren in Oberschle- sien, ging der junge Wetz nach dem Abitur zum Studium zunächst nach Leipzig und dann nach München, wo er sich bei Ludwig Thuille vor allem mit Kontrapunkt und Fuge auseinandersetzte.
Um den Broterwerb musste er sich offenbar nicht sorgen: Er arbeitete kurz als Theaterkapellmeister, und ging dann zurück nach Leipzig, wo er Partituren studierte. 1906 wurde Wetz Leiter des Musikvereins in Erfurt. Dort gefiel es ihm, und er blieb in der thüringischen Provinz bis an sein Lebensende. Wetz leitete Chöre, und er unterrichtete am Landeskonservatorium in Erfurt sowie an der Großherzoglichen Mu- sikschule zu Weimar, dem Vorläufer der heutigen Musikhochschule. Er gilt als einer der wichtigsten Liedkomponisten seiner Generation, schuf aber auch zahlreiche Chorwerke, drei Sinfonien, ein Violinkon- zert, Orgel- und Kammermusik.
Die vorliegende CD enthält sein Weihnachtsoratorium, das, neben Wetz' Requiem, als sein wichtigstes und reifstes Werk gilt. Es wurde 1929 in Erfurt erstmals aufgeführt - und wird auch hier vom Dom- bergchor Erfurt und vom Philharmonischen Chor Erfurt vorgetragen, sowie von der Sopranistin Marietta Zumbült, Dozentin für Gesang an der Franz Liszt Musikhochschule Weimar, und Máté Sólyom-Nagy, Bariton, engagiert am Erfurter Theater. Zu hören ist zudem das Thü- ringische Kammerorchester Weimar - das aus Musikern der Staats- kapelle besteht. Und die Leitung hat George Alexander Albrecht, der sich als Chefdirigent der Staatskapelle Weimar unter anderem für das Werk Furtwänglers und Pfitzners eingesetzt hat. Auch Bruckner, Mahler und Liszt gehören zu seinen Favoriten - ideale Voraussetzun- gen für die Auseinandersetzung mit Wetz' Werk.
Das Weihnachtsoratorium auf altdeutsche Gedichte op. 53 erzählt die Weihnachtsgeschichte nicht, es setzt sie voraus und kommentiert eher, als zu schildern. Wetz' musikalisches Vokabular ist grundsätz- lich das der Spätromantik, aber sein Umgang damit beeindruckt, weil er es durchaus eigensinnig und ziemlich originell einsetzt. Das macht dieses Werk interessant - und vielleicht wird man es zukünftig auch außerhalb von Thüringen hier und da hören. Seine Wiederentdeckung lohnt sich, wie diese Aufnahme beweist.
Wolfgang Sawallisch gilt als musi- kalischer Bürokrat. Wer diese Aufnahmen aus dem Jahre 1971 angehört hat, der wird allerdings diesen Ruf nicht bestätigen. Newton Classics legt hier die Messen Nr. 5 in As-Dur D678 und Nr. 6 in Es-Dur D950 von Franz Schubert wieder vor, die seinerzeit für Universal Music aufgenommen worden sind. Das lohnt sich durchaus, denn die 40 Jahre alte Einspielung hat noch immer ihre Reize.
Das mag nicht zuletzt an dem erstklassigen Ensemble liegen - Solisten wie die Sopranistin Helen Donath, Ingeborg Springer, Mezzosopran, Peter Schreier bzw. Hans-Joachim Rotzsch, Tenor und Theo Adam, Bass hört man immer wieder gern. Auch der Rundfunkchor Leipzig und die Staatskapelle Dresden sowie Christoph Albrecht an der Orgel sind immer wieder hörenswert. Sawallisch zeigt an Schuberts Messen weniger die mystischen Bezüge auf als vielmehr das Ringen des Kom- ponisten um Form und Ausdruck, was ja zu vielen ungewöhnlichen musikalischen Lösungen geführt hat. Das macht Schuberts späte Messen zu Solitären, aber auch immer wieder zu einer Herausforde- rung für alle Beteiligten. Diese Aufnahmen aus den 70er Jahren werden dem erstaunlich gut gerecht.
Diese CD ist der Live-Mitschnitt des Benefizkonzertes in der Phil- harmonie im Gasteig, München, aus Anlass des Todestages von Dominik Brunner. Doch wer nun lediglich eine weitere Aufnahme des Brahms-Requiems befürchtet, die sich in die leider ziemlich lange Reihe belangloser Interpretatio- nen einreiht, der wird schon bald die Ohren spitzen.
Denn die Sänger sind ein Ereignis, allen voran Ruth Ziesak, die ihren Part als eine Folge großer Melo- diebögen gestaltet, die silbrig und schwerelos emporsteigen, ganz so, als wäre Singen nicht mit Mühe und Arbeit verbunden. Das ist so klug angelegt und technisch so perfekt - so überirdisch schön hat man den Trost noch nie empfangen, den das Brahms-Requiem spendet. Bariton Konrad Jarnot erweist sich ebenfalls als gute Besetzung. Im Zentrum dieser Interpretation aber stehen ganz klar die Sängerinnen und Sänger des Münchner Bach-Chores, der 1954 von dem legendären Karl Richter gegründet wurde, und seit 2005 von Hansjörg Albrecht geleitet wird. Dieser Chor singt mit einer Geschmeidigkeit und Transparenz, wie sie beim Brahms-Requiem noch nicht zu hören war.
Am Anfang steht für meinen Geschmack etwas zu viel Lautstärke. Aber dort, wo die Musiker des Münchner Rundfunkorchesters nebst Friedemann Winklhofer an der Orgel nicht gar zu entfesselt loslegen, gelingt Albrecht eine Aufführung von geradezu kammermusikalischer Durchhörbarkeit und Flexibilität. Das ist wirklich beeindruckend, und spätestens ab "Wie lieblich sind deine Wohnungen" fasziniert diese Aufnahme durch ihre Intensität. Grandios!