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Mittwoch, 30. Dezember 2015

Die Orgeln der Marienkirche zu Lübeck (Querstand)

Die drei Orgeln der Marienkirche in Lübeck präsentiert Marienorganist Johannes Unger auf einer CD, die im Hause Querstand erschienen ist. Die Lübecker Marienkirche hat nicht nur das mit mehr als 38 Metern höchste Backsteingewölbe der Welt. Die Haupt-Pfarr- kirche der Hansestadt gilt als „Mutterkirche“ der Backsteingotik, und sie beherbergte bereits im 14. Jahrhundert bedeutende Orgeln. Neben der Hauptorgel war besonders die Chororgel, die sogenannte Totentanzorgel, von Bedeu- tung; sie wurde 1477 in der Totentanzkapelle errichtet, anschließend noch mehrfach erwei- tert und im 17. Jahrhundert durch Friedrich Stellwagen repariert. Danach fanden keine großen Umbauten mehr statt – ein Umstand, der die Orgel für die Orgelbewegung sehr interessant machte. So wurde sie 1937 restauriert. Doch das Instrument verbrannte 1942 bei einem Bombenangriff, ebenso wie die Große Orgel und eine weitere, kleinere Orgel auf dem Lettner. 
1948 wurde in der sogenannten Briefkapelle, die der Gemeinde als Winterkirche dient und die nach dem Krieg als erster Raum wieder für Gottesdienste nutzbar gemacht wurde, eine kleine Orgel aufgestellt, die aus Ostpreußen stammt. Sie wurde 1723 von Johannes Schwarz erbaut. 1933 erwarb sie der Lübecker Orgelbauer Karl Kemper. Sie stand zunächst in der Katharinenkirche, von wo sie Organist Walter Kraft dann als Übergangs- instrument in die Marienkirche holte. Die kleine einmanualige Barockorgel mit geteilter Lade verfügt über neun Register, wovon aber derzeit nur acht spielbar sind, und einen Cymbelstern. Sie ist hier zum ersten Mal auf CD zu hören. 
Die neue Totentanzorgel wurde von der Wilhelmshavener Orgelbaufirma Alfred Führer 1986 erbaut. Das Instrument sollte bewusst kein historisches Vorbild kopieren. Es verfügt bei vier Manualen und Pedal über 56 Register. Unger demonstriert mit dieser Aufnahme, dass an der neuen Totentanz- orgel aufgrund ihrer interessanten Disposition sowohl die Orgelwerke der alten Meister, wie der berühmten Marienorganisten Franz Tunder (1614 bis 1667) und Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707), als auch Musik der Romantik und Moderne, insbesondere auch aus der französischen Orgel- tradition, bestens gespielt werden können. 
Die Große Orgel der Marienkirche wurde durch die Lübecker Orgelbaufirma Kernper & Sohn errichtet und 1968 nach sechsjähriger Bauzeit fertigge- stellt. Zum damaligen Zeitpunkt war sie die größte Orgel der Welt mit mechanischer Traktur, und auch heute noch erscheint dieses Instrument gewaltig. Hundert Register auf fünf Manualen sowie einem Pedal, dass sich in Groß- und Kleinpedal teilt, 8.512 Orgelpfeifen – die größte davon ist über elf Meter lang – sowie diverse Schweller und weitere Spielhilfen eröffnen dem Organisten grandiose klangliche Gestaltungsmöglichkeiten. Unger spielt an der Großen Orgel Präludium und Fuge über BACH von Franz Liszt (1811 bis 1886), die Choralimprovisationen über Nearer, my God, to Thee! von Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933) und Venus aus der Suite The Planets von Gustav Holst (1874 bis 1934), wobei Unger Orgel- transkriptionen von Arthur Wills und Peter Sykes kombiniert. 

Samstag, 29. Dezember 2012

Weihnachtssingen (Rondeau)

Einen Knabenchor gab es an der Lübecker Marienkirche schon zu Zeiten Franz Tunders und seines Nachfolgers Dieterich Buxtehude. Neu begründet wurde diese Tradition dann 1948 unter dem Dach der Gesellschaft zur Beför- derung gemeinnütziger Tätigkeit von 1789 e.V. Heute lädt die Lübecker Knabenkantorei an St. Marien jedes Jahr in der Advents- zeit zum Weihnachtssingen ein - und diese Konzerte der jungen Sänger locken alljährlich tausende Zuhörer in die herrliche Backsteinkirche. 
Eine Auswahl der Werke, die dort typischerweise erklingen, hat das Leipziger Label Rondeau Production im Sommer dieses Jahres mit den Lübeckern aufgezeichnet. Dr. Bernd Schwarze liest die Geschich- te, die ebenfalls zum Weihnachtssingen gehört - es ist nicht die biblische Weihnachtsgeschichte, sondern eine höchst gegenwärtige, und, so will es die Tradition: Pastor Schwarze schreibt in jedem Jahr eine neue Geschichte. 
Die Chorknaben und die jungen Männer bewegen sich während des Konzertes durch den Raum. Die Kantorei durchwandert die Kirche, so dass alle Zuhörer den Chorgesang einmal aus der Nähe erleben können. Auch der Marienorganist Johannes Unger wandert, denn in der Bürgerkathedrale gibt es zwei große Orgeln, und zum Weihnachts- singen erklingen sie beide. 
So geleiten nicht nur die Orgelklänge, sondern auch das Instrument von Johanna Maier, Soloharfenistin des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt, die jungen Sänger. Der Chor singt unter Leitung von Marienkantor Michael D. Müller traditionelle und zeitgenössische Weihnachtsmusik - überwiegend, aber nicht nur Weihnachtslieder, viele davon in anspruchsvollen modernen Sätzen. Die Knabenkanto- rei erweist sich als gut studiert, aber sie könnte durchaus noch mehr Kraft und Ausstrahlung entwickeln. Naja, vielleicht im nächsten Jahr. Denn da öffnen sich wieder in der Vorweihnachtszeit die Tore von
St. Marien zum Weihnachtssingen. 

Samstag, 30. Juni 2012

Vivaldi: The Pisendel Sonatas (Genuin)

Der Geiger Johann Georg Pisendel (1685 bis 1755) gehörte zu einer Gruppe von Musikern, die Kur- prinz Friedrich August, den Sohn Augusts des Starken, auf seiner Kavalierstour begleiteten. Sie spielten für den Kurprinzen - und hatten zugleich die Gelegenheit zur persönlichen Weiterbildung. So holte sich Pisendel in Venedig bei Antonio Vivaldi nicht nur Ideen für sein Violinspiel, er nahm bei dem renommierten Kollegen offenbar auch Unterricht im Fach Komposition. Davon berichtet uns der Entwurf eines Violinkonzertes mit schwungvollen Korrekturen durch Vivaldi, der sich im Bestand der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden be- findet. 
Unter den Schätzen aus Pisendels Musikaliensammlung, die im legen- dären "Schrank II" überliefert worden sind, befinden sich auch sechs Concerti für Violine, Streicher und Basso Continuo sowie fünf Sona- ten für Violine und Basso continuo, fatto per Maeostro Pisendel Del Viualdi.   Die Handschriften der Sonaten, wie sie die Bibliothek 1982 in einer Faksimile-Ausgabe veröffentlicht hat, bildeten die Grundlage für die vorliegende CD. Wer freilich meint, man müsse nur dem No- tentext getreu musizieren, dann würde auch der korrekte Vivaldi erklingen, der irrt. Annette Unger, Professorin für Violine an der Dresdner Musikhochschule, wagt sich an den Violinpart, den sie durch individuelle virtuose Auszierung - wie zu Pisendels Zeiten üb- lich - ganz schön in Schwung bringt. Ihr sekundieren Michael Pfaen- der am Violoncello und Ludger Rémy am Cembalo, beides ausge- wiesene Spezialisten für "Alte" Musik.  Man staunt, was die beiden aus dem Continuo-Part machen. Eine sehr hörenswerte Aufnahme, die zudem eine Lücke im Repertoire schließt. 

Freitag, 12. Februar 2010

Bach: Festmusiken zu Leipziger Universitätsfeiern (Querstand)

Die Beziehungen des Thomas- kantors Johann Sebastian Bach zur Leipziger Universität waren enger, als man das zunächst vermuten würde. Bach trat seinen Dienst in Leipzig am Pfingstsonntag 1723 an - mit einer Kantaten-Aufführung in der Universitätskirche.
Städtisches, kirchliches und universitäres Musikleben waren offenbar in jeder Hinsicht eng miteinander verflochten. Musiker studierten an der Hochschule, und Studenten musizierten eifrig. Ein solches, fruchtbringendes Modell hatte möglicherweise Wolfgang Unger, der Leipziger Universitäts- musikdirektor, im Sinn, als er 1996 mit Studierenden eine Gesamt- aufnahme aller zwölf erhaltenen Festmusiken begann, die Bach für die Leipziger Alma Mater komponiert hat. 2004 verstarb er jedoch; sein Nachfolger David Timm hat nun 2009, rechtzeitig zum 600jährigen Jubelfest der Hochschule, die Einspielung vollendet.
Ganze Heerscharen von Chorsängern und Solisten haben an dem Projekt mitgewirkt, unterstützt vom Pauliner Barockensemble. Das liegt in der Natur der Sache - denn ein Studium hat nun einmal seine Zeit. So beginnt auch der Universitätsmusikdirektor seine Proben regelmäßig wieder mit Novizen, und hat nur eine begrenzte Zeit, ihnen seine künstlerischen Ideen zu vermitteln. Wenn man dies bedenkt, dann sind die sechs vorliegenden CD ein beeindruckendes Dokument universitären Musiklebens.