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Sonntag, 5. September 2021

Stille Klagen (Passacaille)

 

Buße, Reue und Erlösung stehen im Zentrum der vorliegenden CD. Für diese Aufnahme haben Griet de Geyter und das Ensemble Il Gardellino drei Kantaten aus der Barockzeit ausgewählt: Dieterich Buxtehude vertonte für O dulcis Jesu BuxWV 83 einen Text, der dem Zisterzienser Bernhard von Clairvaux zugeschrieben wird. Ein Bußpsalm ist die Textgrundlage für Georg Philipp Telemanns Ach Herr, strafe mich nicht TWV 7:2. Johann Sebastian Bachs Kantate Mein Herze schwimmt im Blut BWV 199 wiederum basiert auf dem biblischen Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner. 

Es ist durchaus möglich, dass die alten Texte einen Menschen heutzutage zunächst wenig ansprechen; zu fremd erscheint ihr Ausdruck, überwältigend oft ihre Metaphernwelt. Desto beredter kann allerdings die Musik wirken, die in ihrer emotionalen Kraft die Botschaft des Textes quasi übersetzt. Die Musiker von Il Gardellino sowie Organist Leo van Doeselaar bringen den schlanken, klaren Sopran von Griet de Geyter exquisit zur Geltung. Besonders schön erklingt die Gesangsstimme dabei im Duett mit der Oboe von Marcel Ponseele (Telemann) bzw. Lidewei De Sterck (Bach). Zum Programm gehören zudem eine Buxtehude-Sonate und zwei Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, ebenfalls hinreißend musiziert. Bravi! 


Samstag, 3. Juli 2021

Buxtehude: Early Organ Works (MDG)

 

Harald Vogel, Professor an der Hochschule für Künste Bremen, ist mit der norddeutschen Orgelmusik und auch mit der Orgellandschaft vertraut wie kaum ein anderer. Er hat zahlreiche Aufnahmen eingespielt, Orgelwerke wichtiger Komponisten ediert, als Orgelsachverständiger Kirchgemeinden bei der Erhaltung und Restaurierung ihrer Instrumente unterstützt, Neubauprojekte begleitet, und vieles mehr. Die Liste seiner Schüler ist lang und 2018 ehrte die Hansestadt Lübeck Harald Vogel mit dem Buxtehude-Preis – eine Auszeichnung mit Symbolkraft, denn in jenem Jahr jährt sich der Dienstantritt Dieterich Buxtehudes an der Lübecker Marienkirche zum 350. Male. 

In der Tat hat sich Harald Vogel wie kein zweiter um das historische Orgelspiel und ganz speziell um das Werk Buxtehudes verdient gemacht. So hat er für MDG auf 17 historischen Orgeln eine Gesamtaufnahme der Kompositionen des großen norddeutschen Organisten eingespielt. 

Die frühesten Überlieferungen der Orgelwerke Buxtehudes finden sich im Codex E. B., entstanden 1688 in Dresden. Diese Handschrift enthält sowohl Werke aus der italienisch-süddeutschen als auch der norddeutschen Orgeltradition. MDG fasste, passend zur Preisverleihung, seinerzeit sämtliche Buxtehude-Werke aus dem Codex auf einer CD zusammen. Dabei erklingt, als Rarität, die Ersteinspielung einer Sonate mit obligater Gambe, entstanden als Musik zur Kommunion. Sie wird von dem renommierten Gambisten Thomas Fritzsch gemeinsam mit Vogel gespielt. 

Das eigentlich spannende aber an dieser Neuedition ist die Vielfalt der Orgeln: Nacheinander erklingen Instrumente, die Buxtehude selbst gespielt hat, wie die Orgeln in Torrlösa, Helsingör, Hamburg-St. Jacobi und Lübeck-St. Jacobi, sowie weitere Orgeln, die Buxtehude möglicherweise besucht hat, im Dom zu Roskilde sowie in Pilsum, Norden-St. Ludgeri und die rekonstruierte Orgel im Herrenhaus Damp. Zu erleben sind die unterschiedlichsten Stimmungen und Register. Damit vermittelt die CD einen Eindruck von der farbenreichen Klangwelt, in der sich Buxtehude einst bewegte. Hochinteressant! 


Freitag, 31. Januar 2020

Buxtehude:Ciaccona: Il Mondo che Gira (Alpha)

Eine beliebte Kompositionsmethode in der Barockzeit war es, ein Stück auf einem kurzen Thema im Bass aufzubauen, das beständig wiederholt wurde. Dieser gleichbleibende Ostinato-Bass gab den Musikern die Möglichkeit, Oberstimmen mit umso größerer Freiheit zu gestalten. Auch Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707) schätzte diese musikalische Technik, wie diese Einspielung beweist. Das Ensemble Stylus Phantasticus hat dafür nicht nur im Orgelwerk, sondern auch in etlichen anderen Kompositionen des norddeutschen Meisters Beispiele gefunden und zu einem attraktiven Programm zusammengestellt. 
Dieser Aufnahme zu lauschen, ist rundum ein Genuss. Neben Sonaten erklingen insbesondere die Passacaglia BuxWV 161 und die Ciaccona BuxWV 160 – und zwar in Arrangements für zwei Violinen, Viola da gamba und Basso continuo. Glanzpunkte setzen die Sopranistin María Cristina Kiehr mit der Solokantate Herr, wenn ich nur dich hab‘ BuxWV 38 sowie Víctor Torres mit Quemadmodum desiderat cervus BuxWV 92, einer Ciaccona für Bariton, zwei Violinen und Basso continuo. 
Das Ensemble präsentiert zudem eine Sonate von Dietrich Becker (um 1623 bis 1679), einem Zeitgenossen Buxtehudes, einem renommierten Violinisten, der zuletzt als Leiter der Ratsmusik und als Musikdirektor am Dom in Hamburg wirkte. Obwohl von ihm erstaunlich viele Werke überliefert sind, steht seine Wiederentdeckung noch bevor.  

Montag, 16. Dezember 2019

Cantate Domino (MDG)

Singet dem Herrn ein neues Lied!, lautet der Titel dieser CD – wie treffend, denn hier präsentiert sich zum ersten Mal auf Tonträger das Ensemble BachWerkVokal. Es wurde im April 2015 in Salzburg durch Gordon Safari gegründet, und lässt sich hier nun nicht nur mit Bachs (rekonstruierter) festlicher Neujahrskantate BWV 190 sowie seiner doppelchörigen Motette BWV 225 über den 98. Psalm hören. Auch Psalmvertonungen von Dieterich Buxtehude, Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel erklingen, und als Zugabe gibt es gleich vier Lösungen für Wolfgang Amadeus Mozarts Rätselkanon über denselben Text. 
Damit schafft das Ensemble zugleich die Verbindung von Salzburg nach Leipzig. Denn Mozart kam 1789 auf einer Reise in die Messestadt. Dort hörte er eine Probe der Thomaner, und fragte nach, von wem denn diese unglaubliche Musik sei. Daraufhin legte man ihm die Noten der Bach-Motette vor. Was Mozart dann von Bach gelernt hat, das zeigt sein Rätselkanon. Er ist immerhin neunstimmig (!) – und wird auf dieser CD ganz in Bachs Sinn interpretiert. 
Auch sonst zeigt sich das Ensemble BachWerkVokal rundum versiert; staunend stellt man beim Blick ins Beiheft fest, wie schlank und flexibel besetzt die jungen Musiker agieren. Jeder ist hier ein Solist. Und die Sängerinnen und Sänger formieren sich je nach Bedarf zu Chören. Auch die Instrumentalisten sind exzellent. 
Sie lassen Harfe, Trompeten und Posaunen ertönen, das Meer brausen und die Wasserströme frohlocken. Gordon Safari versteht sich bestens darauf, sein Ensemble sprechend-vital und farbenreich musizieren zu lassen. Ganz erstaunlich, wie lebendig doch „Alte“ Musik sein kann! Unbedingt anhören, das ist eine der schönsten CD des Jahres. 

Dienstag, 30. April 2019

Buxtehude: Membra Jesu Nostri (Resonus)

Und noch ein Nachtrag zum Osterfest: Der Kantatenzyklus Membra Jesu nostri patientis sanctissima von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) ist eine musikalische Meditation über den Anblick des gekreuzigten Heilandes, von den Füßen über die Hände bis zum Gesicht. Die sieben Kantaten beruhen auf einer mittelalterlichen Andachtsdichtung, die Buxtehude allerdings nur auszugsweise verwendet und mit Bibelversen kombiniert. 
Das Werk wurde in jüngster Vergangenheit des öfteren eingespielt. Für diese Aufnahme hat sich das Ensemble Orpheus Britannicus unter Leitung von Andrew Arthur mit dem Gambenconsort Newe Vialles und dem Chapel Choir of Trinity Hall, Cambridge, zusammengefunden. Als Solisten sind Eloise Irving, Charlotte Ives, Daniel Collins, Nicholas Mulroy und Reuben Thomas zu hören. Ausgesprochen klangschön und auch sonst sehr gelungen! 

Dienstag, 11. Dezember 2018

"Das neugeborne Kindelein" (Accent)

Barocken Festtagsglanz verbreitet diese CD mit Werken von drei bekannten Komponisten: Dieterich Buxtehude, Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann schufen jeweils eine große Anzahl von Kantaten – und für das Weihnachts- fest offenbar besonders exquisite. 
Im Mittelpunkt dieser Aufnahme steht Bachs Choralkantate Ich freue mich in dir BWV 133. Sie wird von dem Ensemble La Petite Bande um Sigiswald Kuijken in durchweg solistischer Besetzung präsentiert: Es singen Anna Gschwend, Sopran, Lucia Napoli, Alt, Søren Richter, Tenor und Christian Wagner, Bass. 
Gefasst ist dieses musikalische Juwel, quasi als kleine Schwester der viel gespielten Kantaten des Weihnachtsoratoriums, in zwei Kompositionen Telemanns. Für Frankfurt/Main entstanden ist wohl um 1720 die Missa sopra Ein Kindelein so löbelich, sehr strikt polyphon gestaltet im stile antico. Die Kantate O Jesu Christ, dein Kripplein ist mein Paradies hingegen, aus dem Jahre 1748, schrieb Telemann ganz modern; hier zeigt sich der Komponist flott und sehr fröhlich, fast wie in einer italienischen Oper der damaligen Zeit. 
Den Rahmen bilden zwei Werke Buxtehudes: Die Kantate Das neugeborne Kindelein BuxWV 13 beeindruckt durch Innigkeit, und die Choralkantate In dulci jubilo BuxWV 52 gibt dann mit ihrer freudig-erregten letzten Strophe auch den Instrumentalisten noch einmal Gelegenheit, so recht in Weihnachtsjubel auszubrechen. Himmlisch! 

Montag, 15. Oktober 2018

Buxtehude: Abendmusiken (Alpha)

Dass Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) nicht nur ein exzellenter Organist war, sondern auch grandiose Vokal- und Instrumental- musik komponiert hat, dürfte unter Musikfreunden heutzutage – zumal nach der Gesamteinspielung seiner Werke, die wir Ton Koopman verdanken – wieder bekannt sein. 
Buxtehude hatte einst als Organist der Marienkirche in Lübeck zu den sogenannten Abendmusiken eingeladen. Diese Konzerte erklangen außerhalb des Gottesdienstes alljährlich an fünf Sonntagen in der Vorweihnachtszeit, und die besten Musiker der Stadt wirkten daran mit. So wurden sie bald zu einem Ereignis, das selbst in Reiseführern erwähnt wurde. Buxtehude leitete sie nicht nur, er schrieb auch Werke dafür. 
Dass die Menschen teilweise weite Wege auf sich nahmen, um diese Abendmusiken zu erleben, wird verständlich, wenn man diese CD angehört hat. Die Instrumentalisten vom Ensemble Masques, geleitet von Olivier Fortin, und die Sänger von Vox Luminis um den Bassisten Lionel Meunier präsentieren ein Programm, wie es durchaus seinerzeit in Lübeck erklungen sein könnte. Zwischen den fünf (!) Kantaten wurden außer- ordentlich reizvolle Triosonaten platziert. Und musiziert wird einmal mehr begeisternd; die Einspielung ist erstklassig, von beinahe überirdi- scher Leuchtkraft und Schönheit. Unbedingt anhören! 

Montag, 23. April 2018

Bach: Goldberg Variations / Buxtehude La Capricciosa (Capriccio)

Mit den Goldberg-Variationen
BWV 988 von Johann Sebastian Bach beschäftigt sich Christine Schorns- heim schon seit vielen Jahren. „Angefangen hat es bei mir bereits während meines Klavierstudiums, und unvergessen bleiben mir einige Stunden bei Amadeus Webersinke, der mit 1980 in einem Meisterkurs gehörig den Kopf gewaschen hat und mit unnachgiebiger Strenge versuchte, mir meinen bis dahin offensichtlich recht oberflächlichen Blick auf das Werk auszutreiben“, erinnert sich die Cembalistin. „Am Ende dieses Kurses gab es dann noch die freundliche Ermahnung, die Variationen immer und immer wieder zu studieren und den hoffnungsvollen Satz ,später werden Sie diese Variationen sicher gut spielen!'.“ 

Mittlerweile gibt die Musikerin selbst Meisterklassen; mit Leidenschaft unterrichtet Christine Schornsheim als Professorin für historische Tasteninstrumente Studierende an der Münchner Musikhochschule. Die Goldberg-Variationen hat sie schon vor mehr als 25 Jahren eingespielt. Dass sie sich nun noch einmal von Grund auf mit dem Werk befasste, verdanken wir dem Cembalobauer Christoph Kern. Denn er ermunterte die Musikerin, die Aria mit 30 Veränderungen ein zweites Mal aufzu- nehmen. Er hat auch das Cembalo angefertigt, das hier zu hören ist, nach einem Vorbild, gebaut von Michael Mietke um 1710 in Berlin. 
Schornsheim ließ sich auf das Experiment ein. Dafür kombinierte sie die Goldberg-Variationen mit einem anderen, ebenso bedeutenden, allerdings weit weniger populären Variationswerk – der Aria ,La Capricciosa' BuxWV 250 von Dieterich Buxtehude. (Diese Gegenüberstellung lässt noch immer erahnen, warum der junge Bach seinerzeit zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck wanderte, um bei dem älteren Kollegen zu lernen.) „Viele Querverbindungen zeigen sich bei näherer Betrachtung beider Werke“, unterstreicht die Cembalistin im Beiheft. „Die rein norddeutsche Orgel- und Cembalotradition durchbricht Buxtehude bei ,La Capricciosa'. Indem er sich einer in Italien beheimateten Bergamasca als Thema bedient. Dieses Thema wiederum finden wir leicht verändert als ;Kraut und Rüben haben mich vertrieben' im Quodlibet der ,Goldbergvaria- tionen' wieder. Dass wir es bei beiden Werken mit 32 Stücken zu tun haben, wird auch kein Zufall sein.“ 
Zu jedem dieser insgesamt 64 Stücke findet Schornsheim einen indivi- duellen Zugang; die Cembalistin besteht auf differenziertem Gestus und Ausdruck. Außerdem spielt sie virtuos und mit Temperament, was es zu einem großen Vergnügen macht, ihr zuzuhören. 

Samstag, 23. Dezember 2017

In dulci jubilo (Dacapo)

Vier Szenen rings um die Weihnacht hat das Ensemble Theatre of Voices ausgewählt, um sie auf dieser CD musikalisch auszugestalten: Mariä Verkündigung und Advent, die Schäfer, Christi Geburt sowie Neujahr und Epiphanias. Zu hören sind Werke von Dieterich Buxtehude und anderen Komponisten aus dem norddeutschen Raum. 
Mit diesem Album setzt das renom- mierte Ensemble um Paul Hillier die Erkundung einer Musiktradition fort, die viel Attraktives zu bieten hat. Schon im vergangenen Jahr hatten die Sänger und Musiker eine CD mit dem Titel Buxtehude and his Circle veröffentlicht, die viel Lob und Beachtung fand. In diesem Jahr haben sie weihnachtliche Musik ausgesucht. Neben Orgelmusik vom Heinrich Scheidemann, Dieterich Buxtehude und Johann Adam Reincken erklingen Kantaten, Motetten und Geistliche Konzerte von Christian Geist, Johann Christoph Bach, Franz Tunder, Dieterich Buxtehude, Matthias Weckmann und Jan Pieterszoon Sweelinck, der eigentlich eher für seine Orgelmusik sowie als Lehrer einer herausragenden Organistengeneration bekannt ist. 
Diese Stücke sind durchweg Raritäten; sie stammen aus der Musikalien- sammlung des schwedischen Hofkapellmeisters und Organisten Gustav Düben. Sein Vater war ebenfalls ein Schüler Sweelincks gewesen. Und wer keine Lust hat auf WO und Messias, der sollte sich unbedingt dieses allererste Weihnachtsalbum des Labels Dacapo besorgen – es lohnt sich! Denn es ist ein rundum prächtiges Programm, mit hohem Engagement und Sinn für Theatralik vorgetragen. Grandios! 

Montag, 6. November 2017

Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig (Rondeau)

Die Leipziger Thomaskirche ist ein Pilgerort der Musikgeschichte; im Laufe der Jahrhunderte waren dort viele berühmte Musiker tätig. Und an der Orgel hat dort nicht nur Johann Sebastian Bach musiziert, sondern auch beispielsweise Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Orgel freilich, die sie gespielt haben, existiert heute nicht mehr. 
Auf dem westlichen Chor befindet sich heute ein Instrument von Wilhelm Sauer, errichtet in den Jahre 1885 bis 1889. Diese romantische Orgel hatte ursprünglich 63 Register, und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach Vorschlägen von Karl Straube auf 88 Register erweitert. Im Jahre 2005 wurde sie durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler restauriert, und sie ist heute wieder auf dem Stand, den sie bei ihrem Umbau 1908 erhalten hatte. 
Im Jahre 2000 jährte sich Bachs Todestag zum zweihundertfünzigsten Male. Aus diesem Anlass wurde auf der Nordempore die Bach-Orgel installiert. Sie stammt aus der Werkstatt des Marburger Orgelbauers Gerald Woehl, hat 61 Register, verteilt auf vier Manuale und Pedal, und orientiert sich klanglich an mitteldeutschen barocken Vorbildern. Ihre Temperatur ist ungleichstufig nach Neidhardt, und der Stimmton liegt bei 465 Hz, zu Bachs Zeiten der übliche Stimmton von Leipziger Orgeln. Mit einem speziellen Hebel, der Kammerkoppel, kann die Stimmung von diesem sogenannten Chorton auf den tiefen Kammerton (415 Hz) gewechselt werden, was das Zusammenspiel mit Barockinstrumenten ermöglicht. 
Auf diesem Album stellt Ullrich Böhme, der amtierende Thomasorganist, mit speziell ausgewähltem Repertoire diese beiden Orgeln vor: Die Bach-Orgel erklingt mit Werken von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707), Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) und dem Bach-Schüler Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780). Die Sauer-Orgel ist mit dem Fest-Hymnus C-Dur op. 20 von Carl Piutti (1846 bis 1902), Thomasorganist von 1880 bis zu seinem Tode, zu hören. An ihr spielt Böhme zudem die Sonate c-Moll op. 65.2 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847), und die Suite Gothique op. 25 von Léon Boëllmann (1862 bis 1897). 

Dienstag, 3. Januar 2017

buxtehude_21 (GP Arts)

Dieterich Buxtehude hat sowohl mit seinem Orgelspiel als auch mit den Abendmusiken, die er von seinem Vorgänger Franz Tunder übernahm und zu einer groß dimensionierten Konzertreihe ausbaute, europäische Musikgeschichte geschrieben. Nicht umsonst ist der junge Johann Sebastian Bach im November (!) bei Wind und Wetter zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck gereist, und im Januar, bei sicherlich auch nicht gerade kuschligen Temperaturen, dieselbe Strecke wieder retour. Denn die Abendmusiken fanden an den fünf Sonntagen vor Weihnachten statt, und auch Bachs Orgelwerke bezeugen, wie tief ihn Buxtehude beeindruckt hat. 
Bernd Ruf und Franz Danksagmüller spüren auf dieser CD dem nach, was das Werk Buxtehudes bis in die Gegenwart geprägt hat. Der Titel „buxtehude_21 On the bridge“ ist allerdings kurios, zumal das Bild auf dem Cover einen langen Anlegesteg zeigt, der quasi ins Nichts führt. Wenig anfangen kann ich auch mit der Ausdeutung der barocken Werke durch die beiden Lübecker Musikprofessoren. Dazu heißt es auf der CD: „DANKSAGMÜLLER_RUF spielen und forschen mit der Intention, die Wirkung von Barockmusik in der Gegenwart erfahrbar zu machen. Ihre Mittel sind Improvisation, Rekomposition, Live-Elektronik, Historische Aufführungspraxis und Elemente der Neuen Musik. Damit begegnen sie der Original-Partitur, befreien sie von ihrer Patina, offenbaren ihren Kern und setzen sie neu zusammen. Es entsteht ein klangliches Destillat, welches zeitepochales Denken auflöst.“ 
Fragmente nach Buxtehude, Händel und Tunder, dazu stückweise auch Bach in wabernde Klangwolken zu hüllen und eine Melodiestimme mit dem hier immer weich säuselnden Klang des Sopransaxophons zu versehen, das löst allerdings zunehmend auch meine Entdeckerfreude auf – sie verflüchtigt sich, geschockt von zuviel New Age und zu wenig erkennbarer Restsubstanz. Wenn sich die barocke Musica Poetica in postromantische Musica Empathica wandelt, dann halte ich das für ein großes Missverständnis. Sorry. 

Mittwoch, 9. November 2016

Pergolesi: Stabat Mater; Knabenchor der Chorakademie Dortmund (Rondeau)

Der Knabenchor der Chorakademie Dortmund ist – nicht nur, was das Alter seiner Sänger angeht – ein junges Ensemble: Er besteht erst seit 2002. Die Chorakademie Dortmund gilt mit insgesamt über tausend Sängern als eine der größten Sing- schulen Europas. Im Zentrum der Ausbildung steht dort das solistische Singen; auch Jost Salm, der Leiter des Knabenchores, legt besonderen Wert auf die individuelle Stimmausbildung der Kinder und Jugendlichen. Sie werden nicht auf einen harmoni- schen Chorklang hin gedrillt, son- dern der Chorklang soll sich aus den gut geschulten, aber auch entspre- chend unterschiedlichen Stimmen ergeben. 
Wie gut diese Auffassung in der Praxis funktioniert, das zeigt die vor- liegende CD mit „Alter“ Kirchenmusik. Zu hören sind die Missa brevis in
F-Dur von Valentin Rathgeber (1682 bis 1750), das mittlerweile sehr bekannte Stabat mater von Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736) und das Klaglied BuxWV 76b von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707). 

In den beiden ersten Stücken singen Tizian Geyer, Knabensopran, und Sven Wagner, Knabenalt; gelegentlich unterstützt durch weitere Knaben aus dem Chor, die als Ripienisten agieren, in kleiner Besetzung. Das gilt auch beim Klaglied, das vom Knabensopran Yorick Ebert gesungen wird. 

Dienstag, 30. August 2016

Ton Koopman at the Zacharias Hildebrandt Organ (1726) Lengefeld in the Erzgebirge (Challenge Classics)

Instrumente, vor allem auch Orgeln, haben ihre Geschichte. In der Kirche zum Heiligen Kreuz im erzgebirgi- schen Lengefeld wurde, so ist es Rechnungen im Pfarrarchiv zu ent- nehmen, 1620/21 zum ersten Male ein solches Instrument aufgestellt. Doch schon 1660/61 wird dieses gegen ein anderes ausgetauscht, angefertigt von einem Leipziger Orgelbauer, wahrscheinlich Christoph Donat. 1726 lassen Pfarrer und Patron die Orgel erneut ersetzen – ein größeres Instrument soll her, mit 22 Registern. Den Auftrag erhält Zacharias Hildebrandt, ansässig in Liebertwolkwitz bei Leipzig. Es ist sein drittes Instrument; und er lässt sich etwas einfallen, um die vielen Orgel- pfeifen auf engstem Raum unterzubringen: Anstatt sie, wie gebräuchlich, hintereinander anzuordnen, teilt er das Hauptwerk und bringt es zu beiden Seiten des Mittelwerkes unter. Der Prospekt wurde dementsprechend, und ebenso ungewöhnlich, in fünf zur Mitte hin ansteigende Türme gegliedert und prachtvoll farbig gestaltet. 
1882 aber schlug der Blitz in die Kirche ein. Die Schäden waren so groß, dass ein Neubau erforderlich war. Dafür wurde das Orgelwerk durch den Orgelbauer Guido Hermann Schäf aus Grünhainichen sorgsam aus- und im neuen Gebäude wieder eingebaut. Bei dieser Gelegenheit modernisiert er gleich auch die Balganlage und tauscht zwei unmodern gewordene Register aus. Auch der Prospekt erhält einen neuen Anstrich – statt barocker Pracht zeigt er nun eine braune Holzimitation. 
1917 muss die Gemeinde sämtliche Prospektpfeifen abliefern. Sie werden erst 1921 ersetzt, durch Pfeifen aus Zink. Außerdem frass sich der Holz- wurm durch die Holzteile, was 1933 einen Umbau im Zeitgeschmack auslöst: Die Orgelbauanstalt Hermann Eule Bautzen verändert die Disposition und baut eine pneumatische Spielanlage mit freistehendem Spieltisch ein. 
Bei einer Kirchenrenovierung 1963 tritt die originale, längst vergessene Farbfassung des Prospektes wieder zutage und wird wieder hergestellt. In den Jahren 2010 bis 2014 wurde das Instrument durch die Firma Eule und die Orgelbauwerkstatt Kristian Wegscheider rekonstruiert und dabei auf den Zustand von 1726 zurückgebaut. Wegscheider fand dabei heraus, dass die Orgel noch sieben komplette Register aus dem Instrument von Christoph Donat enthält – und somit den ältesten Pfeifenbestand des an historischen Orgeln wahrlich nicht gerade armen Sachsen. 
Nach der Rekonstruktion hat Ton Koopman eine Aufnahme mit Werken aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf dieser besonderen Orgel eingespielt. Bach schätzte die Orgeln von Zacharias Hildebrandt, und auch Koopman hat es dieses Instrument hörbar angetan. Er spielt Musik von Johann Sebastian Bach, Dieterich Buxtehude, Johann Pachelbel, Jan Pieterszoon Sweelinck, Johann Gottfried Walther, Gottfried August Homilius und Johann Gottfried Walther – und er nutzt diese Werke auch, um die Hildebrandt-Orgel mit ihren speziellen Klangfarben zu präsentieren. So spielt er Musik von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), bei dem seinerzeit viele insbesondere norddeutsche Organisten in die Lehre gingen, ausschließlich mit den Registern von 1620/21. 
Leider enthält das Beiheft zahlreiche Fehler; wer Informationen zur Geschichte der Hildebrandt-Orgel sucht, der sollte daher besser auf die Webseite des Fördervereins schauen, der zur Erhaltung des kostbares Instrumentes beitragen will.

Dienstag, 31. Mai 2016

Buxtehude: Sonatas with Cornett (Accent)

In der sogenannten „Alten“ Musik waren Besetzungen nicht wirklich festgelegt; die Noten sind zudem eher eine Skizze als verbindlich. Noch im Barock hing es von den vorhandenen Musikern sowie von ihren Fertigkei- ten ab, wie ein Stück letztendlich aufgeführt wurde. William Dongois und Le Concert Brisé haben sich daher die Freiheit genommen, einige von Dieterich Buxtehudes Sonaten für Violine, Gambe und Continuo für Zink und Posaune einzurichten. Was soll man sagen – das Ergebnis überzeugt; man wundert sich vielmehr, dass diese Musik, die in ihren Figurationen derart nach Bläsern klingt, tatsäch- lich für die Violine geschrieben worden sein soll. Und William Dongois spielt Zink, dass man nur staunen kann. Stefan Legée, Barockposaune, ist ihm ein würdiger Dialogpartner. Pierre-Alain Clerc, Organist in Lausanne, übernimmt nicht nur den Basso continuo. Mit einigen zusätzlichen Orgel- werken von Buxtehude sorgt er in diesem Programm für Abwechslung. Die Orgel in St. Paul zu Lausanne, erbaut 1986 von der Firma Orgelbau Fels- berg im Stil von Arp Schnitger, passt dafür klanglich bestens. 

Dienstag, 24. Mai 2016

Buxtehude and his Circle (Dacapo)

Paul Hillier hat sich mit dem Theatre of Voices auf die Suche nach den Spuren von Dieterich Buxtehude be- geben. Der nordddeutsche Orgelvir- tuose war offenbar auch ein außer- ordentlich engagierter Netzwerker. Bedeutende Musikerkollegen, wie Bach und Händel, besuchten ihn in Lübeck und lernten von ihm. Diese CD nun zeigt uns den engeren Kreis um Buxtehude: Der Organist selbst war ein Schüler von Kaspar Förster (1617 bis 1673), auf der CD ebenso vertreten wie Franz Tunder (1614 bis 1667), dessen Tochter Buxtehude heiratete. Auch Vokalwerke von Christian Geist (um 1650 bis 1711), Organist in Kopenhagen, und Buxtehudes Schüler Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697), Organist in Husum, erklingen – und natürlich zwei Kantaten von Buxtehude selbst. Die meisten der Kompositionen, die diese CD vorstellt, sind ausgesprochene Raritäten, was den Hörer freut. Allerdings legt Hillier mit seinen Sängern und Instrumentalisten ein erstaunlich flottes Tempo vor; Bruhns' De profundis beispielsweise in knapp zwölf Minuten ist für meinen persönlichen Geschmack etwas zu sportlich. 

Samstag, 7. Mai 2016

Northern Baroque - Sweelinck, Buxtehude & Co. (Coviello Classics)

Auf den Spuren der Norddeutschen Orgelschule unterwegs ist auf dieser CD Fabien Moulaert. Der junge belgische Organist hat dafür Werke von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), Heinrich Scheidemann (um 1595 bis 1663) und Dieterich Buxte- hude (1637 bis 1707) herausgesucht. Sie zeigen exemplarisch die Entwicklung der Orgelmusik in den reichen Hansestädten über einen Zeitraum von einem knappen Jahr- hundert. 
Sweelinck gehört zu den „Gründervätern“ der norddeutschen Orgeltradi- tion. Er war nicht nur Organist, sondern vor allem auch ein führender Musikpädagoge, der eine ganze Organistengeneration prägte. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Heinrich Scheidemann, in späteren Jahren Organist an der Hauptkirche St. Katharinen zu Hamburg. Er gilt als Schöpfer der Choralfantasie
Buxtehude wirkte als Organist der Marienkirche zu Lübeck. Seine Musik führt Traditionen kreativ weiter; man höre nur seine Choralfantasien sowie die Toccata, die ein schönes Beispiel gibt für den Stylus Phantasticus
Moulaert hat die Orgelwerke an der Arp Schnitger-Orgel der Hauptkirche St. Jacobi zu Hamburg eingespielt. Er musiziert brillant; es ist wirklich eine Freude, zuzuhören. Zwischen den Werken der drei Altmeister hat Moulaert zwei der Kleinen Geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) platziert. Sie werden von der ungarischen Sopranistin Zsuzsi Tóth ausdrucksstark gesungen, ebenso wie das Klag-Lied, das Buxtehude zum Abschied von seinem verstorbenen Vater komponiert hat. Als Continuo-Orgel fungiert dabei die Thomas-Orgel der St. Katharinenkirche Hoogstraten in Belgien. 

Donnerstag, 24. März 2016

Bruhns: Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697) entstammte einer schleswig-hol- steinischen Musikerdynastie. Sein Großvater war Lautenist und Musik- direktor am Hofe des Gottorper Herzogs, ein Onkel war Direktor der Hamburger Ratsmusik, und sein Vater war Organist; es wird vermutet, dass er ein Schüler von Franz Tunder gewesen sein könnte. 
Beim Vater erhielt Nicolaus den ersten Unterricht. Als er 16 Jahre alt war, übernahm dann ein Onkel, der Ratsmusiker in Lübeck war, seine weitere Ausbildung insbesondere an Geige und Gambe. Bruhns soll zudem der Lieblingsschüler Dieterich Buxtehudes gewesen sein, der ihn im Orgelspiel und in Komposition unterrichtete. 
Der Musiker wirkte einige Jahre in Kopenhagen, und erhielt dann eine Stelle als Organist in Husum. Als die Stadt Kiel wenig später mit einem konkurrierenden Angebot an den Musiker herantrat, erhöhte der Stadtrat ihm erheblich die Bezüge – und Bruhns blieb. Schaut man sich seine wenigen überlieferten Werke an, so muss er sowohl auf der Geige als auch an der Orgel ein Virtuose gewesen sein. Leider starb er bereits mit 31 Jah- ren; erhalten sind ein knappes Dutzend Geistliche Konzerte und Kantaten sowie vier Orgelwerke – das Große Präludium in e-Moll, das Kleine Präludium in e-Moll, das Präludium in G-Dur, sowie die Choralfantasie über Nun komm, der Heiden Heiland. Zwei weitere Orgelwerke, ein Präludium im g-Moll sowie ein Adagio als Bruchstück aus einem Präludium in D-Dur sind ebenfalls überliefert, aber ihre Echtheit ist umstritten. 
Für die vorliegende CD hat der italienische Organist Adriano Falcioni an der Orgel der Kirche San Giorgio in Ferrara Bruhns' komplettes Orgelwerk eingespielt. Vervollständigt wird das Album durch Stücke von Jan Pieterszoon Sweelinck, Heinrich Scheidemann, Samuel Scheidt und Dieterich Buxtehude. Das ist ein interessantes Konzept, denn es macht das musikalische Umfeld deutlich, in dem Bruhns' Musik entstanden ist. 

Montag, 22. Februar 2016

Buxtehude: The Complete Organ Works (Dacapo)

Eine exzellente Gesamtaufnahme der Orgelmusik von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) hat das dänische Label Dacapo Records auf den Markt gebracht. Die Box bündelt sechs CD, die bereits separat erhältlich waren: Organistin Bine Bryndorf hat die Orgelwerke in den Jahren 2002 bis 2007 auf fünf histori- schen Orgeln rund um die Ostsee eingespielt. 
Für diese Aufnahmen hat sie Instrumente ausgewählt, die einen Bezug zum Lebens- weg ihres berühmten Kollegen haben: An der Kirche St. Maria in Helsingborg, damals dänisch, heute schwedisch, war Buxtehudes Vater Johann Organist, und später begann der junge Dieterich Buxtehude dort seine Musikerlaufbahn. Das Instrument, das sich heute dort befindet, wurde in den Jahren 1997 bis 2000 durch den schwedischen Orgelbauer Robert Gustavsson aus Härnösand nach einem Konzept von Mads Kjersgaard geschaffen. Es ist ein neues Instrument im Stil der Buxtehude-Zeit. 
Von Helsingborg aus wechselte Buxtehude einst an die Marienkirche Helsingör. Die Orgel dort wurde um 1640 von dem sächsischen Orgelbauer Johan Lorentz angefertigt und, während Buxtehude dort Organist war, durch Hans Christoph Fritzsche umgebaut. Dieses Instrument ist nicht erhalten; die Orgel, die sich heute in dem historischen Gehäuse befindet, hat das Unternehmen Marcussen & Son 1997 im Stil einer dänischen Orgel von 1650 neu gebaut. Zu hören sind zudem die Düben-Orgel der Deutschen Kirche St. Gertrud in Stockholm, rekonstruiert 2004 durch Grönlunds Orgelbyggeri Gammelstad/Schweden, die Arp-Schnitger-Orgel der Kirche St. Jacobi zu Hamburg, und die Stellwagen-Orgel der Kirche St. Jakobi zu Lübeck. Dort spielte Bryndorf auch ein Orgelpositiv von 1673. Es stammte aus der Werkstatt des Hamburger Orgelbauers Jochim Richborn; aller- dings war das eigentliche Instrument seit dem 19. Jahrhundert verloren und nur das Gehäuse erhalten. Die kleine Orgel wurde 2003 durch Mads Kjersgaard nach historischem Vorbild neu zum Leben erweckt. 
Dass diese Aufnahmen seinerzeit von der Kritik hoch gelobt worden sind, verwundert nicht. Bryndorf spielt wirklich bewundernswert, und registriert eher zurückhaltend. Klar strukturiert und gut durchdacht, bringt sie Buxte- hudes Musik hervorragend zur Geltung – diese Box bietet ganz eindeutig eine der besten Gesamteinspielungen von Buxtehudes Orgelwerk, die derzeit zu bekommen sind. 

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Die Orgeln der Marienkirche zu Lübeck (Querstand)

Die drei Orgeln der Marienkirche in Lübeck präsentiert Marienorganist Johannes Unger auf einer CD, die im Hause Querstand erschienen ist. Die Lübecker Marienkirche hat nicht nur das mit mehr als 38 Metern höchste Backsteingewölbe der Welt. Die Haupt-Pfarr- kirche der Hansestadt gilt als „Mutterkirche“ der Backsteingotik, und sie beherbergte bereits im 14. Jahrhundert bedeutende Orgeln. Neben der Hauptorgel war besonders die Chororgel, die sogenannte Totentanzorgel, von Bedeu- tung; sie wurde 1477 in der Totentanzkapelle errichtet, anschließend noch mehrfach erwei- tert und im 17. Jahrhundert durch Friedrich Stellwagen repariert. Danach fanden keine großen Umbauten mehr statt – ein Umstand, der die Orgel für die Orgelbewegung sehr interessant machte. So wurde sie 1937 restauriert. Doch das Instrument verbrannte 1942 bei einem Bombenangriff, ebenso wie die Große Orgel und eine weitere, kleinere Orgel auf dem Lettner. 
1948 wurde in der sogenannten Briefkapelle, die der Gemeinde als Winterkirche dient und die nach dem Krieg als erster Raum wieder für Gottesdienste nutzbar gemacht wurde, eine kleine Orgel aufgestellt, die aus Ostpreußen stammt. Sie wurde 1723 von Johannes Schwarz erbaut. 1933 erwarb sie der Lübecker Orgelbauer Karl Kemper. Sie stand zunächst in der Katharinenkirche, von wo sie Organist Walter Kraft dann als Übergangs- instrument in die Marienkirche holte. Die kleine einmanualige Barockorgel mit geteilter Lade verfügt über neun Register, wovon aber derzeit nur acht spielbar sind, und einen Cymbelstern. Sie ist hier zum ersten Mal auf CD zu hören. 
Die neue Totentanzorgel wurde von der Wilhelmshavener Orgelbaufirma Alfred Führer 1986 erbaut. Das Instrument sollte bewusst kein historisches Vorbild kopieren. Es verfügt bei vier Manualen und Pedal über 56 Register. Unger demonstriert mit dieser Aufnahme, dass an der neuen Totentanz- orgel aufgrund ihrer interessanten Disposition sowohl die Orgelwerke der alten Meister, wie der berühmten Marienorganisten Franz Tunder (1614 bis 1667) und Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707), als auch Musik der Romantik und Moderne, insbesondere auch aus der französischen Orgel- tradition, bestens gespielt werden können. 
Die Große Orgel der Marienkirche wurde durch die Lübecker Orgelbaufirma Kernper & Sohn errichtet und 1968 nach sechsjähriger Bauzeit fertigge- stellt. Zum damaligen Zeitpunkt war sie die größte Orgel der Welt mit mechanischer Traktur, und auch heute noch erscheint dieses Instrument gewaltig. Hundert Register auf fünf Manualen sowie einem Pedal, dass sich in Groß- und Kleinpedal teilt, 8.512 Orgelpfeifen – die größte davon ist über elf Meter lang – sowie diverse Schweller und weitere Spielhilfen eröffnen dem Organisten grandiose klangliche Gestaltungsmöglichkeiten. Unger spielt an der Großen Orgel Präludium und Fuge über BACH von Franz Liszt (1811 bis 1886), die Choralimprovisationen über Nearer, my God, to Thee! von Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933) und Venus aus der Suite The Planets von Gustav Holst (1874 bis 1934), wobei Unger Orgel- transkriptionen von Arthur Wills und Peter Sykes kombiniert. 

Sonntag, 10. Mai 2015

Bach: Constantin Emanuel sings from Schemellis Gesangbuch (Challenge Classics)

Liedern aus Schemellis Gesangbuch widmet Ton Koopman seine jüngste CD. Georg Christian Schemelli (um 1680 bis 1762) lernte 1695 bis 1700 an der Leipziger Thomasschule. 1707 wurde er Kantor in Treuenbrietzen, 1727 Hofkantor in Zeitz, wo er bis zu seinem Ruhestand wirkte. Bekannt ist er als Herausgeber eines Gesang- buches, zu dem auch Johann Sebastian Bach Beiträge lieferte – doch ist nicht sicher festzustellen, welche. Zwar sind sämtliche Lieder im Bach-Werkeverzeichnis gelistet. Neuere Forschungsergebnisse deuten aber darauf hin, dass nur die Lieder BWV 452, 478 und 505 tatsächlich von Bach stammen. Es wird angenommen, dass er bei anderen zumindest den bezifferten Bass hinzugefügt hat. 
Koopman schert sich um diese Debatte wenig. Er verweist darauf kurz im Beiheft, und wählt dann aus, was er lohnend findet, und was zu seinem jungen Sänger passt: Constantin Emanuel sei „één van de zeer weinige jongenssopranen die het epitheton ornans ,schattig' vorbij is, en die muzikaal iets te vertellen heeft“, lobt der Organist und Musikwissen- schaftler. Der junge Sänger klingt in der Tat nicht mehr „niedlich“, und er singt immer noch in Sopranlage, obwohl er bereits 15 Jahre alt ist. Das ist heute selten; zu Bachs Zeiten aber war das normal. 
Es wird nicht verblüffen, dass die längere sängerische Ausbildung, nicht durch den Stimmbruch unterbrochen, den Jungen das Singen schwieri- gerer Partien ermöglicht. Constantin Emanuel singt sehr ordentlich, auch wenn sein Timbre nicht immer angenehm ist. Seine Phrasierung ist intelligent, und – was ich besonders erfreulich finde – jedes Wort ist zu verstehen.  
Die Lieder, die auf dieser CD zu hören sind, waren für die häusliche An- dacht bestimmt; dennoch sind es eher kleine Arien als schlichte Choräle. Man mag sich also vorstellen, was unsere Altvorderen, die ihren Zeit noch nicht an Fernseher und Smartphones verschwendeten, einstmals zum Gebet und zum Zeitvertreib zu Hause musizierten. Und damit es nicht zuviel Gesang wird, spielt Koopman auf dieser CD nach einigen Liedern stets ein kurzes Orgelstück.