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Donnerstag, 5. April 2018

Karg-Elert: Music for Piano and Organ (Toccata Classics)

Beinahe ebenso beliebt wie das Klavier war zur Zeit der Romantik das Harmonium. Und weil es interessante Klangfarben mitbrachte, durfte es nicht nur in so manchem gutbürgerlichen Haushalt Einzug ins Musikzimmer halten. Auch erstaun- lich viele Komponisten schrieben Werke dafür. 
Annikka Konttori-Gustafsson, Piano, und der Organist Jan Lehtola präsentieren auf dieser CD einige Beispiele dafür – und zwar, bis auf das Andante cantabile von Jean Sibelius (1865 bis 1957), durchweg in Weltersteinspielungen. Zu hören sind Sibelius' Schauspielmusik zu Pelléas und Mélisande, bearbeitet für Harmonium und Klavier von Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933), sowie zwei Zyklen Karg-Elerts für diese Besetzung, Poesien op. 35 und Silhouetten op. 29. 
Musikalisch sind diese Werke ziemlich reizvoll. Allerdings wird der Hörgenuss dadurch etwas getrübt, dass in Finnland, wo die Aufnahmen entstanden sind, kein Kunstharmonium aufzutreiben war. Und deshalb spielt Jan Lehtola auf der Orgel der Sovitutsenkirkko in Hollola. Das moderne Instrument, errichtet von Veikko Virtanen Oy, verfügt über 26 Register auf zwei Manualen und Pedal. Es klingt aber nicht wirklich wie ein Harmonium (das zudem deutlich weniger Register aufbieten könnte). Insofern ist dies tatsächlich eine Orgel-CD, auch wenn Jan Lehtola ziemlich zurückhaltend registriert. 

Freitag, 23. Dezember 2016

Gott wird geboren, Mächtige erstarren vor Angst (Oehms Classics)

Dieter Oehms, der Gründer von Oehms Classics, stammt aus Manderscheid. Diese CD ist sein Geschenk an die Heimatgemeinde in der Eifel, zum 15jährigen Jubiläum des Labels im Jahre 2017 und zum 75. Geburtstag seines Gründers (der bereits in diesem Jahr gefeiert wurde). Die Kirche dort, 1945 schwer beschädigt, wurde in den 60er Jahren durch einen Neubau ersetzt. Vom Vorgängerbau blieb nur der Turm erhalten. Das neue Gebäude, entwor- fen vom Trierer Dombaumeister Karl Peter Böhr, ist durchaus spektakulär: Unter dem Altarraum befindet sich in der Krypta der Taufbrunnen, aus dem der Lebensbaum in Form einer Säule empor wächst, durch die Decke hin- durch. Seine Äste tragen den Altartisch. 
Im Jahre 2015 erwarb die Pfarrgemeinde für die Lebensbaum-Kirche eine relativ große Beckerath-Orgel aus dem Jahre 1970, die zuvor ihren Platz im Kirchenmusikalischen Institut des Bistums Speyer hatte. Sie wurde durch die Hugo Mayer Orgelbau GmbH, Heusweiler/Saar, umgesetzt und ange- passt. Um dieses Projekt zu unterstützen, gehen die Verkaufserlöse dieser CD an den Orgelbau-Förderverein. 
Eingespielt hat die CD der Trierer Domorganist Josef Still, Nachfolger des langjährigen Domorganisten Wolfgang Oehms. Sie sollte dem schönsten Fest des Christentums, dem Weihnachtsfest, gewidmet sein – und was könnte besser dazu passen, als Orgelmusik aus unserem Nachbarland Polen? Josef Still ist diesem Repertoire seit Jahren besonders verbunden; in seinem Programm, das er für die Aufnahmen zusammmengestellt hat, erklingen bekannte Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, Max Reger und Sigfrid Karg-Elert neben polnischen Weihnachtsliedern und Orgel- kompositionen, vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. 
Das Lied Bóg się rodzi (Christus ist geboren), das den Status einer natio- nalen Weihnachtshymne genießt und kurzfristig sogar als Nationalhymne in Erwägung gezogen worden war, darf in keiner der traditionellen Mitter- nachtsmessen in Polen fehlen. Es erklingt daher auch auf dieser CD – und zwar in Form eines Choralvorspiels von Miecysław Surcyński (1866 bis 1924), ausgebildet in Berlin, Leipzig und Regensburg, und in späteren Jahren Professor für Orgel und Organist in Warschau. Er ist auf der CD noch mit einem weiteren Präludium zu dem Weihnachtslied Gdy się Chrystus rodzi vertreten. 
Feliks Rączkowski (1906 bis 1989), Organist und Chorleiter an der War- schauer Heiligkreuzkirche sowie ein überaus erfolgreicher Orgellehrer, hat in seiner umfangreichen Weihnachtslieder-Suite Bóg się rodzi an dem Schluss gestellt. Josef Still eröffnet mit dieser Suite Kolęd sein Programm. Aus der Tabulatur des Zisterzienserklosters Oliva bei Danzig stammen zwei kurze Orgelstücke nach alten Weihnachtshymnen von Piotr Drusiński (um 1550 bis 1611). Von dem deutsch-polnischen Komponisten Jan Janca (*1933), viele Jahre Musiklehrer und Organist in Tübingen, erklingt die Meditation Maria durch ein' Dornwald ging. 
Feliks Nowowiejski (1877 bis 1946) war der Sohn eines Schneiders. Das Geld war knapp, so dass er schon als Teenager eine Stelle als Geiger annahm, um zum Lebensunterhalt seiner Eltern und Geschwister beitragen zu können. Seine Studienaufenthalte, vor allem in Berlin, wo Nowowiejski seine Ausbildung zunächst am Sternschen Konservatorium und dann an der Königlichen Akademie der Künste bei Max Bruch fortsetzte, finanzierte er über Preisgelder, die er bei einer Vielzahl von Wettbewerben für seine Kompositionen erhielt. 
Der Komponist, Chorleiter und Organist wirkte vor allem in Krakau, Posen und in Berlin, und war ein leidenschaftlicher und engagierter polnischer Patriot, was nicht zuletzt an der Wahl seiner Texte und Sujets erkennbar wird. Die CD endet mit seinem Stück Weihnacht in der uralten Marien- kirche zu Krakau op. 31 Nr. 3. 
Josef Still ermöglicht mit seinem Programm einerseits Entdeckungen im Bereich der polnischen Orgelmusik, die hierzulande leider wenig bekannt ist. Das ist schade, denn die Werke der ausgewählten Komponisten lassen darauf schließen, dass sich Erkundungen in diesem Repertoire doch sehr lohnen. Andererseits zeigt der Trierer Domorganist mit seiner Einspielung, dass es in Manderscheid nunmehr mit der Beckerath-Mayer-Orgel ein hochwertiges Instrument gibt, das nicht nur im Gottesdienst, sondern darüber hinaus auch wunderbar in Konzerten erklingen kann. Die drei- manualige Orgel erweist sich als ein Instrument mit einem sehr eigenen Klangcharakter, wie geschaffen für die Eifel mit ihrem herben Charme. Wer auch immer die Entscheidung getroffen hat, sie nach Manderscheid zu holen – es war ein Glücksgriff. 

Sonntag, 3. Juli 2016

L'Harmonium excentrique de Karg-Elert (Gallo)

Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933), eigentlich Siegfried Theodor Karg, verbrachte den größten Teil seines Lebens in Leipzig. Dort sang der Knabe im Chor der Johanniskirche, ging zum Klavierunterricht und komponierte erste Werke. Ein Stipendium ermöglichte es ihm, am Konservatorium zu studieren, wo unter anderem Carl Reinecke und Robert Teichmüller zu seinen Lehrern gehörten. 
Ab 1901 wirkte Karg-Elert vor allem als Klavierlehrer; außerdem kompo- nierte er, überwiegend Klavier- und Kammermusik. In späteren Jahre wandte er sich zudem der Orgel zu. 1919 wurde er Dozent für Musiktheorie und Komposition am Leipziger Konser- vatorium, 1932 Professor. Im Dritten Reich allerdings wurde seine Musik überhaupt nicht geschätzt. Auch in der Nachkriegszeit entsprach sie nicht den Idealen, so dass sie jahrzehntelang wenig gespielt wurde. Mittlerweile ändert sich das. Und es lohnt sich, wie diese CD beweist. 
Das Kunstharmonium ist ein Exot unter den Tasteninstrumenten. Karg-Elert, im Jahre 1904 durch den Musikverleger und Instrumentenhändler Carl Simon darauf hingewiesen, war begeistert – und spielte das Kunst- harmonium schon bald virtuos. Mit seinem farbenreichen Klang scheint es ein ideales Medium für seine Kompositionen gewesen zu sein. In Gesamt- werk Karg-Elerts hat die Musik für das Harmonium ganz besonderes Gewicht; niemand hat mehr Werke dafür geschaffen. 
Auf dieser CD präsentiert Joris Verdin, von Haus aus eigentlich Organist, Karg-Elerts Kompositionen für Kunstharmonium op. 26, die Sonatine in e-Moll op. 14 Nr. 2 und die Intarsien op 76. Dafür hat er zwei Instrumente aus der Werkstatt von Victor Mustel ausgewählt – ein Harmonium aus dem Jahre 1891 sowie ein Orgue-Célesta von 1927. Letzteres kombiniert auf jeweils einem Manual Célesta und Harmonium. Karg-Elerts Musik erscheint weniger „exzentrisch“ als vielmehr geistreich und handwerklich ungemein gut gemacht. Grandios! Eine Einspielung, die rundum beein- druckt. 

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Die Orgeln der Marienkirche zu Lübeck (Querstand)

Die drei Orgeln der Marienkirche in Lübeck präsentiert Marienorganist Johannes Unger auf einer CD, die im Hause Querstand erschienen ist. Die Lübecker Marienkirche hat nicht nur das mit mehr als 38 Metern höchste Backsteingewölbe der Welt. Die Haupt-Pfarr- kirche der Hansestadt gilt als „Mutterkirche“ der Backsteingotik, und sie beherbergte bereits im 14. Jahrhundert bedeutende Orgeln. Neben der Hauptorgel war besonders die Chororgel, die sogenannte Totentanzorgel, von Bedeu- tung; sie wurde 1477 in der Totentanzkapelle errichtet, anschließend noch mehrfach erwei- tert und im 17. Jahrhundert durch Friedrich Stellwagen repariert. Danach fanden keine großen Umbauten mehr statt – ein Umstand, der die Orgel für die Orgelbewegung sehr interessant machte. So wurde sie 1937 restauriert. Doch das Instrument verbrannte 1942 bei einem Bombenangriff, ebenso wie die Große Orgel und eine weitere, kleinere Orgel auf dem Lettner. 
1948 wurde in der sogenannten Briefkapelle, die der Gemeinde als Winterkirche dient und die nach dem Krieg als erster Raum wieder für Gottesdienste nutzbar gemacht wurde, eine kleine Orgel aufgestellt, die aus Ostpreußen stammt. Sie wurde 1723 von Johannes Schwarz erbaut. 1933 erwarb sie der Lübecker Orgelbauer Karl Kemper. Sie stand zunächst in der Katharinenkirche, von wo sie Organist Walter Kraft dann als Übergangs- instrument in die Marienkirche holte. Die kleine einmanualige Barockorgel mit geteilter Lade verfügt über neun Register, wovon aber derzeit nur acht spielbar sind, und einen Cymbelstern. Sie ist hier zum ersten Mal auf CD zu hören. 
Die neue Totentanzorgel wurde von der Wilhelmshavener Orgelbaufirma Alfred Führer 1986 erbaut. Das Instrument sollte bewusst kein historisches Vorbild kopieren. Es verfügt bei vier Manualen und Pedal über 56 Register. Unger demonstriert mit dieser Aufnahme, dass an der neuen Totentanz- orgel aufgrund ihrer interessanten Disposition sowohl die Orgelwerke der alten Meister, wie der berühmten Marienorganisten Franz Tunder (1614 bis 1667) und Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707), als auch Musik der Romantik und Moderne, insbesondere auch aus der französischen Orgel- tradition, bestens gespielt werden können. 
Die Große Orgel der Marienkirche wurde durch die Lübecker Orgelbaufirma Kernper & Sohn errichtet und 1968 nach sechsjähriger Bauzeit fertigge- stellt. Zum damaligen Zeitpunkt war sie die größte Orgel der Welt mit mechanischer Traktur, und auch heute noch erscheint dieses Instrument gewaltig. Hundert Register auf fünf Manualen sowie einem Pedal, dass sich in Groß- und Kleinpedal teilt, 8.512 Orgelpfeifen – die größte davon ist über elf Meter lang – sowie diverse Schweller und weitere Spielhilfen eröffnen dem Organisten grandiose klangliche Gestaltungsmöglichkeiten. Unger spielt an der Großen Orgel Präludium und Fuge über BACH von Franz Liszt (1811 bis 1886), die Choralimprovisationen über Nearer, my God, to Thee! von Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933) und Venus aus der Suite The Planets von Gustav Holst (1874 bis 1934), wobei Unger Orgel- transkriptionen von Arthur Wills und Peter Sykes kombiniert. 

Mittwoch, 23. September 2015

Karg-Elert: Opern von Richard Wagner in Bearbeitungen für Harmonium und Klavier (Pan Classics)

„Nur der Ausdruck und der Inhalt eines Stückes diene dem Harmo- nisten als Richtschnur in der Registerwahl, nicht aber aus- schließlich die klangliche Eigenart der Originalfassung eines Satzes“, erklärt Sigfrid Karg-Elert. „Deshalb glaubte sich der Verfasser im künstlerisch freien Recht, als er bei sämtlichen Bearbeitungen der Wagnerischen Werke für Harmo- nium und als Duos für Klavier und Harmonium eine Orchester- ähnlichkeit überhaupt nicht erstrebte (so gewagt dies auch erscheinen mag!), sondern, was Satz, Farbe und Technik anbelangt, die ,spezifische Harmoniumwirkung' so stark, als just eben künstlerisch tunlich, zu erreichen bemüht war.“
Der heutige Hörer schluckt beim Lesen einer solchen Anweisung: Harmonium?? das war doch quasi ein Akkordeon im Klaviergehäuse, bei dem die Bälge getreten werden, ein Orgelersatz für den Hausgebrauch. Doch wenn ein bedeutender Komponist wie Karg-Elert enorme Mengen an Musikstücken für dieses Instrument geschaffen hat, dann muss das (Kunst-)Harmonium seinerzeit durchaus einen wichtigen Platz im Konzertleben gehabt haben. Insofern sorgt eine Neuerscheinung aus dem Hause Pan Classics spontan für Neugier: „Auserlesene Stücke aus Opern von Richard Wagner für Harmonium und Klavier übertragen“, über- schrieb Sigfrid Karg-Elert 1914 seine Sammlung von 30 Bearbeitungen für diese heutzutage vollkommen ungebräuchliche Duobesetzung.
Jan Hennig, Kunstharmonium, und Ernst Breidenbach, Klavier, haben eine Auswahl dieser Arrangements eingespielt. Es erklingen beispielsweise der Einzug der Gäste auf der Wartburg aus Tannhäuser, das Vorspiel zum 1.Akt und der Brautchor aus Lohengrin, Siegmunds berühmtes Liebeslied („Winterstürme wichen dem Wonnemond“) aus Die Walküre oder das Spinnerlied aus Der fliegende Holländer. Und die Klangeffekte, die die Kombination der beiden Duopartner ermöglicht, sind in der Tat schlicht unglaublich. Das Harmonium kann endlos lange Töne aus dem Pianissimo heraus aufblühen und wieder verklingen lassen, und es begeistert durch Ausdrucksstärke und durch die breite Palette seiner Klangfarben. Das Klavier hingegen lässt sich sehr viel virtuoser und klar akzentuiert einsetzen, was dem Harmonium aufgrund der Klangerzeugung mit schwingenden Durchschlagzungen nicht in gleicher Weise gelingen kann. Aus diesen Unterschieden ergibt sich der Reiz dieser Duobesetzung – und klanglich wirkt das überaus faszinierend. Hennig und Breidenbach präsentieren hier eine der schönsten Wagner-Bearbeitungen, die derzeit auf CD zu erwerben ist. Überraschung! Unbedingt anhören!