"Ich weiß nicht, ob er dem Orden der Tonkünstler oder den anderen Gelehrten mehr Ehre gebracht", schrieb Johann Christoph Ade- lung, Bibliothekar des Kurfürsten Friedrich August III., über Johann Kuhnau. "Er war gelehrt in der Gottesgelahrtheit, in den Rechten, Beredsamkeit, Dichtkunst, Mathe- matik, fremden Sprachen und Musik."
Johann Kuhnau (1660 bis 1722) war der Sohn eines Tischlers aus Geising im Erzgebirge. Er begann seine musikalische Laufbahn als Chorknabe, was ihm zugleich den Besuch der Dresdner Kreuzschule ermöglichte. Als in der Landes- hauptstadt die Pest ausbrach, schickten ihn die Eltern nach Zittau, wo er am Johanneum seine Ausbildung fortsetzte, und bald auch Aufga- ben eines Kantors und Organisten übernahm. Als dort 1682 Johann Krieger ins Amt eingeführt wurde und dies seine Dienstpflichten wurden, ging Kuhnau nach Leipzig.
Dort studierte er Jura, und erwarb sich nebenher einen exzellenten Ruf als Musiker. So komponierte er 1683 ein aufwendiges dramma per musica, das zur Begrüßung des von der Türkenschlacht in Wien heimgekehrten Kurfürsten unter freiem Himmel aufgeführt wurde. 1684 erhielt Kuhnau eine Anstellung als Organist an der Thomas- kirche. 1701 wurde er schließlich als Nachfolger von Johann Schelle Thomaskantor.
Bekannt ist er in erster Linie als Vorgänger Bachs - und für seine Klaviermusik, beispielsweise die Clavier-Übung, zweimal sieben Partitas, komponiert für den geübten Musiker, um "auch den von anderen Studien ermüdeten Geist" zu "erfrischen" - ganz ähnlich, wie Bach es später formulieren sollte. In seinem Amt als Thomaskantor hatte Kuhnau so manchen Strauß mit dem Studenten Georg Philipp Telemann auszufechten, der sich in das Leipziger Musikleben nicht nur mit Lust und Leidenschaft, sondern offenbar auch mit einem gewissen Geltungsbedürfnis einbrachte. Leider prägte dies das Bild Kuhnaus, wie der Musiker das eigentlich nicht verdient hat.
Denn gerade die geistlichen Vokalwerke, die The King's Consort unter Robert King auf dieser CD vorstellt, verweisen uns auf seine enorme Bedeutung als Komponist einer Übergangszeit. Musik galt damals noch als mathematische Kunst; sie spiegelte Affekte, und zwar auf einer eher abstrakten Ebene, und nicht Befindlichkeiten. Und weil Kirchenmusik die Gläubigen erquicken und erbauen, aber auch unterweisen sollte, wurde zu Kuhnaus Zeiten höchster Wert auf den Text, auf seine Auswahl und Auslegung mit den Mitteln der Musik, gelegt.
Das zeigt sich, bei aller musikalischen Brillanz, auch bei dieser CD, der man zudem begeistert lauscht, weil die Aufnahmen mit The King's Consort außerordentlich gelungen und ausdrucksstark sind. Die Sänger und Musiker machen deutlich, wie stark Kuhnaus geistliche Werke rhetorisch geprägt sind - ganz im Sinne jener großen Traditio- nen, die der Thomaskantor in seinen Jugendjahren in Dresden ken- nengelernt haben wird.
Kuhnau ist das Bindeglied zwischen Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach. Zu seinen Schülern gehören zudem Johann Friedrich Fasch, Christoph Graupner und Johann David Heinichen. Händel und Mattheson kannten und schätzten seine Klavierwerke. Und selbst Telemann bekannte später, dass er den Kontrapunkt durch das Stu- dium von Kompositionen Kuhnaus gelernt habe.
Posts mit dem Label York werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label York werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Mittwoch, 6. Juni 2012
Sonntag, 4. Dezember 2011
Grandi: Vespro della Beata Vergine (Carus)
Alessandro Grandi (um 1580 bis 1630) gehörte zu Lebzeiten zu den berühmtesten italienischen Kom- ponisten. Seine Werke wurden so häufig nachgedruckt wie die kaum eines anderen Meisters seiner Zeit. Grandi war offenbar sehr experi- mentierfreudig, und begeisterte seine Zeitgenossen durch seinen Ideenreichtum und seine Innova- tionen. So war er der erste, der den Begriff Kantate verwendete.
Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt; 1597 wurde Grandi maestro di capella der Accademia della morte in Ferrara. Er wirkte zudem unter anderem als Chorsänger und Vizekapellmeister an San Marco in Venedig. 1627 ging er als Kapellmeister der Basilika Santa Maria Maggiore nach Bergamo. Dort starb er 1630 an der Pest.
Grandi komponierte Messen, Motetten, Psalmvertonungen und Ma- drigale. Sein Werk ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Das liegt vielleicht nicht zuletzt daran, dass Claudio Monteverdis (voll- ständig überlieferte) prächtige Marienvesper derart populär wurde, weswegen sich wohl kaum noch jemand die Mühe gemacht hat, aus den diversen Sammelbänden ähnliche Werke seiner Zeitgenossen herauszusuchen.
Der Musikwissenschaftler Rudolf Ewerhart hat sich an das Puzzle gewagt, er hat in zeitgenössischen Drucken die passenden Einzelsätze Grandis aufgespürt und zu einer festlichen Marienvesper zusammen- gestellt. Die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium Stuttgart haben dieses Werk unter Matthew Halls im September 2010 zum Musikfest Stuttgart in der dortigen Markuskirche aufgeführt; die vorliegende CD ist ein Live-Mitschnitt dieser Aufführung. Als Solisten singen Deborah York, Sopran, Daniel Taylor, Altus, Ed Lyon, Tenor und Peter Harvey, Bass. Leider will auch bei mehrfachem Anhören der Funke nicht überspringen. Natürlich beeindruckt die Textaus- legung Grandis durch ihre Subtilität, aber was die Stuttgarter daraus machen, das ist überraschend ausdrucksarm - schwäbischer Klang- brei, verblüffend sparsam gewürzt. Tut mir leid, aber diese Aufnahme finde ich einfach nur langweilig.
Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt; 1597 wurde Grandi maestro di capella der Accademia della morte in Ferrara. Er wirkte zudem unter anderem als Chorsänger und Vizekapellmeister an San Marco in Venedig. 1627 ging er als Kapellmeister der Basilika Santa Maria Maggiore nach Bergamo. Dort starb er 1630 an der Pest.
Grandi komponierte Messen, Motetten, Psalmvertonungen und Ma- drigale. Sein Werk ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Das liegt vielleicht nicht zuletzt daran, dass Claudio Monteverdis (voll- ständig überlieferte) prächtige Marienvesper derart populär wurde, weswegen sich wohl kaum noch jemand die Mühe gemacht hat, aus den diversen Sammelbänden ähnliche Werke seiner Zeitgenossen herauszusuchen.
Der Musikwissenschaftler Rudolf Ewerhart hat sich an das Puzzle gewagt, er hat in zeitgenössischen Drucken die passenden Einzelsätze Grandis aufgespürt und zu einer festlichen Marienvesper zusammen- gestellt. Die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium Stuttgart haben dieses Werk unter Matthew Halls im September 2010 zum Musikfest Stuttgart in der dortigen Markuskirche aufgeführt; die vorliegende CD ist ein Live-Mitschnitt dieser Aufführung. Als Solisten singen Deborah York, Sopran, Daniel Taylor, Altus, Ed Lyon, Tenor und Peter Harvey, Bass. Leider will auch bei mehrfachem Anhören der Funke nicht überspringen. Natürlich beeindruckt die Textaus- legung Grandis durch ihre Subtilität, aber was die Stuttgarter daraus machen, das ist überraschend ausdrucksarm - schwäbischer Klang- brei, verblüffend sparsam gewürzt. Tut mir leid, aber diese Aufnahme finde ich einfach nur langweilig.
Sonntag, 6. Dezember 2009
Per il Santissimo Natale - Deborah York, Elbipolis (Berlin Classics)
Barockmusik zur Weihnacht - festlich, strahlend und wunderschön musiziert. Das Elbipolis Barockorchester Hamburg reiht Stücke aneinander, die zum einen für eine derart kleine Besetzung - zwei Violinen, Viola, zwei Trompeten, Traversflöte und diverse Continuo-Instrumente - geschrieben wurden. Zum anderen folgt die CD inhaltlich der Weihnachtsgeschichte. Und das sorgt zusätzlich für den perfekten Spannungsbogen.
Die CD beginnt mit dem energischem Trompetengeschmetter einer Sonate von Alessandro Melani. Es folgt das Magnificat, in einer hier zum ersten Male eingespielten Vertonung durch Melchior Hoffmann, einen ebenso einfallsreichen wie versierten Musikus, der vor Bach in Leipzig wirkte. Dann hört man die Hirten, wie sie dem Jesuskindchen aufspielen - und zwar die Sinfonia Pastorale per il Santissimo Natale von Francesco Onofrio Manfredini.
Und die Engel stimmen das Gloria an, berichtet die Weihnachtsgeschichte. Auf dieser CD stammt es aus der Feder von Händel; offensichtlich ein Jugendwerk des Komponisten, das erst vor wenigen Jahren im Archiv der Londoner Royal Academy of Music entdeckt wurde. Es verblüfft durch seine kammermusikalische Besetzung, und durch die virtuose Gestaltung des Gesangsparts.
Die CD beginnt mit dem energischem Trompetengeschmetter einer Sonate von Alessandro Melani. Es folgt das Magnificat, in einer hier zum ersten Male eingespielten Vertonung durch Melchior Hoffmann, einen ebenso einfallsreichen wie versierten Musikus, der vor Bach in Leipzig wirkte. Dann hört man die Hirten, wie sie dem Jesuskindchen aufspielen - und zwar die Sinfonia Pastorale per il Santissimo Natale von Francesco Onofrio Manfredini.
Und die Engel stimmen das Gloria an, berichtet die Weihnachtsgeschichte. Auf dieser CD stammt es aus der Feder von Händel; offensichtlich ein Jugendwerk des Komponisten, das erst vor wenigen Jahren im Archiv der Londoner Royal Academy of Music entdeckt wurde. Es verblüfft durch seine kammermusikalische Besetzung, und durch die virtuose Gestaltung des Gesangsparts.
Die CD endet mit einer Weihnachtskantate von Christian August Jacobi, die sozusagen das irdische Echo auf den Lobgesang der Engel darstellt: "Der Himmel steht uns wieder offen", bekannt durch eine phänomenale Einspielung mit Peter Schreier, erklingt hier in der originalen Version für Sopran. Auch diese Partie kann durchaus als anspruchsvoll bezeichnet werden.
Das Elbipolis-Orchester spielt mit Lust, und auch die Sopranistin Deborah York hat hörbar Vergnügen an dem Repertoire, das - für die Sängerin wie für die Instrumentalisten - so einige Herausforderungen bereit hält. Doch die Musiker sind dem jederzeit gewachsen. Insbesondere York überzeugt durch einen schlanken, knabenhaften Ton. In den Chorälen ist ihre Stimme gerade heraus zu hören, vollkommen frei von Vibrato, schmucklos schlicht; sie ist jedoch durchaus in der Lage, ihr Timbre einzufärben, wenn dies zum Stück passt. Und ihre Koloraturen perlen wie die winzigen Gasbläschen im Champagner, in perfekten Linien und in teilweise atemberaubendem Tempo.
Diese CD verbreitet Feststimmung, man hört sie gern, und wird sie auch im kommenden Jahr des öfteren wieder aus dem Regal holen. Wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht - diese Aufnahme ist zu empfehlen!
Abonnieren
Kommentare (Atom)


