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Montag, 1. November 2021

Witches, Queens & Heroines (Perfect Noise)

 

Wenn brave Mädchen in der Barockoper vorkommen, dann sind sie entweder Opfer, oder eine Trophäe – und deshalb haben Margriet Buchberger und das Ensemble Il Giratempo für diese CD nach den „wilden“ Frauen in den Opern von Georg Friedrich Händel Ausschau gehalten. 

Lange mussten sie nicht suchen, denn Händels Opernheldinnen sind meistens Charaktere – von der Königstochter Medea über die Königin Cleopatra bis hin zur Fee Morgana oder Zauberin Alcina, die alle Männer, die auf ihrer Insel eintreffen, in Schweine verwandelt. 

Bevor diese Damen siegreich, oder zumindest geläutert, von der Bühne abtreten, bevor sie endgültig entfliehen oder gar untergehen, singen sie grandiose Arien. Denn Händel standen in seiner Company mit Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni gleich zwei erstklassige Sängerinnen zur Verfügung, die er mit attraktiven Rollen und hochvirtuosen Partien bei Laune halten musste. 

Virtuos singt auch Margriet Buchberger. Die Sopranistin wird vom Ensemble Il Giratempo, unter Leitung von Konzertmeisterin Zsuzanna Czentnár, schwungvoll begleitet. Leider achtet die Sängerin mehr auf das Dekorative als auf das Dramatische in der Musik. So klingen auf diesem Album alle Rollen irgendwie ähnlich. Wer eine Hexe ist, und wer eine Königin, das möchte man aber hören. Eigentlich kann ein Sänger auch deutlich machen, warum gerade an dieser Stelle jetzt genau diese atemberaubende Koloratur erklingt. In diesem Falle bleibt es ein Rätsel. Schade. 


Mittwoch, 25. Februar 2015

Bach: New Oboe Sonatas (Berlin Classics)

Oboensonaten von Johann Sebastian Bach? Wer da erstaunt die Stirn runzelt, der hat wohl das Wörtchen „new“ übersehen. Denn der berühmte Thomaskantor hat zwar viele traum- haft schöne Partien für die Oboe geschrieben. Aber Sonaten für dieses Instrument sind von ihm leider nicht überliefert. Und so spielen Oboisten mitunter Bachs Flötensonaten – was zur Entstehungszeit dieser Werke durchaus üblich war; auch Bach selbst hat munter seine Komposi- tionen bearbeitet und bei Bedarf die Instrumentierung geändert. 
Ramón Ortega Quero, Solo-Oboist des Symphonieorchesters des Bayeri- schen Rundfunks, hat daher Bachs Kammermusik mit wachem Blick studiert – und so einige interessante Werke ausfindig gemacht, um sie auf seinem Instrument zu spielen. Die CD startet mit der Suite in c-Moll BWV 997, von der Experten annehmen, dass sie für das Lautenwerk entstanden sind, eine Art Cembalo mit einem lautenähnlichen Resonanzkörper. Diese Musik ist bereits mehrfach für andere Besetzungen bearbeitet worden; Quero hat nun eine Version für Oboe und Cembalo geschaffen, die enorm gut klingt und durchweg überzeugt. Die Sonate BWV 1034 wurde für Traversflöte und Basso continuo geschrieben. 
Die Triosonate in G-Dur BWV 1039 gibt es in derselben Tonart auch in einer Variante für Gambe. An diesem Beispiel hat sich der Flötist Henrik Wiese orientiert, und Bachs Gambensonaten sehr kompetent für die Flöte bearbeitet. Quero spielt eines dieser Werke, BWV 1029, nun auf der Oboe. Dieser Transfer funktioniert auch bei der Triosonate Nr. 3 für zwei Traversflöten und Basso continuo hervorragend. Bei diesem Stück musiziert Ramón Ortega Quero gemeinsam mit seiner Frau Tamar Inbar, die ebenfalls exzellent Oboe spielt. Es ist faszinierend, den beiden Solisten zuzuhören, denn bei aller Harmonie unterscheiden sie sich doch im Klang recht deutlich. 
Musikalische Partner bei dieser Einspielung waren Quero zudem Luise Buchberger am Barockcello und Peter Kofler am Cembalo. Das passt sehr gut, denn sie übernehmen ihren Part mit Elan, mit sehr viel Sachverstand und auch mit Temperament. Entstanden ist somit eine CD, die man wirklich gern und mit Gewinn anhört, von außergewöhnlich hoher musikalischer Qualität. Bravi!

Sonntag, 28. November 2010

Shadows - Baroque Music by Vivaldi, Blavet, Dieupart and Veracini (Solo Musica)

"Aus Liebe zur Barockmusik habe ich dieses Programm eingespielt", schreibt Ramón Ortega Quero, Solo-Oboist des Symphonie- orchesters des Bayerischen Rund- funks und Rising Star der European Concert Hall Organization 2010/11. "Wir haben die drei italienischen Sonaten und drei französische Stücke aufgenommen und versucht, Ähnlichkeiten und Unterschiede beider Stilrichtun- gen deutlich zu machen."
Das ist offenbar gar nicht so einfach, denn die Musiker der Barockzeit reisten umher, um zu lernen, einander zuzuhören und Arbeiten berühmter Kollegen zu kopieren. Italien galt damals als das Maß aller Dinge. Concerti grossi nach Corelli, die Kirchensonate oder die nea- politanische Oper wurden bald in ganz Europa nachgeahmt. 
Die Franzosen bevorzugten Suiten, Folgen von Tanzsätzen; sie über- nahmen aber bald die Innovationen aus Italien. So steht auf dieser CD nur noch ein Werk für den französischen Stil - und die Suite VI in f-Moll stammt lustigerweise von Charles Dieupart, der in London lebte und arbeitete. Die beiden Werke von Michel Blavet, damals der berühmteste Flötist in Frankreich, folgen bereits dem Modell der Sonate. Die CD enthält zudem Sonaten von Francesco Maria Veracini und Antonio Vivaldi - darunter auch die Sonate c-Moll RV 53, das einzige der sechs Werke, das ursprünglich für Oboe entstanden ist.
Alle sechs Werke stehen zudem im Tongeschlecht Moll, was das Label veranlasste, den Titel Schatten für die CD zu wählen. Nach der Affektenlehre, die im Beiheft sogar zitiert wird, haben aber nicht alle Moll-Tonarten etwas Düsteres; erst die Wiener Klassik bevorzugte die Dur-Tonarten, und degradierte Moll zum Kontrast. Johann Mattheson beschreibt in seinem Neu-Eröffneten Orchestre (1713) aber nicht nur die Charaktere der einzelnen Tonarten: "Der gleichsam redende Haut- bois, ital. Oboe, ist bey den Frantzosen, und nunmehro auch bey uns, das, was vor diesem in Teutschland die Schalmeyen (von den alten Musicis Piffari genandt) gewesen sind, ob sie gleich etwas anders eingerichtet. Die Hautbois kommen, nach der Flute Allemande, der Menschen-Stimme wol am nähesten, wenn sie mannierlich und nach der Sing-Art tractiert werden, wozu ein großer Habitus und sonder- lich die gantze Wissenschaft der Singe-Kunst gehöret. Werden aber die Hautbois nicht auff das aller delicateste angeblasen, (es sei denn im Felde oder inter pocula, wo mans eben so genau nicht nimmt) so will ich lieber eine gute Maultrummel oder ein Kamm-Stückchen davor hören, und glaube, es werden ihrer mehr also verwehnet seyn." 
Was die Qualität des Oboenspiels angeht, so ist bei dieser CD nicht viel zu befürchten; auch wenn der Ton vielleicht noch ein wenig weicher, singender, samtiger werden könnte. Und mit Luise Buchberger am Violoncello und Peter Kofler am Cembalo steht Ramón Ortega Quero ein versiertes Continuo zur Seite.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Rathgeber: Missa St. Benedicti (cpo)

"Gott selbst möge daran Wohlge- fallen finden, mit dieser engel- haften Harmonie die Himmel zu erfüllen, und er möge den Vorplatz des Himmels so bewachen lassen, dass keinem der Zutritt zum Heiligen Berg Gottes und zu seinen Zelten erlaubt wird, außer dem, der die Musik liebt", schrieb Johann Valentin Rathgeber in der Vorrede zu seinem Opus III. 
Die Benediktsmesse auf dieser CD stammt aus dieser Sammlung. Um sie herum hat Matthias Beckert, Leiter des Monteverdichores und des Monteverdi Ensembles Würzburg, mit Unterstützung der Valentin-Rathgeber-Gesellschaft noch einige passende, ergänzende Werke wie Benediktsoffertorien oder Josephs- und Benediktshymnus sowie Marianische Antiphonen und die Lauretanische Litanei ergänzt. Im Zentrum der CD placierte er, wie eine Meditationspause, das Concerto 21 aus Opus VI - ein Violinkonzert, in dem die Trompeten begleitende Funktion haben.
Die Aufnahme ist dementsprechend prächtig. Es wird inspiriert musi- ziert. Das Solistenquartett - Margriet Buchberger, Sopran, Peter de Groot, Altus, Marco van de Klundert, Tenor und Hans Wijers, Bariton - Konzertmeisterin Pauline Nobes sowie die Sänger und Musiker des Monteverdi Ensembles Würzburg liefern köstliche musikalische Weihrauchwölkchen.
Das Beiheft ist ebenfalls liebevoll gestaltet - hier bringt sich erneut die Rathgeber-Gesellschaft ein. Über die peinliche Widmung, devotissime an den derzeit amtierenden Papst gerichtet, die darin ebenfalls in voller Länge nebst Übersetzung abgedruckt steht, sei hier der Mantel des Schweigens gebreitet.