In der Fürstenschule Pforta bei Naumburg war es einst üblich, dass die Schüler vor und nach dem Essen sowie zur Andacht Hymnen sangen. Diese Gesänge in lateinischer Sprache waren eher unkompliziert vierstimmig gesetzt; und beim Singen festigten die Schüler, ganz nebenher, ihre Lateinkenntnisse und sie erwarben ein Gefühl für Rhythmik und Versmaß dieser Sprache.
Neben dem sogenannten „Kleinen Florilegium“ aus dem Jahre 1606, in dem diese Hymnen gesammelt waren, erschien 1603 noch eine weitere Sammlung geistlicher Gesänge mit dem Titel „Florilegium selectissimarum cantionum“. Diese „Blütenlese der ausgezeichnetesten Lieder“ hat Kantor Erhard Bodenschatz (1576 bis 1636) dann noch in zwei weiteren Ausgaben 1618 und 1621 komplettiert.
Die Edition beruht auf einer Sammlung von Hymnen und Motetten aus Italien, Deutschland, Burgund und den Niederlanden, die teilweise schon Bodenschatz' Lehrer und Amtsvorgänger Sethus Calvisius zusammenge- stellt hatte. Er wirkte zwölf Jahre in „Schulpforta“, bevor er dann 1594 als Thomaskantor nach Leipzig zurückkehrte.
Noch zu Bachs Zeiten bildete das Florilegium das Kernrepertoire der Thomaner. Erst Thomaskantor Johann Adam Hiller schaffte den „lateinischen Singsang“ ab, und ersetzte ihn durch deutschsprachige Motetten. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein aber wurde das Florilegium Portense an protestantischen Schulen und von Kantoreien in Mittel- und Norddeutschland genutzt. Heute singen auch die Thomaner wieder Stücke daraus.
Dass dieser einstige Bestseller ansonsten aus dem Gebrauch gekommen ist, liegt mit daran, dass diese herrlichen Motetten bis zu zehnstimmig sind – was mittlerweile das Leistungsvermögen der meisten Chöre leider weit überschreitet. Das ist durchaus ein Verlust, wie diese CD aus dem Hause Carus zeigt. Das Vocal Concert Dresden hat unter Leitung von Peter Kopp gemeinsam mit der Cappella Sagittariana Dresden die Sammlung erkundet und zum 400. Jubiläum des Erstdruckes der zweiten Ausgabe, „Florile- gium Portense“, 1618 erschienen und wohl am weitesten verbreitet, Stücke aus allen vier Bänden eingespielt.
Zu hören sind Werke von Orlando di Lasso, Agostino Agazzari, Giovanni Gabrieli, Hieronymus und Michael Praetorius, Hans Leo Hassler, Sethus Calvisius, Melchior Franck, und etlichen anderen. Auch Erhard Boden- schatz ist mit Quam pulchra es amica mea vertreten. Die Sängerinnen und Sänger beeindrucken durch einen runden, harmonischen Chorklang, aus dem die jeweiligen Solisten ebenso harmonisch heraustreten. Auch die Cappella Sagittariana bleibt dezent; oberstes Ziel ist Ausdruck, und dem ordnet sich alles unter. So ist dies eine außerordentlich gelungene CD, die einen guten Eindruck von der Schönheit jener altertümlichen Werke vermittelt. Meine Empfehlung!
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Sonntag, 9. September 2018
Montag, 22. Februar 2016
Muffat: Florilegium Primum 1695 (Challenge Classics)
Das Ensemble Salzburg Barock ist der historischen Aufführungspraxis verpflichtet und widmet sich der Wiederentdeckung musikalischer Schätze aus der reichen Tradition Salzburgs sowie der Kammermusik des 17. Jahrhunderts. Es wurde 1999 von dem Geiger Jochen Grüner in Bremen gegründet, hat aber mittler- weile seinen Sitz in Österreich. Die Musiker waren bereits an etlichen Einspielungen bei dem Label cpo beteiligt. Angekündigt ist nun eine größer angelegte CD-Veröffentli- chung bei Challenge Records mit süddeutscher Barockmusik des 17. Jahrhunderts, nebst musikwissen- schaftlicher Edition.
Die erste Aufnahme des Ensembles für Challenge Classics galt nun dem Florilegium Primum von Georg Muffat ( 1653 bis 1704) aus dem Jahre 1695. Mit diesem Opus, das fünfzig einzelne „Blumen“ – überwiegend Tanzsätze – in sieben Suiten bündelt, den Fasciculi, bedankt sich der Komponist nach seinem Wechsel von Salzburg nach Passau bei seinem neuen Dienstherrn, Fürstbischof Johann Philipp von Lamberg. Dieser habe durch seine „sothane Gnadenreiche erwärm- und Befeuchtigung so viel reiffende Krafft disen Blumen mitgetheilet, daß sie durch häufige Vermehrung zu Büschlein erwachsen, und zu einem Bund worden seyn.“
Kathrin Tröger und Jochen Grüner, Violine, Clarissa Miller und Lothar Haass, Viola, Günter Holzhausen, Violone und Veronika Braß, Cembalo, präsentieren die Suiten, die hörbar französischer Tradition entstammen, versiert, aber mit erstaunlich breitem Strich. Ein bisschen mehr Esprit und deutlich mehr Mut zum Rhythmus könnten sie meiner Ansicht nach schon vertragen.
Die erste Aufnahme des Ensembles für Challenge Classics galt nun dem Florilegium Primum von Georg Muffat ( 1653 bis 1704) aus dem Jahre 1695. Mit diesem Opus, das fünfzig einzelne „Blumen“ – überwiegend Tanzsätze – in sieben Suiten bündelt, den Fasciculi, bedankt sich der Komponist nach seinem Wechsel von Salzburg nach Passau bei seinem neuen Dienstherrn, Fürstbischof Johann Philipp von Lamberg. Dieser habe durch seine „sothane Gnadenreiche erwärm- und Befeuchtigung so viel reiffende Krafft disen Blumen mitgetheilet, daß sie durch häufige Vermehrung zu Büschlein erwachsen, und zu einem Bund worden seyn.“
Kathrin Tröger und Jochen Grüner, Violine, Clarissa Miller und Lothar Haass, Viola, Günter Holzhausen, Violone und Veronika Braß, Cembalo, präsentieren die Suiten, die hörbar französischer Tradition entstammen, versiert, aber mit erstaunlich breitem Strich. Ein bisschen mehr Esprit und deutlich mehr Mut zum Rhythmus könnten sie meiner Ansicht nach schon vertragen.
Samstag, 26. Januar 2013
Bach: Organ Trio Sonatas - Arranged for multiple instruments (Channel Classics)
Bachs Triosonaten für Orgel mit den Möglichkeiten der Kammer- musik wiederzugeben, das wagt hier das Ensemble Florilegium. Denn obwohl die Form der Trio- sonate seinerzeit sehr beliebt und in ganz Europa weit verbreitet war, hat der Thomaskantor für diese kleine Besetzung so gut wie nichts komponiert.
Ashley Solomon, Traversflöte, Rodolfo Richter, Violine und Viola, Reiko Ichise, Viola da gamba, Jennifer Morsches, Violoncello und Violoncello piccolo, Eligio Quinteiro, Laute und James John- stone am Cembalo haben daher diese Werke, die der Komponist ursprünglich für die Orgel geschrieben hat, als "echte" Triosonaten arrangiert und eingespielt. Das funktioniert erstaunlich gut; allerdings war bei einigen der Werke ein Tonartwechsel nicht zu vermeiden. Ansonsten orientierten sich die Musiker an den wenigen originalen Triosonaten von Johann Sebastian Bach, insbesondere an den Trio- sonaten für zwei Flöten und Continuo BWV 1039 und an der Trioso- nate aus dem Musikalischen Opfer BWV 1079. So gelingt es ihnen relativ problemlos, die Stimmen einzelnen Instrumenten zuzuweisen, und gleichzeitig ähnliche Klangeffekte zu erzielen, wie dies an der Orgel durch die Wahl der Register möglich ist.
Das Ergebnis ist eine gelungene Variante der beliebten und bekannten Orgelstücke; Bach, der seine Musik selbst vielfach bearbeitet und verschiedenen Besetzungen angepasst hat, hätte dazu wohl zufrieden genickt. Und musiziert wird auch gekonnt. Wer Bachs Triosonaten schätzt, der sollte sich diese CD unbedingt anhören. So glasklar und harmonisch, wie sie hier zu erleben sind, kriegt das nicht jeder Orga- nist hin.
Ashley Solomon, Traversflöte, Rodolfo Richter, Violine und Viola, Reiko Ichise, Viola da gamba, Jennifer Morsches, Violoncello und Violoncello piccolo, Eligio Quinteiro, Laute und James John- stone am Cembalo haben daher diese Werke, die der Komponist ursprünglich für die Orgel geschrieben hat, als "echte" Triosonaten arrangiert und eingespielt. Das funktioniert erstaunlich gut; allerdings war bei einigen der Werke ein Tonartwechsel nicht zu vermeiden. Ansonsten orientierten sich die Musiker an den wenigen originalen Triosonaten von Johann Sebastian Bach, insbesondere an den Trio- sonaten für zwei Flöten und Continuo BWV 1039 und an der Trioso- nate aus dem Musikalischen Opfer BWV 1079. So gelingt es ihnen relativ problemlos, die Stimmen einzelnen Instrumenten zuzuweisen, und gleichzeitig ähnliche Klangeffekte zu erzielen, wie dies an der Orgel durch die Wahl der Register möglich ist.
Das Ergebnis ist eine gelungene Variante der beliebten und bekannten Orgelstücke; Bach, der seine Musik selbst vielfach bearbeitet und verschiedenen Besetzungen angepasst hat, hätte dazu wohl zufrieden genickt. Und musiziert wird auch gekonnt. Wer Bachs Triosonaten schätzt, der sollte sich diese CD unbedingt anhören. So glasklar und harmonisch, wie sie hier zu erleben sind, kriegt das nicht jeder Orga- nist hin.
Donnerstag, 11. Oktober 2012
Vivaldi: Sacred works for soprano and concertos (Channel Classics)
So möchte man die Musik von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) gern öfters hören. Das Ensemble Florilegium, schlank besetzt mit bis zu zehn Musikern, musiziert wundervoll; die drei Konzerte, die Florilegium für diese CD ausge- wählt hat, gehören zudem nicht zu den Vivaldi-Hits, die man schon mitpfeifen kann. Das macht die Aufnahme doppelt reizvoll. Die Konzerte bilden aber nur einen Rahmen für das Laudate Pueri
RV 601 und die Motette Nulla in mundo RV 630, gesungen von Elin Manahan Thomas. Und das macht die Sopranistin großartig. Ihre gut geführte Stimme, die selbst durch rasante Koloraturen nie in Bedrängnis zu bringen ist, fügt sich geradezu orchestral ein in das brillante Ensemble. So intensiv ist die Interaktion zwischen Sängern und Instrumentalisten selten zu erleben. Grandios!
RV 601 und die Motette Nulla in mundo RV 630, gesungen von Elin Manahan Thomas. Und das macht die Sopranistin großartig. Ihre gut geführte Stimme, die selbst durch rasante Koloraturen nie in Bedrängnis zu bringen ist, fügt sich geradezu orchestral ein in das brillante Ensemble. So intensiv ist die Interaktion zwischen Sängern und Instrumentalisten selten zu erleben. Grandios!
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