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Mittwoch, 15. April 2015

Caldara: Morte e sepoltura di Christo (Glossa)

Antonio Caldara (1670 bis 1736) stammte aus Venedig. Er erhielt seine musikalische Ausbildung vermutlich bei Giovanni Legrenzi; über seine Jugendjahre ist ansonsten nicht viel bekannt. Von 1700 bis 1707 war er Kapellmeister bei Ferdinando Carlo Gonzaga, dem Herzog von Mantua, und von 1709 bis 1716 bei Francesco Maria Ruspoli in Rom. Dort war sein Amtsvorgänger übrigens Georg Friedrich Händel. 
1716 ging Caldara nach Wien, wo er unter Fux Vizekapellmeister am Hofe des Kaisers Karl VI. wurde. Er komponierte eine enorme Anzahl von Werken, die erst allmählich wieder erschlossen werden. Sein Schaffen reichte von der Oper bis zur Triosonate und vom Kanon bis zur Kantate. In seinen letzten 20 Lebensjahren, die er am Wiener Hof in Diensten stand, schrieb Caldara beispielsweise zahl- reiche Oratorien. Eines davon, das 1724 entstandene Morte e sepoltura di Christo, hat Fabio Biondi als Kapell- und Konzertmeister mit dem norwe- gischen Stavanger Symfoniorkester bei Glossa eingespielt. Es singen Maria Grazia Schiavo, Silvia Frigato, Martina Belli, Antonio Zorzi Giustiniani und Ugo Guagliardo. 
Das Oratorium beschreibt, wie Maria Magdalena, Maria, die Mutter Jacobs, Josef von Arimathäa, Nikodemus und ein römischer Centurio Jesu zu Grabe betten. Die Sängerpartien sind für herausragende Solisten ent- standen; den hohen Anforderungen wird dieses Ensemble leider nicht wirklich gerecht. Caldara hat allerdings auch die Instrumentalisten mit lohnenden Aufgaben bedacht; seine Begleitsätze sind abwechslungsreich, und bei immerhin vier der 15 Arien sind obbligati vorgesehen. 
Jedem Teil des Oratoriums wurde eine Motette Caldaras vorangestellt. Zum Zwischenspiel erklingt zudem Instrumentalmusik von Caldara, Johann Joseph Fux und Antonio Vivaldi, dessen Sonata Al Sancto Sepolchro hier sehr beeindruckt. Das Stavanger Symphony Orchestra musiziert farbenreich, klar strukturiert und sehr präzise. In jeder Hinsicht eine Entdeckung! 

Dienstag, 14. Mai 2013

Handel: Giove in Argo (Virgin Classics)

Man möchte meinen, dass das Werk von Georg Friedrich Händel mittlerweile veröffentlicht ist. Doch das ist ganz offensichtlich noch immer nicht der Fall. Die Noten zu seiner Oper Giove in Argo beispielsweise galten lange als verschollen; die Original- partitur war nicht überliefert, bekannt waren nur das gedruckte Libretto und einige Manuskript- fragmente. Es fehlten nahezu komplett die Secco-Rezitative für den zweiten und dritten Akt, und auch zwei Arien waren nicht aufzufinden - bis sie John H. Roberts im Jahre 2000 schließlich in Cambridge entdeckte. Damit war der Weg frei für die Rekonstruktion der Oper; eine wissenschaftliche Edition wird demnächst als Bestandteil der Hallischen Händel-Ausgabe erscheinen. 
"We should not expect Handel's Giove in Argo to conform to some modern ideal of musical drama, perfectly developed and peopled with subtle and distinctive characters. It was never intended to", schreibt Roberts in dem sehr informativen Beiheft. "Rather, it was conceived as a brilliant theatrical entertainment, and Handel filled it with arias an choruses of proven appeal, augmented by a goodly quantity of new music, as expressive and finely wrought as in his more fully original works. If it failed to please in May 1739, that was the result of a patchy cast and an audience increasingly indifferent to what Handel had to offer." 
Giove in Argo wurde 1739 nur zweimal aufgeführt. Das Missfallen des Publikums könnte freilich auch die Handlung erregt haben: Die Liebeshändel des Jupiter, der sich in die irdische Politik einmischt, um gleich zwei junge Damen zu vernaschen, sind zwar amüsant - aber für das Londoner Opernpublikum war das Sujet vielleicht doch zu gewagt. Am Hofe Augusts des Starken in Dresden, wo das Libretto von Antonio Maria Lucchini durch Antonio Lotti vertont worden war, war sie anlässlich der Vermählung des Kurprinzen aufgeführt worden. Dort nahm niemand Anstoß an den Verstrickungen des liebestollen Herrschers über die Götter - andere Länder, andere Sitten. 
Die Handlung aber ist in der Tat verwirrend. Denn die Helden dieser Oper sind zumeist inkognito unterwegs. Die Heldinnen sind Isis, die Tochter des Königs Inachus, und Calisto, die Tochter des Königs Lycaon. Er hat Inachus ermordet, um dessen Reich an sich zu bringen - und dafür hat ihm Isis Rache geschworen. Doch Lyacon ist selbst von Rebellen vertrieben worden, und irrt im Wald umher. Dort sucht ihn Calisto. Dabei begegnet sie Osiris, der wiederum seine geliebte Isis sucht - und sich als Hirte verkleidet hat. Als Hirte getarnt hat sich allerdings auch Jupiter an die beiden jungen Damen herangemacht, und versucht mit allerlei Intrigen, ihre Tugend zu bezwingen. Man kann sich vorstellen, welches Durcheinander er damit verursacht - zumal Calisto mittlerweile dem Gefolge Dianas angehört. Und die jungfräuliche Göttin schätzt es überhaupt nicht, wenn ihr Personal durch Affären abgelenkt ist. 
Händel-Experte Alan Curtis hat Giove in Argo wieder zum Klingen gebracht; bei Virgin Classics ist nun die Weltersteinspielung erschienen. Und dieser lauscht man gern - kein Wunder, denn es singt ein brillantes Solistenensemble: Ann Hallenberg als Isis, Karina Gauvin als Calisto, Theodora Baka als Diana, Anicio Zorzi Giustiniani als Jupiter, Vito Priante als Osiris und Johannes Weisser als Lycaon, das ist eine beeindruckende Besetzung mit reicher Barockmusik-Erfahrung. Die Sänger musizieren gemeinsam mit Curtis' Orchester Il Complesso Barocco, das sie stilsicher und temperamentvoll begleitet. Die Aufnahme ist von Anfang bis Ende gelungen - unbedingte Empfehlung! 

Samstag, 13. Februar 2010

Handel: Ezio (Deutsche Grammophon)

Händels Oper Ezio war kein Publikumserfolg. Nach ihrer Premiere 1732 wurde sie nur viermal gespielt, und verschwand dann im Nirwana der Archive und Bibliotheken. Diese Einspielung mit Il Complesso Barocco unter Alan Curtis lässt ahnen, warum. 
Metastasio, der Autor des Librettos, sah Rezitative als Träger des Geschehens und Arien als Werkzeuge der Reflektion. Der Komponist und Operndirektor Händel jedoch, der wusste, dass die Briten lange Rezitative nicht schätzen, strich Metastasios Werk kräftig zusammen - mit dem Ergebnis, dass das Drama teilweise unverständlich wurde.
Der Kenner mag sich an der Musik erbauen - der erste Akt aber zieht sich dennoch hin; und Händels Star Senesino in der Titelrolle blieb der große Auftritt mit einer eindrucksvollen Arie verwehrt. Seine große Stunde kam erst im dritten Akt, mit der bravourösen Arie "Se la mia vita". Für Fulvia, die Tochter des Verschwörers Massimo, die den Feldherrn liebt und ihn nur retten kann, wenn sie ihren Vater denunziert, schuf Händel eine grandiose Szene am Rande des Wahnsinns. Und das sozusagen letzte Wort erhielt mitnichten der siegreiche und rehabilitierte Ezio, sondern dessen subalterner Freud Varo, dem Händel kurz vor dem Finale eine beeindruckende Arie mit obligater Trompete schrieb. Zum ersten Male bekam ein Bassist eine große Partie, abseits der traditionell für diese Stimmlage vorgesehenen Väter und Priester.
Mit solchen Innovationen aber dürfte der Komponist sowohl den Kastraten als auch das Publikum verärgert haben; da nützt auch die wundervolle sprechende Musik nichts, die selbst viele der weniger ansprechenden Arien begleitet. Das Werk hat seine Längen, und nicht alle Abschnitte wirken gleichermaßen inspiriert. 
Das gilt auch für diese Einspielung der Oper. Ann Hallenberg singt den Ezio, mit androgynem Timbre. Sonia Prina als römischer Kaiser Valentinian erlaubt sich für meinen Geschmack zuviel Vibrato. Karina Gauvin brilliert als Fulvia. Anicio Zorzi Giustiniani ist ein zorniger, verbitterter Massimo. Nicht gerade eine Traumrolle für einen Tenor. Durch seine Virtuosität überzeugt der Bassist Vito Priante als Varo - er lässt ahnen, für welch beeindruckende Stimme seinerzeit diese Partie entstanden ist.