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Dienstag, 14. Mai 2013

Handel: Giove in Argo (Virgin Classics)

Man möchte meinen, dass das Werk von Georg Friedrich Händel mittlerweile veröffentlicht ist. Doch das ist ganz offensichtlich noch immer nicht der Fall. Die Noten zu seiner Oper Giove in Argo beispielsweise galten lange als verschollen; die Original- partitur war nicht überliefert, bekannt waren nur das gedruckte Libretto und einige Manuskript- fragmente. Es fehlten nahezu komplett die Secco-Rezitative für den zweiten und dritten Akt, und auch zwei Arien waren nicht aufzufinden - bis sie John H. Roberts im Jahre 2000 schließlich in Cambridge entdeckte. Damit war der Weg frei für die Rekonstruktion der Oper; eine wissenschaftliche Edition wird demnächst als Bestandteil der Hallischen Händel-Ausgabe erscheinen. 
"We should not expect Handel's Giove in Argo to conform to some modern ideal of musical drama, perfectly developed and peopled with subtle and distinctive characters. It was never intended to", schreibt Roberts in dem sehr informativen Beiheft. "Rather, it was conceived as a brilliant theatrical entertainment, and Handel filled it with arias an choruses of proven appeal, augmented by a goodly quantity of new music, as expressive and finely wrought as in his more fully original works. If it failed to please in May 1739, that was the result of a patchy cast and an audience increasingly indifferent to what Handel had to offer." 
Giove in Argo wurde 1739 nur zweimal aufgeführt. Das Missfallen des Publikums könnte freilich auch die Handlung erregt haben: Die Liebeshändel des Jupiter, der sich in die irdische Politik einmischt, um gleich zwei junge Damen zu vernaschen, sind zwar amüsant - aber für das Londoner Opernpublikum war das Sujet vielleicht doch zu gewagt. Am Hofe Augusts des Starken in Dresden, wo das Libretto von Antonio Maria Lucchini durch Antonio Lotti vertont worden war, war sie anlässlich der Vermählung des Kurprinzen aufgeführt worden. Dort nahm niemand Anstoß an den Verstrickungen des liebestollen Herrschers über die Götter - andere Länder, andere Sitten. 
Die Handlung aber ist in der Tat verwirrend. Denn die Helden dieser Oper sind zumeist inkognito unterwegs. Die Heldinnen sind Isis, die Tochter des Königs Inachus, und Calisto, die Tochter des Königs Lycaon. Er hat Inachus ermordet, um dessen Reich an sich zu bringen - und dafür hat ihm Isis Rache geschworen. Doch Lyacon ist selbst von Rebellen vertrieben worden, und irrt im Wald umher. Dort sucht ihn Calisto. Dabei begegnet sie Osiris, der wiederum seine geliebte Isis sucht - und sich als Hirte verkleidet hat. Als Hirte getarnt hat sich allerdings auch Jupiter an die beiden jungen Damen herangemacht, und versucht mit allerlei Intrigen, ihre Tugend zu bezwingen. Man kann sich vorstellen, welches Durcheinander er damit verursacht - zumal Calisto mittlerweile dem Gefolge Dianas angehört. Und die jungfräuliche Göttin schätzt es überhaupt nicht, wenn ihr Personal durch Affären abgelenkt ist. 
Händel-Experte Alan Curtis hat Giove in Argo wieder zum Klingen gebracht; bei Virgin Classics ist nun die Weltersteinspielung erschienen. Und dieser lauscht man gern - kein Wunder, denn es singt ein brillantes Solistenensemble: Ann Hallenberg als Isis, Karina Gauvin als Calisto, Theodora Baka als Diana, Anicio Zorzi Giustiniani als Jupiter, Vito Priante als Osiris und Johannes Weisser als Lycaon, das ist eine beeindruckende Besetzung mit reicher Barockmusik-Erfahrung. Die Sänger musizieren gemeinsam mit Curtis' Orchester Il Complesso Barocco, das sie stilsicher und temperamentvoll begleitet. Die Aufnahme ist von Anfang bis Ende gelungen - unbedingte Empfehlung! 

Montag, 14. Mai 2012

Une fete Baroque! (Virgin Classics)

Rameau, Lully, Purcell und Händel - Werke dieser Komponisten wähl- te Emmanuelle Haim für das große Jubiläumsfest ihres Ensembles Concert d'Astrée. Auf dieser Doppel-CD liegt nun der Mitschnitt des barocken Festes vor, das das Orchester, dirigiert von seiner Gründerin, mit 24 (!) prominenten Sängerinnen und Sängern am 19. Dezember 2011 im Pariser Théatre des Champs-Elysées feierte. 
Der Mitschnitt vermittelt auch einen Eindruck von der Stimmung, die dieses musikalische Feuerwerk der Extraklasse zauberte. Das Publikum reagiert geradezu euphorisch - was allerdings auch kein Wunder ist, denn etliche Sänger lassen es regelrecht krachen. Das liegt nicht jedem der beteiligten Stars glei- chermaßen, doch der Jubel des Publikums zeigt deutlich, dass einige Sänger und Musiker gern auch ihr theatralisches Talent zur Geltung bringen. Die schönen Töne verstehen sich bei Künstlern wie Natalie Dessay, Patricia Petibon, Sandrine Piau, Anne Sofie von Otter, Pascal Bertin, Philippe Jaroussky oder Rolando Villazon ohnehin quasi von selbst. Was für eine Party! Hier wird mit Lust und Leidenschaft musiziert. Zum Abschluss erklingt schließlich Händels Hallelujah – begeistert mitgesungen auch im Saal. Wer die Doppel-CD erwirbt, der unterstützt ebenso wie das Publikum jenes denkwürdigen Abends das Révolution-Cancer-Programm, ein Krebs-Forschungsprojekt der Fondation Gustave Roussy. 

Donnerstag, 5. April 2012

Bach: Messe in h-Moll BWV 232; Helmut Müller-Brühl (Naxos)

Wer eine blitzsaubere Interpre- tation von Bachs h-Moll-Messe sucht, die gänzlich uneitel daher- kommt, frisch musiziert, mit einem schönen Chorklang und einem wunderbar homogenen Solisten- ensemble, dem sei diese hier empfohlen. Helmut Müller-Brühl hat sie mit dem brillanten Dresd- ner Kammerchor und dem Kölner Kammerorchester im Jahre 2003 eingespielt. Als Solisten singen Sunhae Im, Sopran, Marianne Beate Kielland, Mezzosopran, Ann Hallenberg, Alt, Markus Schäfer, Tenor und Hanno Müller-Brach- mann, Bassbariton. 

Sonntag, 13. November 2011

Vivaldi: Farnace (Virgin Classics)

Keine andere Oper hat Vivaldi so oft vertont wie Farnace, die Geschichte des Pharnakes, König von Pontos, gegen den sowohl die Römer als auch die eigene Schwiegermutter zu Felde ziehen. Zum ersten Male erklang dieses Werk im Februar 1727 in Venedig. Im Herbst des gleichen Jahres wurde sie dort noch einmal aufge- führt, mit einigen Änderungen. Weitere Fassungen schuf Vivaldi 1730 für Prag, 1731 für Pavia, 1732 für Mantua, 1737 für Treviso und 1738 für Ferrara. Dorthin war der Musiker ausgewichen, weil in Venedig mittlerweile Hasse en vogue war. 
Vivaldi sollte in Ferrara in der Karnevalssaison zwei seiner Opern zur Aufführung bringen. Doch die erste war kein Erfolg, und so entschied sich das Theater, lieber kurzfristig ebenfalls eine Oper des "göttlichen Sachsen"  auf die Bühne zu bringen. Vivaldis Farnace blieb ungespielt - und wohl auch unvollendet. Denn die Partitur blieb erhalten. Sie befand sich in Vivaldis persönlicher Musikaliensammlung, enthält ziemlich viele Änderungen gegenüber der Version von 1731, die ebenfalls überliefert ist, und sie bricht nach den zweiten Akt ab. 
Auf der vorliegenden CD erklingt diese Oper nun zum ersten Male in der Fassung, die Vivaldi für Ferrara vorgesehen hatte. Frédéric Delaméa und Diego Fasolis haben den dritten Akt ergänzt. Farnace erweist sich als eine der schönsten Barockopern überhaupt; die Musik ist ungemein ausdrucksstark und  wird hier hervorragend interpre- tiert. Dazu trägt neben dem Ensemble I Barocchisti und dem Coro della Radiotelevisione svizzera aus Lugano unter der Leitung Fasolis auch ein erstklassiges Solistenensemble bei. Max Emanuel Cencic singt die Titelrolle, Daniel Behle den Pompeo und Mary Ellen Nesi die Berenice sowie Ruxandra Donose und Ann Hallenberg Frau und Schwester des besiegten Königs, Karina Gauvin und Emiliano Gonza- lez Toro sind als Gilade und Aquilio, Feldherren der siegreichen Heere, zu hören. Und das ist, man muss es sagen, wirklich ein Erleb- nis. Bravi! 

Samstag, 13. Februar 2010

Handel: Ezio (Deutsche Grammophon)

Händels Oper Ezio war kein Publikumserfolg. Nach ihrer Premiere 1732 wurde sie nur viermal gespielt, und verschwand dann im Nirwana der Archive und Bibliotheken. Diese Einspielung mit Il Complesso Barocco unter Alan Curtis lässt ahnen, warum. 
Metastasio, der Autor des Librettos, sah Rezitative als Träger des Geschehens und Arien als Werkzeuge der Reflektion. Der Komponist und Operndirektor Händel jedoch, der wusste, dass die Briten lange Rezitative nicht schätzen, strich Metastasios Werk kräftig zusammen - mit dem Ergebnis, dass das Drama teilweise unverständlich wurde.
Der Kenner mag sich an der Musik erbauen - der erste Akt aber zieht sich dennoch hin; und Händels Star Senesino in der Titelrolle blieb der große Auftritt mit einer eindrucksvollen Arie verwehrt. Seine große Stunde kam erst im dritten Akt, mit der bravourösen Arie "Se la mia vita". Für Fulvia, die Tochter des Verschwörers Massimo, die den Feldherrn liebt und ihn nur retten kann, wenn sie ihren Vater denunziert, schuf Händel eine grandiose Szene am Rande des Wahnsinns. Und das sozusagen letzte Wort erhielt mitnichten der siegreiche und rehabilitierte Ezio, sondern dessen subalterner Freud Varo, dem Händel kurz vor dem Finale eine beeindruckende Arie mit obligater Trompete schrieb. Zum ersten Male bekam ein Bassist eine große Partie, abseits der traditionell für diese Stimmlage vorgesehenen Väter und Priester.
Mit solchen Innovationen aber dürfte der Komponist sowohl den Kastraten als auch das Publikum verärgert haben; da nützt auch die wundervolle sprechende Musik nichts, die selbst viele der weniger ansprechenden Arien begleitet. Das Werk hat seine Längen, und nicht alle Abschnitte wirken gleichermaßen inspiriert. 
Das gilt auch für diese Einspielung der Oper. Ann Hallenberg singt den Ezio, mit androgynem Timbre. Sonia Prina als römischer Kaiser Valentinian erlaubt sich für meinen Geschmack zuviel Vibrato. Karina Gauvin brilliert als Fulvia. Anicio Zorzi Giustiniani ist ein zorniger, verbitterter Massimo. Nicht gerade eine Traumrolle für einen Tenor. Durch seine Virtuosität überzeugt der Bassist Vito Priante als Varo - er lässt ahnen, für welch beeindruckende Stimme seinerzeit diese Partie entstanden ist.