"Meine Harfe ist eine Klage wor- den, und meine Pfeiffe ein Weinen" - dieses Bibelwort, das Bestandteil des umfangreichen Textes ist, be- schreibt die Gedanken der Ham- burger bei der Nachricht vom Ableben von Kaiser Karl VII. Der Wittelsbacher, dessen Wirken mit dem zeitgenössischen Bonmot "et Caesar et nihil" ziemlich gut cha- rakterisiert ist, war am 20. Januar 1745 in München an der Gicht ge- storben.
Im Lande tobte der Österreichi- sche Erbfolgekrieg, mit dem gleich mehrere deutsche Fürsten Maria Theresia das Erbe des Hauses Habsburg streitig machen wollten, nachdem ihr Vater, Kaiser Karl VI., ohne einen männlichen Nach- kommen verstorben war. Zwar waren die Hamburger bislang von Kämpfen verschont geblieben. Doch fürchtete die Hansestadt, die als Freie Reichsstadt unmittelbar dem Kaiser unterstand, das Machtstre- ben des dänischen Königshauses, das die reichen Kaufleute nur zu gern zu Untertanen gehabt hätte.
So kam die Trauer um den Kaiser in Hamburg, das Instabilität fürch- tete, durchaus von Herzen. Die Hansestadt setzte eine vierwöchige Landestrauer an, und beauftragte Georg Philipp Telemann, den städti- schen Director Musices, eine Trauermusik zu komponieren. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn dieses Werk sollte in allen fünf Hauptkirchen der Stadt gleichzeitig aufgeführt werden. Der Hambur- ger Chorus musicus aber verfügte maximal über acht Sänger und
18 Instrumentalisten, verrät das sehr informative Beiheft zu dieser CD. Aus diesem Grunde wurden für den Trauergottesdienst zahlreiche Musiker aus der Umgebung herangeholt. Telemanns Unterlagen zei- gen, dass in jeder Kirche vier Sänger und ein 14- bis16köpfiges Orche- ster musizierten - die gedämpften Trompeten, Pauken und Streicher nebst Continuo wirken in dieser schmalen Besetzung erst recht wie der Nachhall einstiger kaiserlicher Pracht.
Auch Telemanns Werk selbst ist erstaunlich schlicht und geradlinig. Selbst die Arien verzichten weitgehend auf Koloraturen; die Sing- stimme folgt dem Sprachmetrum. Diese herbe Musik klagt erstaunlich wenig und tröstet nicht, und kurz vor Schluss spricht der Text aus, was die Gemeinde viel mehr beschäftigt als das Hinscheiden des wenig glücklichen Kaisers: "Verbinde, Höchster, nun einmahl / des Teut- schen Reichs bisher entzweyte Hüter / zur holden Eintracht der Gemüther, / und zu beglückter Kayserwahl."
Mit einer Besetzung, wie sie Telemann bei einer Aufführung unter normalen Umständen zur Verfügung gestanden hätte, hat Michael Schneider mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt Ich hoffete aufs Licht im vergangenen Jahr zu den Telemann-Festtagen in Magdeburg vorgestellt. Wie die "Orchester"musiker, sind auch die acht Sänger ausgewiesene Experten in Sachen Alte Musik. Zu hören sind Gabriele Hierdeis und Annegret Kleindopf, Sopran, Dmitri Jegorow und Ulrike Andersen, Alt, Georg Poplutz und Benjamin Kirchner, Tenor sowie Nils Cooper und Stephan Schreckenberger, Bass. Die CD präsentiert den Mitschnitt des Konzertes vom 20. März 2010 - und man hört sie gern. Denn hier wird ebenso fundiert wie solide musiziert. Die Solisten teilen sich in Arien und Chöre; alles klingt ausgewogen, gut durchdacht und sorgsam abgestimmt. Bravi!
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Montag, 11. Juli 2011
Sonntag, 25. Juli 2010
Andersen: Etudes and Salon Music (Naxos)
Der dänische Flötist Carl Joachim Andersen (1847 bis 1909) muss ein Phänomen gewesen sein. Ausgebil- det von seinem Vater, trat er im Alter von 13 Jahren erstmals öffentlich auf. Er war zunächst Erster Flötist im Musikvereins-Orchester Kopenhagen unter Niels Gade, spielte ab1868 in der König- lichen Hofkapelle und ging dann erst nach St. Petersburg, später nach Berlin. Dort war er Soloflötist an der Königlichen Oper. 1882 ge- hörte er zu den Gründungsmitglie- dern des Berliner Philharmonischen Orchesters, die der Soloflötist mitunter auch dirigierte.
Nachdem er krankheitsbedingt seine Stellung bei den Berliner Phil- harmonikern aufgeben musste, kehrte Andersen nach Kopenhagen zurück. Dort war er als Dirigent tätig und gründete zudem eine Orchesterschule, um seine reichen Erfahrungen an den Musikernach- wuchs weiterzugeben.
Die Flötistin Kyle Dzapo hat sich intensiv mit Leben und Werk ihres berühmten Kollegen beschäftigt; sie ist nicht nur mit seiner Biogra- phie bestens vertraut, sondern auch mit seiner Musik. Sie spielt die schwierigen Werke - es sind immerhin die Glanznummern eines der besten Flötisten seiner Zeit - technisch rundweg überzeugend und mit schönem, silbrigen Ton. Bei einigen Stücken wird sie begleitet von Matthew Mazzoni am Klavier.
Andersen hat eine Vielzahl von Etüden geschrieben, die noch heute von wohl jedem angehenden Flötisten gespielt werden. In seinem nicht übermäßig umfangreichen Werk finden sich zudem diverse Virtuosenstücke, Salonmusik sowie Bearbeitungen, wie beispielsweise acht Opern-Transkriptionen op. 45.
Dzapo hat für diese CD Musikstücke ausgesucht, die einen repräsen- tativen Überblick über sein Schaffen geben. Sie beginnt mit Cesare Ciardis Le carnaval russe, mit den Kadenzen Andersens. Dieses Stück hatte der Soloflötist beim ersten Konzert der Berliner Philharmoniker am 17. Oktober 1892 gespielt. Seine Fähigkeit, zu einem eigentlich schlichten Thema ausgesprochen virtuose Variationen zu erfinden, zeigen auch zwei der Schwedischen Polska-Lieder op. 50 von Isidor Dannström, transkribiert von Andersen, sowie seine Fantasie zu Themen aus Mozarts Don Giovanni aus den Opern-Transkriptionen.
Die Mühle, Legende und Tarantella aus seinen Acht Vortragsstücken demonstrieren aber, dass er auch ein großer Meister der musikalischen Charakterstücke war; seine Miniaturen offenbaren Virtuosität und Witz. Die 24 Großen Etüden, op. 15, sind weit mehr als Fingerübungen. Es sind Kabinettstückchen für Profi-Flötisten, in der Tradition der Études brillantes - rasant, voller harmonischer Über- raschungen und gespickt mit technischen Schwierigkeiten. Ähnliches gilt auch für die Deuxième morceau de concert, op. 61, mit der Dzapo das Programm beendet.
Samstag, 13. Februar 2010
Handel: Ezio (Deutsche Grammophon)
Händels Oper Ezio war kein Publikumserfolg. Nach ihrer Premiere 1732 wurde sie nur viermal gespielt, und verschwand dann im Nirwana der Archive und Bibliotheken. Diese Einspielung mit Il Complesso Barocco unter Alan Curtis lässt ahnen, warum.
Metastasio, der Autor des Librettos, sah Rezitative als Träger des Geschehens und Arien als Werkzeuge der Reflektion. Der Komponist und Operndirektor Händel jedoch, der wusste, dass die Briten lange Rezitative nicht schätzen, strich Metastasios Werk kräftig zusammen - mit dem Ergebnis, dass das Drama teilweise unverständlich wurde.
Der Kenner mag sich an der Musik erbauen - der erste Akt aber zieht sich dennoch hin; und Händels Star Senesino in der Titelrolle blieb der große Auftritt mit einer eindrucksvollen Arie verwehrt. Seine große Stunde kam erst im dritten Akt, mit der bravourösen Arie "Se la mia vita". Für Fulvia, die Tochter des Verschwörers Massimo, die den Feldherrn liebt und ihn nur retten kann, wenn sie ihren Vater denunziert, schuf Händel eine grandiose Szene am Rande des Wahnsinns. Und das sozusagen letzte Wort erhielt mitnichten der siegreiche und rehabilitierte Ezio, sondern dessen subalterner Freud Varo, dem Händel kurz vor dem Finale eine beeindruckende Arie mit obligater Trompete schrieb. Zum ersten Male bekam ein Bassist eine große Partie, abseits der traditionell für diese Stimmlage vorgesehenen Väter und Priester.
Der Kenner mag sich an der Musik erbauen - der erste Akt aber zieht sich dennoch hin; und Händels Star Senesino in der Titelrolle blieb der große Auftritt mit einer eindrucksvollen Arie verwehrt. Seine große Stunde kam erst im dritten Akt, mit der bravourösen Arie "Se la mia vita". Für Fulvia, die Tochter des Verschwörers Massimo, die den Feldherrn liebt und ihn nur retten kann, wenn sie ihren Vater denunziert, schuf Händel eine grandiose Szene am Rande des Wahnsinns. Und das sozusagen letzte Wort erhielt mitnichten der siegreiche und rehabilitierte Ezio, sondern dessen subalterner Freud Varo, dem Händel kurz vor dem Finale eine beeindruckende Arie mit obligater Trompete schrieb. Zum ersten Male bekam ein Bassist eine große Partie, abseits der traditionell für diese Stimmlage vorgesehenen Väter und Priester.
Mit solchen Innovationen aber dürfte der Komponist sowohl den Kastraten als auch das Publikum verärgert haben; da nützt auch die wundervolle sprechende Musik nichts, die selbst viele der weniger ansprechenden Arien begleitet. Das Werk hat seine Längen, und nicht alle Abschnitte wirken gleichermaßen inspiriert.
Das gilt auch für diese Einspielung der Oper. Ann Hallenberg singt den Ezio, mit androgynem Timbre. Sonia Prina als römischer Kaiser Valentinian erlaubt sich für meinen Geschmack zuviel Vibrato. Karina Gauvin brilliert als Fulvia. Anicio Zorzi Giustiniani ist ein zorniger, verbitterter Massimo. Nicht gerade eine Traumrolle für einen Tenor. Durch seine Virtuosität überzeugt der Bassist Vito Priante als Varo - er lässt ahnen, für welch beeindruckende Stimme seinerzeit diese Partie entstanden ist.
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