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Dienstag, 29. Dezember 2020

Leclair: Concerti per Violino (Glossa)


 Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764) gilt als Gründer der französischen Violinschule. Wie kaum ein anderer wusste er italienische Virtuosität mit kantablem Spiel und dem Streben nach schönem Ton, ganz nach französischem Geschmack, zu verbinden. Über den Lebensweg des Musikers, der eigentlich Korbmacher hätte werden sollen, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Als Geiger muss er ein Ereignis gewesen sein; in seinen Werken lässt sich noch heute nachvollziehen, dass er über eine exzellente Technik verfügte. 

Auf dieser CD mit dem La Cetra Barockorchester Basel stellt sich Leila Schayegh den spieltechnischen Herausforderungen in den Konzerten Leclairs. Die Schweizer Barockgeigerin beeindruckt durch ihre ebenso temperamentvolle wie klangschöne Interpretation. Mit ihrer Einspielung, die inzwischen in einer weiteren CD eine Fortsetzung fand, zeigt Leila Schayegh, wie reizvoll und hörenswert doch Leclairs Violinkonzerte sind. Musiziert wird mit fundiertem historischen Wissen ebenso wie mit Spielfreude und einer gehörigen Portion Eleganz. Bravi!

Montag, 7. Dezember 2020

Lost Concertos for Anna Maria (Glossa)


 Nicht wenige Komponisten haben ihren Platz in der Musikgeschichte durch Partnerschaften mit herausragenden Virtuosen gefunden. Im Falle von Antonio Vivaldi waren dies die Mädchen und Frauen, die im Orchester des Ospedale della Pietà musizierten. Sie kamen bereits im Säuglingsalter in dieses Waisenhaus, und die meisten von ihnen blieben ein ganzes Leben lang dort. 

Waren die figli begabt, wurden sie in den coro aufgenommen und erhielten dann eine erstklassige musikalische Ausbildung. Die Gottesdienste und Konzerte in der Kapelle der Pietà waren eine Attraktion; die musizierenden Mädchen hatten ein Publikum, das aus ganz Europa anreiste, um ihnen zuzuhören. 

Wie die Virtuosinnen hießen, für die Vivaldi seine Werke schrieb, und wie sie lebten, das lässt sich meist nur aus den alten Verwaltungsakten rekonstruieren. Anna Maria (1696 bis 1782), die Lieblingsschülerin Vivaldis, ist da eine Ausnahme. Denn auch wenn sie selbst das Ospedale wohl niemals verlassen hat, reichte ihr Ruf weit über die Grenzen Venedigs hinaus, und in vielen Reiseberichten jener Zeit wird ihr technisch versiertes und ausdrucksvolles Spiel gepriesen. 

Ein elegant in rotes Leder gebundenes Stimmbuch ist erhalten geblieben, aus dem sie musiziert hat; darin findet sich der Konzertmeisterpart für insgesamt 31 Violinkonzerte. 26 dieser Werke hat Antonio Vivaldi komponiert. Doch für einige dieser Kompositionen fehlen die anderen Stimmen. Sechs dieser Werke, die bislang nicht aus anderen Quellen komplettiert werden konnten, hat der Dirigent Federico Maria Sardelli nun rekonstruiert. 

Möglich wurde dies, weil seinerzeit neben der Solo-Stimme zur besseren Orientierung stets auch der Bass notiert wurde. Außerdem hat Sardelli Vivaldis Konzerte sorgfältig studiert, und sich bei der Wiederherstellung der verlorenen Stimmen an ihnen orientiert. Die Lösungen, die er letztendlich gefunden hat, überzeugten nicht nur den renommierten Vivaldi-Forscher Michael Talbot, der seine Gedanken dazu in dem sehr informativen Beiheft zu Papier gebracht hat. 

Auch das breite Publikum kann nun diese rekonstruierten Konzerte genießen, denn der Barockgeiger Federico Guglielmo hat diese mit dem Ensemble Modo Antiquo unter Leitung Sardellis bei Glossa eingespielt. Was für ein kühnes Projekt - und es ist rundum gelungen, Gratulation! Man darf wohl davon ausgehen, dass diese rekonstruierten Konzerte ihren Platz im Konzertleben finden werden. Die drei Doppelkonzerte für Orgel und Violine beispielsweise sind echte Repertoireschätze. 


Montag, 29. Oktober 2018

Weiss: The Dresden Manuscript (Glossa)

Wer schreibt, der bleibt – über dieses Motto konnte Silvius Leopold Weiss (1687 bis 1750) vermutlich milde lächeln. Der Lautenspezialist, ausgebildet vermutlich von seinem Vater, reiste 1708 im Gefolge des polnischen Prinzen Alexander Sobieski nach Italien. Nach dem Tode seines Mäzens 1714 kehrte der Musiker nach Deutschland zurück, um sich an bedeutenden Höfen vor- zustellen. In Dresden wurde Weiss schließlich 1718 als Kammerlautenist engagiert; am sächsischen Hof blieb er bis an sein Lebensende. 
Im Druck erschienen ist zu Lebzeiten des Virtuosen nur ein einziges seiner Werke. Weiss hatte kein Interesse daran, seine Kompositionen zu veröffentlichen. Wer seine Musik heute spielen möchte, der muss sich daher auf die mühevolle Suche nach den Tabulatur-Manuskripten machen. Vieles ist leider auch endgültig verloren. 
So sind in Dresden vier Sonaten für zwei Lauten unvollständig überliefert. Karl-Ernst Schröder hat für diese Aufnahme den fehlenden Lautenpart sorgsam rekonstruiert. Gemeinsam mit Robert Barto, und bei einer Sonate auch mit dem Cellisten Gaetano Nasillo, präsentiert er die Werke auf CD. Freunde der Lautenmusik dürfen sich freuen – denn mit diesem Projekt haben die Musiker wundervolle, erstklassige Kammermusik aus dem Spätbarock wieder verfügbar gemacht. 

Dienstag, 26. September 2017

Monteverdi / Rossi: Balli & Sonate (Ricercar)

Vor 450 Jahren wurde Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) geboren. Der Komponist, der aus Cremona stammte, erhielt seine musikalische Ausbildung bei Marc'Antonio Ingegneri, dem Kapellmeister der Kathedrale. 
Mit fünfzehn Jahren veröffentlichte Monteverdi seine ersten Werke, die Sacrae Cantiunculae. 1590 wurde er an den Hof des Herzogs Vincenzo I. Gonzaga in Mantua engagiert, wo er zunächst als Gambist und Sänger tätig war, bis er dann 1601, nach seiner Rückkehr aus Flandern, zum Hofkapellmeister berufen wurde. Nach dem Tode des Herzogs 1612 wurde Monteverdi entlassen. 
Doch schon ein Jahr später wurde er zum Kapellmeister des Markusdoms in Venedig ernannt, und er brachte innerhalb kurzer Zeit die Kirchen- musik der Serenissima zu enormer Blüte. Berühmt wurde Claudio Monteverdi vor allem als Komponist weltlicher und geistlicher Vokalmusik. Seine Marienvesper, seine Madrigale und vor allem auch die ersten Opern der Musikgeschichte haben bis zum heutigen Tage einen festen Platz im Repertoire nicht nur der spezialisierten Alte-Musik-Ensembles. 
Einen gänzlich anderen Zugang zum Schaffen des Komponisten wählte Clematis für diese CD: Die Musiker präsentieren Monteverdi als Schöpfer von beeindruckender Instrumentalmusik. Um die Werke des Komponisten in ihrem musikalischen Umfeld zu verorten, haben sie das Programm auch durch Musikstücke einiger Zeitgenossen komplettiert – die meisten davon stammen von Salomone Rossi (1570 bis 1630), der als Geiger am Hof von Mantua musizierte. 
Das Ensemble Clematis hat sich bei der Besetzung für Geigen, Bratschen und Violoncello entschieden; außerdem erklingen Lirone, Theorbe, Gitarre, Orgel und Cembalo. Den Gesangspart übernahm Tenor Zachary Wilder. Eine handwerklich sehr solide Einspielung, klangschön und voll Melancholie. Passend zur Jahreszeit; mein Vorschlag: Mit einem guten Glas Rotwein vorm Kamin genießen! 

Freitag, 22. September 2017

Caldara: Trio Sonatas (Glossa)

Eine neue Aufnahme mit Triosona- ten von Antonio Caldara (um 1670 bis 1736) haben Amandine Beyer und Leila Schayegh zusammen eingespielt. An dieser Produktion der Schola Cantorum Basilienses, der weltweit einzigartigen Hochschule für Alte Musik, wirken zudem mit Jonathan Pešek, Violoncello, Jörg-Andreas Bötticher, Cembalo und Orgel, sowie Matthias Spaeter, der eine italienische Barocklaute spielt. 
Die Triosonaten von Caldara sind deshalb so interessant, weil der Komponist eigentlich mit seinen Opern und Oratorien berühmt wurde. Die Instrumentalstücke erschienen 1693 bzw. 1699 als Opus 1 und 2 im Druck. Caldara, der sich auf dem Titelblatt seines Erstlings als „Musico di Violoncello Veneto“ vorstellt, setzt sich darin zwar mit dem Vorbild Corelli auseinander – aber er findet sehr rasch ganz eigene musikalische Wege, die sich vom typischen „Corelli-Sound“ doch deutlich unterscheiden. 
Die Karriere des jungen Musikers haben die beiden Drucke offenbar befördert: 1699 ging er an den Hof der Gonzaga nach Mantua, ab 1707 wirkte er in Rom, und 1717 wurde er Vizekapellmeister am Wiener Hof. In Wien blieb der Musiker bis zu seinem Tod; er war dort anerkannt und wurde sehr geehrt. 
Auf dieser CD präsentieren Amandine Beyer und Leila Schayegh gemein- sam mit ihren Musikerkollegen eine Auswahl seiner Triosonaten, stilsicher vorgetragen und auch heute noch durchaus hörenswert. 

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Mozart: The Oboe Concerto (Glossa)

Im Jahre 1981 fanden sich Musiker aus mehr als 20 Ländern zusammen, um Musik des 18. und des frühen
19. Jahrhunderts möglichst original- getreu aufzuführen. Unter Leitung seines Gründers Frans Brüggen spielte das Orchestra of the Eighteenth Century ausgewählte Werke von Bach bis Brahms – und war damit bald international sehr erfolgreich. 

Nach dem Tode Frans Brüggens im Jahre 2014 führt das Ensemble nun diese Arbeit weiter, derzeit mit wechselnden Dirigenten. Mehrfach im Jahr geht das Orchestra of the Eighteenth Century auf Tour, und auch eine neue CD ist nun erhältlich. Sie ist dem Schaffen Wolfgang Amadeus Mozarts für Oboe gewidmet; eingespielt wurde sie von dem Oboisten Frank de Bruine gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Orchestra of the Eighteenth Century unter Leitung von Kenneth Montgomery. 
Die CD erinnert daran, dass Bläserkonzerte oftmals ihren Ursprung in Musikerfreundschaften haben. Carl Stamitz beispielsweise komponierte für den Klarinettisten Joseph Beer, Johannes Brahms für Richardt Mühlfeldt. Mozart war befreundet mit dem Flötisten Johann Baptist Wendling, dem Oboisten Friedrich Ramm und dem Fagottisten Georg Wenzel Ritter – alle drei spielten in der legendären Mannheimer Hofkapelle. Und Mozart, 1778 von Mannheim endlich weiter nach Paris gereist, berichtet in Briefen an seinen Vater, er habe eine Sinfonia concertante für Flöte, Oboe, Horn, Fagott und Orchester geschrieben. Aufgeführt wurde dieses Werk nie, aufgefunden ebenfalls nicht – ob es also jemals existiert hat, das lässt sich nicht sicher feststellen. Angeblich beruht die Sinfonia concertante KV 297b darauf; doch sie ist nur in einer Abschrift aus dem 19. Jahrhundert überliefert, das Solistenquartett ist mit Oboe, Klarinette, Horn und Fagott zudem anders besetzt, und auch aus stilistischen Erwägungen heraus wird ihre Echtheit bezweifelt. 
Frank de Bruine hat für diese CD vier Werke ausgewählt, die ohne Zweifel von Mozart stammen: Das Oboenkonzert in C-Dur KV 314 – wesentlich bekannter als Flötenkonzert in D-Dur – das Oboenquartett KV 370, und das Divertimento in D-Dur KV 251 für Oboe, zwei Hörner, zwei Violinen, Viola und Kontrabass, geschrieben vermutlich im Sommer 1776 zum Namenstag von Schwester Nannerl. Die Sängerin Aloysia Weber, in die Mozart sehr verliebt war, bedachte er mit Bravourarien. In Vorrei spie- garvi, oh Dio KV 418 singen Sopran und Oboe um die Wette – Sopranistin Lenneke Ruiten wagt sich an die Partie, die eine exzellente Technik und eine Wahnsinnshöhe verlangt. 

Sonntag, 27. November 2016

Händel: Duetti e Terzetti italiani (Glossa)

Als der junge Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) nach Italien reiste, muss dies für ihn, ähnlich wie für Johann Wolfgang von Goethe, eine Art Erweckungserlebnis gewesen sein. Die italienische Musik, die italienische Lebensart und die italienische Sonne haben Händel inspiriert und sein Werk lebenslang beeinflusst. 
Aus Italien brachte der Komponist auch die Leidenschaft für ein Genre mit, das damals beim musikbegeister- ten Adel ganz besonders gefragt war: Die Duetti da camera, kunstvolle, mitunter sogar virtuose Zwiegesänge, die einen Text gekonnt und zumeist sehr expressiv auslegen. Händel hat insgesamt 23 solcher Werke geschrie- ben – die ersten während seiner Zeit in Italien, weitere dann in Hannover, und noch 1740/45 in London schuf er Kammerduette. Fabio Bonizzoni ist derzeit dabei, mit seinem Ensemble La Risonanza bei Glossa eine Gesamt- einspielung dieser ausdrucksstarken Musikstücke zu erarbeiten. 
Auf dieser CD sind neben sieben Kammerduetten auch beide Kammerter- zette des Komponisten zu hören. Es singen Roberta Invernizzi und Silvia Frigato, Sopran, Krystian Adam, Tenor, und Thomas Bauer, Bariton. Diese Werke sind, mit möglicherweise einer Ausnahme, auf Händels Italienreise entstanden. Sie beeindrucken durch die Souveränität, mit der der junge Komponist von seinen Kollegen dort gelernt hat – und die Eleganz ihrer Satzkunst und Textausdeutung. 

Sonntag, 30. Oktober 2016

Berteau: Sonatas & airs for violoncello (Glossa)

Sonaten und Airs für Violoncello von Martin Berteau (1708 bis 1771) präsentieren Christophe Coin, Petr Skalka und Felix Knecht, Violoncello, sowie Markus Hünninger, Cembalo, auf dieser CD. Dabei handelt es sich um eine Produktion der Schola Cantorum Basiliensis, der wohl renommiertesten Ausbildungsstätte für Musiker im Bereich der „Alten“ Musik. 
Dass sich die drei Cellisten ausge- rechnet dem Werk von Martin Berteau zuwenden, hat einen guten Grund: Er gilt nicht nur als der Urvater des modernen Cellospiels; er hat auch eine Menge Schüler unterrichtet, so dass er zu einem entscheidenden Zeitpunkt eine ganze Generation französischer Cellisten geprägt hat – die wiederum die seinerzeit führende französische Cello-Schule begründet haben: Seit 1795 wird am Pariser Conservatoire unterrichtet; und so sind wahrscheinlich die meisten europäischen Cellisten heute Ururururenkelschüler Berteaus. 
Bekannt ist über diesen Musiker allerdings verblüffend wenig. Es wird vermutet, dass er zunächst Viola da gamba spielte; in Böhmen soll er dann das Violoncello kennengelernt haben – und es mit neuen Spieltechniken, wie dem Lagenspiel mit Daumenaufsatz, aus dem Bass- bis ins Diskant- register geführt haben. Auch soll er die Doppelgrifftechnik erweitert und Flageolett sowie Pizzicato salonfähig gemacht haben. Damit wurde das Cello vom Continuo- zum konzertierenden Instrument, für das dann auch anspruchsvolle Werke entstanden. 
Zu seinen Schülern gehören unter anderem Jean-Pierre (1741 bis 1818) und Jean-Louis Duport (1749 bis 1819), François Cupis (1732 bis 1808), die Gebrüder Janson und Joseph Bonaventure Tillière (vor 1745 bis nach 1790). Auch wenn Berteau selbst keine Lehrwerke geschrieben hat, haben diese Schüler dann ihrerseits seine Techniken und mitunter auch seine Musik zu Papier gebracht. So findet sich bei Duport eine Etüde seines Lehrers, in der Violoncello-Schule von Jean-Baptiste Breval (1753 bis 1823) eine Sonata in a-Moll, und Cupis hat gleich eine ganze Reihe von Airs veröffentlicht. 
Im Druck erschienen sind zudem, im Jahre 1748, sechs Kammersonaten von Berteau. Davon wurden fünf auf dieser CD eingespielt. Hinzu kommen die oben genannten Stücke, wobei die Airs teilweise zu einer Suite zusammengefasst, mitunter aber auch den Sonaten als zusätzliche Sätze hinzugefügt wurden. Und man muss sagen: Es ist reizvolle Musik, die da erklingt – graziös, melodisch, auch klanglich abwechslungsreich, schwungvoll und immer elegant. Unbedingte Empfehlung – und das nicht nur für Freunde des Violoncello-Klanges! 

Samstag, 5. März 2016

Monteverdi: Il pianto della Madonna (Glossa)

Dass Komponisten wie Claudio Monteverdi nicht nur geistliche, sondern vor allem auch weltliche Sujets gestalteten, grämte einige feinsinnige Gläubige sehr. So meinte der Benediktinermönch Angelo Grillo, der im Kloster Montecassino lebte,und von Monteverdi die Stimmbücher des Sesto libro di madrigali als Geschenk erhalten hatte, die Musik des Komponisten sei „alla nostre orecchie parte della beatudine umana e similitudine della celeste“, Teil der menschlichen Glückseligkeit also und ähnlich der himmlischen Wonne. 
Da die Zeitgenossen solche Werke auch in der Kirche aufführen und anhören wollten, griffen sie zur sogenannten Kontrafaktur: Die originalen Texte wurden durch lateinische ersetzt, die für die Kirchenmusik passten – und schon war aus einem weltlichen Stück, das Liebesschmerz beklagte, ein geistliches geworden, das Christi Tod und Wunden besang. 
Ein Experte für solche Umarbeitungen war Aquilino Coppini, der Rhetorik an der Universität von Pavia lehrte und sich brillant darauf verstand, die Struktur der italienischen Verse sowie den rhetorischen Gestus der Musik aufzugreifen und sie mit neuem Inhalt zu versehen. Er veröffentlichte drei Sammlungen mit dem Titel Musica tolta da i madrigali di Claudio Monteverdi (..) fatta spirituale, wobei er insbesondere Werke aus dem vierten und fünften Madrigalbuch zu geistlichen Motetten umformte. 
Einige Beispiele dafür hat die Compagnia del Madrigale auf dieser CD zusammengetragen, ergänzt durch originär geistliche Werke Monteverdis – und das berühmteste Beispiel für eine Kontrafaktur, der Pianto della Madonna, die Klage Marias über den Tod Christi, das letzte Werk aus Monteverdis Selva morale e spirituale, eine Variante des berühmten Lamento d'Arianna. Die famosen Sänger haben den Text, wie er in der Fassung für Solostimme zu finden ist, dem polyphonen Original unterlegt – mit überraschendem Effekt; das Werk schient an Eindrücklichkeit eher noch zu gewinnen. 

Freitag, 16. Oktober 2015

Boccherini: Sei Terzettini opus 47 - Madrid, 1793 (Glossa)

„Si Dieu voulait parler à l’homme en musique, il le ferait avec les œuvres de Haydn, mais s’Il desirait Lui-même écouter de la musique, Il choisirait Boccherini!“ Diesem Ausspruch, dem Pariser Violinisten Jean-Baptiste Cartier zugeschrieben, wird man gern Glauben schenken, wenn man die vorliegende CD mit den Sei Terzettini op. 47 angehört hat. Diese Werke, komponiert von Luigi Boccherini im Jahre 1793, sind wirklich bezaubernd, und von einer hinreißenden Eleganz. Die sechs Streichtrios sind für die „klassische“ Besetzung Violine, Viola und Violoncello geschrieben – gebräuchlich war zu Boccherinis Zeiten allerdings eher die Kombination von zwei Violinen und Violoncello. Doch statt der Virtuosität betont der Komponist in diesem Falle Ausdruck und Farbe, und dazu passt die gewählte Instrumentierung bestens. Das Trio La Real Cámara zeigt, wie erstaunlich nahe diese Musik bereits den Werken der Romantiker ist. Natsumi Wakanabe, Violine, Emilio Moreno Viola, und Hidemi Suzuki, Violoncello, musizieren wunderbar sensibel. Boccherini ist doch immer wieder für Überraschungen gut. 

Freitag, 8. Mai 2015

Gesualdo: Responsoria (Glossa)

„Nell'Uffizio del Giovedi Santo e dei due giorni seguenti vi è un tal misto di lugubre e di affettuoso, che sente di superna consolazione, e di un santo salutevole orrore riempiesi l'anima de chi attentamente e divotamente vi assiste“, schreibt Abt Antonio Mazzinelli über die Gottesdienste am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Die Tenebrae werden in der Nacht gefeiert – und nach jedem Psalm wird auf einem speziellen Leuchter eine Kerze gelöscht, bis zum Schluss nur noch eine einzige leuchtet. Sie wird nach dem Benedictus brennend hinter dem Altar aufgestellt, und symbolisiert die Auferstehung Christi. 
Der Gottesdienst ist eine einzige Klage. Es wird kein Hymnus gesungen, und kein Segen gespendet. Die Stimmung der Karwoche, die Abt Mazzinelli so treffend beschreibt, gibt keine andere Komposition so bewegend wieder, wie die 1611 veröffentlichten Tenebrae-Responsorien Gesualdos. Um es gleich vorweg zu sagen: Der Compagnia del Madrigale ist mit dieser Einspielung ein großer Wurf gelungen. 
Das Ensemble ergänzt Gesualdos Responsoria mit geistlichen Madrigalen bedeutender Zeitgenossen des Komponisten – Luca Marenzio, Pietro Vinci, Luzzasco Luzzaschi und Giovanni de Macque. Außerdem erklingen einige zusätzliche Werke von Gesualdo, so dessen einziges geistliches Madrigal oder aber seine Vertonung des Psalm 30 („In te Domine speravi“). „Nonostante si tratti di musica liturgica, nella nostra lettura abbiamo cercato di evidenziare l'aspetto madrigalistico“, schreibt Tenor Giuseppe Maletto im Beiheft. „Il linguaggio utilizzato da Gesualdo in queste splendide pagine è senza dubbio quello del madrigale. La differenza è nel tema. Non si tratta di pene d'amore di giovane amanti. Tormento, sofferenza, sangue, morte, nei responsori sono reali, tangibili.“ Und daher wagten die sechs Sängerinnen und Sänger der Compagnia del Madrigale eine Interpretation, die nicht in erster Linie auf Schönklang, sondern ganz auf Intensität und auf Ausdruck setzt. Den Hörer erfreut dennoch die perfekte Klangbalance der Stimmen, die hervorragend aufeinander abgestimmt erklingen. Und natürlich wird auch blitzsauber gesungen – was bei den kühnen harmonischen Rückungen Gesualdos schwierig genug ist. 
In meiner persönlichen Hitliste der Gesualdo-Einspielungen hat sich die Compagnia del Madrigale mit dieser Drei-CD-Box einen Platz ganz weit an der Spitze gesichert – unmittelbar hinter der legendären Aufnahme mit dem Hilliard-Ensemble, die in den 90er Jahren bei ECM erschienen ist. Und die Musik des Fürsten von Venosa ist unbeschreiblich grandios. Wer bisher der Meinung war, Renaissanceklänge seien etwas für Nostalgiker – hier haben sie geradezu Urgewalt; unbedingt anhören! 

Mittwoch, 15. April 2015

Caldara: Morte e sepoltura di Christo (Glossa)

Antonio Caldara (1670 bis 1736) stammte aus Venedig. Er erhielt seine musikalische Ausbildung vermutlich bei Giovanni Legrenzi; über seine Jugendjahre ist ansonsten nicht viel bekannt. Von 1700 bis 1707 war er Kapellmeister bei Ferdinando Carlo Gonzaga, dem Herzog von Mantua, und von 1709 bis 1716 bei Francesco Maria Ruspoli in Rom. Dort war sein Amtsvorgänger übrigens Georg Friedrich Händel. 
1716 ging Caldara nach Wien, wo er unter Fux Vizekapellmeister am Hofe des Kaisers Karl VI. wurde. Er komponierte eine enorme Anzahl von Werken, die erst allmählich wieder erschlossen werden. Sein Schaffen reichte von der Oper bis zur Triosonate und vom Kanon bis zur Kantate. In seinen letzten 20 Lebensjahren, die er am Wiener Hof in Diensten stand, schrieb Caldara beispielsweise zahl- reiche Oratorien. Eines davon, das 1724 entstandene Morte e sepoltura di Christo, hat Fabio Biondi als Kapell- und Konzertmeister mit dem norwe- gischen Stavanger Symfoniorkester bei Glossa eingespielt. Es singen Maria Grazia Schiavo, Silvia Frigato, Martina Belli, Antonio Zorzi Giustiniani und Ugo Guagliardo. 
Das Oratorium beschreibt, wie Maria Magdalena, Maria, die Mutter Jacobs, Josef von Arimathäa, Nikodemus und ein römischer Centurio Jesu zu Grabe betten. Die Sängerpartien sind für herausragende Solisten ent- standen; den hohen Anforderungen wird dieses Ensemble leider nicht wirklich gerecht. Caldara hat allerdings auch die Instrumentalisten mit lohnenden Aufgaben bedacht; seine Begleitsätze sind abwechslungsreich, und bei immerhin vier der 15 Arien sind obbligati vorgesehen. 
Jedem Teil des Oratoriums wurde eine Motette Caldaras vorangestellt. Zum Zwischenspiel erklingt zudem Instrumentalmusik von Caldara, Johann Joseph Fux und Antonio Vivaldi, dessen Sonata Al Sancto Sepolchro hier sehr beeindruckt. Das Stavanger Symphony Orchestra musiziert farbenreich, klar strukturiert und sehr präzise. In jeder Hinsicht eine Entdeckung! 

Donnerstag, 29. Januar 2015

Marenzio: Primo Libro di Madrigali (Glossa)

Die Compagnia del Madrigale hat bei Glossa eine Aufnahme des ersten Madrigalbuches von Luca Marenzio (vermutlich 1553 bis 1599) veröffent- licht. Es ist 1580 in Venedig erschienen, und war Kardinal Luigi d'Este gewidmet, dem Dienstherrn des Musikers. Die prächtigen Gesänge lassen erahnen, wie glanzvoll und wie luxuriös damals in Rom die Herrschenden lebten und vor allem feierten. Kardinäle und Fürsten förderten Künste und Wissenschaften – und die Künstler und Forscher wiederum mehrten mit ihren Werken das Ansehen ihrer Mäzene. In seinem Erstling präsentiert sich Marenzio als ein ebenso versierter wie ehrgeiziger Komponist. Er legte größten Wert auf eine expressive Vertonung seiner Texte, die den Sinn der Worte verdeutlicht und zugleich ihren affektiven Gehalt vermittelt. 
Die sechs Sängerinnen und Sänger der Compagnia del Madrigale tragen Marenzios Madrigale gekonnt und ausgesprochen farbenreich vor. Sie blasen den Staub von der alten Pracht, und entführen den Zuhörer in ein längst vergangenes goldenes Zeitalter. Il Primo Libro de Madrigali wird auf dieser CD ergänzt durch die Sestine Mentre ti fui si grato aus der Publikation Dolci affetti, die 1582 von sechs Musikern gemeinsam herausgegeben wurde. An dem Gemeinschaftswerk beteiligte sich auch Marenzio. Abschließend erklingt zudem Donna bel e crudel, das früheste bekannte Werk des Komponisten. Da davon nur canto und alto überliefert sind, hat der Musikwissenschaftler James Chater die fehlenden Stimmen – quinto sowie Tenor und Bass – rekonstruiert. So könnte es also geklungen haben.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Händel: Duetti da Camera (Glossa)

Für den Gebrauch bei Hofe kompo- nierte Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) einst seine Duetti da Ca- mera. Die ersten davon entstanden noch in Hannover, weitere dann in London. Letztere waren, so wird ver- mutet, nicht mehr für die Hausmusik der Prinzessinnen, sondern zum Vortrag durch professionelle Sänger bestimmt, denn sie sind technisch deutlich anspruchsvoller. 
Eine Auswahl dieser hübschen Werke präsentieren Roberta Invernizzi und Marina de Liso, Sopran und Mezzosopran, gemeinsam mit dem Ensemble La Risonanza auf der vorliegenden CD. Die beiden Sängerinnen unter- scheiden sich im Timbre recht deutlich, was die Strukturen dieser Musik klar erkennbar werden lässt. Man wird feststellen, dass diese Komposi- tionen für zwei Singstimmen und Basso continuo in ihren musikalischen Qualitäten, aber auch in den Anforderungen an die Sänger Händels Opernarien mindestens ebenbürtig sind. Es ist sehr erfreulich, dass diese Raritäten, die man im Konzert so gut wie nie hören wird, nunmehr wenigstens teilweise auf CD erhältlich sind. 

Mittwoch, 11. Juni 2014

Johann Christoph Friedrich Bach: Sonatas for traverso & fortepiano (Glossa)

Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795) soll unter den Söhnen des Thomaskantors derjenige gewesen sein, der am besten Cembalo spielte. Der dritte von sechs überlebenden Söhnen Johann Sebastian Bachs ging im Frühjahr 1750, gerade einmal 18 Jahre alt, als „Cammer-Musicus“ an den Hof des Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe. Dort wirkte der „Bückeburger Bach“ bis an sein Lebensende. Er machte die Hof- kapelle seines Dienstherrn zu einem exzellenten Orchester, heiratete die Hofsängerin, war mit Johann Gottfried Herder befreundet – der dann allerdings zu Bachs Leidwesen 1776 nach Weimar berufen wurde – und komponierte zahlreiche Werke. 
Leider interessierte sich zunächst kaum jemand für seine Musik, weil sein Lebenslauf und sein eher regionales Wirken so gar nicht zum Genie-Kult der Romantik passten. Und im Zweiten Weltkrieg sind dann viele seiner Manuskripte verloren gegangen. Umso erfreulicher ist es, dass nun bei Glossa eine sehr hörenswerte Einspielung wieder erhältlich ist, die im Juni 2004 in Pisa aufgezeichnet wurde. 
Marcello Gatti und Giovanni Togni spielen einige seiner Sonaten für Clavier mit Begleitung einer Flöte oder Violine, hier in der Besetzung mit Traversflöte, sowie eine Sonate per Flauto traverso o Violino, Violoncello e Cembalo concertato (o Piano-Forte), mit Giovanna Barbati am Violoncello. Es ist eine bezaubernde Aufnahme wunder- voller, feinsinniger Musikstücke – sensibel, ohne kitschig zu werden. Herrliche Melodien, vielfältige Wendungen und musikalische Ideen – und was für ein harmonisches Musizieren! Diese CD hört man gern immer wieder. Bravi!  

Mittwoch, 18. Dezember 2013

I Viaggi di Faustina (Glossa)

Faustina Bordoni (1697 bis 1781) gehörte zu den großen Stars ihres Jahrhunderts. Die Sopranistin wurde in ganz Europa gefeiert. Neapel war die erste Station ihrer Karriere, die sie bis nach London sowie – an der Seite ihres Gatten, des mindestens ebenso berühmten Komponisten Johann Adolph Hasse – nach Dresden führte. 
Mit dieser CD, die  Arien aus den frühen Jahren der Diva enthält, startet Glossa eine Reihe, die den großen Stimmen Italiens im 17. und 18. Jahrhundert gewidmet ist. Das Beiheft ist liebevoll gestaltet und mit zeitgenössischen Doku- menten illustriert. 
Erstaunt wird der Hörer feststellen, dass die große Faustina eigentlich ein Mezzosopran war. Da die Komponisten jener Zeit eigens für die Sängerin Arien maßgeschneidert haben, dürfen wir zudem davon ausgehen, dass sie offenbar nicht über einen besonders großen Stimmumfang verfügte und das Publikum eher mit Rasanz und Geläufigkeit als mit schönem Ton und Ausdrucksstärke begeistert hat. Wenn durch das Label damit geworben wird, Roberta Invernizzi könne als Reinkarnation der großen Sängerin gelten, dann ist das also leider ein zweischneidiges Kompliment. Begleitet wird die Sängerin temperamentvoll durch das Ensemble I Turchini unter Leitung von Antonio Florio. 

Andrea Falconieri - Il Spiritillo Brando (Glossa)

Zur Zeit der Renaissance stand der Hof zu Neapel in hoher Blüte. Die Herrscher, Vizekönige des spani- schen Königreiches, förderten die Künste, insbesondere auch die Musik. Einen Eindruck von den Klängen, die sie einst begleitet haben, vermittelt die vorliegende CD. Das Ensemble La Ritirata, geleitet von Josetxu Obregón, hat dafür zeitgenössische Quellen ausgewertet, wie das Primo libro di Canzone, Sinfonie, Fantasie, Capricci, Brandi, Correnti, Gagliarde, Alemane, Volte per Violini, Viole overo alto Strumento á uno, due, et tré con il Basso Continuo, zusammengetragen von Andrea Falconieri, zunächst Lautenist und nach 1647 auch Kapellmeister der Hofkapelle zu Neapel. Ergänzt wurde das abwechslungsreiche Programm dieser CD durch Werke bedeutender Musiker jener Zeit aus Spanien und Italien – darunter auch frühe Musik für das Violoncello als Solo-Instrument von Giovanni Battista Vitali, Domenico Gabrielli und Giuseppe Maria Jacchini. Die Musiker von La Ritirata agieren temperamentvoll und zugleich präzise; diese CD vermittelt somit nicht nur europäische Musikgeschichte, sondern auch eine große Portion gute Laune. Bravi!

Montag, 7. Oktober 2013

Gesualdo: Sesto Libro di Madrigali 1611 (Glossa)

Noch vor hundert Jahren erregten die Kompositionen von Carlo Gesualdo (1566 bis 1613) eher Schauder denn Bewunderung. So schrieb Charles Burney, ein be- deutender englischer Musikexper- te des 18. Jahrhunderts, weitge- reist und welterfahren: „And as to his modulation, it is so far from being the sweetest conceivable, that, to me, it seems forced, affected, and disgusting.“ Noch Werner Herzog porträtierte in seinem Film Gesualdo – Tod für fünf Stimmen den Fürsten von Venosa als einsamen Mann am Rande des Wahnsinns. 
Seine Zeitgenossen hingegen hielten die Werke Gesualdos mitnichten für exzentrisch. So lobte der Genueser Simone Molinaro (1565 bis 1615), der alle sechs Madrigalbücher des Komponisten in einem beeindruckenden Neudruck vorlegte, die Kompositionen, sie seien „canore perle stillate nella conca dell'eterna bellezza da'raggi del Prencipe di Venosa“. 
Hört man das sechste Madrigalbuch aufmerksam, so wird man feststellen, dass die scheinbare Modernität der Tonsprache Gesualdos in erster Linie ein Missverständnis ist – denn der Komponist setzt grundsätzlich auf die musikalischen Mittel seiner Zeit. Er konnte es sich jedoch leisten, Struktur und Ausdruck zu perfektionieren, und dabei die Regeln bis an die Grenzen auszuloten. 
Interpreten seiner Werke heute stellt dies vor Probleme. Denn die Aufführungstraditionen solcher Musik sind abgerissen; das Wissen und die Fertigkeiten sind verloren und müssen mühsam rekonstruiert werden. Das, was wir heute erreichen, ist lediglich eine Annäherung an jene längst entschwundenen Klänge. Und gar nicht selten erscheint uns das, was die alten Noten vorgeben, sehr ungewohnt und tech- nisch extrem anspruchsvoll. 
Das gilt nicht zuletzt auch für die Stimmbücher des legendären Libro Sesto Gesualdos. Es gibt nicht viele Sänger, die sich an diese kompli- zierte Materie wagen. Die Spezialisten von La Compagnia del Madri- gale haben sich damit gründlich beschäftigt, und eine Aufnahme für Glossa eingespielt. Man staunt ein wenig über den satten Sound – und freut sich dann über die Routine, mit denen die acht Sängerinnen und Sänger durch Gesualdos kühne Harmonien navigieren. Diese Auf- nahme setzt ohne Zweifel Maßstäbe. 

Freitag, 16. August 2013

Corelli: Sonate à 3. Opera Quarta (Glossa)

Fast hätte man es übersehen – doch bei aller Wagner-Euphorie soll in diesem Blog auch an ein weiteres Jubiläum erinnert werden: An den Tod von Arcangelo Corelli (1653 bis 1713) vor dreihundert Jahren. Der Geiger und Komponist stammte aus Fusignano, und absolvierte wohl einen wesentlichen Teil seiner Ausbildung in Bologna – darauf jedenfalls wies sein Spitzname „Il Bolognese“ hin, den er erhielt, nachdem er sich in Rom niedergelassen hatte. Das dürfte spätestens 1675 geschehen sein, denn für dieses Jahr ist erstmals in Rom sein Wirken als Musiker dokumentiert – was Corelli schon bald Ruhm, Ehre und auch Einnahmen brachte.
So wurde er Mitglied des Orchesters der französischen Nationalkirche San Luigi dei Francesi, wo er bald als Konzertmeister spielte, und des Orchesters der ehemaligen schwedischen Königin Christina, die in Rom lebte. Ihr widmete er auch sein erstes Werk das 1681 im Druck erschien, die zwölf Kirchensonaten op. 1.
1683 trat Corelli in die Dienste des Kardinals und Kunstmäzens Benedetto Pamphili, dessen Kapellmeister er 1687 wurde. 1690 ging er an den Hof des Kardinals Pietro Ottoboni, der nicht nur päpstlicher Vizekanzler, sondern auch ein berühmter Förderer der Künste war. Ihm widmete Corelli seine Triosonaten op. 4. Und wenn man diese Werke in dieser Aufnahme, hervorragend gespielt von den Spezialisten des Ensembles Aurora unter Enrico Gatti hört, dann ahnt man, warum er einer der einflussreichsten Musiker seiner Zeit gewesen ist. Seine Kompositionen sind in ihrer Strahlkraft, Eleganz und Noblesse noch immer kleine Wunder. Und Konzertmeister Enrico Gatti sowie Rossella Croce, Judith Maria Blomsterberg, Gabriele Palomba und Fabio Ciofini spielen sie zauberhaft. Bravi!

Montag, 25. Juni 2012

Striggio: Mass for 40 and 60 voices (Glossa)

Die Fotos im Beiheft verraten es: Dirigent Hervé Niquet steht nicht nur im übertragenen Sinne im Mittelpunkt der vorliegenden Aufnahme. Das hat seinen Grund: Diese Messe, von Alessandro Striggio (um 1536 bis 1592) für den Großherzog von Florenz kompo- niert, sprengt alle herkömmlichen Dimensionen. 
Die Medici feierten gern und prachtvoll; besonderen Glanz er- hielten aber traditionell die Fest- lichkeiten am Johannistag, dem 24. Juni, da sie dem Schutzpatron der Stadt Florenz galten. Dazu gehörte auch eine feierliche Messe in der Kathedrale Santa Maria del Fiore, die nach einem großen Feuerwerk den Schlusspunkt setzte. Und deshalb sollte sie auch besonders spektakulär ausfallen. Es erklang beispielswiese diese Messe Striggios für fünf achtstimmige Chöre, im Agnus Dei sind sogar 60 Stimmen vorgesehen; Aufwand und Effekt müssen gigantisch gewesen sein.
Das lässt sich noch immer nachvollziehen, wie diese CD beweist. Die Version des Messpropriums, die hier gesungen wird, stammt von Francesco Corteccia (1502 bis 1571), der zur Zeit Striggios Kapell- meister an der Kathedrale war. Introitus, Alleluia und Communio aus seiner Feder erklingen hier in Weltersteinspielung. Striggios Missa sopra Ecco sì beato giorno und seiner Motette Ecce beatam lucem wurde zudem Musik von Orazio Benevolio (1605 bis 1672) zur Seite gestellt. Er hat den barocken Monumentalstil mit besonderer Hingabe perfektioniert. So schrieb er 1628 für die Einweihung des Salzburger Münsters eine 48stimmige Messe für zwölf Chöre, die aber leider nicht überliefert ist. 
Wer schon immer einmal hören wollte, wie es klingt, wenn 60 Sänger zugleich - und jeder eine separate Stimme - singen, der sollte diese CD unbedingt anhören. Es lohnt sich. Das Label Glossa konnte für diese Aufnahme Manuel Mohino verpflichten, der sich als exzellenter Ton- ingenieur erweist und die SACD-Aufnahmetechnik brillant einsetzt, um nicht zuletzt die räumlichen Effekte dieser Musik nachvollziehbar zu machen. Denn die Sänger wurden bei der Aufnahme in der Pariser Kirche Notre-Dame du Liban gemeinsam mit den Instrumentalisten von Le Concert Spirituel im Kreis um den Dirigenten herum platziert. Die Mikrophone befanden sich im Zentrum – wer also schon immer einmal im Wohlklang baden wollte, der darf sich hier auf eine be- sonders faszinierende SACD-Surround-Klangerfahrung freuen. Wer ein solches Musikerlebnis live genießen kann, der ist wahrlich zu be- neiden.