Posts mit dem Label Keiser werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Keiser werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 22. Februar 2018

Keiser: Markus-Passion (Christophorus)

Von Reinhard Keiser (1674 bis 1739) sind noch immer wesentlich mehr Anekdoten überliefert als Werke. Das ist ein wenig schade, denn der Musi- ker, der aus Teuchern bei Weißenfels stammte und seine musikalische Aus- bildung unter den Thomaskantoren Johann Schelle und Johann Kuhnau an der Leipziger Thomasschule begann, hat deutlich mehr zu bieten als pikante Geschichten. 
Seine erste Stelle erhielt er am Hof zu Braunschweig, wo er 1693 mit Basilius, einem deutschsprachigen Remake von Il re pastore, einen ersten Erfolg als Opernkomponist erreichen konnte. Schon bald zog er weiter nach Hamburg, wo er dann in erster Linie für die Oper am Gänsemarkt komponierte. 1728 wurde er schließlich Kantor am Hamburger Dom; die letzten Lebensjahre widmete Keiser vor allem der Kirchenmusik. 
Ob die Markus-Passion tatsächlich von Reinhard Keiser stammt, das ist unter Experten umstritten. So wird das Oratorium auch Friedrich Nicolaus Bruhns (1637 bis 1718) zugeschrieben; dieser war Direktor der Hamburger Ratsmusik und später dann auch Domkantor, und ein Onkel des berühmten Husumer Organisten Nicolaus Bruhns. In jedem Falle aber schätzte Johann Sebastian Bach das Werk; er hat es eigenhändig abgeschrieben, und sehr wahrscheinlich in Leipzig auch aufgeführt. 
Die Markus-Passion erinnert in vielen Details an die großen Bach-Passionen. Insofern ist diese Einspielung hochwillkommen. Allerdings wird das Ensemble Parthenia unter Leitung von Christian Brembeck den doch recht hohen Anforderungen nicht wirklich gerecht. So singt Parthenia vocal als Doppelquartett, was zum einen einer dynamischen Differenzierung recht enge Grenzen setzt. Die Turbachöre beispielsweise könnten mehr Wucht gut gebrauchen. Zum anderen sind die Stimmen im Timbre relativ unterschiedlich, was leider mitunter auch als Intonations- problem hörbar wird. Daher kann man diese Aufnahme nicht wirklich empfehlen. Schade. 

Freitag, 18. November 2016

Keiser: La forza della virtù (MDG)

Von seinen Zeitgenossen erhielt Reinhard Keiser (1674 bis 1739) einst höchstes Lob; die Kritiker wetteiferten schier darum, den Komponisten zu preisen. Geboren wurde er in dem Städtchen Teuchern, unweit von Weissenfels. Nach dem Besuch der Leipziger Thomasschule erhielt er seine erste Stelle an der Braun- schweiger Hofkapelle. 1697 wurde dann in Hamburg Keisers Oper Der geliebte Adonis aufgeführt; es wird vermutet, dass er zugleich als Kapellmeister an das Theater am Gänsemarkt in der Hansestadt wechselte, für das er bis 1738 komponierte, und das er von 1702 bis 1705 auch leitete. 
Für diese CD hat das Ensemble La Ricordanza eine Auswahl an Tänzen und anderen Instrumentalsätzen sowie ausgewählte Rezitative und Arien aus Opern von Reinhard Keiser zusammengestellt. Es erklingen Auszüge aus Die verdammte Staat-Sucht, oder der verführte Claudius, Der gestürzte und wieder erhöhte Nebucadnezar, König zu Babylon, Der geliebte Adonis und La forza della virtú; oder, Die Macht der Tugend. Den Gesangspart übernahm die Sopranistin Elisabeth Scholl, eine ausgewiese- ne Spezialistin fürs historische Repertoire. 
Damit ist La Ricordanza ein echter Coup gelungen, denn obwohl in den letzten Jahren sehr viele Einspielungen mit „Alter“ Musik erschienen sind, harrt das Schaffen von Reinhard Keiser jedoch nach wie vor einer Wieder- entdeckung. Die Musiker machen deutlich, dass sich die Beschäftigung mit dem Werk dieses Komponisten lohnt. Seine Musik ist effektvoll und dramatisch, und man kann sich gut vorstellen, wie beeindruckend seine Opern seinerzeit auf der Bühne gewirkt haben müssen – hinreißend! 

Sonntag, 7. Februar 2016

Keiser: Pomona (cpo)

Reinhard Keiser (1674 bis 1739) kam im mitteldeutschen Teuchern, einem Marktflecken zwischen Zeitz und Weißenfels, zur Welt. Sein Vater, ein Organist, verschwand kurz nach der Geburt des Knaben und ward nicht mehr gesehen, so dass das Kind wahrscheinlich allein bei seiner Mutter aufwuchs. 1685 wurde Keiser Schüler der Leipziger Thomasschule, wo er unter Thomaskantor Johann Schelle offenbar auch eine gediegene musikalische Ausbildung erhalten hat. 1693 wurde in Braunschweig seine vermutlich erste Oper aufgeführt; doch trotz Ernennung zum Cammer-Componisten ging Keiser 1704 nach Hamburg, wo er über viele Jahre mit seinen Opern den Spielplan prägte. 1728 wurde der Musiker Kantor am Hamburger Dom. 
Auch wenn die Hansestadt stets darauf bedacht war, ihre Unabhängigkeit zu betonen, so waren sich die Hamburger als gute Diplomaten doch nicht zu schade, ihre Nachbarn zu feiern, wenn es dazu Anlass gab. In der Oper am Gänsemarkt wurden daher auch Festopern aufgeführt – beispielsweise anlässlich von Krönungen, Siegesfeiern oder Geburtstagen. Gesponsert wurde dies übrigens vom Repräsentanten des jeweiligen Staates. So musste 1702 der dänische Resident Hans Statius von Hagedorn tief in die Tasche greifen, als mit Keisers Oper Der Sieg der fruchtbaren Pomona der Geburtstag Friedrichs IV., des Königs von Dänemark, festlich begangen wurde. Dazu waren nicht nur die „Standes-Persohnen“ eingeladen, sie wurden obendrein auf das Beste bewirtet – und die zweite und letzte Vor- stellung endete sogar mit einem Feuerwerk. 
Das Singe-Spiel, komponiert auf ein Libretto von Christian Heinrich Postel, ist witzig und auch ein wenig schlüpfrig, denn neben Königin Louise, Herzogin zu Mecklenburg-Güstrow, war Friedrich IV. noch zwei weiteren Damen „zur linken Hand“ angetraut; eine davon heiratete er 1721, keine drei Wochen nach dem Tode seiner Ehefrau. 
Pomona schildert einen Wettstreit der vier Jahreszeiten, repräsentiert von den entsprechenden Götterpaaren, der von Jupiter entschieden werden soll. Die Wetteifernden werden in ansprechenden Szenen vorgestellt. Dann erwarten sie den Schiedsspruch, was nicht ganz ohne Sticheleien abgeht, und zudem eine Vielzahl von Tänzen ermöglicht. Schließlich erscheint Jupiter – und preist das Geburtstagskind in den höchsten Tönen. Auch Königin Louise wird mit einbezogen – und da Jupiter Friedrich IV. nebst Gemahlin durch Vertumnus, den Gott der Verwandlungsfähigkeit, und Pomona, die Göttin der fruchttragenden Bäume und der Gärten, repräsen- tiert sieht, gewinnen diese auch den Wettstreit – wohl nicht umsonst haben sie zuvor ausgiebig die glückliche Ehe gepriesen. Abschließend gratulieren die Götter noch einmal mit Tanz und Gesang dem Königspaar. 
Für eine Barockoper ist das Werk kurz, und es gibt weder komplizierte Intrigen noch verzwickte Situationen nebst den entsprechenden affekt- betonten Arien. Hier ist alles nett, harmlos und kurzweilig; für Abwechs- lung sorgen in erster Linie die amüsanten musikalischen Einfälle des Komponisten sowie die höchst unterschiedlichen Charaktere, die Postel und Keiser auf die Bühne gebracht haben. Deshalb erfordert diese Oper ein ebenso umfangreiches wie versiertes Solistenensemble. Zu hören sind Melanie Hirsch als Pomona, Doerthe Maria Sandmann als Flora, Olivia Vermeulen als Ceres, Magdalene Harer als Vertumnus (Sopran!), Julian Podger als Mercurius, Knut Schoch als Zephyrus, Jan Kobow als Jasion und als Jupiter, Raimondis Spogis als Bacchus und Jörg Gottschick als Vulcanus. Es musiziert die Capella Orlandi Bremen unter Thomas Ihlenfeldt – und der Zuhörer darf sich über eine erstklassige, stilsicher gestaltete Aufnahme freuen. 

Sonntag, 7. Oktober 2012

Drama Queens - Joyce DiDonato (Virgin Classics)

Kastraten waren einst die Stars der Opernbühne, und viele dieser Arien waren ihnen auf den Leib komponiert - auch wenn die Heldinnen Berenice, Octavia, Poppea, Cleopatra oder Rossane heißen. "Why do we adore these queens of the drama?", fragt Joyce DiDonato im Beiheft zu dieser CD. "The answer, for me, lies at the heart of why we love opera: we yearn to open hidden doors to the richest, most complex, utterly human and profoundly moving emotions that we may not be able to access when left to our own devices. The crazy plots and extreme circumstances of the operatic universe give us permission to unleash our often too-idle imagina- tions."
Die Heldinnen der barocken Opernbühne zeichneten sich durch Leidenschaft aus - und durch Konsequenz. So offenbarten sie mitunter in einer einzigen Arien einen ganzen Kosmos von Gefühlen, von der Raserei bis hin zur Melancholie. Die amerikanische Mezzosopranistin hat sich an diese emotionalen Achterbahnfahrten gewagt. Sie beeindruckt insbesondere dort mit schönem Ton, wo sie ruhige Passagen und lange Linien gestalten kann. Wo sie forciert, kommt oftmals ein Vibrato zum Vorschein, das mir hier weniger gefällt. Joyce DiDonato wird einmal mehr stilsicher vom Ensemble Il Complesso Barocco unter Alan Curtis begleitet. Die Musiker erweisen sich erneut als ausgesprochen versiert, und sie bringen neben viel Temperament auch so manche Klangfarbe ins Spiel. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist die Arie Geloso sospetto der Kaiserin Octavia aus Reinhard Keisers Oper Die römische Unruhe oder Die edelmütige Octavia
Erfreulich ist zudem die Tatsache, dass für dieses Album nicht nur bekannte Stücke ausgewählt wurden, wie Piangerò la sorte mia aus Händels Giulio Cesare oder Sposa, son disprezzata - hier korrekt Geminiano Giacomelli zugeschrieben, der die Arie 1734 für seine Oper Merope komponiert hat; überliefert wurde sie uns allerdings als Bestandteil von Vivaldis Pasticcio Bajazet. Für den Opernfreund hält diese CD viele Entdeckungen bereit. Und DiDonato begeistert durch ihre großartige Lust an Theatralik. "The Baroque drama queen apologises for nothing, hides nothing (unless it serves her purpose, of course), lays herself bare without filter, and trough glorious, magisterial vocal music gives us the permision to dare to do the same", meint die Sängerin. "Who needs therapy?" 

Dienstag, 19. April 2011

Keiser: Passion Music (cpo)

Reinhard Keiser (1674 bis 1739) ist uns heute, wenn überhaupt, als fleißiger Opernkomponist bekannt. Diese Tatsache führt umgehend mitten in eine jener Fehden, die von den Beteiligten üblicher- weise mit Inbrunst ausgetragen werden, über die aber nachfolgen- de Generationen nur noch den Kopf schütteln können. 
Denn in Hamburg, wo Keiser wirk- te, wurde um 1700 erbittert darum gestritten, wie die rechte Kirchenmusik zu klingen habe. Der Stein des Anstoßes: Die Oper am Hamburger Gänsemarkt, gegründet 1678 als erstes öffentliches Opernhaus in Deutschland. Einige pie- tistisch geprägte Hamburger Pfarrer bekämpften sie heftig; ande- re Pastoren, eher lutherisch orthodox orientiert, waren dafür. Und schon gab es handfesten Ärger.
Diese Auseinandersetzung führte dazu, dass in bestimmten Kirchen das Personal der Hamburger Oper nicht gern gesehen war - und in anderen Gemeinden die "Operisten" bald die Kirchenmusik maßgeb- lich mit prägten. Kunst geht bekanntlich nach Brot, und wenn die Oper geschlossen war - beispielsweise in der vorösterlichen Fasten- zeit - waren die Sänger und Musiker dankbar für geistliche Alter- nativen. 
Aus dem gesungenen biblischen Passionsbericht entwickelte sich damals das Oratorium, in dem der biblische Text zusehends an den Rand gedrängt wurde, und schließlich ganz zeitgenössischer Dichtung weichen musste, die in Form von Arien, Chorälen und Instrumental-Zwischenmusiken unters andächtig lauschende Volk gebracht wurde. Ein Prototyp für diese neuartige Form war das Oratorium Der blutige und sterbende Jesus nach einem Text von Christian Friedrich Hu- nold, in Musik gesetzt von Keiser. Der Komponist schuf zudem noch eine weitere, die sogenannte Brockes-Passion und möglicherweise eine Passion nach Markus, in diesem Falle ist die Autorschaft aber umstritten.
Im Zentrum der vorliegenden CD steht Wir gingen alle in der Irre, das Fragment einer Lukas-Passion, umrahmt von Ich liege und schlafe ganz mit Frieden, einer melodisch wunderschönen Motette um Psalm 4,9, und Seelige Erlösungs-Gedancken, eine Auswahl Aus dem Oratorio / Der / Zum Tode verurtheilte und gecreutzigte / Jesus, die Keiser 1715 selbst zusammengestellt hat, die aber aus Gründen der begrenzten Spieldauer der CD für diese Aufnahme nochmals gekürzt werden musste. 
Zu hören sind Eeva Tenkanen und Doerthe Maria Sandmann, Sopran, Olivia Vermeulen, Mezzosopran, Knut Schoch und Julian Podger, Tenor, Raimonds Spogis und Matthias Jahrmärker, Bass sowie die Capella Orlandi Bremen unter Thomas Ihlenfeldt. Sie können sich durchaus auch hören lassen; hier wird durchweg sehr solide und akzeptabel musiziert, wirklich sehr erfreulich.