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Montag, 28. Mai 2018

Vivaldi: Stabat Mater, Gloria (Gramola)

Drei exzellente Solisten hatten der Salzburger Bachchor und das Bach Consort Wien im vergangenen Jahr zum traditionellen Osterkonzert eingeladen: Mit Hanna Herfurtner und Joowon Chung, Sopran, sowie Andreas Scholl, Alt, widmeten sich die Ensembles unter der Leitung von Rubén Dubrovsyk Werken von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741). 
Der Live-Mitschnitt des Konzertes am 6. April 2017 in der Basilika des Stiftes Klosterneuburg ist nun bei Gramola erschienen – und er ist wirklich sehr hörenswert. Großen Anteil daran hat Andreas Scholl. Der Countertenor, mittlerweile schon seit etlichen Jahren im Geschäft, singt immer noch großartig. 
Einige der Werke auf dieser CD hatte er 2007 mit Chiara Banchini und dem Ensemble 415 schon einmal eingespielt; wer mag, der kann ver- gleichen. Ich neige aber bald dazu, den Konzert-Mitschnitt vorzuziehen; er ist in jedem Falle stimmungsvoller. 
Zu hören sind auf dieser CD Musikstücke, die Vivaldi für seine Schülerin- nen am Waisenhaus Ospedale della Pietà in Venedig komponierte. Die jungen Mädchen erhielten dort eine erstklassige musikalische Ausbildung; Menschen aus ganz Europa lauschten verzückt dem Gesang und dem Instrumentalspiel der berühmten figli
Auf dieser CD erklingen das Concerto g-Moll, RV 156, die Sonata a quattro Es-Dur Al Santo Sepolcro, RV 130, sowie liturgische Musik zum Osterfest: Filiae Maestae Jerusalem – Introduzione al Miserere, RV 638, Stabat Mater, RV 621, Lauda Jerusalem, RV 609, und zum Abschluss das populäre Gloria, RV 589. In Jubel und Lobpreis kann neben den drei Solisten endlich auch der Salzburger Bachchor einstimmen. Ein gelungenes Konzert, und eine Aufnahme, über die man sich freut - auch was die technische Qualität angeht. 

Dienstag, 13. Februar 2018

Andreas Scholl und Dorothee Oberlinger - Small gifts (Deutsche Harmonia Mundi)

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Und weil das so ist, hat Blockflötistin Dorothee Oberlinger mit ihrem Ensemble 1700 nun gleich eine ganze CD mit Musik von Johann Sebastian Bach zusammengestellt, die man durchaus auf einen Gabentisch legen könnte. „Small gifts“, so der Titel des Albums, nimmt Bezug auf eine Widmung, die Bach einst seinen Brandenburgischen Konzerten voranstellte. Der Komponist schrieb an Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt, er habe bemerkt, „qu'Elle prennoît quelque plaisir aux petits talents que le Ciel m'a donnés pour la Musique“. Das galt seinerzeit als höflich; man stapelte tief, wenn es um das eigene Schaffen ging, und lobte den Widmungsempfänger über den grünen Klee. Damit hatte alles seine Ordnung, und alle waren zufrieden. 
Aus den „geringen Talenten“, die Bach sich dort zuschreibt, „kleine Gaben des Himmels“ zu machen, das ist nicht unbedingt die perfekte Übersetzung. Aber sei es, wie es sei – Bach hört man doch immer wieder gern, und die Musiker, die an dieser CD mitgewirkt haben, müssen auch keineswegs auf ihre „schwachen Talente“ verweisen. Zumal sie für dieses Album den renommierten Countertenor Andreas Scholl gewinnen konnten, der neben der Solokantate Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust BWV 170 auch noch einige weitere Arien aus Bach-Kantaten singt, die durch den Dialog zwischen Altstimme und Blockflöte geprägt sind. 
Komplettiert wird dieses schöne Programm durch drei bekannte Instrumentalstücke. Dorothee Oberlinger ist eine versierte Musikerin, und die Kollegen, die ihr im Ensemble 1700 zur Seite stehen, lassen sich ebenfalls inspiriert und schwungvoll hören. Dazu haben sie ausgiebig Gelegenheit. Die Brandenburgischen Konzerte Nr. 4 und Nr. 2 sind mir aber fast ein wenig zu zupackend gespielt, hier hätte ich mir dann doch mehr Eleganz gewünscht. 
An zentraler Stelle steht schließlich das Cembalokonzert in f-Moll BWV 1056 – es erklingt auf dieser CD in einer Version für eine Forthflute in B. Vermutet wird, dass die beiden Ecksätze ursprünglich Bestandteil eines Violinkonzertes waren, während für den Mittelsatz angenommen wird, dass er ursprünglich für Oboe d'amore entstanden ist. Insofern folgt die Neubearbeitung einer Praxis, die Bach selbst vielfach geübt hat. Ein interessantes Experiment, mit einem überzeugenden Ergebnis. 

Freitag, 18. November 2016

Keiser: La forza della virtù (MDG)

Von seinen Zeitgenossen erhielt Reinhard Keiser (1674 bis 1739) einst höchstes Lob; die Kritiker wetteiferten schier darum, den Komponisten zu preisen. Geboren wurde er in dem Städtchen Teuchern, unweit von Weissenfels. Nach dem Besuch der Leipziger Thomasschule erhielt er seine erste Stelle an der Braun- schweiger Hofkapelle. 1697 wurde dann in Hamburg Keisers Oper Der geliebte Adonis aufgeführt; es wird vermutet, dass er zugleich als Kapellmeister an das Theater am Gänsemarkt in der Hansestadt wechselte, für das er bis 1738 komponierte, und das er von 1702 bis 1705 auch leitete. 
Für diese CD hat das Ensemble La Ricordanza eine Auswahl an Tänzen und anderen Instrumentalsätzen sowie ausgewählte Rezitative und Arien aus Opern von Reinhard Keiser zusammengestellt. Es erklingen Auszüge aus Die verdammte Staat-Sucht, oder der verführte Claudius, Der gestürzte und wieder erhöhte Nebucadnezar, König zu Babylon, Der geliebte Adonis und La forza della virtú; oder, Die Macht der Tugend. Den Gesangspart übernahm die Sopranistin Elisabeth Scholl, eine ausgewiese- ne Spezialistin fürs historische Repertoire. 
Damit ist La Ricordanza ein echter Coup gelungen, denn obwohl in den letzten Jahren sehr viele Einspielungen mit „Alter“ Musik erschienen sind, harrt das Schaffen von Reinhard Keiser jedoch nach wie vor einer Wieder- entdeckung. Die Musiker machen deutlich, dass sich die Beschäftigung mit dem Werk dieses Komponisten lohnt. Seine Musik ist effektvoll und dramatisch, und man kann sich gut vorstellen, wie beeindruckend seine Opern seinerzeit auf der Bühne gewirkt haben müssen – hinreißend! 

Samstag, 19. September 2015

Mitteldeutsche Barockkantaten II (Amati)

Der Pflege des mitteldeutschen Musikerbes hat sich Michael Scholl mit der von ihm gegründeten Biede- ritzer Kantorei verschrieben. Auf dieser CD stellt das Ensemble, unterstützt durch die Cammermusik Potsdam auf historischen Instru- menten, zwei Kantaten von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) und eine von Johann Friedrich Fasch (1688 bis 1758). Also Solisten wirken mit Heidi Maria Taubert, Sopran, Steve Wächter, Altus, Michael Zabanoff, Tenor und Matthias Vieweg, Bariton. Telemanns Jauchzet dem Herrn alle Welt ist ein großformatiges Opus, mit Pauken und Trom- peten, entstanden wohl für die 50-Jahr-Feier der Weißenfelser Schloss- kirche 1732. Also hat Gott die Welt geliebet, geschrieben für den zweiten Pfingsttag, zeichnet sich ebenfalls durch Jubel und Klangpracht aus. Johann Friedrich Fasch, Hofkapellmeister in Zerbst – seinerzeit ein bedeutendes musikalisches Zentrum – setzte in seiner Kantate Der Gott- lose ist wie ein Wetter die biblische Erzählung in Musik, die berichtet, wie Jesus durch die Pharisäer befragt wird, ob er es denn für recht ansähe, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Textprobe: „Wir wollen nach dem Guten streben / wir wollen Gott und Kaiser geben, / was einem jeden zugehört. / Die Obrigkeit soll Schloss und Gaben, / und Gott das Herz zur Wohnung haben. / So leben wir wie Christus lehrt.“ 

Freitag, 21. November 2014

Haydn: Der Kampf der Buße und Bekehrung (Carus)

Der Salzburger Erzbischof Sigismund von Schrattenbach kehrte Anfang 1768 von einer Italienreise zurück – und in seinem Gefolge reisten drei Sängerinnen, die dort, im damaligen Zentrum der musikalischen Welt, ausgebildet worden waren. Nun kamen sie an den Salzburger Hof – und da galt es, flugs ein Werk zu schreiben, das es ihnen ermöglichte, ihre Fertigkeiten zu demonstrieren. In diese Aufgabe teilten sich Hofkompo- nist Anton Cajetan Adlgasser, Dom- chorvikar Johann David Wester- mayer und Johann Michael Haydn, weiland in Salzburg Zweiter Konzertmeister. 
So entstand, nach einem Text des Juristen Johann Heinrich Drümel, das Oratorium Der Kampf der Buße und Bekehrung. Der mittlere Teil, aus der Feder Haydns, ist nun bei Carus auf CD zugänglich. Doch ob man sich dieses Werk wirklich antun muss, diese Frage stellt sich. Der Text ist ein erzkatholisches Mahnstück über den Weg des rechten Glaubens. Und die Musik ist nicht wirklich geeignet, eine andere Emotion auszulösen als Langeweile. Da gibt es zwar eine hübsche Arie der Gnade, hörenswert gesungen von Sylvia Hamvasi. Doch die Besetzung mit fünf Soprani- stinnen, Chor und Orchester bietet ebenfalls wenig Abwechslung. Manche Werke sind zu recht dem Vergessen anheim gefallen – und die Einspielung dieses Oratoriums wird wohl seine Auferstehung aus dem Archivstaub nicht befördern. 

Donnerstag, 20. Juni 2013

Telemann: Johannes-Passion

Er habe „allemal die Kirchen-Mu- sic am meisten werth geschätzet“, schrieb Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) in seiner Auto- biographie 1718, und „am meisten in andern Autoribus ihretwegen geforschet“. Das gilt nicht zuletzt für seine Passionsmusiken. Sie waren von dem Komponisten, der seit 1721 das Amt des Cantor Johannei und Director musices in Hamburg innehatte, alljährlich neu zu schreiben, und erklangen dann reihum in den wichtigsten Kirchen der Hansestadt. Es war zudem üblich, dass dafür im Wechsel die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes als Text- grundlage genutzt wurden.
46 oratorische Passionen hat Telemann in seinen Hamburger Jahren komponiert; davon sind 22 überliefert. Der Kammerchor der Biede- ritzer Kantorei eröffnet den Biederitzer Musiksommer traditionell mit einem dieser Werke. Was lag also näher, als diesen Klangkörper, der im Jerichower Land vor den Toren Magdeburgs 1989 von Kantor Michael Scholl gegründet wurde, einzuladen, auch zu den Telemann-Festtagen zu singen.
In einem Konzert 2010 im Kloster Unser Lieben Frauen zu Magde- burg hat das Ensemble Telemanns Johannes-Passion aus dem Jahre 1733 vorgestellt. Sie zeugt vom Einfallsreichtum des Komponisten, der in die Passionserzählung in diesem Falle auch Texte aus dem Alten Testament eingebunden hat.
Der Kammerchor der Biederitzer Kantorei musizierte unter Leitung von Michael Scholl gemeinsam mit der Cammermusik Potsdam sowie Grit Wagner, Cornelia Diebschlag, Ulrike Mayer, Michael Zabanoff, Matthias Vieweg, Thomas Fröb und Florian Götz. Der sehr hörens- werte Mitschnitt dieses Konzertes ist nun bei dem Label Amati erschienen. Man kann es kaum glauben, aber dies ist erneut eine Ersteinspielung – und das Werk Telemanns verheißt, nicht zuletzt aufgrund seines puren Umfangs, sicher auch für die Zukunft so manche Entdeckung.

Samstag, 12. Januar 2013

Wanderer. Andreas Scholl, Tamar Halperin (Decca)

"Es geht mir nicht darum, der erste Countertenor zu sein, der irgend- ein Lied singt. Ich will nur die Lieder vortragen, die mich per- sönlich berühren", beteuert Andreas Scholl. "Und das kann ebenso ein Lied von Schubert, Mozart oder Haydn sein wie eines von Dowland." 
Text mit Klangfarben untersetzen, Geschichten erzählen - diese Herausforderungen begleiten jeden Sänger ein Musikerleben lang. Scholl fand nicht gleich Zugang zu den Kunstliedern der Romantik, berichtet er im Beiheft zu dieser CD: "Erst als ich mit einem lettischen Studenten, einem Bari- ton, an der Winterreise arbeitet, erkannte ich, dass diesem Repertoire Schlichtheit zugutekommt", erinnert sich der Sänger. "Viele Interpreten vergessen das bei ihrem Bestreben, ein Lied gleichsam neu zu erfinden. Der Ausdruck ist jedoch in der Musik bereits mitkomponiert. Bei Liedern, wie bei allem, was ich singe, geht es mir vorrangig um Schlichtheit und Aufrichtigkeit." 
Das prägt sowohl die drei Kanzonetten von Joseph Haydn als auch die fünf Lieder, die Scholl aus den 49 Deutschen Volksliedern von Johan- nes Brahms ausgewählt hat. An den beiden Liedern von Wolfgang Amadeus Mozart interessierten den Sänger wohl vor allem die Geschichten, die sie mit musikalischen Mitteln erzählen. So wird Das Veilchen, Generationen von Gesangsschülern bestens vertraut, fast zu einem Kurzkrimi. Scholl macht die Hoffnung des Blümchens nachvollziehbar, und lässt uns sein schmähliches Ende miterleben. 
Bei den Liedern von Franz Schubert hingegen wird der Zuhörer feststellen, dass die Musik fast immer klüger ist als der Text. Insbesondere das Klavier übernimmt hier einen Part, der weit über die Begleitung des Sängers hinausreicht. Tamar Halperin zeichnet Landschaftsbilder, gibt Stimmungen vor oder antwortet auf Phrasen des Sängers. Sie spielt zudem einen Walzer von Schubert und das A-Dur-Intermezzo aus Brahms' 1893 veröffentlichten Sechs Klavier- stücken. Sie präsentiert sich auf dieser CD als versierte, aber (noch) nicht überragende Partnerin des Sängers. 
Andreas Scholl, Jahrgang 1967, zeigt sich noch immer gut bei Stimme. Vielleicht klingt seine Höhe nicht mehr ganz so weich wie früher, doch dank seiner überragenden Technik und seiner intelli- genten Gestaltung hört man ihn immer wieder gern. Ohne Zweifel ist er noch immer einer der besten Countertenöre, die derzeit weltweit zu erleben sind. Insofern ist diese CD unbedingt zu empfehlen - auch wenn sich Schubert und Brahms vermutlich gewundert hätten, ihre Lieder in dieser Stimmlage zu hören. Derart hohe Männerstimmen erklangen zu ihren Lebzeiten nämlich ausschließlich in der Kirche. 

Mittwoch, 7. März 2012

Andreas Scholl - Bach Cantatas (Decca)

Beim ersten Anhören dieser CD ist man geneigt, den Countertenor Andreas Scholl einen Schönsinger zu schelten. Doch hört man seine Interpretationen der Bach-Kanta- ten BWV 82 Ich habe genug und BWV 169 Gott soll allein mein Herze haben sowie einiger ergän- zender Zugaben mehrfach an, wird man bald feststellen, dass sie klare Akzente setzen, und offensichtlich trotz allen Wohlklanges auch wohl- durchdacht sind.
"Ganz wichtig ist meiner Meinung nach, sich sehr viel Zeit für das Studium von Bachs Musik zu neh- men", erklärte der Sänger einmal in einem Aufsatz, der seine Erfah- rungen mit dem Werk des Komponisten zusammenfasst. "Man ist immer auf der sicheren Seite, wenn man ein Werk nahezu auswendig lernt und sich dann eine bestimmte Zeit lang immer wieder mit ihm befasst. Gerade in Rezitativen entdecke ich beständig neue Details und gewinne neue Einsichten und Ideen für eine Interpretation. (...) Insbesondere die Rezitative gewinnen unendlich, wenn man sie viele Male laut liest."
Diese Sorgfalt macht sich bemerkbar. Denn die Botschaft, die der Sänger und die Musiker des Kammerorchesters Basel um Julia Schröder vermitteln, kommt an - auch wenn Scholls Stimme heute nicht mehr ganz so brillant klingt wie bei jener legendären Aufnahme aus dem Jahre 1997 mit Philipp Herreweghe und dem Collegium Vocale, auf der er bereits drei Bach-Kantaten in herausragenden Interpretationen vorgestellt hat. Auch an der grandiosen Bach-Gesamteinspielung unter Ton Koopman hatte Scholl seinerzeit mitgewirkt. Mit dieser CD komplettiert Scholl nun seine Einspielungen der Bach-Kantaten für Altstimme; leider erfährt man aber nicht, wer die Solo-Oboe geblasen hat (sehr ordentlich), und wer die obligate Orgel gespielt hat (exzellent) - soviel Korrektheit sollte gerade ein großes Label wie Decca auszeichnen. 

Mittwoch, 8. Februar 2012

Telemann: Germanicus (cpo)

Musikhistorisch gesehen, ist diese Aufnahme eine Sensation. Denn bislang galten die "etlichen und zwantzig Opern", die Georg Philipp Telemann in seinen Jugendjahren für das Leipziger Opernhaus kom- poniert haben will, als verloren. In jüngster Vergangenheit jedoch ha- ben sich von einigen der 74 Opern, die in der Messestadt an der Pleiße im Zeitraum von der Gründung bis zur Pleite der Oper 1720 aufge- führt worden sind, Fragmente angefunden. Im Falle des Germanicus spürte Michael Maul, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bach-Archiv, in der Frankfurter Universitätsbibliothek 40 Arien auf, die bislang als Werke von Gottfried Grünewald galten - und er konnte nachweisen, dass es sich um jene Version der Telemann-Oper handeln muss, die 1710 zur Michaelismesse erklungen ist. Er fand zudem heraus, dass das Libretto, das vollständig erhalten ist, von der Pfarrersfrau Christine Dorothea Lachs, einer Tochter des Gründers der Leipziger Oper Nikolaus Adam Strungk, stammt, die auch noch weitere Texte für Telemann geschaffen hat. Weil aber die Rezitative, anders als die Arien, nicht zu rekonstruieren waren, ergab sich für die vorliegende Einspielung ein Problem.
Experte Maul hat die Leerstellen mit Sprechertexten gefüllt, die die Handlung zusammenfassen. So wird die Oper wieder aufführbar, quasi als Singspiel. Gotthold Schwarz hat sie mit dem Sächsischen Barock- orchester sowie Olivia Stahn und Elisabeth Scholl, Sopran, Thomaner Friedrich Praetorius, Knabensopran, Matthias Rexroth, Altus, Albrecht Sack, Tenor, und Henryk Böhm und Tobias Berndt, Bass, zu den Telemann-Festspielen 2010 in Magdeburg erstmals wieder zum Klingen gebracht. Im Nachgang ist dann zudem die vorliegende 3-CD-Box entstanden. 
Selbst bei diesem Frühwerk, das Telemann als Student geschaffen hat, ist schon erkennbar, wie versiert der Komponist die Klangrede einsetzt, um Personen und Situationen plastisch zu schildern. An einzelnen Teilen wird zudem deutlich, wie sich innerhalb weniger Jahre - die Urfassung entstand 1704, da war Telemann noch Student, die überarbeitete Version hingegen schrieb er 1710 bereits als Kapellmeister in Eisenach - sein musikalisches Ausdrucksvermögen gesteigert hat. Für den Musikhistoriker mag das eine Offenbarung bedeuten. Beim Opernfreund aber dürfte diese Aufnahme in erster Linie Ratlosigkeit hinterlassen. Denn um sie wirklich genießen zu können, reicht die Substanz nicht aus. Und auch die Zwischentexte tragen nach Kräften dazu bei, dass sich Langeweile ausbreitet. Schade. 

Samstag, 3. Dezember 2011

Pergolesi: Stabat Mater (Naxos)

"Dein Brief fand mich just mitten in der Arbeit das Stabat Mater in teutsche reime mit beybehaltung des Rhythmus zu übersetzen; eine RuderknechtsArbeit, wenn's ein Mensch thun müßte", schrieb Christoph Martin Wieland 1779 an Johann Heinrich Merck. Wenige Tage später starb seine achtjährige Tochter Regina Dorothea - ein Verlust, der den Dichter, der am Weimarer Hof als Prinzenerzieher wirkte, schwer getroffen hat. Die Beschäftigung mit der Musik Giovanni Battista Pergolesis (1710 bis 1736), und das Ringen um die adäquate Übertragung des Textes in die deutsche Sprache mögen Wieland getröstet haben. 
Es mag verblüffen, doch die vorliegende CD bringt diese Textversion als Welt-Ersteinspielung - und dazu noch ein weiteres Werk nach einem Text Wielands, Der Frühling Wq 237 / H 723 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) sowie Entro le viscere, eine italieni- sche Kantate, die Carl Heinrich Graun (1701 bis 1759) für den preußi- schen Kronprinzen Friedrich komponiert hat. Auch dies sind Welt-Ersteinspielungen - erstaunlich angesichts der hohen musikalischen Qualität beider Werke; die Aufnahmen sind allerdings bereits 2008 entstanden. Es ist bei Naxos nicht die Regel - aber diese CD enthält ein geradezu üppiges Beiheft, und die Texte stammen überwiegend von hochdekorierten akademischen Fachkräften. 
Musiziert wird vorbildlich. Es singen Elisabeth Scholl, Sopran - deren Opernattitüde mir in der Graun-Kantate jedoch weit besser gefällt als in der Stabat Mater, - Marcus Ullmann mit einem schönen Tenor sowie Alexander Schneider, der mit einem schlanken, gut geführten Altus beeindruckt.  Das Barockorchester L'arpa festante steuert unter Alexander Eberle einen rhetorisch stark akzentuierten, spannungs- vollen Orchesterpart bei. 

Freitag, 22. April 2011

Telemann: Johannes-Passion (Amati)

Die Biederitzer Kantorei, ansässig in einer idyllischen Gegend vor den Toren Magdeburgs, wurde 1989 von Kantor Michael Scholl gegründet. Der Kammerchor dieses Ensembles beschäftigt sich mit zeitgenössischen Klängen - und mit barocker Kirchenmusik. So entstand auch dieser Konzertmit- schnitt, aufgezeichnet 2008 im Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg. 
Werke Telemanns singt der Kammerchor regelmäßig; so wird der Biederitzer Musiksommer, den Kantor Scholl seit 1990 organisiert und der zunehmend auch auswärtige Gäste ins Jerichower Land lockt, stets mit einer Telemann-Passion eröffnet. Die Auswahl ist erstaun- lich groß: 22 der 46 oratorischen Passionen, die Telemann in seinen Hamburger Jahren komponierte, sind überliefert. 
Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) wurde in Magdeburg gebo- ren und ging dort auch einige Jahre zur Schule. Zum Jura-Studium ging er nach Leipzig, doch schon bald komponierte er zusätzlich Kantaten für die Thomaskirche, gründete das Studentenorchester Collegium musicum, das später durch Bach weitergeführt wurde, und engagierte sich im städtischen Opernhaus. 1705 zog Telemann als Hofkapellmeister nach Sorau, Niederlausitz. Als die schwedische Armee nahte, wechselte er nach Eisenach, wo er immerhin sechs Jahre wirkte - bis er 1712 eine Stelle in Frankfurt/Main annahm. Die Thüringer Höfe aber warben heftig weiter um den Musiker, was dieser nutzte, um eine Gehaltserhöhung durchzusetzen. 
1721 erhielt er das Angebot, als Cantor Johannei und Director musi- ces nach Hamburg zu gehen. Das akzeptierte er, musste dann aber feststellen, dass die Bedingungen für seine Tätigkeit in der Hansestadt wenig befriedigend waren. So bewarb er sich schon ein Jahr später um die vakante Stelle als Thomaskantor in Leipzig, war damit erfolg- reich - und schickte dem Rat die Kündigung. Die Hamburger aber wollten Telemann halten; also erhöhten sie sein Gehalt, und er sagte den Leipzigern ab. 
Telemann blieb bis an sein Lebensende in der Hansestadt. Sein Werk- verzeichnis umfasst 3600 (!) Werke aller damals gebräuchlichen Genres; etwa die Hälfte davon sind Kirchenkantaten. Für die Passionen war in Hamburg vorgeschrieben, dass sie im Wechsel den Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zu folgen hatten. Die hier in Ersteinspielung vorliegende Johannespassion schrieb Telemann 1749; sie wirkt eher sanft und erbaulich und hat selbst dort, wo die Chöre das Geschrei des Volkes wiedergeben, eher wenig dramatische Passagen.
Mit dem sehr solide studierten Kammerchor der Biederitzer Kantorei musizieren unter Leitung von Michael Scholl das Telemann-Consort Magdeburg sowie Britta Schwarz, Michael Zabanoff, Sören von Billerbeck, Thomas Fröb und Tobias Wollner. Die Aufnahme ist nicht perfekt, aber akzeptabel - und für die beharrliche Auseinandersetzung mit Telemanns oft verkanntem Werk muss man den Magdeburgern wirklich dankbar sein. 

Freitag, 11. Februar 2011

17. Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung (Naxos)

Die Deutsche Oper Berlin war Gast- geber der 17. Festlichen Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung. Das Sammeln von Spenden für den guten Zweck  liegt den Sängern und Musikern wirklich am Herzen - diesen Eindruck jedenfalls macht das an Stars und Höhepunkten reiche Programm, an dem sich vom Orchester über den Chor bis hin zum Kinderchor der Deutschen Oper Berlin auch alle Ensembles beteiligen. 
Als Solisten sind zu hören Joyce DiDonato, Amanda Echalaz, Christiane Karg, Kate Royal, Pretty Yende, Simon O'Neill, Saimir Pirgu, Matti Salminen und Andreas Scholl - letzterer gestaltet mit dem Cold Song aus Henry Purcells King Arthur ohne Zweifel den komödiantischen Höhepunkt des Abends. 
Dieser ist allerdings hart umkämpft, denn auch die Moderation durch Max Raabe hat einiges zu bieten. Die "notwendigen Bemerkungen zu dramatischen Musikbeispielen", die Raabe zwischen den einzelnen Stücken einstreut, sind in ihrer sprachlichen Prägnanz wie in ihrer rabenschwarzen Sicht auf die Gattung Oper kaum zu übertreffen. Selbst "echte" Opernfreunde, die von solchen Häppchenprogrammen ja eigentlich gar nichts halten, werden wohl schmunzeln, wenn er seine Sicht auf die - bekanntlich nur selten wirklich jugendfreien - Operngeschichten auf den Punkt bringt. Und da der Erlös aus dem Verkauf der CD ebenfalls der Deutschen Aids-Stiftung zugute kommt, sei diese hier doppelt empfohlen. 

Samstag, 8. Januar 2011

O solitude - Songs and Arias by Henry Purcell (Decca)

Über die Vorgeschichte dieser CD sagt Andreas Scholl, "dass die Musik Purcells neben der John Dowlands und Händels in der solistischen Arbeit eines Counter- tenors das tägliche Brot darstellt." Eine Aufnahme davon hatte der erfolgreiche Sänger bislang noch nicht eingespielt - nun ist sie da, und man muss schmunzeln, weil sie bis in die Auswahl der Stücke hinein an eine sehr ähnliche CD mit Drew Minter erinnert. Der aller- dings nahm selbst die Arien als Lautenlieder, und ließ sich nur vom Basso Continuo begleiten. Scholl hingegen musiziert erneut mit der Accademia Bizantina, die bei dieser Aufnahme von ihrem ersten Geiger Stefano Montanari geleitet wird, und die CD klanglich stark prägt.
Scholl singt noch immer exzellent, und er gestaltet klug. Das gilt sowohl für die Dramaturgie des einzelnen Stückes, als auch für die gesamte CD. Kleiner Scherz für Insider: Einer ihrer musikalischen Höhepunkte ist das Lamento der Dido - was den an Theatern weithin geübten Brauch auf den Kopf stellt, aus barocken Heldenpartien Hosenrollen für Sängerinnen zu machen. Zwei Stücke singt Scholl zudem gemeinsam mit dem französischen Countertenor Christophe Dumaux. "Ich stellte mir immer vor, dass es schön wäre, das be- rühmte 'Sound the trumpet' im Album zu haben. Christophe ist ein cooler Typ und ein toller Sänger", meint Scholl. "Wir haben gemein- sam an der Met debütiert, und wir haben auch in Kopenhagen, Lausanne und Paris gemeinsam auf der Bühne gestanden. Ich dachte, es wäre lustig, ihn für ein paar Duette einzuladen."